Bassum 2017

Was für ein Sommerabend! Der Tag heute war genauso unerträglich schwül wie gestern, ganz langsam kühlt die Luft jetzt ab und ich sitze jetzt in meinem Garten und genieße die letzten Sonnenstrahlen. Endlich habe ich mal Muse für einen kurzen Bericht von meiner Schreibwoche in Bassum.

Die Volkshochschule Diepholz veranstaltet im Sommer traditionell eine Sommerakademie in der Freudenburg in Bassum. Hier ist der Name Programm, denn dieses Ensemble aus restaurierten Fachwerkhäusern in einem parkartigen Garten ist wirklich eine Oase. Einfach w u n d e r s c h ö n ! Als Seminarteilnehmer eines Workshops, der die ganze Woche dauert, kann man für kleines Geld in der Freudenburg bei voller Verpflegung wohnen und das trägt, zumindest in meinem Fall, sehr zum Wohlbefinden bei. Keine nervige Anfahrt jeden Morgen, ich gehe ein paar Schritte über den Gang und bin im Frühstücksraum oder, die Treppe hoch, im Seminarraum. Wir hatten den Luxus einer fast perfekten Sommerwoche, bis auf einen Regentag hatten wir nur wunderbares Wetter und konnten uns auf der Terrasse und im Garten zum Schreiben hinsetzen. Morgens und am Nachmittag trafen wir wieder als Gruppe mit Jutta zusammen und tauschten uns aus. Morgens gab es eine Schreibübung zum Einstimmen, zwischendurch hatten wir die Möglichkeit, mit  Jutta Reichelt ein Coachinggesprch zu vereinbaren. Die Gruppe war sehr homogen und ich denke, ich kann für alle sprechen: wir haben ein jeder von den anderen profitiert, wurden inspiriert.

Im Raum neben uns war eine Gruppe Frauen, die sich dem Patchwork – Quilting – verschrieben hatten. Beim Austausch am letzten Abend der Woche habe ich gelernt, dass es viele verschiedene Techniken bei Patchwork gibt  und diese Gruppe nur von Hand nähte. Sechs Stiche auf einen Zentimeter, da nahm es Aurelia, die Kursleiterin, sehr genau. Von Martina aus unserer Schreibgruppe kam die Idee, den Patchworkgedanken für eine Gemeinschaftsaufgabe aufzugreifen. Also spendeten wir alle am Dienstag und am Mittwoch je einen Satz und Jutta fügte unsere Einzelsätze zu einem Text zusammen. Danach konnten wir mit diesem Text arbeiten, Wörter oder Satzteile ausschneiden und neu zusammensetzen, Wörter im Text „Schwärzen“ und einen neuen Text erfinden mit den noch lesbaren Wörtern – es gab keinerlei Vorgabe, jeder machte sich an die Aufgabe, wie er/sie wollte. Nach anfänglichem Zögern kam ich dann in Fluß und war völlig begeistert. Wer Lust hat oder grade eine Schreibblockade, sollte das einmal ausprobieren, zum Beispiel mit einem Zeitungstext. Es macht unglaublichen Spaß!

Hier also mein Patchork:

und dann ist da natürlich noch

das Ende der Halmspitzen die sieben Jahre

wieder nachwachsen werden

mit einer scheinbaren Selbstverständlichkeit.

Was braucht der Mensch mehr?

Der Rasenmäher, wie eine kleine Schlange, die langsam durch das Gras gleitet.

Sieben Minuten, aber das Gras wächst weiter.

Nur nicht aufhören.

War da noch was?

Alle finden sich suchend in der Welt.

Wir tun erstmal so, als wäre weiter nichts.

Der Rasenmäher will nicht mehr, ich lege

die Liste der Namen in diesen hellen, sonnigen , erfrischenden Morgen.

Die Geschichten, die ich nie schreiben werde,

bluten Sprache

sprachlos

ich spreche zu dir

nicht von Liebe

ich rede vom Job von Büchern von

Musik einem Film den ich sah

ich spreche nicht zu dir

von Liebe sie ist

einfach da

eine kleine Knospe

die in mir blühen will

die in mir

wartet

es ist noch nicht Zeit es ist

höchste Zeit

 

Hoffnung III

du sollst

dir kein Bildnis machen

und doch

macht mein Herz

sich Bild um Bild um Bild

von dir von morgen und

übermorgen

 

das Heute ist ja schon

Geschichte und so

liegt alle Hoffnung

im Morgen

im neuen Tag

der sicher kommt

zum Heute wird

sich über meine Bilder

schiebt

 

und wieder

liegt alle Hoffnung

im Morgen

im neuen Tag

der sicher kommt

zum Heute wird

dann mache ich mir

Bild um Bild um Bild

vom  neuen Morgen

dem neuen Tag

der sicher kommt

zum Heute wird

sich über meine Bilder

schiebt

 

 

Balladenmontag

Christiane von 365tageasatzaday.wordpress.com hat den  Balladenmontag

ausgerufen. Da ich ja bekanntermaßen quasi die erste Vorsitzende des Balladenfanclubs bin, hier mein Beitrag für diese Woche, einmal in Textform und dann auch als Song interpretiert von dem von mir sehr sehr verehrten Klaus Hoffmann.

blog_goes_balladeBalladentag

https://365tageasatzaday.wordpress.com/2017/04/13/aufruf-ostermontag-ist-balladentag/

Bertolt Brecht

Ballade von den Seeräubern

Von Branntwein toll und Finsternissen!
Von unerhörten Güssen naß!
Vom Frost eiskalter Nacht zerrissen!
Im Mastkorb, von Gesichten blaß!
Von Sonne nackt gebrannt und krank!
(Die hatten sie im Winter lieb)
Aus Hunger, Fieber und Gestank
Sang alles, was noch übrig blieb:
Oh Himmel, strahlender Azur!
Enormer Wind die Segel bläh!
Laßt Wind und Himmel fahren! Nur
Laßt uns um Sankt Marie die See!
Kein Weizenfeld mit milden Winden
Selbst keine Schenke mit Musik
Kein Tanz mit Weibern und Absinthen
Kein Kartenspiel hielt sie zurück.
Sie hatten vor dem Knall das Zanken
Vor Mitternacht die Weiber satt:
Sie lieben nur verfaulte Planken
Ihr Schiff, das keine Heimat hat.
Oh Himmel, strahlender Azur!
Enormer Wind die Segel bläh!
Laßt Wind und Himmel fahren! Nur
Laßt uns um Sankt Marie die See!

Mit seinen Ratten, seinen Löchern
Mit seiner Pest, mit Haut und Haar
Sie fluchten wüst darauf beim Bechern
Und liebten es, so wie es war.
Sie knoten sich mit ihren Haaren
Im Sturm in seinem Mastwerk fest:
Sie würden nur zum Himmel fahren
Wenn man dort Schiffe fahren läßt.
Oh Himmel, strahlender Azur!
Enormer Wind die Segel bläh!
Laßt Wind und Himmel fahren! Nur
Laßt uns um Sankt Marie die See!

Sie häufen Seide, schöne Steine
Und Gold in ihr verfaultes Holz
Sie sind auf die geraubten Weine
In ihren wüsten Mägen stolz.
Um dürren Leib riecht toter Dschunken
Seide glühbunt nach Prozession
Doch sie zerstechen sich betrunken
Im Zank um einen Lampion.
Oh Himmel, strahlender Azur!
Enormer Wind die Segel bläh!
Laßt Wind und Himmel fahren! Nur
Laßt uns um Sankt Marie die See!

Sie morden kalt und ohne Hassen
Was ihnen in die Zähne springt
Sie würgen Gurgeln so gelassen
Wie man ein Tau ins Mastwerk schlingt.
Sie trinken Sprit bei Leichenwachen
Nachts torkeln trunken sie in See
Und die, die übrig bleiben, lachen
Und winken mit der kleinen Zeh:
Oh Himmel, strahlender Azur!
Enormer Wind die Segel bläh!
Laßt Wind und Himmel fahren! Nur
Laßt uns um Sankt Marie die See!

Vor violetten Horizonten
Still unter bleichem Mond im Eis
Bei schwarzer Nacht in Frühjahrsmonden
Wo keiner von dem andern weiß
Sie lauern wolfgleich in den Sparren
Und treiben funkeläugig Mord
Und singen um nicht zu erstarren
Wie Kinder, trommelnd im Abort:
Oh Himmel, strahlender Azur!
Enormer Wind die Segel bläh!
Laßt Wind und Himmel fahren! Nur
Laßt uns um Sankt Marie die See!

Sie tragen ihren Bauch zum Fressen
Auf fremde Schiffe wie nach Haus
Und strecken selig im Vergessen
Ihn auf die fremden Frauen aus.
Sie leben schön wie noble Tiere
Im weichen Wind, im trunknen Blau!
Und oft besteigen sieben Stiere
Eine geraubte fremde Frau
Oh Himmel, strahlender Azur!
Enormer Wind die Segel bläh!
Laßt Wind und Himmel fahren! Nur
Laßt uns um Sankt Marie die See!

Wenn man viel Tanz in müden Beinen
Und Sprit in satten Bäuchen hat
Mag Mond und zugleich Sonne scheinen:
Man hat Gesang und Messer satt.
Die hellen Sternennächte schaukeln
Sie mit Musik in süße Ruh
Und mit geblähten Segeln gaukeln
Sie unbekannten Meeren zu.
Oh Himmel, strahlender Azur!
Enormer Wind die Segel bläh!
Laßt Wind und Himmel fahren! Nur
Laßt uns um Sankt Marie die See!

Doch eines Abends im Aprile
Der keine Sterne für sie hat
Hat sie das Meer in aller Stille
Auf einmal plötzlich selber satt.
Der große Himmel, den sie lieben
Hüllt still in Rauch die Sternensicht
Und die geliebten Winde schieben
Die Wolken in das milde Licht.
Oh Himmel, strahlender Azur!
Enormer Wind die Segel bläh!
Laßt Wind und Himmel fahren! Nur
Laßt uns um Sankt Marie die See!

Der leichte Wind des Mittags fächelt
Sie anfangs spielend in die Nacht
Und der Azur des Abends lächelt
Noch einmal über schwarzem Schacht.
Sie fühlen noch, wie voll Erbarmen
Das Meer mit ihnen heute wacht
Dann nimmt der Wind sie in die Arme
Und tötet sie vor Mitternacht.
Oh Himmel, strahlender Azur!
Enormer Wind die Segel bläh!
Laßt Wind und Himmel fahren! Nur
Laßt uns um Sankt Marie die See!

Noch einmal schmeißt die letzte Welle
Zum Himmel das verfluchte Schiff
Und da, in ihrer letzten Helle
Erkennen sie das große Riff.
Und ganz zuletzt in höchsten Masten
War es, weil Sturm so gar laut schrie
Als ob sie, die zur Hölle rasten
Noch einmal sangen, laut wie nie:
Oh Himmel, strahlender Azur!
Enormer Wind die Segel bläh!
Laßt Wind und Himmel fahren! Nur
Laßt uns um Sankt Marie die See!

 

Mein Haus

wortwabe

es ist still

so still

in meiner Straße

in dem Dorf das

mir verhasst ist

still ist´s

in dem Haus

das ich so liebe

alt und standhaft ist mein Haus

erzählt von jenen die

vor mir hier lebten  lachten

liebten, sangen, weinten

sich sehnten nach

Brot, nach Frieden, nach

Heimat

mein altes Haus ist still

es weiß

dass ich es liebe

mit all seinen Schwächen

dem morschen Dach den

dicken Mauern

steht es still mein Haus

und ich

ich suche die Spuren der Seelen

suche

die Ungeborenen,

suche die

die nach mir kommen

20160502_162324-1

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die alte Angst

plötzlich ist sie da

die alte Angst

und nimmt mich an die Hand

ist so vertraut  ist so

vertraut

sie hüllt mich ein

lässt mich nicht los schlägt

ihren schwarzen Mantel

über mir zusammen

bis ich blind bin

 

und plötzlich ist sie da

die Welle diese

Liebe

die uns hier gefunden hat

sie schwemmt mich weg sie

treibt mich hin zu

neuen Ufern hin

 

zu dir

der Wald ist weiß

der Wald ist weiß

der Himmel schwer vom Nebel

der Garten stumm

die letzte Rose starr

 

die Stadt ist still

ich folge meinem Atem

hab deinen Duft

noch immer auf der Haut

ich geh wie du

seit tausenden von Jahren

geh mit geschlossnen Augen

suchend durch die Zeit

 

doch spür ich meine Narben

und die Wunden

die alten Wunden tun mir weh

der größte Schmerz ist immer noch

die Lüge

die Lüge die das Recht auf Wahrheit stiehlt

ich halt mein Herz

und  es ist voller Liebe

doch ich bin voller Furcht

auf und davon

 

 

 

Verschwunden ist der Mond

verschwunden ist der Mond

ich suche meinen Stern am

schwarzen Firmament

ich suche deine Worte

im leeren Himmel suche

das Feuer

das Feuer das uns eng umschlungen hielt

in dieser Nacht

 

du bist

verschwunden wie der Mond

die schmale Sichel eine Ahnung

unter Wolken

ich warte still

unter dem kalten Himmel

eilt das Jahr davon und

winkt mir zu

ich sterbe bald ruft es

komm mit ich

sterbe bald

 

ich lass es ziehn

das Jahr wie

all die andern

warte still

 

dann kehrt der Mond zurück

 

 

Novembernacht

so zart wie Elfenhaar

ein seidner Faden nur

staunend sahen wir

das Mondlicht darin schimmern

 

verspinnen wollte ich das zarte Band

mit deinen Worten

weben die Worte

in den silbernen Teppich

der uns weit

weit hinausträgt

in den aufleuchtenden Morgen

 

doch du bliebst stumm

Elf Monde

die Tage haben sich zu

Wochen gestapelt zu Monaten

aufgetürmt zwischen uns

liegen die Schichten der Zeit

Schicht um Schicht um

Schicht sah ich dich weniger

sah ich dich

verschwinden

jetzt vergrabe ich meine Sehnsucht

darin und die Erinnerung

 

und doch ist die Spur

die du in mir gegraben hast so

tief dass ich ihr folgen kann

blind und tastend

durch die Schichten der Zeit

zurück in meinen Traum

 

Herbstnacht

jetzt ist die Zeit

da die Worte sich verstecken eines

eines nur

find ich jede Nacht

ich grab es aus und

leg es zu den andern

nur eines

eines find ich jede Nacht

 

bald ist das Jahr zu Ende

ich hab noch zweimal dreißig Nächte

noch zweimal dreißig Worte

die leeren Seiten

zu schließen die

Leere zwischen uns

zu füllen

 

mind the gap

Worte1

 

Mein Haus

es ist still

so still

in meiner Straße

in dem Dorf das

mir verhasst ist

still ist´s

in dem Haus

das ich so liebe

 

alt und standhaft ist mein Haus

erzählt von jenen die

vor mir hier lebten  lachten

liebten, sangen, weinten

sich sehnten nach

Brot, nach Frieden, nach

Heimat

mein altes Haus ist still

es weiß

dass ich es liebe

 

mit all seinen Schwächen

dem morschen Dach den

dicken Mauern

steht es still mein Haus

und ich

ich suche die Spuren der Seelen

suche

die Ungeborenen,

suche die

die nach mir kommen

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Montagsfrage

in der Bloggerwelt kommt man ja viel rum- und so bin ich auch auf der Seite von Svenja gelandet, die jeden Montag auf ihrem blog eine Frage stellt. Diese Woche geht es da rum, ob man Gedichte mag oder gar liest….Für mich ist das ja keine Frage, und wenn, dann nur rhetorisch 🙂 Ich habe die verlinkten Antworten der anderen Blogger gelesen und muss sagen, es ist mir jetzt klar, warum Gedichtbände so ein Schattendasein führen. Die Generation der 1980er und jünger scheint sich von Gedichten völlig verabschiedet zu haben, leider. Bei Gedichten denken sie an Schillers Glocke oder den Erlkönig. Schade. Zeitgenössische Gedichte zu posten ist aus urheberrechtlichen Gründen nicht so empfehlenswert, aber es gibt ja auch die gesprochene Version. Ich empfehle dann mal hier zwei meiner Lieblingsgedichte:

 

 

und gebe die Frage weiter in die Runde:

Magst und liest du Gedichte/Gedichtbände?

Die fiese Luise

mach ich ja selten, aber dieses Gedicht MUSS ich rebloggen weil es soooo schön ist! Auch das ist aus der Idee des Geschichtengenerators von Jutta Reichelt entstanden – diese Luise gefällt mir auch sehr!

undtaeglichgruesstdasblattpapier

glass-101792_1920 Quelle: fotobias, pixabay.com, Link

Die fiese Luise

war alt und zerknittert

und hat nach drei Scotch

so dermaßen gezittert,

dass sie sämtliche Gläser,

nicht alle waren leer, –

zerschmiss.

Was für ein Scherbenmeer!

Das Funkeln und Glitzern

gefiel ihr so sehr,

doch hatte sie nun keine Gläser mehr.

Die fiese Luise

hielt sich nicht für ne Schrulle,

drum trank sie den Scotch

nicht direkt aus der Pulle.

Sie goss ihn,

und hielt dies betrunken für gut,

da es sonst nix mehr gab,

einfach in den Hut.

(Die Inspiration dieses Gedichts kam von Jutta Reichelts Geschichtengenerator, der immer wieder Freitags angeschmissen wird. Die zu benutzenden Begriffe dieses Mal waren: „Luise, ältere Dame mit Hut“)

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