Abschied

Schnee fällt auf mein Herz

der Mondin bleiches Licht wirft

graue Schatten

auf das Land

 

das wilde Heer jagt

durch die Wolken

Rauhnächte künden

von kommenden Monden flüstern

die Zukunft In mein Herz

 

Werde ich blühen

Werd ich verglühn

Meine Seele raunt mir zu

Lass ihn ziehn

Lass ihn ziehn

Lass ihn

 

Ziehn.

Stille Stunden

Ich bin wieder zuhause, kann wieder in meinem eigenen Bett schlafen.
Was hat diese Zeit im Krankenhaus mit mir gemacht? Ich bin meiner Mama so nahe gekommen wie ich ihr vielleicht nie zuvor war.
Man sagt, in den Rauhnächten zwischen Wintersonnwende und dem Dreikönigsfest sei die Grenze zwischen den Welten durchlässiger. Vielleicht war deshalb diese Zeit so intensiv –
Die letzte Infusion wurde meiner Mutter immer gegen einundzwanzig Uhr gegeben, normalerweise schlief sie dann schon ein, während die Infusion durchlief. Doch in dieser Nacht hatte die Schwester vergessen ihr das Schlafmittel zu geben, was ich nicht wusste. Da sie nicht einschlafen konnte und immer wieder ihre Decke wegstieß und aufstehen wollte, habe ich mich irgendwann neben sie ins Bett gelegt. Wir haben Wiegenlieder gesungen, dieselben Lieder, die sie mir, als ich noch ein Kind war, zum Einschlafen vorgesungen hatte. „Die Blümelein sie schlafen schon längst im Mondenschein, sie nicken mit den Köpfchen auf ihren Stängelein…“. Ich legte meinen Kopf an ihre Schulter und sie hielt mich, wie man ein Kind hält. Es fühlte sich richtig an, sie war die Große und ich war die Kleine. In dieser Nacht hat sich etwas verändert. Plötzlich war ich in der Lage, sie so anzunehmen, wie sie jetzt ist. Sie so zu lieben, wie sie jetzt ist.
In diesen stillen Stunden im Krankenhaus haben sich die Dinge neu zurechtgerückt. Es ist, als ob auf dem Spielfeld meines Lebens die Figuren neu ausgerichtet worden wären. Dinge, die mich in den letzten Monaten so sehr beschäftigt haben, sind in den Hintergrund gerückt. All die Wut war plötzlich weg, da war nur noch Liebe für diese zerbrechliche Frau, die so klein aussah in dem Bett, so verloren. Selbst als sie am nächsten Morgen behauptete, ich sei nicht ihre Tochter, konnte ich sie lieben. Und als sie plötzlich einen klaren Moment hatte und über sich selbst entsetzt war, war ich voller Mitgefühl. Ich wusch ihren abgemagerten Körper, ich trocknete sie ab und cremte sie ein. Ich zog sie an und kämmte ihr die Haare. Ich tat das für sie weil ich sie liebe, nicht weil ich das Gefühl hatte, ich müsse es tun.
In der Theorie ist es leicht zu sagen, man liebe seine Mutter und es sei selbstverständlich, sie auch zu lieben, wenn sich ihre Persönlichkeit mit der Demenz Schritt für Schritt verändern würde. Ich war nur wütend. Seit Monaten gab es einen Teil in mir, der einfach nur wütend war. Ich glaube, ich war wütend auf sie, weil sie mir das antat. Auch wenn sich das völlig irrational anhört, so war es wohl Diese Wut ist weg.
Diese stillen Stunden in der Klinik zähle ich zu den wichtigsten und intensivsten Zeiten meines Lebens. Alles ist gut.