Prag 1979

Meine Freundin Gabriele fährt am Wochenende nach Prag.

Da kommen alte Erinnerungen hoch, an unsere Klassenfahrt in der dreizehnten Klasse. Diese Reise hat mich so berührt, dass ich es mir unbedingt von der Seele schreiben musste, damals. Ich war achtzehn Jahre alt und habe diesen Reisebericht auf einer alten Reiseschreibmaschine meines Vaters getippt. Das mittlerweile leicht vergilbte Papier lag lange in einem Karton, jetzt habe ich die Geschichte endlich zu Ende abgetippt. Hier ist der Bericht aus einer anderen Wirklichkeit, zehn Jahre vor dem Fall der Berliner Mauer. Ich habe nichts verändert sondern den Wortlaut eins zu eins übernommen.

Trauert Prag
um meinen Traum?
Mein Traum
trauert um Prag
– Rose Ausländer

Graue Wände, graues Gras, graue Gesichter.
Irgendeiner im Bus spottet über die altmodischen Autos.
In Pilsen Kinder, die um Geld betteln.
Prag, goldene Stadt.
Ankunft bei Nacht. Kaum hatte der Busfahrer den Motor abgestellt, stieg der staatliche Reiseleiter ein.
Keiner wusste, wann wir genau ankommen würden – er war zur Stelle. Zufall?

Karten für die Straßenbahn gibt es in fast allen Läden und Kneipen und beim Hotelportier. Der Portier hat keine mehr und rät uns, schwarzzufahren. Wir laufen.
Wie kommen wir zum Wenzelsplatz, bitte?
Die Frau, die wir ansprechen, hat Zahnschmerzen und ist auf dem Weg zum Zahnarzt. Sie schenkt uns zwei Straßenbahnbillets. An der zweiten Haltestelle müssen wir raus, die Richtung stimmt nicht. Die blonde Pragerin ist wahnsinnig nett, sie lacht viel mit uns, trotz der Zahnschmerzen. Schließlich fahren wir mit ihr im Taxi mit, am Wenzelsplatz lässt sie uns aussteigen.
Einmal rund um den Wenzelsplatz. Vage Erinnerungen an den Vortrag der VHS. Der Wenzelsplatz war so etwas wie ein Symbol für den Widerstand 1968. Danach haben sie eine riesige Baustelle daraus gemacht, jetzt ist es vollkommen unmöglich, sich auf dem Platz zu versammeln. Dauernd fahren Polizeistreifenwagen vorbei.
Am Denkmal des heiligen Wenzel ist eine Tramhaltestelle. Wir fragen eine Frau, ob hier unsere Bahn abfährt. Auch sie ist sehr freundlich. Etwas später frage ich sie, ob das Denkmal schon immer hier stand.
„Ja, natürlich“, sagt sie.
Dann schweigt sie wieder. Und plötzlich, unvermittelt, sagt sie:
„Hier hat sich vor zehn Jahren ein junger Mann verbrannt.“

Vor dem Hotel treffen wir Silvie, sie spielt mit ein paar tschechischen Jungs Gitarre.
Jeden Vormittag Programm, jeden Nachmittag der Versuch, Prag so zu erleben, wie es nicht im Reiseführer steht.
Am jüdischen Friedhof die erschütternden Dokumente der Kinder von Theresienstadt. In der Meysel-Synagoge die alte Jüdin, die uns alles mit so viel persönlichem Engagement erklärt, jedes Gerät, jeden Schmuck. Mitten hinein in ihre Baedeckersätze ihre Frage, ob wir Geld tauschen wollen.

Ein Abend mit den jungen Tschechen. Die Verständigung klappt ganz gut, aber viele Fragen bleiben offen. Eine Hippiegemeinde in der Nähe von Prag – hier träumen sie noch den amerikanischen Traum. Alkohol und harte Drogen, an die man eher herankommt als an weiche. Für viele ein Flucht aus der Realität.
Alle reden vom Abhauen. Marcels Vater ist Zahnarzt in Düsseldorf. Ich schlage im Wörterbuch nach, das Wort „Ausreisegenehmigung“ gibt es nicht. Ich finde „Genehmigung“ und schreibe die tschechischen Wörter für „oder“ und „flüchten“ daneben.
Marcel schreibt „flüchten“.
Er ließ sich vor wenigen Tagen die Haare schneiden, wegen seiner langen Haare wurde er ständig von den Lehrern drangsaliert. In viele Lokale werden sie gar nicht erst rein gelassen. Ein Bier nach dem anderen, sie sagen, die Tschechen stünden beim Pro-Kopf-Bierverbrauch an erster Stelle.
Eine Pink Floyd Platte kostet auf dem Schwarzmarkt gebraucht 500, neu 700 Kronen. Für Marcel,
Ludjek und die anderen ist eine Krone so wie für uns eine Mark.

Die alte Frau zeigt uns am nächsten Tag den alten jüdischen Friedhof. Hinter Grabsteinen und Bäumen tauschen wir Geld bei ihr.
Für eine Gallensteinoperation musste sie dem Arzt 200 DM geben, damit er sie richtig behandelte.
Er wusste, dass sie als Führerin im jüdischen Viertel an Devisen herankommt.
Wenn man ein gutes Stück Fleisch ohne stundenlanges Anstehen bekommen will, muss man den Metzger „schmieren“, sagt sie. Dann bekommt man es, schon in einer Tasche verpackt, unter dem Ladentisch.
Auf sieben Zivilisten kommt in Prag ein Polizist oder Soldat, erzählt Marcel. Die Sirenen der Polizeiwagen gehen an die Psyche.
Und sonst? Hradschin, Kafka, astronomische Uhr – alles abgehakt? Wunderschöne alte Häuser, herrliche Fassaden, ganze Straßenzüge, die erhalten sind. In den kleinen Nebenstraßen wohnt der Verfall. Prunkvolle Villen mit Parks – da wohnen die Parteifunktionäre. Wir wohnen im Hotel „Solidarita“.
Die Ostdeutschen, die neben uns in der Straßenbahn stehen und sich über die Kanzlerwahl in Westdeutschland unterhalten, wohnen woanders.
Der Taxifahrer, der uns am letzten Abend vom Wenzelsplatz zum Hotel fährt, fragt, ob wir ihm fünf Mark geben könnten für den Fahrpreis.
Vor dem Hotel zwei aufgeprotzte tschechische Mädchen.Schließlich trauen sie sich hineinzugehen, wo zwei junge deutsche Männer auf sie warten.
Letzte Eindrücke auf der Rückfahrt. Zermürbende Warterei an der Grenze. Wir spielen `Faulei´ auf dem Platz vor einem Grenzerhäuschen. Endlich senkt sich der Schlagbaum hinter uns.
Zum ersten Mal fühle ich mich nach einer Reise frei in unserem Land. Ich bin mit gemischten Gefühlen heimgekommen –
Prag, die Stadt, ist wunderschön, aber…..

Mein schönstes Ferienerlebnis

inspiriert von einer Geschichte bei grenzbereiche https://grenzbereiche.wordpress.com/2016/05/25/ich-froie-mich-grad-so/

möchte ich Euch etwas zum Besten geben, was ich mit meinem Sohn erlebt habe, als er in der Grundschule war.

Nach den großen Ferien stellte die Lehrerin tatsächlich die Aufsatz-aufgabe: „Mein schönstes Ferienerlebnis“. Ich dachte, so etwas gibt es nur in alten Filmen aber vielleicht war die Dame etwas old-school.  Wir waren nicht weggefahren in diesem Sommer, unser Sohn hatte aber trotzdem jede Menge spannender Sachen erlebt. Er saß also am Tisch und grübelte darüber nach, was er schreiben könnte.

„Mama, was soll ich schreiben?“

„Hmmm, erzähl doch wie du mit Jacob im Kletterpark warst!“

„Au ja! Toll!“

Minutenlange Stille, nur unterbrochen vom Kratzen des Füllers auf dem Papier.

„Mama, wie schreibt man „Croissant?“

Ich fragte mich zwar, wie er jetzt darauf kam, aber da mein Kind eine ähnlich überbordende Fantasie hat wie ich, dachte ich nicht weiter darüber nach und buchstabierte es ihm.

„C-R-O-I-S-S-A N-T !“

„Okay, danke!“

Wieder Stille. Einige Zeit später kam er dann mit dem fertigen Aufsatz zu mir.

„Magst du es mir vorlesen?“

Ich wartete gespannt, was das Croissant für eine Rolle spielen würde. Dann kam die Stelle:

„Und dann war ich mit meinem Croissant Jacob im Kletterwald.“

Seither bin ich für Jacobs Mama, meine Cousine, nur noch die „Croissante“.

 

Sonn – Tag

wahrhaftig, ein SONNentag heute. Wir hatten unglaubliche 20 Grad, mehr als ein T-shirt habe ich heute nicht gebraucht. Nur schade, dass wir keine Sommerzeit mehr haben, jetzt wird es bereits wieder dunkel. Statt im Haus saß ich heute mit dem Laptop im Garten, es war wie eine kleine Reminiszenz an mein Sommerbüro. Gute Gelegenheit, zu recherchieren und für den NaNo weiter zu arbeiten. Da mein Roman ja das ganze 20. Jahrhundert umfasst, nutze ich einiges aus den Aufzeichnungen meines Vaters. Je mehr ich mich hineinlese desto mehr habe ich das Gefühl , dass ich den Drang zu erzählen von ihm geerbt habe. Er hat sich in seinen letzten Lebensjahren auf die Spur seiner Eltern gemacht und ich möchte ihn hier mal zu Wort kommen lassen, denn ich glaube, es geht vielen wie mir: was „der kleine Mann“ in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlebt hat, wissen wir nicht, weil nur die große Weltgeschichte festgehalten wird. Aber es gibt so viele Geschichten, die es wert sind, erzählt zu werden. Hier ist eine davon:

„Zu meinen Großeltern in U. sagte ich immer nur „Ähne“ und „Ahna“. Wahrscheinlich hatte mir das meine Mutter so beigebracht. Damit gab es einen wörtlichen Unterschied zu Großmutter und Großvater in B. , den Eltern meiner Mutter. Das Haus von Ähne und Ahna war nicht weit entfernt vom Haus des Urgroßvaters. Vielleicht hat mein Ähne das Grundstück für sein Haus von seinem Vater bekommen, denn früher achtete man sehr darauf, in der Nähe des eigenen Hauses weitere Grundstücke zu besitzen. Das Haus, ein landwirtschaftliches Anwesen, stand auf einem etwa 1 Morgen großen Platz. Morgen ist ein Flächenmaß, das bis in das 20 Jahrhundert hinein die Größe von Äckern und Wiesen angab. Ein Morgen ( die Größe eines Ackers, der an einem Morgen (Vormittag) umgepflügt werden konnte) war in den einzelnen Regionen unterschiedlich. In U. war es die Größe von 33 Ar (1 Ar = 100 qm). Die Wohnräume bei meinen Großeltern lagen im ersten Stock, wie in fast allen Bauernhäusern, direkt über dem Stall. Über die Stalldecke, die in dieser Zeit als Holzbalkendecke ausgeführt war, wurde die Stallwärme auf den Fußboden des Wohnzimmers übertragen. Also eine „Fußbodenheizung“. Direkt angebaut an das Wohnhaus war eine große Scheune, denn neben seiner Anstellung als Meister in der Spinnerei bei Firma O. betrieb mein Ähne mit seiner Familie eine, für damalige Zeiten, mittlere Landwirtschaft. Das war für viele Arbeiter und Angestellte ganz normal. Die Landwirtschaft war kein Hobby sondern ein Zubrot für die Selbstversorgung. Das Getreide für Brot und für die Tiere wurde selbst angebaut, Gras und Ohmd für die Kühe holte man von den eigenen Wiesen.

Mein Vater hatte drei Brüder. Christian, der Älteste, ist als Kind schon verstorben. Somit war mein Vater der Älteste und alle drei mussten schon als Kinder in der Landwirtschaft mithelfen, denn der Vater war ja von Montag bis Samstag in der Fabrik.
Als mein Vater zwölf Jahre alt war fielen am 29. Juni 1914 die Schüsse in Sarajewo. Der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie wurden erschossen. Vorbei war es mit der ruhigen Zeit. Am 2. August 1914 erfolgte die Mobilmachung und bereits einen Tag später die Kriegserklärung an Frankreich. Mit sechzehn Jahren wurden aus jungen Burschen in U. Rekruten und fast einhundert Einberufene aus dem Dorf mussten bereits in den ersten Wochen an die Front. Mein Vater hatte Glück, er wurde nicht mehr eingezogen. Fünf Monate nach seinem sechzehnten Geburtstag, am 11. November 1918, war der erste Weltkrieg zu Ende. Zu dieser Zeit war mein Vater bereits in der Lehre. Mein Ähne sagte immer: „nur wer eine Lehre gemacht hat und einen Beruf erlernt hat, kann in der heutigen Zeit bestehen.“ Alle seine Söhne haben eine Schlosserlehre gemacht, das war in dieser Zeit nicht selbstverständlich.
Morgens um fünf Uhr musste mein Vater Albert aufstehen, um dann nach einer guten halben Stunde Fußmarsch zum Bahnhof von W. zu gelangen, von wo er mit dem Zug weiterfahren konnte zu seiner Lehrfirma. Am Abend war er selten vor 19 Uhr zuhause.
In seinem Lehrbetrieb in der nahen Kreisstadt erfuhr er auch ein wenig mehr über die neue Bewegung im Land. Die Arbeiterparteien hatten sich nach dem Zusammenbruch der Monarchie in der neuen Demokratie durchgesetzt. In seinem Heimatdorf merkte man davon noch gar nichts, im Gegenteil.
Die Sängerabteilung des Turnvereins, wo Albert als „Zögling“ Mitglied war, hatte einen sehr schweren Stand gegen den bürgerlichen Gesangverein, den „Liederkranz“. Ein Riss ging durch die Jugend von U. Die Vereine der Arbeiterschaft wurden alle unterdrückt. Auf dem Rathaus saßen reiche Bauern und die hatten das Sagen. Es war ein „Politikum“, man wollte die Proletarier nicht hochkommen lassen. Immer wieder wurde der Antrag auf einen Raum im Schulhaus, zum Abhalten der Chorproben, abgelehnt. Auch anderen Vereinen, wie dem Arbeiter-Samariterbund und ein paar Jahre später dem Arbeiterradfahrverein „Wanderlust“ erging es nicht anders. Dann stand die Neuwahl des Schultheißen an und Matthäus L., der bisherige Bürgermeister, wollte seinen Posten gerne behalten und war auf die Stimmen der Arbeiter angewiesen. Auch die Frauen durften ja seit 1919 wählen. So kam es, dass Zugeständnisse gemacht wurden und die Sängerabteilung des Turnvereins einen Raum für ihre Chorproben bekam. Der Gemeinderat war zunächst dagegen und gab schließlich seine Zustimmung nur mit der Auflage:
„…dass der Sängerabteilung verboten wird, im evangelischen Schulhaus unpassende Lieder zu singen.“
Es war nämlich bekannt, dass die Singstunde mit der „Internationalen“ abgeschlossen wurde, die mit folgender Passage ebenfalls unter das Verbot fiel:
„Es rettet uns kein höh`res Wesen
kein Kaiser nicht und kein Tribun
Uns aus dem Elend zu erlösen,
können wir nur selber tun!“
Das alles passierte vor etwa 100 Jahren in einem kleinen Dorf, irgendwo auf dem Land zwischen Stuttgart und Ulm. Der Friedhof des Dorfs ist immer noch genau neben der Kirche und wie vermutlich überall, gibt es auch an dieser Kirche Gedenksteine für die Gefallenen des ersten und zweiten Weltkriegs. Bei einem Besuch der Kirche im letzten Sommer habe ich die Namen studiert und das Alter der Gefallenen ausgerechnet. Die meisten waren keine zwanzig Jahre alt.
Wir alle tragen die Geschichten unserer Ahnen in den Adern – manchmal, wenn ich ganz ruhig bin, kann ich sie flüstern hören….

Stuttgart – Köln, einfach (2)

Teil 2    Koblenz – Bonn – Köln

Die Tupfensockenfrau  verlässt in Koblenz den Zug. Ich mache mich auf den Weg zum Bordbistro (von Wagon 8 nach Wagon 11) und überlege es mir im nächsten Wagon anders. Eigentlich habe ich keine Lust auf einen überteuerten Kaffee mit Kondensmilch (bei dem Gedanken an Kondensmilch gruselt es mich) da ich ja in Köln zum Kaffeetrinken verabredet bin. Also suche ich mir den erstbesten freien Sitz und setze mich an einem Viererplatz mit Tisch einem jungen Paar gegenüber.

Die beiden sind etwa Anfang zwanzig und beide tippen auf ihren Smartphones, während sie sich unterhalten.

Zur Abwechslung schaue ich mal aus dem Fenster und konzentriere mich anstatt auf Schuhe auf den Dialog, der mir gegenüber stattfindet.

Sie: „Dann machen wir morgen Spinat.“

Er: „Ich dachte, wir essen Bohnen?“

Sie: „Nein, ich dachte, wir kochen heute Champignons, das ist doch auch schon Gemüse.“

Er: “Und dazu Spinat?“

Sie:“Nein Bohnen, das schmeckt doch lecker mit Zwiebelchen angebraten!“

Er:“ Montag muss ich die Immatrikulationsbescheinigung abgeben.“

Sie, tippt auf ihrem Smartphone rum, ist etwas abwesend: “Ist doch toll.“

Er:“Ich glaube, ich hole mir kein I-phone. Ich hole mir ein anderes Smartphone.“
Sie:“ Ja, aber wenn es dann nicht mit dem Mac kompatibel ist – „ ihr Daumen wischt hektisch auf dem Screen hin und her, „oh, ich habe Post von meinen Eltern bekommen.“

Er: „Was schreiben sie denn?“

Sie hält ihm ihr Telefon hin: „Lies selbst.“

Er überfliegt die Nachricht und gibt ihr das Telefon zurück:“ Okay, dann essen wir also morgen Bohnen.“

Sie: „Nein, Spinat.“

Er: „Spinat mit Bohnen.“

Sie: „Nein, Spinat.“

Er: „Also nur Spinat.“

Sie: „Ja, das ist doch lecker. Mit Zwiebelchen angebraten.“

Die Sprache ist die Quelle aller Missverständnisse sagte schon der kleine Prinz. Die gleichzeitige Benutzung von Smartphones während einer Unterhaltung scheint diesen Effekt noch zu verstärken. Hätte der kleine Prinz ein Smartphone dabeigehabt in der Wüste, wäre es wohl nie zu diesen grandiosen Zeichnungen des Piloten gekommen, denn er hätte ja alles mit dem Smartphone fotografiert und dem Piloten die Fotos digital gezeigt. Auf den letzten Kilometern zwischen Bonn und Köln werde ich also noch sentimental und stelle mir vor wie das war, damals, ohne Mobiltelefon.

Allein die Tatsache, dass ich mich an eine Zeit ohne Handy erinnern kann, sagt schon sehr viel über mein tatsächliches Alter aus. Wenn ich es recht überlege, könnte ich theoretisch sogar die Mutter der beiden Jungköche gegenüber von mir sein. Ich werde noch sentimentaler. Habe ich schon erwähnt, dass ich Zugfahren hasse?

„Verehrte Fahrgäste, in wenigen Minuten erreichen wir Köln-Hauptbahnhof. Ausstieg in Fahrtrichtung rechts.“

Endlich. Der Dom.

Stuttgart – Köln, einfach (1)

Teil 1 Stuttgart – Mannheim, Mannheim – Koblenz

Heute habe ich herausgefunden, dass ich Zugfahren hasse. Keine Ahnung, warum das plötzlich so gekommen ist. Vielleicht ist der überfüllte ICE von Stuttgart nach Mannheim schuld daran. Ich komme mir vor, als wäre ich Teil einer gigantischen Völkerwanderung, eingekreist von Menschenmassen, die scheinbar wissen, wohin sie wollen und doch wie verlorene Schafe ziellos umherirren. Auf der Suche nach dem richtigen Wagon, dem reservierten Sitzplatz, der Fahrkarte oder einem Platz für das überdimensionierte Gepäck schieben sie sich durch die schmalen Gänge. Ich bin froh, als ich endlich auf meinem Platz sitze und versuche, einfach unsichtbar zu werden. In Mannheim steige ich aus dem überfüllten ICE um in einen IC nach Köln. Sparpreis heißt für weniger Geld länger Zugfahren. Im Grunde bekomme ich also mehr Zugfahrzeit obwohl ich weniger bezahle. Hier wird mir der Inhalt des Satzes „Zeit ist Geld“ mehr als klar. Heute habe ich aber Zeit und kann die so gesparten 34 Euro heute Abend  zum Beispiel in ein leckeres Essen investieren. Außer der Geschwindigkeit gibt es  keinen großen Unterschied zum ICE, ich stelle sogar überrascht fest, dass mir das langsamere Fahren mehr zusagt als das Tempo des ICE. Außerdem ist der Wagon hier irgendwie heller und auch nicht so überfüllt. Mein Nebensitzer macht komische Geräusche beim Trinken aus der Wasserflasche und ich hoffe sehr, dass er nicht auf die Idee kommt, mich in ein Gespräch zu verwickeln, denn ich habe definitiv keine Lust mich zu unterhalten. Ich gehe aber davon aus, dass jede Zelle meines Körpers diese Ablehnung ausstrahlt und ich wie geplant meine Reise schweigend fortsetzen kann Vielleicht bin ich menschenscheu geworden in den letzten Jahren, Kommunikation mit Fremden ist mir zunehmend lästig und auch zu anstrengend. Wie befürchtet habe ich jetzt aber den Kampf um die Armlehne, die die beiden Sitzplätze trennt, verloren. Eigentlich ist es eine Frechheit, nur eine Armstütze für zwei Reisende einzubauen. Einer zieht immer den Kürzeren. Der Mann neben mir, der sich als rücksichtsloser Armstützenbesetzer entpuppt hat, ist etwa fünfzig Jahre alt, groß und sehr dünn. Er hat längeres, dunkelblondes Haar, das wirr vom Kopf absteht. Seine Fingernägel sind unnatürlich kurz, sie enden einige Millimeter unterhalb der Fingerkuppe. Jetzt setzt er sich eine schmale Lesebrille auf, zieht die Bahnzeitschrift aus der Sitztasche und während er liest kratzt er sich selbstvergessen am Schritt. Wie gesagt, neuerdings hasse ich  Zugfahren. Ich bin sozusagen eben zur ersten Vorsitzenden des neugegründeten Zughasserclubs aufgestiegen.

Die Asiatin rechts vor mir hat Sandalen an, ohne Strümpfe. Ich frage mich, warum sie an einem so kühlen, regnerischen Herbsttag keine geschlossenen Schuhe trägt. Ist es eine Touristin, die nicht mit den typisch deutschen Herbsttemperaturen gerechnet hat? Hat sie nur Sandalen? Schwitzt sie vielleicht unnatürlich stark an den Füssen? Will sie sich abhärten? Oder hat sie eine Wette abgeschlossen (Wetten, dass ICH diesen naßkalten Tag mit nackten Füßen in Sandalen überstehe, ihr Warmduscher?)Ich finde jetzt Gefallen daran, den anderen Reisenden auf die Füße anstatt in das Gesicht zu sehen. Neben mir auf der anderen Seite des Ganges sitzt eine Frau mit strengem Blick, die in ihren Bequemschuhen schwarze Socken mit weißen Tupfen trägt. Nichts sonst an ihr hat etwas Kindliches oder Verspieltes an sich. Sie könnte eine pensionierte Lehrerin sein, wahrscheinlich Latein und Geschichte. Jetzt ist sie auf dem Weg zu ihrem Sohn und dessen Familie. Sie mag ihre Schwiegertochter aber nicht leiden, weil die genau diese Leichtigkeit hat, die sie selber immer gerne gehabt hätte. Sie selbst hat es aber nur zu getupften Socken gebracht. Mein Nebensitzer war in der Zwischenzeit zweimal auf der Toilette. Jetzt trinkt er eine Dose Coca Cola und das Geräusch, das er beim Trinken aus der Dose macht ist noch schlimmer als wenn er aus seiner Wasserflasche trinkt. Scheinbar ernährt er sich von Wasser, Coca Cola und Fingernägeln, die er ausgiebig beim Lesen knabbert. „Verehrte Fahrgäste, in wenigen Minuten erreichen wir Koblenz Hauptbahnhof“

Rosa (4)

1901

Barbara treibt wie ein stummer Schatten durch das Haus. Wilhelm erscheint sie wie die die junge Königin im Märchen vom Brüderchen und Schwesterchen, die in der Nacht als Geist ihr Kind besucht und spricht „jetzt komm ich noch einmal und dann nimmermehr“. Manchmal, wenn er seine Mutter in ihren schwarzen Kleidern durch das Haus gehen sieht, stumm und mit seltsam leerem Blick, bekommt er Angst, dass auch sie verschwinden könnte. Die Trauer, die Barbara einhüllt, erscheint ihm wie ein dunkles Nichts, in das sie hineinfallen, ein Nebel, in dem Barbara sich für immer verirren könnte.

Als im Frühling die Tage heller werden, atmet das ganze Dorf auf. Die Fenster werden geöffnet und die Häuser holen wieder Luft. Die Schatten, die auf Barbara liegen, scheinen leichter zu werden. Doch der Tod gibt sich nicht geschlagen. Im Sommer, als die Hitze über den Feldern schwirrt, nimmt er den kleinen Eugen mit, nur eine Woche vor dessen siebtem Geburtstag. Wieder ein kleiner Kindersarg, dem Barbara folgen muss. Da fragen sich die Leute schon, was sie denn getan hat, dass Gott der Herr sie so straft. (Nichts ist schlimmer als wenn man seinen Kindern hinterhergehen muss). Es ist nur acht Monate her, da standen sie schon einmal auf diesem Friedhof, die Kinder, die sich an den Händen halten und Barbara, die sich an Albert klammert. Nicht weit von seiner großen Schwester findet Eugen sein Grab.

Barbara hat aus ihrer Trauer einen unsichtbaren Wall gebaut, Stein um Stein schichtet sie diese Mauer auf. Ihre Kraft reicht noch aus um die nötige Arbeit zu tun und ihre Familie zu versorgen. Für das Kind (die kleine Rosa) in der Wiege ist nichts mehr übrig.

Rosa (3)

1981

Je weniger mein Körper sich bewegt umso mehr reisen meine Gedanken, meistens in die Vergangenheit. Ist das eine schlechte Angewohnheit alter Leute, weil einfach mehr Zeit hinter ihnen liegt als sie noch vor sich haben? Mein aktuelles Lebensgefühl blende ich meistens aus, lieber lasse ich mich hemmungslos fallen in die Erinnerung an die Zeit als ich jung war. Ich wende mich nach innen, lausche einem fernen Ton, leise, konzentriert. Ich suche nach diesem einen Ton, der irgendwo in mir, konserviert seit Jahren, jetzt immer leiser klingt. Ich kann dann sogar meinen Blick nach innen richten, solange bis ich diesen Ton gefunden habe, und dann folge ich ununterbrochen seiner Spur in meinem Inneren. Ich liebe diese Reisen durch meine Archive, wie ich das nenne, sitze mit geschlossenen Augen da und lausche in mich hinein. Das klappt überall. In der Kirche ebenso wie beim Altennachmittag oder bei einem langweiligen Familienfest. Meine inneren Reisen haben dazu geführt, dass meine Familie sich mit dem Rest der Welt einig darüber ist, dass mein Geisteszustand nicht mehr der beste sei. Es scheint mir, dass wir alle in derselben Situation sind: wir sitzen die Zeit bis zu meinem Ableben aus und versuchen das Beste daraus zu machen. Für meine Familie bin ich eine alte verbitterte Frau, launisch und kratzbürstig. Ich befürchte, das trifft mein äußeres Bild ziemlich genau. Leider bin ich nicht in der Lage und vielleicht auch nicht willens mein Innerstes nach außen zu kehren.  Ab und zu hole ich das Foto des einzigen Mannes hervor, den ich je geliebt habe und frage mich was aus mir geworden wäre, wenn ich mich nicht dem Willen meiner Eltern, den Konventionen der Zeit, gebeugt hätte. Bald werde ich mich von dieser Welt verabschieden und vielleicht wird irgendein Familienmitglied nach meinem Tod meine Habseligkeiten durchsehen und mein altes Gesangbuch durchblättern. Den Konfirmationsspruch auf der ersten Seite lesen, die abgegriffenen Seiten überfliegen und zwischen all den frommen Liedern das Foto entdecken. Ein junger Mann, dunkle Haare, ebenmäßiges Gesicht, schöne klare Augen – und auf der Rückseite der Fotografie der Stempel eines Fotografen in Southhampton. Er oder sie wird sich fragen wer das wohl war. Diese Vorstellung gefällt mir, ich hinterlasse gerne ein paar Geheimnisse. Ich versuche mich daran zu erinnern ob ich die alten Leute in meiner Jugend auch mit diesen Augen angesehen habe? Als wären sie bereits alt auf die Welt gekommen? Vermutlich, ich erinnere mich nicht mehr daran. Was also nimmt man wahr, wenn man seine Eltern sieht? Nur die Gegenwart. Die Vergangenheit bleibt ein unentdecktes Land, wenn sie dich nicht einladen, sie dahin zu begleiten. Ich jedoch wollte nie etwas von mir preisgeben, das gebe ich zu. Wenn ich heute in den Augen meiner Familie als absonderlich und launisch gelte, dann stört mich das nicht weiter.  Es ist kein Grund, mein Schicksal vor ihnen auszubreiten wie ein unberührtes Laken, auf dem ihre Kommentare schmutzige Spuren hinterlassen. Ich werde nicht der erste Mensch sein, der seine Geheimnisse mit ins Grab nimmt und auch nicht der Letzte. Und dass es damit nicht mehr lang dauert, das spüre ich. Der Krebs, der angeblich ein Magenleiden ist, frisst sich unaufhörlich voran. Ob ich meinen nächsten Geburtstag noch erleben werde? Ich glaube es nicht.

Meine Familie hat gemeinsam mit meinem Arzt entschieden mich in dem Glauben zu lassen, meine Magenbeschwerden seien die Folgen eines harmlosen Magengeschwürs. Wie immer so griff auch hier das Vorurteil, dass mit zunehmendem Alter nicht nur die Haare weniger werden sondern automatisch auch die Gehirnleistung. Auch wenn es auf manche Menschen zutreffen mag, auf mich trifft es ganz gewiss nicht zu. Ich würde sogar behaupten, dass das Alter meinen Scharfsinn noch verstärkt. Ich jedenfalls lasse mich nicht wie ein unmündiges Kind behandeln. Schließlich ist es mein Körper, meine Krankheit und meine Lebenszeit. Ich habe mir daher eine zweite Meinung eingeholt. Bei einem Arzt, der als gnadenlos offen gilt und deshalb bei sensiblen Menschen keinen guten Ruf genießt. Für mich ist er genau der Richtige. Er hat mir schonungslos eröffnet dass ich wohl noch ein Jahr zu leben hätte, im Höchstfall. Da ich nicht an Wunderheilung glaube habe ich ihn um ein Rezept für starke Schmerzmittel gebeten und mich für seine Offenheit bedankt.  Dieser Arzttermin fand drei Tage vor meinem achtzigsten Geburtstag statt. Die Familie hatte sich für meinen Ehrentag mächtig ins Zeug gelegt. Ich wurde zum Essen ausgeführt und man trug launige Gedichte vor. Ich machte gute Miene und sah verstohlen auf die Uhr. Nach dem Dessert stand ein Spaziergang an und aus Rücksicht auf mein fortgeschrittenes Alter fiel dieser recht kurz aus. Danach kam das Beste, der Nachmittagskaffee. Ich liebe Kaffee, also trank ich mehrere Tassen, schloss dann hellwach die Augen und begab mich in mein Archiv. „ Die Oma Rosa schläft wieder,“ hörte ich meine Enkelin flüstern. Wenn die Leute wüssten, wie einfach es ist, seine Ruhe zu haben wenn man sich – gekonnt – schlafen stellt, würde das zur allgemeinen Disziplin werden. Ich saß also mit geschlossenen Augen auf meinem Stuhl und hörte nur noch Gesprächsfetzen und irgendwann gar nichts mehr. Stattdessen fragte ich mich ernsthaft, ob ich nach meiner Rückkehr aus Amerika jemals wieder glücklich gewesen war. Mein Leben war an mir vorbeigezogen wie die Landschaft, die man aus dem Zugfenster betrachtet. Es gibt Berge und Täler, schöne und weniger schöne Abschnitte. Manchmal denkt man, hier ist es schön, hier würde ich gerne länger bleiben, aber der Zug rast weiter. Leute steigen ein und steigen aus, setzen sich neben dich, auch wenn du sie nicht magst. Und andere, die du viel lieber in deinem Abteil hättest, finden dann keinen Platz mehr. Die Fahrkarte durch das Leben ist jedenfalls nur eine einfache, ein Zurück gibt es nicht. Mein Zug hat wohl nicht mehr allzu viele Stationen vor sich, vielleicht gibt es ja tatsächlich diesen einen Tunnel der ins Licht führt.. Obwohl ich in einer sehr pietistischen Familie aufgewachsen bin hielt sich meine Religiosität immer in Grenzen. Diesem zur Schaustellen des eigenen Glaubens, das so gerne von meinen Schwestern praktiziert wurde, konnte ich nie etwas abgewinnen. Ich war mein Lebtag nur bei Beerdigungen, Hochzeiten oder Taufen in der Kirche, das hat mir genügt. Der Herrgott hat sich seinen Spaß mit mir erlaubt, meiner Meinung nach sind wir quitt, ich bin ihm nichts mehr schuldig.

Meine Enkelin hängt der Theorie an, dass alles, was einem im Leben zustößt, Schicksal ist und als Prüfung angesehen werden muss, die es zu bestehen gilt. Wenn dem so wäre, habe ich dann bestanden, weil ich es den anderen recht gemacht habe? Oder hätte ich es doch besser für mich passend gemacht, mein Leben? Jetzt sitze ich hier am Fenster einer altersgerechten Erdgeschoßwohnung und fahre auf meinen Erinnerungen Karussell bis mir schwindlig wird und ich mich an den Armlehnen meines Sessels festhalten muss.

Rosa (2)

Rosa, eine kleine Blume, die Augen zwei blaue Tropfen in ihrem winzigen Gesicht. Barbara hat das Kind aus sich herausgepresst als ob es nichts mit ihr zu tun hätte. Es (das Kind) ist zu klein, sagt die Hebamme, es wird wohl die Nacht nicht überleben. Ihr müsst eine Nottaufe machen. Wilhelm, der Älteste,  ein stiller Beobachter, starrt auf das Kind, wartet, dass die Seele den kleinen Körper verlässt. Aber das Kind stirbt nicht. Barbara taumelt durch das Haus wie Treibgut im Meer, ziellos. Doch das neue Kind (Rosa) gedeiht trotz der fehlenden Mutterliebe. Schon jetzt scheint sie zu wissen, dass sie nur bekommt, was sie sich erkämpft. Sie weint ohne Unterbrechung bis Barbara sie wieder stillt.

Das Kind weiß was es will, sagt die Hebamme nach einer Woche. Rosa kämpft um ihr kleines Leben, mit nachdenklichem Gesicht (wie ein Stiefmütterchen) blickt sie in die Welt. Da ist die Mutter, deren Herzschlag sie kennt. Der Vater, dessen Stimme sie hört, und da ist Wilhelm. Der erste, der sie bei ihrem Namen nennt, Rosa. Alle anderen werden noch monatelang „das Kind“ sagen, wenn sie von ihr sprechen. Der Beginn ihres Lebens untrennbar verbunden mit dem Tod der älteren Schwester. Der Winter,  in dem sie geboren wurde, für immer der Winter in dem Maria starb.

Später wird man Rosa fragen, wie das war, damals in ihrer Kindheit. Und sie wird die Augen schließen und Wilhelm sehen. Seine dunklen Locken, seine starken Arme, das hellrote Zahnfleisch, wenn er lacht. Sie denkt an seine überstürzte Hochzeit, (weil Else schwanger war) Spätsommersonne, die Braut in schwarz, der Bräutigam in grau (Uniform). Heimaturlaub. Wie ein unsichtbares Band wob die Angst alle zusammen. Sie standen auf einem Teppich aus unausgesprochenen Gebeten, Verzweiflung und geahnten Katastrophen. Und sie wird wieder an diesen Frühlingstag denken (erste Sonne), als sie mit Wilhelms junger Frau (hochschwanger) vor dem Glaskasten am Rathaus steht, wo der Büttel die neuen Gefallenenlisten aufgehängt hat. Ihr Finger, der suchend die Liste entlangwandert, bis er auf Wilhelms Namen stehenbleibt. Wie sie erstarrt und ihren Finger nicht lösen kann von dieser Ansammlung falscher Buchstaben. Wie Else neben ihr aufschreit, zusammenbricht. Hände, die sie wegzerren von dem Kasten und ihr rechter Zeigefinger, immer noch ausgestreckt, wie ein Mahnmal. Wilhelm, ihr schöner Bruder, zerschossen in irgendeinem Schützengraben.

An diesem Tag entschied sich Rosa, wegzugehen.

Trainingslager

Es soll Menschen geben, die viel Geld bezahlen um unter fachkundiger Anleitung an ihre Grenzen zu gehen. Sie lernen, sich zu konzentrieren und laufen dann über glühende Kohlen oder eine Bahn aus Glasscherben, sie steigen auf Bäume und hangeln sich von Ast zu Ast oder essen Insekten. Es ist wirklich spannend, was man alles mit Willenskraft und dem nötigen Quantum innerer Gelassenheit bewältigen kann. Ich bin mittlerweile Spezialistin auf diesem Gebiet und das völlig kostenlos. Jahrelanges Training haben der Belastbarkeit meiner Nerven zu wahren Höhenflügen verholfen. Als Mutter, neudeutsch auch Familienmanagerin genannt, bin ich der CEO unserer Familie, mit dem Unterschied, dass ich keine Angestellten habe, die mir gegen monatliches Salär ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen. Nebenbei bin ich die externe Festplatte für alle – „Mama, wo sind meine Laufschuhe?“ „Weißt du wo das Ladekabel für mein Handy ist?“ Man hält mich für ein allwissendes Wikipedia der Dinge, das zentrale Navigationssystem im Dschungel unseres gemeinsamen Heimes. Einmal im Jahr nehme ich an einem freiwilligen Trainingslager teil: Familienurlaub!

Wir sind die typischen Individualreisenden, lieber im Ferienhaus als im Hotel, lieber landestypisch als im Touristenghetto. Dieses Jahr wünschte sich unser Sohn einen Badeurlaub im Hotel. Wir schlossen einen Kompromiss und zogen nach einer Woche in einem Häuschen mitten in einer Kleinstadt in Venetien um in ein Hotel mit Pool an der italienischen Adria. Das Hotel war sorgfältig ausgesucht, dank verschiedener Portale im Internet wusste ich, dass hier vorwiegend Franzosen und Italiener Urlaub machen. Der Einsatz der erlernten Fremdsprachen war so zumindest schon garantiert. Ebenso der Abbau diverser Vorurteile, die sich im Laufe des Schullebens bei unserem Junior aufgebaut haben: „Ich dachte, die Franzosen sind alle Spasten aber die sind eigentlich ganz cool.“ Jetzt „chillt“ er den ganzen Tag mit seinem französischem Kumpel und stochert in seinem Schulwortschatz nach den richtigen Wörtern. Ich freue mich insgeheim über den gelungenen pädagogischen Coup und widme mich dem weiteren Ausbau meiner Belastbarkeit indem ich am Pool ausharre, bis die Wassergymnastik der beiden dauergutgelaunten Animateurinnen vorüber ist.  Die Sommerhitze lähmt jegliche Aktivität, Tage verrinnen wie Sand im Uhrenglas und nachts wache ich schweißgebadet auf, weil ich geträumt habe unter Sand begraben zu sein.  Die Geräuschkulisse ähnelt der im Freibad unserer Kleinstadt, mit dem Unterschied, dass die Durchsagen des Bademeisters („Der kleine Kevin sucht seine Mama“) fehlen. Zwischen zwölf Uhr dreißig und fünfzehn Uhr ist Mittagsruhe am Pool und der Tross der Urlauber setzt sich gehorsam in Richtung Speisesaal in Bewegung. Am Nachmittag fliehe ich an den Strand, wo die meisten Liegen im Bagno aus unerfindlichen Gründen leer sind – vermutlich sind die Hotelgäste lieber am Pool anstatt auf ihren reservierten Liegen am Meer. Ich harre aus, bis die Sonne untergeht und streiche in meinem virtuellen Kalender Tag vier des Trainingslagers aus. Noch drei Tage und der Alltag hat mich wieder – ich befürchte aber, dass ich mich dann an dieses Leben gewöhnt habe und mich womöglich danach zurücksehne.

Adria – Ah

Anna, die Chefin unseres Bagno. Ist der Inbegriff der italienischen Mama. Eine Mutter Courage der Liegestühle gewissermaßen. Sie wacht über den großen Plan an der Wand der kleinen Bar, auf dem alle Liegestühle ihres Bagno eingezeichnet sind. Neue Gäste werden von ihr persönlich  einem Liegestuhlpäarchen nebst Sonnenschirm zugeordnet. Sie zählt die Tage, die der Gast zu bleiben gedenkt, am Kalender ab („uno, due, tre, quattro, cinque, sei – ecco “) und teilt dann den entsprechenden Platz zu. Ihre Stimme ist unglaublich, rau, wild und kratzig, ich erwarte ständig, den berühmten Satz aus ihrem Mund zu hören: „Ich habe ihm ein Angebot gemacht, dass errrr nicht ablehnen konnte!“ – Aber Anna spricht natürlich nur Italienisch. Sie lobt die „occhi azzuri“ unseres Sohnes und findet er ist groß für sein Alter, weswegen wir einen Platz am Gang haben sollten. Die Argumentation erschließt sich mir nicht ganz, trotzdem bin ich lieber am Gang als mittendrin. Ihre nicht unbeträchtliche Leibesfülle steckt in einem schwarzen Rock und einem spitzenbesetzten Oberteil, die Haare sind zu einem kleinen Zopf zusammengebunden, den eine rote Schleife ziert. Ihre Haut ist blass wie die der neu angekommenen Touristen, ihr Gesicht durchzogen von vielen kleinen Fältchen. Die braunen Augen haben alles im Blick, ihre charmante Tochter Rosa ebenso wie den schweigsamen Matteo, der für das Aufbauen der Liegestühle und Schirme sowie das Abräumen der Tische der kleinen Bar zuständig ist. Ich trinke Rosas großartigen Cappuccino an einem der kleinen Tische auf der Terrasse begleitet vom ständigen Flapp-Flapp der Badeschlappen und Flip-Flops der Vorübergehenden.

Die Sinfonie unseres Bagno ist das leise Plätschern der Stranddusche, begleitet vom Flapp-Flapp der Schuhe und dem Klappern des Geschirrs hinter der Theke. Dazwischen Gesprächsfetzen in Italienisch, Französisch und Deutsch. Den strahlendblauen Himmel über den gelben Schirmen gibt es gratis dazu. Am Strand reiht sich Liegestuhl an Liegestuhl, eine endlos scheinende Armee von Sonnenschirmen zieht sich Kilometer für Kilometer die Adria entlang. Statt Sirenengesang ertönt Tag für Tag das monotone Flapp-Flapp.

Die Sonne ist völlig unparteiisch, sie scheint für arm und reich, für Italiener ebenso wie für Franzosen, Schweizer oder Deutsche. Sie scheint für die ständig plappernde junge Mutter vor mir und für ihren genervten Ehemann, der sich schlafend stellt und aus den Augenwinkeln die hübschen Mädchen beobachtet, die vorübergehen. Begleitet von Schwiegereltern, Schwager, Ehefrau und zwei kleinen Kindern hat er es nicht leicht. Seine Frau redet immer noch, seit etwa zehn Minuten referiert sie über Sonnenmilch, verschiedene Schutzfaktoren, Wasserfestigkeit und Preise. Sie führt die Ergebnisse von Stiftung Warentest an, die sie zu dem Schluss gebracht haben, dass sie, ohne Nachteile zu haben, die billigen No-Names kaufen kann, da deren Qualität ebenso gut ist wie die der teuren Markenprodukte. Eines der Kinder quengelt und will ins Wasser, der Ehemann stellt sich noch immer schlafend, also nimmt sie das kleine aufblasbare Schlauchboot und geht mit den Kindern zum Meer. Ich meine einen leisen Seufzer der Erleichterung aus dem Liegestuhl vor mir zu hören. Mit lautem Flapp-Flapp treffen kurz darauf Schwiegervater und Schwager ein.

„D´Chrischtine isch Bada,“ informiert er seinen Schwiegervater. Die drei Männer sind sich schnell einig, dass die Zeit reif ist für ein kaltes Bier an der Bar und verlassen den Strand.

Die Sonne senkt sich langsam und bald wird sie hinter dem „San Giorgio“ verschwunden sein. Matteo wird die Liegestühle in den Schlafmodus versetzen während die Urlauber sich im Hotel den Sand von der Haut waschen. Das letzte Flapp-Flapp an diesem Abend im Bagno ist das von Anna, als sie das Tor schließt, die Kette vorlegt und auf die Promenade tritt.

Nachtsicht

Warum manche Menschen glauben, dass ein weiß gedruckter Text auf schwarzem Hintergrund cool sein soll weiß ich nicht. Ich habe leider das Problem, dass ich dann auch mit Brille nicht mehr flüssig lesen kann. Die Buchstaben fangen an auf dem Papier herum zu tanzen und ein Eigenleben zu führen. So könnte aus der „Nachtsicht“ schnell die „Nachtschicht“ werden. Auf Papier ist es noch erträglich aber auf dem Bildschirm ist es schlimm – oder war es umgekehrt? Die nachlassende Sehkraft ist auch wirklich das einzige Handicap, das ich still verfluche, und das nahezu täglich. Auf meinem Schreibtisch liegt eine Lupe die im Dauereinsatz ist. Denn entweder der Text ist weiß auf schwarz gedruckt oder er ist zu klein. Wo bleibt der Aufstand der Baby Boomer, die jetzt allenthalben zu Brillenträgern mutieren, gegen die winzige Schrift auf Haarpflegeprodukten , Lebensmittelverpackungen, Größenschildern in Bekleidung – die Liste kann beliebig ergänzt werden. War es nicht so, dass wir die größte Bevölkerungsgruppe darstellen und daher von jeher den Markt diktieren? Die Vorliebe für Arial 6 Punkt spricht nicht dafür. „Sie brauchen eine Brille mit Gleitsichtgläsern“ – mag ja sein, will ich aber nicht. Warum muss ich mir eine neue Brille kaufen wenn doch mit einer etwas größeren Schrift auf einen Schlag Millionen Menschen geholfen werden könnte? Ich brauche anständiges Licht (Energiesparlampen gehören nicht zu dieser Kategorie) und eine klare schwarze Schrift auf weißem Papier. Oder jemanden, der mir alles vorliest. So lange bis es bei den Ohren auch nachlässt…

Reisetagebuch, Hongkong, März 2001

Heute Abend über die Cameron Road zurückgelaufen auf der Suche nach einem T-Shirt für Lea. Sie wünscht sich eines im Stil von Dolce und Gabbana. Ich finde genügend flippige Teile aber alle maximal in Kindergröße, nichts für ausgewachsene Frauen. Die Gehwege sind voll wie bei uns die Wege auf dem Volksfest, immer wieder muss ich vom Gehweg auf die Straße ausweichen um vorwärts zu kommen. Aus jedem Geschäft dröhnt andere Musik, allerdings sind es dieselben Top 40 Hits wie zuhause. Ich fühle mich mal wieder wie ein Elefant, um mich herum nur kleine Asiatinnen, deren dünne Oberschenkel etwa den Umfang meiner Oberarme haben. Auf dem Rückweg zum Hotel werde ich nicht ein einziges Mal angesprochen von einem Uhrenverkäufer „Copy Watch? You want copy watch?“  Nach zehn Jahren, in denen ich zwei bis viermal pro Jahr hier war, sehe ich wohl nicht mehr so aus wie eine Touristin, suchend und mit dem Stadtplan in der Hand, wie bei meinem ersten Aufenthalt hier. Es riecht nach Essen, nach Gebratenem, nach Meer und Fisch, nach Räucherstäbchen. Der Geruch wäre, könnte man ihn hören, ein einziges Stimmengewirr. Ich registriere das alles nur noch am Rande, zu vertraut ist es mir schon. Im Hotel wie jeden Abend Deutsche Welle, alle halbe Stunde wechselt das Programm von Deutsch zu Englisch. Dann muss ich umschalten. Es ist einfach zu seltsam, die eigene Sprache im Hintergrund zu hören während das Gesagte simultan ins Englische übersetzt wird.

Heute Morgen bin ich um sieben Uhr aufgewacht, nach einem seltsamen Traum. Wir wohnten in einem Haus, das zum Teil in die Erde hinein gebaut war, die Wände und auch der Boden waren aus Lehm. Die Küche grenzte an den Garten, aus einem schmalen Fenster sah man auf eine große Rasenfläche. Die Küche und das Schlafzimmer lagen tiefer als das Wohnzimmer, das gleichzeitig auch Eingangsbereich war. Die Zimmer waren in ein diffuses Licht getaucht, die Holzläden vor den Fenstern geschlossen. Unser Vermieter war ein Herr aus Mallorca, wir hatten im realen Leben schon zweimal sein Ferienhaus gemietet. In diesem Traum besuchte er mich um mich nach einem unterirdischen Tunnel zu fragen, der von unserem Haus zu seinem führen sollte und über den wir zum Schwimmbad in seinem Haus gelangen könnten. Ich wusste, es gab im Schlafzimmer eine Falltüre, die in einen Keller führte. Ich räumte die Matratze unseres Sohnes weg, und öffnete die Falltüre. Es gab aber keine Treppe, man hätte hinunterspringen müssen, was wir aber noch nie ausprobiert hatten. Wir sahen zusammen hinab in den Keller – und genau in diesem Moment wachte ich auf. Ich ärgere mich noch beim Zähneputzen darüber, dass ich nun nie erfahren werde, was genau sich unter dieser Tür und in dem Keller verbarg.

Vor meinem Fenster ist jetzt Bewegung, es ist viertel vor Acht, ein Dampfer fährt in den Hafen ein, die Fähren kreuzen regelmäßig zwischen Hongkong Island und Kowloon. Ich könnte ewig so sitzen und diese Kulisse betrachten. Ein Fenster vom Boden bis zur Decke, so breit wie das Zimmer, gibt mir das Gefühl, ich befände mich auf einer Bühne und die Kulisse Hongkong Islands mit ihren zahlreichen Wolkenkratzern wäre mein Publikum. Das Zimmer würde, könnte man von außen durch die Fenster hineinsehen, wie ein aufgeklappter Karton aussehen, eine Puppenstube mit Schrank, Bett und Fernsehgerät – und ich mittendrin. Die Fenster sind natürlich von außen undurchsichtig, wie es sein muss, ich sehe alles und mich sieht niemand. Ich blicke auf meine nackten Zehen und plötzlich schießt mir der Gedanke durch den Kopf, wie meine Zehen wohl aussehen, wenn ich gestorben bin. Dann habe ich auch nichts als ein Hemd an, so wie jetzt, und meine Haut wird eine wächserne Farbe bekommen haben.

Ein winziges Boot, zur Hälfte überspannt mit einer dieser typischen halbrunden Planen, verlässt das Ufer. Es tanzt bedenklich auf den Wellen und ein Mann hantiert mit Netzen. Der Kontrast erscheint mir immer wieder erstaunlich: die kleinen Boote, die so einsam vor der atemberaubenden Kulisse dieser reichen Stadt im Wasser schaukeln.  Acht Uhr dreißig, ein schnelles Frühstück mit viel frischer Mango und dann Aufbruch zum ersten Termin, irgendwo im Schlund dieses Drachens.

Driving home for Christmas

Der Abend war kalt. Die  Wartenden auf den Bahnsteigen traten fröstelnd von einem Bein auf das andere, rieben sich die Hände oder schlugen die Kragen ihrer Mäntel hoch.

Die Bahnsteige verschwanden in der Dunkelheit, sobald sie aus dem überdachten Bereich hinausführten. Leichter Nebel lag über dem Gelände, das Licht der Lampen sah aus als hätte ein übergroßer Pinsel gelbe Tropfen in die Luft gemalt. Eine dünne Schneeschicht bedeckte die offenen Bereiche, die Gleise verloren sich in der Ferne und wurden von der Dunkelheit verschluckt. Da sich die meisten Reisenden unter die Überdachung zurückgezogen hatten, wirkte dieser Teil der Bahnsteige wie ausgestorben.

Im Schein einer Laterne stand eine junge Frau, die schmalen Schultern hochgezogen, und zog an ihrer Zigarette. Sie war nicht auffallend gekleidet, und doch wirkte alles an ihr elegant, der schlichte schwarze Wollmantel, den sie eng in der Taille gegürtet hatte, die schmalen Stiefel, die ein Fingerbreit unter dem Mantel endeten und der perfekte blonde Pagenkopf. Trotz der späten Stunde und obwohl es vollkommen dunkel war, trug sie eine große Sonnenbrille, die ihr Gesicht zur Hälfte verdeckte.

Sie sah geradeaus, minutenlang, als ob es dort in der Ferne etwas ungeheuer Spannendes zu beobachten gäbe. In regelmäßigen Abständen zog sie mechanisch an ihrer Zigarette, warf sie dann irgendwann weg und trat sie mit der Spitze ihres eleganten Stiefels aus, ohne hinzusehen. Eine kleine braune Reisetasche, die Gepäck für etwa ein Wochenende aufnehmen konnte, hatte sie neben sich auf einer Bank abgestellt. Die Reisetasche passte nicht so recht zu ihrem übrigen Auftritt. Sie war alt und abgewetzt, ein Henkel halb abgerissen, das Leder fleckig.

Eine blecherne Stimme kündigte über die Lautsprecher die Einfahrt eines Zuges an, der Nebel verschluckte  jedoch die Worte. In der Ferne waren Lichter zu erkennen die sich schnell näherten und als der Zug zu sehen war öffnete die junge Frau ihre schwarze Handtasche, die sie am Handgelenk trug und zog ein Ticket heraus. Der Zug kam zum Stehen, sie ging auf die nächstliegende Tür zu und stieg ein. Es war einer dieser alten Intercitys, die seit den neunziger Jahren unterwegs waren. „„Wieder so ein altes Relikt aus den neunziger Jahren, dachte sie, „abgewetzte Sitzpolster und schmuddelige Abteile“. Sie schob die Sonnenbrille auf ihre Stirn und suchte das Abteil mit ihrem reservierten Platz. Sie ärgerte sich, dass sie bei der Buchung nicht darauf geachtet hatte. Eigentlich wollte sie nur mit ICEs fahren, aber nun war es nicht mehr zu ändern. In diesen alten Wagons kam es ihr immer vor als ob sich deren Geruch in ihren Kleidern, ihren Haaren ja sogar in ihrer Nase festsetzen würde. Sie kannte diesen Geruch, hätte man sie mit verbundenen Augen in eines dieser Zugabteile gestellt, sie sofort sagen können, wo sie war.

Sie hatte gehofft, alleine im Abteil zu sein, aber als sie die Tür aufschob, stellte sie fest, dass bereits ein Platz am Fenster belegt war. Einen Moment zögerte sie und überlegte, ob sie einen anderen Platz suchen sollte, aber andere Reisende drängten nach und sie verwarf diesen Gedanken wieder.

Mit einem knappen „Guten Abend,“ betrat sie das Abteil und schob die Tür hinter sich zu. „Guten Abend,“ die Stimme des jungen Mannes am Fenster klang fröhlich, fast hatte sie den Eindruck, der Mitreisende freute sich, dass er nun Gesellschaft bekommen würde.

Er war etwa in ihrem Alter und sah sie unverhohlen neugierig an.

Sie trug wieder ihre dunkle Sonnenbrille und er konnte nur erahnen, wohin ihre Augen sahen. Sie spürte seine Blicke und seine Neugierde war fast mit Händen zu greifen.

Sie zog ihren Mantel aus, legte ihn ordentlich zu ihrer Reisetasche in das Gepäckfach und setzte sich.

„Das würde ich nicht tun,“ sagte er und lächelte sie an.

„Was meinen Sie?“ fragte sie ihn.

„Den Mantel ablegen. Die Heizung ist nämlich kaputt. Sie werden sehen, es ist unglaublich kalt hier drin, wenn man einfach nur so sitzt und sich nicht bewegt.“

Sie nahm die Sonnenbrille ab und sah ihn kühl an:

„Mir ist nicht kalt.“

Nach einer Viertelstunde öffnete sich die Tür.

„Jemand zugestiegen, die Fahrscheine bitte,“ der Schaffner sah sie an.

„Ja, ich, einen Moment bitte,“

sie gab ihm ihr Ticket.

„Wann wird denn die Heizung wieder angestellt?“

„Da muss ich Sie enttäuschen, leider wird es bis zur Endstation nichts mehr,

vielleicht ziehen sie besser ihren Mantel wieder an.“

Er tippte sich an die Mütze und verließ das Abteil.

Sie nahm ihren Mantel und legte ihn über ihre Knie.

„Wissen Sie was?“, der junge Mann lächelte sie wieder an.

„Was halten Sie davon wenn wir die Sitze ausziehen und die Beine hochlegen.

Dann können wir unsere Mäntel auf uns legen wie Decken.“

Sie sah in seine Richtung.

„Was wollen Sie von mir?“ fragte sie ihn mit eiskalter Stimme.

„Nichts – äh, ich dachte einfach, wir wärmen uns gegenseitig.“

Sie antwortete ihm nicht.

Der Zug glitt durch die Nacht. Im Abteil wurde es merklich kälter.

Nach einer Stunde holte sie ihre Reisetasche von der Ablage und zog eine

Strickjacke hervor. Sie zog sie an und knöpfte sie zu bis zum Hals.

Der junge Mann hatte in der Zwischenzeit den Mantel aus- und einen dicken Wollpullover angezogen, den er aus seinem Koffer geholt hatte.

Den Mantel legte er sich demonstrativ wie eine Decke über die Knie.

Irgendwann sagte sie leise:

„Also schön, dann machen wir es so.“

Sie zogen die Sitze aus, setzten sich gegenüber und legten die Mäntel

wie Decken über sich.

Sie spürte seine kräftigen Beine neben ihren.

„Einen Moment noch,“ sagte sie.

Sie holte aus ihrer Tasche dicke Socken, die sich zu ihrer eleganten

Garderobe seltsam ausnahmen, zog ihre Stiefel aus und streifte die

Socken über. Dann schlüpfte sie wieder unter die Manteldecke.

Instinktiv sah sie zum Fenster hinaus, erblickte aber nur ihr eigenes Spiegelbild.

„Ich würde gerne das Licht ausschalten,“

sagte sie ohne ihn anzusehen.

„Kein Problem, ist sowieso nur eine Funsel,“ sagte er und sprang auf.

Mit einem `klack` hatte er den Schalter über der Abteiltür umgelegt.

Jetzt konnte sie vage erkennen, was vor dem Fenster vorbeiflog.

Manchmal waren Umrisse von Häusern zu erahnen, sie stellte sich vor, wie hinter den Fenstern geschmückte Weihnachtsbäume standen, Familien sich um einen gedeckten Tisch versammelten.

„Fahren Sie auch zu ihrer Familie nach Hause?“, fragte er, vorsichtig, als ob er sich auf vermintem Gelände vorantasten würde.

„Nein“, kam es knapp.

Sie hätte gerne ihre Sonnenbrille wieder aufgesetzt, aber dann hätte sie draußen vor dem Fenster gar nichts mehr erkennen können.

Jetzt spürte sie die Wärme unter den Mänteln und zog den ihren etwas höher.

Am liebsten wäre sie darunter gekrochen.

Als Kind hatte sie sich die Hände vor die Augen gehalten, im festen Glauben, wenn sie die Erwachsenen nicht mehr sehen konnte dann könnten die Erwachsenen auch sie nicht sehen. Aber das war eine Illusion gewesen.

Jeder hatte sie gesehen. Es half nichts, sich hinter den Händen zu verstecken.

Sie starrte auf die vorbeifliegenden Lichter. Keine gute Idee, sich an die Kinderzeit zu erinnern. Wenn das anfing, war es nicht mehr zu stoppen.

„Ich liebe Weihnachten,“ hörte sie ihr Gegenüber sagen.

„Die ganze Familie trifft sich im Haus meiner Eltern, so ist es jedes Jahr.“

Sie spürte, wie ihre Augen brannten.

Ihre volle Konzentration galt dem Schauspiel vor dem Fenster, sie kniff die Lippen zusammen und ballte die Hände unter ihrem Mantel. Dann zog sie ihre Handtasche auf den Schoß und fischte die Sonnenbrille heraus. Sie setzte sie auf, schloss die Augen und lehnte sich zurück.

`Die Mauern müssen stehen`, dachte sie. `Ich habe vor drei Jahren das letzte Mal geweint, ich werde auch jetzt nicht weinen.`

Wenn der Zug in der Endstation eingefahren war, würde sie das Gleis wechseln und einen anderen Zug in eine andere Richtung besteigen, so wie sie das seit drei Jahren machte. Sie würde diese Nacht und den nächsten Tag in verschiedenen Zügen verbringen, auf einer Reise ohne Ziel. Irgendwann würde sie wieder zurückfahren.

Es war die beste Option, besser als alleine irgendwo herumzusitzen.

Sie spürte, wie die körperliche Nähe zu ihrem Gegenüber ihr zusetzte.

So nahe war sie lange niemandem gewesen. Sie biss sich auf die Lippen und ballte die Hände unter dem Mantel. Sie waren eiskalt.

Der junge Mann lehnte sich etwas nach vorne „ Darf ich Sie etwas fragen?“, er zeigte auf ihre Reisetasche. „Woher haben Sie denn diese alte Tasche? Das ist doch bestimmt ein Familienerbstück!“

„Ja, das ist es,“ sagte sie tonlos.

„Es ist das Einzige, was man von meinen Eltern und meinen Geschwistern nach dem Tsunami gefunden hat.“

Und in diesem Augenblick füllten sich ihre Augen mit Tränen.

In memoriam B.H., vermisst 25.12.2004, Khao Lak, Thailand

Abserviert

Chronik einer Kündigung

Dieser Tag wird wohl immer meine persönliche Guinessliste der „schlimmsten Tage meines Lebens“ anführen. Mein Lateinlehrer wäre stolz, wenn er wüsste dass ich jetzt, nach zwanzig Jahren, die Bedeutung von „dies ater“ begriffen habe. Caesar kann sich nicht schrecklicher gefühlt haben nachdem sein Ziehsohn Brutus ihm das Messer zwischen die Rippen jagte. Aber er konnte wenigstens noch sein„auch du mein Sohn Brutus“ stöhnen und anschließend filmreif den Löffel abgeben.

Danach wurde Caesar zu einer Legende und Brutus bekam in der Geschichte den Platz, der ihm zustand: er war der Verräter. Ich dagegen werde weder zur Legende werden noch werden meine Widersacher an den Pranger gestellt. Octavian, Caesars Großneffe, ließ Brutus´Kopf vor der Statue Caesars niederlegen, nachdem dieser sich nach verlorener Schlacht das Leben genommen  hatte.

Dieses Privileg wird meinen Nachkommen nicht vergönnt sein…

Ich muss an meinem persönlichen dies ater Haltung bewahren.

Eingekreist von Pfuhl und Groß sitze ich auf der Kante meines Stuhls und

darf mir anhören, dass man trotz meiner mannigfaltigen Qualitäten keinen Job mehr für mich hat. Die Umstrukturierungsmaßnahmen der Wieland Taler Unternehmensberatung hatten zu einer Verschmelzung meiner Abteilung mit einer weiteren Abteilung geführt.

„…leider müssen wir ihnen mitteilen, dass es in dieser Struktur keinen

Arbeitsplatz mehr für eine Frau Mair geben wird.“

Warum spricht er von mir in der dritten Person? „Sie haben ja noch dreißig Tage Urlaub, ich schlage vor sie nehmen erst einmal Urlaub.“

Ich sitze da, wie vom Donner gerührt.

Horrorszenarien laufen vor meinem geistigen Auge ab. Ich sehe schon die

Banker unser Haus versteigern, sehe mich in Sack und Asche in der Schlange

beim Sozialamt –

„Frau Mair, wollen Sie die Formalitäten direkt mit mir besprechen oder möchten Sie lieber einen Dritten einschalten?“

Was meint er? Welchen Dritten?

„Äh, was meinen Sie damit?

Meinen Sie einen ANWALT?“

Anwälte kannte ich nur aus dem Fernsehen. Am besten gefielen mir Spielfilme aus Amerika, in denen weitschweifige Gerichtsszenen mit ernst blickenden Geschworenen vorkamen.

„Na, das können sie sich ja noch überlegen.

Ich schlage vor, wir gehen jetzt in ihre Abteilung und teilen es ihren Mitarbeitern mit. Ach ja, da ich ja weiß, wie wichtig Ihnen das ist:

wir werden alle übernehmen. Alle haben einen Job.“

Na toll, denke ich. Alle außer mir.

So leicht will ich mich aber nicht geschlagen geben.

Zumal weder mein Kleinhirn noch der Rest meines Gehirns den Inhalt dieser persönlichen kleinen Ansprache verstanden hat.

„Man hat dich rausgeschmissen“, sagt mein Verstand.

„Das kann man mir nicht antun“, kontere ich.

„Warum nicht, du bist eben zuviel. Übrig. Vielleicht auch unbequem.“

„Unbequem? Ich unbequem?

Wie kann jemand der pausenlos Überstunden macht und Mitte August immer noch dreißig Tage Urlaub hat unbequem sein?“

Mein Verstand grinst: „Ach komm, sei mal realistisch. Du weißt doch, dass das nicht zählt. Am Ende des Tages musst du dich gut verkaufen können.“

Schön, dann will ich es jetzt wissen.

„Warum haben Sie keinen Job mehr für mich?“

frage ich Pfuhl ganz direkt.

„Wenn ich doch mit so vielen Qualitäten ausgestattet bin. Wenn Sie sogar sagen, es müsste mehr von meiner Sorte geben.“

„ Es liegt nicht an ihren mangelnden Qualitäten.“

Jetzt ergeht sich Pfuhl in einem Schwall heißer Luft.

Am Ende hat er nichts Wesentliches gesagt, außer, vielleicht zwischen den Zeilen, dass ich eine schwierige Persönlichkeit habe.

„Hab ich doch gesagt, du bist unbequem“ meldet sich wieder mein Verstand.

„Hättest eben mal eher nicken sollen als dauernd deine Meinung zum

besten zu geben!“

Ich starre wie ein hypnotisiertes Kaninchen auf das Bild an der

gegenüber Wand gegenüber. Groß klopft mir jovial auf die Schulter. Dieser Opportunist, denke ich. Jetzt hat er mich geschlachtet um seine eigene Haut zu retten. Mein Gott, wie er mich anwidert.

„Wir sollten dann noch ein paar Formalitäten besprechen,“ sagt Pfuhl

abschließend.

„Können wir das unter vier Augen tun?“ frage ich.

Lieber mit einem Kotzbrocken im Raum als mit zweien.

„Herr Groß, das geht schon in Ordnung,“

sagt Pfuhl.

„Es sind nur Formalitäten,“

Groß bleibt auffordernd neben mir stehen.

Ich zwinge mich, ihm ins Gesicht zu sehen.

Muss ich ihm jetzt die Hand geben?

Ich strecke ihm angewidert die Hand hin, vielleicht merkt er, dass mir

das schwer fällt.

„ Auf Wiedersehen Herr Groß,“

habe ich eben `auf Wiedersehen` gesagt?

Ich hoffe, das bleibt mir erspart.

„Ich werde mich schon noch verabschieden.“

Sage ich.

Und denke: bestimmt nicht, du Widerling.

Hast mich ins offene Messer laufen lassen nachdem ich die ganze

Zeit loyal hinter dir stand.

Meine Güte, ich habe diesen Mann sogar noch bedauert als er heftigen

Angriffen ausgesetzt war und alle ihn totgesagt hatten!

Endlich ist er aus dem Raum verschwunden.

Nicht ohne mir noch mal verschwörerisch auf die Schulter zu klopfen.

IGITT!

Pfuhl pflanzt sich neben mir auf.

Mit Pastorenstimme versucht er mir zu signalisieren, er sei der gute

Mensch von Sezuan.

„Wissen Sie, man wird ja öfter angerufen und nach einer Referenz

gefragt,“

er sieht mich bedeutungsvoll an.

„Natürlich kann ich dann so oder so antworten.“

Was will er mir dadurch signalisieren?

Verhalten sie sich regelkonform und die Referenz wird positiv für sie

ausfallen?

Ich lasse weitere salbungsvolle Sätze in meine Ohren sickern, ohne

ihren Inhalt zu verstehen.

Verstohlen sehe ich auf meine Uhr. Es ist siebzehn Uhr fünfundvierzig.

Ich sitze erst seit einer Dreiviertelstunde in diesem Büro.

Es kommt mir vor wie ein halber Tag.

Meine Existenz hat sich in diesen fünfundvierzig Minuten in Luft aufgelöst.

„So, dann wollen wir mal rüber gehen in ihre Abteilung,“

sagt Pfuhl.

Wir betreten den Flur.

Ich erinnere mich, wie ich diesen Flur zum ersten Mal entlang gegangen bin.

Es ist fast drei Jahre her.

Ich hatte einen Termin beim Inhaber der Firma, Herrn Herbst.

An diesem Tag war der Flur wie ausgestorben. Jede Tür rechts und links des Ganges war verschlossen.„Die heiligen Hallen,“ schoss es mir damals durch den Kopf.

Brauner Teppichboden, dunkelbraunes Holz, siebziger Jahre Chic. Zugeknöpft, engstirnig, spießig, das passt eigentlich nicht zu mir, dachte ich. Herr Herbst, ein aalglatter Endfünfziger, empfing mich in einem kleinen Besprechungsraum mit einem viel zu großen, ebenfalls dunkelbraunen, runden Besprechungstisch. Das Gespräch kam schwer in Gang, blieb holprig. Wir standen ein jeder auf einer Seite des Tisches, mir ist immer noch diese beklemmende Enge des Raumes im Gedächtnis. Ich war wie befreit, als ich mich verabschieden konnte. Am Ende war ich so klug wie zuvor.

Als ich die Zusage für den Job bekam war ich wirklich überrascht, denn Herbst konnte nicht viel mit mir anfangen, das habe ich gespürt.

Jetzt fällt mir das alles wieder ein. Hätte ich auf meinen ersten Impuls gehört wäre mir dieser Tag heute vielleicht erspart geblieben. Ich bin wie zugeschnürt, als hätte mir jemand einen Strick um den Hals gelegt. Der Gang zu meiner Abteilung ist Spießrutenlaufen. Jeder schaut an mir vorbei, ich fühle mich wie eine Aussätzige. Es scheint, als ob von mir eine Gefahr ausgehen würde, als ob dieser Virus ansteckend sei. Ich wurde rausgeschmissen, betriebsbedingt. Das ist die Tatsache, die an mir klebt wie ein riesiger Pickel, eine Pestbeule, die alle, die mir begegnen, in die Flucht schlägt. Ich bin unter einer Glasglocke, jedes Geräusch wabert wie im Nebel an meinen Ohren vorbei. Gleich werde ich meine persönlichen Dinge in eine Schachtel packen und zum Auto gehen. Nach Hause fahren, nicht schlafen können, Existenzängste bekommen und Wutanfälle. Das Gefühl der Ohnmacht wird mich wahnsinnig machen. Ich werde schreien wollen und nicht können.

Ich steige aus meiner Glasglocke, verabschiede ich mich von meinen Mitarbeitern, packe meine persönlichen Dinge in eine Schachtel, gehe zum Auto und –