Funkstille in der wortwabe

Ich sitze hier in meiner wortwabe und vergrabe mich. Seit drei Jahren treibt mich die Geschichte von Rosa um. Im Juli 2012 sind die beiden bei mir eingezogen, Rosa und Harold, und seither warten sie darauf, dass ich endlich in die Pötte komme. https://wortwabe.wordpress.com/2012/07/05/baustelle/

Es ist mir so viel passiert in diesen drei Jahren, dass ich immer wieder lange Pausen machen musste im Schreiben. Noch bin ich nicht am Kern der Geschichte angelangt, noch nicht angekommen an dem Punkt wo ihre Liebesgeschichte beginnt. Manchmal scheint es mir, als ob ich den Schmerz, den Rosa gefühlt hat, selbst erleben muss um sie zu verstehen. Um zu fühlen, was sie gefühlt hat und dann auch die Worte finden zu können, die ich brauche, um das aufzuschreiben. Und dann ist es wie ein innerer Drang, der mich immer wieder antreibt, doch weiterzumachen. Sie haben es verdient, dass man ihre Geschichte erzählt, diese beiden. Und Anna hat es verdient, die Chance zu bekommen, es besser zu machen als ihre Großmutter Rosa. Nicht im Schmerz zu verharren, weil man es immer den anderen recht macht und versucht, deren Erwartungen zu erfüllen. Und so vermischt sich mal wieder meine eigene Wirklichkeit mit der meiner Figuren, ich werde hineingezogen in dieses parallele Universum und frage mich, bin ich wirklich oder auch nur eine Figur in einer Geschichte, die gerade jemand schreibt? Gibt es für mich ein Happy End?

Endlich Frühling in der wortwabe

Lang genug hat er gedauert, der Winter. Ein nicht endendes Gemisch aus grauem Himmel, Regen und dicken Pullovern. Die ersten warmen Tage haben dem Garten Beine gemacht. Vor meinem Fenster steht der Apfelbaum in voller  Blüte, mit drei Wochen Verspätung. Das tränende Herz ist scheinbar mit doppelter Geschwindigkeit in die Höhe geschossen und seine pinkfarbenden Blüten schmiegen sich an die zarten Rosenknospen, als wollten sie ihnen Mut machen:“Nur zu, traut euch, der Winter ist endgültig Geschichte!“

Mit der Sonne krabbeln auch die Worte endlich wieder ans Licht, purzeln durch meinen Kopf und wollen sortiert werden. Die Buchstabensuppe kocht leise vor sich hin und ich schöpfe vorsichtig ab, was von unten nach oben steigt.

Wer ist Zeus? (Nachtrag aus September 2012)

Es wird Herbst

Ich sitze in meiner wortwabe und trauere dem Sommer hinterher. Der Himmel ist grau und immer wieder regnet es. Die Rosen vor meinem Fenster recken trotzig die letzten Knospen in die kühle Luft. Ich schließe mich Ihnen an und hoffe auf einen goldenen Oktober.

Plötzlich steht ein Mann vor meinem Schreibtisch, den ich noch nie gesehen habe. Ich schaue ihn irritiert an und als ich in seine Augen sehe, bin ich mir nicht sicher: kenne ich ihn?

„Erkennen Sie mich nicht?“

„Äh, nein. Wer sind Sie denn?“ frage ich ihn direkt.

„Ich bin Zeus!“ Das Ausrufezeichen am Ende des Satzes ist nicht zu überhören. `Meine Güte`, denke ich, `die Typen lassen sich immer schrägere Namen einfallen.`

„Der Name ist mir nicht EINGEFALLEN – ich BIN Zeus!“ sagt der Fremde jetzt mit einem ärgerlichen Unterton.

Woher weiß er, was ich eben gedacht habe? Jetzt wird er mir unheimlich.

„Sie müssen sich doch an mich erinnern, meine Liebe“, sagt er jetzt etwas freundlicher. Er sieht mich wieder an und tief in mir sitzt eine Erinnerung, die nicht aus ihrem Versteck kommt.

„Schön“, sage ich,“ Sie sind also Zeus. Und was wollen Sie von mir, Herr Zeus?“

„Einfach nur `Zeus`“, sagt er und setzt sich auf meinen Schreibtisch. Jetzt atme ich seinen Duft ein und aus dem Nichts schießt mir durch den Kopf „Ambrosia“.

„So ähnlich“ sagt der Typ, der behauptet Zeus zu sein. „Eine ganz besondere Mischung, exklusiv für mich komponiert. Übrigens von Aphrodite persönlich.“

`Ein Irrer`, denke ich noch und plane meine Flucht. Aber da ist er schon verschwunden.

Die wortwabe wird renoviert

Tja das war dann wohl ein Kaltstart…die hektische Einkaufsrunde durch den Sindelfinger Ikea mit meiner Freundin hat mich zu Regal 8 Fach 17 geführt, oder so ähnlich, jedenfalls stand da ein junger Mann, nicht ganz so attraktiv (leider) wie der aus der Cola Light Werbung aber immerhin jünger als ich (das ist heutzutage ja eigentlich jeder) und der hat irgendwas da ins Fach gepackt. Das fand ich ja immens praktisch,. Dann kann dieser starke Bursche ja gleich die Fachböden auf meinen Wagen legen. Was er dann auch gemacht hat. Dachte sich wahrscheinlich, „die arme alte Frau, der helfe ich doch gerne“  Und als ich dann zuhause das Paket ausgepackt habe, stellte sich heraus, dass ich eine Schublade gekauft hatte….eine RIESENschublade. Das kommt davon…Heute habe ich die Atomschublade wieder umgetauscht. Und die Vorhangschienen gekauft, die ich gestern vergessen hatte., Denn heute war ja mal wieder ein Handwerker da, dem ich das aufs Auge drücken wollte mit der Anbringung der Vorhangschienen. Als ich die Teile ausgepackt habe, musste ich feststellen, dass ich die Befestigung vergessen hatte. muss ich mir langsam Sorgen machen?!?!?

Sind das die Entzugserscheinungen, weil ich keine Zeit mehr für meine wortwabe habe? Oder liegt es daran, dass mein Kopf überfüllt ist mit all den noch nicht aufs Papier gebrachten Geschichten? Einer meiner Protagonisten hält mich mit seinen Frauengeschichten derart auf Trab dass ich kaum hinterherkomme…aber ich ahne schon dass das übel endet…..

Nummer 80

Das ist der achtzigste Artikel. WordPress zählt das fein säuberlich mit.Ich hätte sonst keine Ahnung, wie produktiv (oder auch nicht) ich bin. In den letzten Wochen hatte ich kaum Zeit, um in die Wortwabe zu gehen. Mein Coach ist der Meinung, man muss jeden Tag zwei Stunden schreiben damit sich der Körper daran gewöhnt. Wie ein Training. Und er hat recht. Der Körper gewöhnt sich daran. Mit dem Ergebnis, dass ich unter Entzugserscheinungen leide, wenn ich nicht schreiben kann. Dann bin ich zuerst zickig, und dann zofig. Der moderne Jugendliche reagiert auf so eine übel gelaunte Mama  ganz lässig mit: “ Chill mal“, oder – nächste Stufe –  mit „was willst du von mir?“. Meine Kater reagieren gar nicht, Hauptsache der Napf ist mit Futter der richtigen Sorte gefüllt.

Irgendwie sind alle versorgt nur ich habe Entzugserscheinungen, Meine Figuren sind beleidigt, weil ich sie links liegen lasse. Anna würdigt mich keines Blickes, dabei weiß sie genau, dass ich im Kopf – und da entstehen ja die Geschichten – trotzdem immer an ihrer Geschichte arbeite. Ich hatte nur noch keine Zeit, alles aufzuschreiben. Die Suppe wabert im großen Topf vor sich hin und ich rühre immer wieder mal um, werfe das eine oder andere Detail hinein und lasse sie wieder kochen.

„Es wird Zeit, endlich mal den Schaum oben abzuschöpfen!“ Anna meldet sich endlich zu Wort. „Ich habe keine Schöpfkelle“, antworte ich und das entspricht der Wahrheit. „So eine billige Ausrede“ fährt sie mich an. „Wenn sie so beschäftigt sind, dann stehen sie eben mal um fünf auf und schreiben sie da!“ Die Frau hat Humor! Was bildet die sich eigentlich ein! Seit wann muss ich mir als Autor von den Figuren vorschreiben lassen wann ich aufzustehen habe? Ich bin versucht zu sagen „Chill mal“ aber als ich ihren bösen Blick sehe, schlucke ich das hinunter. Eigentlich war es doch ganz friedlich in meiner Wortwabe aber jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher…

Böse

Heute kam eine Frau in die Wortwabe, die mir ein bisschen Angst einjagte. Sie sah eigentlich ganz nett aus, aber sie erzählte mir eine  seltsame Geschichte – von einer Schlange und einer anderen Frau –  ich habe nicht recht verstanden, was sie wollte aber es war bedrohlich und – böse.

Sie sagte, ihr Name sei Anna.

Irgendwas in mir war auf Rückzug und ich versuchte sie vorsichtig aber bestimmt in Richtung Ausgang zu schieben. Ich wollte gerade die Tür hinter ihr zudrücken da drehte sie sich nochmal um, schob die Tür auf und sah mir direkt in die Augen:

„Ich finde alles über Sie heraus, alles. Sie sollten also genau überlegen wie Ihre nächsten Schritte aussehen. Denn egal wo sie sind, ich finde Sie.“ Ihre Stimme war dunkel, fast etwas heißer. Obwohl ich keine Ahnung hatte, was sie von mir wollte bekam ich eine Gänsehaut und drehte hinter ihr den Schlüssel dreimal um.

Irgendwie fühle ich mich seither nicht mehr ganz sicher….

Baustelle

Rund um die wortwabe wimmelt es von Baustellen, sie sind sozusagen allgegenwärtig. Die wortwabe selbst ist auch im Umbruch, es ist ein Kommen und Gehen. Die einen ziehen aus und die anderen stehen da mit ihren Kartons und wollen einziehen.

Rose und Harold stehen Hand in Hand vor mir und sind der Meinung, sie wären jetzt endlich dran.

„Du bist seit über fünf Jahren an meiner Geschichte dran, wann schreibst du sie endlich auf?“ Rose wirkt etwas ungehalten. Sie besteht neuerdings darauf, dass ich sie „Rose“ nenne, englisch ausgesprochen, anstatt „Rosa“. Ich tue ihr den Gefallen, aber ihre Geschichte ist nicht so einfach. Das rumort und brodelt in mir und will nicht so einfach herausfließen.

„Dann gib dir eben mehr Mühe!“ sagt sie und sieht mich streng an. Sie trägt heute wieder ihre Brille in Schmetterlingsform, aus dem Amerika der sechziger Jahre, und wirkt dadurch etwas exzentrisch. Harold sagt nichts und himmelt sie verliebt von der Seite an. Ich nehme mir die Projektion eines Gänseblümchens und zupfe: soll ich – soll ich nicht – soll ich –

Ich hoffe nicht, dass es zu einer Schreibraumbesetzung kommt. Wenn es in der wortwabe zu unruhig wird kann ich gar nichts mehr schreiben.

Rose und Harold haben es sich auf ihren Kartons gemütlich gemacht und halten Händchen.

Ich muss mich wieder kneifen weil ich nicht recht weiß ob die beiden eine Projektion sind oder ich – bin ich aus Fleisch und Blut? Ich bin nicht sicher….

Ein seltsamer Brief

Ich habe eine Baustelle vor meiner Wortwabe. Es ist unerträglich. Nicht nur der extreme Lärm macht mir zu schaffen, ab und zu wackelt das ganze Haus als ob es gleich in die Baugrube stürzen wollte.

Konzentration fällt in so einer Situation nicht so leicht, aber ich kann nicht warten, muss schreiben, es muss jetzt heraus..

Ich schiebe lose Seiten zu einem Stapel zusammen um sie zu sortieren, da rutscht ein seltsames Papier heraus. Es sieht aus wie Pergament und riecht irgendwie – modrig. Die Buchstaben darauf sind tiefdunkelblau und verschwimmen vor meinen Augen.  Einen Moment lang habe ich den Eindruck, es wären griechische Buchstaben gewesen, aber jetzt sind es plötzlich lateinische Buchstaben in einer fließenden, schwungvollen aber deutlichen Handschrift.

„Es tut mir leid;“ steht da zu lesen,“  dass das Schicksal nicht gut genug aufgepasst hat. Dieser Pfeil hätte Sie nicht treffen dürfen. Aber Sie werden zu gegebener Zeit Ihrem Seelenpartner begegnen. Vertrauen Sie uns. Gezeichnet Tyche“

Ist das der Werbebrief einer neuen Sekte? Ich habe keine Ahnung, um welchen Pfeil es hier geht. Aber der Brief ist für mich, hier steht mein Name, ganz deutlich. Ich drehe das Papier von links nach rechts, rieche daran, es riecht als ob es in einer feuchten Höhle gelegen hätte und plötzlich zerfällt es vor meinen Augen.Staub wirbelt auf und ist verschwunden.

Wieder einmal muss ich mich kneifen, weil ich nicht sicher bin, ob ich wirklich bin oder nicht selbst auch eine Figur in einer Geschichte über – ja worüber eigentlich? Die Liebe?

Ich kann mich nicht erinnern

Deutschland ist nicht im Finale, ich boykottiere (vorläufig) italienisches Eis und esse Spätzle statt Spaghetti. In meiner Wortwabe ist es ruhig, ich kann gut nachdenken und rühre fleißig meine Buchstabensuppe…

Ab und zu habe ich das Gefühl, dass es einmal aufregender war als heute aber ich weiß nicht, warum. Im letzten Winkel meiner Erinnerung sehe ich zwei Augen, die mich sehr berührt haben – wer war er? Ich habe wirklich keine Ahnung. Wenn er jedoch so beeindruckend gewesen ist, warum erinnere ich mich an NICHTS?

Eine große schlanke Frau mit roten Haaren taucht plötzlich vor meinem Schreibtisch auf und sagt: „Seien Sie froh dass Sie ihn los sind! “ Dann verschwindet sie kommentarlos wieder. Ich rufe ihr nach: „Hallo , wer sind Sie?“  aber vielleicht war auch sie nur eine Projektion.

Es ist äußerst seltsam, ebenso wie eine Reihe blauer Flecke an meinem rechten Unterarm, die eindeutig so aussehen, als hätte mich jemand gekniffen. Und woher kommt die rote Rose auf meinem Schreibtisch, die seit Tagen hier in der Vase steht und nicht verwelkt?

Wieder einmal frage ich mich, wie wirklich meine Wirklichkeit ist, und ob nicht ich selbst die Figur bin in der Geschichte eines anderen – ich bin nicht sicher.

Der erste Pfeil trifft

Manchmal sind kleine Verletzungen unglaublich schmerzhaft. Ich habe mir am linken Zeigefinger bei einer ungeschickten Bewegung ein Stückchen Haut gequetscht und abgerissen. Geblieben ist eine kleine kreisrunde Wunde, die aussieht, als hätte man mir ein Stück Haut heraus gestanzt.

Jetzt muss ich den Stift ganz verkrampft halten, damit ich diese kleine wunde Stelle nicht berühre.

„Soll ich ihre Wunde heilen?“ Da ist er wieder. Die Doppeldeutigkeit seiner Worte scheint Zeus nicht bewusst zu sein. Von diesem anderen Schmerz ahnt er ja offensichtlich nichts. Auch ein allwissender Gott kann nur das fühlen war er selbst kennt, schießt es mir durch den Kopf. Und diese Gefühle kennt er ja nicht.

Er lächelt mich mit seinem unergründlichen Lächeln an. In seinen grünen Augen sind kleine helle Sprenkel.

„Nein danke,“ ich versuche locker zu bleiben, „Das wird schon wieder, halb so schlimm.“

Ich tue so, als wäre ich beschäftigt und versuche ihn nicht zu beachten.

„Warum sind sie denn heute so abweisend, meine Liebe?“ Seine Stimme fließt direkt in mein Herz und breitet sich dort aus, kriecht dann in jede Pore und transformiert sich zu einer so tiefen Sehnsucht, dass ich vor Schmerz die Luft anhalte. Ein Teil meines Ichs ist sich bewusst, dass all das, was ich spüre, nur eine Projektion meiner Fantasie ist. Der andere Teil ist gefangen in dieser Sehnsucht, die mich wie mein eigener Herzschlag durch den Tag begleitet.

Vielleicht ist die Dimension, in der ich mich mit meiner Figur befinde, real und die vermeintliche Realität ist nur eine Illusion?

Während ich die Möglichkeiten abwäge spüre ich einen schmerzhaften Stich in der Brust. Für einen Moment halte ich die Luft an. Ich fasse mich ans Herz, aber da ist nichts. Ich fühle mich plötzlich seltsam leer, als ob man mir etwas genommen hätte, an das ich mich nicht mehr erinnern kann, aber ich weiß dass es da war.

Ich bin allein in meiner Wortwabe und frage mich ob ich wohl eine  Figur bin in der Geschichte eines anderen – bin ich aus Fleisch und Blut? Ich bin nicht sicher.

Augenpads

Heute brauche ich Augenpads. Der Restalkoholpegel in der Wortwabe senkt sich auch nur langsam ab. Insgesamt ist meine Stimmung also eher bescheiden.

Außerdem bin ich sauer auf Zeus. Er ist wieder reumütig zu Hera zurückgekehrt.

Es ist mir unerklärlich warum meine Figuren nicht das machen, was ich ursprünglich geplant hatte.

Eigentlich will ich ihn auch gar nicht mehr sehen, das war mir immer unheimlich wenn er so plötzlich vor mir stand. Obwohl – wenn ich an seine Augen denke, dann werde ich fast wieder schwach….

Nein, ich bin jetzt konsequent und wende mich anderen Themen zu.

Also um ehrlich zu sein, ich finde die Ehe wird total überbewertet. Diese Treueschwüre für ein ganzes Leben, im Grunde ist das ja nur sentimentaler Quatsch. Aber irgendetwas scheint Sterbliche und Götter daran zu faszinieren.

Die einzige ewige Liebe die ich kenne ist die mittlerweile zweiundvierzig Jahre dauernde Freundschaft zu meiner ältesten Freundin. (Ich sehe schon wie in Gedanken hochgerechnet wird wie alt wir wohl sind. Zeit ist ja relativ, also spielt das doch keine Rolle, oder?)

Gestern haben wir ihren Geburtstag gefeiert. Und deshalb geht es heute nur mit Augenpads.

Wie es mit Zeus weiter geht? Ich weiß es schon, aber ob es dann so kommt wie ich es mir in der Wortwabe ausgedacht habe – wer weiß? Ich bin ja nicht einmal sicher, ob ich nicht selbst auch nur eine Figur bin in der Geschichte irgendeines anderen, der sich jetzt ärgert, weil ich nicht das mache, was er sich ausgedacht hat?

Bin ich aus Fleisch und Blut? So unsicher wie heute war ich noch nie….

Zeus ist wieder da

Heute ist ein ziemlich heißer Tag, ungewöhnlich heiß. So ein Tag, an dem man seine langen Haare verflucht und irgendwie versucht zu bändigen. Ein Tag, an dem Mascara unter den Augen zu schwarzen Flecken gerinnt und die Nase glänzt als ob sie dafür einen Preis gewinnen könnte. Und ausgerechnet heute, wenn ich vollkommen derangiert in meiner Wortwabe sitze, kommt Zeus.

Unangemeldet, wie immer. Er setzt sich mir gegenüber an den zweiten Schreibtisch und ich versuche verzweifelt, mich hinter meinem Bildschirm zu verstecken. Ich bücke mich und fingere an meinem Router herum. Zeus bückt sich ebenfalls und grinst mich unter dem Tisch an:

„Suchen Sie etwas? Ich finde, Sie wirken heute irgendwie überspannt!“

Im Gegensatz zu mir sieht Zeus wieder umwerfend aus, allerdings ist er heute blond und mein Beuteschema ist eher dunkelhaarig. Kaum habe ich den Gedanken zu Ende gedacht, sind seine Haare braun, fast schwarz. Zeus spielt mit einer langstieligen roten Rose herum: „Wollten wir nicht eine Nacht zusammen verbringen?“

Er schaut mir tief in die Augen, mittlerweile befinden wir uns wieder über der Tischplatte. Habe ich schon erwähnt, dass Zeus eine außergewöhnliche Stimme hat? Irgendwie sanft, aber auch bestimmend und auf eine Art – vage – so als ob er bei jedem Satz bereits bei seinem nächsten Gedanken wäre  –

„Ich, äh, also –“ meine Güte, jetzt fange ich schon an zu stottern!

Ich kneife mich ganz fest in den rechten Unterarm (ich bin Linkshänderin) und sofort bildet sich ein Fleck.

Zeus ist verschwunden.

Auf meiner Tastatur liegt – können Sie sich das nicht denken?

Eine Rose….und ich schaue mir meinen rechten Arm an und frage mich, ob ich wirklich aus Fleisch und Blut bin oder nur eine Figur in einer Geschichte die gerade irgendwo geschrieben wird. Ich bin nicht sicher.

Stoppt Artemis!

Gestern musste ich die Wortwabe wegen Überfüllung schließen.Wütende Anhängerinnen (Geliebte?) von Zeus drängten sich mit „Stoppt Artemis“ und „Nieder mit Hera“ – Transparenten  in meinen Schreibraum und wollten mich zwingen eine Erklärung zu unterschreiben.

„Das ist Zensur!“ rief ich empört und konnte doch das Stimmengewirr kaum übertönen..

„Wir stimmen mit den Füssen ab!“

„Genau!“

„Wir wollen unseren alten Zeus behalten!“

Alle schrien hysterisch durcheinander.

Ich hielt mir die Ohren zu, das war ja nicht zu ertragen.

Mit Mühe und Not schaffte ich es, die Demonstrantinnen zur Tür hinaus zu schieben. Diese Unruhe in meiner sonst so friedlichen Wortwabe hat mich ganz durcheinander gebracht. Wo ist eigentlich Zeus?

Brief

Und da macht sich

meine Sehnsucht auf

deine Seele zu

suchen so allein

im Regen zu gehen

ist sehr schwer

manchmal

hier in dieser

Wortwabe

sammle ich emsig keinen

Honig sondern die sterbenden

Blätter der Bäume

um mich her

Ich werfe die traurigen Worte

hinaus

aus immer offener Tür

Niemand

hebt sie auf

Niemand

kommt herein