Gerade gelesen

Ich hab´s ja nicht so mit Buchempfehlungen. Etwas gut zu finden, ist doch immer etwas Subjektives, wenn man kein Literaturkritiker ist. Wobei ich gestehen muss, dass ich mich bei deren Empfehlungen beim Lesen des entsprechenden Buchs häufig frage, warum sie genau dieses Buch so toll fanden. Allerdings habe ich aufgehört, mich zu fragen, ob ich zu blöd bin, es zu verstehen. In Amerika gibt es ja nicht diesen deutsch-ernsthaften Unterschied zwischen „E“ und „U“, ein Buch darf den Leser nicht langweilen, „show don´t tell“ ist die Devise.

Wie dem auch sei, ich möchte all denen unter Euch, die Eltern haben, deren Jugend auf dem Altar des 2. Weltkriegs geopfert wurde, dieses Buch ans Herz legen. Und auch denen, die Großeltern haben, deren Jugend so weit weg ist, dass sie gar nicht zu existieren scheint, weil man diese Großeltern nur als alte Menschen kennengelernt hat.

„Die Freibadclique“ von Oliver Storz.

Für mich als Schwäbin aus dem Raum Stuttgart auch deshalb so spannend, weil es hier in der Region angesiedelt ist. Es ist die Geschichte einer Jungsclique Jahrgang 1929, beginnt im Jahr 1944 und Oliver Storz schildert darin weitgehend seine eigenen Erlebnisse. Ein Buch, das es leicht macht, einzutauchen. Ein Buch, das Bilder im Kopf entstehen lässt. Ein  Buch, bei dem ich geweint habe um die verlorenen Jahre der Sorglosigkeit meiner Eltern. Ich bin schon lange der Meinung, dass wir alle die Geschichten unserer Ahnen in unserem Blut haben, all die nie erzählten Schrecken. Es schwingt immer mit, unausgesprochene Geheimnisse schweben wie Spinnenfäden durch den Raum, wenn die Familie zusammenkommt und bleiben an dir kleben. Hier hat einer seine Geschichte erzählt, der erzählen kann. Und die Geschichten müssen erzählt werden, damit sie nicht vergessen werden, wenn eine Generation ausstirbt.

Aus dem Klappentext:

„Irgendwie waren wir missraten. Wir schwänzten Schule und HJ-Dienst, nachts lauschten wir unter Wolldecken verborgen den Feindsendern, wo Benny Goodman, Duke Ellington und Glenn Miller spielten, kurz wir taugten nichts, jedenfalls nicht zu Helden…“

Sommer 1944, irgendwo im Schwäbischen. Knuffke, Bubu, Zungen-Kuss, Rosenacher („Hosenmacher“) und der Erzähler sind fünfzehn, und ihnen steht der Sinn nach allem mehr als nach Nationalismus. Sie wollen wissen, wie das mit den Mädels ist, wie man die Penne hinter sich bringt und um die SS-Wehrmacht herumkommt. Aber sie ahnen, dass es, trotz ihrer gut trainierten Lässigkeit, ums Überleben geht. Als sie dann, im April 45, doch noch zum Volkssturm müssen, sind sie bald nur noch zu dritt. Rosenacher geht verschütt. Zungen-Kuss hatte es zuvor auf einem Maisfeld am Westwall erwischt. Als die drei übrigen unter Lebensgefahr türmen, haben sie keine Ahnung, was ihnen zu Hause blüht, vielleicht ist die US-Army ja auch schon da.                                                          Oliver Storz schildert in seinem Roman das Drama des Jahrgangs 1929, dem er selbst angehörte, ungemein lebendig, poetisch – und weitgehend aus eigener Erfahrung.“

 

Falls es jemand liest und mir einen Kommentar hinterlassen möchte, freue ich mich sehr!

Bittersüß/ abc Etuden

eine neue Woche, eine neue Schreibanregung von Herrn Textstaub. Dieses Mal kommt das Wortgeschenk von Margot M. :

Geduld, Schokolade, Bücher

Fast von selbst wurde daraus etwas Autobiographisches. Hier meine Etude….

Bitterschokolade, Papa mochte nur Bitterschokolade.

Die runde Dose, rot mit weiß, lag immer im Handschuhfach und ich übte mich in Geduld, fragte nicht sondern wartete, bis er sie hervorholte.

Papa hielt mir die geöffnete Dose hin, in saubere Viertelkreise  geschnitten lag die Schokolade auf weißem Papier.

Er legte einen Viertelkreis in meine Hand und ich nahm das Stück Schokolade schloss die Augen und ließ es auf meiner Zunge zergehen, wollte es so lange wie möglich im Mund behalten, bitter und süß.

Später teilten wir keine Schokolade mehr sondern Bücher.

Mein Vater arbeitete viel, hatte wenig  Zeit und las abends, vor dem Einschlafen, am liebsten Krimis oder Thriller.

Irgendwann begann ich, ihn mit Büchern  zu versorgen,, verkostete sie, blätterte Seite um Seite um, ließ die Wörter auf meiner Zunge zergehen bis zum Ende und entschied dann, ob das Buch spannend genug für meinen Vater war.

Mein Vater aber übte sich in Geduld,  fragte nicht sondern  wartete, bis ich ihm das Buch reichte.

Als er starb versuchte ich mit geschlossenen Augen dem Gefühl nachzuspüren, wie es war wenn er mich zum Abschied an der Tür umarmte,, mir mit seiner Hand über die Wange strich, mich anlachte.

Ich wollte die Erinnerung so lange wie möglich in meinem Herzen behalten, bitter und süß.