Skiurlaub

Inspiriert von Andrea  von hummelweb und ihrer abc-Etüde habe ich mal in meinen Erinnerungen gefischt und den Winter herausgezogen, als ich Skifahren gelernt habe. Unvergesslich und so präsent, immer noch. Es ist schon was dran, man sollte die Erinnerungen zu Papier bringen, solange sie noch da sind. Hier meine Geschichte.

Den ersten Skiurlaub meines Lebens verdanke ich meiner schlechten Konstitution als kleines Kind. Ich erinnere mich gut an diese Tage im Bett in meinem Kinderzimmer. In meiner Erinnerung bin ich wochenlang im Bett gelegen .Nach Röteln kam der Keuchhusten – mein Bett wurde an die Balkontür geschoben, sodass ich das Vogelhaus auf dem Balkon sehen konnte. Nachts konnte ich nicht schlafen und hörte im Küchenradio meiner Mutter, das man mir neben das Bett gestellt hatte, im Südfunk die Sendung „Musik bis zum frühen Morgen“, die ging bis fünf Uhr. Danach schlief ich meistens ein.  Meine Großeltern hatten ein Gasthaus, ein richtiger Familienbetrieb, im selben Ort. Meine Mutter und meine Tante arbeiteten dort mit. So kam es, dass ich immer wieder alleine war tagsüber. Ich fand das gar nicht so schlimm, ich konnte mich gut beschäftigen. Auch heute noch bin ich gerne alleine für mich und ich brauche das auch. So gern ich in Gesellschaft bin, so sehr brauche ich dann den Rückzug. Die Hightlights dieser Wochen im Krankenstand waren die Besuche meiner Oma Rosa, die mit dem Bus angefahren kam, sich neben mein Bett setzte und mit mir Halma spielte. Ich weiß nicht, ob ich ihr das jemals gesagt habe, WIE besonders diese Nachmittage waren, was für eine Freude sie mir damit gemacht hat. Der Husten war mörderisch, ich erinnere mich, dass ich einmal in der Küche den eben getrunkenen Tee in großen Fontänen auf den Boden gehustet habe. Ich behielt nichts bei mir und unser alter Hausarzt sagte zu  meiner Mutter „Das Kind braucht Luftveränderung“. So kam es, dass mein Vater uns ins Montafon fuhr, nach Schruns. Dort hatten meine Großeltern Freunde, Luzie und Gustl. Diese Freundschaft geht zurück auf meinen Urgroßvater, der mit einem Freund immer ins Montafon fuhr. Deshalb war es bei Tante Luzi und Onkel Gustl auch wie daheim. Tante Luzie war ein Engel, ein Mensch, der so viel Liebe und Güte ausstrahlte, dass man es körperlich spüren konnte. Ich habe sie angebetet. Die Erinnerung an diese Tage in Schruns ist wie eine Wüste mit Oasen, zwischen denen es keine Verbindung gibt. Puzzlestücke, einzelne Szenen, die jedoch ganz klar vor meinen Augen sind. Ich sehe Luzie, die immer eine weiße Schürze trug.. Das Esszimmer bei Luzie mit dem großen Kachelofen. Die Außerlitzstraße, die rote Gondelbahn, die Skihütten. Mein Vater war ein begeisterter Skifahrer, also lag es nahe, dass ich in Schruns einen Skikurs machte. Der Skilehrer hieß Willy. Er war mittelgroß und sehr schlank und hatte rotblonde Haare. Sein Rucksack faszinierte mich über alle Maßen, er war aus braunem Stoff mit Ledergurten und wenn wir eine Abfahrt gemeistert hatten, fischte er kleine Schokoladetäfelchen aus dem Rucksack. Das hört sich heute unspektakulär an, aber in den sechziger Jahren war Schokolade etwas Besonderes, das es nicht jeden Tag gab. Damals gab es auf dem Hochjoch noch zwei urige kleine Skihütten, ganz aus Holz, eingerichtet mit Bänken und Tischen aus Holz und immer zum Brechen voll. Mein liebstes Getränk war heißes „Skiwasser“, klebrig und rot und süß. Wenn wir aus der Hütte wieder nach draußen gingen und der erste Hustenanfall kam, spuckte ich das Skiwasser wie eine blutige rote Spur in den Schnee…Ich hatte mich schon so an das Husten gewöhnt, dass es mir gar nichts mehr ausmachte. Aber nach einer Woche war es besser und als der Urlaub nach zwei Wochen vorbei war, war ich gesund. Und konnte im Pflugbogen zur Mittelstation abfahren.

Die Fotos sind später entstanden, es könnte 1970 oder 1971 sein.

An der Wand einer der beiden Skihütten, vorne links sitze ich, dahinter meine Schwester, meine Cousine, ein hartnäckiger Verehrer meiner Schwester und meine Patentante.

Auf der Mittelstation mit meiner Mama.

In diesem Winter bekam ich ,meine ersten Skistiefel mit Schnallen und war stolz wie Oskar!

Gerade gelesen

Ich hab´s ja nicht so mit Buchempfehlungen. Etwas gut zu finden, ist doch immer etwas Subjektives, wenn man kein Literaturkritiker ist. Wobei ich gestehen muss, dass ich mich bei deren Empfehlungen beim Lesen des entsprechenden Buchs häufig frage, warum sie genau dieses Buch so toll fanden. Allerdings habe ich aufgehört, mich zu fragen, ob ich zu blöd bin, es zu verstehen. In Amerika gibt es ja nicht diesen deutsch-ernsthaften Unterschied zwischen „E“ und „U“, ein Buch darf den Leser nicht langweilen, „show don´t tell“ ist die Devise.

Wie dem auch sei, ich möchte all denen unter Euch, die Eltern haben, deren Jugend auf dem Altar des 2. Weltkriegs geopfert wurde, dieses Buch ans Herz legen. Und auch denen, die Großeltern haben, deren Jugend so weit weg ist, dass sie gar nicht zu existieren scheint, weil man diese Großeltern nur als alte Menschen kennengelernt hat.

„Die Freibadclique“ von Oliver Storz.

Für mich als Schwäbin aus dem Raum Stuttgart auch deshalb so spannend, weil es hier in der Region angesiedelt ist. Es ist die Geschichte einer Jungsclique Jahrgang 1929, beginnt im Jahr 1944 und Oliver Storz schildert darin weitgehend seine eigenen Erlebnisse. Ein Buch, das es leicht macht, einzutauchen. Ein Buch, das Bilder im Kopf entstehen lässt. Ein  Buch, bei dem ich geweint habe um die verlorenen Jahre der Sorglosigkeit meiner Eltern. Ich bin schon lange der Meinung, dass wir alle die Geschichten unserer Ahnen in unserem Blut haben, all die nie erzählten Schrecken. Es schwingt immer mit, unausgesprochene Geheimnisse schweben wie Spinnenfäden durch den Raum, wenn die Familie zusammenkommt und bleiben an dir kleben. Hier hat einer seine Geschichte erzählt, der erzählen kann. Und die Geschichten müssen erzählt werden, damit sie nicht vergessen werden, wenn eine Generation ausstirbt.

Aus dem Klappentext:

„Irgendwie waren wir missraten. Wir schwänzten Schule und HJ-Dienst, nachts lauschten wir unter Wolldecken verborgen den Feindsendern, wo Benny Goodman, Duke Ellington und Glenn Miller spielten, kurz wir taugten nichts, jedenfalls nicht zu Helden…“

Sommer 1944, irgendwo im Schwäbischen. Knuffke, Bubu, Zungen-Kuss, Rosenacher („Hosenmacher“) und der Erzähler sind fünfzehn, und ihnen steht der Sinn nach allem mehr als nach Nationalismus. Sie wollen wissen, wie das mit den Mädels ist, wie man die Penne hinter sich bringt und um die SS-Wehrmacht herumkommt. Aber sie ahnen, dass es, trotz ihrer gut trainierten Lässigkeit, ums Überleben geht. Als sie dann, im April 45, doch noch zum Volkssturm müssen, sind sie bald nur noch zu dritt. Rosenacher geht verschütt. Zungen-Kuss hatte es zuvor auf einem Maisfeld am Westwall erwischt. Als die drei übrigen unter Lebensgefahr türmen, haben sie keine Ahnung, was ihnen zu Hause blüht, vielleicht ist die US-Army ja auch schon da.                                                          Oliver Storz schildert in seinem Roman das Drama des Jahrgangs 1929, dem er selbst angehörte, ungemein lebendig, poetisch – und weitgehend aus eigener Erfahrung.“

 

Falls es jemand liest und mir einen Kommentar hinterlassen möchte, freue ich mich sehr!

Bittersüß/ abc Etuden

eine neue Woche, eine neue Schreibanregung von Herrn Textstaub. Dieses Mal kommt das Wortgeschenk von Margot M. :

Geduld, Schokolade, Bücher

Fast von selbst wurde daraus etwas Autobiographisches. Hier meine Etude….

Bitterschokolade, Papa mochte nur Bitterschokolade.

Die runde Dose, rot mit weiß, lag immer im Handschuhfach und ich übte mich in Geduld, fragte nicht sondern wartete, bis er sie hervorholte.

Papa hielt mir die geöffnete Dose hin, in saubere Viertelkreise  geschnitten lag die Schokolade auf weißem Papier.

Er legte einen Viertelkreis in meine Hand und ich nahm das Stück Schokolade schloss die Augen und ließ es auf meiner Zunge zergehen, wollte es so lange wie möglich im Mund behalten, bitter und süß.

Später teilten wir keine Schokolade mehr sondern Bücher.

Mein Vater arbeitete viel, hatte wenig  Zeit und las abends, vor dem Einschlafen, am liebsten Krimis oder Thriller.

Irgendwann begann ich, ihn mit Büchern  zu versorgen,, verkostete sie, blätterte Seite um Seite um, ließ die Wörter auf meiner Zunge zergehen bis zum Ende und entschied dann, ob das Buch spannend genug für meinen Vater war.

Mein Vater aber übte sich in Geduld,  fragte nicht sondern  wartete, bis ich ihm das Buch reichte.

Als er starb versuchte ich mit geschlossenen Augen dem Gefühl nachzuspüren, wie es war wenn er mich zum Abschied an der Tür umarmte,, mir mit seiner Hand über die Wange strich, mich anlachte.

Ich wollte die Erinnerung so lange wie möglich in meinem Herzen behalten, bitter und süß.