abc Etüden / rien de rien

Ein schönes Ritual sind sie mittlerweile, Herrn Textstaubs abc. Etüden. Diese Woche wurden die 3 inspirienden Worte gestiftet von Melanie Coupar, vielen Dank dafür!

https://textstaub.wordpress.com/2017/03/12/schreibeinladung-fuer-abc-etueden-fuer-die-textwoche-11-17-worte-by-melanie-coupar/

Hier meine Etüde:

Damals im Val D`Isère , auf viel zu niedrigen roten Kunstledersesseln an kleinen Resopaltischen, vor uns der riesige Teller auf einem Austerngestell, dicht an dicht belegt mit Austern – damals liebte ich ihn. Jedes Jahr im Frühling, wenn die erste Sonne die Menschen nach draußen lockt, fuhren wir nach Paris. Wir wohnten im Hotel California an der Rue de Berri und gingen am Abend die paar Schritte ins Val D`Isère, wo er seinen Stammplatz hatte und die Kellner ihn wie einen alten Freund begrüßten. Ich sah ihm zu wie er seine Austern schlürfte – das Geräusch macht mir heute Übelkeit, damals fand ich es weltmännisch und versuchte es ihm nachzumachen, schlürfte mit angehaltenem Atem die Auster und würgte sie hinunter. Ich fand es ekelhaft und erinnere mich genau, dass ich mir dachte, es sind nur Meeresfrüchte, so wie Muscheln, einfach nur Meeresfrüchte. An einem dieser Abende im Val d`Isère, als ich ihm beim Austernschlürfen zusah, fällte ich das Urteil über ihn, über mich und über mein Leben. Ich weiß nicht mehr genau, ob es nach Auster Nummer sieben oder Auster Nummer acht war, aber ich erinnere mich, dass ich ihn ansah und wusste, es geht nicht mehr. Ich nahm meine Tasche, entschuldigte mich und ließ ihn in dem Glauben, ich würde mir die Nase pudern gehen, am Tisch zurück. An der Garderobe nahm ich meinen Mantel in Empfang, trat auf die Straße, wandte mich nach links zur Champs Elysèe, stieg dort in das nächste freie Taxi und fuhr zum Charles De Gaulle.

Die Hängematte schaukelt an dem alten Olivenbaum, ich hole Bild um Bild um Bild aus meiner Erinnerung und summe leise vor mich hin – Non… rien de rien, Non… je ne regrette rien C’est payé, balayé, oublié Je me fous du passé…

 

Sicherlich auch beeinflußt durch den Einbruch in mein Haus am Freitag, habe ich diese Geschichte geschrieben, in der es auch darum geht, dass materielle Dinge nichts sind, solange man seine Würde behält und morgens in den Spiegel schauen kann.

Das „Hotel California“ hat eine spannende Geschichte, ich durfte auf geschäftlichen Reisen in den 90er Jahren häufig dort übernachten:

Roots in Hollywood

Hotel California has always played the trump card of the American West Coast and its easy living. This is because for many years, the effervescent Herald Tribune (which was first known as the New York Herald Tribune) was right across the street. The headquarters of the European edition of this American press giant was located at 15 Rue de Berri from 1930 to 1978.

Great American journalists, who were special envoys from New York or Los Angeles, gradually turned Rue de Berri into an essentially American street. When France was liberated, they found themselves at a ringside seat with an eye on the action. This was where the first American restaurants on the Champs-Elysées were founded, which obviously attracted the leading names of Hollywood cinema.

At the California Bar in the fifties, it was not unusual to cross the path of Hemingway, Orson Welles or Clark Gable; Elizabeth Taylor and Richard Burton were regular visitors. Hotel California was born officially on March 9, 1925, when the Princess of Polignac bought land located at 16 Rue de Berri. Pierre Bermond, the French pioneer of the luxury hotel industry, who also left his mark on the history of the Royal Monceau Hotel in Paris, the Ruhl in Nice and the Miramar in Biarritz, turned the hotel into a veritable palace. It immediately became famous with the arrival of the first American journalists. Stars were interviewed in their suites. There was a shopping area with a hairdressing salon on the underground floor.

Bustling activity that concerned newspapers, cinema and the United States focused on the California, which was long a beacon reflecting the lights of Hollywood.(Quelle:http://www.leshotelsduroy.com/en/hotel-california/your-hotel/hotel-california-paris-history)

City of love

THE CHALLENGE:

Write a one hundred word story that has a beginning, middle and end. (No one will be ostracized for going a few words over the count.) the group is hosted by Rochelle, each week we find an inspiring new photo on her blog: http://rochellewisofffields.wordpress.com

THE KEY:

Make every word count.

To see all the great 100 word stories of the weekly challenge use this link:http://new.inlinkz.com/luwpview.php?id=380417

I am happy with your comments! Since English is my second language I am glad about any help to improve grammar or terms.

Back again –  I am happy I can take part this week. Thanks Rochelle for the inspiring photo. When I see this old elevators I always think of Paris…

old-building-staircase

Foto Copyright: Rochelle Wisoff-Fields.

He rushed through the streets, turned into the Rue de Berri  and I remembered our wedding night in the Hotel California ten years ago. I followed him, carefully, like a shadow, and finally he entered one of the beautiful ancient Parisian houses. I crossed the street and slowly opened the heavy door of the building, slipped into and saw the elevator disappearing up. The display showed it stopped on the third floor.  “Cherie, enfin..” the rest of the sentence was swallowed by the metallic noise of the closing grate. I quietly crept the stairs up to the third floor and pushed the doorbell.

103 words

If you want to find out more about the „Hotel California“ in Paris and it´s history click here http://www.leshotelsduroy.com/en/hotel-california/your-hotel/hotel-california-paris-history

Die Geschichte von Leonardo und Lisa

Mona Lisa sah mit unergründlichem Lächeln auf die Besucher, die sich um sie scharten. Sie war es gewöhnt, angestarrt zu werden. Seit Hunderten von Jahren ergötzten sich die Menschen an ihr. Man hatte sie von Zimmer zu Zimmer getragen, ihr Bild aus dem Rahmen geschnitten und gestohlen, sie hatte schon vieles erlebt. Hier im Louvre war sie nun schon so lange, dass sie sich nicht mehr genau an die anderen Orte erinnern konnte.

Nur an das Schlafzimmer Napoleons erinnerte sie sich, er hatte ihr einiges zugemutet. Warum eine so gebildete schöne Frau wie Josephine sich von ihm angezogen fühlte, hatte sie nie verstanden. Manchmal hätte sie lieber weggesehen, aber das ging ja nicht. Damals wusste sie auch noch nicht, wie man seinen Bilderrahmen verlässt, das hatte ihr erst vor fünfzig Jahren La Liberté verraten, wer sonst. Sie rannte nachts mit entblößter Brust durch die Räume des Louvre und sang die Marseillaise.

So etwas würde Lisa nie einfallen, wenn auch sie weitaus temperamentvoller war als sie den Anschein machte.

Das Stimmengewirr vor ihr war international. Mittlerweile sprach Mona Lisa mehrere Sprachen, zumindest die Worte, die sie immer wieder hörte:

„Che bellissima!“ riefen die Italiener.

„How beautiful!“ die Amerikanerinnen.

Sie folgte interessiert aber mit unbewegter Miene den Diskussionen um ihren Namen und lächelte.

Insgeheim ärgerte sie sich wenn wieder jemand behauptete, sie sei ein Mann. Was für eine Lächerlichkeit! Nachts, wenn die Hallen leer waren und die Aufpasser, wie sie die Sicherheitsleute nannte, anderswo kontrollierten, kämpfte sie sich aus dem lächerlich kleinen Rahmen und vertrat sich die Beine. Sie deklamierte halblaut die fremden Worte, die sie gehört hatte. Manchmal schlich sie sich auf eine Toilette und betrachtete sich im Spiegel.

Wie konnte nur irgendjemand auf die Idee kommen sie wäre ein Mann gewesen? Das wäre ja als ob man Jesus Christus für eine Frau hielte! Sie war eine Frau, und was für eine!

Sie erinnerte sich noch genau an den ersten Besuch bei Leonardo.

Ihr Mann hatte das Portrait in Auftrag gegeben und sie war stolz, dass so ein bekannter Maler sie porträtieren würde. Nicht einer seiner Mitarbeiter, nein, der Meister selbst. Sie war etwas befangen, als sie zu der ersten Sitzung ging. Noch nie zuvor war sie Leonardo begegnet.

Als sie ihm gegenüber stand und er sie forschend betrachtete, senkte sie, die stolze Lisa, den Blick.

Er legte ihr die Hand unter das Kinn und zwang sie, ihm in die Augen zu sehen. Sie spürte ein flaues Gefühl in der Magengegend und lächelte. Sie kannte die Wirkung ihres Lächelns und setzte es immer ein, wenn sie jemanden für sich gewinnen wollte. Und dann wollte er sie genau so malen, mit ihm zugewandten Blick, der weit in die Ferne zu schweifen schien.

Lisa wollte widersprechen, einen fremden Mann so anzusehen schickte sich nicht, aber sie verstummte und lächelte. Dieser Mann war ihr gewachsen, das hatte sie sofort gespürt. Also sah sie ihn an, unverwandt, und er malte sie. Obwohl sie Kleider trug fühlte sie sich bald nackt vor seinem Blick. Seine Augen schienen ihr dunkel zu sein wie der Mocca, den sie morgens trank. Dann wieder schimmerten sie wie der bleierne Novemberhimmel über Florenz, an manchen Tagen hatten sie jedoch die Farbe des Arno.

Mona Lisa seufzte. Was für ein Mann! Sie hatten sich so sehr geliebt dass es sie heute noch schmerzte. Und doch war nichts geschehen, dessen sie sich hätte schämen müssen.

Leonardo war klug, und er behandelte sie mit dem größten Respekt. In diesen langen Stunden konzentrierter Arbeit kamen sie sich so nahe, dass sie meinte, ihr Herzschlag müsse sich dem seinen angeglichen haben. Sie sah ihn an und tauchte immer tiefer in dieses Gesicht ein, so wie er in ihres.

Sie stellten fest, dass sie dieselben Dinge liebten. Ein sonniger Tag mit diesem speziellen Licht, das so typisch war für Florenz, konnte sie beide entzücken. Sie deklamierten die Liebesgedichte von Petrarca, beide konnten sie lange Passagen auswendig.

“Voi ch’ascoltate in rime sparse il suono
di quei sospiri ond’io nudriva ‚l core”

flüsterte Mona Lisa.  Aber sie erhielt keine Antwort.

Wie so oft war sie in ihren Erinnerungen abgeschweift und konnte es nicht fassen dass sie sich nach hunderten Jahren immer noch nach Leonardo sehnte.

Leonardo malte vier Jahre an ihrem Portrait und wollte es, als es fertig gestellt war, behalten. Die gute Gesellschaft von Florenz zerriss sich die Mäuler über Lisa, aber sie lächelte. Sie hatte mit Leonardo so vieles geteilt, das konnte ihr keiner mehr nehmen. Es gab eine so tiefe Verbundenheit zwischen ihnen, die sie selbst bis heute nicht recht verstehen konnte.

„Ich mache dich unsterblich,“

hatte er ihr an einem kühlen Oktobermorgen ins Ohr geflüstert und nur ganz leicht ihre Haare berührt. Sie schauderte noch immer bei der Erinnerung daran. Näher waren sie sich nie gekommen.

„Wir wussten beide, dass wir den Zauber zerstören würden,“

dachte Lisa.

„Es war dumm von mir, von uns. Ich sehne mich jetzt seit fünfhundert Jahren nach einem Kuss von ihm. Er hat mich unsterblich gemacht und ist doch selber fortgegangen von mir.“

Mona Lisa wusste, dass auch Leonardo unter seiner Sehnsucht gelitten hatte. Ihr Bild blieb bis kurz vor seinem Tod in seinem Besitz. Dann verkaufte er es, weil er es nicht mehr ertragen konnte, sie zu sehen und ihr doch nicht nahe sein zu können.

Langsam ging sie wieder zurück zu ihrem leeren Rahmen. Sie glitt in das Bild hinein und erstarrte.

Als der Wachmann einige Minuten später seine Runde drehte blieb er vor ihr stehen und sagte laut:

„Das ist doch Blödsinn, das kann kein Mann gewesen sein,“

und ging weiter.

Mona Lisa lächelte.

Der nächste Tag begann wie immer mit einer Traube von Menschen, die sich um sie drängelten. Mitten unter den Besuchern stand ein lächelnder Mann. Er trug eine Schiebermütze und Mona Lisa sah ihm direkt in die Augen. Waren sie braun oder doch grün, wie der Arno ihrer Jugend? Der Mann lächelte unergründlich zurück, warf Mona Lisa einen Kuss zu und verschwand in der Menge.