Stille Zeit

Warum ist eigentlich die Zeit vor Weihnachten immer so pickepacke vollgepackt? Jedes Jahr habe ich das Gefühl „SO schlimm wie dieses Jahr war es noch nie!“ Und irgendwie scheint der Beginn der „arbeitstechnischen Vorweihnachtszeit“ sich mehr und mehr dem Zeitpunkt des Auftauchens von Spekulatius und Lebkuchen in den Supermärkten anzunähern….das Jahresende winkt schon im September bedrohlich mit der schwarz-weißen Zielflagge.

Ich kämpfe mich durch den Arbeitsberg nach oben und hoffe ständig, dass ich bald mal oben an der Spitze ankomme und den Überblick habe, dann schmeißt wieder irgendwer was oben drauf und ich fang wieder an zu rudern….

Jetzt habe ich auch noch Grippe – noch nicht richtig schlimm aber das soll es auch nicht werden. Also gleich einen Gang runter schalten und mal wieder bei Christiane vorbeischauen und entspannt bei Ingwertee an einer Etüde rumbasteln…die gehen irgendwie (fast) immer.

Ich sehne also Weihnachten herbei – aber einfach deshalb weil ich mal zwei Tage nur abhängen kann und SCHLAFEN! Gähn!

Happy New Year –

Klappe/die 56 igste

Wieder einmal der letzte Tag des Jahres. Gefühlt habe ich mich noch nicht mal an 2016 gewöhnt und schon ist es wieder vorbei. Jetzt ist es bereits dunkel und die Ungeduldigsten fangen schon an, die ersten Böller loszulassen.

Ich habe heute Nacht ausgerechnet, dass dies meine 56. Silvesternacht ist. Die erste Silvesternacht, an die ich mich bewusst und mit Details erinnere, ist die von 1971 auf 1972. Ich war 10 Jahre alt, meine Schwester hatte im Herbst ihren 21. Geburtstag gefeiert und war jetzt volljährig.  Im Sommer war sie von einem zweijährigen Auslandsaufenthalt in den USA zurückgekehrt, direkt aus Washington DC in ein schwäbisches Dorf mit etwa zweitausend Einwohnern. Als sie abgereist war fuhr die ganze Familie mit zum Flughafen nach Stuttgart. Man schrieb das Jahr 1969 und Fliegen war etwas höchst außergewöhnliches, ein Flug nach Amerika , über den „großen Teich“, wie meine Mutter das nannte, eine kleine Sensation. Es war ein strahlender Sommertag, wir saßen alle auf der Aussichtsterrasse als meine Schwester mit den anderen Fluggästen aus dem Terminal unter uns heraustrat und zum Flugzeug ging. Ja, richtig, man ging zum Flugzeug, es gab keinen Bus. Wir winkten ihr zu wie einem Filmstar und ich fand, sie sah auch wie einer aus. Ich werde das Bild nie vergessen.  Sie trug ein weißes Kleid aus Pikèestoff, das mit sonnengelben Konturen von Blumen bedruckt war, dazu einen passenden Mantel in Gelb und eine gelbe Pillbox, ein kleiner runder Hut aus weichem Filz, der in den 60erJahren schwer in Mode war. Ihr dickes schwarzes Haar war hochgesteckt und die Pillbox saß  so keck auf ihrem Dutt wie die Hütchen der PanAm Stewardessen. Ich fand  meine Schwester wunderschön und das war sie auch, zweifellos. Sie war das perfekte Ergebnis der Anstrengungen unserer Mutter, sie zu dem zu formen, was Mama sich unter einer wohlgeratenen Tochter vorstellte. Der Aufenthalt in Amerika war etwas, was unsere Mutter vorangetrieben hatte, sie wollte meiner Schwester einen Traum erfüllen, den sie selbst geträumt aber nie erlebt hatte. Aber ich bin mir sicher, dass meine Mutter sich in ihren kühnsten Träumen nicht ausgemalt hatte, was dieses Land und vor allem in dieser Zeit, 1969, mit ihrem braven Mädchen machen würde.

An Weihnachten kamen Pakete aus Amerika, es waren die großen, in denen Bananen verschifft werden. Der Boden der Pakete war mit Schokoriegeln aufgefüllt, eine Art Süßigkeit, die mir zu diesem Zeitpunkt noch völlig unbekannt war. Eine Sorte hieß „3 Musketeers“, daran erinnere ich mich noch genau.  Ich bekam meine erste „Barbie“ von meiner Schwester, direkt aus Amerika unter den deutschen Weihnachtsbaum.

In diesem Jahr war Amerika für mich allgegenwärtig, denn meine Familie hatte zwei in der Nähe stationierte amerikanische Soldaten, die regelmäßig im Gasthaus meiner Großeltern einkehrten, eingeladen. Sie wollten unbedingt einmal echte deutsche Weihnachten erleben. Ich weiß noch, dass die Erwachsenen alle einen ausgewachsenen Schwips hatten, sogar meine Oma, die eigentlich nie trank, hatte rote Bäckchen und man sieht sie auf jedem der Dias, die mein Vater machte, lauthals lachen. Die beiden Soldaten erinnerten mich an Pat und Patachon, einer war klein und rundlich, der andere lang und schlaksig, mit ausgeprägter Nase. Im Gegenzug waren wir zu „Thanksgiving“ in den „Kelly Barracks“ eingeladen gewesen. Die Feier fand in einer großen Halle statt und am Eingang zum Saal wurde man von einem riesigen Truthahn empfangen, der auf einer silbernen Platte angerichtet war. Am faszinierendsten waren für mich die weißen Papierhütchen, die man dem Truthahn auf die Füße gesteckt hatte. (Sorry, ich kenne den Fachbegriff für diese Teile nicht). Ein Kohlkopf  war als Kopf mit Gesicht dekoriert, selbiger trug einen Zylinder mit Stars `n Stripes.  Die beiden Jungs, deren Namen ich nicht mehr weiß, wurden im Jahr nach diesen Weihnachten nach Vietnam abgezogen. Wir haben nie mehr etwas von ihnen gehört.

Meine Schwester kam an einem ebenso heißen Sommertag wieder in Deutschland an. Wir fuhren extra nach Frankfurt, um sie abzuholen. Ich erinnere mich an ein Spalier von Abholern, in meiner Erinnerung ist dieses Spalier meterlang. Die Angekommenen kamen durch die Tür der Gepäckabfertigung und mussten durch dieses Spalier gehen. Ich stand mit meiner Mutter eingekeilt zwischen anderen Wartenden, die ihre Köpfe Richtung Tür reckten. Immer wieder fielen sich Menschen in die Arme. Ich versuchte einen Blick auf die zu erhaschen, die aus der Tür traten. Dann war da eine zierliche Frau mit hüftlangen, offenen schwarzen Haaren, die ein buntes bodenlanges Blumenkleid trug und, unfassbar, nackte Füße in Sandalen. Für einen Moment hatte ich die Eingebung, dass dieses Wesen meine Schwester sein könnte, aber da meine Mutter nicht reagierte, dachte ich, ich hätte mich getäuscht. Dann setzte sich meine Mutter doch in Bewegung und zog mich in Richtung Ende des Spaliers. Dort sah ich das Feenwesen am Hals meines Vaters hängen.

Ich weiß bis heute nicht, was meine Mum sich gedacht hat als sie meine Schwester sah. Sie fing  sich vermutlich schnell wieder weil sie sich freute, ihr Kind endlich wieder zu sehen. Aber ich bilde mir seit Jahrzehnten ein, dass sie schockiert gewesen ist.

Mit meiner Schwester zogen Wilson Pickett, Otis Redding und die Jackson Five bei uns ein. Ich verbannte Roy Black, dem ich die Sache mit Anita ohnehin übelgenommen hatte, in den Schrank und schwärmte ab sofort für den kleinsten der Jacksons, Michael, nachdem meine Schwester mir erklärt hatte, dass er nur ein bisschen älter wäre als ich.

Dieses erste Silvester, an das ich mich bewusst erinnere, feierten wir in Österreich. Im Montafon, in Schruns. Wir waren in einem Hotel das, wenn ich es recht erinnere, „Alpenrose“ hieß.

Es lag oberhalb des Ortes und man hatte einen fantastischen Blick auf den Ort und die Berge. Meine Schwester war wieder bildschön, sie hatte ein Kleid aus Amerika mitgebracht das einfach spektakulär war. Es war eigentlich ein Jumpsuit mit sehr weiten Hosenbeinen, hatte aber einen bodenlagen, vorne geschlitzten Rock über der Hose. Die Hose war weiß, der Rest des Kleides schwarz.  Mir hatte sie eines dieser bodenlangen Hippiekleider aus Amerika mitgebracht, sodass ich mich standesgemäß gekleidet fühlte für diese besondere Nacht.  Der Blick von oben auf das Feuerwerk war großartig, die Nacht kalt und klar. Wenn ich es recht bedenke, war das eine der glücklichsten Silvesternächte meines Lebens. Ich war ein Kind, die Welt war in Ordnung und ich war mit den Menschen, die ich am meisten liebte, an einem wunderschönen Ort.

Mittlerweile messe ich diesem Tag keine große Bedeutung mehr bei. Dieses Jahr, an meinem 56. Silvester, bin ich das erste Mal ganz alleine. Ich sitze hier mit Schnupfennase am Kamin, trinke Tee und mache mir so meine Gedanken. Und um Mitternacht werde ich mir etwas wünschen. Was ? Verrate ich nicht 🙂

Meine Lieben, ich wünsche Euch ein wunderschönes 2017 mit Liebe, mit guten Freunden,  Zufriedenheit, Sorglosigkeit und FRIEDEN.

Liebe deinen Nächsten….

Der 24.12. eignet sich ja eigentlich hervorragend um über die Liebe zu philosophieren.

Schließlich steht das hochgerühmte „Fest der Liebe“ bevor.  ich liebe ja den Satz „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ aus dem Alten Testament.

Denn alle Gesetze werden in einem Wort erfüllt, in dem: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Galater 5.14

Ich vermute, ich liebe diesen Satz, weil er eine wichtige Bedeutung für mich bekommen hat im Laufe meines Lebens. Denn ich tat mich nie schwer damit, meine Liebe zu verschenken, im Gegenteil, meine Art zu lieben ist für die meisten Menschen zu viel – zu viel Hingabe. Aber da bin ich ganz bei Pablo Neruda „ich liebe dich so, weil ich anders zu lieben nicht verstehe“.

Es ist wirklich kein Problem für mich, in Liebe zu zerfließen – mit der Liebe zu mir selbst hatte ich allerdings mein Leben lang Probleme. Das war tatsächlich das Lernprojekt der letzten drei Jahre, zu lernen, mich selbst zu lieben. Mit all den Unzulänglichkeiten, die ich tagtäglich an mir entdecke. Mich einfach okay zu finden, an manchen Tagen sogar schön oder liebenswert, oder, wenn es ein besonders guter Tag ist, einfach großartig! Mittlerweile geht’s besser, noch nicht gut genug, aber besser. Wurde ja auch langsam Zeit.

Liebe deinen Nächsten WIE DICH SELBST.

Was aber, wenn ich mich NICHT liebe? Dann kann ich wohl auch meinen Nächsten nicht lieben.  Dann suche ich die Anerkennung und die Liebe immer außen und bin frustriert, wenn sie nicht kommt. Also heißt das Gebot der Stunde, liebe dich mit all deinen Macken. Liebe dich selbst genauso wie du bist. Mäkel nicht an dir rum weil du glaubst den Erwartungshaltungen der Anderen nicht zu entsprechen. Hm. Soweit so gut. Okay, ich probiers mal. Weil Weihnachten ist.

In diesem Sinne, ein frohes Fest! Liebt Euch, Leute!

 

 

Barbarazweig

heute ist der 4. Dezember. Noch zwanzig Tage bis Weihnachten und somit ist eines klar: es ist angeblich die besinnlichste Zeit des Jahres (und in Wirklichkeit die hektischste….).

Also besinne ich mich. Heute ist der Tag, an dem man die Barbarazweige schneiden soll und in eine Vase stellen. Dann blühen sie an Heiligabend. Man kann auch ein Orakel damit verbinden. Wenn ein Mädchen mehrere Verehrer hat dann weist sie jedem Zweig einen Namen zu und der, der als erster blüht, wird dann ihr (Ehe-)mann. Hmmm, ob ich das mal ausprobiere?

Grundsätzlich bringt das Aufblühen der Zweige Glück im kommenden Jahr, also dann los. Geeignet sind zum Beispiel die Zweige der Forsythie, die es ja in fast jedem Garten gibt, oder auch Zweige von Apfel-, Kirsch-, Birnen-oder Pflaumenbäumen, von Kastanie, Haselnuss oder Rotdorn.

Dann warte ich mal ab, was mir da (er-)blüht.

 

Driving home for Christmas

Der Abend war kalt. Die  Wartenden auf den Bahnsteigen traten fröstelnd von einem Bein auf das andere, rieben sich die Hände oder schlugen die Kragen ihrer Mäntel hoch.

Die Bahnsteige verschwanden in der Dunkelheit, sobald sie aus dem überdachten Bereich hinausführten. Leichter Nebel lag über dem Gelände, das Licht der Lampen sah aus als hätte ein übergroßer Pinsel gelbe Tropfen in die Luft gemalt. Eine dünne Schneeschicht bedeckte die offenen Bereiche, die Gleise verloren sich in der Ferne und wurden von der Dunkelheit verschluckt. Da sich die meisten Reisenden unter die Überdachung zurückgezogen hatten, wirkte dieser Teil der Bahnsteige wie ausgestorben.

Im Schein einer Laterne stand eine junge Frau, die schmalen Schultern hochgezogen, und zog an ihrer Zigarette. Sie war nicht auffallend gekleidet, und doch wirkte alles an ihr elegant, der schlichte schwarze Wollmantel, den sie eng in der Taille gegürtet hatte, die schmalen Stiefel, die ein Fingerbreit unter dem Mantel endeten und der perfekte blonde Pagenkopf. Trotz der späten Stunde und obwohl es vollkommen dunkel war, trug sie eine große Sonnenbrille, die ihr Gesicht zur Hälfte verdeckte.

Sie sah geradeaus, minutenlang, als ob es dort in der Ferne etwas ungeheuer Spannendes zu beobachten gäbe. In regelmäßigen Abständen zog sie mechanisch an ihrer Zigarette, warf sie dann irgendwann weg und trat sie mit der Spitze ihres eleganten Stiefels aus, ohne hinzusehen. Eine kleine braune Reisetasche, die Gepäck für etwa ein Wochenende aufnehmen konnte, hatte sie neben sich auf einer Bank abgestellt. Die Reisetasche passte nicht so recht zu ihrem übrigen Auftritt. Sie war alt und abgewetzt, ein Henkel halb abgerissen, das Leder fleckig.

Eine blecherne Stimme kündigte über die Lautsprecher die Einfahrt eines Zuges an, der Nebel verschluckte  jedoch die Worte. In der Ferne waren Lichter zu erkennen die sich schnell näherten und als der Zug zu sehen war öffnete die junge Frau ihre schwarze Handtasche, die sie am Handgelenk trug und zog ein Ticket heraus. Der Zug kam zum Stehen, sie ging auf die nächstliegende Tür zu und stieg ein. Es war einer dieser alten Intercitys, die seit den neunziger Jahren unterwegs waren. „„Wieder so ein altes Relikt aus den neunziger Jahren, dachte sie, „abgewetzte Sitzpolster und schmuddelige Abteile“. Sie schob die Sonnenbrille auf ihre Stirn und suchte das Abteil mit ihrem reservierten Platz. Sie ärgerte sich, dass sie bei der Buchung nicht darauf geachtet hatte. Eigentlich wollte sie nur mit ICEs fahren, aber nun war es nicht mehr zu ändern. In diesen alten Wagons kam es ihr immer vor als ob sich deren Geruch in ihren Kleidern, ihren Haaren ja sogar in ihrer Nase festsetzen würde. Sie kannte diesen Geruch, hätte man sie mit verbundenen Augen in eines dieser Zugabteile gestellt, sie sofort sagen können, wo sie war.

Sie hatte gehofft, alleine im Abteil zu sein, aber als sie die Tür aufschob, stellte sie fest, dass bereits ein Platz am Fenster belegt war. Einen Moment zögerte sie und überlegte, ob sie einen anderen Platz suchen sollte, aber andere Reisende drängten nach und sie verwarf diesen Gedanken wieder.

Mit einem knappen „Guten Abend,“ betrat sie das Abteil und schob die Tür hinter sich zu. „Guten Abend,“ die Stimme des jungen Mannes am Fenster klang fröhlich, fast hatte sie den Eindruck, der Mitreisende freute sich, dass er nun Gesellschaft bekommen würde.

Er war etwa in ihrem Alter und sah sie unverhohlen neugierig an.

Sie trug wieder ihre dunkle Sonnenbrille und er konnte nur erahnen, wohin ihre Augen sahen. Sie spürte seine Blicke und seine Neugierde war fast mit Händen zu greifen.

Sie zog ihren Mantel aus, legte ihn ordentlich zu ihrer Reisetasche in das Gepäckfach und setzte sich.

„Das würde ich nicht tun,“ sagte er und lächelte sie an.

„Was meinen Sie?“ fragte sie ihn.

„Den Mantel ablegen. Die Heizung ist nämlich kaputt. Sie werden sehen, es ist unglaublich kalt hier drin, wenn man einfach nur so sitzt und sich nicht bewegt.“

Sie nahm die Sonnenbrille ab und sah ihn kühl an:

„Mir ist nicht kalt.“

Nach einer Viertelstunde öffnete sich die Tür.

„Jemand zugestiegen, die Fahrscheine bitte,“ der Schaffner sah sie an.

„Ja, ich, einen Moment bitte,“

sie gab ihm ihr Ticket.

„Wann wird denn die Heizung wieder angestellt?“

„Da muss ich Sie enttäuschen, leider wird es bis zur Endstation nichts mehr,

vielleicht ziehen sie besser ihren Mantel wieder an.“

Er tippte sich an die Mütze und verließ das Abteil.

Sie nahm ihren Mantel und legte ihn über ihre Knie.

„Wissen Sie was?“, der junge Mann lächelte sie wieder an.

„Was halten Sie davon wenn wir die Sitze ausziehen und die Beine hochlegen.

Dann können wir unsere Mäntel auf uns legen wie Decken.“

Sie sah in seine Richtung.

„Was wollen Sie von mir?“ fragte sie ihn mit eiskalter Stimme.

„Nichts – äh, ich dachte einfach, wir wärmen uns gegenseitig.“

Sie antwortete ihm nicht.

Der Zug glitt durch die Nacht. Im Abteil wurde es merklich kälter.

Nach einer Stunde holte sie ihre Reisetasche von der Ablage und zog eine

Strickjacke hervor. Sie zog sie an und knöpfte sie zu bis zum Hals.

Der junge Mann hatte in der Zwischenzeit den Mantel aus- und einen dicken Wollpullover angezogen, den er aus seinem Koffer geholt hatte.

Den Mantel legte er sich demonstrativ wie eine Decke über die Knie.

Irgendwann sagte sie leise:

„Also schön, dann machen wir es so.“

Sie zogen die Sitze aus, setzten sich gegenüber und legten die Mäntel

wie Decken über sich.

Sie spürte seine kräftigen Beine neben ihren.

„Einen Moment noch,“ sagte sie.

Sie holte aus ihrer Tasche dicke Socken, die sich zu ihrer eleganten

Garderobe seltsam ausnahmen, zog ihre Stiefel aus und streifte die

Socken über. Dann schlüpfte sie wieder unter die Manteldecke.

Instinktiv sah sie zum Fenster hinaus, erblickte aber nur ihr eigenes Spiegelbild.

„Ich würde gerne das Licht ausschalten,“

sagte sie ohne ihn anzusehen.

„Kein Problem, ist sowieso nur eine Funsel,“ sagte er und sprang auf.

Mit einem `klack` hatte er den Schalter über der Abteiltür umgelegt.

Jetzt konnte sie vage erkennen, was vor dem Fenster vorbeiflog.

Manchmal waren Umrisse von Häusern zu erahnen, sie stellte sich vor, wie hinter den Fenstern geschmückte Weihnachtsbäume standen, Familien sich um einen gedeckten Tisch versammelten.

„Fahren Sie auch zu ihrer Familie nach Hause?“, fragte er, vorsichtig, als ob er sich auf vermintem Gelände vorantasten würde.

„Nein“, kam es knapp.

Sie hätte gerne ihre Sonnenbrille wieder aufgesetzt, aber dann hätte sie draußen vor dem Fenster gar nichts mehr erkennen können.

Jetzt spürte sie die Wärme unter den Mänteln und zog den ihren etwas höher.

Am liebsten wäre sie darunter gekrochen.

Als Kind hatte sie sich die Hände vor die Augen gehalten, im festen Glauben, wenn sie die Erwachsenen nicht mehr sehen konnte dann könnten die Erwachsenen auch sie nicht sehen. Aber das war eine Illusion gewesen.

Jeder hatte sie gesehen. Es half nichts, sich hinter den Händen zu verstecken.

Sie starrte auf die vorbeifliegenden Lichter. Keine gute Idee, sich an die Kinderzeit zu erinnern. Wenn das anfing, war es nicht mehr zu stoppen.

„Ich liebe Weihnachten,“ hörte sie ihr Gegenüber sagen.

„Die ganze Familie trifft sich im Haus meiner Eltern, so ist es jedes Jahr.“

Sie spürte, wie ihre Augen brannten.

Ihre volle Konzentration galt dem Schauspiel vor dem Fenster, sie kniff die Lippen zusammen und ballte die Hände unter ihrem Mantel. Dann zog sie ihre Handtasche auf den Schoß und fischte die Sonnenbrille heraus. Sie setzte sie auf, schloss die Augen und lehnte sich zurück.

`Die Mauern müssen stehen`, dachte sie. `Ich habe vor drei Jahren das letzte Mal geweint, ich werde auch jetzt nicht weinen.`

Wenn der Zug in der Endstation eingefahren war, würde sie das Gleis wechseln und einen anderen Zug in eine andere Richtung besteigen, so wie sie das seit drei Jahren machte. Sie würde diese Nacht und den nächsten Tag in verschiedenen Zügen verbringen, auf einer Reise ohne Ziel. Irgendwann würde sie wieder zurückfahren.

Es war die beste Option, besser als alleine irgendwo herumzusitzen.

Sie spürte, wie die körperliche Nähe zu ihrem Gegenüber ihr zusetzte.

So nahe war sie lange niemandem gewesen. Sie biss sich auf die Lippen und ballte die Hände unter dem Mantel. Sie waren eiskalt.

Der junge Mann lehnte sich etwas nach vorne „ Darf ich Sie etwas fragen?“, er zeigte auf ihre Reisetasche. „Woher haben Sie denn diese alte Tasche? Das ist doch bestimmt ein Familienerbstück!“

„Ja, das ist es,“ sagte sie tonlos.

„Es ist das Einzige, was man von meinen Eltern und meinen Geschwistern nach dem Tsunami gefunden hat.“

Und in diesem Augenblick füllten sich ihre Augen mit Tränen.

In memoriam B.H., vermisst 25.12.2004, Khao Lak, Thailand