Schreibübung aus Bassum/ Die Schreibgaleere

Wie versprochen hier mein Ergebnis einer Schreibübung, die uns  Jutta Reichelt in der Schreibwerkstatt im Rahmen der Sommerakademie in Bassum gegeben hat:

Schreibe eine Geschichte, die an einem realen Ort spielt, vorzugsweise hier in Bassum oder sogar in der Freudenburg, und lasse eine unheimliche Atmosphäre entstehen. Vielleicht gibt es etwas Bedrohliches, Unheimliches, Unerwartetes – wie immer galt die Devise „alles ist erlaubt“.

Viel Spaß beim Lesen!

Als ich von der A1 abfuhr und auf die Landstraße einbog, die mich zum Seminarhaus bringen sollte, schien alles noch völlig normal. Vor mir fuhren LKWs, rechts von mir lag der Autohof, dessen Werbung ich schon von der Autobahn aus gesehen hatte. Ich fuhr durch Alleen, entlang an rieseigen Feldern und ab und zu standen neben der Straße Bauernhäuser oder kleine Gruppen flacher Wohnhäuser. Wenn ich heute versuche mich zu erinnern, wann ich den letzten LKW überholt habe, gelingt es mir nicht. Ich verstehe auch nicht, warum mir nichts aufgefallen ist. Ich war einfach froh, endlich aufs Gas drücken zu können, weil ich durch einen Stau auf der A1 zwanzig Minuten verloren hatte. Das Navi zeigte noch fünfzehn Minuten Fahrtzeit an, und ich beschloss, die Zeit zu nutzen und noch einen Anruf zu erledigen. Ich wählte die Nummer drei Mal, aber immer wurde der Anruf beendet, bevor eine Verbindung zustande kam. Was für eine Einöde, dachte ich, die haben nicht einmal Empfang hier. Meine Güte, hier wollte ich nicht tot übern Zaun hängen! Ich fuhr wieder durch kleine Weiler und sah mir im Vorbeifahren die Häuser und Vorgärten an. Irgendwann nahm ich wahr, dass ich noch keine Menschen gesehen hatte. Sind die alle bei der Arbeit? fragte ich mich. Es sind doch Ferien, zumindest Kinder sollten unterwegs sein. Aber ich verwarf den Gedanken und schob die Menschenleere der Eigenart der Nordlichter zu, die sich lieber in ihre Häuser verkriechen als mit anderen zu kommunizieren. Drei leidvolle Jahre in Bielefeld haben mich zu einer sehr subjektiven Sicht auf die Menschen nördlich der Mainlinie geführt. Für einen Süddeutschen fängt der Norden schließlich hinter Frankfurt an, Ich grinste vor mich hin und folgte der Stimme aus dem Navigationsgerät. Nur noch fünf Kilometer, gleich hatte ich es geschafft. Als ich endlich  auf den Parkplatz der Freudenburg einbog, war mein Wagen der Einzige. Ich war irritiert, denn ich war ja spät dran. Trotzdem stieg ich aus, schnappte meine Tasche, den Koffer würde ich später holen, und bog auf den Platz am Vorwerk ein. Auch hier war niemand zu sehen. Auf dem Weg ging ein Mann auf und ab, der einen Helm mit Visier trug und ein stinkendes lautes Gerät, mit dem er offenbar Gras aus den Fugen des gepflasterten Wegs entfernte.  Er sah mich mit ausdruckslosem Gesicht an und reagierte nicht auf meinen Gruß. Also so unverständlich war mein „Guten Morgen“ nicht gewesen, fand ich. Es hatte fast hochdeutsch geklungen! Ich ging zum Eingang und setzte meine Maske auf. Als ich das Haus betrat begegnete mir eine Frau mit demselben Helm inklusive Visier und dem gleichen ausdruckslosen Gesicht. Ich spürte, dass hier etwas nicht stimmte, aber bis dieses Gefühl in meinem Bewusstsein angekommen war, stand ich schon vor dem Tresen der Rezeption. Ich hörte noch wie jemand sagte, „willkommen in der Freudenburg!“ dann wurde mir schwarz vor Augen.

Irgendwann kam ich zu mir und fand mich wieder in einem kleinen Raum, der mit Stapeln von Papier aufgefüllt war. Auf einem Tisch standen mehrere Kartons mit Bleistiften, Radierern und Anspitzern. Daneben lag ein Blatt Papier, auf dem nur ein Wort stand:  „SCHREIB!“

Jeden Tag werden das Essen und die Tagesaufgabe durch die Klappe in der Tür geschoben. Abends werden die vollgeschriebenen Seiten abgeholt und kommen am nächsten Morgen mit dem Frühstück und der neuen Tagesaufgabe weder zurück.

Ich gebe zu, noch nie war ich so produktiv wie hier – aber eine Schreibwerkstatt hatte ich mir doch irgendwie anders vorgestellt.

 

Klappe/Bassum die Fünfte

Meine Bassumwoche in der Schreibwerkstatt bei Jutta Reichelt , in der Sommerakademie der VHS Diepholz, ist schon wieder vorbei. Wie immer ist die Zeit, die mir so lang erscheint, wenn ich mich auf den Weg in den Norden mache, verflogen. Coronabedingt war der Aufenthalt in den Gebäuden der Freudenburg nur mit Maske erlaubt, die Essenszeiten waren für die einzelnen Gruppen festgelegt und limitiert. Das Wetter war aber so großartig, dass wir uns nur im Freien aufgehalten haben. Stühle und Tische wurden von der kleinen Terrasse in den Park getragen und dort verteilten wir uns unter den riesigen alten Bäumen im Schatten

Morgens um halb zehn trafen wir uns nach dem Frühstück mit Jutta, die jeden Tag einen kleinen Schreibimpuls für uns vorbereitet hatte, quasi als Aufwärmübung für den Start in den Tag. Einer dieser Schreibimpulse war:

Schreibe eine Geschichte, die an einem realen Ort spielt, vorzugsweise hier in Bassum oder sogar in der Freudenburg, und lasse eine unheimliche Atmosphäre entstehen. Vielleicht gibt es etwas Bedrohliches, Unheimliches, Unerwartetes – wie immer galt die Devise „alles ist erlaubt“.

Diese Geschichte folgt dann noch hier auf dem Blog.

Die Arbeit an meinem Romanprojekt war dieses Mal produktiv wie nie, das war zum Einen dem einzigartigen Kosmos der Freudenburg geschuldet, zum anderen dem Umstand, dass mit klar war, ich muss die ganzen Fragmente, die teilweise schon zusammenhängend waren, teilweise auch nicht, endlich strukturieren. Zu diesem Zweck hatte ich eine Rolle Packpapier eingepackt, viele Meter lang und fünfzig Zentimeter breit. Die perfekte Breite um auf einem Tisch ausgerollt zu werden.

Mehrere Tage habe ich mich in einem der Räume, die wir ohnehin wegen des schönen Wetters nicht genutzt haben, ausgebreitet und an meiner Timeline gearbeitet. 

Die einzelnen Szenen hatte ich zuvor auf  Karteikarten geschrieben und dann auf das Papier übertragen, welche Personen in der Szene auftauchen, wo die Szene stattfindet und kurze Stichworte dazu, was passiert. Die Figur(en), die zum ersten Mal auftauchen, eingeführt werden oder erwähnt werden habe ich mit Farbe hervorgehoben. So hatte ich einen guten Überlick über den Verlauf. Der Erfolg war durchschlagend. Plötzlich waren alle Schleusen offen. Immer wenn ich an einen Punkt kam, wo der  Geschichte der Zusammenhang zwischen zwei Szenen fehlte, habe ich parallel geschrieben und die Szenen so zusammengefügt. Wie ein Puzzle, das am Anfang unüberschaubar aussieht und plötzlich fügt sich eines zum anderen, wenn man die Ecken und Seiten des Puzzles zusammengesetzt hat und Ausschnitte des Ganzen schon erkennen kann. Alles in allem sind es sicher über dreißig Seiten, die jetzt überarbeitet werden können und die Geschichte vorantreiben. Kapitel 1 und 2 sind jedenfalls – endlich – abgeschlossen und mit dem dritten Kapitel habe ich bereits begonnen. Jetzt steht das Aufarbeiten der Teile an, die es aus Kapitel 3 und 4 bereits gibt. Der Schluss des Romans ist ebenfalls schon geschrieben und auch dieser Teil muss noch auf die große Rolle. Es ist Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Dank Jutta Reichelts Gabe, mich jedes Jahr in Bassum mit subtilem Druck in die richtige Richtung zu schieben, bin ich auch dieses Jahr bei der Schreibwerkstatt in Bassum ein großes Stück vorangekommen. Dieses Jahr war ich zum fünften Mal bei Jutta Reichelts Schreibwerkstatt in der Freudenburg und wie immer bin ich völlig glücklich zurück gefahren. Liebe Jutta, vielen Dank!

Bassum 2017

Was für ein Sommerabend! Der Tag heute war genauso unerträglich schwül wie gestern, ganz langsam kühlt die Luft jetzt ab und ich sitze jetzt in meinem Garten und genieße die letzten Sonnenstrahlen. Endlich habe ich mal Muse für einen kurzen Bericht von meiner Schreibwoche in Bassum.

Die Volkshochschule Diepholz veranstaltet im Sommer traditionell eine Sommerakademie in der Freudenburg in Bassum. Hier ist der Name Programm, denn dieses Ensemble aus restaurierten Fachwerkhäusern in einem parkartigen Garten ist wirklich eine Oase. Einfach w u n d e r s c h ö n ! Als Seminarteilnehmer eines Workshops, der die ganze Woche dauert, kann man für kleines Geld in der Freudenburg bei voller Verpflegung wohnen und das trägt, zumindest in meinem Fall, sehr zum Wohlbefinden bei. Keine nervige Anfahrt jeden Morgen, ich gehe ein paar Schritte über den Gang und bin im Frühstücksraum oder, die Treppe hoch, im Seminarraum. Wir hatten den Luxus einer fast perfekten Sommerwoche, bis auf einen Regentag hatten wir nur wunderbares Wetter und konnten uns auf der Terrasse und im Garten zum Schreiben hinsetzen. Morgens und am Nachmittag trafen wir wieder als Gruppe mit Jutta zusammen und tauschten uns aus. Morgens gab es eine Schreibübung zum Einstimmen, zwischendurch hatten wir die Möglichkeit, mit  Jutta Reichelt ein Coachinggespräch zu vereinbaren. Die Gruppe war sehr homogen und ich denke, ich kann für alle sprechen: wir haben ein jeder von den anderen profitiert, wurden inspiriert.

Im Raum neben uns war eine Gruppe Frauen, die sich dem Patchwork – Quilting – verschrieben hatten. Beim Austausch am letzten Abend der Woche habe ich gelernt, dass es viele verschiedene Techniken bei Patchwork gibt  und diese Gruppe nur von Hand nähte. Sechs Stiche auf einen Zentimeter, da nahm es Aurelia, die Kursleiterin, sehr genau. Von Martina aus unserer Schreibgruppe kam die Idee, den Patchworkgedanken für eine Gemeinschaftsaufgabe aufzugreifen. Also spendeten wir alle am Dienstag und am Mittwoch je einen Satz und Jutta fügte unsere Einzelsätze zu einem Text zusammen. Danach konnten wir mit diesem Text arbeiten, Wörter oder Satzteile ausschneiden und neu zusammensetzen, Wörter im Text „Schwärzen“ und einen neuen Text erfinden mit den noch lesbaren Wörtern – es gab keinerlei Vorgabe, jeder machte sich an die Aufgabe, wie er/sie wollte. Nach anfänglichem Zögern kam ich dann in Fluß und war völlig begeistert. Wer Lust hat oder grade eine Schreibblockade, sollte das einmal ausprobieren, zum Beispiel mit einem Zeitungstext. Es macht unglaublichen Spaß!

Hier also mein Patchork:

und dann ist da natürlich noch

das Ende der Halmspitzen die sieben Jahre

wieder nachwachsen werden

mit einer scheinbaren Selbstverständlichkeit.

Was braucht der Mensch mehr?

Der Rasenmäher, wie eine kleine Schlange, die langsam durch das Gras gleitet.

Sieben Minuten, aber das Gras wächst weiter.

Nur nicht aufhören.

War da noch was?

Alle finden sich suchend in der Welt.

Wir tun erstmal so, als wäre weiter nichts.

Der Rasenmäher will nicht mehr, ich lege

die Liste der Namen in diesen hellen, sonnigen , erfrischenden Morgen.

Die Geschichten, die ich nie schreiben werde,

bluten Sprache