abc Etüden KW 16-17: Wetterbericht aus der Wortwabe

Da will ich mich eigentlich gleich wieder ins Bett legen, je länger ich aus dem Fenster schaue desto schlechter gehts mir irgendwie. Fühle ich nicht eine Erkältung heraufziehen? Meine Nase läuft und erschöpft bin ich auch…von Frühlingsgefühlen spüre ich NICHTS mehr. Das ist doch eher der Leichenschmaus des Winters, der, statt sich selbst endlich zu Grabe zu tragen, dem Frühling den Garaus machen will. Der Himmel sieht aus wie ein alter Duschvorhang und meine Tulpen frieren unter diesem weißen Zwangsjäckchen aus Schnee. Im Kamin prasselt ein Feuer mit dem letzten übrigen Holz und ich trinke heißen Tee. Meine Motivationskurve ist keine Kurve mehr sondern eine Steilwand in den Abgrund, gegen Null. Vielleicht sollte ich auch mal zum Jammerlappen mutieren und wegen Wetterfühligkeit heute mein Lager auf der Couch am Kamin aufschlagen. Dieses ewige „was-uns-nicht-umbringt-macht-uns-nur-härter-“ – gedöns ist auf die Dauer echt anstrengend.

18.04. schnee aud Tulpen18.04. schnee

Die abc Etüden https://365tageasatzaday.wordpress.com/2017/04/16/schreibeinladung-fuer-die-textwoche-16-17-wortspende-von-ruhrkoepfe/abc Etüden

sind diese Woche wie ein Ohrwurm, den ich nicht mehr aus dem Kopf bekomme. Aber wenigstens eine Geschichte ohne Leiche, quasi eher ein Bericht in Echtzeit, fast schon livestream.

Frühling!!!! Hallo!!! Hörst du  mich???? Wo bleibt dein blaues Band?!?!?

abc Etüden KW 16-17

Es geht weiter bei den abc etüden, gehostet von der wunderbaren Christiane

https://365tageasatzaday.wordpress.com/2017/04/16/schreibeinladung-fuer-die-textwoche-16-17-wortspende-von-ruhrkoepfe/comment-page-1/#comment-14866

mit der Wortspende von Annette von ruhrkoepfe.wordpress.com,  wie immer künstlerisch unterstützt von Herrn Textstaub, der uns jede Woche die schönen Grafiken schenkt und die abc Etüden ins Leben gerufen hat.

„Ich hätte mal besser auf Maria gehört“, dachte Ines und schob den Duschvorhang so schwungvoll zur Seite, dass er sich aus zwei Ringen löste.

Den meisten ihrer Freunde half bei Frust ein Glas Wein oder ein Schnaps, ihr half nur eine heiße Dusche.

„Keine Projektionen, Ines!“ hatte Maria sie gewarnt.

Der Abend war so quälend langsam vergangen, ein Leichenschmaus wäre vermutlich im Vergleich dazu eine Party gewesen.

Sie hatten sich nichts, aber auch gar nichts zu sagen gehabt.

Und warum in aller Welt war es erlaubt, Fotos in das eigene Profil zu stellen, die mindestens zehn Jahre alt waren?

Sie war zu gut erzogen um einfach auf der Stelle umzudrehen und zu verschwinden, sie hatte es ausgesessen, ihren Wein getrunken und sich nach dem Espresso höflich bedankt.

Ines war so wütend auf sich selbst, dass sie während des gesamten Heimwegs auf das Lenkrad hämmerte und „Mist Mist Mist“ brüllte.

Die Sonne war schuld, und der Frühling, Gefühlsduselei elendige.

Mit solchen Frühlingsgefühlen zu einem blind date zu gehen war wirklich eine Schnapsidee gewesen.

abc Etüden / rien de rien

Ein schönes Ritual sind sie mittlerweile, Herrn Textstaubs abc. Etüden. Diese Woche wurden die 3 inspirienden Worte gestiftet von Melanie Coupar, vielen Dank dafür!

https://textstaub.wordpress.com/2017/03/12/schreibeinladung-fuer-abc-etueden-fuer-die-textwoche-11-17-worte-by-melanie-coupar/

Hier meine Etüde:

Damals im Val D`Isère , auf viel zu niedrigen roten Kunstledersesseln an kleinen Resopaltischen, vor uns der riesige Teller auf einem Austerngestell, dicht an dicht belegt mit Austern – damals liebte ich ihn. Jedes Jahr im Frühling, wenn die erste Sonne die Menschen nach draußen lockt, fuhren wir nach Paris. Wir wohnten im Hotel California an der Rue de Berri und gingen am Abend die paar Schritte ins Val D`Isère, wo er seinen Stammplatz hatte und die Kellner ihn wie einen alten Freund begrüßten. Ich sah ihm zu wie er seine Austern schlürfte – das Geräusch macht mir heute Übelkeit, damals fand ich es weltmännisch und versuchte es ihm nachzumachen, schlürfte mit angehaltenem Atem die Auster und würgte sie hinunter. Ich fand es ekelhaft und erinnere mich genau, dass ich mir dachte, es sind nur Meeresfrüchte, so wie Muscheln, einfach nur Meeresfrüchte. An einem dieser Abende im Val d`Isère, als ich ihm beim Austernschlürfen zusah, fällte ich das Urteil über ihn, über mich und über mein Leben. Ich weiß nicht mehr genau, ob es nach Auster Nummer sieben oder Auster Nummer acht war, aber ich erinnere mich, dass ich ihn ansah und wusste, es geht nicht mehr. Ich nahm meine Tasche, entschuldigte mich und ließ ihn in dem Glauben, ich würde mir die Nase pudern gehen, am Tisch zurück. An der Garderobe nahm ich meinen Mantel in Empfang, trat auf die Straße, wandte mich nach links zur Champs Elysèe, stieg dort in das nächste freie Taxi und fuhr zum Charles De Gaulle.

Die Hängematte schaukelt an dem alten Olivenbaum, ich hole Bild um Bild um Bild aus meiner Erinnerung und summe leise vor mich hin – Non… rien de rien, Non… je ne regrette rien C’est payé, balayé, oublié Je me fous du passé…

 

Sicherlich auch beeinflußt durch den Einbruch in mein Haus am Freitag, habe ich diese Geschichte geschrieben, in der es auch darum geht, dass materielle Dinge nichts sind, solange man seine Würde behält und morgens in den Spiegel schauen kann.

Das „Hotel California“ hat eine spannende Geschichte, ich durfte auf geschäftlichen Reisen in den 90er Jahren häufig dort übernachten:

Roots in Hollywood

Hotel California has always played the trump card of the American West Coast and its easy living. This is because for many years, the effervescent Herald Tribune (which was first known as the New York Herald Tribune) was right across the street. The headquarters of the European edition of this American press giant was located at 15 Rue de Berri from 1930 to 1978.

Great American journalists, who were special envoys from New York or Los Angeles, gradually turned Rue de Berri into an essentially American street. When France was liberated, they found themselves at a ringside seat with an eye on the action. This was where the first American restaurants on the Champs-Elysées were founded, which obviously attracted the leading names of Hollywood cinema.

At the California Bar in the fifties, it was not unusual to cross the path of Hemingway, Orson Welles or Clark Gable; Elizabeth Taylor and Richard Burton were regular visitors. Hotel California was born officially on March 9, 1925, when the Princess of Polignac bought land located at 16 Rue de Berri. Pierre Bermond, the French pioneer of the luxury hotel industry, who also left his mark on the history of the Royal Monceau Hotel in Paris, the Ruhl in Nice and the Miramar in Biarritz, turned the hotel into a veritable palace. It immediately became famous with the arrival of the first American journalists. Stars were interviewed in their suites. There was a shopping area with a hairdressing salon on the underground floor.

Bustling activity that concerned newspapers, cinema and the United States focused on the California, which was long a beacon reflecting the lights of Hollywood.(Quelle:http://www.leshotelsduroy.com/en/hotel-california/your-hotel/hotel-california-paris-history)

Liebeszeiten

Im Frühling als die
Blüten noch im Geheimen schliefen
waren deine Augen so blau der
Frühlingshimmel wölbte sich
über uns wir hielten uns
fest und ich
ich wollte dich nie
nie mehr loslassen

Im Sommer als der warme Wind über deine
Rosen strich liebten wir uns einmal
einmal nur deine Augen
so blau
Jetzt
schleicht er sich davon
der Sommer
jetzt
kommt der Wind aus dem Norden
er flüstert flüstert leise
deinen Namen in die fallenden Blätter

die Zeit tropft
tropft durch meine
meine Hände ich
breite die Arme aus
sie zerrinnt über meiner nackten Haut
die noch golden glüht
vom Licht des Sommers
die Zeit tropft in mein Haar
wäscht die Sonne aus
verschwindet verschwindet
doch die Sehnsucht bleibt
schmiegt sich an mich
wird mich wärmen
wenn der Winter kommt

die kommenden Tage

ein kalter Wintertag licht
blauer Milchglashimmel die Sonne
wärmt das Fensterglas ich lausche
den Vögeln die
vom nahenden Frühling zwitschern
von der Sehnsucht nach
den kommenden Tagen

ich schreibe meine Gedanken
in die Luft für all die
Ungeborenen für die nackten
Seelen und die Vögel zwitschern
von den kommenden Tagen

die Zeit eilt durch die
Straßen die Jahre
verschwinden doch bleibt
die Sehnsucht nach
den kommenden Tagen

und wieder ein Tag und
wieder und wieder
die Vögel zwitschern
von den kommenden Tagen

und wieder ein Winter ein Frühling
ein Jahr ein Tag die Sehnsucht
nach den kommenden Tagen

Endlich Frühling in der wortwabe

Lang genug hat er gedauert, der Winter. Ein nicht endendes Gemisch aus grauem Himmel, Regen und dicken Pullovern. Die ersten warmen Tage haben dem Garten Beine gemacht. Vor meinem Fenster steht der Apfelbaum in voller  Blüte, mit drei Wochen Verspätung. Das tränende Herz ist scheinbar mit doppelter Geschwindigkeit in die Höhe geschossen und seine pinkfarbenden Blüten schmiegen sich an die zarten Rosenknospen, als wollten sie ihnen Mut machen:“Nur zu, traut euch, der Winter ist endgültig Geschichte!“

Mit der Sonne krabbeln auch die Worte endlich wieder ans Licht, purzeln durch meinen Kopf und wollen sortiert werden. Die Buchstabensuppe kocht leise vor sich hin und ich schöpfe vorsichtig ab, was von unten nach oben steigt.