abc Etüden KW 42/ 2033

Aus verschiedenen Gründen war ich wochenlang abgetaucht, der Hauptgrund war ein totaler Systemabsturz mit weitreichenden zeitraubenden Folgen – aber das ist eine andere Geschichte.

Endlich kann ich mir mal wieder die Zeit nehmen, eine Etüde zu fabrizieren. Für alle, die die abc Etüden nicht kennen, alles was man dazu wissen muss findet Ihr bei Christiane

3 Worte, diese Woche wurden sie gespendet von Gerda Gazakou

und lauten:

verdammt
Zweibrücken
grenzenlos

in 10 Sätzen zu einer Kürzestgeschichte verarbeiten, das ist das Ziel.

Hier meine Etüde für Kalenderwoche 42, die Grafik ist von Ludwig Zeidler, der die abc Etüden erfunden hat.

 

https://365tageasatzaday.files.wordpress.com/2017/10/2017_42-17_eins1.jpg?w=610&h=610

                                    

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„Er kam aus Zweibrücken“, sagte ich und beobachtete Mara aus dem Augenwinkel, sie  saß vornübergebeugt auf ihrer Bastmatte und malte mit den  Zehen Muster in den Sand.

„Das ist alles verdammt lang her und wir wollen doch heute deinen sechzehnten Geburtstag feiern, Liebes“, ich schlug einen fröhlichen Ton an,“ endlich volljährig!“

Mara wandte sie sich mir zu, ihre grünen Augen leuchteten im Sonnenlicht auf und starrten mich an, wie die Augen einer Katze, die ihre Beute fixiert.

Ich lauerte hinter meiner Sonnenbrille auf ihre Reaktion, bereit für meine Verteidigung, denn ich rechnete fest mit einem Angriff.

Sie fixierte mich mit ihrem Blick und das Schweigen, das sich zwischen uns ausbreitete erschien mir so grenzenlos wie der Ozean vor uns.

„Meinst du nicht, es wäre an der Zeit mit diesem Zweibrücken-Märchen endlich aufzuhören?“ sagte Mara und ihre Stimme war kalt.

Sie zog einen zerknitterten Umschlag aus ihrer Strandtasche und hielt ihn hoch.

Ich erkannte den Umschlag sofort, wusste was er enthielt und verfluchte meine Angewohnheit, aus Sentimentalität alles aufzubewahren, doch bevor ich eingreifen konnte riss Mara den Umschlag auseinander, holte den Kontrakt heraus und warf ihn vor mich in den Sand.

Mara hatte ihren perfekten Körper zwischen mich und die Sonne geschoben, stand wie ein von hinten beleuchteter Racheengel vor mir, beugte sich mit einer grazilen Bewegung zu meinem Ohr  und  flüsterte „23andMe, weißt du noch, Californien 2016?“

Dann richtete sie sich auf und schrie mich an: „ Und bist du denn zufrieden mit deiner Schöpfung, deiner Kreatur – “, sie machte eine Pause und spuckte das Wort in die Luft, „ – Göttin?“

 

Ich habe ein bisschen nach vorne gesehen in der Zeit…aber es ist dennoch keine Science Fiction – leider. Lest selbst in diesem  Artikel in der FAZ vom 04.10.2013

Außerdem gehe ich in meiner Geschichte davon aus, dass 2033 die Kinder mit 16 Jahren volljährig sein werden und wahrscheinlich auch, falls es dann noch so heißt, mit sechzehn das Abitur machen und sich auf ihre nächsten 100 Lebensjahre vorbereiten. Ich bin 2033 zweiundsiebzig Jahre alt, habe also gute Chancen, das zu erleben und zu überprüfen ob ich recht behalten habe. Eigentlich will ich es garnicht wissen……

 

 

 

Bittersüß/ abc Etuden

eine neue Woche, eine neue Schreibanregung von Herrn Textstaub. Dieses Mal kommt das Wortgeschenk von Margot M. :

Geduld, Schokolade, Bücher

Fast von selbst wurde daraus etwas Autobiographisches. Hier meine Etude….

Bitterschokolade, Papa mochte nur Bitterschokolade.

Die runde Dose, rot mit weiß, lag immer im Handschuhfach und ich übte mich in Geduld, fragte nicht sondern wartete, bis er sie hervorholte.

Papa hielt mir die geöffnete Dose hin, in saubere Viertelkreise  geschnitten lag die Schokolade auf weißem Papier.

Er legte einen Viertelkreis in meine Hand und ich nahm das Stück Schokolade schloss die Augen und ließ es auf meiner Zunge zergehen, wollte es so lange wie möglich im Mund behalten, bitter und süß.

Später teilten wir keine Schokolade mehr sondern Bücher.

Mein Vater arbeitete viel, hatte wenig  Zeit und las abends, vor dem Einschlafen, am liebsten Krimis oder Thriller.

Irgendwann begann ich, ihn mit Büchern  zu versorgen,, verkostete sie, blätterte Seite um Seite um, ließ die Wörter auf meiner Zunge zergehen bis zum Ende und entschied dann, ob das Buch spannend genug für meinen Vater war.

Mein Vater aber übte sich in Geduld,  fragte nicht sondern  wartete, bis ich ihm das Buch reichte.

Als er starb versuchte ich mit geschlossenen Augen dem Gefühl nachzuspüren, wie es war wenn er mich zum Abschied an der Tür umarmte,, mir mit seiner Hand über die Wange strich, mich anlachte.

Ich wollte die Erinnerung so lange wie möglich in meinem Herzen behalten, bitter und süß.

Machs wie Holly/ abc Etuden

abc-etuden

Christiane (https://365tageasatzaday.wordpress.com) hat recht, man sehnt sie herbei, die neuen Wörter für die nächste challenge…ich kenne das ja von den „Friday Fictoineers“, für die ich leider gar keine Zeit mehr habe, weil das auf Englisch nochmal so viel Zeit kostet…anspruchsvoll ist es aber auch in der Muttersprache, eine Geschichte in 10 Sätzen zu erzählen und dann auch noch 3 vorgebene Worte darin unterzubringen.

Königin Backerbsen Korallenriff 

Da mich die Muse heute doch kurz gestreift hat, hier meine Geschichte:

 

Mach´s wie Holly

Ich kann nicht kochen, das weiß jeder, der mich kennt.

Es gibt eine geheime Liste mit etwa zehn Gerichten, die ich kochen kann ohne einen Nervenzusammenbruch zu bekommen. Rührei, Pfannkuchen oder Gemüsebrühe aus dem Glas mit Backerbsen steht auch darauf. Viel wichtiger als die kleine Hausfrau zu mimen ist es doch, sich für den Schutz bedrohter Tierarten oder Landstriche einzusetzen, zum Beispiel für den Erhalt des großen Korallenriffs vor Australien. Trotzdem wollte ich in diesem speziellen Fall mit einem perfekten Dinner punkten, Vorspeise, Hauptgang, Dessert, natürlich aus dem Lehrbuch eines bekannten Sternekochs.

Ich dachte immer, wer lesen kann, kann auch kochen, aber ich hatte nicht damit gerechnet, dass diese Rezepte eine Ansammlung von unbekannten Begriffen sein würden. Blanchieren, flämmen,  dünsten –  ich weiß nicht, was genau schief ging aber jetzt stehe ich nach Abzug der Feuerwehr in meiner abgefackelten Küche, tropfnass von oben bis unten, Jakobsmuscheln und Rinderfilet schwimmen auf dem Herd in Resten von Löschwasser.

Der Plan war, dass er mich heute nach diesem perfekten 3-Gänge-Menü zu seiner Königin machen würde, die Wirklichkeit sagt mir, dass ich noch 58 Minuten habe um mich selbst und die Küche zu restaurieren.

Holly Golightly, die ich sehr verehre, mitsamt ihrem Schöpfer Truman Capote, hätte sich jetzt in ihr kleines Schwarzes geschmissen, einen trockenen Martini gemixt und die Küche Küche sein lassen.

56 Minuten später stöckele ich auf schwarzen High Heels durch meine Wohnung und drappiere die Tabletts des „First-Class-Delivery-Service“  auf dem Esstisch, um den Hals an einer langen Kette den Schlüssel zur Küche.

Was ein Glück, dass ich so einen altmodischen Grundriss habe, eine Küche zum Abschließen, Hallelujah!

 

Wahrheit oder Pflicht/abc.etüden

Angesteckt durch Chistiane von https://365tageasatzaday.wordpress.com habe ich mich an Herrn Textstaubs abc.etüden versucht. https://textstaub.wordpress.com

Die Wörter sind Moped, Zirkus, Prag. Der Bahnhof ist bei mir eher Zufall,der war wohl aber auch zwingend vorgegeben. Wie dem auch sei, hier mein Versuch:

Zirkus mochte ich nie.

Der Geruch der Tiere ist mir unangenehm, die halsbrecherischen Nummern der Akrobaten verursachen mir Übelkeit.  Ich kann nicht nach oben schauen, wenn sich die Artisten von Trapez zu Trapez schwingen oder,  während sie mit einem Moped rund um die Manege rasen, Saltos drehen.

Als ich in Prag aus dem Zug stieg und auf der Suche nach Tony den Bahnsteig entlang ging, sah ich sie überall: Riesige Plakate, die das Zirkusfestival ankündigten. „Freddy“, schrie Tony mit seiner donnernden Bassstimme,  und es schien mir, als ob mein Name über die Köpfe der anderen Reisenden auf mich zu rollen würde.  Ich machte mich noch kleiner, als ich war und hoffte, dass Tony aufhören würde, nach mir zu rufen.

Sein Grinsen schwebte über mir, als ich ihn erreichte und er zeigte auf die Plakate.

„The Clown Brothers“ las ich zum zigsten Mal und sah mich im Kostüm des ernsthaften Weißclowns, daneben meinen riesigen Bruder Tony als Dummen August..

Tradition und Familie gehen mir über alles, ich bin pflichtbewusst bis in die Haarspitzen.

Wie gesagt, Zirkus mochte ich nie.

Driving home for Christmas

alle Jahre wieder – holt sie mich ein, die Erinnerung an Weihnachten 2004. An die, die grade so mit dem Leben davongekommen sind wie meine Freundin, und an die, die in der Welle ertrunken sind, wie mein Kollege, seine Frau ,seine Schwester und deren Mann.

Hier auf dem blog sind zwei der Geschichten mit denen ich mir das von der Seele geschrieben habe. Das ist eine davon,

wortwabe

Der Abend war kalt. Die  Wartenden auf den Bahnsteigen traten fröstelnd von einem Bein auf das andere, rieben sich die Hände oder schlugen die Kragen ihrer Mäntel hoch.

Die Bahnsteige verschwanden in der Dunkelheit, sobald sie aus dem überdachten Bereich hinausführten. Leichter Nebel lag über dem Gelände, das Licht der Lampen sah aus als hätte ein übergroßer Pinsel gelbe Tropfen in die Luft gemalt. Eine dünne Schneeschicht bedeckte die offenen Bereiche, die Gleise verloren sich in der Ferne und wurden von der Dunkelheit verschluckt. Da sich die meisten Reisenden unter die Überdachung zurückgezogen hatten, wirkte dieser Teil der Bahnsteige wie ausgestorben.

Im Schein einer Laterne stand eine junge Frau, die schmalen Schultern hochgezogen, und zog an ihrer Zigarette. Sie war nicht auffallend gekleidet, und doch wirkte alles an ihr elegant, der schlichte schwarze Wollmantel, den sie eng in der Taille gegürtet hatte, die schmalen Stiefel, die ein Fingerbreit unter dem Mantel endeten und der…

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Türkisblau

 

Als sie in den von der Sonne aufgeheizten Wagen steigt, spürt Maja, dass sie angefangen hat zu schwitzen und der Stoff des dünnen Sommerkleids unter ihren Achseln feucht wird. Sie lässt den Wagen an und dreht die Klimaanlage hoch. `Auf der kurzen Strecke wird das Auto kaum abkühlen`, denkt sie. Ihre rechte Hand greift nach der Handtasche, die sie auf den Beifahrersitz geworfen hat und sucht nach dem Deo. Die Finger tasten blind durch den Beutel, gleichzeitig identifiziert ihr Gehirn die Gegenstände. Leder, narbig, Portemonnaie. Hart, rechteckig, schmal, Mobiltelefon. Rund, klein, Lippenstift. Endlich ertastet sie die schmale Röhre und zieht das Deo heraus. In der Zwischenzeit hat ihr linker Arm mit einem anderen Teil des Gehirns weiter das Ziel der Fahrt angesteuert und geht dieser Tätigkeit solange nach, bis er zum Einsprühen der rechten Achselhöhle benötigt wird und die rechte Hand das Lenkrad übernimmt. Diese selbstverständlichen Abläufe beruhigen Maja, sie ist Teil eines in sich abgeschlossenen Kosmos in dem ihr Gehirn mühelos und ohne sie damit zu behelligen, die nötigen Schritte einleitet. Das Deo wird in die Tasche zurückgeworfen und beide Hände halten sich jetzt am Lenkrad fest. Auf ihren Schenkeln strahlt das Blau des dünnen Baumwollkleids, der Stoff ist so leicht, sie spürt kaum, dass sie etwas anhat. Das Blau ist leuchtend, so leuchtend wie die Farbe des Schwimmbeckens im alten Freibad. Türkisblau. Ein blauer Fleck mitten in den Liegewiesen, deren Grün in der Sonne zu fahlem Braun verbrannt war. Schon vor Jahren war das Becken renoviert worden und hatte jetzt eine silbergraue matte Edelstahlhaut. Der Vorsprung am Beckenrand, auf dem sie nach jeder zehnten Runde ihre Füße abstellt und kurz innehält, fühlt sich jetzt glatt an unter ihren Fußsohlen, sauber, deutsch. Das alte Becken war in die Jahre gekommen, es hatte einen maroden Charme gehabt und in der Vorstellung ihres kindlichen Ichs war das Blau des Beckens das Blau des Mittelmeers, das sie noch nie gesehen hatte. Wenn sie als Kind auf ihr Fahrrad stieg und zum Freibad radelte, dann fuhr sie nach Italien, ans Meer. Maja stellt sich vor, wie sie ein weißes Kleid in das Schwimmbecken ihrer Kindheit taucht und türkisblau wieder herauszieht.  Als sie den Parkplatz ansteuert hat die Klimaanlage das Auto endlich auf eine erträgliche Temperatur gekühlt. Sie öffnet die Tür und stellt die Füße auf den Kies. Der heiße Sommertag hat sich über das Land gelegt wie ein Wattebausch, die schwüle Luft stülpt sich über Maja als sie vom Parkplatz zum Haus geht. Die Glastür öffnet sich, als sie näher kommt, wird in der Mitte zerschnitten und schiebt die Hälften mit einem leisen Atemholen nach beiden Seiten auseinander. Die kleine Cafeteria ist leer, Maja stellt das Kuchenpaket, das sie mitgebracht hat, auf der Theke ab. Ihr Blick streift durch den Raum, nach draußen auf die Terrasse, wo unter der Markise zwei weitere Tische mit Korbsesseln stehen. Trotz der Hitze würde sie sich nach draußen setzen, in den Garten schauen, auf die Rosenbeete. Sie geht zurück, durch den Flur, betritt das Treppenhaus,  wo es kühl ist und angenehm. Während sie die Treppe hochgeht spürt sie, wie ihre Seele sich davonschleicht, sich umdreht, die Treppe hinuntergeht, durch die geteilte Glaswand hinaus auf den Weg, zurück zum Parkplatz. Einen Moment hält Maja inne, dann aber geht sie weiter und setzt Fuß um Fuß auf die Stufen. `Es geht auch so`, denkt sie. `Vielleicht sogar besser`. Sie öffnet die Tür im ersten Stock und tritt aus dem Treppenhaus auf den Flur. `Wirsinggrüner Teppichboden, türkisblau wäre schöner gewesen`, denkt sie. `Dann würde man über Wasser gehen`. Wäre ihre Seele jetzt dabei, dann hätte Maja an dieser Stelle gelacht, so aber geht sie weiter. Vorbei an Türen, die sich alle gleichen. Der Versuch, sie mit angeklebten Kinderzeichnungen oder Kränzen aus Kunstblumen zu individuellen Pforten zu machen, unterstreicht auf deprimierende Weise die Eintönigkeit. Maja betritt das Zimmer mit dem Kranz aus künstlichen Kornblumen ohne anzuklopfen. Da steht sie, am geöffneten Schrank, und ist gerade dabei einen grauen Blazer anzuziehen. Mühsam sucht ihr rechter Arm nach dem Ärmel, da fällt ihr Blick auf Maja.

„Das ist aber schön! Bist du schon lange da?“

„Nein Mama, ich bin eben gekommen.“ Maja geht auf ihre Mutter zu und zieht ihr den Blazer aus. „Mama, es hat dreißig Grad, du brauchst keine Jacke!“

Sie sieht, dass ihre Mutter bereits zwei langärmelige Pullover übereinander angezogen hat.

„Du kannst einen Pullover ausziehen, es ist so heiß draußen!“

Maja zieht den oberen Pulli hoch und sieht, dass der untere fest in die Hose gestopft ist. Sie sieht den mageren Körper ihrer Mutter, den Gummizug der Hose, der sich um den flachen Bauch kräuselt, und obwohl Majas Seele nicht da ist sondern im Auto auf sie wartet, ist Maja so berührt, dass sie den Pullover schnell wieder nach unten zieht.

„Also gut, wenn du meinst, dann lass es so.“

Die Mutter sieht Maja an und strahlt.

„Ist das schön, dass du da bist. Und was für ein schönes Kleid du anhast! So eine schöne Farbe! Wann hast du das genäht?“

Maja antwortet nicht, dass sie dieses Kleid seit fünf Jahren besitzt und schon oft anhatte, weil es ihr Lieblingskleid ist.  Sie sagt nicht, dass sie es gekauft hat anlässlich des achtzigsten Geburtstags der Mutter, dass sie seit ihrer Studienzeit keine Kleider mehr näht weil sie keine Zeit mehr hat. Sie schiebt die Mutter zur Tür hinaus, in den Aufzug, hinunter in die Cafeteria, an den Tisch auf der Terrasse zu dem Himbeerkuchen, den sie mitgebracht hat.

Eine Stunde, denkt Maja, eine Stunde. Sie erschlägt einen Teil der Zeit damit, an der Kaffeemaschine Cappuccino für die Mutter zu holen und den Kuchen auf zwei Teller zu verteilen. Die Cafeteria füllt sich mit Besuchern und Maja ist froh, dass sie so früh da war und sie einen Tisch auf der Terrasse bekommen haben.

„Unser Garten wird immer schöner“, sagt ihre Mutter als Maja den Kuchen abstellt.

„Was sind das für fremde Leute hier.“

Wie in Zeitlupe hebt die Mutter die Hand und sticht mit der Kuchengabel in die Himbeeren.

„Alle wollen sie.“

Das Kuchenstück fällt auf die Hose.

„In meinen Garten. Die schönen Rosen.“

Jetzt ist Maja froh, dass ihre Seele nicht dabei ist, sonst hätte sie widersprechen müssen und der Mutter erklären, dass das nicht ihr Garten ist sondern der des Heims, in dem sie lebt. Dass es ein Gärtner ist, der den Garten angelegt hat und pflegt und nicht Majas Vater, der schon seit vielen Jahren nicht mehr lebt.

„Iss deinen Kuchen, Mama, der schmeckt so gut, findest du nicht?“

„Ja“, sagt die Mutter. „So gut.“

Eine Weile essen sie schweigend, Maja gibt der Mutter den Kaffeelöffel in die Hand und legt die Kuchengabel weg, weil immer wieder ein Kuchenstück von der Gabel auf die Hose fällt. Sie rückt den Tisch noch näher an die Mutter heran, die wie eine kraftlose Marionette, deren Fäden niemand mehr bewegt, in ihrem Sessel mehr liegt als sitzt.

„Unser Garten wird immer schöner“, sagt die Mutter.

Maja schiebt ihr die Tasse mit dem Cappuccino hin.

„Trink deinen Kaffee, Mama.“

Die Mutter nimmt die Tasse, trinkt einen Schluck, lächelt.

„Der ist aber gut!“

„Ja Mama, der Kaffee hier ist gut.“

Maja schiebt sich ihr letztes Stück Himbeerkuchen in den Mund. Die Mutter hat noch die Hälfte des Kuchens auf dem Teller.

„Mama, iss deinen Kuchen, du bist so dünn!“

„Du kannst noch etwas haben“ sagt die Mutter und schiebt Maja ihren Teller hin.

„Nein Mama, du sollst den Kuchen essen. Ich habe ihn ja extra für dich mitgebracht.“

Sie schiebt den Teller wieder vor ihre Mutter und schaut zu, wie diese den Kuchen zerteilt und die Stücke aufeinander legt.

„Mama, essen!“

Maja sieht auf ihre Uhr. Noch eine halbe Stunde, höchstens fünfundvierzig Minuten.

Nach einer Stunde auf der Terrasse hat die Mutter den Kuchen aufgegessen. Die Kaffeetasse mit dem Cappuccino ist noch halb voll. Maja schiebt das Geschirr weg und streckt die Beine aus.

„Dein Kleid ist so schön“ sagt die Mutter.

„Die Farbe steht dir gut. Hast du das selbst genäht?“

Majas Gehirn gibt die Anweisungen für die Antwort.

„Nein Mama, ich habe es gekauft. Ich habe das Kleid schon viele Jahre.“

Sie erzählt nichts von dem blauen Becken des Schwimmbads. Von den kleinen Reisen zum Meer, in den Ferien, damals als die Eltern das Haus gebaut hatten und eine Urlaubsreise wegen der vielen Schulden undenkbar gewesen wäre. Damals, als ihr die Mutter die teure Dauerkarte für das Freibad geschenkt hat  und Maja dann mit dem Fahrrad jeden Tag ans Mittelmeer gefahren ist.

`Das habe ich ihr nie erzählt`, denkt Maja jetzt.

Wäre ihre Seele hier würde Maja der Mutter jetzt diese Geschichte erzählen. Sie würde ihr sagen, wie stolz sie war, als sie mit ihrer Saisonkarte an der langen Schlange der Wartenden am Eingang des Freibads vorbeigehen konnte. Vielleicht würde sie ihr sogar sagen, dass die verblichene graue Pappkarte in einem Karton bei ihren alten Tagebüchern liegt und seit Jahrzehnten gehütet wird wie ein Schatz.

So aber ist es egal, was die Mutter weiß und was nicht. Sie sitzt neben dieser alten Frau, sieht die abgeschnittenen Marionettenfäden, die niemand entwirren kann.

„Der Garten ist schön“, sagt die Mutter jetzt. „Die Rosen.“

Maja antwortet nicht.

„Das sind die schönsten, hier vorne“, die Mutter zeigt mit dem Finger auf das Beet neben Maja.

„Da waren noch andere“ fährt sie fort. „Die waren groß und – “ sie hält inne und Maja spürt, dass ihre Mutter nach einem Wort sucht, das verschwunden ist.

„Sie hatten diese Farbe – diese Farbe, so –“

Maja sucht in dem Beet nach den Blumen, die die Mutter meinen könnte.

„Jetzt sind die anderen groß.“

„Ja Mama. Ein schöner Garten“.

Die Mutter schweigt für einen Moment.

„Was macht mein Bub?“ fragt sie. „Geht es ihm gut in der Schule?“

Maja weiß, dass ihr Sohn gemeint ist, der kein Bub mehr ist sondern ein junger Mann, mit Bart und Kopfhörern und Freundin.

„Er studiert, Mama.“ antwortet sie.

„Ach Gott –“ die Mutter schüttelt den Kopf.

Sie sieht wieder auf die Rosen, dann dreht sie sich zu Maja.

„Wie geht es deinen Eltern?“ fragt sie.

Maja sieht die Marionette an.

„Wer bin ich?“ fragt sie.

„Du bist Maja“, antwortet die Marionette.

„Und wie heißt meine Mutter?“

„Ich komme jetzt gerade nicht auf den Namen“, antwortet die Marionette.

Hätte sich ihre Seele nicht vor über einer Stunde davongeschlichen hätte Maja jetzt

vielleicht gesagt: `Ich bin es, Mama. Ich bin dein Kind und du bist meine Mutter`.

So aber sagt sie nichts mehr. Maja bleibt stumm und lauscht den halben Sätzen, die aus dem Mund ihrer Mutter wachsen, über den Tisch und die Terrasse wuchern, hinein in das Rosenbeet und bald ein so dichtes Gewirr aus Wörtern gebildet haben, dass sie es nicht mehr durchdringen kann.

Emmas Geheimnis – der Geschichtengenerator

Vorletztes Thema des Geschichtengenerators war die „Beichte“ und alle Figuren konnten darin verwickelt sein.

(12) Geschichtengenerator in Aktion

Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt….nicht immer wird die Geschichte rechtzeitig fertig. Aber ich bin ja hier nicht auf der Flucht…Weil es so gut läuft bleibe ich bei meinen altbekannten Figuren, denn die toughe Kommissarin Emma hat auch ihr Geheimnis und ihre dunkle, obsessive Seite. Zu ihr gesellen sich jetzt noch Tom (sucht etwas) und John (oft sehr blass).Das Wunderbare ist ja, dass die Figur, die hinter dem Namenskärtchen steckt, so viele Facetten hat  wie Schreiberlinge, die dem Geschichtengenerator folgen. Mein „Tom“ ist ein Schwerenöter allererster Güte, ein Verführer vor dem Herrn…und „John“ heißt ja gar nicht John aber er wünschte, er hieße so – wie auch immer, hier die Geschichte:

„Das ist der Computer des Mordopfers“, der junge Kollege aus der IT stellte das Laptop geöffnet auf Emmas Schreibtisch. „Ich bin immer wieder überrascht, wie schlecht die Leute ihre Daten sichern,“ sagte er mit einem Kopfschütteln. „Das Passwort war „IRMI“ – so was Beklopptes, wahrscheinlich der Name seiner Mutter,“ mutmaßte er.

„Nein mein Lieber“, Emma hatte bereits den Explorer geöffnet. „Ganz und gar nicht. Das ist der Name der Mörderin.“

Emma beobachtete amüsiert den Gesichtsausdruck ihres Kollegen.  Er sah aus wie ein personifiziertes Fragezeichen. Emma lachte.

„Jetzt verschwinde schon“, sagte sie, noch immer lachend. „Du weißt, dass ich dir nichts dazu sagen darf.“

„Okay, okay, chill, ich bin ja schon weg.“ sagte er und grinste sie breit an. An der Tür drehte er sich nochmal zu Emma um. „Nächstes Mal les ich alle Dateien bevor ich dir das Beweismaterial übergebe Frau Kommissarin!“

„Jaja, du Nerd, alles klar. Ab jetzt!“ Emma wartete, bis er die Tür hinter sich zugezogen hatte und wandte sich dann wieder ihrem Schreibtisch zu.

`Dann wollen wir mal sehen ob du uns ein Geheimnis hinterlassen hast, Erkan,“ sagte sie zu sich selbst. Sie sah die Ordner durch. Wie sie erwartet hatte waren die Fotos, die Erkan von Irmgard Mayerhofer gemacht hatte, fein säuberlich abgespeichert.
`Du warst ja ein ganz ordentlicher Geselle, das lob ich mir.` dachte Emma und stellte sich den lebendigen Erkan Huber vor, wie er mit Sehnsucht im Herzen vor den Fotos der geliebten Irmi saß. „Nicht gut,“ dachte sie, „gar nicht gut Emma. Du solltest solche Gedanken erst gar nicht denken.“

Emma klickte auf den ersten Ordner mit dem Namen „Irmi August 2014“. Neben Fotos fand sie auch eine Worddatei in diesem Ordner. Sie öffnete die Datei und als sie die ersten Zeilen überflog, war ihr klar, dass es sich um eine Art Tagebuch handelte. Sie klickte sich durch die weiteren, chronologisch durchnummerierten Ordner. Tatsächlich war bei jedem Datum auch eine Worddatei abgespeichert, in der Erkan notiert hatte, was in der Zeit, aus der die Fotos stammten, passiert war. Sie sprang zum Ordner mit dem aktuellsten Datum, dem Tag seines Todes. Dieser Ordner enthielt keine Fotos sondern nur eine Worddatei, die den Namen „Für Irmi“ trug. Emma öffnete die Datei und hatte das irrationale Gefühl in eine verbotene Welt einzudringen. Etwas zu lesen, was für jemand anderen bestimmt war, gehörte zu ihrem Alltag, denn sie musste alle Hintergründe kennen und ausleuchten, wenn sie eine Straftat aufklären wollte. Aber dieser Fall ging ihr mehr unter die Haut als ihr lieb war. Vielleicht weil sie von Anfang an das Gefühl gehabt hatte, dieser Erkan Huber wäre eigentlich einer von den Guten, den Harmlosen gewesen und durch seine völlig bizarre Liebe zu Irmgard Mayerhofer derartig aus der Bahn geworfen worden, dass er Dinge tat, vor denen er wahrscheinlich selber erschrocken war. Emma spürte, wie die Erinnerung sie einholte. Sie holte tief Luft und versuchte, sich wieder auf Erkans Texte zu konzentrieren. Aber es gelang ihr nicht. Sie sah zur Uhr, neunzehn Uhr dreiundzwanzig. Eigentlich war es auch genug für heute. Sie klappte Erkans Laptop zu und verschloss es im Schrank.

Als sie zuhause auf dem Sofa saß und sich durch das Fernsehprogramm zappte um abzuschalten spürte sie, dass es keinen Sinn hatte. Sie wusste, warum ihr dieser Fall so unter die Haut ging. Emma schien es, als ob das Schicksal ihr Erkan Hubers Leiche vor die Füße gelegt hätte damit sie endlich ihre eigene sprichwörtliche Leiche aus dem Keller ans Licht holte.  Sie würde den Finger in die Wunde legen müssen. Es half nichts. Sie ging ins Schlafzimmer und holte einen Karton aus dem Schrank. Wann würde sie es endlich schaffen, den Inhalt zu vernichten? Jeder Tag ihres Lebens konnte ihr letzter sein und dann würde irgendjemand, unter Umständen sogar ein Kollege, in ihren Sachen wühlen und man würde unweigerlich auf diesen Karton stoßen. Und jeder, wirklich jeder, würde sich fragen, ob er die Emma Kramer kannte, die sich ihm in diesem Karton offenbarte. Aber sie schaffte es nicht, sich von alledem zu trennen. Dieser Karton und sein Inhalt waren für sie wie die letzte versteckte Schnapsflasche für den trockenen Alkoholiker, wie die letzte halbleere Schachtel Zigaretten für den Ex-Raucher. Eine nicht abgeschlossene Sucht, eine nicht verheilte Wunde, über der sich immer wieder ein dünner Schorf bildet, den sie regelmäßig abkratzte. Und dann blutete die Wunde wieder. Sie würde sich nie schließen. Nicht solange sie den Karton hier im Schrank versteckte. Nicht, solange sie nicht bereit war, sich von allem, was sie in den Karton gepackt hatte, zu trennen.
„Meine analoge Erinnerung“, nannte sie das. Denn die digitalen Spuren hatte sie alle vernichtet. Es gab keine Fotos auf ihrem Computer oder dem Mobiltelefon, keine Emails, keine Chats. Alles war ausgedruckt in diesem Karton und die Dokumentation dieser Sucht, die sie seit fast zwei Jahren begleitete.                                                                                                                                                            „Ich bin auch nicht besser als Erkan“, dachte Emma. Das war auch der Grund, warum ihr das alles so nahe ging. Erkan hatte sein Leben kaputtgemacht durch diese verrückte Schwärmerei, die sich zur Obsession gewandelt hatte und am Ende hatte er auch Irmgard Mayerhofers Leben zerstört. Er war in Irmgards Leben eingedrungen und hatte irgendwann einen entscheidenden, für ihn tödlichen, Fehler gemacht. Die Schlüssel zu Irmgards Wohnung nachmachen zu lassen war wohl gar nicht schwierig gewesen. Er hatte sich bei ihr unentbehrlich gemacht, war zu ihrem treuen Adlatus avanciert und hatte so  jederzeit Zugang zu ihrem Büro gehabt. Es war also kein Problem gewesen, während Irmgard in einem dreistündigen Meeting saß, die Schlüssel aus ihrer Handtasche zu nehmen und beim freundlichen Mann von Mister Minit im Einkaufszentrum um die Ecke, nachmachen zu lassen. Emma nahm den Deckel von ihrem Karton, obwohl sie wusste dass sie damit die Büchse der Pandora öffnete. Sie wusste auch, was ganz oben lag und atmete tief durch als sie das Foto in die Hand nahm. Diese blauen Augen würde sie nie vergessen, dieses Lächeln. Sie zwang sich das Foto anzusehen. Es hatte noch immer dieselbe Wirkung auf sie, aber das überraschte sie nicht. Warum hätte sich das ändern sollen? Ihre eigene Obsession war vermutlich nicht weniger verhängnisvoll als die Erkans. Sie konnte die Gefühle, die sie für diesen Mann hatte, körperlich spüren. Die Sehnsucht war von einer Sekunde auf die andere wieder so übermächtig, dass Emma das Gefühl hatte, jemand würde ihr das Herz zusammendrücken. Sie sah zur Decke und wusste, dass sie jetzt wieder Stunden auf das Foto starren würde. Es war immer dasselbe. Immerhin hatte sie den „Thomas-Thurau-Altar“ in ihrer Wohnung vor drei Monaten abgebaut und alles in den Karton gepackt. Jetzt konnte sie es manchmal sogar eine Woche aushalten, ohne den Gedanken an ihn zuzulassen, das war ein gewaltiger Fortschritt im Vergleich zu der Zeit, als sie an nichts anderes denken konnte. Sie hatte sich noch mehr als früher in die Arbeit gestürzt, hatte noch mehr Zeit im Sportstudio verbracht, nur um sich abzulenken. Es war für Emma eine neue Erfahrung gewesen, dass sie ihre Gefühle nicht unter Kontrolle hatte. Diese Affaire hatte sie aus ihrem wohlgeordneten Leben katapultiert und sie hatte immer noch nicht wieder restlos zurückgefunden. Vermutlich konnte niemand, der so etwas nicht erlebt hatte, so eine Geschichte wie die von Erkan nachvollziehen. Emma nahm das Tagebuch heraus, in dem sie sich von Anfang an alles von der Seele geschrieben hatte, Liebesbriefe an Thomas verfasst hatte, die ihren Empfänger nie erreichen würden. Es war ihre Selbsttherapie, denn mit einem Dritten über diese Dinge zu sprechen, war ihr nicht möglich. Es würde bedeuten, den Kontrollverlust über ihr eigenes Leben zuzugeben, das war unvorstellbar.

Als ich Thomas begegnete, war ich nicht mehr jung genug, um eine solche Begegnung selbstverständlich zu finden, aber auch noch nicht alt genug, um diese Begegnung für ausgeschlossen zu halten. Für mich war es Liebe auf den ersten Blick, ich war ihm verfallen schon nach unserer ersten gemeinsamen Nacht. Er war beruflich oft im Ausland, ich hatte meine Schichten, unregelmäßige Arbeitszeiten, es war nicht einfach. Aber ich war fest entschlossen, diesen Mann an mich zu binden und dafür hätte ich alles getan. Nie zuvor hat ein Mann mir so wunderbare Dinge gesagt, bei ihm fühlte ich mich schön, begehrenswert. Die Anziehung zwischen uns war gegenseitig, wenn wir uns begegneten knisterte die Luft. Für mich fühlte es sich an wie Liebe, nie hätte ich mir vorstellen können, dass er nicht dasselbe empfand wie ich. Ich liebte alles an ihm. Seine Augen, die so blau und klar waren, seinen Körper, durchtrainiert vom Schwimmen, das seine Leidenschaft war. Ich liebte es, ihn zu  berühren, liebte seine lässige männliche Art. Kein anderer Mann hatte geschafft, dass ich mich so weiblich fühlte, so weich. In meinem Job muss ich immer hart sein, durchsetzungsstark, kalt. Es ist nicht einfach für einen Mann neben mir zu bestehen. Thomas war dieser eine. Ich hätte alles für ihn getan.  Später erkannte ich dass er mich nur begehrte, mehr jedoch nicht. Wenn wir miteinander schliefen war es so innig, so vertraut, als ob wir uns schon ein Leben lang kennen würden, es überwältigte mich jedes Mal. Dennoch – er war ein Player. Als er sich seiner Sache sicher war, lies er mich fallen – in Etappen. Anfangs begriff ich nicht, was los war. Ich schrieb ihm Nachrichten und bekam keine Antwort. Ich rief an und er war wie immer, freundlich, interessiert, wollte mich sehen und versprach mich zurückzurufen, sobald er seine Termine gecheckt hatte. Aber er rief nie zurück. Was mit mir los war in dieser Zeit kann ich heute nicht mehr nachvollziehen. Sicher ist, dass dieser Mann auf mich eine Wirkung hatte wie eine Droge. Ich war mehr oder weniger unzurechnungsfähig. Wir kommunizierten fast ausschließlich über das Smartphone, ich starrte also in jeder freien Minute auf mein Mobiltelefon. War er online so steigerte ich mich in die Vorstellung hinein, mit wem er jetzt wohl gerade Nachrichten austauschte. Denn bei mir meldete er sich selten. Ich bin ja nicht dumm, es war mir völlig klar, welch traurige Figur ich in diesem Spiel abgab. Dennoch blieb ich in diesem Hamsterrad aus irrationalen Gefühlen stecken und drehte  mich immer schneller. Mein Überlebensinstinkt war jedoch noch aktiv, also ging ich auch wieder aus, ich brauchte die Bestätigung von anderen Männern, dass ich als Frau noch attraktiv war. Leider ist die Welt nicht voll von Männern, die ich interessant genug finde um ihnen etwas von meiner wertvollen Lebenszeit zu opfern. Dabei bin ich gar nicht auf einen bestimmten Typ festgelegt, aber es gibt einen Teil in mir, der völlig instinktgetrieben ist. Wenn ich nicht auf dieser Bauchebene auf einen Mann reagiere, dann fällt er durch  mein Raster. So wie Tom Thurau hat mich noch nie ein Mann berührt. Wenn wir aufeinandertrafen, war es, als ob ich mein Gehirn beim Pförtner abgegeben hätte. Blicke ich heute auf diese Zeit zurück, dann wundere ich mich, dass mir mein Leben nicht völlig entglitten ist. Ich habe jede Möglichkeit der Recherche genutzt, die sich mir bot, nicht alles was ich gemacht habe, war legal. Ich habe sogar einen alten Bekannten, der mir noch einen Gefallen schuldete, auf Thomas angesetzt. Johannes Drake, Privatdedektiv wie aus dem Bilderbuch, blass, groß, dünn und ein bisschen schmierig. Er nennt sich „John“ und spricht seinen Nachnamen englisch aus, also „John Drake“ und er tut so, als ob er der direkte Nachfahre von Sir Francis Drake wäre. Eigentlich kann ich Johannes nicht ausstehen, und ich nenne ihn niemals „John“, weil ich weiß, dass ihn das maßlos ärgert. Aber ich habe einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und als er unverschuldet in der Klemme war habe ich ihm geholfen. Es ist immer gut bei solchen Typen noch ein Eisen im Feuer zu haben. So kam es,  daß Johannes Drake zu meinem persönlichen Spitzel wurde und mir detaillierte Einzelheiten zu Thomas Thuraus Leben lieferte.  Jetzt habe ich einen Stapel von Fotos in meinem Karton, die Thomas in allen möglichen Situationen zeigen. Ich weiß jetzt auch, dass es mehr als eine andere Frau in seinem Leben gibt. Wie gesagt, Thomas Thurau ist ein Player. Oder er ist auf der Suche nach der großen Liebe – das rede ich mir manchmal ein, weil dieser durchgeknallte Teil in mir dann denkt, dass er es erkennen wird, dass ich diese EINE bin. Ich habe ja schon alle Stationen der Besessenheit hinter  mir. Es gab Monate, da war meine Wohnung tapeziert  mit Fotos von Tom. Ich konnte niemanden mehr einladen, weil ich vorher erst die Fotos hätte entfernen müssen. Auf meinem privaten Laptop zeigten Sperrbildschirm und Bildschirmschoner sein Foto. Ich hatte Ausschnitte hochvergrößert, wie zum Beispiel sein Hände oder seine Augen. Manchmal war ich nachts aufgestanden und zu seiner Adresse gefahren und hatte in Sichtweite seines Hauses geparkt, einfach nur um ihm nahe zu sein. Wie gesagt, ich bin mit Erkan Huber im selben Club. Hätte ich mehr kriminelle Energie hätte ich mir vermutlich auch Zutritt zu Toms Haus verschafft. Aber ich  hatte nur keine Gelegenheit, noch mehr Unsinn zu machen. Ich bin also eigentlich völlig ungeeignet für diesen Fall, ich bin mehr oder weniger befangen. Ich kann nicht klar urteilen weil die ganze Thematik mein eigenes Dilemma wieder an die Oberfläche spült und ich spüre, dass ich auf dem besten Wege bin mich wieder in meine Obsession zu verrennen. Ich sollte diesen Karton komplett entsorgen, alles verbrennen.

Emma legte den Stift neben sich und nahm ein Portraitfoto von Tom aus dem Karton. Er lächelte in die Kamera, seine blauen Augen leuchteten fast schon unwirklich. Sie starrte minutenlang auf das Foto dann holte sie einen silbernen Bilderrahmen aus dem Schrank und steckte Toms Foto hinein. Es war wie offenen Auges auf den Abgrund zugehen, aber Emma konnte nicht anders. Sie stellte den silbernen Rahmen neben ihr Bett.

„Es ist nicht vorbei,“ dachte sie. „Nothing is over, – er wird erkennen, dass ich die Einzige bin, die ihn wirklich liebt. Es ist Schicksal, wir sind füreinander bestimmt. Ich weiß es. Er wird zu  mir zurückkommen. Ich warte –“

 

Und weil es so schön passt noch das hier:

 

Love of my life / Der Geschichtengenerator

Auch an Karfreitag spuckte Jutta Reichelts Geschichtengenerator 3 Kärtchen aus: „Emma (weiß alles)“ , „Komm!“ und „Flohmarkt“.http://juttareichelt.com/2016/03/25/11-geschichtengenerator-in-aktion/

Und weil ich selbst neugieirig war, wie es wohl mit Irmi und Erkan weitergeht, habe in einer grandiosen Osterfeiertags-Nachtschicht an der Geschichte weitergeschrieben. Man kann sich halt nicht aussuchen, wann die Muse vorbeikommt um ihren Kuss zu hinterlassen….da muss auch mal der Schlaf verschoben werden.

Emma Kramer parkte ihren Dienstwagen direkt hinter dem Streifenwagen. Es war zwar erst 4 Uhr 30, aber trotzdem hatte sich eine Traube Neugieriger am Eingang des Hauses versammelt, zwei Fotografen zückten ihre Kameras als Emma mit ihrem Kollegen auf den Hauseingang zusteuerte. Emma winkte routinemäßig ab, sie wusste, dass man versuchen würde, sie zur Herausgabe von irgendwelchen Informationen zu bewegen.

„Kein Kommentar“, sagte sie ohne jemanden anzusehen und verschwand im Haus, während zwei Streifenbeamte versuchten, den Neugierigen den Blick in das Haus zu verwehren. Langsam ging sie mit Malte, dem Kollegen mit dem sie am liebsten unterwegs war, die Treppe nach oben. Ein Mord, von der Mörderin selbst angezeigt. Der Anruf war von der Polizeinotrufzentrale an den KDD weitergeleitet worden, während sich eine Streife bereits auf den Weg zu der angegebenen Adresse machte. Emma machte diesen Job jetzt schon so lange, dass sie manchmal hoffte, alles gesehen zu haben und alles zu wissen, was auf sie zukommen könnte. Sie hatte aufgehört die Jahre zu zählen, aber dieses Jahr hatte sie ihr dreißigjähriges Dienstjubiläum und anlässlich dieser erschreckenden Zahl war ihr die Wirklichkeit ihrer langen Berufslaufbahn wieder bewusst geworden. Sie war ein Urgestein beim Kriminaldauerdienst und wenn neue Kollegen kamen schickte man sie immer zu ihr. „Geh zu Emma,“ sagte man den Neuen, „die weiß alles.“

Emma hoffte inständig, dass bei ihrer Jubiläumsfeier, die ihr im nächsten Monat bevorstand, niemand auf die Idee kommen würde, sie zu fragen, warum sie zur Kripo gegangen war. Emma war ein Kind der sechziger Jahre und aufgewachsen mit Erik Ode und Horst Tappert. In all den vielen Folgen  „Kommissar“ und „Derrick“, die sie in ihrer Jugend gesehen hatte, kochten Frauen Kaffee oder bedienten eine Schreibmaschine und am Ende war das für Emma der Grund gewesen,  diesen Beruf zu ergreifen. Heute bevölkerten so viele junge gutaussehende Kommissarinnen das Fernsehen, dass sie es  manchmal nicht fassen konnte. Die TV-aufklärungsquote lag bei mehr oder weniger hundert Prozent, das hatte mit Emmas Wirklichkeit wenig zu tun. So ein Fall wie dieser, bei dem die Mörderin ihre Tat selber anzeigte, war eine Ausnahme. Während Emma ihren Gedanken freien Lauf ließ war sie schweigend die Treppe hinaufgestiegen, Malte, ebenso schweigsam, an ihrer Seite. Deshalb mochte sie den Dienst mit ihm so gerne, sie konnten gut zusammen schweigen. Dennoch hatten beide die übrigen Anwohner registriert, die in Hausschlappen und Bademantel an ihren Wohnungstüren standen und neugierig nach oben starrten. Endlich hatten Emma und Malte die Dachgeschoßwohnung erreicht und streiften sich Handschuhe und Überzieher für die Schuhe über. Die Spurensicherung war bereits in der Wohnung, als Emma mit Malte eintraf. Sie grüßte den Beamten am Eingang mit einem Kopfnicken und betrat die Wohnung.

„Wo ist der Tote?“

„In der Küche.“ Der Streifenbeamte zeigte nach links. Emma drehte sich um und ging langsam durch den kleinen Flur. Sie blieb stehen und schnupperte. Ein schwacher Vanilleduft hing in der Luft. Malte hatte Emma beobachtet und zeigte nach links, wo auf einem schlichten weißen Sideboard die Asche von Räucherstäbchen in einer flachen weißen Schale aufgefangen worden war. Die Wohnung war ordentlich, alles schien seinen Platz zu haben. Emma öffnete die Tür zu ihrer Rechten, offensichtlich ein Abstellraum, und knipste das Licht in der kleinen Kammer an. Ihr Blick fiel auf ein Schuhregal, das drei Seiten der kleinen Kammer bedeckte.  Noch nie hatte sie so viele Schuhe auf einem Fleck gesehen. Ordentlich aufgereiht standen sie im Regal oder waren in Kartons verpackt. Emmas Blick blieb an den unzähligen schwindelerregend hohen HighHeels hängen und sie fragte sich einmal mehr, wie manche Frauen in diesen Schuhen laufen konnten. Offensichtlich war die Bewohnerin der Wohnung jedoch nicht völlig unvernünftig, denn es gab auch eine große Auswahl an Sneakers in allen Farben. Emma machte das Licht aus und schloss die Tür. Sie wandte sich wieder Richtung Küche, blieb an der Küchentür stehen und nahm die Szene in sich auf. Ein untersetzter Mann lag auf dem Boden, das Gesicht nach unten, unter seinem Körper hatte sich eine Blutlache gebildet. Der Kollege der Spurensicherung händigte ihr einen Plastikbeutel mit Portemonnaie, Handy und Schlüsselbund des Ermordeten aus.

„Der Tote heißt Erkan Huber“, er zeigte auf eine weitere Plastiktüte, in der ein blutverschmiertes Messer lag, „die Tatwaffe haben wir auch. Die Verdächtige ist im Wohnimmer“.

Emma wandte sich zu Malte, „machst du das hier? Dann befrage ich die Verdächtige.“

Malte nickte und Emma ging durch den Flur weiter bis zum Wohnzimmer. Eine Streifenbeamtin stand neben dem Sessel, in dem eine schlanke Frau saß, die am ganzen Körper zitterte. Sie hatte geweint, ihr Gesicht war verquollen. Emma sah auf ihre Notizen, suchte den Namen der mutmaßlichen Mörderin und sprach sie dann an.

„Frau Maierhofer?“

„Ja, das bin ich,“ Irmgard Maierhofers Stimme zitterte auch. „Ich war es,“ sagte sie und fing wieder an zu weinen. „Ich habe das Geräusch gehört, den Schlüssel an der Tür, ich war panisch und – „

Emma unterbrach sie und sagte ruhig: „Erzählen Sie mir einfach alles in der Reihe, was heute Nacht passiert ist.“ Es war für sie Routine, in ihre Stimme diese Mischung aus Autorität und Mitgefühl zu legen, was die Verdächtige dazu bringen sollte, ihr zu vertrauen und den Tathergang zu schildern. Sie setzte sich Irmgard Maierhofer gegenüber in den zweiten Sessel  und sah sie aufmerksam an während sie erzählte. Es war alles etwas verworren aber Emma verstand, dass der Tote offenbar einen Schlüssel für die Wohnung gehabt hatte.

„Warum haben sie dem Toten einen Schlüssel gegeben?“

„Aber ich habe ihm keinen Schlüssel gegeben!“ zum ersten Mal schien Irmgard Maierhofer aus ihrer Lethargie zu erwachen. „Ich sagte ihnen doch, dass ich in der Küche an der Spüle stand und mir einen Tee gekocht habe, als ich das Geräusch des Schlüssels gehört habe! Ich war wie gelähmt vor Angst! “

Sie schluchzte wieder und nahm sich ein neues Papiertaschentuch. Nachdem sie sich lautstark die Nase geputzt hatte, war Irmgard wieder ruhiger.

„Erkan war in meiner Abteilung,“ sagte Irmgard. „Er war mein Mitarbeiter. Ich verstehe das alles nicht -“ das Ende des Satzes blieb fragend in der Luft hängen und Emma schien es, als füllte die Frage den ganzen Raum aus.

Emma sah Irmgard in die Augen und sie sah darin die Wahrheit. Sie wusste nicht, woher sie diese Gabe hatte, aber sie hatte sie nun einmal. Wenn sie den Verdächtigen in die Augen sah wusste sie, ob sie logen oder nicht. In ihren Anfangsjahren bei der Kripo hatte man sie belächelt und nicht ernst genommen. So etwas wie Bauchgefühl war typisch Frau und ein Gefühl ohne schlagkräftige Argumente taugte nichts. Im Laufe ihrer langen Jahre beim KDD hatte sich das geändert. Heute respektierte man ihren „siebten Sinn“ und ihre Kollegen mussten neidlos anerkennen, dass sie immer richtig lag. Irmgard Maierhofer sagte die Wahrheit und Emma wusste, dass sie hier einen dieser tragischen Fälle vor sich hatte, die sie nachts nicht schlafen ließen. Diese Leben, die durch EINE falsche Entscheidung, eine falsche Gefühlsregung, aus den Fugen gerieten. Eine Tat, im Affekt oder in Panik begangen, die das Schicksal von einem Moment auf den anderen in eine andere Richtung lenkt, ohne die Chance daran je etwas ändern zu können. „What a difference a day makes, twentyfour little hours –“ schoss es Emma durch den Kopf. Sie steckte ihren Block ein und sagte ruhig: “Wir werden Sie jetzt mitnehmen ins Präsidium, gibt es jemanden, den Sie verständigen möchten? Ihren Anwalt vielleicht?“

Irmgard, die wieder auf ihrem Sessel zusammengesunken war, sah auf.

„Ich  – also ich habe keinen Anwalt,“ sagte sie und fing wieder an zu weinen. „Ich habe ja noch nie einen Anwalt gebraucht!“

Emma antwortete nicht und gab der Beamtin ein Zeichen.

„Meine Kollegin bringt sie jetzt zur Wache.“

Emma überließ Irmgard der Streifenbeamtin und ging wieder in die Küche. Die Spurensicherung war nahezu abgeschlossen und zwei Männer warteten mit einer Trage, auf der ein Leichensack lag, auf dem kleinen Vorplatz im Treppenhaus.

Malte, der sich über die Spüle gebeugt hatte und die Blutspuren, die das Messer hinterlassen hatte, fotografierte, sah zu Emma auf.

„Und,“ fragte er, „sagt sie die Wahrheit?“

„Ja,“ antwortete Emma knapp. „Irgendetwas stimmt hier nicht. Wir müssen auf jeden Fall sofort in die Wohnung des Toten bevor wir sie im Präsidium vernehmen. Komm!“.

 

Erkan Hubers Wohnung lag in einem gesichtslosen Vorort der Stadt. Im Hunger nach immer neuen Menschen hatte die Stadt sich weiter und weiter in das Land der Umgebung hineingefressen. Hochhäuser und Wohnblocks waren aus dem Boden gewachsen, in denen die vielen, die es in die Stadt zog, ein Dach über dem Kopf fanden. Erkan Hubers Wohnung war in einer der kleineren Einheiten, jede Etage wurde über einen offenen Flur erschlossen, der wie ein Balkon an der Reihe von Haustüren entlang lief. Emma zog ein paar neue Gummihandschuhe an und holte Erkan Hubers Schlüsselbund aus der Tüte der Spurensicherung. Sie schloss die schmucklose Tür auf, die wie alle anderen Türen auf dieser Etage ziegelrot war. Eine Etage darüber waren die Türen grau, in der Etage darunter dunkelblau.

„Das soll wohl Kunst am Bau sein, die bunten Türen,“ sagte Malte mit einem Grinsen.

„Schadet ja nicht, ein bisschen Farbe in der Betonwüste“ antwortete Emma und öffnete die Tür. Das erste, was sie wahrnahm, waren drei große, aufeinander gestapelte Kartons.

„Ist wohl grade erst eingezogen,“ sagte Malte und knipste das Licht an.

Emma nahm ein Blatt vom obersten Karton auf dem in großen Druckbuchstaben das  Wort „Flohmarkt“ stand.

„Sieht eher so aus, als ob er ausgemistet hat“, sagte Emma und hielt Malte das Schild hin. Dann hielt sie inne und schnupperte.

„Riechst du das?“ fragte sie. „Vanille, würde ich sagen. Riecht genauso wie in der Wohnung der Maierhofer.“

Sie sah sich um und entdeckte an der linken Wand des kleinen Flurs ein Sideboard, das dem in der Wohnung von Irmgard Maierhofer verblüffend ähnlich war. Die Asche der Räucherstäbchen war jedoch direkt auf das Sideboard gefallen, die flache weiße Schale fehlte. Emma speicherte das als seltsamen Zufall ab und ging weiter durch den Flur, warf einen Blick in die Küche, die ebenso ordentlich und aufgeräumt war die der Verdächtigen. Dann ging sie weiter und öffnete eine Glastür, die ins Wohnzimmer führte. Verblüfft blieb sie stehen. Das Zimmer war zwar anders geschnitten und hatte keine Dachschrägen, aber es war auf den ersten Blick identisch eingerichtet wie das von Irmgard Maierhofer. Sie rief nach Malte, der gerade dabei war, Schlafzimmer und Bad  zu untersuchen.

„Malte, das musst du dir ansehen!“, rief sie.

Auch Malte stutzte als er Erkan Hubers Wohnzimmer betrat.

„Was zur Hölle –“ er holte tief Luft. „Das sind doch dieselben Möbel wie bei der Maierhofer!“, rief er erstaunt aus.

„Nun“, Emma strich mit der rechten Hand über einen der beiden Sessel, „nicht dieselben aber sehr sehr ähnlich,“ sagte sie.

Emma sah sich um und ihr Blick fiel auf eine Reihe identischer schwarzer Ordner, die ordentlich nebeneinander in der weißen Schrankwand standen. Ihre Rücken waren von Hand mit den gleichen akkuraten Druckbuchstaben beschriftet wie die auf dem Schild mit der Aufschrift „Flohmarkt“.

„IRMI I“, „IRMI II“, IRMI III“, „IRMI IV“ las Malte laut vor. Emma zog den ersten Ordner heraus und schlug ihn auf. Er enthielt Fotos von Irmgard Maierhofers Wohnung, alle Räume waren sorgfältig abfotografiert, die Bilder ordentlich eingeklebt und beschriftet. Im Anschluss folgten Einzelfotos der Möbel und Notizen, wo so ein Möbel zu kaufen war und wie hoch etwa der Preis sein würde. Die Ordner II bis IV enthielten  eine Art Kalender, der Tag für Tag Irmgard Maierhofers Tagesablauf nachzeichnete. Die Aufzeichnungen begannen vor etwa einem Jahr, die letzte war vom Todestag des Opfers. Da stand in roten Druckbuchstaben das Wort „Besuch“ .Zwischen den Kalenderblättern fanden die beiden Kriminalbeamten Fotos von Irmgard beim Verlassen der Wohnung, auf dem Weg zur Arbeit,  auf dem Supermarktparkplatz mit dem Einkaufswagen. Emma und Malte überflogen die Eintragungen.

„Offensichtlich hat er sie in jeder freien Minute beobachtet,“ sagte Emma, „nicht jeden Tag, das war ihm wahrscheinlich nicht möglich, aber wann immer er konnte hat er ihr aufgelauert.“

„Du musst dir das Schlafzimmer anschauen,“ sagte Malte und Emma legte den Ordner, den sie durchsucht hatte, in das Regal der Schrankwand zurück. Sie folgte Malte ins Schlafzimmer und blieb überrascht stehen. Das Schlafzimmer war wie aus einem anderen Universum, offensichtlich war das Erkan Hubers Universum. Ein Bett aus Lärchenholz mit gedrechselten Füßen, dominierte den Raum. Die Bettwäsche war orange-gelb gemustert, ein ausgewaschenes Blumenmuster mit Bordüren aus aufgestickten Gänseblümchen. Auf einem der beiden Nachtischchen stand in silbernem Rahmen ein Foto von Irmgard Maierhofer, das sie offensichtlich bei einer Betriebsveranstaltung an einem Rednerpult zeigte.

„Ein Stalker,“ sagte Emma. “Aber einer von der ganz üblen Sorte.“

„Wir brauchen die Spusi hier,“ Malte griff in die Jackentasche und holte sein Mobiltelefon heraus.

„Das ganze Zeug hier muss ins Präsidium und die Wohnung muss fotografiert werden.“

Emma nickte und ging in den Flur, einer Ahnung folgend.

„Komm,“ rief sie Malte, „hilf mir mal mit den Kartons,“ und sie hoben gemeinsam den obersten der drei Kartons auf den Boden. Emma öffnete ihn. Sie sah hinein und es war offensichtlich, dass diese Kartons all das enthielten, was Erkan Huber gewesen war, bevor er besessen war von Irmgard Maierhofer. Ein geschnitztes Kruzifix und ein messingfarbener Kerzenleuchter lagen auf FC-Bayern-München Bettwäsche, verschiedene Holzbrettchen mit eingebrannten oder eingeschnitzten Sinnsprüchen waren zwischen die Bettwäsche geschoben.

„Trautes Heim, Glück allein“, las Emma.

„Das traute Heim war ja wohl eher ein Horrorkabinett“, sagte sie und hielt Malte das Holzbrettchen hin.

„Du hattest wieder mal den richtigen Riecher,“ sagte Malte. „Er hat sich wohl einen Nachschlüssel für ihre Wohnung machen lassen. Und er war ja offenbar nicht das erste Mal da.“

Malte schüttelte den Kopf und verzog das Gesicht zu einer Grimasse.

„Was für ein Widerling.“

„Du sagst es, Malte. Wenn auch überdeutlich. Ruf die Kollegen an, ich muss hier raus, mir wird schlecht,“ sagte Emma und klappte den Deckel des Kartons zu.

love is a battlefield / Der Geschichtengenerator

Jutta Reichelts Geschichtengenerator hat wieder eine Aufgabe ausgespuckt. Der Begriff der Woche lautet dieses Mal „Treppenhaus“.

(9) Geschichtengenerator in Aktion

Jutta hat eine Vorliebe für „Literarisch unterschätzte Orte“ , eine wunderbare Umschreibung. Ich habe mich also darin versucht, das Treppenhaus einzubauen…und wie schon öfter passiert, entwickelte auch diese Geschichte ihr Eigenleben….und die Protagonistin entpuppte sich als Person, die so eigentlich gar nicht geplant war….

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Das Treppenhaus war menschenleer. Die Luft war abgestanden, es roch als ob der Atem all derer, die seit Jahrzehnten hier ein und ausgegangen waren, zwischen den Stufen konserviert worden wäre.
Ich streckte instinktiv die Hand nach dem Lichtschalter aus, zögerte dann und meine Hand blieb in der Luft stehen, abwartend. Aber mein Gehirn gab keine klaren Anweisungen. Ich ließ den Arm wieder sinken. Es war besser, kein Licht zu machen. Ich blieb einfach stehen, rechts von mir klebten die Briefkästen an der Wand. Durch das Oberlicht über der Eingangstür fiel ein schwacher Lichtschein der Straßenlaterne vor dem Haus, ich sah die Stufen, die zum Hochparterre führten, fünf Stufen waren es. Dann folgte die alte Holztreppe, die sich wie eine geschmeidige Schlange durch das Treppenhaus wand und ich dachte an den, vom vielen Anfassen blank polierten, Handlauf des Geländers. Als ich die Wohnung besichtigt hatte, war es Liebe auf den ersten Blick gewesen. Eine Dachgeschoßwohnung mit kleiner Dachterrasse, hoch über den Dächern der Stadt. Die Tatsache, dass es keinen Aufzug gab, hatte mich nie gestört. Ich liebte nicht nur diese Wohnung, ich liebte das ganze Haus, mit all den Spuren, die fast hundert Jahre und unzählige Bewohner hinterlassen hatten.
Die schwere Tür aus Eichenholz mit den gedrechselten Verzierungen, die alten Bodenfliesen im Eingangsflur, schwarz mit weiß und an vielen Stellen gesprungen, die Holztreppe, deren Stufen in der Mitte abgeschabt waren von den vielen Füßen, die hinauf und hinab gegangen waren. Ich liebte den Sommer in der Stadt, wenn die Luft heiß und staubig war und ich vor der Hitze in meiner Wohnung in den Hinterhof flüchtete, auf die Bank unter den alten Birken und das Schattenspiel der Birkenblätter an der Hauswand verfolgte. Das Haus lebte und atmete, ich konnte das immer spüren, es hatte eine Seele. Jetzt aber schien es, als ob es die Luft angehalten hätte, es war so still, dass ich wie gelähmt war. Panik breitete sich in mir aus, stieg vom Bauch hinauf zum Herzen, das immer schneller schlug, schnürte mir die Luft ab und kam schließlich in meinem Kopf an.
„Du wirst jetzt die Treppe hochgehen,“ befahl mir mein Gehirn.
„Schritt für Schritt. Stufe für Stufe.“
Ich zwang mich, die ersten fünf Stufen hoch zu gehen, es würden noch weitere achtzig folgen, bis ich meine Wohnung im Dachgeschoß erreicht hätte. Ich spürte, wie das Haus mich beobachtete und hatte das Gefühl, dass es mich nicht mehr hier haben wollte. Ich kämpfte mich Stufe um Stufe nach oben, wie gegen eine unsichtbare Wand. Dann stand ich im Hochparterre und hielt inne, lauschte angestrengt ob es irgendein Geräusch gab in den Wohnungen rechts und links von mir, irgendein Zeichen, dass noch jemand wach war. Es blieb still. Langsam schlich ich auf Zehenspitzen zur Treppe, zog mich am Geländer Stufe um Stufe nach oben. Am ersten Treppenabsatz setzte ich mich auf den breiten Sims des Fensters, das zum Hinterhof zeigte. Die Birken waren kahl, der Boden mit abgestorbenen Blättern bedeckt. Das Mondlicht war schwach, der Hinterhof schien wie die Kulisse aus einem alten Schwarzweiß-Film. Ich sah einen hellen Fleck auf der Bank unter den Bäumen und wusste, das war Vilja, die schneeweiße Katze von Frau Olschewsky, Hochparterre links.
„Bring es hinter dich“, befahl mir mein Gehirn. „Geh weiter!“
Ich stellte mir vor, ich wäre ein Wesen ohne eigenen Willen, das den Befehlen eines unbekannten Generals, der in meinem Kopf wohnte, folgte.
„Steh auf!“ befahl der General.
Und ich gehorchte, schleppte mich weiter die Treppe hoch, lauschte auf jedem Treppenabsatz in das leere Treppenhaus hinein, suchte den Atem der Wände und das vertraute Gefühl des Ortes, an den ich gehörte. Auf jedem Stockwerk horchte ich vorsichtig an den Türen der Wohnungen, doch überall schienen die Bewohner zu schlafen. Es erstaunte mich, dass es offenbar eine Zeitspanne gab, in der alle im Haus schliefen. Niemand war wach, der das Knarren der alten Holzstufen hörte, meinen flachen Atem, meine vorsichtigen Schritte auf den Stufen.
Mit der Zeit hatte ich alle Bewohner des Hauses kennengelernt und ordnete sie in Gedanken paarweise an, so wie das Haus sie zusammengewürfelt hatte. Im Hochparterre wohnten Frau Olschewsky und die dicke Frau Müller. Die beiden Frauen stellten den perfekten Gegensatz dar.
Frau Olschewsky, klein und drahtig, mit silbergrauem Kurzhaarschnitt in der Wohnung links und gegenüber Frau Müller, die ihre Leibesfülle gerne in großgeblümte Kleider zwängte und ihre Haare feuerrot färbte. Dennoch waren die beiden ein Herz und eine Seele und Frau Stieglitz, die über Frau Olschewsky wohnte, hatte mir hinter vorgehaltener Hand erzählt, die beiden würden sich seit Kindertagen kennen und hätten beschlossen, zusammen alt zu werden. Frau Stieglitz war eine aufgetakelte Blondine, immer eine Spur zu stark geschminkt, die Haare etwas zu blond und die Hosen etwas zu eng. Sie arbeitete laut eigenen Angaben in der Modebranche, ich vermutete, sie arbeitete als Verkäuferin in einer Damenboutique und zwängte ihre Kundinnen in ebenso enge Hosen wie sie sie selbst trug.
Gegenüber von Frau Stieglitz wohnte ein Ehepaar Mitte fünfzig, Ines und Harald, beide waren Lehrer. Sie verließen das Haus früh und kamen am Nachmittag zurück, ich begegnete Ihnen selten. Ines und Harald waren begeisterte Läufer, vor ihrer Wohnung standen immer mindestens vier Paar mehr oder weniger schmutzige Laufschuhe und an der Wohnungstür hing ein Plakat des New York Marathon 2010. Im zweiten Stock wohnte Alice Johnson, eine gebürtige Engländerin, die wegen eines Engagements am Ballett in der Stadt gelandet und hängengeblieben war. Sie betrieb eine kleine Ballettschule am Stadtrand und war immer ganz in schwarz gekleidet, die rotblonden Haare zu einem strengen Dutt gedreht. Alice war eine zarte, anmutige Elfe und sah bestimmt jünger aus als sie war. Ich vermutete, sie war Mitte der sechzig aber sie wirkte zehn Jahre jünger. Ihr gegenüber wohnte Siggi, ausgewiesener Motorradfan. Siggi trug seine ergrauenden Haare schulterlang und man sah ihn fast nur in schwarzen Lederhosen. Bei Siggi traf jedoch der Satz zu „beurteile das Buch nicht nach dem Umschlag“, denn Siggi hörte nicht, wie jeder es erwarten würde, Heavy Metal Musik sondern war ein großer Opernfan. Seine Liebe galt vor allem Pucchini und jeder im Haus kannte seine Lieblingsarie: „Nessun dorma“ aus Turandot. Auch auf dieser Etage war kein Laut zu hören, kein Tapsen nackter Füße, oder das Spülen einer Toilette. Ich schlich weiter nach oben, in den dritten Stock. Horchte an der Tür links, hinter der Sonja und Thomas schliefen. Die beiden waren so unauffällig wie ihre Eingangstür. Nichts deutete darauf hin, dass die Wohnung bewohnt war, kein Schild, kein Türkranz, keine Schuhe auf dem Abtreter. Die beiden waren freundliche Phantome, die keinen Eindruck hinterließen. Waren sie aus dem Sichtfeld verschwunden, hatte man sie bereits vergessen. Sie verschwanden sofort in der Masse. In der Wohnung rechts lebte Dominik Fischer, er war der jüngste Hausbewohner, ich schätzte ihn auf Mitte dreißig. Auch ihn sah ich selten, er hatte sich zwar allen Hausbewohnern vorgestellt, als er eingezogen war, aber er hielt keinen weiteren Kontakt zu den anderen Mitbewohnern sondern ging seiner Wege. Ich vermutete, dass er dabei war, in der freien Wirtschaft Karriere zu machen und erwartete, dass er demnächst wieder ausziehen würde weil er endlich die Penthouse-Loft oder Maisonette-wohnung gekauft hatte, die seinem Status entsprach. Auch im dritten Stock war nichts zu hören. Stille.
Im vierten Stock lag meine Wohnung. Ich war Anfang vierzig, ehrgeizig und beruflich erfolgreich. In meinem Leben gab es zu diesem Zeitpunkt nicht viel mehr als meine Karriere. Wie mich meine Mitbewohner sahen, war mir gleichgültig, aber ich war zu jedem freundlich und auch mal zu einem kurzen Smalltalk bereit. Zu meiner Schande muss ich gestehen, es war reiner Eigennutz, denn ich wollte mit Niemandem Ärger und man weiß nie, ob man nicht einmal die Hilfe eines Nachbarn braucht.
Ich weiß nicht, wie lange es gedauert hatte, bis ich in dieser Nacht bei meiner Wohnung angekommen war. Es fühlte sich an, als hätte ich Stunden gebraucht um die Treppe hochzugehen, die Zeit floss zäh wie Sirup dahin. Ich stand in der obersten Etage, die einzige, in der nur eine Wohnung war, ich hatte das ganze Dachgeschoss für mich alleine. Ich zog den Schlüssel aus der Manteltasche und steckte ihn zitternd ins Schloss.
Ich wollte diese Wohnung nicht betreten – und doch hielt sich hartnäckig die aberwitzige Hoffnung in mir, alles wäre wie immer, wenn ich die Tür öffnete.
„Schließ auf“, befahl der General.
Ich gehorchte, drehte langsam den Schlüssel im Schloss. Der zarte Duft von Vanille wehte mir entgegen, die Räucherstäbchen waren abgebrannt. Ich erinnerte mich wie ich am Abend in der Küche gestanden hatte um mir einen Tee zu kochen. Der Fernseher lief, ich hörte mit einem Ohr dem Nachrichtensprecher zu. Es war Sonntagabend, ich hatte vorgehabt, in Ruhe den Krimi anzusehen und danach schlafen zu gehen. Dann war da dieses Geräusch gewesen, das nicht hätte da sein dürfen. Ein Schlüssel, der im Schloss gedreht wurde. Ich weiß noch wie ich erstarrte und in Panik nach dem Brotmesser griff. Ich stand an der Spüle und hatte noch den Faden des Teebeutels in der Hand, den ich gerade aus der Tasse gezogen hatte. Leise Schritte näherten sich, ich tat so als würde ich das nicht hören. Meine rechte Hand umklammerte das Messer, ich war angespannt vor Panik und doch ganz klar. Niemand außer mir hatte einen Schlüssel zu meiner Wohnung, niemand. In meinem Kopf rasten die Gedanken, in Sekundenbruchteilen spielte ich  Horrorszenarien durch. Ich tat immer noch so, als ob ich nichts gehört hätte, hantierte mit dem Teebeutel und hielt das Messer fest. Aber ich spürte die Gegenwart des Unbekannten fast körperlich, ich spürte ihn näher kommen. Es gab nur eine Möglichkeit, ich musste ihn überraschen. Als ich das Gefühl hatte, dass er fast hinter mir war drehte ich mich blitzartig um und rammte ihm das Messer bis zum Heft in die Brust, zog es heraus und stach nochmal zu.
Er sank zusammen, knickte ein und stöhnte. Dann fiel er vor mir auf den Boden. Ich hatte das blutverschmierte Messer immer noch in der Hand und warf es angewidert in die Spüle. Der Mann lag da, die Augen erstaunt geöffnet, auf seiner grauen Fleecejacke breitete sich ein dunkler Fleck aus. Es war offensichtlich dass ich ihn getötet hatte. In diesem Moment sah ich, dass ich den Mann, der da am Boden lag, kannte und das Entsetzen packte mich. Ich starrte ihn an und konnte es nicht fassen. Wie war er an den Schlüssel zu meiner Wohnung gekommen? In meinem Kopf fuhr ein Karussell aus Gedanken im Kreis, mein Körper fing an unkontrolliert zu zittern, kalter Schweiß brach mir aus. Ich wollte nur noch weg, raus aus dieser Wohnung. Ich stieg über den Toten, riss im Flur meine Jacke vom Bügel, den Schlüssel vom Haken und zog, noch halb im Gehen, meine Turnschuhe an, verließ die Wohnung und knallte die Tür hinter mir zu. Wie von Furien gehetzt rannte ich die Treppe hinunter und verließ das Haus. ich weiß nicht, wie lange ich ziellos durch die Straßen gelaufen bin bis ich plötzlich wieder vor dem Eingang stand.
Meine Wohnung war hellerleuchtet, der Fernseher lief noch, und der Tote lag in meiner Küche auf dem Boden. Plötzlich war ich wieder völlig klar. Jetzt, da ich der Katastrophe gegenüberstand, funktionierte mein Verstand besser als in den Stunden zuvor, als ich meinen eigenen Hirngespinsten ausgeliefert war.
Es gab nur einen Weg. Ich musste jetzt die Polizei verständigen.
Mechanisch nahm ich den Hörer und wählte den Polizeinotruf.
„Guten Abend. Mein Name ist Irmgard Maierhofer. Ich habe einen Einbrecher erstochen,
sein Name ist Erkan Huber.“

 

Noch eine Anmerkung in eigener Sache: wer wissen will, was es mit Erkan und Irmi auf sich hat, die beide auch dem Geschichtengenerator entsprungen sind, kann es hier nachlesen:

https://wortwabe.wordpress.com/2016/02/12/bedenke-wohl-was-du-dir-wuenschst-es-koennte-dir-gewaehrt-werden/

Bedenke wohl was du dir wünschst, es könnte dir gewährt werden

Oder: Der Geschichtengenerator©Jutta Reichelt hat vorgegeben
ERKAN (ziemlich verliebt)    KANTINE   „NATÜRLICH KANN ICH DAS!“

Erkan starrte auf seinen Bildschirm. Das Angebot würde sich nicht von selbst schreiben, soviel war klar. Aber leider waren sämtliche Synapsen in seinem Gehirn mit Fehlschaltungen beschäftigt. Denn egal, an was Erkan dachte, es führte immer nur zu einem Thema: Irmi. Er versuchte, sich zusammenzureißen, aber es war von vornherein klar, dass das nicht klappen würde. Wie konnte sich ein Mann in seinem Alter nur so kindisch benehmen? Es war nicht auszuhalten. Die schöne Irmi verfolgte ihn nun schon seit drei Wochen bis in den Schlaf. Und er hatte keine Chance ihr auszuweichen denn er verbrachte die ganze Woche mit ihr, mindestens acht Stunden am Tag, von Montag bis Freitag. Die schöne Irmi war seine neue Chefin. Vertriebsleitung Innendienst war der offizielle Titel. Sexiest Woman alive war der inoffizielle Titel, den Erkan an Irmi vergeben hatte. Seit Irmi, oder besser Frau Maierhofer, den Glaskasten am Ende des Großraumbüros bezogen hatte, sammelten sich bei Erkan die Überstunden an. Die Effizienz von Erkans Arbeit ließ allerdings diametral zu seiner Arbeitszeit nach. Er saß an seinem Schreibtisch und malte Männchen aufs Papier oder starrte über die Köpfe seiner Kollegen hinweg in Richtung Glaskasten. Wenn er sie nur einmal in den Armen halten könnte, nur einmal…Erkan seufzte und fand sich damit ab, dass das ein Traum bleiben würde. Er war Mitte Fünfzig, Irmi war Anfang vierzig. Während Erkan mit seiner Karriere bereits durch war würde sie noch mindestens fünf oder zehn Jahre Gas geben. Da war er sich sicher.
Erkan Huber hatte eine Mutter mit türkischen Wurzeln, die aus Liebe zu ihrem bayrischen Ehemann sogar die Konfession gewechselt hatte, aber der Preis dafür war, dass der gemeinsame Sohn den Namen ihres Vaters tragen sollte, Erkan, was so viel bedeutet wie „General“ oder „Anführer“. So kam der bayrische Bub zu seinem exotischen Vornamen, der aber schnell zu „Erki“ abgewandelt wurde. Der kleine Erkan war jedoch nie der Anführer, er war froh, wenn er mitspielen durfte und man ihn ansonsten in Ruhe ließ, denn er war nahe am Wasser gebaut und brach schnell in Tränen aus. Der erwachsene Erkan Huber war sich sicher, dass sein Hang zur Melodramatik ein Erbe der orientalischen Mutter war, denn sein Vater war ein Urbayer, der das Wort Drama vermutlich nicht einmal buchstabieren konnte.
Auch bei Irmgard Maierhofer, von Erkan insgeheim Irmi genannt, konnte man in keinem Fall von „nomen est omen“ sprechen. Hätte sie gewusst, dass der verliebte Erkan Huber sie „Irmi“ nannte, hätte sie vermutlich einen Lachanfall bekommen. Frau Maierhofer, die seit dem ersten Tag von allen Mitarbeitern, außer Erkan, nur „M“ genannt wurde, war groß, schlank und tough. Sie ließ sich von keinem auf der Nase herumtanzen. Ihre Kleidung war schlicht aber durchaus feminin. Sie trug immer knielange Bleistiftröcke in schwarz oder grau, kombiniert mit Seidenblusen in pastelligen Farben, dazu Pumps. Das Büro betrat sie jeden Morgen mit Sneakers, wechselte dann aber sofort hinter dem Schreibtisch die Schuhe und stöckelte danach mit ihren Stilettos durch das Büro um bei ihrem morgendlichen Rundgang alle Mitarbeiter zu begrüßen. Ihre langen braunen Haare waren zu einem lockeren Dutt aufgesteckt. Irmgard Maierhofer war sich ihrer Wirkung auf Männer durchaus bewusst und setzte diese zu ihrem Vorteil ein. Sie hatte sich diese Position erarbeitet, auch wenn das bestimmt wieder der eine oder andere nicht wahrhaben wollte und ihr eine Affaire mit einem Vorgesetzten nachsagte. Irmgard Maierhofer hatte das nicht nötig und was man ihr nachsagte interessierte sie schon lange nicht mehr. „never fuck the company“ war ihr Wahlspruch und daran würde sie sich halten.
Sie blieb bei Erkans Schreibtisch stehen.
„Guten Morgen Herr Huber!“ sagte sie und lächelte ihn aufmunternd an. „Was macht das Angebot für Kremmler?“
Erkan hatte Irmi schon seit Minuten beobachtet und den Moment, wenn sie an seinem Schreibtisch ankommen würde, gleichzeitig herbeigesehnt und verwünscht. Er würde wieder wie ein kompletter Idiot aussehen, das war ihm klar.
„Ich, äh, also, ja… guten Morgen Irm…Frau Maierhofer,“ Erkan hätte sich ohrfeigen können für sein Gestammel. „Ja, also ich mache das heute fertig.“
„Schön, dann mailen Sie es mir bitte rüber. Können Sie das bis um vierzehn Uhr dreißig fertigstellen?“
„Natürlich kann ich das, Frau Maierhofer.“
„Wunderbar, dann noch einen schönen Tag!“ Irmi strahlte ihn an und ging dann weiter. Erkan seufzte. Was hatte er sich da nur angetan. Es war acht Uhr fünfundvierzig. Das Angebot würde etwa fünfunddreißig Positionen umfassen. Er hatte noch nicht einmal die Hälfte davon zusammen. Wenn er das schaffen wollte, dann konnte er sich eine Mittagspause in der Kantine abschminken.
Erkan entschied, dass er dieser Herausforderung ohne einen weiteren Kaffee nicht gewachsen war. Er stand auf und ging Richtung Teeküche. Zwangsläufig führte sein Weg an Irmis Glaskasten vorbei, aber ihr Platz war leer. Eine kleine Enttäuschung machte sich in Erkan breit, als er die Teeküche betrat. Insgeheim hatte er ja gehofft, dass Irmi ihn bitten würde, ihr einen Kaffee mitzubringen. Erkan stellte seinen Kaffeebecher auf den dafür vorgesehenen Platz und drückte den Knopf für Cappuccino an der hochmodernen chromglänzenden Maschine. Erkan bezeichnete sich selbst gerne als „Kaffeejunkie“. Seine Vorliebe für Kaffee ging so weit, dass er sich manchmal abends beim zu Bett gehen wünschte es wäre schon wieder Morgen, nur um wieder einen Kaffee trinken zu können. Allein der Duft, der jetzt der Maschine entströmte, entschädigte ihn schon für alle sehnsuchtsvollen Gedanken zu seinem derzeitigen Lieblingsthema. Die Teeküche grenzte an einen umlaufenden Balkon, der gerne von den Rauchern für eine schnelle Pausenzigarette genutzt wurde. Während Erkan gedankenverloren auf die Kaffeemaschine starrte, die seinen Cappuccino aufbrühte, wurde schwungvoll die Balkontür aufgeschoben und Irmgard Maierhofer betrat vom Balkon her die Teeküche. Dabei verhakte sich einer ihrer Stilettos in der Türschwelle und sie drohte, der Länge nach auf den gefliesten Boden zu knallen. Erkan, der Irmi völlig paralysiert angestarrt hatte, kam gerade noch rechtzeitig zu sich um sie aufzufangen. Der abbrechende Absatz gab ein hässliches Geräusch von sich, wie absplitterndes Holz, und mit einem kleinen wehklagenden „krch“ trennte er sich vom Schuh. Irmgard Maierhofer lag jetzt in seinen Armen, ja sie hing förmlich an seinem Hals. Erkan wusste nicht, wie er mit dieser Situation umgehen sollte, aber Irmi stellte sich bereits wieder auf die eigenen Beine. Das heißt, sie stellte sich auf ein Bein, zog den ruinierten Schuh vom Fuß und sagte bedauernd:
„Der ist hin.“
Der Absatz steckte noch immer in der Türschwelle und Erkan bückte sich um ihn heraus zu hebeln. Es war ein unglaubliches Bild. Irmi Maierhofer, auf einem Bein balancierend, den kaputten Schuh in der einen Hand, die andere zur Wahrung des Gleichgewichts in den Küchentresen gekrallt. Zu ihren Füßen kniend Erkan Huber, der ihr jetzt den abgebrochenen Absatz reichte wie die heiligen drei Könige Weihrauch und Myrrhe an das Jesuskind.
„Da haben Sie mir ja das Leben gerettet,“ Irmgard grinste ihn an. „Vielleicht sollte ich auf weniger hohe Absätze umsteigen. So kann ich jedenfalls nicht wieder zurück ins Büro. Wären Sie wohl so nett und würden mir meine Sneakers holen?“
„Selbstverständlich, einen Moment, ich bin gleich wieder da!“ sagte Erkan und rannte los.
Kurz darauf kam er mit den Sneakers in der Hand wieder in der Teeküche an. In der Zwischenzeit waren noch zwei weitere Kollegen aus der Nachbarabteilung dort eingetroffen um sich einen Kaffee zu holen und Irmi hatte bereits die dramatische Rettungsaktion von Erkan um Besten gegeben.
„Wenn Herr Huber mich nicht aufgefangen hätte, wer weiß was ich mir gebrochen hätte,“ sagte Irmi mit Dramatik in der Stimme und untermalte den Satz mit weitausholenden Gesten.
Erkan war das unangenehm, aber andererseits war er auch ein bisschen stolz, dass sie ihn so hervorhob. Er holte für Irmi einen Stuhl aus einem der angrenzenden Büros, damit sie sich setzen und in Ruhe ihre Sneakers anziehen konnte. Erkan war in seinem Element, endlich konnte er zeigen, was für ein Gentleman der alten Schule er war. Wäre es nach ihm gegangen, er hätte sich Irmi zu Füßen gesetzt und ihre Schnürsenkel geknotet.
Nachdem sie die Schuhe getauscht hatte, stand Irmgard auf, sah in die Runde und sagte:
„Dann können wir ja jetzt wieder weiterarbeiten. Einen schönen Tag noch die Herren.“, und an Erkan gewandt. „ Herr Huber? Gehen wir?“
Erkan, der seinen, mittlerweile nur noch lauwarmen, Cappuccino hinuntergestürzt hatte, stellte mit einem klirrenden Geräusch die Tasse in die Spüle und folgte seiner Chefin.
Als sie an Irmis Glaskasten angekommen waren, öffnete Erkan ihr galant die Tür und sie sagte:
„Nochmals vielen Dank, Herr Huber. Können Sie mir dann das Angebot schicken? Vierzehn Uhr dreißig?“
Erkan sagte nur lahm: „Natürlich kann ich das,“ und ging zu seinem Platz.
„Du hast dir gewünscht sie im Arm zu halten,“ sagte er sich. „jetzt ist es gut.“
Erkan versuchte, sich wieder auf seine Arbeit und die Erstellung des Angebots zu konzentrieren. Aber wenn das in Erfüllung gegangen ist, dann geht vielleicht noch mehr? In Gedanken spielte Erkan immer wieder die Szene in der Teeküche durch. Was, wenn sich Irmi Maierhofer jetzt unsterblich in ihn verliebt hatte, nachdem sie ihm so nahe gekommen war? Bestimmt wartete sie nur darauf, dass er den Anfang machte. Bestimmt war es so. Erkan war sich plötzlich absolut sicher. Er war sich so sicher, dass er sogar das Angebot ohne weitere Ablenkung termingerecht fertigstellte. Natürlich musste sie die Unnahbare bleiben. Nur er konnte diesen Schritt auf sie zu machen. Und er würde sie nicht enttäuschen.
Als Irmgard Maierhofer am Abend das Bürogebäude verließ und Richtung U-Bahn ging bemerkte sie nicht wie Erkan Huber sich lautlos an ihre Fersen heftete.

Der Geschichtengenerator oder Luise

endlich habe ich den Geschichtengenerator von Jutta Reichelt ausprobiert! http://juttareichelt.com/2016/01/15/1-geschichtengenerator-in-aktion/

 

Karten Schachtel

Es funktioniert so: aus 4 Sparten (Figuren/Orte/Sätze/Joker) wählt man je eine Karte. Dann hat man 4 Karten, aus denen baut man eine Geschichte. Ich habe die Karten nicht verdeckt ausgelegt und dann Begriffe gezogen, sondern beim Ausschneiden der Karten gab es Worte, die mich angesprochen haben. Die habe ich dann geniommen. Meine 4 Karten waren:

Luise (ältere Dame mit Hut)

Treppenhaus        Komm!             Briefkasten

Nachstehend findet ihr meine Geschichte. Die Begriffe habe ich fett markiert. Mal sehen, was ihr so sagt dazu 🙂 Liebe Jutta Reichelt, vielen Dank für diese großartige Idee des Geschichtengenerators!

Luise

Luise trug ihre Hüte wie ein Manifest. Aber außer ihr wusste das keiner. Für die anderen fünfzehn Bewohner des schmalen Mietshauses war sie einfach die ältere Dame mit Hut – keiner ihrer Nachbarn hatte sie je ohne Hut gesehen.
In Luises kleiner Wohnung hatten die Hüte ein eigenes Zimmer, jeder Hut und jede Mütze hatte einen eigenen Platz und Luise hätte bei jeder ihrer Kopfbedeckungen sagen können, wo und wann sie diese erstanden hatte. Für Luise war der „Hut des Tages“ ein Ausdruck ihrer selbst, ihrer aktuellen Stimmungslage, vielleicht auch eine Reminiszenz an den letzten Traum am Morgen oder einen Gedanken, der ihr nach dem Aufstehen durch den Kopf gegangen war. Vielleicht eine leise Erinnerung an eine vergangene Liebe – Luises Hüte waren der Spiegel ihrer Seele. Sie trug die Hüte nicht nur wenn sie die Wohnung verließ, sondern auch wenn sie alleine zuhause war. Wie es zu dieser ausgeprägten Liebe zu Hüten gekommen war, wusste Luise selbst nicht so genau. In ihrer eigenen Erinnerung gab es eigentlich keine hutlose Zeit, auch Fotos aus ihrer Kindheit zeigten sie nur mit Hut. Sie erinnerte sich genau an ihren ersten Hut, ein kleiner blauer Wollhut mit schmaler aufgebogener Krempe und einem weißen Band aus Rips, das hinten in einer kleinen Schleife endete. In den Fünfzigerjahren war es undenkbar, ohne Hut auszugehen. Luise, damals jung und lebenshungrig wie alle anderen, die die schrecklichen Jahre des zweiten Weltkriegs schnell vergessen wollten, trug Kleider mit schmalem Oberteil und weitem schwingendem Rock und krönte jedes mit einem passenden Hut. In den Sechzigern wurde der Hut mehr und mehr zum Sinnbild für Spießigkeit doch Luise ließ sich nicht beirren und hielt an ihrer Liebe zu Hüten fest. Sie zog aus der süddeutschen Kleinstadt nach Berlin und begann zu studieren. Zu den Hüten gesellte sich jetzt eine Maokappe und eine schwarze Baskenmütze, statt femininer Kleider trug Luise schmale Hosen und Rollkragenpullover. Sie durchlief die Stationen ihres Lebens immer mit dem passenden Hut auf dem Kopf. Jetzt lebte sie immer noch in Berlin, hatte sich nach der Wende diese kleine Wohnung gekauft in einem heruntergekommenen Haus am Prenzlauer Berg. Sie wollte mittendrin sein, das Viertel gefiel ihr. Mittlerweile war das Haus renoviert, die Wohnungen hatten einen Balkon bekommen und jeder in ihrer Straße kannte die „Oma Hut“.
Es war ein sonniger Morgen, der Himmel spannte sich strahlendblau über die Stadt. Luise sah aus dem Fenster der Küche in den Hinterhof, drei große Birken standen direkt vor Luises Balkon und tauchten das Zimmer in grünliches Licht. Die Luft roch nach Sommer und ein bisschen Stadtstaub mit einem Hauch Kaffeeduft. Luise trug einen kleinen Sonnenhut aus orangefarbener Baumwolle mit großen weißen Tupfen. Mit einer Tasse Kaffee in der Hand trat sie auf den schmalen Balkon und sah in den Hinterhof hinab. Dido, die Katze des Nachbarn über ihr, tänzelte geschmeidig über die Tische im Hof, rieb dann ihr seidiges Fell an einem Baumstamm und verschwand hinter dem Fahrradschuppen. Luise wandte sich um und sah zur Uhr. „Zeit für die Post,“, dachte sie, nahm im Flur den Wohnungsschlüssel vom Haken und trat ins Treppenhaus. Sie ging die Treppe vom ersten Stock hinunter zum Eingangsflur, wo die Briefkästen der Hausbewohner in einer Reihe an der Wand hingen. Luise bekam nicht viel Post, außer der Tageszeitung enthielt ihr Briefkasten meist nur Werbebriefe. Als sie an diesem Morgen den Briefkasten öffnete und die Zeitung herausnahm, fiel ihr eine Postkarte vor die Füße. Luise hob sie auf und hielt einen Moment überrascht die Luft an. Die Karte zeigte das alte Museum auf der Museumsinsel vom Lustgarten aus aufgenommen. Luise drehte die Karte um und auf der Rückseite stand nur ein einziges Wort: „Komm!“. Luise schloss die Augen und stand einen Moment regungslos vor dem immer noch geöffneten Briefkasten. Dann hörte sie Kinderstimmen im Treppenhaus und wusste, der kleine Finn aus der Wohnung im Dachgeschoß würde jetzt gleich mit Gepolter die Treppen herunterrennen, seine Schwester Emma im Schlepptau. Finns und Emmas Mutter Ina würde dann die Tür der Wohnung abschließen, die Treppe heruntergehen und immer wieder abwechselnd den Namen des Jungen und des Mädchens rufen und sie ermahnen, nicht alleine auf die Straße zu gehen. Luise mochte die beiden Kinder, aber jetzt war sie so aufgewühlt dass sie sich beeilte wieder in ihre Wohnung zu kommen. Finn erwischte sie als sie ihren Wohnungsschlüssel ins Schloss steckte und rief begeistert „Oma Hut! Oma Hut!“. Luise drehte sich nur kurz zu dem Jungen um, rief ihm zu: „Hallo Finn“ , schlüpfte in ihre Wohnung und zog die Tür hinter sich zu. Sie hörte noch , wie Finn sich bei seiner Mutter, die jetzt auch im ersten Stock angekommen war, beschwerte, dass Oma Hut heute gar nicht nett gewesen sei und ging dann in die Küche, wo sie sich auf einen Stuhl sinken ließ.
„Komm!“ – sie kannte diese schwungvolle Schrift, aber es war Jahrzehnte her, seit sie sie das letzte Mal gesehen hatte. „Komm!“ hatte auch damals auf einem Blatt Papier gestanden, nur dieses eine Wort, „komm“, und ein Ausrufezeichen dahinter, das keinen Widerspruch zuzulassen schien. Sie war der Aufforderung nicht gefolgt. Sie war geblieben und hatte ihr Leben weitergelebt. Hatte geheiratet, ein Kind bekommen, war Witwe geworden und dann Oma und jetzt war sie „Oma Hut“. Tochter und Enkelkind waren in Hamburg und sie, Luise, war immer noch hier in Berlin.
Benno war damals abgetaucht, hatte sich nie mehr gemeldet, nie gefragt, warum sie nicht gekommen war. Er war aus ihrem Leben verschwunden wie ein Mitreisender, der auf der Strecke an einem anderen Bahnhof aussteigt und den man nie wiedersieht. Man teilt diese gemeinsame Erinnerung an einen Abschnitt der Reise und dann zieht man alleine weiter. Luise hatte Benno nie wirklich vergessen. Er war immer da gewesen, war ein Teil ihrer Geschichte. Jetzt, da sie älter war und an vielen Tagen in ihre Erinnerungen versank, ließ sie die Gedanken an Benno wieder zu. An diesen Tagen trug sie einen alten Stetson, dessen Zwilling Benno getragen hatte. Sie hatten beide denselben Hut gekauft, weicher kurzer Filz, aschegrau mit schmalem Lederband, und waren Hand in Hand durch den Berliner Regen gelaufen. Wie hatte Benno sie gefunden? Luise wusste nichts von den vielfältigen Möglichkeiten, Menschen ausfindig zu machen. Sie staunte und spürte, wie eine kleine Aufregung sich in ihr breit machte, sie langsam ausfüllte, sich ihren Weg bahnte vom Magen in das Herz, das plötzlich schneller schlug, bis in ihren Kopf. Und zum ersten Mal in ihrem Leben wusste sie nicht, welcher ihrer Hüte dieser Situation angemessen wäre. Sie erinnerte sich an jede ihrer Begegnungen. Beide hatten sie die Museumsinsel geliebt, das Spektakel wenn hunderte Vögel in den Bäumen aufflogen oder sich niederließen, hatten staunend vor der Nofretete gestanden, waren Hand in Hand über die Monbijou-Brücke gelaufen. Immer um sechzehn Uhr hatten sie sich unter den Säulen des alten Museums getroffen. Jeden Freitag. Und heute war Freitag. Luise legte die Postkarte auf den Tisch und legte den kleinen orangen Sonnenhut daneben. Sie hatte ihn am Morgen gewählt weil der Tag sich schon beim Aufstehen so wundervoll bunt und sonnig angefühlt hatte. Jetzt ging sie in Gedanken ihre Hüte durch. Der Panamahut? Der große Strohhut? Der Trilby? Die kleine Häkelmütze? Oder sollte sie es wagen, OHNE Hut aus dem Haus zu gehen? Wer war sie denn ohne Hut? Sie würde sich nackt fühlen, bestimmt. Eben „unbehütet“. Dennoch – da war etwas in ihr, das sagte, heute gehst du ohne Hut. Komm!

Sonn – Tag

wahrhaftig, ein SONNentag heute. Wir hatten unglaubliche 20 Grad, mehr als ein T-shirt habe ich heute nicht gebraucht. Nur schade, dass wir keine Sommerzeit mehr haben, jetzt wird es bereits wieder dunkel. Statt im Haus saß ich heute mit dem Laptop im Garten, es war wie eine kleine Reminiszenz an mein Sommerbüro. Gute Gelegenheit, zu recherchieren und für den NaNo weiter zu arbeiten. Da mein Roman ja das ganze 20. Jahrhundert umfasst, nutze ich einiges aus den Aufzeichnungen meines Vaters. Je mehr ich mich hineinlese desto mehr habe ich das Gefühl , dass ich den Drang zu erzählen von ihm geerbt habe. Er hat sich in seinen letzten Lebensjahren auf die Spur seiner Eltern gemacht und ich möchte ihn hier mal zu Wort kommen lassen, denn ich glaube, es geht vielen wie mir: was „der kleine Mann“ in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlebt hat, wissen wir nicht, weil nur die große Weltgeschichte festgehalten wird. Aber es gibt so viele Geschichten, die es wert sind, erzählt zu werden. Hier ist eine davon:

„Zu meinen Großeltern in U. sagte ich immer nur „Ähne“ und „Ahna“. Wahrscheinlich hatte mir das meine Mutter so beigebracht. Damit gab es einen wörtlichen Unterschied zu Großmutter und Großvater in B. , den Eltern meiner Mutter. Das Haus von Ähne und Ahna war nicht weit entfernt vom Haus des Urgroßvaters. Vielleicht hat mein Ähne das Grundstück für sein Haus von seinem Vater bekommen, denn früher achtete man sehr darauf, in der Nähe des eigenen Hauses weitere Grundstücke zu besitzen. Das Haus, ein landwirtschaftliches Anwesen, stand auf einem etwa 1 Morgen großen Platz. Morgen ist ein Flächenmaß, das bis in das 20 Jahrhundert hinein die Größe von Äckern und Wiesen angab. Ein Morgen ( die Größe eines Ackers, der an einem Morgen (Vormittag) umgepflügt werden konnte) war in den einzelnen Regionen unterschiedlich. In U. war es die Größe von 33 Ar (1 Ar = 100 qm). Die Wohnräume bei meinen Großeltern lagen im ersten Stock, wie in fast allen Bauernhäusern, direkt über dem Stall. Über die Stalldecke, die in dieser Zeit als Holzbalkendecke ausgeführt war, wurde die Stallwärme auf den Fußboden des Wohnzimmers übertragen. Also eine „Fußbodenheizung“. Direkt angebaut an das Wohnhaus war eine große Scheune, denn neben seiner Anstellung als Meister in der Spinnerei bei Firma O. betrieb mein Ähne mit seiner Familie eine, für damalige Zeiten, mittlere Landwirtschaft. Das war für viele Arbeiter und Angestellte ganz normal. Die Landwirtschaft war kein Hobby sondern ein Zubrot für die Selbstversorgung. Das Getreide für Brot und für die Tiere wurde selbst angebaut, Gras und Ohmd für die Kühe holte man von den eigenen Wiesen.

Mein Vater hatte drei Brüder. Christian, der Älteste, ist als Kind schon verstorben. Somit war mein Vater der Älteste und alle drei mussten schon als Kinder in der Landwirtschaft mithelfen, denn der Vater war ja von Montag bis Samstag in der Fabrik.
Als mein Vater zwölf Jahre alt war fielen am 29. Juni 1914 die Schüsse in Sarajewo. Der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie wurden erschossen. Vorbei war es mit der ruhigen Zeit. Am 2. August 1914 erfolgte die Mobilmachung und bereits einen Tag später die Kriegserklärung an Frankreich. Mit sechzehn Jahren wurden aus jungen Burschen in U. Rekruten und fast einhundert Einberufene aus dem Dorf mussten bereits in den ersten Wochen an die Front. Mein Vater hatte Glück, er wurde nicht mehr eingezogen. Fünf Monate nach seinem sechzehnten Geburtstag, am 11. November 1918, war der erste Weltkrieg zu Ende. Zu dieser Zeit war mein Vater bereits in der Lehre. Mein Ähne sagte immer: „nur wer eine Lehre gemacht hat und einen Beruf erlernt hat, kann in der heutigen Zeit bestehen.“ Alle seine Söhne haben eine Schlosserlehre gemacht, das war in dieser Zeit nicht selbstverständlich.
Morgens um fünf Uhr musste mein Vater Albert aufstehen, um dann nach einer guten halben Stunde Fußmarsch zum Bahnhof von W. zu gelangen, von wo er mit dem Zug weiterfahren konnte zu seiner Lehrfirma. Am Abend war er selten vor 19 Uhr zuhause.
In seinem Lehrbetrieb in der nahen Kreisstadt erfuhr er auch ein wenig mehr über die neue Bewegung im Land. Die Arbeiterparteien hatten sich nach dem Zusammenbruch der Monarchie in der neuen Demokratie durchgesetzt. In seinem Heimatdorf merkte man davon noch gar nichts, im Gegenteil.
Die Sängerabteilung des Turnvereins, wo Albert als „Zögling“ Mitglied war, hatte einen sehr schweren Stand gegen den bürgerlichen Gesangverein, den „Liederkranz“. Ein Riss ging durch die Jugend von U. Die Vereine der Arbeiterschaft wurden alle unterdrückt. Auf dem Rathaus saßen reiche Bauern und die hatten das Sagen. Es war ein „Politikum“, man wollte die Proletarier nicht hochkommen lassen. Immer wieder wurde der Antrag auf einen Raum im Schulhaus, zum Abhalten der Chorproben, abgelehnt. Auch anderen Vereinen, wie dem Arbeiter-Samariterbund und ein paar Jahre später dem Arbeiterradfahrverein „Wanderlust“ erging es nicht anders. Dann stand die Neuwahl des Schultheißen an und Matthäus L., der bisherige Bürgermeister, wollte seinen Posten gerne behalten und war auf die Stimmen der Arbeiter angewiesen. Auch die Frauen durften ja seit 1919 wählen. So kam es, dass Zugeständnisse gemacht wurden und die Sängerabteilung des Turnvereins einen Raum für ihre Chorproben bekam. Der Gemeinderat war zunächst dagegen und gab schließlich seine Zustimmung nur mit der Auflage:
„…dass der Sängerabteilung verboten wird, im evangelischen Schulhaus unpassende Lieder zu singen.“
Es war nämlich bekannt, dass die Singstunde mit der „Internationalen“ abgeschlossen wurde, die mit folgender Passage ebenfalls unter das Verbot fiel:
„Es rettet uns kein höh`res Wesen
kein Kaiser nicht und kein Tribun
Uns aus dem Elend zu erlösen,
können wir nur selber tun!“
Das alles passierte vor etwa 100 Jahren in einem kleinen Dorf, irgendwo auf dem Land zwischen Stuttgart und Ulm. Der Friedhof des Dorfs ist immer noch genau neben der Kirche und wie vermutlich überall, gibt es auch an dieser Kirche Gedenksteine für die Gefallenen des ersten und zweiten Weltkriegs. Bei einem Besuch der Kirche im letzten Sommer habe ich die Namen studiert und das Alter der Gefallenen ausgerechnet. Die meisten waren keine zwanzig Jahre alt.
Wir alle tragen die Geschichten unserer Ahnen in den Adern – manchmal, wenn ich ganz ruhig bin, kann ich sie flüstern hören….

Rosas Reise (7)

1905

Der Taufsonntag kam und nach der bescheidenen Feier packte man Rosa, die ihre Puppe Else fest an sich klammerte, warm ein und sie fuhr mit Berta und Otto, der auf dem Kutschbock saß, in der offenen Kutsche davon. Die erste Aufregung verflog rasch und Rosa schlief auf dem Schoß der Tante ein. Als sie in Kirchheim angekommen waren, trug Otto sie ins Bett.
„Es ist besser, wir lassen sie schlafen“, meinte er.
Berta stimmte ihm zu.
„Ich hoffe nur, sie wacht nicht auf heute Nacht und irrt im Haus herum“, sagte sie.
Doch Rosa schlief tief und fest und wurde am Morgen von Bertas lautem Rufen geweckt. Die Tage im Schoberschen Haushalt waren von festen Regeln geprägt, Arbeit diente jedoch, anders als Rosa das aus ihrem Elternhaus kannte, nicht dazu, Gott zu gefallen sondern um Vermögen anzuhäufen. Bertas Wahlspruch, den sie bei jeder passenden Gelegenheit zum Besten gab, war „haste was dann biste was.“ Rosa begleitete Tante und Onkel jeden Tag in den Laden, wo Otto Tuche und Stoffe, Posamenten und Knöpfe und alle Arten von Kurzwaren verkaufte. Rosa saß in einem der dunklen Holzregale, die die Wände hinter dem Tresen verdeckten, auf den Stoffballen und beobachtete, wie Otto die Rollen auf dem großen Verkaufstisch ausbreitete und mit einem langen Holzstab, der als Maßband diente, die gewünschte Länge abmaß. Sie atmete den Duft der Wolle ein, lauschte den Gesprächen, die Berta mit den Kundinnen führte und besah sich die Zeichnungen in den Modejournalen. Sie liebte das Klingeln der kleinen Glocke an der Tür des Ladens, das Kommen und Gehen der Kunden, die Ladentür erschien ihr wie das Tor zu einer fremden Welt, durch das die Menschen in ihren kleinen Kosmos eintraten und wieder verschwanden. Frauen in bauschigen Röcken mit schmal geschnürter Taille, die Handschuhe trugen auch wenn es nicht kalt war und Männer, die mit ernstem Gesicht und Händen ohne Schwielen den Stoff für eine neue Hose prüften. Sie war es nicht gewöhnt, so vielen fremden Menschen zu begegnen, doch die anfängliche Scheu legte sich schnell. Die Tage vergingen im immer gleichen Rhythmus, die Arbeit wurde unterbrochen von Mahlzeiten, die schweigend in dem großen Esszimmer eingenommen wurden. Berta regierte über den Haushalt und ihren Ehemann und auch Rosa hatte sich zu fügen. An den Nachmittagen war Otto alleine im Geschäft und Berte widmete sich mit Inbrunst Rosas Erziehung. Sie fütterte sie mit ihren Lebensweisheiten und war fest entschlossen, aus Rosa das Kind zu formen, das sie gehabt hätte, wenn sie je schwanger gewesen wäre.
„Wenn du etwas werden willst im Leben, musst du nach Amerika gehen“, pflegte sie zu sagen. „In Amerika kann unsereins noch etwas werden. Da gibt es keinen Kaiser, der über seine Untertanen bestimmt wie es ihm gefällt.“ Sie war keine Anhängerin der herrschenden Verhältnisse und vom Kaiserreich hielt sie gar nichts. Ihre wahre Tragödie war ihr Geschlecht, sie wusste das und machte immer wieder eine Bemerkung darüber, die Rosa nicht verstand. Aber sie lernte, dass Männer über Frauen bestimmen, sobald man sich ihnen durch Heirat ausliefert und dass eine Frau nur selbstbestimmt leben kann wenn sie alleine bleibt.
„Aber du hast doch auch den Onkel Otto geheiratet, Tante“ sagte Rosa.
„Ja, mein Kind, das habe ich. Aber da war ich schon was. Haste was dann biste was. Und ich habe Geld mitgebracht aus Amerika. Wenn du etwas werden willst, musst du einmal nach Amerika gehen, Rosa. In Amerika gibt es Häuser, die haben zwölf Etagen oder mehr. Alles ist groß und weit und wer fleißig ist kann auch sein Glück machen.“
Rosa sah Berta mit großen Augen an.
„Wo ist denn Amerika?“ fragte sie.
„Weit weg, man muss mit einem Schiff über das Meer fahren, das dauert sechs Wochen“, sagte Berta. „Die Passage ist teuer, da musst du vorher tüchtig arbeiten und sparen, damit du dir die Fahrkarte kaufen kannst.“
„Ich will auch nach Amerika gehen, Tante“, Rosa machte ein ernstes Gesicht.
„Dann musst du immer fleißig sein,“ sagte Berta und sah Rosa streng an. „ Und deshalb wirst du jetzt Handarbeiten lernen. Ein Mädchen ist nie ohne Handarbeit.“
Berta ging zu ihrem Nähkästchen und holte eine Häkelnadel und ein Knäuel Wolle.
„Wir fangen mit Häkeln an. Schau her, so macht man Luftmaschen.“ Sie nahm Rosas kleine Hände, wickelte ihr den Faden um die Finger der linken Hand und führte die rechte Hand. Wieder und wieder musste Rosa es versuchen bis sie verstanden hatte wie sie die Hände und das Garn halten musste. Jedes Mal war Berta unzufrieden mit dem Ergebnis, nahm Rosa das gehäkelte Band aus unförmigen Luftmaschen ab und zog die Arbeit wieder auf.
„Das ist nicht gut Rosa, das musst du nochmal machen.“
Und Rosa fügte sich und übte. Sie wollte fleißig sein und eiferte bald in allem Berta nach. Sie lernte Häkeln und einige Monate später auch das Stricken. Bertas Leidenschaft für, akkurat gefertigte, Handarbeiten war eine Passion, die beide zu Lebzeiten verbinden würde. Rosa konnte ganz in ihrer Arbeit aufgehen und dabei die Welt um sich vergessen. Berta, die eher kurz angebunden war, konnte sich doch nicht beherrschen, als sie sah, wie begabt Rosa war und wie schnell sie lernte. Deshalb ließ sie sich, ganz gegen ihre Gewohnheit, immer wieder zu Lob hinreißen. Rosa, die so viel Aufmerksamkeit nicht gewohnt war, sah zu Boden und strengte sich dann noch mehr an. So zogen die Monate ins Land, Weihnachten stand vor der Tür und Rosas Erinnerung an ihre Familie begann zu verblassen.

Rosas Reise (6)

Anna (3)

Während ich die Fliege ermordet und das Tischtuch geschrubbt hatte saß Thomas da und schwieg. Ich konnte seinen inneren Drang aufzustehen und zu verschwinden fast körperlich spüren. Irgendwann war ich mit meinem stummen Monolog fertig und wandte mich wieder an ihn.
„Wer ist es?“
„Das ist doch egal.“ Sein Ton war barsch, er wollte nichts preisgeben. Aber ich hatte eine Ahnung, eine plötzliche Erleuchtung.
„Es ist die Tochter deiner Galeristin, stimmt`s? Natürlich, sie ist es – „ Thomas holte Luft und wollte mir ins Wort fallen aber ich war schneller. „Du brauchst nichts mehr zu sagen, ich weiß es ohnehin schon.“
Plötzlich passten alle Indizien zusammen. Je mehr der Verdächtige sich auf seinem Stuhl wand desto sicherer war ich, dass ich mit meiner Vermutung recht hatte.
„Es ist unfassbar“, sagte ich. „ Lief das schon als ich sie getroffen habe? Habt ihr da schon heimlich über mich und meine Blödheit gelacht?“
Ich wusste dass ich unsachlich wurde aber ich konnte nicht anders. Und es war mir auch egal. Wen interessierte es jetzt noch was für ein Bild ich abgab? Der Mann, der mir da gegenüber saß, hatte mich ja ohnehin schon abgeschrieben, da brauchte ich mich jetzt auch nicht mehr anzustrengen und mich von meiner besten Seite zeigen.
„Du musst das sofort beenden“, scheinbar gab es noch einen wahnwitzigen Teil in mir, der an dieser Ehe festhalten wollte. „Ich eigne mich nicht zur Zweitfrau.“
„Wenn du von mir verlangst, dass ich sie nicht mehr sehe dann werde ich dich dafür hassen.“
Aus welchem schlechten Film war dieser Dialog geklaut? Ich starrte ihn an.
„Dann ist ja alles klar“, sagte ich. „Dann gibt es kein Zurück mehr.“
Im selben Moment als ich es sagte wurde mir klar, was das bedeutete. Ich war eine verlassene Ehefrau. Ich, die seit dem Moment, als wir uns kennengelernt hatten, keinen anderen Mann angesehen hatte. Ich hätte ihn nie betrogen, das ist nicht mein Stil. Ich kann nicht lügen, bin für klare Verhältnisse, auch wenn es wehtut. Die Wahrheit, auch wenn sie schwer zu ertragen ist, war mir immer lieber als angelogen zu werden oder lügen zu müssen.
Thomas schien erleichtert. Ich hatte in diesem Spiel die schlechteren Karten, das stand fest. Vor allem hinkte ich seinem Aggregatzustand fünf Jahre hinterher. Fünf Jahre, in denen er sich Stück für Stück von mir entfernt hatte während ich an dem, was war, unerbittlich festhielt. Während er bereits unten an der Treppe angekommen war ging ich erst oben durch die Tür. Er hatte den Hauptfilm schon zu Ende geschaut und seine Popcorntüte weggeworfen während ich noch bei Werbung und Trailer war. Mein Film zeigte mir, dass wir eine schwierige Phase hatten, aber das würde wieder besser werden. Irgendwann kam das Happy End, davon war ich überzeugt gewesen. Es gab so vieles, was erst einmal besser werden musste, und wenn das alles gut war würde die Beziehung von selber wieder funktionieren. Jetzt war klar, dass nichts jemals wieder so werden würde wie es war.
Fragmente von Erinnerungen blitzten auf in meinem Kopf, wie in einem schnellgeschnittenen Film jagte eine Szene die nächste. Unser Hochzeitsfest, die wunderbare Rede meines Vaters, die Geburt unseres Sohns, die Wiese mit dem Apfelbaum vor dem Fenster des Kreißsaals, Thomas wie er das Skifahren lernte, weil ich eine begeisterte Skifahrerin bin, eine Reise nach Wien, als er dort noch studierte – ich ließ die Bilder an mir vorüberziehen und spürte wie ich anfing zu weinen. Das hatte ich nicht gewollt, ich wollte doch cool bleiben, ich wollte nicht die trauernde Verlassene geben in diesem Stück. Die Tränen liefen mir über das Gesicht, während ich die Augen geschlossen hatte und den Film über unser gemeinsames Leben sah. Es ist ein Klischee, dass Männer nicht sehen können, wie eine Frau weint. Vermutlich können sie es dann nicht ertragen, wenn sie wissen, dass sie die Frau zum Weinen gebracht haben, wenn das eigene schlechte Gewissen dazu kommt. Thomas fühlte sich nicht wohl in seiner Haut. Wir kannten uns ja so gut, ich konnte es spüren, wie er sich innerlich wand und sich am liebsten in Luft aufgelöst hätte. Aber das konnte ich ihm jetzt nicht ersparen. Ich hatte das Gefühl, neben mir zu stehen und mich zu beobachten, wie ich da saß, eine heulende Frau Anfang fünfzig, die Wimperntusche in Schlieren unter den Augen, in Jeans und Pulli, alles andere als reizvoll.
„Und was wird jetzt aus mir? “ hörte ich mich fragen. „Ich bin 52, mich schaut doch keiner mehr an!“
Das war meine Realität. Film Noir, kein Happy End. Die Angst, alleine zu bleiben, keinen Menschen zu haben, der mir vertraut ist, mit dem ich alt werden kann. Natürlich war das völlig übertrieben aber diese Angst war da und sie füllte meine Zukunft aus bis an den Horizont.
„Wir werden das nicht kommunizieren.“ So langsam kam ich wieder in der Wirklichkeit an und damit auch bei unserem gemeinsamen Kind. Plötzlich war es mir nicht mehr wichtig, was mit mir sein würde, wie aus dem Nichts war da eine Trauer in mir, weil ich meinem Sohn keine heile Familienwelt würde erhalten können. Diese Erkenntnis traf mich viel härter. Ich fühlte mich schuldig, ich hatte versagt.
„Wir werden das nicht kommunizieren“, wiederholte ich. Und der Satz wurde zu meinem persönlichen Mantra. Ich wollte den Schein unbedingt wahren. Weder unser Sohn noch meine Familie oder unsere Freunde sollten davon etwas erfahren. Ich schämte mich weil mir so etwas passiert war. Ich so dumm und naiv gewesen war, diesen jahrelangen Betrug nicht mitzubekommen. Ja, ich schämte mich. Es war mir peinlich, es kratzte an meiner Ehre. Es war eine Niederlage, mit der ich nicht umgehen konnte. Ich bezog alles auf mich, suchte nach Fehlern, fühlte mich plötzlich alt und hässlich. Die einzige Person, die ich einweihte, war meine älteste Freundin Elena. Wir kennen uns fast unser ganzes Leben und es gibt wahrscheinlich auf diesem Planeten keinen Menschen, der mich so gut kennt wie sie. Unser gemeinsamer Wahlspruch ist „ein Leben ohne beste Freundin ist zwar möglich aber sinnlos“.
Niemand sonst, nicht einmal meine Schwester, erfuhr von diesem Ereignis, das ich als persönliche Niederlage verbuchte. Thomas und ich trafen eine Vereinbarung und ich deckte ihn wenn er zu seiner Freundin, Geliebten was auch immer sie war, fuhr. Ich war tatsächlich in den ersten Wochen der Meinung, wir könnten diesen Status Quo noch drei Jahre bis zum Abitur unseres Sohnes aufrechterhalten. Ich litt, allerdings brauchte ich keine Schlafmittel. Wenn es etwas gibt, was ich immer kann, dann ist es schlafen. Das hat mich vielleicht gerettet. Ich konnte mich abends alleine ins Bett legen und schlafen, meistens traumlos, bis zum nächsten Morgen. Ich stand auf, machte Frühstück für unseren Sohn Adrian, ging in mein Büro und arbeitete. Telefonierte mit Kunden, schrieb Rechnungen, tat das, was ich immer tat. Thomas tauchte ab in sein Atelier und wenn er in meine Nähe kam konnte ich ihn nicht ertragen. Er fing an mich zu nerven.
„Musst du immer alles liegen lassen?“
„Räum doch deinen Mist mal weg!“
„Du hast schon wieder das Licht die ganze Nacht angelassen!“
Und im nächsten Augenblick war ich traurig, sentimental und weinte. Diese ersten Wochen nach der Aussprache waren ein Höllentrip. Äußerlich ließ ich mir nichts anmerken, ich machte alles mit mir selbst aus. Eine Woche nach dem Supergau fuhr ich zu einem Seminar an den Bodensee. Die Aussicht, das ganze Wochenende weg zu sein, war berauschend. Ich würde auf diesem Seminar meinen Freund Julian treffen, dem ich bereits per Email folgendes mitgeteilt hatte:
„Lieber Julian, bitte bring eine Flasche Champagner und eine Packung Kleenex mit. Ich muss dir etwas erzählen.“
Wir hatten eine kleine Ferienwohnung in Konstanz gemietet, zwei Schlafzimmer, Küche Bad und ein gemütliches Wohnzimmer mit Schwedenofen. Ich holte Julian am Flughafen in Friedrichshafen ab und tatsächlich packte er eine Flasche Champagner und eine Packung Kleenex aus, als wir in der Wohnung vor dem prasselnden Kaminfeuer saßen. Ich erzählte ihm die ganze Geschichte, emotionslos, abgeklärt. Ich trank den Champagner aber die Kleenex kamen nicht zum Einsatz. Ich war wie betäubt. Seine erste Reaktion war:
„Schmeiß den Typen raus!“
Ein Ratschlag, den ich in den kommenden Monaten noch öfter hören würde.
Das war etwas, was in meiner Wirklichkeit so unvorstellbar war wie ein Tsunami im Bodensee. Wie sollte das gehen? So wie in den Filmen, wo die betrogene Ehefrau Klamotten, Schuhe und Computer aus dem Fenster auf die Straße wirft? Diese Art Melodrama liegt mir nicht.
Außerdem waren da ja auch noch irgendwelche, mittlerweile diffusen Gefühle. Ich habe diesen Mann geliebt. Hätte ich mich an Jesus Christus gehalten, wäre es vielleicht nicht so weit gekommen „Liebe deinen Nächsten wie die selbst.“ Wie dich selbst. Das hatte ich vergessen. Ich habe ihn mehr als mich selbst geliebt. Oder andersherum: ich habe mich selbst nicht so geliebt wie ich ihn liebte. Jetzt saß ich da mit meiner Liebe, die keine Antwort mehr bekam, die in einen Raum ohne Echo hineinrief und mir blieb nur eines übrig: mich auf die Liebe zu mir selbst zu besinnen. Und dann bekam ich den Karton mit Rosas Nachlass. „… habe ich dann bestanden, weil ich es den anderen recht gemacht habe? Oder hätte ich es doch besser für mich passend gemacht, mein Leben?“ Nun, es war noch nicht zu spät. Ich konnte nochmal von vorne anfangen. Jetzt würde ich mein Leben für mich passend machen. Eines wusste ich schon: ich würde versuchen herauszufinden, was Rosa in Amerika erlebt hatte. Wer dieser unbekannte Mann war. Plötzlich hatte ich wieder ein Ziel, eine Aufgabe, die ganz die meine war. Niemand würde mich davon abhalten, ich war wie besessen von der Idee.

Rosas Reise (5)

Anne (2)
Es war, als ob Rosas Geschichte etwas in mir in Gang gesetzt hätte. Immer wieder nahm ich die Seite heraus, die sie kurz nach ihrem achtzigsten Geburtstag geschrieben haben musste. Immer wieder las ich ihre Worte und es kam mir vor, als enthielten sie eine Botschaft für mich, den Auftrag, es besser zu machen.
Es sind im Leben ja oft die vermeintlichen Zufälle, die dem eigenen Schicksal eine neue Richtung geben. Wie ein Schubs, der einen aus der eingeschlagenen Spur schiebt und so zu einer neuen Perspektive verhilft oder Dinge in Bewegung setzt. Vielleicht ist es aber tatsächlich so, dass man die Menschen und Situationen anzieht, die einem helfen, dahin zu kommen wo man hinmöchte. Rosas Botschaft erreichte mich zu einem Zeitpunkt, an dem ich auf dem besten Wege war, mich für andere und das Aufrechterhalten einer heilen Welt, die keine mehr war, aufzugeben. Wenige Wochen zuvor waren die Kulissen meiner Familienidylle zusammengestürzt und hatten sich als das entpuppt, was sie gewesen waren: potemkinsche Dörfer. Mein persönlicher Supergau war an einem Oktoberabend eingeleitet worden, der unspektakulär begann. Doch an diesem Abend schlich sich die Katastrophe an und als ich am nächsten Morgen aufstand hatte sie es sich bereits in meinem Leben gemütlich gemacht ohne dass ich es bemerkt hatte. Mein alter Freund Martin war zu Besuch bei seinen Eltern und wir wollten uns endlich mal wieder treffen und ausführlich reden. Seit er in Hamburg wohnte sahen wir uns nur noch sehr selten und wir freuten uns beide auf das Wiedersehen. Es war ein milder Abend, wir saßen auf meiner Terrasse bei einem Glas Rotwein und sahen der Sonne zu wie sie hinter dem Wald verschwand. Bei mir gab es nicht viel zu erzählen, alles war wie immer. Martin hatte mir schon am Telefon angedeutet, dass etwas passiert sei und ich hatte das Gefühl, er wollte es loswerden.
„Was ist los,“ sagte ich, „erzähl, ist etwas mit deinen Eltern?“ Martins Vater hatte einen Schlaganfall gehabt und ich wusste, dass die Genesung sehr langsam voranging und Martin sich große Sorgen gemacht hatte.
„Nein, es geht beiden soweit gut. Bei meinem Vater hat sich viel getan, er kann wieder laufen, zwar mühsam mit Gehhilfe, aber es wird jeden Tag besser.“
Ich war erleichtert. Die Sorge um die Eltern war etwas, was meine gleichaltrigen Freunde und mich immer mehr beschäftigte. Die Kinder waren selbständig und forderten uns nicht mehr so wie die Jahre davor, aber jetzt kamen Krankheit und Hinfälligkeit der Eltern als neue Aufgabe hinzu, die wir meistern mussten.
Martin holte tief Luft, offensichtlich kostete es ihn einige Überwindung, mir zu erzählen was ihm auf der Seele brannte.
„Sandra hat einen anderen,“ sagte er mit einer Spur Bitterkeit in der Stimme.
Ich war völlig überrascht von dieser Eröffnung und zunächst wusste ich nicht, wie ich reagieren sollte.
„Woher weißt du das? Bist du dir sicher? “ ich konnte mir das nicht recht vorstellen.
„Ja, ich bin sicher. Ich habe vor ein paar Tagen ihr Handy in der Hand gehabt, sie hatte 180 SMS von einem Typen namens Thorsten drauf. Solche Sachen wie `ich vermisse dich`, ìch würde dich jetzt gerne und küssen und so weiter.“
„Du kontrollierst ihr Handy?“ Ich war erschüttert; tat aber so als ob ich das amüsant finden würde.
„Ach, eigentlich ist das nicht mein Ding aber ich war so hilflos – seit Monaten spüre ich, dass etwas nicht stimmt aber wenn ich sie frage, was los ist weicht sie aus -“, Martin war außer sich, das spürte ich.
„Bestimmt sagt sie: es ist nichts, alles ist gut, stimmt`s?“
„Ja genau. Sie streitet alles ab. Aber jetzt habe ich den Beweis.“
„Und, hast du sie schon damit konfrontiert?“
„Nein“ er holte tief Luft.“ Ich kann nicht.“
„Wie, du kannst nicht – sie betrügt dich offensichtlich! Das kannst du doch nicht so hinnehmen!“
Jetzt war ich diejenige die lauter wurde.
„Ich kann nicht mit ihr darüber sprechen, ich habe Angst, vor der Wahrheit. Angst, dass sie mich verlassen könnte. Ich leide. Du kannst dir das nicht vorstellen, wie ich leide. Ich kann nicht mehr schlafen, ohne zwei Tabletten jede Nacht komme ich gar nicht erst in den Schlaf, und trotzdem schlafe ich nie mehr als drei, vier Stunden. Ich bin manchmal zu nichts zu gebrauchen.“
Ich drehte mein Weinglas zwischen den Fingern, sah Martin an und konnte es nicht fassen. Er saß da, mit eingezogenen Schultern, wie ein Häuflein Elend. Martin war so ein selbstbewusster Mann, er hatte so viel Charisma. Schon zu unserer Schulzeit, denn so lange kannten wir uns, war er in unserer Kleinstadt etwas Besonderes gewesen. Ich konnte es nicht fassen, dass eine Frau ihn so aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. Ich reichte ihm sein Glas und stieß mit ihm an.
„Kopf hoch, Martin. Du bist so ein großartiger Mensch. Wenn Sandra das nicht erkennt, dann ist ihr nicht mehr zu helfen.“
Es war leicht dahingesagt, das wusste ich, aber etwas Besseres fiel mir einfach nicht ein. Martin lächelte gequält und trank einen Schluck Wein. Wir stellten unsere Gläser ab und schwiegen, es war, als würde das, was Martin mir da erzählt hatte, jetzt langsam in unser Bewusstsein sickern. Ich kenne das, solange man Dinge mit sich selber ausmacht sind sie nicht so wirklich und real wie in dem Moment, wenn man darüber spricht. Es zum ersten Mal ausspricht – es ist als würde man damit das manifestieren, was zuvor nur ein Gedanke war, es in die Wirklichkeit hereinholen, und nie wieder loswerden. So ging es uns beiden jetzt, wir staunten über das, was er da gesagt hatte und das Gesagte wurde zur Wirklichkeit. Martin starrte schweigend vor sich hin. Das was zwischen Sandra und Martin passierte betrachtete ich jetzt aus der Distanz, wie ein unbekanntes Insekt, das man versucht in eine Kategorie einzusortieren. In einem entfernten Winkel in mir lauerte jedoch die Erkenntnis, dass ich das auch kannte. Die Frage „was ist los?“ weil man spürt, dass etwas nicht stimmt, dieses diffuse Gefühl einer sich anbahnenden Katastrophe – und auch die immer wiederkehrende Antwort „es ist nichts.“ Das Gespräch mit Martin war das Streichholz an einer Lunte, deren Sprengkörper in meinem Leben wie ein Blindgänger gelauert hatte. Jahrelang lag er da und nichts war passiert. Jetzt war Martin derjenige, der, ohne es zu wissen und völlig absichtslos, die Lunte in Brand gesteckt hatte.
Als ich mich an diesem Abend ins Bett legte konnte ich lange nicht einschlafen. Martins Geschichte ging mir nicht aus dem Kopf. „Eigentlich könnte das auch meine Geschichte sein,“ dachte ich. Und mit diesem Gedanken öffnete ich der Katastrophe die Tür. Sie zog bei mir ein. Ihr erster Auftritt war am nächsten Morgen als ich beschloss ohne Ankündigung und ohne Plan B reinen Tisch zu machen. Auch ich hatte mir jahrelang den Satz „es ist nichts“ angehört. Jetzt wollte ich endlich die Wahrheit hören. Als wir mit einer Tasse Kaffee am Esstisch saßen stellte ich mir vor ich säße in einem Verhörzimmer, eine Szene die ich aus diversen Krimis kannte. Ein Tisch, zwei Stühle die sich gegenüber stehen, ein Aufnahmegerät und eine Kamera, die das Gespräch aufzeichnet.
Ich schaltete das imaginäre Aufnahmegerät ein und begann mit der Befragung des Verdächtigen.
„Heute ist der 10. Oktober 2013, 10 Uhr 15. Anwesend sind Kriminalkommissarin Ina M.. und der Verdächtige Thomas M..“
Leider konnte ich nicht die übliche Frage stellen: „wo waren Sie in der Nacht zum…“ und so weiter. Es gab ja keinen konkreten Fall. Da war nichts weiter als dieses Gefühl. Eine Ahnung, die am Abend zuvor durch das Aussprechen Zugang zu meiner Wirklichkeit bekommen hatte. Oder einfach das Öffnen der Büchse der Pandora, in die ich all die Nächte eingeschlossen hatte, in denen ich alleine im Bett lag und mich fragte wo mein Mann war. Die Nächte, in denen ich um drei Uhr morgens aufgewacht war, weil das Bett neben mir immer noch leer war. Ihm eine SMS geschrieben hatte, weil er das Telefon nicht abnahm. Die Antwort bekommen hatte dass er gleich losfahren würde. Und als er nach einer Stunde immer noch nicht da war weitere fadenscheinige Erklärungen via SMS in Kauf genommen hatte. Den Inhalt dieser Büchse konnte ich jetzt nicht auf den Tisch kippen, der Tisch wäre zweifellos zusammengebrochen. Also tastete ich mich auf Zehenspitzen an das Thema heran. Umkreiste es weiträumig, zog den Kreis immer enger bis ich Thomas soweit hatte dass er mir in die Augen sehen musste – und auch der Wahrheit.
Und dann kann die Antwort, mit der ich nicht gerechnet hatte.
„Ich habe mich verliebt. Sie ist die Liebe meines Lebens.“
Treffer, versenkt. Das saß. Da dachte ich doch immer, ich wäre ich wäre die Liebe seines Lebens. Die Katastrophe saß mit am Tisch und grinste mich an.
Der Verdächtige gab zu, weitere Leichen im Keller zu haben, Mein imaginäres Vernehmungsprotokoll erfasste fünf Jahre Ehebetrug mit diversen Frauen. Die Identität dieser Personen wollte der Verdächtige nicht preisgeben, das war für den momentanen Stand der Ermittlungen auch irrelevant. Als der Verdächtige sich in Gefühlsduseleien erging schaltete sich das Aufnahmegerät von selbst ab.
Ich heftete meine Notizen an eine unsichtbare Pinnwand und zog meine Schlüsse. Mit dieser Aussage konnten einige ungeklärte Ereignisse der Vergangenheit nachvollzogen werden. Es kam langsam Licht in diesen Fall, auch wenn der Verdächtige so tat, als ob er nichts dafür konnte, dass es so weit gekommen war (Es ist Schicksal. Wir sind füreinander bestimmt) so war es doch offensichtlich, dass er aus freien Stücken und in vollem Bewusstsein gehandelt hatte. Er war in vollem Umfang schuldfähig. Die Anklage konnte bei der Staatsanwaltschaft eingereicht werden und ich war sicher, der Staatsanwalt würde die Höchststrafe fordern.
Die Zeit sickerte vor sich hin, aus dem Morgen war plötzlich Mittag geworden, ohne dass ich es realisiert hatte. Eine Mücke umkreiste meinen Kaffeebecher und ich konzentrierte mich auf ihr Brummen und wartete auf eine Gelegenheit, sie mit der Zeitung zu erledigen. Aber sie entwischte mir immer wieder, setze sich an anderer Stelle auf dem Tisch hin und grinste mich an. Irgendwann wurde sie aber unvorsichtig und ich erwischte sie auf dem Deckel des Marmeladenglases. Ihr zermatschter kleiner Körper verschaffte mir etwas Befriedigung. Vielleicht hätte ich Thomas in diesem Moment auch gerne mit der zusammengefalteten Zeitung auf den Kopf gehauen – vielleicht hätte ich auch einfach gerne geschrien, ihn angeschrien, die ganze Welt, mein Schicksal, Gott, das Universum – es musste doch irgendeine Instanz geben, die ich für diese schreiende Ungerechtigkeit verantwortlich machen konnte! Stattdessen blieb ich äußerlich völlig ruhig, nahezu tiefenentspannt, es war ein Gefühl als ob ich zwei Wesen wäre, ein inneres, das schrie und ein äußeres, das schwieg. Ich starrte auf die Leiche der Fliege und hatte ein schlechtes Gewissen. Dann entdeckte ich einen Marmeladenfleck auf dem Tischtuch, ging in die Küche, holte ein feuchtes Tuch und versuchte den Fleck aus dem Tischtuch zu reiben. Aber es blieb ein verwischter roter Punkt zurück. Das erschien mir wie eine Metapher für das, was mir gerade passierte. Auch wenn ich noch so sehr versuchen würde, diesen Vertrauensbruch auszuradieren, es würde ein Rest zurückbleiben, der nie verschwinden würde. So wie die Flecken, die auch nach wiederholtem Waschen nicht mehr weggehen, zwar immer mehr verblassen aber wer weiß, wo der Fleck war, kann ihn auch sehen wenn nur noch eine Ahnung davon da ist.