Balladenmontag

Christiane von 365tageasatzaday.wordpress.com hat den  Balladenmontag

ausgerufen. Da ich ja bekanntermaßen quasi die erste Vorsitzende des Balladenfanclubs bin, hier mein Beitrag für diese Woche, einmal in Textform und dann auch als Song interpretiert von dem von mir sehr sehr verehrten Klaus Hoffmann.

blog_goes_balladeBalladentag

https://365tageasatzaday.wordpress.com/2017/04/13/aufruf-ostermontag-ist-balladentag/

Bertolt Brecht

Ballade von den Seeräubern

Von Branntwein toll und Finsternissen!
Von unerhörten Güssen naß!
Vom Frost eiskalter Nacht zerrissen!
Im Mastkorb, von Gesichten blaß!
Von Sonne nackt gebrannt und krank!
(Die hatten sie im Winter lieb)
Aus Hunger, Fieber und Gestank
Sang alles, was noch übrig blieb:
Oh Himmel, strahlender Azur!
Enormer Wind die Segel bläh!
Laßt Wind und Himmel fahren! Nur
Laßt uns um Sankt Marie die See!
Kein Weizenfeld mit milden Winden
Selbst keine Schenke mit Musik
Kein Tanz mit Weibern und Absinthen
Kein Kartenspiel hielt sie zurück.
Sie hatten vor dem Knall das Zanken
Vor Mitternacht die Weiber satt:
Sie lieben nur verfaulte Planken
Ihr Schiff, das keine Heimat hat.
Oh Himmel, strahlender Azur!
Enormer Wind die Segel bläh!
Laßt Wind und Himmel fahren! Nur
Laßt uns um Sankt Marie die See!

Mit seinen Ratten, seinen Löchern
Mit seiner Pest, mit Haut und Haar
Sie fluchten wüst darauf beim Bechern
Und liebten es, so wie es war.
Sie knoten sich mit ihren Haaren
Im Sturm in seinem Mastwerk fest:
Sie würden nur zum Himmel fahren
Wenn man dort Schiffe fahren läßt.
Oh Himmel, strahlender Azur!
Enormer Wind die Segel bläh!
Laßt Wind und Himmel fahren! Nur
Laßt uns um Sankt Marie die See!

Sie häufen Seide, schöne Steine
Und Gold in ihr verfaultes Holz
Sie sind auf die geraubten Weine
In ihren wüsten Mägen stolz.
Um dürren Leib riecht toter Dschunken
Seide glühbunt nach Prozession
Doch sie zerstechen sich betrunken
Im Zank um einen Lampion.
Oh Himmel, strahlender Azur!
Enormer Wind die Segel bläh!
Laßt Wind und Himmel fahren! Nur
Laßt uns um Sankt Marie die See!

Sie morden kalt und ohne Hassen
Was ihnen in die Zähne springt
Sie würgen Gurgeln so gelassen
Wie man ein Tau ins Mastwerk schlingt.
Sie trinken Sprit bei Leichenwachen
Nachts torkeln trunken sie in See
Und die, die übrig bleiben, lachen
Und winken mit der kleinen Zeh:
Oh Himmel, strahlender Azur!
Enormer Wind die Segel bläh!
Laßt Wind und Himmel fahren! Nur
Laßt uns um Sankt Marie die See!

Vor violetten Horizonten
Still unter bleichem Mond im Eis
Bei schwarzer Nacht in Frühjahrsmonden
Wo keiner von dem andern weiß
Sie lauern wolfgleich in den Sparren
Und treiben funkeläugig Mord
Und singen um nicht zu erstarren
Wie Kinder, trommelnd im Abort:
Oh Himmel, strahlender Azur!
Enormer Wind die Segel bläh!
Laßt Wind und Himmel fahren! Nur
Laßt uns um Sankt Marie die See!

Sie tragen ihren Bauch zum Fressen
Auf fremde Schiffe wie nach Haus
Und strecken selig im Vergessen
Ihn auf die fremden Frauen aus.
Sie leben schön wie noble Tiere
Im weichen Wind, im trunknen Blau!
Und oft besteigen sieben Stiere
Eine geraubte fremde Frau
Oh Himmel, strahlender Azur!
Enormer Wind die Segel bläh!
Laßt Wind und Himmel fahren! Nur
Laßt uns um Sankt Marie die See!

Wenn man viel Tanz in müden Beinen
Und Sprit in satten Bäuchen hat
Mag Mond und zugleich Sonne scheinen:
Man hat Gesang und Messer satt.
Die hellen Sternennächte schaukeln
Sie mit Musik in süße Ruh
Und mit geblähten Segeln gaukeln
Sie unbekannten Meeren zu.
Oh Himmel, strahlender Azur!
Enormer Wind die Segel bläh!
Laßt Wind und Himmel fahren! Nur
Laßt uns um Sankt Marie die See!

Doch eines Abends im Aprile
Der keine Sterne für sie hat
Hat sie das Meer in aller Stille
Auf einmal plötzlich selber satt.
Der große Himmel, den sie lieben
Hüllt still in Rauch die Sternensicht
Und die geliebten Winde schieben
Die Wolken in das milde Licht.
Oh Himmel, strahlender Azur!
Enormer Wind die Segel bläh!
Laßt Wind und Himmel fahren! Nur
Laßt uns um Sankt Marie die See!

Der leichte Wind des Mittags fächelt
Sie anfangs spielend in die Nacht
Und der Azur des Abends lächelt
Noch einmal über schwarzem Schacht.
Sie fühlen noch, wie voll Erbarmen
Das Meer mit ihnen heute wacht
Dann nimmt der Wind sie in die Arme
Und tötet sie vor Mitternacht.
Oh Himmel, strahlender Azur!
Enormer Wind die Segel bläh!
Laßt Wind und Himmel fahren! Nur
Laßt uns um Sankt Marie die See!

Noch einmal schmeißt die letzte Welle
Zum Himmel das verfluchte Schiff
Und da, in ihrer letzten Helle
Erkennen sie das große Riff.
Und ganz zuletzt in höchsten Masten
War es, weil Sturm so gar laut schrie
Als ob sie, die zur Hölle rasten
Noch einmal sangen, laut wie nie:
Oh Himmel, strahlender Azur!
Enormer Wind die Segel bläh!
Laßt Wind und Himmel fahren! Nur
Laßt uns um Sankt Marie die See!

 

Das Drama in mir

Ha, was für eine Überschrift! Großartig dramatisch! Um euch zu erklären, wie ich dazu gekommen bin, muss ich einen meiner Gedanken von heute nacht nachvollziehen.

Meine geschätzte Bloggerfreundin Christiane von www.https://365tageasatzaday.wordpress.com/

schenkt uns auf ihrem lesenswerten blog immer wieder (mir) unbekannte Gedichte, die sie zudem meistens mit eigenen Fotos illustriert. Ich habe mich, und jetzt auch sie, gefragt, wo sie diese Schätze denn ausgräbt? Sie habe als Kind viele Gedichte gelesen, an die sie sich erinnere, schrieb sie. Manchmal auch nur eine Zeile, die dann zur Suche nach dem Gedicht dient. Nun, ich habe als Kind auch gerne und viele Gedichte gelesen. Angefangen hat alles mit einem Buch, das mir mein Pate irgendwann während meiner Grundschulzeit geschenkt hat. Gedichte von Joseph Guggenmoos. Wer kennt sie nicht, die Maus:

was denkt die Maus am Donnerstag …..Aus rechtlichen Gründen kann ich das Gedicht nicht hier einfügen, aber hier der link zu Joseph Guggenmoss Seite.

http://www.josef-guggenmos.com/was-denkt-die-maus-am-donnerstag

Ich habe sie geliebt, seine Gedichte. Von der Giraffe, die Autos zwischen ihren langen Beinen durchfahren lässt. Von den Schnirkelschnecken, von der Katetze, die ein „E“ zuviel hat, von der „unberachenberen Schreibmischane“.

Wer noch kleinere Kinder in der Familie hat, dem lege ich Josph Guggenmoos sehr ans Herz!

Von Joseph Guggenmoos ging es ohne Umwege direkt hinein ins Drama. Weg mit den kindlichen Bilderwelten, her mit Mord und Totschlag. Ich fing an die deutschen Balladen zu verschlingen. Schillers Glocke war allerdings eine, die mir eindeutig zu lang und nicht spektakulär genug war. Drama, Baby, Drama! Als Chrisitiane mir schrieb, sie habe, als Kind viele Gedichte gelesen, stieg die Erinnerung an alle meine Lieblinge wieder in mir auf. Ich lernte sie damals auswendig, stellte mich auf einen Hocker oder Stuhl und deklamierte sie mit aller Hingabe, zu der ich fähig war. Manchmal fing ich vorl lauter Inbrunst an zu weinen, wenn es besonders traurig oder dramatisch war. Zum Beispiel an der Stelle, wenn der grausame König in „Des Sängers Fluch“ von Ludwig Uhland den jungen Sänger ermordet. Meine Liebe zum Drama war geboren. Weg mit heiler Welt, gebt meinem Kopfkino Futter, ihr Dichter! Auf meiner persönlichen „Longtime-best-of-list“ steht jedoch nach wie vor folgendes Gedicht, das ich euch hier in ganzer Länge präsentiere:

Der Ring des Polykrates

von Friedrich von Schiller

Er stand auf seines Daches Zinnen,
Er schaute mit vergnügten Sinnen
Auf das beherrschte Samos hin.
„Dies alles ist mir unterthänig,“
Begann er zu Ägyptens König,
„Gestehe, daß ich glücklich bin.“ -„Du hast der Götter Gunst erfahren!
Die vormals deines Gleichen waren,
Sie zwingt jetzt deines Scepters Macht.
Doch Einer lebt noch, sich zu rächen;
Dich kann mein Mund nicht glücklich sprechen,
So lang des Feindes Auge wacht.“ -Und eh der König noch geendet,
Da stellt sich, von Milet gesandt,
Ein Bote dem Tyrannen dar:
„Laß, Herr, des Opfers Düfte steigen,
Und mit des Lorbeers muntern Zweigen
Bekränze dir dein festlich Haar!

„Getroffen sank dein Feind vom Speere,
Mich sendet mit der frohen Märe
Dein treuer Feldherr Polydor -“
Und nimmt aus einem schwarzen Becken,
Noch blutig, zu der Beiden Schrecken,
Ein wohlbekanntes Haupt empor.

Der König tritt zurück mit Grauen.
„Doch warn‘ ich dich, dem Glück zu trauen,“
Versetzt er mit besorgtem Blick.
„Bedenk‘, auf ungetreuen Wellen –
Wie leicht kann sie der Sturm zerschellen –
Schwimmt deiner Flotte zweifelnd Glück.“

Und eh er noch das Wort gesprochen,
Hat ihn der Jubel unterbrochen,
Der von der Rhede jauchzend schallt.
Mit fremden Schätzen reich beladen,
Kehrt zu den heimischen Gestaden
Der Schiffe mastenreicher Wald.

Der königliche Gast erstaunet:
„Dein Glück ist heute gut gelaunet,
Doch fürchte seinen Unbestand.
Der Kreter waffenkund’ge Schaaren
Bedräuen dich mit Kriegsgefahren;
Schon nahe sind sie diesem Strand.“

Und eh ihm noch das Wort entfallen,
Da sieht man’s von den Schiffen wallen,
Und tausend Stimmen rufen: „Sieg!
Von Feindesnoth sind wir befreiet,
Die Kreter hat der Sturm zerstreuet,
Vorbei, geendet ist der Krieg!“

Das hört der Gastfreund mit Entsetzen.
„Fürwahr, ich muß dich glücklich schätzen!
Doch,“ spricht er, „zittr‘ ich für dein Heil.
Mir grauet vor der Götter Neide;
Des Lebens ungemischte Freude
Ward keinem Irdischen zu Theil.

„Auch mir ist alles wohl gerathen,
Bei allen meinen Herrscherthaten
Begleitet mich des Himmels Huld;
Doch hatt‘ ich einen theuren Erben,
Den nahm mir Gott, ich sah in sterben,
Dem Glück bezahlt‘ ich meine Schuld.

„Drum, willst du dich vor Leid bewahren,
So flehe zu den Unsichtbaren,
Daß sie zum Glück den Schmerz verleihn.
Noch Keinen sah ich fröhlich enden,
Auf den mit immer vollen Händen
Die Götter ihre Gaben streun.

„Und wenn’s die Götter nicht gewähren,
So acht‘ auf eines Freundes Lehren
Und rufe selbst das Unglück her;
Und was von allen deinen Schätzen
Dein Herz am höchsten mag ergötzen,
Das nimm und wirf’s in dieses Meer!“

Und Jener spricht, von Furcht beweget:
„Von Allem, was die Insel heget,
Ist dieser Ring mein höchstes Gut.
Ihn will ich den Erinen weihen,
Ob sie mein Glück mir dann verzeihen,“
Und wirft das Kleinod in die Fluth.

Und bei des nächsten Morgens Lichte,
Da tritt mit fröhlichem Gesichte
Ein Fischer vor den Fürsten hin:
„Herr, diesen Fisch hab‘ ich gefangen,
Wie keiner noch ins Netz gegangen,
Dir zum Geschenke bring‘ ich ihn.“

Und als der Koch den Fisch zertheilet,
Kommt er bestürzt herbeigeeilet
Und ruft mit hocherstauntem Blick:
„Sieh, Herr, den Ring, den du getragen,
Ihn fand ich in des Fisches Magen,
O, ohne Grenzen ist dein Glück!“

Hier wendet sich der Gast mit Grausen:
„So kann ich hier nicht ferner hausen,
Mein Freund kannst du nicht weiter sein.
Die Götter wollen dein Verderben;
Fort eil‘ ich, nicht mit dir zu sterben.“
Und sprach’s und schiffte schnell sich ein.

Ich wünsche euch einen erträglich kalten Sonntag – trotz meiner angeborenen Liebe zum Drama mit möglichst wenig davon!

so kann´s gehen…

….die eigenen Geschichten bringen mich manchmal auf ganz andere Spuren. Irgendwie kam mir ja beim Schreiben der letzten Geschichte der Vers aus Schiller´s „Der Ring des Polykrates“ in den Sinn, den ich dann auch vorangestellt habe. Die glühende Begeisterung für die schwermütigen deutschen Balladen (je trauriger desto besser) waren ja meine eigene Passion  im Alter von neun bis etwa dreizehn Jahren. Ich habe die langen Gedichte mit Inbrunst gelesen und vorgetragen – und habe jetzt nach langer Zeit mal wieder das dicke Balladenbuch hervorgekramt. Ist irgendwie nicht mehr zeitgemäß, wer interessiert sich heute noch für die ellenlangen Gedichte von Schiller, Uhland, Fontane und Co?

Aber man kann sie bei Interesse alle googeln – und wer „Die jungen Dichter und Denker“ noch  nicht kennt, dem gebe ich hier eine Kostprobe. Das war mein „Trick“, um meinem Sohn seinerzeit die Balladen „näher zu bringen.“ Hat geklappt 🙂

 

John Maynard (Theodor Fontane)

John Maynard!
„Wer ist John Maynard?“
„John Maynard war unser Steuermann,
Aus hielt er, bis er das Ufer gewann,
Er hat uns gerettet, er trägt die Kron‘,
Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard!“

Die „Schwalbe“ fliegt über den Eriesee,
Gischt schäumt um den Bug wie Flocken von Schnee,
Von Detroit fliegt sie nach Buffalo –
Die Herzen aber sind frei und froh,
Und die Passagiere mit Kindern und Fraun
Im Dämmerlicht schon das Ufer schaun,
Und plaudernd an John Maynard heran
Tritt alles: „Wie weit noch, Steuermann?“
Der schaut nach vorn und schaut in die Rund‘:
„Noch dreißig Minuten … Halbe Stund‘.“

Alle Herzen sind froh, alle Herzen sind frei –
Da klingt’s aus dem Schiffsraum her wie Schrei,
„Feuer!“ war es, was da klang,
Ein Qualm aus Kajüt‘ und Luke drang,
Ein Qualm, dann Flammen lichterloh,
Und noch zwanzig Minuten bis Buffalo.

Und die Passagiere, buntgemengt,
Am Bugspriet stehn sie zusammengedrängt,
Am Bugspriet vorn ist noch Luft und Licht,
Am Steuer aber lagert sich’s dicht,
Und ein Jammern wird laut: „Wo sind wir, wo?“
Und noch fünfzehn Minuten bis Buffalo.

Der Zugwind wächst, doch die Qualmwolke steht,
Der Kapitän nach dem Steuer späht,
Er sieht nicht mehr seinen Steuermann,
Aber durchs Sprachrohr fragt er an:
„Noch da, John Maynard?“ – „Ja, Herr. Ich bin.“ –
„Auf den Strand. In die Brandung.“ – „Ich halte drauf hin.“
Und das Schiffsvolk jubelt: „Halt aus! Hallo!“
Und noch zehn Minuten bis Buffalo.

„Noch da, John Maynard?“ Und Antwort schallt’s
Mit ersterbender Stimme: „Ja, Herr, ich halt’s!“
Und in die Brandung, was Klippe, was Stein,
Jagt er die „Schwalbe“ mitten hinein;
Soll Rettung kommen, so kommt sie nur so.
Rettung: der Strand von Buffalo.

*

Das Schiff geborsten. Das Feuer verschwelt.
Gerettet alle. Nur einer fehlt!

*

Alle Glocken gehn; ihre Töne schwelln
Himmelan aus Kirchen und Kapelln,
Ein Klingen und Läuten, sonst schweigt die Stadt,
Ein Dienst nur, den sie heute hat:
Zehntausend folgen oder mehr,
Und kein Aug‘ im Zuge, das tränenleer.

Sie lassen den Sarg in Blumen hinab,
Mit Blumen schließen sie das Grab,
Und mit goldner Schrift in den Marmorstein
Schreibt die Stadt ihren Dankspruch ein:
„Hier ruht John Maynard. In Qualm und Brand
Hielt er das Steuer fest in der Hand,
Er hat uns gerettet, er trägt die Kron‘,
Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard.“