Liebeszeiten

Im Frühling als die
Blüten noch im Geheimen schliefen
waren deine Augen so blau der
Frühlingshimmel wölbte sich
über uns wir hielten uns
fest und ich
ich wollte dich nie
nie mehr loslassen

Im Sommer als der warme Wind über deine
Rosen strich liebten wir uns einmal
einmal nur deine Augen
so blau
Jetzt
schleicht er sich davon
der Sommer
jetzt
kommt der Wind aus dem Norden
er flüstert flüstert leise
deinen Namen in die fallenden Blätter

die Zeit tropft
tropft durch meine
meine Hände ich
breite die Arme aus
sie zerrinnt über meiner nackten Haut
die noch golden glüht
vom Licht des Sommers
die Zeit tropft in mein Haar
wäscht die Sonne aus
verschwindet verschwindet
doch die Sehnsucht bleibt
schmiegt sich an mich
wird mich wärmen
wenn der Winter kommt

Endlich Frühling in der wortwabe

Lang genug hat er gedauert, der Winter. Ein nicht endendes Gemisch aus grauem Himmel, Regen und dicken Pullovern. Die ersten warmen Tage haben dem Garten Beine gemacht. Vor meinem Fenster steht der Apfelbaum in voller  Blüte, mit drei Wochen Verspätung. Das tränende Herz ist scheinbar mit doppelter Geschwindigkeit in die Höhe geschossen und seine pinkfarbenden Blüten schmiegen sich an die zarten Rosenknospen, als wollten sie ihnen Mut machen:“Nur zu, traut euch, der Winter ist endgültig Geschichte!“

Mit der Sonne krabbeln auch die Worte endlich wieder ans Licht, purzeln durch meinen Kopf und wollen sortiert werden. Die Buchstabensuppe kocht leise vor sich hin und ich schöpfe vorsichtig ab, was von unten nach oben steigt.

Eine Rose für Buddha

Ich schreibe dir und doch auch nicht. Neben mir am Tisch sitzt eine fremde Frau, sie schreibt, überlegt, schreibt. Ich schreibe über mich selbst, denn ich bin mir selbst fremd. Jetzt steht die Fremde auf und geht in die Küche. Sie sieht sich suchend um als fragte sie sich selbst, was sie eigentlich in der Küche gewollt hat.

Da siehst du, was du aus ihr gemacht hast!
Liebe sollte doch einfach sein, berauschend. Stattdessen taumelt sie durch die Wohnung wie eine Motte bei Tageslicht. Weißt du noch, wie ihr euch kennen gelernt habt? Es heißt, Liebende erkenne man daran, dass sie nicht müde werden, sich gegenseitig zu erzählen, wie es war als sie sich das erste Mal begegnet sind.

Du erinnerst dich nicht mehr daran, nicht wahr?

Nun, ich weiß, dass sie sich sehr genau daran erinnert, die Fremde hier in meiner Wohnung.Es war ein regnerischer Tag im Juli.

Es regnet immer in der ersten Juliwoche, sagte sie. Die Sonne kommt erst am zehnten Juli.

Du fragtest sie, woher sie das wisse und sie sagte, das hat mir die Sonne verraten.

Und was hat sie dir noch verraten, die Sonne? wolltest du wissen.

Damit hast du sie total verwirrt. Eigentlich ist sie nie um eine Antwort verlegen, aber in diesem Augenblick hat sie dich angesehen und weggesehen und am Ende geschwiegen.

Kannst du dich daran noch erinnern? An ihr Schweigen? Nein, denn du hörst ja auch jetzt ihr Schweigen nicht. Denn du bist nicht da.

Deshalb muss sie dir ja auch schreiben, diese Frau, die mir fremd ist.

Sie blickt durchs Fenster hinaus in den Garten. Ein Hauch von Schnee liegt auf dem Rasen, die letzten Rosenknospen haben sich nicht geöffnet und sind als Knospe erfroren – quasi in ihrer Jugend. Die Ahnung von späterer Schönheit wurde in der Knospe konserviert. Nichts geben sie mehr preis, bleiben verschlossen. Wenn man sie pflückt (das hat sie getan, die Fremde, und die Knospen ihrer Buddhastatue in den Schoß gelegt – als ob das etwas nutzen würde!) dann bleiben sie wie sie waren, verändern sich tagelang nicht in Form und Farbe.

Oder liegt das doch an Buddha?

Dieses Opfer hat dich auch nicht zurückgebracht. Buddha lächelt hintergründig wie immer, aber er scheint die erfrorenen Blüten zu mögen. Mehr als die staubige Asche der Räucherstäbchen, die beim Abbrennen auf ihn niederregnet.

Vielleicht ist das die bessere Lösung. Wie die Rosenknospen in der Jugend zu sterben, anstatt zuzusehen, wie die Blüte in ihrer vergänglichen Schönheit erblüht und vergeht. Wie Blatt für Blatt zu Boden sinkt und nur ein vertrockneter Rest am Zweig zurückbleibt, nach dem sich keiner mehr umsieht.

Aber dazu ist es jetzt zu spät. Die Fremde ist bereits am Verblühen, hat das Stadium bereits erreicht, in dem sich keiner mehr nach ihr umdreht. Und es gibt auch nichts mehr, das sich zu konservieren lohnen würde.

`Bestenfalls kann ich noch zur Hagebutte werden`, denkt sie mit einem Anflug von Spott.

Da ist sie wieder, die Fremde. Sie will dich gar nicht wiederhaben. Du sollst deine Sachen abholen, schreibt sie dir.

Weißt du noch, wie du meine Hand genommen hast, damals in diesem kalten Januar, als wir einen stundenlangen Spaziergang durch den Prater gemacht haben?

Trotz der Handschuhe waren meine Hände steif vor Kälte. Ich erinnere mich an die kahlen Bäume, an eine endlos scheinende Allee von Astgerippen. Das Riesenrad außer Betrieb, der Weg gefroren, bei jedem Schritt knirschte die Kälte unter den Schuhen.

Es war trostlos, schreibt die Fremde. Sinnlos, stundenlang in der Kälte herumzustapfen, um am Ende irgendwo einen überteuerten Kaffee zu trinken.

Ich fand es sehr romantisch. Damals haben wir beschlossen, für immer zusammenzubleiben. Im Frühling haben wir geheiratet.

Das war überstürzt, schreibt die Fremde jetzt. Ich war verrückt, einen wie dich zu heiraten. Da wäre ich besser alleine geblieben.

Ich werde Buddha noch eine Knospe suchen, vielleicht war das Opfer nicht groß genug um dich zurückzuholen.

Buddha bringt dich auch nicht wieder, lese ich im Brief der Fremden. Und er weiß ja besser als ich oder du, was mir gut tut.

Kein Märchen

Schneewittchens Bruder hat

mich Dornröschen

wachgeküsst in meinem goldenen Käfig

schlief ich

nichtsahnend

 

Schlafende Dornröschen sind

einfacher für

Könige und Königinnen

Ich mache die Augen auf

 

Lebt wohl mit

Gold und Silber

Dornröschen liebt das neue Leben

nicht im Schloss

 

Draußen ist Sommer

Draußen sind Rosen

Draußen ist Freiheit

 

Im Garten

Rosen duften ihre

Farben in das Glas des Himmels

die Sonne

ein weißer Fleck

zwischen Fingern raschelt

der Hibiskus erzählt

von üppigen Blüten

Ihr zarten Schönen flüstert

der Wind in die Wicken sie

schütteln ihre feinen

Kelche dann streift

ein Hauch von Lavendel

duft mein Gesicht