Novembermond

ich mache mir die Nacht

zum Tage

der Wald wird Scherenschnitt

vor platingrauem Himmel

Novembermond

 

die Einsamkeit ist kalt

wie das Mondlicht

ich schlafe nicht

schlaf nie mehr

mit dir neben

deinem Atem nie mehr

lausche ich deinem

schlafenden Ich

 

Herbstnacht

jetzt ist die Zeit

da die Worte sich verstecken eines

eines nur

find ich jede Nacht

ich grab es aus und

leg es zu den andern

nur eines

eines find ich jede Nacht

 

bald ist das Jahr zu Ende

ich hab noch zweimal dreißig Nächte

noch zweimal dreißig Worte

die leeren Seiten

zu schließen die

Leere zwischen uns

zu füllen

 

mind the gap

Worte1

 

Jammern auf hohem Niveau

Ein schöner Satz! Und ein beliebter noch dazu! Lässt sich wunderbar einfach immer wieder unterbringen, ist ja fast zu einem geflügelten Wort geworden. okay okay, ich gebe zu, ich setze ihn auch ein, klingt ja auch irgendwie gut. Dieses Mal geht es um, ja was wohl? Genau.

Das Wetter.

Wer als süddeutsche Pflanze am Wetter der letzten Wochen rumkritteln würde, den müsste man wirklich einer Therapie unterziehen, denn es war einfach großartig. Warm, sonnig sommerlich. Umso härter der Aufprall in der Wirklichkeit des beginnenden Herbstes, pünktlich zum Wochenbeginn. Letzte Woche noch beim Gartenfest mit gefühlten 1000 Moskitostichen (es waren circa 60 an beiden Knien, schön gleichmäßig verteilt. Und ich weiß auch nicht, was an meinen Knien so betörend für Moskitos ist, ehrlich). Tja und heute ist es so eklig und statt 28 Grad nur etwa 16 Grad warm, äh, kalt.Moskitostiche gibts keine mehr, aber ich friere. Und weil ich sowieso testen wollte, ob das Kaminholz des neuen Lieferanten etwas taugt, habe ich heute den Kamin zum ersten Mal angezündet. Ein richtig schönes Feuerchen gemacht. Was mir aber wirklich das Herz erwärmt ist das Geschenk von Christiane  (https://365tageasatzaday.wordpress.com.) Überreicht hatte sie es mir an einem lauen Sommerabend in Bremen, als der Herbst noch meilenweit entfernt schien:

Hamburger Schietwettertee!

Was für ein Genuss! Fruchtig, zimtig, wohlig, einfach köstlich! Die Wirkung entfaltet sich sofort mit der ersten Tasse, irgendwie glaubt man, das Wetter wäre doch gar nicht so schlimm. Und wenn man es recht bedenkt, ist es auch nicht so dramatisch, mit einer Tasse Tee, am Feuer, da kann der Herbst kommen. Entgehen werde ich ihm eh nicht, nicht dem Herbst und auch nicht diesen usseligen grauen Tagen, an denen die Sonne sich nie  –

ach was, egal. Jetzt kommt doch erst noch der goldene Oktober, oder nicht?

In diesem Sinne wünsche ich Euch einen wunderschönen Herbst, mit gold und rot und braun. Mit später Sonne und dem ersten dicken Pullover, mit einer Hand voll glänzender Kastanien und einem großen Strauß Astern, mit einem Glas Wein oder einer dampfenden Tasse Tee – genießt jeden Tag!

schietwettertee

 

Herbst da draußen

Nebel verschluckt die Straßen
stülpt sich über das Land es
wird Herbst da draußen es
wird kälter da draußen
und in mir

leuchten Teppiche
gewebt aus goldnen Blättern
ich höre
meine Spur und folge ihr
in den kalten Winter

in der Nacht stehe ich
im Nebel und
halte meinen Schmerz
fest halte ihn wie ein Kind
das man trösten muss
so feucht der Nebel Tropfen
sammeln sich im Haar

am seidenen Faden hängt das Jahr
macht Platz den andren Zeiten
und den neuen Hoffnungen

Ich will nicht gehen
nicht durch diese Tür
in dieses Haus nicht
in dieses Zimmer ich leg mich
nicht in dieses Bett ich
fürchte mich vor meinen Träumen
allein mit diesem Schmerz
den ich halten muss wie
ein Kind das getröstet werden will

Liebeszeiten

Im Frühling als die
Blüten noch im Geheimen schliefen
waren deine Augen so blau der
Frühlingshimmel wölbte sich
über uns wir hielten uns
fest und ich
ich wollte dich nie
nie mehr loslassen

Im Sommer als der warme Wind über deine
Rosen strich liebten wir uns einmal
einmal nur deine Augen
so blau
Jetzt
schleicht er sich davon
der Sommer
jetzt
kommt der Wind aus dem Norden
er flüstert flüstert leise
deinen Namen in die fallenden Blätter

die Zeit tropft
tropft durch meine
meine Hände ich
breite die Arme aus
sie zerrinnt über meiner nackten Haut
die noch golden glüht
vom Licht des Sommers
die Zeit tropft in mein Haar
wäscht die Sonne aus
verschwindet verschwindet
doch die Sehnsucht bleibt
schmiegt sich an mich
wird mich wärmen
wenn der Winter kommt

Blatt im Wind

will ich sein

bist du der Wind der

mich

antreibt wegtreibt

von allem was mich

einsperrt  will nicht

wissen an welchem

Ort ich strande

am Ende

meiner Reise

 

Blatt im Wind

bin ich lasse mich

treiben im

nahenden Winter wenn

der erste Frost mich

lähmen will bist du

der Wind aus dem Süden

der mich

befreit

so bleierne Tage

lautloser Regen vor meinem Fenster

geht die Sonne

nicht auf

november rain treibt durch

die bleiernen Tage die Sonne

geht nicht auf

 

wie heißes Wachs auf nackter

Haut  schmerzt jeder Gedanke

an dich dein Gesicht deine

Hände wie heißes Wachs tief

in mir gräbt sich

die Sehnsucht eine Heimat

breitet sich aus legt

eine Klammer um mein Herz

 

so bleierne Tage die Sonne

geht nicht auf

 

Lügen

sie schlingen

ihre Tentakel um uns

kann nicht mehr

atmen

 

meine Welt

so klein

vor diesen Monstern

sag mir wer

kann mich retten

 

Wände rücken

auf mich zu allein

mit mir bin ich verloren

Bruder

ersticke an

meiner Hilflosigkeit du

siehst mir zu

die Zeit

tropft auf mein

Gesicht und du

du gehst

unbehelligt

durch die

Tür

 

 

Wer ist Zeus? (Nachtrag aus September 2012)

Es wird Herbst

Ich sitze in meiner wortwabe und trauere dem Sommer hinterher. Der Himmel ist grau und immer wieder regnet es. Die Rosen vor meinem Fenster recken trotzig die letzten Knospen in die kühle Luft. Ich schließe mich Ihnen an und hoffe auf einen goldenen Oktober.

Plötzlich steht ein Mann vor meinem Schreibtisch, den ich noch nie gesehen habe. Ich schaue ihn irritiert an und als ich in seine Augen sehe, bin ich mir nicht sicher: kenne ich ihn?

„Erkennen Sie mich nicht?“

„Äh, nein. Wer sind Sie denn?“ frage ich ihn direkt.

„Ich bin Zeus!“ Das Ausrufezeichen am Ende des Satzes ist nicht zu überhören. `Meine Güte`, denke ich, `die Typen lassen sich immer schrägere Namen einfallen.`

„Der Name ist mir nicht EINGEFALLEN – ich BIN Zeus!“ sagt der Fremde jetzt mit einem ärgerlichen Unterton.

Woher weiß er, was ich eben gedacht habe? Jetzt wird er mir unheimlich.

„Sie müssen sich doch an mich erinnern, meine Liebe“, sagt er jetzt etwas freundlicher. Er sieht mich wieder an und tief in mir sitzt eine Erinnerung, die nicht aus ihrem Versteck kommt.

„Schön“, sage ich,“ Sie sind also Zeus. Und was wollen Sie von mir, Herr Zeus?“

„Einfach nur `Zeus`“, sagt er und setzt sich auf meinen Schreibtisch. Jetzt atme ich seinen Duft ein und aus dem Nichts schießt mir durch den Kopf „Ambrosia“.

„So ähnlich“ sagt der Typ, der behauptet Zeus zu sein. „Eine ganz besondere Mischung, exklusiv für mich komponiert. Übrigens von Aphrodite persönlich.“

`Ein Irrer`, denke ich noch und plane meine Flucht. Aber da ist er schon verschwunden.

Eine Rose für Buddha

Ich schreibe dir und doch auch nicht. Neben mir am Tisch sitzt eine fremde Frau, sie schreibt, überlegt, schreibt. Ich schreibe über mich selbst, denn ich bin mir selbst fremd. Jetzt steht die Fremde auf und geht in die Küche. Sie sieht sich suchend um als fragte sie sich selbst, was sie eigentlich in der Küche gewollt hat.

Da siehst du, was du aus ihr gemacht hast!
Liebe sollte doch einfach sein, berauschend. Stattdessen taumelt sie durch die Wohnung wie eine Motte bei Tageslicht. Weißt du noch, wie ihr euch kennen gelernt habt? Es heißt, Liebende erkenne man daran, dass sie nicht müde werden, sich gegenseitig zu erzählen, wie es war als sie sich das erste Mal begegnet sind.

Du erinnerst dich nicht mehr daran, nicht wahr?

Nun, ich weiß, dass sie sich sehr genau daran erinnert, die Fremde hier in meiner Wohnung.Es war ein regnerischer Tag im Juli.

Es regnet immer in der ersten Juliwoche, sagte sie. Die Sonne kommt erst am zehnten Juli.

Du fragtest sie, woher sie das wisse und sie sagte, das hat mir die Sonne verraten.

Und was hat sie dir noch verraten, die Sonne? wolltest du wissen.

Damit hast du sie total verwirrt. Eigentlich ist sie nie um eine Antwort verlegen, aber in diesem Augenblick hat sie dich angesehen und weggesehen und am Ende geschwiegen.

Kannst du dich daran noch erinnern? An ihr Schweigen? Nein, denn du hörst ja auch jetzt ihr Schweigen nicht. Denn du bist nicht da.

Deshalb muss sie dir ja auch schreiben, diese Frau, die mir fremd ist.

Sie blickt durchs Fenster hinaus in den Garten. Ein Hauch von Schnee liegt auf dem Rasen, die letzten Rosenknospen haben sich nicht geöffnet und sind als Knospe erfroren – quasi in ihrer Jugend. Die Ahnung von späterer Schönheit wurde in der Knospe konserviert. Nichts geben sie mehr preis, bleiben verschlossen. Wenn man sie pflückt (das hat sie getan, die Fremde, und die Knospen ihrer Buddhastatue in den Schoß gelegt – als ob das etwas nutzen würde!) dann bleiben sie wie sie waren, verändern sich tagelang nicht in Form und Farbe.

Oder liegt das doch an Buddha?

Dieses Opfer hat dich auch nicht zurückgebracht. Buddha lächelt hintergründig wie immer, aber er scheint die erfrorenen Blüten zu mögen. Mehr als die staubige Asche der Räucherstäbchen, die beim Abbrennen auf ihn niederregnet.

Vielleicht ist das die bessere Lösung. Wie die Rosenknospen in der Jugend zu sterben, anstatt zuzusehen, wie die Blüte in ihrer vergänglichen Schönheit erblüht und vergeht. Wie Blatt für Blatt zu Boden sinkt und nur ein vertrockneter Rest am Zweig zurückbleibt, nach dem sich keiner mehr umsieht.

Aber dazu ist es jetzt zu spät. Die Fremde ist bereits am Verblühen, hat das Stadium bereits erreicht, in dem sich keiner mehr nach ihr umdreht. Und es gibt auch nichts mehr, das sich zu konservieren lohnen würde.

`Bestenfalls kann ich noch zur Hagebutte werden`, denkt sie mit einem Anflug von Spott.

Da ist sie wieder, die Fremde. Sie will dich gar nicht wiederhaben. Du sollst deine Sachen abholen, schreibt sie dir.

Weißt du noch, wie du meine Hand genommen hast, damals in diesem kalten Januar, als wir einen stundenlangen Spaziergang durch den Prater gemacht haben?

Trotz der Handschuhe waren meine Hände steif vor Kälte. Ich erinnere mich an die kahlen Bäume, an eine endlos scheinende Allee von Astgerippen. Das Riesenrad außer Betrieb, der Weg gefroren, bei jedem Schritt knirschte die Kälte unter den Schuhen.

Es war trostlos, schreibt die Fremde. Sinnlos, stundenlang in der Kälte herumzustapfen, um am Ende irgendwo einen überteuerten Kaffee zu trinken.

Ich fand es sehr romantisch. Damals haben wir beschlossen, für immer zusammenzubleiben. Im Frühling haben wir geheiratet.

Das war überstürzt, schreibt die Fremde jetzt. Ich war verrückt, einen wie dich zu heiraten. Da wäre ich besser alleine geblieben.

Ich werde Buddha noch eine Knospe suchen, vielleicht war das Opfer nicht groß genug um dich zurückzuholen.

Buddha bringt dich auch nicht wieder, lese ich im Brief der Fremden. Und er weiß ja besser als ich oder du, was mir gut tut.

Es wird Herbst

ich schlage
den Kragen hoch und
ziehe den Kopf
ein doch ich
friere schon

du kommst
nicht mehr sagst
du und ich
glaube dir
nicht
der Sommer war lang und
heiß wir brannten
uns Löcher in die Seele
Jetzt lecken wir
unsere Wunden und
heilen sie
nicht

Wenn du fort
bist schimmert mich
die Freiheit an
aber es wird schon
kälter und jetzt
bist du
nicht da
und zündest mich an