Nachtrag

Irgendwie kommt man ja auch zu nichts wenn man viel Zeit hat. Das ist das Phänomen des Urlaubs, der doch am Anfang wie eine große leere Leinwand vor einem liegt, eine scheinbar unendlich ausgedehnte Kette von Tagen, die man mit all den Dingen ausfüllen kann, die einem gerade so in den Sinn kommen. Zumindest wenn man so wie ich, ohne die Zwänge eines Hotelalltags, in einer Wohnung mitten unter Einheimischen wohnt. Trotzdem rasen die Stunden in völliger Langsamkeit dahin und dann ist er da, der letzte Tag und man fragt sich, wo die Wochen denn geblieben sind. So ging es mir und all die Geschichten von meinen Tagen in Nizza blieben in Hierolyphenschrift in meiner kleinen sonnengelben Kladde von Clairefontaine stecken und harren jetzt auf den Tag der Wiederbelebung. Mittlerweile steht meine Wortwabe wieder im heimatlichen Nieselregen und die Tage voller Sonne und fünfunddreißig Grad im Schatten scheinen so weit weg wie der Mond. Es kommt mir vor als hätte ich eine Zeitreise gemacht und wäre vom Hochsommer übergangslos in den Herbst gereist, dabei bin ich nur eine Stunde mit Lufthansa in die falsche Richtung, nämlich nach Nordosten, geflogen. Aber es hilft ja nichts. Meine sommerliche Bräune hat sich schon fast verflüchtigt und all die leichten Kleidchen und T-Shirts, die die Schnäppchenjägerin in mir im französischen Sale ergattert hat, haben sich in ihr Schicksal ergeben und harren im Schrank aus bis zum nächsten Jahr, denn in diesem Jahr scheint das ja nichts mehr zu werden mit dem Sommer. Grund genug also, die Teile meines Gehirns, die die Erinnerungen abspeichern, anzuzapfen und mit Hilfe der entsprechenden Digitalfotos lebendig werden zu lassen.

Menton

Ich bin ja in meinen Tagen in Nizza zur begeisterten Nutzerin öffentlichen Nahverkehrs geworden. Dank des simplen Systems ist das in Nizza unkomplizierter als die Fahrt von meinem Zuhause in das rund dreißig Kilometer entfernte Stuttgart. Statt der komplizierten Suche nach dem richtigen Zahlencode für die gewünschte Zielhaltestelle zieht man in Nizza ein Ticket für einen Euro fünfzig und fährt los. Das Ticket ist eine Stunde gültig in die gleiche Richtung, man kann also theoretisch auch unterwegs aussteigen und schnell einen Espresso trinken und dann wieder weiterfahren. Der Wechsel von Tram auf Bus kostet nicht nochmal extra. Ich fahre also in „Virgile Barel“ los und steige am „Place Garibaldi“ aus. Von dort laufe ich ein paar hundert Meter bis zum Yachthafen, weil ich immer noch nicht herausgefunden habe wo die Haltestelle des Bus N° 100 am Place Garibaldi denn nun ist. place GaribaldiAber der kurze Weg zum Hafen ist unproblematisch und am Yachthafen gibt es auch immer was zu sehen, zum Beispiel Bootsbesitzer, die am Wochenende ihre Boote auf Hochglanz schrubben ganz so wie es zuhause der anständige Deutsche mit seinem Auto macht. jachtDieses Mal habe ich Glück, der Bus ist nicht so überfüllt und ich bekomme einen Sitzplatz. Die Fahrt dauert eine knappe Stunde und führt an der wunderschönen Küste vorbei durch Monaco nach Menton. Monaco scheint das Ziel fast aller Fahrgäste zu sein, für mich unbegreiflich, ich weiß nicht was an dieser Ansammlung hässlicher Hochhäuser spannend sein soll. CAM01229Ich steige in Menton aus und gehe ein paar Schritte dann bin ich an der Promenade. Eine weitgeschwungene Bucht breitet sich vor mir aus, das Wasser ist so intensiv blau als hätte das Meer eine Absprache mit dem Tourismusverband der Coté d`Azur getroffen, dem Namen auch wirklich alle Ehre zu machen. Es weht ein warmer Wind, es riecht nach Meer und ich entscheide spontan Menton den Titel „Lieblingsstrand“ zu verleihen. Ich laufe die Promenade entlang und das auffälligste ist, daß fast auf der ganzen Länge nicht etwa die üblichen „Büdchen“ mit Andenken, Schwimmringen und Postkarten die Promenade oberhalb des Strandes säumen sondern Restaurants und Cafés ihre Tische und Sonnenschirme aufgebaut haben. Jedes Restaurant hat seine eigene Farbe bei Servietten und Sitzkissen oder Sonnenschirmen gewählt, um sich so zum Nachbarn abzugrenzen und zu signalisieren, wie weit das eigene Areal reicht. CAM01241Die Kellner rennen also mit Speisen und Getränken über die Straße um den Gästen, die bequem direkt am Strand mit ungehindertem Blick aufs Meer sitzen möchten, das Gewünschte zu servieren. Am Ende der Bucht steht ein kleines Holzhaus mit der Aufschrift „Bibliothèque“ und zuerst denke ich , was für ein ulkiger Name für eine Strandbar aber als ich näherkomme stelle ich fest, dass es sich tatsächlich um eine Bibliothek handelt. Offenbar kann sich der Strandbesucher hier Bücher ausleihen, was für eine grandiose Idee!
Als ich mir einen Platz ausgesucht habe muss ich wieder einmal den Sonnenschirm in den Kieseln windfest verankern, was bei den groben Kieseln hier und dem doch mittlerweile kräftigen Wind gar nicht so einfach ist. Ein Häufchen Steine rund um den Stab des Schirms sollte helfen, aber nach einer Stunde kommt einer der französischen Baywatch-Jungs und fordert alle Strandbesucher auf, ihre Sonnenschirme zu schließen, weil der Wind zu kräftig ist. Rundherum höre ich fast nur Italienisch, Menton scheint bei den italienischen Nachbarn als Urlaubsziel sehr beliebt zu sein. Ich kann mich da nur anschließen und es fällt mir schwer, mich am Abend loszureißen und den Heimweg nach Nizza anzutreten.CAM01240
Beim Warten auf den Bus habe ich Zeit, mich in die Fassade des Hauses gegenüberder Haltestelle zu verlieben, diese Art der Verzierung habe ich häufig gesehen, aber das war eine besonders schöne Variante.fassade in Menton

Mädchentag

Gestern war ich faul. Deshalb muss ich heute gleich zwei Posts machen. Nachdem ich für meine Verhältnisse ewig geschlafen habe, so bis etwa halb zehn, habe ich den Morgen vertrödelt und geplant, endlich mal was Kulturelles zu machen. An Kultur ist ja auch in Nizza kein Mangel. Ich entschied mich, den Garten der Mönche in Cimiez anzuschauen und das Chagall Museum zu besuchen. Nachdem ich wusste, wie ich hinkomme habe ich mich aufgehübscht für einen Tag in der Stadt und bin los. Aber wie es so geht, man kann nicht immer seinen Plänen folgen, manchmal muss man auch mal spontan umdisponieren. Das wird ja in diesem Urlaub langsam zu meiner zweiten Natur. Also habe ich, in der Stadtmitte angekommen, aus dem Kulturtag einen Mädchentag gemacht und mich hemmungslos in den Schlussverkauf gestürzt. Denn was macht ein Mädchen am Samstag? Einkaufen und Kaffeetrinken! Es ist unfassbar, wie schnell die Stunden vergehen wenn man auf Schnäppchenjagd ist…. Da mein Koffer bei der Herreise halb leer war und wenig Klamotten enthielt dafür aber zwei Dosen Diätpulver, habe ich genug Kapazitäten für die Rückreise. Es mag dem einen oder anderen verrückt vorkommen, dass ich ausgerechnet im Heimatland der Baguettes eine low carb Diät mache, aber wie sich bei meinem Powershopping herausgestellt hat, war das eine kluge Entscheidung. Die Fettreserven, die ich mir im Winter angefuttert habe, haben sich offensichtlich verflüchtigt, was mich in diversen Umkleidekabinen zu Begeisterungsstürmen hingerissen hat. Das Geld, das ich beim Essen eingespart habe, habe ich jedenfalls wieder angelegt. Nach einem äußerst befriedigenden Einkaufsbummel ging ich mit Tüten bepackt über die Place Massena Richtung Altstadt, auf der Suche nach einem Souvenir für meine Schwester, die zurzeit meine Katzen und den Garten versorgt. Ich landete wieder mal in Gassen, die ich noch nicht kannte und fand auf einem kleinen Platz einen Künstlermarkt. Vielleicht gab es ja hier etwas Schönes zu entdecken, das hier aus der Gegend kam und nicht Made in China war? Ich landete bei einem Stand mit wunderschöner Töpferware, in leuchtenden Farben glasiert. Keramik 1Das wäre schön, dachte ich, als mich die Frau, die den Stand betrieb, auf Französisch ansprach. Meine Französischkenntnisse sind bekanntermaßen eher solala, ich verstehe zwar immer, was die Leute von mir wollen, aber leider enthält mein Speicher nur noch wenig Vokabular, sodass ich nie antworten kann. Sie wechselte ins Englische und dann ins Deutsche. Es stellte sich heraus, dass sie die Keramik selbst herstellt und ursprünglich aus Hamburg kommt. Silke lebt seit 26 Jahren in Antibes und hat einen Laden für Bademoden http://www.flowers-sea-and-sun.com in Antibes, wo sie ihre eigene Kollektion verkauft. Ihre Töpfersachen verkauft sie ab und zu auf Märkten, der Markt in Nizza ist nur alle vier Wochen, Glück gehabt! Ich erstehe ein Geschenk meine Schwester und eine wunderschöne Karaffe für mich. Nach einem kleinen Plausch mit Silke mache ich mich, beladen wie ich bin, auf den Heimweg. Am Place Garibaldi muss ich eine Pause einlegen, es ist zwar schön auf den hohen Plateaus zu gehen aber so langsam wird es Zeit für die Flip-Flops, die ich in weiser Voraussicht eingepackt habe! CAM01217
CAM01218So lässt sich der Anstieg auf „meinen Berg“ auch besser bewältigen. CAM01227
Ich schaffe es, mit allen meinen Schätzen heil anzukommen und habe sogar noch genügend Energie, gleich wieder loszugehen, um noch schnell im Intermarché Milch und Obst zu holen. Denn ohne meinen Milchkaffee kann ich den morgigen Sonntag nicht beginnen. Kurzfristig habe ich überlegt, ob ich den Weg mit einem „Velo Bleu“ zurücklegen soll, aber ich bin nicht sicher, ob ich verstehen würde, wir man das Rad aus der Verankerung und wieder zurück bekommt. Jedenfalls ist es schön, dass die Stadt an sehr vielen Plätzen diese Fahrräder zum Leihen hingestellt hat.CAM01213 Ich gehe also ein weiteres Mal meinen Weg zu Fuß. Damit habe ich mein Laufpensum für heute auch erledigt, mein innerer Schrittzähler schätzt den Tag heute auf etwa sechs Kilometer. Das ist zwar nicht der Jakobsweg, aber eine fast hundertprozentige Steigerung zu den Strecken, die ich üblicherweise zuhause zu Fuß erledige! Morgen werde ich auf jeden Fall gleich den neu erstandenen Bikini einweihen, so viel steht fest!
à bientôt!

Bus-Lotterie

Wer das blog verfolgt weiß, dass ich vom Auto auf die öffentlichen Verkehrsmittel umgestiegen bin.
So regelmäßig wie in den letzten drei Tagen bin ich wahrscheinlich seit meiner Schulzeit nicht mehr Bus gefahren. Gäbe es jedoch das Internet nicht, würde ich wahrscheinlich immer noch nach den richtigen Buslinien suchen oder nach einem Informationsbüro der „Lignes D´Azur“. Doch zum Glück sind die Zeiten ohne das worldwideweb Geschichte und die „Lignes D Azur“ haben eine gut aufgebaute homepage, http://www.lignesdazur.com, die auch auf Englisch aufgerufen werden kann. Der link „plan your trip“ zeigt dann die entsprechenden Verbindungen an. Ich recherchiere also die Verbindung nach Villefranche, weil mein Vermieter mir den Tipp gegeben hat, dort einen Tag am Strand zu verbringen. „Très jolie“ meinte er zu mir. Womit wir wieder beim Thema wären…
Ich fahre mit der Tram zum Place Garibaldi und begebe mich auf die Suche nach der Haltestelle für den Bus N° 81. Laut der Karte von Lignes D`Azur liegt sie in der Rue Catherine Segurane. Nachdem ich den Place Garibaldi nach allen Seiten abgesucht habe finde ich tatsächlich die richtige Straße, die sich als einzige Baustelle präsentiert. Hier kann definitiv kein Bus durchfahren oder anhalten. Vergeblich halte ich Ausschau, ganz deutsche Gründlichkeit, nach einem Hinweis, der etwas sagt wie „Haltestelle verlegt“, aber ich finde nichts. Glücklicherweise halten die Busse der Lignes D´ Azur an jedem dicken Baum und man muss nur ein Stück in die richtige Richtung gehen, dann kommt irgendwann die nächste Haltestelle. (Die richtige Richtung zu finden ist auch mit einem nur rudimentär vorhandenen Orientierungssinn wie meinem hier möglich). Ich entere nach ein paar hundert Metern die Haltestelle meines Vertrauens und wie bestellt kommt auch gleich darauf der Bus. So ein kompliziertes System wie in Deutschland kennt man hier glücklicherweise nicht. Zone 1, 2 oder 3 ? Fehlanzeige. Man bezahlt sein Ticket und kann bei Bedarf bis zur Endstation durchfahren. Ich ergattere einen Sitzplatz und der klimatisierte Bus schaukelt gemütlich oberhalb der wunderschönen Küste entlang und präsentiert mir atemberaubende Ausblicke auf das tiefblaue Meer, das in der Sonne glitzert und am Horizont mit dem Himmel verschwimmt. In den kleinen Buchten liegen weiße Boote und Jachten vor Anker wie kleine weiße Vögel, die auf dem Wasser treiben. Die Terracotta oder Ocker gestrichenen Häuser haben jadefarbene Holzläden und scheinen an die steilen Hänge angeklebt zu sein. Als der Bus Villefranche passiert beschließe ich spontan, bis zur Endstation durchzufahren, ohne genau zu wissen wo das sein würde. (Das war reine Abenteuerlust, ehrlich! Es hatte nichts damit zu tun, dass meine schwäbischen Gene mir befohlen hätten, das, was ich bezahlt habe, auch in Anspruch zu nehmen!)
Ich bleibe also sitzen bis der Fahrer ruft. „Terminus!“ und bin in St. Jean Cap Ferrat gelandet. Nicht die schlechteste Wahl. Ich schlage mein Lager am wenig bevölkerten Strand auf und lasse mir die Stunden bis zum Abend durch die Finger rieseln.
Neuer Tag, neues Glück. Da es also gestern mit Villefranche nichts geworden ist, versuche ich mein Glück heute nochmal. Ich gehe gleich zu der gestern entdeckten Haltestelle und habe genügend Zeit zu untersuchen, welche anderen Linien hier noch durchfahren. Sieh an, hier fährt auch die N° 100, von Nizza über Beaulieu sur Mer und Monaco nach Menton. Da der 100er zuerst kommt nehme ich den und disponiere um. Ich fahre nach Menton, da soll es auch sehr schön sein (sagt mein Vermieter). Leider ist der Bus völlig überfüllt, man kann kaum noch stehen, es ist kein Vergnügen und die Klimaanlage schafft auch keine Kühlung mehr. Also doch vorzeitiger Abbruch der Reise. Villefranche wird von diesem Bus nicht angefahren, so lande ich wieder in Beaulieu sur Mer. Das kenne ich zwar schon aber dafür gehe ich heute mal an einen anderen Strand. Neben mir liegen drei junge Frauen und ein junger Mann, die sich angeregt auf Englisch unterhalten. Der Junge kommt aus den USA, das ist nicht zu überhören. Da es sich nun einmal nicht vermeiden läßt , lausche ich dem Gespräch der vier und erfahre so einiges über die Art und Weise, wie junge Leute heutzutage unterwegs sind. Der Amerikaner hat seine Reise durch Europa offensichtlich in Prag begonnen, die drei Mädchen kommen aus der tschechischen Republik. Er erzählt, dass er mit bla-bla an die Coté d´Azur gekommen ist.( http://www.blablacar.de) Das war offensichtlich kein großes Problem, leider haben die meisten Leute, mit denen er mitgefahren ist, kein oder wenig Englisch gesprochen und er spricht weder Italienisch noch Französisch. Seine weitere Reise wird ihn zunächst nach Cinqueterre führen (http://de.wikipedia.org/wiki/Cinque_Terre) und danach weiter nach Florenz, Rom und anschließend will er mit der Fähre nach Pula in Kroatien übersetzen. Von Kroatien geht es über Slowenien wieder zurück nach Prag. Die Tickets für blabacars bucht er im Internet, macht mit dem Fahrer einen Treffpunkt aus und steigt ein. Blabla ist also offensichtlich das Interrail von heute. Ich bin immer noch einen Moment erstaunt wenn ich Menschen aus dem ehemaligen Ostblock in den Touristenhochburgen des Westens treffe, die Konditionierung durch eine Kindheit mit Mauer und kaltem Krieg hat offensichtlich ihre Spuren hinterlassen. Mir fällt unsere Klassenfahrt nach Prag ein, die bettelnden Kinder in Pilsen, die unsern Bus umringten oder die jungen Tschechen, die wir vor dem Hotel kennenlernten und die uns erzählten, dass sie von der Schule verwiesen wurden, weil sie ihre Haare nicht schneiden lassen wollten und dass eine Pink Floyd Langspielplatte umgerechnet 700 DM kostete. Die drei Mädels neben mir waren vermutlich im Jahr des Mauerfalls noch nicht einmal geboren und ich frage mich, wie viel sie von den Zuständen damals in den Siebzigern wissen. Jedenfalls finde ich es großartig, dass diese Zeiten vorbei sind und sie auch die Möglichkeit haben, zu reisen und die Welt zu erobern. Vielleicht probiere ich das Reisen mit blablacars auch mal aus, wer weiß. Im Moment reise ich jedenfalls noch „klassisch“ und morgen schaue ich mal wohin mich die Bus-Lotterie bringt.
A bientôt!

Ich brauche dringend eine Luftveränderung

Meine Wortwabe ist seit Wochen verwaist. Wegen zu viel Arbeit, zu viel Ablenkung, zu vielen Dingen, die meine Muse verschreckt an der Türe umkehren ließen. „Da hilft nur Luftveränderung!“ sagte mein innerer Doktor und ich packte meine Siebensachen und machte mich auf eine Reise an die Coté d`Azur. Man gönnt sich ja sonst nichts. Jetzt sitze ich hier auf den Kieseln an der Baie des Anges zwischen gefühlten Millionen anderen schwitzenden, mehr oder weniger gebräunten Menschen. Vor mir die unglaublich türkisblaue „Bucht der Engel“ und hinter mir die berühmte „Promenade d`Anglais“. Ich wollte nicht in eines dieser eingezäunten Strandbäder, wo man sich für 20 Euro pro Tag eine Liege nebst Sonnenschirm mieten kann um dann Hüfte an Hüfte mit dem Nebenmann zu liegen. Dann schon lieber auf der Strandmatte mitten hinein in diesen bunten Teppich aus Handtüchern und Leibern. Ganz nebenbei noch das Erfolgserlebnis genießen, die Halterung des kleinen Sonnenschirms sicher in den Kieseln versenkt zu haben und im kreisrunden Schatten zu sitzen.
Sonnenölduft mischt sich mit dem Geruch nach Gegrilltem aus dem Restaurant rechts von mir. Die Wellen brechen sich mit Wucht am Strand, er fällt schnell ab und das Meer wird schon kurz nach dem Ufer so tief, dass ich nicht mehr stehen kann. Das Wasser ist ziemlich salzig, ich habe mich nicht geduscht nach dem Schwimmen und jetzt lecke ich mir nach und nach das Salz von den Lippen. Die meisten Leute sitzen hier in der prallen Sonne, das würde ich nicht aushalten, ich brauche Schatten auf dem Kopf. Auf den Kieseln zu liegen ist gar nicht so schlecht, lange nicht so hart oder unbequem wie es von der Promenade aus gewirkt hat. Außerdem ist nicht alles voller Sand, was eindeutig ein Vorteil ist wenn man mit seinen Badetüchern haushalten muss.
Das erste Mal war ich in den Siebzigern hier an der Coté D`Azur, als Rucksacktourist, neudeutsch Backpacker, natürlich mit dem damals allseits beliebten Interrailticket. In diesen Zeiten, ohne Internet und Smartphone, war das ein echter Abenteuerurlaub. Um die Zugverbindungen zu recherchieren mussten Kursbücher von der Stärke des Telefonbuchs einer Großstadt gewälzt werden. Heute kann man selbst die kurze Strecke von Nizza nach Villefranche oder von meinem Appartement in Nizza-Ost in die Stadt googeln. Hier habe ich übrigens eine tolle Seite im Internet entdeckt, auf der scheinbar alle Zugverbindungen der Welt zu finden sind: http://www.rome2rio.com, war mir schon eine echte Hilfe. Doch trotz aller modernen Möglichleiten ist diese Reise irgendwie Abenteuerland weil mein Französisch einem Muskel gleicht, der jahrelang nicht bewegt wurde: mehr als unkontrollierte Zuckungen sind nicht zu erwarten. Gestern brachte mir der Vermieter meines Appartements Oliven aus dem eigenen Garten und ich sagte dankbar zu ihm: „Vous ètes très jolie“, woraufhin er mich etwas befremdet ansah. Heute dämmerte mir auf dem Weg in die Stadt, dass das richtige Wort „gentil“ gewesen wäre, „freundlich“ ! Stattdessen habe ich ihm erklärt, dass er sehr „hübsch“ sei! Naja, was soll`s, vielleicht gibt es dafür heute ein paar Tomaten…
À bientot!

Trainingslager

Es soll Menschen geben, die viel Geld bezahlen um unter fachkundiger Anleitung an ihre Grenzen zu gehen. Sie lernen, sich zu konzentrieren und laufen dann über glühende Kohlen oder eine Bahn aus Glasscherben, sie steigen auf Bäume und hangeln sich von Ast zu Ast oder essen Insekten. Es ist wirklich spannend, was man alles mit Willenskraft und dem nötigen Quantum innerer Gelassenheit bewältigen kann. Ich bin mittlerweile Spezialistin auf diesem Gebiet und das völlig kostenlos. Jahrelanges Training haben der Belastbarkeit meiner Nerven zu wahren Höhenflügen verholfen. Als Mutter, neudeutsch auch Familienmanagerin genannt, bin ich der CEO unserer Familie, mit dem Unterschied, dass ich keine Angestellten habe, die mir gegen monatliches Salär ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen. Nebenbei bin ich die externe Festplatte für alle – „Mama, wo sind meine Laufschuhe?“ „Weißt du wo das Ladekabel für mein Handy ist?“ Man hält mich für ein allwissendes Wikipedia der Dinge, das zentrale Navigationssystem im Dschungel unseres gemeinsamen Heimes. Einmal im Jahr nehme ich an einem freiwilligen Trainingslager teil: Familienurlaub!

Wir sind die typischen Individualreisenden, lieber im Ferienhaus als im Hotel, lieber landestypisch als im Touristenghetto. Dieses Jahr wünschte sich unser Sohn einen Badeurlaub im Hotel. Wir schlossen einen Kompromiss und zogen nach einer Woche in einem Häuschen mitten in einer Kleinstadt in Venetien um in ein Hotel mit Pool an der italienischen Adria. Das Hotel war sorgfältig ausgesucht, dank verschiedener Portale im Internet wusste ich, dass hier vorwiegend Franzosen und Italiener Urlaub machen. Der Einsatz der erlernten Fremdsprachen war so zumindest schon garantiert. Ebenso der Abbau diverser Vorurteile, die sich im Laufe des Schullebens bei unserem Junior aufgebaut haben: „Ich dachte, die Franzosen sind alle Spasten aber die sind eigentlich ganz cool.“ Jetzt „chillt“ er den ganzen Tag mit seinem französischem Kumpel und stochert in seinem Schulwortschatz nach den richtigen Wörtern. Ich freue mich insgeheim über den gelungenen pädagogischen Coup und widme mich dem weiteren Ausbau meiner Belastbarkeit indem ich am Pool ausharre, bis die Wassergymnastik der beiden dauergutgelaunten Animateurinnen vorüber ist.  Die Sommerhitze lähmt jegliche Aktivität, Tage verrinnen wie Sand im Uhrenglas und nachts wache ich schweißgebadet auf, weil ich geträumt habe unter Sand begraben zu sein.  Die Geräuschkulisse ähnelt der im Freibad unserer Kleinstadt, mit dem Unterschied, dass die Durchsagen des Bademeisters („Der kleine Kevin sucht seine Mama“) fehlen. Zwischen zwölf Uhr dreißig und fünfzehn Uhr ist Mittagsruhe am Pool und der Tross der Urlauber setzt sich gehorsam in Richtung Speisesaal in Bewegung. Am Nachmittag fliehe ich an den Strand, wo die meisten Liegen im Bagno aus unerfindlichen Gründen leer sind – vermutlich sind die Hotelgäste lieber am Pool anstatt auf ihren reservierten Liegen am Meer. Ich harre aus, bis die Sonne untergeht und streiche in meinem virtuellen Kalender Tag vier des Trainingslagers aus. Noch drei Tage und der Alltag hat mich wieder – ich befürchte aber, dass ich mich dann an dieses Leben gewöhnt habe und mich womöglich danach zurücksehne.

Adria – Ah

Anna, die Chefin unseres Bagno. Ist der Inbegriff der italienischen Mama. Eine Mutter Courage der Liegestühle gewissermaßen. Sie wacht über den großen Plan an der Wand der kleinen Bar, auf dem alle Liegestühle ihres Bagno eingezeichnet sind. Neue Gäste werden von ihr persönlich  einem Liegestuhlpäarchen nebst Sonnenschirm zugeordnet. Sie zählt die Tage, die der Gast zu bleiben gedenkt, am Kalender ab („uno, due, tre, quattro, cinque, sei – ecco “) und teilt dann den entsprechenden Platz zu. Ihre Stimme ist unglaublich, rau, wild und kratzig, ich erwarte ständig, den berühmten Satz aus ihrem Mund zu hören: „Ich habe ihm ein Angebot gemacht, dass errrr nicht ablehnen konnte!“ – Aber Anna spricht natürlich nur Italienisch. Sie lobt die „occhi azzuri“ unseres Sohnes und findet er ist groß für sein Alter, weswegen wir einen Platz am Gang haben sollten. Die Argumentation erschließt sich mir nicht ganz, trotzdem bin ich lieber am Gang als mittendrin. Ihre nicht unbeträchtliche Leibesfülle steckt in einem schwarzen Rock und einem spitzenbesetzten Oberteil, die Haare sind zu einem kleinen Zopf zusammengebunden, den eine rote Schleife ziert. Ihre Haut ist blass wie die der neu angekommenen Touristen, ihr Gesicht durchzogen von vielen kleinen Fältchen. Die braunen Augen haben alles im Blick, ihre charmante Tochter Rosa ebenso wie den schweigsamen Matteo, der für das Aufbauen der Liegestühle und Schirme sowie das Abräumen der Tische der kleinen Bar zuständig ist. Ich trinke Rosas großartigen Cappuccino an einem der kleinen Tische auf der Terrasse begleitet vom ständigen Flapp-Flapp der Badeschlappen und Flip-Flops der Vorübergehenden.

Die Sinfonie unseres Bagno ist das leise Plätschern der Stranddusche, begleitet vom Flapp-Flapp der Schuhe und dem Klappern des Geschirrs hinter der Theke. Dazwischen Gesprächsfetzen in Italienisch, Französisch und Deutsch. Den strahlendblauen Himmel über den gelben Schirmen gibt es gratis dazu. Am Strand reiht sich Liegestuhl an Liegestuhl, eine endlos scheinende Armee von Sonnenschirmen zieht sich Kilometer für Kilometer die Adria entlang. Statt Sirenengesang ertönt Tag für Tag das monotone Flapp-Flapp.

Die Sonne ist völlig unparteiisch, sie scheint für arm und reich, für Italiener ebenso wie für Franzosen, Schweizer oder Deutsche. Sie scheint für die ständig plappernde junge Mutter vor mir und für ihren genervten Ehemann, der sich schlafend stellt und aus den Augenwinkeln die hübschen Mädchen beobachtet, die vorübergehen. Begleitet von Schwiegereltern, Schwager, Ehefrau und zwei kleinen Kindern hat er es nicht leicht. Seine Frau redet immer noch, seit etwa zehn Minuten referiert sie über Sonnenmilch, verschiedene Schutzfaktoren, Wasserfestigkeit und Preise. Sie führt die Ergebnisse von Stiftung Warentest an, die sie zu dem Schluss gebracht haben, dass sie, ohne Nachteile zu haben, die billigen No-Names kaufen kann, da deren Qualität ebenso gut ist wie die der teuren Markenprodukte. Eines der Kinder quengelt und will ins Wasser, der Ehemann stellt sich noch immer schlafend, also nimmt sie das kleine aufblasbare Schlauchboot und geht mit den Kindern zum Meer. Ich meine einen leisen Seufzer der Erleichterung aus dem Liegestuhl vor mir zu hören. Mit lautem Flapp-Flapp treffen kurz darauf Schwiegervater und Schwager ein.

„D´Chrischtine isch Bada,“ informiert er seinen Schwiegervater. Die drei Männer sind sich schnell einig, dass die Zeit reif ist für ein kaltes Bier an der Bar und verlassen den Strand.

Die Sonne senkt sich langsam und bald wird sie hinter dem „San Giorgio“ verschwunden sein. Matteo wird die Liegestühle in den Schlafmodus versetzen während die Urlauber sich im Hotel den Sand von der Haut waschen. Das letzte Flapp-Flapp an diesem Abend im Bagno ist das von Anna, als sie das Tor schließt, die Kette vorlegt und auf die Promenade tritt.