Türkisblau

 

Als sie in den von der Sonne aufgeheizten Wagen steigt, spürt Maja, dass sie angefangen hat zu schwitzen und der Stoff des dünnen Sommerkleids unter ihren Achseln feucht wird. Sie lässt den Wagen an und dreht die Klimaanlage hoch. `Auf der kurzen Strecke wird das Auto kaum abkühlen`, denkt sie. Ihre rechte Hand greift nach der Handtasche, die sie auf den Beifahrersitz geworfen hat und sucht nach dem Deo. Die Finger tasten blind durch den Beutel, gleichzeitig identifiziert ihr Gehirn die Gegenstände. Leder, narbig, Portemonnaie. Hart, rechteckig, schmal, Mobiltelefon. Rund, klein, Lippenstift. Endlich ertastet sie die schmale Röhre und zieht das Deo heraus. In der Zwischenzeit hat ihr linker Arm mit einem anderen Teil des Gehirns weiter das Ziel der Fahrt angesteuert und geht dieser Tätigkeit solange nach, bis er zum Einsprühen der rechten Achselhöhle benötigt wird und die rechte Hand das Lenkrad übernimmt. Diese selbstverständlichen Abläufe beruhigen Maja, sie ist Teil eines in sich abgeschlossenen Kosmos in dem ihr Gehirn mühelos und ohne sie damit zu behelligen, die nötigen Schritte einleitet. Das Deo wird in die Tasche zurückgeworfen und beide Hände halten sich jetzt am Lenkrad fest. Auf ihren Schenkeln strahlt das Blau des dünnen Baumwollkleids, der Stoff ist so leicht, sie spürt kaum, dass sie etwas anhat. Das Blau ist leuchtend, so leuchtend wie die Farbe des Schwimmbeckens im alten Freibad. Türkisblau. Ein blauer Fleck mitten in den Liegewiesen, deren Grün in der Sonne zu fahlem Braun verbrannt war. Schon vor Jahren war das Becken renoviert worden und hatte jetzt eine silbergraue matte Edelstahlhaut. Der Vorsprung am Beckenrand, auf dem sie nach jeder zehnten Runde ihre Füße abstellt und kurz innehält, fühlt sich jetzt glatt an unter ihren Fußsohlen, sauber, deutsch. Das alte Becken war in die Jahre gekommen, es hatte einen maroden Charme gehabt und in der Vorstellung ihres kindlichen Ichs war das Blau des Beckens das Blau des Mittelmeers, das sie noch nie gesehen hatte. Wenn sie als Kind auf ihr Fahrrad stieg und zum Freibad radelte, dann fuhr sie nach Italien, ans Meer. Maja stellt sich vor, wie sie ein weißes Kleid in das Schwimmbecken ihrer Kindheit taucht und türkisblau wieder herauszieht.  Als sie den Parkplatz ansteuert hat die Klimaanlage das Auto endlich auf eine erträgliche Temperatur gekühlt. Sie öffnet die Tür und stellt die Füße auf den Kies. Der heiße Sommertag hat sich über das Land gelegt wie ein Wattebausch, die schwüle Luft stülpt sich über Maja als sie vom Parkplatz zum Haus geht. Die Glastür öffnet sich, als sie näher kommt, wird in der Mitte zerschnitten und schiebt die Hälften mit einem leisen Atemholen nach beiden Seiten auseinander. Die kleine Cafeteria ist leer, Maja stellt das Kuchenpaket, das sie mitgebracht hat, auf der Theke ab. Ihr Blick streift durch den Raum, nach draußen auf die Terrasse, wo unter der Markise zwei weitere Tische mit Korbsesseln stehen. Trotz der Hitze würde sie sich nach draußen setzen, in den Garten schauen, auf die Rosenbeete. Sie geht zurück, durch den Flur, betritt das Treppenhaus,  wo es kühl ist und angenehm. Während sie die Treppe hochgeht spürt sie, wie ihre Seele sich davonschleicht, sich umdreht, die Treppe hinuntergeht, durch die geteilte Glaswand hinaus auf den Weg, zurück zum Parkplatz. Einen Moment hält Maja inne, dann aber geht sie weiter und setzt Fuß um Fuß auf die Stufen. `Es geht auch so`, denkt sie. `Vielleicht sogar besser`. Sie öffnet die Tür im ersten Stock und tritt aus dem Treppenhaus auf den Flur. `Wirsinggrüner Teppichboden, türkisblau wäre schöner gewesen`, denkt sie. `Dann würde man über Wasser gehen`. Wäre ihre Seele jetzt dabei, dann hätte Maja an dieser Stelle gelacht, so aber geht sie weiter. Vorbei an Türen, die sich alle gleichen. Der Versuch, sie mit angeklebten Kinderzeichnungen oder Kränzen aus Kunstblumen zu individuellen Pforten zu machen, unterstreicht auf deprimierende Weise die Eintönigkeit. Maja betritt das Zimmer mit dem Kranz aus künstlichen Kornblumen ohne anzuklopfen. Da steht sie, am geöffneten Schrank, und ist gerade dabei einen grauen Blazer anzuziehen. Mühsam sucht ihr rechter Arm nach dem Ärmel, da fällt ihr Blick auf Maja.

„Das ist aber schön! Bist du schon lange da?“

„Nein Mama, ich bin eben gekommen.“ Maja geht auf ihre Mutter zu und zieht ihr den Blazer aus. „Mama, es hat dreißig Grad, du brauchst keine Jacke!“

Sie sieht, dass ihre Mutter bereits zwei langärmelige Pullover übereinander angezogen hat.

„Du kannst einen Pullover ausziehen, es ist so heiß draußen!“

Maja zieht den oberen Pulli hoch und sieht, dass der untere fest in die Hose gestopft ist. Sie sieht den mageren Körper ihrer Mutter, den Gummizug der Hose, der sich um den flachen Bauch kräuselt, und obwohl Majas Seele nicht da ist sondern im Auto auf sie wartet, ist Maja so berührt, dass sie den Pullover schnell wieder nach unten zieht.

„Also gut, wenn du meinst, dann lass es so.“

Die Mutter sieht Maja an und strahlt.

„Ist das schön, dass du da bist. Und was für ein schönes Kleid du anhast! So eine schöne Farbe! Wann hast du das genäht?“

Maja antwortet nicht, dass sie dieses Kleid seit fünf Jahren besitzt und schon oft anhatte, weil es ihr Lieblingskleid ist.  Sie sagt nicht, dass sie es gekauft hat anlässlich des achtzigsten Geburtstags der Mutter, dass sie seit ihrer Studienzeit keine Kleider mehr näht weil sie keine Zeit mehr hat. Sie schiebt die Mutter zur Tür hinaus, in den Aufzug, hinunter in die Cafeteria, an den Tisch auf der Terrasse zu dem Himbeerkuchen, den sie mitgebracht hat.

Eine Stunde, denkt Maja, eine Stunde. Sie erschlägt einen Teil der Zeit damit, an der Kaffeemaschine Cappuccino für die Mutter zu holen und den Kuchen auf zwei Teller zu verteilen. Die Cafeteria füllt sich mit Besuchern und Maja ist froh, dass sie so früh da war und sie einen Tisch auf der Terrasse bekommen haben.

„Unser Garten wird immer schöner“, sagt ihre Mutter als Maja den Kuchen abstellt.

„Was sind das für fremde Leute hier.“

Wie in Zeitlupe hebt die Mutter die Hand und sticht mit der Kuchengabel in die Himbeeren.

„Alle wollen sie.“

Das Kuchenstück fällt auf die Hose.

„In meinen Garten. Die schönen Rosen.“

Jetzt ist Maja froh, dass ihre Seele nicht dabei ist, sonst hätte sie widersprechen müssen und der Mutter erklären, dass das nicht ihr Garten ist sondern der des Heims, in dem sie lebt. Dass es ein Gärtner ist, der den Garten angelegt hat und pflegt und nicht Majas Vater, der schon seit vielen Jahren nicht mehr lebt.

„Iss deinen Kuchen, Mama, der schmeckt so gut, findest du nicht?“

„Ja“, sagt die Mutter. „So gut.“

Eine Weile essen sie schweigend, Maja gibt der Mutter den Kaffeelöffel in die Hand und legt die Kuchengabel weg, weil immer wieder ein Kuchenstück von der Gabel auf die Hose fällt. Sie rückt den Tisch noch näher an die Mutter heran, die wie eine kraftlose Marionette, deren Fäden niemand mehr bewegt, in ihrem Sessel mehr liegt als sitzt.

„Unser Garten wird immer schöner“, sagt die Mutter.

Maja schiebt ihr die Tasse mit dem Cappuccino hin.

„Trink deinen Kaffee, Mama.“

Die Mutter nimmt die Tasse, trinkt einen Schluck, lächelt.

„Der ist aber gut!“

„Ja Mama, der Kaffee hier ist gut.“

Maja schiebt sich ihr letztes Stück Himbeerkuchen in den Mund. Die Mutter hat noch die Hälfte des Kuchens auf dem Teller.

„Mama, iss deinen Kuchen, du bist so dünn!“

„Du kannst noch etwas haben“ sagt die Mutter und schiebt Maja ihren Teller hin.

„Nein Mama, du sollst den Kuchen essen. Ich habe ihn ja extra für dich mitgebracht.“

Sie schiebt den Teller wieder vor ihre Mutter und schaut zu, wie diese den Kuchen zerteilt und die Stücke aufeinander legt.

„Mama, essen!“

Maja sieht auf ihre Uhr. Noch eine halbe Stunde, höchstens fünfundvierzig Minuten.

Nach einer Stunde auf der Terrasse hat die Mutter den Kuchen aufgegessen. Die Kaffeetasse mit dem Cappuccino ist noch halb voll. Maja schiebt das Geschirr weg und streckt die Beine aus.

„Dein Kleid ist so schön“ sagt die Mutter.

„Die Farbe steht dir gut. Hast du das selbst genäht?“

Majas Gehirn gibt die Anweisungen für die Antwort.

„Nein Mama, ich habe es gekauft. Ich habe das Kleid schon viele Jahre.“

Sie erzählt nichts von dem blauen Becken des Schwimmbads. Von den kleinen Reisen zum Meer, in den Ferien, damals als die Eltern das Haus gebaut hatten und eine Urlaubsreise wegen der vielen Schulden undenkbar gewesen wäre. Damals, als ihr die Mutter die teure Dauerkarte für das Freibad geschenkt hat  und Maja dann mit dem Fahrrad jeden Tag ans Mittelmeer gefahren ist.

`Das habe ich ihr nie erzählt`, denkt Maja jetzt.

Wäre ihre Seele hier würde Maja der Mutter jetzt diese Geschichte erzählen. Sie würde ihr sagen, wie stolz sie war, als sie mit ihrer Saisonkarte an der langen Schlange der Wartenden am Eingang des Freibads vorbeigehen konnte. Vielleicht würde sie ihr sogar sagen, dass die verblichene graue Pappkarte in einem Karton bei ihren alten Tagebüchern liegt und seit Jahrzehnten gehütet wird wie ein Schatz.

So aber ist es egal, was die Mutter weiß und was nicht. Sie sitzt neben dieser alten Frau, sieht die abgeschnittenen Marionettenfäden, die niemand entwirren kann.

„Der Garten ist schön“, sagt die Mutter jetzt. „Die Rosen.“

Maja antwortet nicht.

„Das sind die schönsten, hier vorne“, die Mutter zeigt mit dem Finger auf das Beet neben Maja.

„Da waren noch andere“ fährt sie fort. „Die waren groß und – “ sie hält inne und Maja spürt, dass ihre Mutter nach einem Wort sucht, das verschwunden ist.

„Sie hatten diese Farbe – diese Farbe, so –“

Maja sucht in dem Beet nach den Blumen, die die Mutter meinen könnte.

„Jetzt sind die anderen groß.“

„Ja Mama. Ein schöner Garten“.

Die Mutter schweigt für einen Moment.

„Was macht mein Bub?“ fragt sie. „Geht es ihm gut in der Schule?“

Maja weiß, dass ihr Sohn gemeint ist, der kein Bub mehr ist sondern ein junger Mann, mit Bart und Kopfhörern und Freundin.

„Er studiert, Mama.“ antwortet sie.

„Ach Gott –“ die Mutter schüttelt den Kopf.

Sie sieht wieder auf die Rosen, dann dreht sie sich zu Maja.

„Wie geht es deinen Eltern?“ fragt sie.

Maja sieht die Marionette an.

„Wer bin ich?“ fragt sie.

„Du bist Maja“, antwortet die Marionette.

„Und wie heißt meine Mutter?“

„Ich komme jetzt gerade nicht auf den Namen“, antwortet die Marionette.

Hätte sich ihre Seele nicht vor über einer Stunde davongeschlichen hätte Maja jetzt

vielleicht gesagt: `Ich bin es, Mama. Ich bin dein Kind und du bist meine Mutter`.

So aber sagt sie nichts mehr. Maja bleibt stumm und lauscht den halben Sätzen, die aus dem Mund ihrer Mutter wachsen, über den Tisch und die Terrasse wuchern, hinein in das Rosenbeet und bald ein so dichtes Gewirr aus Wörtern gebildet haben, dass sie es nicht mehr durchdringen kann.

So schwarz

so schwarz
die Nacht der Morgen
fällt in mein kaltes Herz du
bist fortgegangen
du gehst fort
immer wieder kommst
nicht mehr

ich tauche
nach Erinnerungen Bild
um Bild um Bild
gräbt sich
in meinen Kopf du
kommst nicht mehr

die Kälte schmiegt sich
an mich wie ein Kind
ich wärme sie geb ihr
mein kaltes Herz du
kommst nicht mehr

Sonn – Tag

wahrhaftig, ein SONNentag heute. Wir hatten unglaubliche 20 Grad, mehr als ein T-shirt habe ich heute nicht gebraucht. Nur schade, dass wir keine Sommerzeit mehr haben, jetzt wird es bereits wieder dunkel. Statt im Haus saß ich heute mit dem Laptop im Garten, es war wie eine kleine Reminiszenz an mein Sommerbüro. Gute Gelegenheit, zu recherchieren und für den NaNo weiter zu arbeiten. Da mein Roman ja das ganze 20. Jahrhundert umfasst, nutze ich einiges aus den Aufzeichnungen meines Vaters. Je mehr ich mich hineinlese desto mehr habe ich das Gefühl , dass ich den Drang zu erzählen von ihm geerbt habe. Er hat sich in seinen letzten Lebensjahren auf die Spur seiner Eltern gemacht und ich möchte ihn hier mal zu Wort kommen lassen, denn ich glaube, es geht vielen wie mir: was „der kleine Mann“ in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlebt hat, wissen wir nicht, weil nur die große Weltgeschichte festgehalten wird. Aber es gibt so viele Geschichten, die es wert sind, erzählt zu werden. Hier ist eine davon:

„Zu meinen Großeltern in U. sagte ich immer nur „Ähne“ und „Ahna“. Wahrscheinlich hatte mir das meine Mutter so beigebracht. Damit gab es einen wörtlichen Unterschied zu Großmutter und Großvater in B. , den Eltern meiner Mutter. Das Haus von Ähne und Ahna war nicht weit entfernt vom Haus des Urgroßvaters. Vielleicht hat mein Ähne das Grundstück für sein Haus von seinem Vater bekommen, denn früher achtete man sehr darauf, in der Nähe des eigenen Hauses weitere Grundstücke zu besitzen. Das Haus, ein landwirtschaftliches Anwesen, stand auf einem etwa 1 Morgen großen Platz. Morgen ist ein Flächenmaß, das bis in das 20 Jahrhundert hinein die Größe von Äckern und Wiesen angab. Ein Morgen ( die Größe eines Ackers, der an einem Morgen (Vormittag) umgepflügt werden konnte) war in den einzelnen Regionen unterschiedlich. In U. war es die Größe von 33 Ar (1 Ar = 100 qm). Die Wohnräume bei meinen Großeltern lagen im ersten Stock, wie in fast allen Bauernhäusern, direkt über dem Stall. Über die Stalldecke, die in dieser Zeit als Holzbalkendecke ausgeführt war, wurde die Stallwärme auf den Fußboden des Wohnzimmers übertragen. Also eine „Fußbodenheizung“. Direkt angebaut an das Wohnhaus war eine große Scheune, denn neben seiner Anstellung als Meister in der Spinnerei bei Firma O. betrieb mein Ähne mit seiner Familie eine, für damalige Zeiten, mittlere Landwirtschaft. Das war für viele Arbeiter und Angestellte ganz normal. Die Landwirtschaft war kein Hobby sondern ein Zubrot für die Selbstversorgung. Das Getreide für Brot und für die Tiere wurde selbst angebaut, Gras und Ohmd für die Kühe holte man von den eigenen Wiesen.

Mein Vater hatte drei Brüder. Christian, der Älteste, ist als Kind schon verstorben. Somit war mein Vater der Älteste und alle drei mussten schon als Kinder in der Landwirtschaft mithelfen, denn der Vater war ja von Montag bis Samstag in der Fabrik.
Als mein Vater zwölf Jahre alt war fielen am 29. Juni 1914 die Schüsse in Sarajewo. Der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie wurden erschossen. Vorbei war es mit der ruhigen Zeit. Am 2. August 1914 erfolgte die Mobilmachung und bereits einen Tag später die Kriegserklärung an Frankreich. Mit sechzehn Jahren wurden aus jungen Burschen in U. Rekruten und fast einhundert Einberufene aus dem Dorf mussten bereits in den ersten Wochen an die Front. Mein Vater hatte Glück, er wurde nicht mehr eingezogen. Fünf Monate nach seinem sechzehnten Geburtstag, am 11. November 1918, war der erste Weltkrieg zu Ende. Zu dieser Zeit war mein Vater bereits in der Lehre. Mein Ähne sagte immer: „nur wer eine Lehre gemacht hat und einen Beruf erlernt hat, kann in der heutigen Zeit bestehen.“ Alle seine Söhne haben eine Schlosserlehre gemacht, das war in dieser Zeit nicht selbstverständlich.
Morgens um fünf Uhr musste mein Vater Albert aufstehen, um dann nach einer guten halben Stunde Fußmarsch zum Bahnhof von W. zu gelangen, von wo er mit dem Zug weiterfahren konnte zu seiner Lehrfirma. Am Abend war er selten vor 19 Uhr zuhause.
In seinem Lehrbetrieb in der nahen Kreisstadt erfuhr er auch ein wenig mehr über die neue Bewegung im Land. Die Arbeiterparteien hatten sich nach dem Zusammenbruch der Monarchie in der neuen Demokratie durchgesetzt. In seinem Heimatdorf merkte man davon noch gar nichts, im Gegenteil.
Die Sängerabteilung des Turnvereins, wo Albert als „Zögling“ Mitglied war, hatte einen sehr schweren Stand gegen den bürgerlichen Gesangverein, den „Liederkranz“. Ein Riss ging durch die Jugend von U. Die Vereine der Arbeiterschaft wurden alle unterdrückt. Auf dem Rathaus saßen reiche Bauern und die hatten das Sagen. Es war ein „Politikum“, man wollte die Proletarier nicht hochkommen lassen. Immer wieder wurde der Antrag auf einen Raum im Schulhaus, zum Abhalten der Chorproben, abgelehnt. Auch anderen Vereinen, wie dem Arbeiter-Samariterbund und ein paar Jahre später dem Arbeiterradfahrverein „Wanderlust“ erging es nicht anders. Dann stand die Neuwahl des Schultheißen an und Matthäus L., der bisherige Bürgermeister, wollte seinen Posten gerne behalten und war auf die Stimmen der Arbeiter angewiesen. Auch die Frauen durften ja seit 1919 wählen. So kam es, dass Zugeständnisse gemacht wurden und die Sängerabteilung des Turnvereins einen Raum für ihre Chorproben bekam. Der Gemeinderat war zunächst dagegen und gab schließlich seine Zustimmung nur mit der Auflage:
„…dass der Sängerabteilung verboten wird, im evangelischen Schulhaus unpassende Lieder zu singen.“
Es war nämlich bekannt, dass die Singstunde mit der „Internationalen“ abgeschlossen wurde, die mit folgender Passage ebenfalls unter das Verbot fiel:
„Es rettet uns kein höh`res Wesen
kein Kaiser nicht und kein Tribun
Uns aus dem Elend zu erlösen,
können wir nur selber tun!“
Das alles passierte vor etwa 100 Jahren in einem kleinen Dorf, irgendwo auf dem Land zwischen Stuttgart und Ulm. Der Friedhof des Dorfs ist immer noch genau neben der Kirche und wie vermutlich überall, gibt es auch an dieser Kirche Gedenksteine für die Gefallenen des ersten und zweiten Weltkriegs. Bei einem Besuch der Kirche im letzten Sommer habe ich die Namen studiert und das Alter der Gefallenen ausgerechnet. Die meisten waren keine zwanzig Jahre alt.
Wir alle tragen die Geschichten unserer Ahnen in den Adern – manchmal, wenn ich ganz ruhig bin, kann ich sie flüstern hören….

Meinem Vater

Jetzt bin ich

im fünften Jahr

ohne dich

 

Weit weit entfernt davon

Dich

loszulassen zu sagen

wie sehr ich

Dich

vermisse dafür

gibt es keine Sprache

derer ich mächtig bin

 

Gerade jetzt

wenn der Sommer

müde die letzten Sonnentage

über das Land schiebt

und der junge Herbst

sich aufbläht im nebligen

Morgen

Gerade jetzt

ist die Sehnsucht

am größten

 

Jedes Blatt das

zur Erde fällt und sich

in den raschelnden Teppich

der anderen Blätter webt

erzählt von unserem

letzten Sommer als dir

deine Krankheit die Sprache

nahm

 

Stumm hielt ich

deine Hand und

suchte in deinen Augen

nach Worten

die es nicht mehr gab

es gab keinen

Trost die Verzweiflung

kam später

 

Jetzt stehe ich in

klaren Nächten

Im Garten

lege den Kopf in den Nacken und

warte

auf ein Zeichen von dir

 

Rosa (4)

1901

Barbara treibt wie ein stummer Schatten durch das Haus. Wilhelm erscheint sie wie die die junge Königin im Märchen vom Brüderchen und Schwesterchen, die in der Nacht als Geist ihr Kind besucht und spricht „jetzt komm ich noch einmal und dann nimmermehr“. Manchmal, wenn er seine Mutter in ihren schwarzen Kleidern durch das Haus gehen sieht, stumm und mit seltsam leerem Blick, bekommt er Angst, dass auch sie verschwinden könnte. Die Trauer, die Barbara einhüllt, erscheint ihm wie ein dunkles Nichts, in das sie hineinfallen, ein Nebel, in dem Barbara sich für immer verirren könnte.

Als im Frühling die Tage heller werden, atmet das ganze Dorf auf. Die Fenster werden geöffnet und die Häuser holen wieder Luft. Die Schatten, die auf Barbara liegen, scheinen leichter zu werden. Doch der Tod gibt sich nicht geschlagen. Im Sommer, als die Hitze über den Feldern schwirrt, nimmt er den kleinen Eugen mit, nur eine Woche vor dessen siebtem Geburtstag. Wieder ein kleiner Kindersarg, dem Barbara folgen muss. Da fragen sich die Leute schon, was sie denn getan hat, dass Gott der Herr sie so straft. (Nichts ist schlimmer als wenn man seinen Kindern hinterhergehen muss). Es ist nur acht Monate her, da standen sie schon einmal auf diesem Friedhof, die Kinder, die sich an den Händen halten und Barbara, die sich an Albert klammert. Nicht weit von seiner großen Schwester findet Eugen sein Grab.

Barbara hat aus ihrer Trauer einen unsichtbaren Wall gebaut, Stein um Stein schichtet sie diese Mauer auf. Ihre Kraft reicht noch aus um die nötige Arbeit zu tun und ihre Familie zu versorgen. Für das Kind (die kleine Rosa) in der Wiege ist nichts mehr übrig.

Rosa (3)

1981

Je weniger mein Körper sich bewegt umso mehr reisen meine Gedanken, meistens in die Vergangenheit. Ist das eine schlechte Angewohnheit alter Leute, weil einfach mehr Zeit hinter ihnen liegt als sie noch vor sich haben? Mein aktuelles Lebensgefühl blende ich meistens aus, lieber lasse ich mich hemmungslos fallen in die Erinnerung an die Zeit als ich jung war. Ich wende mich nach innen, lausche einem fernen Ton, leise, konzentriert. Ich suche nach diesem einen Ton, der irgendwo in mir, konserviert seit Jahren, jetzt immer leiser klingt. Ich kann dann sogar meinen Blick nach innen richten, solange bis ich diesen Ton gefunden habe, und dann folge ich ununterbrochen seiner Spur in meinem Inneren. Ich liebe diese Reisen durch meine Archive, wie ich das nenne, sitze mit geschlossenen Augen da und lausche in mich hinein. Das klappt überall. In der Kirche ebenso wie beim Altennachmittag oder bei einem langweiligen Familienfest. Meine inneren Reisen haben dazu geführt, dass meine Familie sich mit dem Rest der Welt einig darüber ist, dass mein Geisteszustand nicht mehr der beste sei. Es scheint mir, dass wir alle in derselben Situation sind: wir sitzen die Zeit bis zu meinem Ableben aus und versuchen das Beste daraus zu machen. Für meine Familie bin ich eine alte verbitterte Frau, launisch und kratzbürstig. Ich befürchte, das trifft mein äußeres Bild ziemlich genau. Leider bin ich nicht in der Lage und vielleicht auch nicht willens mein Innerstes nach außen zu kehren.  Ab und zu hole ich das Foto des einzigen Mannes hervor, den ich je geliebt habe und frage mich was aus mir geworden wäre, wenn ich mich nicht dem Willen meiner Eltern, den Konventionen der Zeit, gebeugt hätte. Bald werde ich mich von dieser Welt verabschieden und vielleicht wird irgendein Familienmitglied nach meinem Tod meine Habseligkeiten durchsehen und mein altes Gesangbuch durchblättern. Den Konfirmationsspruch auf der ersten Seite lesen, die abgegriffenen Seiten überfliegen und zwischen all den frommen Liedern das Foto entdecken. Ein junger Mann, dunkle Haare, ebenmäßiges Gesicht, schöne klare Augen – und auf der Rückseite der Fotografie der Stempel eines Fotografen in Southhampton. Er oder sie wird sich fragen wer das wohl war. Diese Vorstellung gefällt mir, ich hinterlasse gerne ein paar Geheimnisse. Ich versuche mich daran zu erinnern ob ich die alten Leute in meiner Jugend auch mit diesen Augen angesehen habe? Als wären sie bereits alt auf die Welt gekommen? Vermutlich, ich erinnere mich nicht mehr daran. Was also nimmt man wahr, wenn man seine Eltern sieht? Nur die Gegenwart. Die Vergangenheit bleibt ein unentdecktes Land, wenn sie dich nicht einladen, sie dahin zu begleiten. Ich jedoch wollte nie etwas von mir preisgeben, das gebe ich zu. Wenn ich heute in den Augen meiner Familie als absonderlich und launisch gelte, dann stört mich das nicht weiter.  Es ist kein Grund, mein Schicksal vor ihnen auszubreiten wie ein unberührtes Laken, auf dem ihre Kommentare schmutzige Spuren hinterlassen. Ich werde nicht der erste Mensch sein, der seine Geheimnisse mit ins Grab nimmt und auch nicht der Letzte. Und dass es damit nicht mehr lang dauert, das spüre ich. Der Krebs, der angeblich ein Magenleiden ist, frisst sich unaufhörlich voran. Ob ich meinen nächsten Geburtstag noch erleben werde? Ich glaube es nicht.

Meine Familie hat gemeinsam mit meinem Arzt entschieden mich in dem Glauben zu lassen, meine Magenbeschwerden seien die Folgen eines harmlosen Magengeschwürs. Wie immer so griff auch hier das Vorurteil, dass mit zunehmendem Alter nicht nur die Haare weniger werden sondern automatisch auch die Gehirnleistung. Auch wenn es auf manche Menschen zutreffen mag, auf mich trifft es ganz gewiss nicht zu. Ich würde sogar behaupten, dass das Alter meinen Scharfsinn noch verstärkt. Ich jedenfalls lasse mich nicht wie ein unmündiges Kind behandeln. Schließlich ist es mein Körper, meine Krankheit und meine Lebenszeit. Ich habe mir daher eine zweite Meinung eingeholt. Bei einem Arzt, der als gnadenlos offen gilt und deshalb bei sensiblen Menschen keinen guten Ruf genießt. Für mich ist er genau der Richtige. Er hat mir schonungslos eröffnet dass ich wohl noch ein Jahr zu leben hätte, im Höchstfall. Da ich nicht an Wunderheilung glaube habe ich ihn um ein Rezept für starke Schmerzmittel gebeten und mich für seine Offenheit bedankt.  Dieser Arzttermin fand drei Tage vor meinem achtzigsten Geburtstag statt. Die Familie hatte sich für meinen Ehrentag mächtig ins Zeug gelegt. Ich wurde zum Essen ausgeführt und man trug launige Gedichte vor. Ich machte gute Miene und sah verstohlen auf die Uhr. Nach dem Dessert stand ein Spaziergang an und aus Rücksicht auf mein fortgeschrittenes Alter fiel dieser recht kurz aus. Danach kam das Beste, der Nachmittagskaffee. Ich liebe Kaffee, also trank ich mehrere Tassen, schloss dann hellwach die Augen und begab mich in mein Archiv. „ Die Oma Rosa schläft wieder,“ hörte ich meine Enkelin flüstern. Wenn die Leute wüssten, wie einfach es ist, seine Ruhe zu haben wenn man sich – gekonnt – schlafen stellt, würde das zur allgemeinen Disziplin werden. Ich saß also mit geschlossenen Augen auf meinem Stuhl und hörte nur noch Gesprächsfetzen und irgendwann gar nichts mehr. Stattdessen fragte ich mich ernsthaft, ob ich nach meiner Rückkehr aus Amerika jemals wieder glücklich gewesen war. Mein Leben war an mir vorbeigezogen wie die Landschaft, die man aus dem Zugfenster betrachtet. Es gibt Berge und Täler, schöne und weniger schöne Abschnitte. Manchmal denkt man, hier ist es schön, hier würde ich gerne länger bleiben, aber der Zug rast weiter. Leute steigen ein und steigen aus, setzen sich neben dich, auch wenn du sie nicht magst. Und andere, die du viel lieber in deinem Abteil hättest, finden dann keinen Platz mehr. Die Fahrkarte durch das Leben ist jedenfalls nur eine einfache, ein Zurück gibt es nicht. Mein Zug hat wohl nicht mehr allzu viele Stationen vor sich, vielleicht gibt es ja tatsächlich diesen einen Tunnel der ins Licht führt.. Obwohl ich in einer sehr pietistischen Familie aufgewachsen bin hielt sich meine Religiosität immer in Grenzen. Diesem zur Schaustellen des eigenen Glaubens, das so gerne von meinen Schwestern praktiziert wurde, konnte ich nie etwas abgewinnen. Ich war mein Lebtag nur bei Beerdigungen, Hochzeiten oder Taufen in der Kirche, das hat mir genügt. Der Herrgott hat sich seinen Spaß mit mir erlaubt, meiner Meinung nach sind wir quitt, ich bin ihm nichts mehr schuldig.

Meine Enkelin hängt der Theorie an, dass alles, was einem im Leben zustößt, Schicksal ist und als Prüfung angesehen werden muss, die es zu bestehen gilt. Wenn dem so wäre, habe ich dann bestanden, weil ich es den anderen recht gemacht habe? Oder hätte ich es doch besser für mich passend gemacht, mein Leben? Jetzt sitze ich hier am Fenster einer altersgerechten Erdgeschoßwohnung und fahre auf meinen Erinnerungen Karussell bis mir schwindlig wird und ich mich an den Armlehnen meines Sessels festhalten muss.

Lügen

sie schlingen

ihre Tentakel um uns

kann nicht mehr

atmen

 

meine Welt

so klein

vor diesen Monstern

sag mir wer

kann mich retten

 

Wände rücken

auf mich zu allein

mit mir bin ich verloren

Bruder

ersticke an

meiner Hilflosigkeit du

siehst mir zu

die Zeit

tropft auf mein

Gesicht und du

du gehst

unbehelligt

durch die

Tür

 

 

Frage

Wäre ich besser

dran ohne

dich

ohne diesen Schmerz

den ich mit mir

wie einen Stein

mit mir trug

wochen

lang Jetzt

ist er ein Sandkorn

nur ein Krümel im Herzen manchmal

spür ich ihn

Fragen türmen sich

auf Fragen ich grabe

in meinem Herzen

die Erinnerungen aus und

wieder ein

Der Schmerz ist

Geschichte

wie du und die

leise Ahnung von

wunderbaren Dingen die

nie geschehen sind

Ich kann mich nicht erinnern

Deutschland ist nicht im Finale, ich boykottiere (vorläufig) italienisches Eis und esse Spätzle statt Spaghetti. In meiner Wortwabe ist es ruhig, ich kann gut nachdenken und rühre fleißig meine Buchstabensuppe…

Ab und zu habe ich das Gefühl, dass es einmal aufregender war als heute aber ich weiß nicht, warum. Im letzten Winkel meiner Erinnerung sehe ich zwei Augen, die mich sehr berührt haben – wer war er? Ich habe wirklich keine Ahnung. Wenn er jedoch so beeindruckend gewesen ist, warum erinnere ich mich an NICHTS?

Eine große schlanke Frau mit roten Haaren taucht plötzlich vor meinem Schreibtisch auf und sagt: „Seien Sie froh dass Sie ihn los sind! “ Dann verschwindet sie kommentarlos wieder. Ich rufe ihr nach: „Hallo , wer sind Sie?“  aber vielleicht war auch sie nur eine Projektion.

Es ist äußerst seltsam, ebenso wie eine Reihe blauer Flecke an meinem rechten Unterarm, die eindeutig so aussehen, als hätte mich jemand gekniffen. Und woher kommt die rote Rose auf meinem Schreibtisch, die seit Tagen hier in der Vase steht und nicht verwelkt?

Wieder einmal frage ich mich, wie wirklich meine Wirklichkeit ist, und ob nicht ich selbst die Figur bin in der Geschichte eines anderen – ich bin nicht sicher.