Die Schlange (8)

Steffen Amberg sah etwas konsterniert auf seinen Bildschirm. Das war ihm selten passiert, dass eine Frau, die so offensichtliches Interesse an ihm gezeigt hatte, ihn im Chat derart abblitzen ließ. Egal, die Leiste seiner „Freunde im Chat“ zeigte ihm, dass er sich auch anderweitig unterhalten konnte. Er überflog die Namen, da hörte er Schritte im Flur. Schnell öffnete er eine Powerpont Präsentation.

„Na du Armer, musst du noch so viel arbeiten?“, seine Frau legte die Arme um ihn.

„Ja Liebes, ich muss doch die Präsentation für das Wochenende in Hamburg fertigstellen,“ Steffen runzelte die Stirn und drückte auf speichern. „Ich geh schlafen, morgen habe ich drei anstrengende Meetings. Ich bin schon gestresst wenn ich nur daran denke.“ Franziska Amberg verdrehte die Augen. Steffen stand auf und nahm seine Frau in die Arme.“Das schaffst du schon, schlaf gut, Liebes. Gute Nacht.“  Er hörte Franziska die Treppe hochgehen. Als er sicher war, dass sie im Bett lag, wechselte er wieder zurück zu facebook.  Er wusste schon wen er jetzt kontaktieren würde.

 

 

Beim Poetry Slam (und was mir danach so durch den Kopf ging)

Gestern war ich beim Poetry Slam in der Rosenau.  Ich finde das großartig, bin aber immer irritiert, dass nur Leute bis maximal 35 auftreten. Wo sind die geburtenstarken Jahrgänge? Hing da irgendwo ein Schild „wir müssen draußen bleiben“, das ich übersehen habe? Ich stelle mir also die Frage, ob ich den Altersdurchschnitt irgendeines Poetry Slams in naher Zukunft dramatisch in die Höhe treiben soll, indem ich auch teilnehme…

Die Idee bereitet mir einiges Kopfzerbrechen– denn die Speicherkapazitäten meines lokalen Speichers sind immer wieder am Anschlag. Es ist also zunächst die Frage zu klären, ob ich in der Lage wäre, mir einen so langen Text merken zu können. Andererseits kommt Ablesen nicht in Frage denn ich sehe bei unzureichender Beleuchtung so schlecht, dass Arial 12 Punkt bei weitem nicht mehr ausreichen würde. Ich müsste also mindestens auf 24 gehen und zudem die Leute in der ersten Reihe bitten, mir die Blätter im richtigen Abstand hinzuhalten. Ich muss mich daher fürs Auswendiglernen entscheiden.  Glücklicherweise verfügt das Gehirn mit zunehmendem Alter über eine automatische Löschfunktion, sodass immer wieder neue Kapazitäten zur Verfügung gestellt werden. Leider bin ich bis heute nicht dahintergekommen, nach welchen Auswahlkriterien mein Gehirn sich seiner Inhalte entledigt und kann daher auch keinen Einfluss darauf nehmen. Das führt dann zu Situationen wie letztens, als ich in den Keller ging um Zwiebeln zu holen und unten angelangt nicht mehr wusste, was ich dort wollte. Immerhin habe ich bei dieser Gelegenheit die Flasche des guten Rotweins wieder gefunden, die ich vor drei Jahren zum Geburtstag geschenkt bekommen habe und von der ich nicht wusste, wo ich sie hingestellt hatte. Das Alter an sich ist kein großes Problem, denn man ist ja nur so alt wie man sich fühlt. Ich persönlich fühle mich etwa wie 28 H, und wer das Alphabeth richtig aufsagen kann weiß jetzt, dass ich mich wie 36 fühle. Mit dem Älterwerden ist es ja so ähnlich wie mit dem Schwangersein. Wenn du schwanger bist siehst du plötzlich nur noch schwangere Frauen. Wenn du älter wirst siehst du plötzlich – nein, nicht nur andere in deinem Alter, du siehst plötzlich nur noch junge Leute.

Du gehst zur Darmspiegelung und fragst dich seit wann Studenten im ersten Semester so eine Untersuchung durchführen dürfen, bis du kapierst, dass der Mann im weißen Kittel der Stationsarzt ist und in etwa 28 H, aber nicht gefühlt sondern echt.

Seit ich kapiert habe, dass ich doppelt so viel Zeit hinter mir wie vor mir habe, bin ich ja auch viel radikaler geworden. Das meiste kenne ich schon, manches interessiert mich nicht und das, was ich ausprobieren will, das mache ich jetzt einfach. Statt nach einer praktischen Kurzhaarfrisur steht mir der Sinn derzeit eher nach einem Nasenpiercing, wie ich es 1981 schon mal hatte. Es ist also auch nichts Neues für mich, aber irgendwie doch.

Seit einigen Monaten bin ich bei Facebook, nachdem ich lange Zeit die 1. Vorsitzende des weltweiten Facebookhasser Clubs war.  Aber wie es halt so geht im Leben, man muss seine Meinung auch mal revidieren. Leider muss ich gestehen heute kann ich ohne Facebook gar nicht mehr existieren. Das ist ja viel besser als Gala und Bunte und außerdem umsonst. Ich mache jede Wette, dass die Jungen, die wie mein Sohn glauben dass sie ein alleiniges Recht auf Facebook haben und Leute wie ich, die noch Smileys mit Nasen machen, auf facebook sowieso nichts zu suchen haben, also die Jungen haben keine Ahnung was dort bei uns Alten abgeht. Die wahre „Generation Daumen“  ist also über vierzig, fernab der werberelevanten Zielgruppe von RTL und Co. Aber das hat bloß noch keiner gemerkt.  Die Üfü`s lernen sich entweder auf dem Jakobsweg oder virtuell kennen. Die echten Schlachten werden in Santiago de Compostela oder im Chatroom ausgetragen. Wir leben genauso in einer eigenen Welt wie die Jungen. Wir sprechen natürlich noch viel zu viel Deutsch, wir hassen noch und „haten“ nicht, wir „dissen“ nach dem Motto „denn sie wissen nicht dass sie dissen“.  Das Verhalten beziehungsgeschädigter Üfü´s hat dennoch gewisse Ähnlichkeiten mit dem von Teenies. Die virtuelle Welt treibt auch bei uns manchmal seltsame Blüten.

Also noch fühle ich mich jung genug für facebook. Sollte sich das mal ändern dann gibt es ja noch Platinnetz.