Maria mag Mehlwürmer

Seit sechs Jahren ist meine Schreibwoche bei Jutta Reichelt ein fester Bestandteil des Sommers für mich. DIe kurze Woche in der Freudenburg in Bassum fühlt sich immer länger an, als sie tatsächlich ist. Trotzdem kann ich es kaum fassen, dass es heute Donnerstag ist und ich morgen schon wieder nach Hause fahren muss.

Gestern erzählte Jutta, dass sie sich manchmal, wenn sie nicht einschlafen kann, Alliterationen ausdenkt. Ich fand das interessant und dachte, das probiere ich mal aus. Offenbar war allerdings mein Wortreservoir nach einem schreibend verbrachten Tag ausgeschöpft und die Ideen, die ich hatte, waren wenig inspirierend. Zumal ich dann auch nicht mehr sicher war, was nun eine Alliteration ganz genau ist. Frau Google hat es mir erklärt. Eine Alliteration ist, wenn zwei oder mehr Worte mit demselben Buchstaben beginnen. Wenn allerdings alle Wörter im Satz mit demselben Buchstaben beginnen, dann ist es ein Tautogramm. Ich erinnerte mich daran, dass ich das irgendwann einmal gelernt und wieder vergessen hatte. Das, was ich mir ausdenken wollte, war also ein Tautogramm. Sinn dieser Übung sollte sein, dass sich daraus Inspirationen für neue Geschichten ergeben. Ich dachte nach und das einzige, was mir einfiel, war: Maria mag Mehlwürmer. Warum mag sie Mehlwürmer? Und wer ist diese Maria überhaupt? Eine Schiffbrüchige, die auf einer Insel landet, auf der es nur Mehlwürmer gibt? Eine Amsel namens Maria, die keine Lust mehr auf Regenwürmer hat? Eine Wissenschaftlerin, die Tierversuche mit Mehlwürmern ablehnt? Alles unbrauchbar. Nächster Versuch. Maria mordet mittelmäßig. Warum eigentlich immer Maria? Aber abgesehen davon, kann ich mit Maria mordet mittelmäßig schon mehr anfangen. Eine Auftragskillerin in der Ausbildung, der man bescheinigt, dass sie nur mittelmäßig mordet und die deshalb keine Aufträge bekommt. Kann man sich als Auftragskiller arbeitslos melden? Was macht sie ohne Aufträge? Eine Weiterbildung? Sommerakademie für Auftragskiller? Okay, ich sehe es ein. Auch keine wirklich zielführende Idee. Neuer Versuch. Andrea arbeitet auswärts. Langweilig. Uwe untersucht Unterhosen. Schon besser, aber da geht sicher noch mehr. Ich gebe nicht auf, irgendwann muss doch der große Wurf dabei sein, die zündende Idee. Irmelin irritiert Ingeborg. Ich stelle mir zwei alte Damen vor, die eine Alters-WG gegründet haben und ihr geregeltes Leben mit Gesundheitsschuhen und Kurzhaarfrisur führen. Eines Tages nimmt Irmelin für den jungen Mann, der mit seiner Freundin in der Mansardenwohnung wohnt, ein Päckchen an. Die Paketboten wissen, dass die beiden Damen immer zuhause sind und klingeln immer erst bei Irmelin und Ingeborg, denn die wohnen im Erdgeschoß und dann muss der Bote nicht auch noch eine Treppe hochgehen. Irmelin hat gar nichts dagegen, denn ihre Neugierde ist zu groß. Sie studiert die Absender und macht eine Strichliste zur Dokumentation, wer wann wie oft Pakete bekommen hat und von wem. Wenn du Spaß daran hast, Irmelin, meinetwegen. Ich persönlich finde das ja etwas übergriffig, um ehrlich zu sein. Ingeborg tut etwas pikiert und zieht eine Braue hoch, aber sie lässt es sich dennoch nicht nehmen, ab und zu einen Blick auf Irmelins Liste zu werfen. Alles geht seinen gewohnten Gang bis zu jenem verhängnisvollen Tag, als der junge Mann aus der Mansardenwohnung ,sein Paket abholt und Irmelin eine Dose mit Keksen schenkt.  Als Dankeschön! Selbstgebacken, ehrlich! Fügt er hinzu. Irmelin probiert einen Keks, fischt ihn mit spitzen Fingern aus der Dose und knabbert ein kleines Stück ab. Der schmeckt ja richtig gut, denkt sie und isst den Keks auf. Sie lässt die Dose in ihrem Zimmer verschwinden, teilen will sie nicht.. Eine halbe Stunde später fängt sie an zu singen. Dann beschließt sie kurzerhand, zum Frisör zu gehen, völlig außer der Reihe und ohne Termin und nicht zu ihrem Stammfrisör. Sie weiß selbst nicht, welcher Teufel sie reitet als sie den chaotischen kleinen Laden in Mitte betritt, aber irgendwie fühlt es sich gut an. Heraus kommt sie mit pink gefärbten Haaren und anrasierten Seiten und hat einen neugründeten Oma Irmelin Fanclub. Hast du die Oma gesehen, die sich bei Atze die Haare färben lassen hat? Echt Krass Alter, voll pink ey. Irmelin fühlt sich großartig, endlich dreht sich mal wieder jemand nach ihr um, das ist schon seit dreißig Jahren nicht mehr passiert. Als sie wieder vor dem Haus steht, in dem sie mit Ingeborg wohnt, stellt sie fest, dass sie keinen Schlüssel dabei hat. Sie klingelt Sturm und Ingeborg schimpft durch die Sprechanlage. Ich bins, Ingelein, ruft Irmelin, lass mich re-ein! Der Türöffner summt und Irmelin geht singend an den Briefkästen vorbei, den Flur entlang zu ihrer Wohnung, wo Ingeborg sie an der Tür erwartet. Als sie Irmelin mit pinken Haaren auftauchen sieht, fällt sie fast in Ohnmacht. Zur selben Zeit ruft in der Mansardenwohnung die Freundin des jungen Mannes, ich nenne ihn mal Finn, und wie nenne ich das Mädchen, Moment, ich habs gleich, Olivia, genau. Also Olivia ruft: Finn, wo ist meine Keksdose?

Finn: Welche Keksdose?

Olivia: die mit den Haschkeksen.

Finn: Oh Shit.

Sortieren, sichten, ablegen

Heute hat es mich mal wieder erwischt – ich habe endlich die unmotoviert und ohne Titel abgelegten Dateien gesichtet. Splitter von Geschichten, Gedanken, Erinnerungen. Irgendwann aufgeschrieben und einfach mal in einem allgemeinen Ordner abgespeichert. Manches Jahre alt und noch nie geöffnet. Bis heute. Es ist spannend, wie sich Dinge anfühlen in der Gefühlswelt meiner aktuellen Wirklichkeit. Wie sehr sie mich einerseits noch berühren, aber andererseits auch nicht, weil die Dinge sich geändert haben. Vielleicht ist das ja auch das Tröstliche am Liegenlassen oder Vergessen der alten Geschichten. Irgendwann kommt eine Zeit, in der der Himmel blau ist, egal wie stürmisch die See war.

19. Dezember 2014

Es gibt globale Katastrophen, an die erinnert sich jeder. Man kann Menschen auf der Straße fragen, wo sie waren, als sie von den Anschlägen auf das World Trade Center gehört haben oder von den Ausmaßen des Tsunami 2004. Mit den privaten Katastrophen verhält es sich ebenso. In meinem Kopf ist das Bild einer Satellitenaufnahme der Erde aus dem Weltraum, ein Zoom, der sich auf einen Punkt richtet, der immer mehr vergrößert wird und ich sehe mich am Ende selbst in meinem eigenen Wohnzimmer sitzen, am Tisch, meinem Mann gegenüber, als er mir verkündet, dass er die Liebe seines Lebens kennengelernt hat. Dieser Tag, der in mein Bewusstsein eine so tiefe Kerbe geschlagen hat, dass ich sicher bin, sie wird sich nie mehr schließen, ist mir so präsent als wäre es gestern gewesen. Es gibt wenige Ereignisse in meinem Leben, die in der Erinnerung einen solchen Schmerz auslösen. Eines davon ist der Tod meines Vaters, ein anderes der Schlaganfall meiner Mutter und dessen Folgen. Ich beobachte diesen Schmerz, registriere seine Auswirkungen mit den Augen eines erstaunten Beobachters. Ich spüre, wie sich eine Klammer um mein Herz legt, so dass es aus Panik wie wild zu schlagen beginnt und ich Atemnot bekomme. Ich höre mein Blut rauschen, wenn ich einschlafen will. Ich taumle durch die Tage und komme nicht zur Ruhe. Der Schmerz hat sich in mir eingenistet und es sich bequem gemacht und er bekommt jedes Mal neue Nahrung, wenn mein Mann kommt, ein paar Tage bleibt, ohne wirklich da zu sein, und dann wieder geht. Meine Freunde verstehen mich nicht.

„Warum schmeißt du ihn nicht raus?“ fragen sie.

„Wo soll er denn hin?“ frage ich zurück.

„Das muss doch jetzt nicht mehr deine Sorge sein,“ antworten sie.

Aber ich habe mich doch siebzehn Jahre um ihn gesorgt, denke ich. Das kann ich doch nicht einfach so abstellen wie ein Radio. Ich kann doch die Gefühle nicht abdrehen, ihn ansehen und plötzlich nichts mehr empfinden. Wie soll ich das anstellen? Wie soll ich verhindern, dass immer wieder Bilder in mir aufsteigen? Von unserer Hochzeit, von der Geburt unseres Sohnes, gemeinsamen Urlauben, gemeinsam durchlebten „guten und schlechten“ Tagen. Also habe ich diese private Katastrophe, den Terroranschlag auf meine Seele, eingeordnet in meiner Biographie. Oktober 2013. Ein Freitag. Es war nicht der dreizehnte, aber es hat sich so angefühlt. Der private Tsunami meines Lebens ist über mich hereingestürzt und seither werde ich immer wieder weggespült, aus der Bahn geworfen. Die Welle kommt und kommt, immer wieder. Kaum habe ich ein bisschen Boden unter den Füßen haut sie mich wieder um. Es ist nicht nur mein Schmerz, den ich fühle, ich fühle auch den Schmerz meines Kindes. Und dessen geballte Wut auf diese neue Situation mit den getrennten Eltern trifft mich mit voller Wucht, jeden Tag. Manche Tage sind stumm, da lauert die Katastrophe nur hinter den Türen, an anderen Tagen da zeigt sie sich, bläst sich auf und zielt mit ihren Waffen auf uns. Die Ohnmacht, die ich spüre, raubt mir manchmal den Atem, ich versuche Luft zu holen, mich zu befreien, aber es gelingt mir nicht. Fünf Tage bis Weihnachten. Die Katastrophe strebt auf einen neuen Höhepunkt zu. Ich spüre, wie sich die Welle aufbaut. Sie wird uns verschlingen.

Bedenke wohl, was du dir wünscht, es könnte dir gewährt werden

Im Januar 2019 schrieb ich eine abc-Etüde, die mir heute immer noch sehr gut gefällt.

https://wortwabe.wordpress.com/2019/01/07/maerchenzeit-zeitmaerchen/

Inspiriert von dieser Geschichte hier mein letzter Eintrag 2020. Ich wünsche Euch allen einen friedlichen Jahresausklang und einen ebenso friedlichen Start ins neue Jahr, das von so vielen mit Hoffnung erwartet wird. Wir lesen uns!

Der letzte Tag dieses komischen Jahres. Das hat es sich sicher auch anders vorgestellt, als es am 01. Januar aus der Zeit gefallen ist. Im Februar war das Jahr in seiner Pubertät und wie es so ist bei Pubertieren, wünschte es sich, berühmt zu werden und in die Geschichte einzugehen. So ein Erdenjahr kann ja an keiner Castingshow teilnehmen, also bleibt nur das Wünschen.                                    

Ich will unvergesslich sein, dachte es. Die Menschen sollen sich immer an mich erinnern!                        

2020 dachte an etwas Großartiges, Unvergessliches, das während seiner Zeitspanne passieren sollte.  Etwas, das auch die Jahre, die nach ihm kommen sollten, wie ein Echo begleiten würde.                      

Bedenke wohl, was du dir wünscht, raunte die Zeit ihm zu, es könnte dir gewährt werden….                   

Und so wurde sein Wunsch erfüllt. 2020 war ein Jahr, das in den Köpfen der Menschen kleben blieb. Sie verfluchten es, und je näher sein Ende kam, desto mehr sehnten sie es herbei.                                        

Das wollte ich nicht, schrie 2020 die Zeit an, als es am 31. Dezember den Kreislauf beendete.                   

Warum hast du das getan?                                                                                                                                      

Ich? Fragte die Zeit. Oh, ich habe nichts getan liebes Kind, sagte die Zeit sanft und schloss 2020 in die Arme. Langsam entzündete sich das Feuer, das das alte Jahr Stunde um Stunde im Rauch aufgehen ließ. 2020 weinte.                                                                                                                                                    Es tut mir leid, schluchzte es, ich weiß nicht warum ich so größenwahnsinnig war als ich jung war.           

Du hast nur an dich gedacht, murmelte die Zeit und blies in das Feuer. Die Flammen loderten auf und hüllten 2020 in rötlichen Schein.                                                                                                                         

Schlaf jetzt, sagte sie, bald ist es vorbei.                                                                                                                   

2020 schloss die Augen und die Zeit schenkte ihm einen Traum.                                                          

Du hast deine Aufgabe erfüllt, flüsterte sie mit sanfter Stimme, und du hast es so gut gemacht wie die, die vor dir da waren. Nicht du bestimmst die Qualität der Zeit, es sind die Herzen der Menschen. Und auch du hast etwas Gutes bewirkt, aber das können sie vielleicht noch nicht sehen. Schlaf jetzt ein, bald ist es soweit.                                                                                                                                                          

Und so schlief 2020 in den Armen der Zeit seinem Ende entgegen.                                                                 

Sie werden dich nicht vergessen, dachte die Zeit. Und sie spürte das Herannahen des nächsten Jahres, das ersehnt und zugleich gefürchtet wurde, denn das Echo von 2020 fiel wie ein Schatten auf seine Geburt. Die Zeit tanzte und die Minuten flogen davon.                                                                          

Es gibt nicht gut noch schlecht, sang sie, denn alles ist eins. Wie oben so unten, wie innen, so außen. Sie drehte sich wieder und wieder. Solange ich tanze, geht es weiter, sang die Zeit, ich tanze im Takt der Herzen, ta-tamm, ta-tamm, ta- tamm……

2004

Jedes Jahr wenn das Nahen der Weihnachtsfeiertage nicht mehr zu übersehen ist, dann kommt die Erinnerung. Es wird besser, Jahr für Jahr, aber es geht nicht weg. Irgendwo in mir ist ein Ort an dem sich der Schmerz und die Verzweiflung eingekapselt haben. Dabei ist es nicht einmal mein eigener Schmerz, ich war ja nur Beobachter und am Rande betroffen. Vielleicht ist es deshalb so hartnäckig, weil mich die Tragödie in so einer entspannten Situation erreicht hat. Man sagt ja, jeder erinnert sich, wo er war, als er von 9/11 gehört hat und was er gemacht hat. Das geht mir auch so, aber es verursacht in mir nicht dieses Entsetzen wie die Nachricht vom 26.12.2004. Es war der Abend des zweiten Weihnachtsfeiertags. Ich war im Wohnzimmer und legte Holz im Kamin nach, als mein Handy klingelte. Es war eine ehemalige Kollegin. Ich war überrascht und freute mich, dass sie anrief. Sie ließ keine Zeit für Floskeln sondern fragte direkt                                                                                                           

Hast du etwas von Sylvie gehört?                                                                                                                                      

Sylvie? Die ist im Urlaub, die Glückliche, antwortete ich.                                                                                                          

Ja, das weiß ich, sagte Ute und klang ungeduldig, aber sie ist doch auf Sri Lanka. Da ist doch das Erdbeben!                                                                                                                                                                                                

Ich erstarrte innerlich. An Weihnachten sehe ich keine Nachrichten oder höre Radio. Trotzdem hatte ich am Rande mitbekommen, dass es wieder irgendein Erdbeben irgendwo gegeben hatte. Das Ausmaß war mir in diesem Moment nicht klar. Sylvie war eine langjährige Freundin, die wie Ute, immer noch in dem Unternehmen arbeitete, das ich vor einem halben Jahr verlassen hatte. Wir hatten vor ihrem Urlaub noch telefoniert, denn sie plante wieder nach Sri Lanka zu fliegen um eine Ayurveda Kur zu machen. Ich hatte ihr vor Jahren begeistert von meinem Aufenthalt auf Sri Lanka erzählt und das war nun schon ihre zweite Reise auf diese wunderschöne Insel.                                                                            

Ich beneide dich, hatte ich gesagt, ich könnte auch eine Ayurveda Kur gebrauchen, genieß es!                        

Sylvie war Single und hatte keine Familie, daher hatte sie ihre Reise über die Weihnachtsfeiertage gebucht. Ich war alarmiert und sagte zu Ute                                                                                                                                

Ich versuche sofort, sie zu erreichen!                                                                                                                                                          

Ich wählte Sylvies Nummer, erfolglos. Dann schaltete ich den Fernseher an und sah zum ersten Mal, was da eigentlich passiert war. Ich schrieb Sylvie eine SMS. Nach Stunden kam endlich eine Antwort. Sie lebte. Ich war erleichtert. Die Kommunikation war schwierig, aber ich wußte jetzt, dass sie während einer Behandlung auf der Massageliege von der ersten Welle überrascht wurde. Ihre Nachrichten waren spärlich und erst später erfuhr ich, was wirklich passiert war. Irgendwie konnte sie hinausschwimmen durch ein kleines Fenster. Im Wasser ist sie auf alles Mögliche, auch Scherben getreten, sodass ihre Fußsohlen völlig zerschnitten waren. Die Überlebenden retteten sich nach der ersten Welle auf Dächer und die Angestellten des Resorts kämpften sich unter Lebensgefahr in die Gästezimmer und retteten, was vom Gepäck übrig war. Ihr Zimmer lag im ersten oder zweiten Stock und fast ihr ganzes Gepäck wurde gerettet. Dann kam die zweite Welle. Sie schlug sich mit einer Gruppe von Gästen und dem Hotelmanager nach Colombo durch, das dauerte wohl 24 Stunden. Dort konnten ihre Wunden aber nicht versorgt werden. Ihr Handyakku war irgendwann leer und wir konnten nicht mehr Kontakt halten. Ich wusste aber, dass sie ihren ursprünglich geplanten Rückflug würde nehmen können und forschte auf der Seite des Frankfurter Flughafens nach Flügen, die an diesem Tag aus Sri Lanka ankommen würden. Ich hatte eine Tasche mit Kleidung dabei, weil ich nicht wusste, ob sie überhaupt etwas zum Anziehen hatte für unsere Wintertemperaturen. Als ich sie endlich aus dem Gepäckbereich kommen sah, fiel mir ein Stein vom Herzen. Es war etwa einundzwanzig Uhr, als wir uns im Auto auf den Weg zu mir machten. Von unterwegs rief ich in unserem Krankenhaus an, schilderte ihren Fall und fragte, ob ich direkt mit ihr vorbeikommen könnte. So fuhren wir zuerst ins Krankenhaus, mittlerweile war es fast Mitternacht. Ihre Wunden wurden versorgt und sie lag dann zwei Wochen bei mir, jeden Tag fuhren wir ins Krankenhaus, damit sie versorgt werden konnte. Sie lebte, das war das Wichtigste. Nach den Feiertagen ging ich wieder arbeiten. Dort erfuhr ich, dass einer unserer Kollegen mit seiner Frau, seiner Schwester und deren Mann vermisst wurde. Sie waren immer über Weihnachten und den Jahreswechsel in Thailand, seit Jahren, immer zu viert. An diesem Tag hatten sie einen Ausflug nach Kao Lak gemacht. Alle vier waren vermisst. Etwa nach einem halben Jahr entschloss sich das Unternehmen, die Stelle, die bisher interimsmäßig besetzt war, neu auszuschreiben. In den Jahren nach dieser Tragödie habe ich diese Gefühle, die das in mir ausgelöst hat, in Geschichten verarbeitet.

https://wortwabe.wordpress.com/2012/11/14/driving-home-for-christmas/

Die Erinnerung an die Ereignisse von Weihnachten 2004 gehört seither zu jedem Weihnachten, vielleicht brauche ich deshalb auch meinen Märchenfilm so sehr, siehe den Post von gestern.

Outing

Wenn man nichts hat, wofür man sich outen kann, dann erfindet man halt was. Ich wurde nicht gemobbt in meiner Kindheit, zumindest erinnere ich mich nicht, und bin zu alt, um in sozialen Medien Anfeindungen ausgesetzt gewesen zu sein. Aber ich bin alt genug, um mehr als mein halbes Leben lang jeden Winter einem Film entgegengeschmachtet zu haben:

„Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“.

Ach, wie wunderbar! Um ehrlich zu sein, ich kenne den Film quasi auswendig und könnte ihn dennoch ohne Probleme in Dauerschleife sehen. So jetzt ist es raus! Ich stehe dazu! Zumal bei mir sofort ein Tsunami an Erinnerungen losgetreten wird, wenn ich nur die Filmmusik höre. Gemütliche Winternachmittage mit meiner Mum, die den Film genauso geliebt hat. Wir saßen dann mit Kaffee und Plätzchen vor dem Fernseher und haben das Kinderprogramm geschaut. Mir fallen automatisch die Weihnachtsfeiern mit der Familie ein, unbeschwerte fröhliche Abende, jahrzehntelang, bis zum Tod meines Vaters. Dann war es vorbei. Wir haben danach immer bei meiner Schwester oder mir gefeiert, um unsere Mutter zu entlasten, aber es war nicht mehr dasselbe. Vermutlich steht also der Märchenfilm für alles, was ich mit einer glücklichen sorglosen Zeit verbinde und ist gleichzeitig eine kurzzeitige Flucht in eine andere Welt.

Manchmal frage ich mich, woher es kommt, dass ich immer häufiger in Erinnerungen schwelge – liegt es daran, dass viel mehr hinter mir liegt als vor mir? Oder daran, dass es immer mehr zu erinnern gibt?!? Vielleicht ist auch die Gegenwart einfach zu anstrengend, kann auch sein. Wie dem auch sei, mit diesem Film kann ich sofort aussteigen und in eine andere Welt abtauchen, und allein dafür liebe ich ihn.

Meine rote Zeit

Das Jahr neigt sich dem Ende zu, noch ein knapper Monat und  2020 ist vorbei. Wie werden wohl de 20er Jahre dieses Jahrhunderts in die Geschichte eingehen? Die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts sind ja hinlänglich bekannt. Die Menschen in  Europa tanzten auf dem Vulkan und bewegten sich Jahr für Jahr mehr auf den Krater zu bis sie dann hineinstürzten. Der Rest ist Geschichte. Ich mochte 2020 von Anfang an, und es kann ja weiß Gott nichts dafür, dass es als Jahr der Pandemie Karriere machen musste. Es kam genauso unschuldig wie jedes andere Jahr am 1. Januar in unsere Zeit, niemand konnte ahnen, was bereits unbemerkt auf uns zurollte.  Der Anfang des Jahres ist in meiner Erinnerung dunkelgrün und wird dann blau, ab März ist das Jahr rot. Ich mag rot nicht und jetzt muss ich schon seit Monaten in roter Zeit leben. Interessanterweise sind die 1930er Jahre für mich auch rot. Warum das so ist, weiß ich nicht. Ich habe eine Raum-Zeit Synästhesie und sehe Zeit räumlich und farbig. Das war schon immer so und erst vor kurzem habe ich erfahren, dass das nicht bei jedem so ist. Ich dachte, alle Menschen sehen die Zeit räumlich und in Farben.  Synästhesie ist keine „Krankheit“, es ist wie eine zusätzliche Verknüpfung von Sinneswahrnehmungen, wie zum Beispiel Musik (Hören) und Farbe (Sehen).  Ich kann sehen, dass das rot sich bis in den Sommer 2021 zieht, dann wird es gelb. Gelb ist okay, ich hoffe mal das Beste, auch wenn mir blau oder grün lieber wäre. Falls  unter euch auch jemand ist, der eine Synästhesie hat, schreibt mit doch in die Kommentare!

26. November 2020

Das Jahr geht zu Ende.Nicht mit großem Getöse, eher sang-und klanglos. (In Anbetracht des fast völlig verstummten Kulturbetriebs ist diese Redenwendung schon fast sarkastisch).

Wie jedes Jahr werden wir am 31. Dezember wieder voller Hoffnung sein, dass es besser wird, als es war.Die Hoffnung ist ein Schatz, der in Zeiten we diesen erst seinen vollen Glanz entfaltet.

Glaube, Liebe, Hoffnung – das Triumvirat, das mir durch die Tage hilft. Die Hoffnung hat an Wertigkeit zugenommen, doch ohne den Glauben, dass das, was wir erhoffen, Wirklichkeit wird, wäre die Hoffnung ohne Sinn.

Und wo bleibt die Liebe?

Wir sollten uns lieben, dafür, dass wir da sind, dass wir sind, wie wir sind. Denn ohne Liebe zu uns selbstt können wir auch keinen anderen lieben und vice versa. Und wie wäre das alles auszuhalten ohne Liebe?

„Wir sind Liebe

du und ich

wir sind ganz Liebe.

Und wenn Gott Liebe ist,

dann sind wir Gott“

aus „Die Zeit der Hexe“, J.L. Herlihy

Schreibübung aus Bassum/ Die Schreibgaleere

Wie versprochen hier mein Ergebnis einer Schreibübung, die uns  Jutta Reichelt in der Schreibwerkstatt im Rahmen der Sommerakademie in Bassum gegeben hat:

Schreibe eine Geschichte, die an einem realen Ort spielt, vorzugsweise hier in Bassum oder sogar in der Freudenburg, und lasse eine unheimliche Atmosphäre entstehen. Vielleicht gibt es etwas Bedrohliches, Unheimliches, Unerwartetes – wie immer galt die Devise „alles ist erlaubt“.

Viel Spaß beim Lesen!

Als ich von der A1 abfuhr und auf die Landstraße einbog, die mich zum Seminarhaus bringen sollte, schien alles noch völlig normal. Vor mir fuhren LKWs, rechts von mir lag der Autohof, dessen Werbung ich schon von der Autobahn aus gesehen hatte. Ich fuhr durch Alleen, entlang an rieseigen Feldern und ab und zu standen neben der Straße Bauernhäuser oder kleine Gruppen flacher Wohnhäuser. Wenn ich heute versuche mich zu erinnern, wann ich den letzten LKW überholt habe, gelingt es mir nicht. Ich verstehe auch nicht, warum mir nichts aufgefallen ist. Ich war einfach froh, endlich aufs Gas drücken zu können, weil ich durch einen Stau auf der A1 zwanzig Minuten verloren hatte. Das Navi zeigte noch fünfzehn Minuten Fahrtzeit an, und ich beschloss, die Zeit zu nutzen und noch einen Anruf zu erledigen. Ich wählte die Nummer drei Mal, aber immer wurde der Anruf beendet, bevor eine Verbindung zustande kam. Was für eine Einöde, dachte ich, die haben nicht einmal Empfang hier. Meine Güte, hier wollte ich nicht tot übern Zaun hängen! Ich fuhr wieder durch kleine Weiler und sah mir im Vorbeifahren die Häuser und Vorgärten an. Irgendwann nahm ich wahr, dass ich noch keine Menschen gesehen hatte. Sind die alle bei der Arbeit? fragte ich mich. Es sind doch Ferien, zumindest Kinder sollten unterwegs sein. Aber ich verwarf den Gedanken und schob die Menschenleere der Eigenart der Nordlichter zu, die sich lieber in ihre Häuser verkriechen als mit anderen zu kommunizieren. Drei leidvolle Jahre in Bielefeld haben mich zu einer sehr subjektiven Sicht auf die Menschen nördlich der Mainlinie geführt. Für einen Süddeutschen fängt der Norden schließlich hinter Frankfurt an, Ich grinste vor mich hin und folgte der Stimme aus dem Navigationsgerät. Nur noch fünf Kilometer, gleich hatte ich es geschafft. Als ich endlich  auf den Parkplatz der Freudenburg einbog, war mein Wagen der Einzige. Ich war irritiert, denn ich war ja spät dran. Trotzdem stieg ich aus, schnappte meine Tasche, den Koffer würde ich später holen, und bog auf den Platz am Vorwerk ein. Auch hier war niemand zu sehen. Auf dem Weg ging ein Mann auf und ab, der einen Helm mit Visier trug und ein stinkendes lautes Gerät, mit dem er offenbar Gras aus den Fugen des gepflasterten Wegs entfernte.  Er sah mich mit ausdruckslosem Gesicht an und reagierte nicht auf meinen Gruß. Also so unverständlich war mein „Guten Morgen“ nicht gewesen, fand ich. Es hatte fast hochdeutsch geklungen! Ich ging zum Eingang und setzte meine Maske auf. Als ich das Haus betrat begegnete mir eine Frau mit demselben Helm inklusive Visier und dem gleichen ausdruckslosen Gesicht. Ich spürte, dass hier etwas nicht stimmte, aber bis dieses Gefühl in meinem Bewusstsein angekommen war, stand ich schon vor dem Tresen der Rezeption. Ich hörte noch wie jemand sagte, „willkommen in der Freudenburg!“ dann wurde mir schwarz vor Augen.

Irgendwann kam ich zu mir und fand mich wieder in einem kleinen Raum, der mit Stapeln von Papier aufgefüllt war. Auf einem Tisch standen mehrere Kartons mit Bleistiften, Radierern und Anspitzern. Daneben lag ein Blatt Papier, auf dem nur ein Wort stand:  „SCHREIB!“

Jeden Tag werden das Essen und die Tagesaufgabe durch die Klappe in der Tür geschoben. Abends werden die vollgeschriebenen Seiten abgeholt und kommen am nächsten Morgen mit dem Frühstück und der neuen Tagesaufgabe weder zurück.

Ich gebe zu, noch nie war ich so produktiv wie hier – aber eine Schreibwerkstatt hatte ich mir doch irgendwie anders vorgestellt.

 

Klappe/Bassum die Fünfte

Meine Bassumwoche in der Schreibwerkstatt bei Jutta Reichelt , in der Sommerakademie der VHS Diepholz, ist schon wieder vorbei. Wie immer ist die Zeit, die mir so lang erscheint, wenn ich mich auf den Weg in den Norden mache, verflogen. Coronabedingt war der Aufenthalt in den Gebäuden der Freudenburg nur mit Maske erlaubt, die Essenszeiten waren für die einzelnen Gruppen festgelegt und limitiert. Das Wetter war aber so großartig, dass wir uns nur im Freien aufgehalten haben. Stühle und Tische wurden von der kleinen Terrasse in den Park getragen und dort verteilten wir uns unter den riesigen alten Bäumen im Schatten

Morgens um halb zehn trafen wir uns nach dem Frühstück mit Jutta, die jeden Tag einen kleinen Schreibimpuls für uns vorbereitet hatte, quasi als Aufwärmübung für den Start in den Tag. Einer dieser Schreibimpulse war:

Schreibe eine Geschichte, die an einem realen Ort spielt, vorzugsweise hier in Bassum oder sogar in der Freudenburg, und lasse eine unheimliche Atmosphäre entstehen. Vielleicht gibt es etwas Bedrohliches, Unheimliches, Unerwartetes – wie immer galt die Devise „alles ist erlaubt“.

Diese Geschichte folgt dann noch hier auf dem Blog.

Die Arbeit an meinem Romanprojekt war dieses Mal produktiv wie nie, das war zum Einen dem einzigartigen Kosmos der Freudenburg geschuldet, zum anderen dem Umstand, dass mit klar war, ich muss die ganzen Fragmente, die teilweise schon zusammenhängend waren, teilweise auch nicht, endlich strukturieren. Zu diesem Zweck hatte ich eine Rolle Packpapier eingepackt, viele Meter lang und fünfzig Zentimeter breit. Die perfekte Breite um auf einem Tisch ausgerollt zu werden.

Mehrere Tage habe ich mich in einem der Räume, die wir ohnehin wegen des schönen Wetters nicht genutzt haben, ausgebreitet und an meiner Timeline gearbeitet. 

Die einzelnen Szenen hatte ich zuvor auf  Karteikarten geschrieben und dann auf das Papier übertragen, welche Personen in der Szene auftauchen, wo die Szene stattfindet und kurze Stichworte dazu, was passiert. Die Figur(en), die zum ersten Mal auftauchen, eingeführt werden oder erwähnt werden habe ich mit Farbe hervorgehoben. So hatte ich einen guten Überlick über den Verlauf. Der Erfolg war durchschlagend. Plötzlich waren alle Schleusen offen. Immer wenn ich an einen Punkt kam, wo der  Geschichte der Zusammenhang zwischen zwei Szenen fehlte, habe ich parallel geschrieben und die Szenen so zusammengefügt. Wie ein Puzzle, das am Anfang unüberschaubar aussieht und plötzlich fügt sich eines zum anderen, wenn man die Ecken und Seiten des Puzzles zusammengesetzt hat und Ausschnitte des Ganzen schon erkennen kann. Alles in allem sind es sicher über dreißig Seiten, die jetzt überarbeitet werden können und die Geschichte vorantreiben. Kapitel 1 und 2 sind jedenfalls – endlich – abgeschlossen und mit dem dritten Kapitel habe ich bereits begonnen. Jetzt steht das Aufarbeiten der Teile an, die es aus Kapitel 3 und 4 bereits gibt. Der Schluss des Romans ist ebenfalls schon geschrieben und auch dieser Teil muss noch auf die große Rolle. Es ist Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Dank Jutta Reichelts Gabe, mich jedes Jahr in Bassum mit subtilem Druck in die richtige Richtung zu schieben, bin ich auch dieses Jahr bei der Schreibwerkstatt in Bassum ein großes Stück vorangekommen. Dieses Jahr war ich zum fünften Mal bei Jutta Reichelts Schreibwerkstatt in der Freudenburg und wie immer bin ich völlig glücklich zurück gefahren. Liebe Jutta, vielen Dank!

Wir könnten das Pferd mit Stroh abreiben. Aber wir haben kein Stroh.

Meine Wortwabe ist grade 8 Jahre alt geworden, am 04. Juni 2012 hat sie das Licht der virtuellen Welt erblickt. ich lasse die Korken knallen, inden ich nach Wochen mit wenig Muse eine kleine „Geschichte aus der wortwabe“ einstelle. Eine sehr persönliche Geschichte, die mit der Überschirft zu tun hat.

Wir könnten das Pferd mit Stroh abreiben. Aber wir haben kein Stroh.

Was für ein kryptischer Satz – völlig ohne Sinn und Verstand.

Für mich öffnet dieser Satz ein ganzes Universum. Eine Tür in meine Kindheit, meine Jugendzeit. Ein Vorhang hebt sich – wie damals bei der Augsburger Puppenkiste – und der Film beginnt.

„Wir könnten das Pferd mit Stroh abreiben. Aber wir haben kein Stroh.“

Ein geflügeltes Wort, eine Art Geheimcode zwischen meiner Mutter und mir, der immer dann angebracht war, wenn etwas fehlte. Über Pfingsten hatte ich eine meiner liebsten Freundinnen zu Besuch. Gaby ist eine Reisetante, aber in Zeiten von Corona war das Reisen gestrichen. Ich sagte, dann komm doch ein paar Tage zu mir, jetzt kann man ja wieder Zug fahren. Das Wetter wird super und in meinem Garten ist es auch wie im Urlaub!

Ich hatte Lillet besorgt, das hatte ich schon einmal getrunken und fand, es schmeckt lecker. Ich wusste, dass man es mit Weißwein mischt, mehr aber auch nicht. Also besorgte ich auch eine Flasche Weißwein. Frau Google erklärte uns dann, dass man auch noch Tonicwater dazu geben muss. Das gab es zwar nicht in meinem Vorrat, aber Sprudelwasser und ein Spritzer Zitronensaft waren der Ersatz dafür. Die Mischung schmeckte uns und nach dem zweiten Schluck meinte meine Freundin:

„Eiswürfel wären noch gut“

Spontan und ohne Nachzudenken antwortete ich ihr:

„Wir könnten  das Pferd mit Stroh abreiben, aber wir haben kein Stroh.“

Sie sah mich fragend an und ich merkte, wie ich plötzlich Jahrzehnte zurückgeworfen wurde und sah mich neben meiner Mum, lachend in der Küche unseres alten Hauses.

„Was hast du gesagt?“  fragte Gaby.

„Wir könnten das Pferd mit Stroh abreiben, aber wir haben kein Stroh“,  wiederholte ich.

Und ich erzählte ihr den Hintergrund.

Von all den Dingen, die meine Mutter mir für mein Leben mitgegeben hat, ist die Liebe zu Büchern, zum Lesen, zur  Sprache, sicher das, was mich am meisten geprägt hat. Lesen war etwas Alltägliches, nichts Besonderes. Ich las viel, bekam Bücher geschenkt oder lieh mir welche in der Bücherei, aber immer wieder griff ich auch in das Regal meiner Mutter. Sie hatte ein Lieblingsbuch, das sie selbst immer wieder las und ich habe es auch sicher über zehnmal gelesen und kenne heute noch Passagen auswendig. Es ist nichts Spektakuläres, eine kleine romantische Geschichte, aus dem Englischen übersetzt, aus den frühen fünfziger Jahren. Ein Buch, das man im Sommer in die Hängematte mitnehmen und in einem Rutsch durchlesen kann. Ich liebe dieses Buch, weil ich, wenn ich die erste Seite aufschlage, sofort hineinfalle und bis zur letzten Seite nicht mehr auftauche. Doch was hat es mit diesem Satz auf sich? Die Protagonistin Gabriele, eine junge Engländerin, verschlägt es nach Sorrent. Dort fährt sie einmal mit einem Pferdekutscher nach Hause, Das Gefährt wird von einem dürren Gaul gezogen, der mit dem steilen Anstieg große Mühe hat. Der Kutscher schlägt mit der Peitsche erbarmungslos auf das Tier ein, um es anzutreiben, was die Protagonistin dazu bringt, abzuspringen und auf den Grobian einzudreschen. Am Ende kauft sie ihm das arme Tier ab und zieht es hinter sich her zu ihrem Haus. Der alte Gärtner schüttelt nur mit dem Kopf und brummt etwas von „piena di pidocchi“, Läuse. Daraufhin beschließt Gabriele den Gaul mit Seifenflocken und Wasser abzuwaschen.  Als das Pferd klatschnass im Garten steht kommt die alte Haushälterin dazu und schlägt bei dem Anblick die Hände über dem Kopf zusammen.

„Ma! Cara mia! Das arme Tier! Es ist bereits ganz nass. Wie wollen Sie es denn wieder trocken kriegen?“

Gabriele hatte keine Ahnung. „An der Sonne vielleicht?“ schlug sie vor. Aber Angelina schüttelte den Kopf.

„Wir könnten es mit Stroh abreiben“, sagte sie, „aber wir haben kein Stroh.“

Meine Mutter und ich liebten diese Szene und der Satz wurde zu einem geflügelten Wort, aber nur für uns.  Wir sahen uns dann an, grinsten und wussten Bescheid.

Ich hatte das Buch und den Satz völlig vergessen, denn seit meine Mutter krank und im Heim ist, gibt es niemanden mehr, mit dem ich das teilen könnte. Und doch ist der Satz und die Geschichte dazu noch immer so in mir verankert, dass ich ihn spontan und ohne Nachzudenken gesagt habe.

Der Satz mag seltsam erscheinen, für mich ist er einer der Trigger, die mich sofort mit meiner Mum verbinden. Das war mir bis zu diesem Moment gar nicht klar. Jetzt habe ich das Buch wieder hervorgeholt und werde es mal ins Heim mitnehmen und meiner Mutter daraus vorlesen. Vielleicht erkennt sie die Worte? Nachdem wir sie mehr als zwei Monate wegen Corona gar nicht sehen durften und jetzt immer noch nicht spontan ins Heim dürfen, sondern nur auf Anmeldung, sie nicht berühren, in den Arm nehmen dürfen, ist es vielleicht ein Weg, zu ihr durchzudringen.

Nicht ohne mein Zitroneneishörnchen

Ich komme nach einem harten Arbeitstag nach Hause und das Erste, was ich sehe, ist das Erbrochene meines Katers. Stiefel findet irgendetwas zum Kotzen, ich auch, jede Menge. Stiefel, wir sind Schwestern im Geiste. Immerhin hatte er Anstand genug sich auf den Fliesen im Keller zu übergeben und nicht auf den teuren Eichendielen. Ich gehe nach oben, ziehe zwei pinke Gummihandschuhe aus der Hunderterpackung und putze das Zeug weg. Anschließend kippe ich vorsichtshalber noch Domestos drüber, hier riecht es wie im Hallenbad. Ich erkläre Stiefel, dass er sich den Magen verdorben hat und deshalb fasten muss. Er sieht mich fragend an und ich entscheide. Ober sticht Unter, so ist das nun einmal im Leben, Ich entsorge das Erbrochene samt Plastikhandschuhen im Müll und wasche mir die Hände. Dann prüfe ich die Eierbestände und meine Ahnung bewahrheitet sich, das reicht nicht für den Geburtstagskuchen, den ich für meinen Sohn backen will. Also wieder rein in die Jacke, raus in den Dauerregen und zum Supermarkt. Das zweite Paar Handschuhe kommt zum Einsatz. Ich bin schon dabei, den obligatorischen Einkaufswagen rauszuziehen, da fällt mir auf, dass ich die Maske im Auto vergessen habe. Also wieder zurück, Maske auf und nochmal von vorne. Ich entwickle eine neue Verschwörungstheorie: die Atemschutzmasken sind mit einem Stoff getränkt. der aggressiv macht.  Je länger ich das Ding aufhabe, desto schlimmer wird es. Als ich endlich mein Auto erreicht habe, reiße ich mir die Maske vom Gesicht und schmeiße sie zu den anderen auf den Beifahrersitz  Mein Auto ist die kleinste fahrbare Müllhalde der Welt, ich stelle mir vor, wie ich in ein paar Wochen zwischen Bergen von Masken und gebrauchten Handschuhen sitze, ein Mosaik aus pink und weiß und türkis. Zuhause angekommen empfängt mich ein Kater, der mit den von mir verordneten medizinischen Maßnahmen in keinster Weise einverstanden ist. Ich lade den Einkauf ab und wasche mir das gefühlt hundertste Mal heute die Hände. Jetzt hilft nur noch süß und weich. Völlig erschöpft sacke ich auf der Couch zusammen und beiße in mein Zitroneneishörnchen.

Aus-Zeit

Ich hatte erwartet, dass ich während der Corona-Auszeit mehr Zeit zum Schreiben haben würde. Wie sich nach mittlerweile sieben Wochen Einschränkungen herausgestellt hat, trifft das nicht zu. Im Gegenteil. Ich arbeite mehr als vor Corona, nur ohne irgendwelche  Ergebnisse. Der existenzielle Druck für mich als Selbständige hat dazu geführt, dass ich wie getrieben gefühlt 24/7 am Arbeiten bin. Jetzt mache ich Videokonferenzen, anfangs war es seltsam, mittlerweile habe ich mich auch daran gewöhnt. Ich fühle mich wie in einer Blase, das Haus zu verlassen erweckt in mir schon Widerstände. Ich schwanke zwischen Resignation und Wut, wobei sich die Wut mal hierhin mal dorthin richtet, einen konkreten Adressaten gibt es ja nicht, das Virus hat nunmal keine Adresse. Manche meiner Freunde hängen Verschwörungstheorien an und schütten mich mit irgendwelchen Youtube-Vidos zu, die ich ungesehen lösche. Ich entziehe mich weitestgehend den Mitteilungen der Presse und weiß nicht mehr, wem ich glauben soll. Wenn ich einkaufen gehen muss, habe ich das Gefühl, ich ersticke unter der Maske. Ich weiche genervt alle paar Meter irgendjemandem aus, fahre mit meinem Einkaufswagen zick-zack durch die Gänge des Supermarkts und kaufe viel zu viel, nur um zu verhindern, dass ich demnächst wieder einkaufen gehen muss. Eine meiner jungen Bekannten geht jetzt immer demonstrieren, jeden Mittwochnachmittag, vielleicht hilft das ja gegen die Wut, aber dazu müsste ich das Haus verlassen und das will ich nicht. Meine Mutter habe ich gestern nach neun Wochen wieder gesehen, zwischen uns einen Tisch, die Maske auf der Nase und das, was so nötig gewesen wäre, eine Umarmung, war nicht erlaubt. Es ist so lächerlich, denn die ganzen Pflegekräfte gehen ja auch jeden Tag wieder raus aus dem Heim, gehen einkaufen, zu ihren Familien nach Hause und dürfen meiner Mum näher kommen als ich. Aber ich nehme auch das hin, bin wieder so unsagbar wütend und streite mich mit meiner Schwester weil ich alles so sinnlos finde. Ich überlege, mich von meiner Familie loszusagen und völlig in die innere und äußere Isolation zu gehen. Der Unterschied wäre vermutlich marginal.Wenn ich es nicht mehr aushalte, so wie gestern nach dem Besuch im Pflegeheim, gehe ich laufen. Wenn mir jemand begegnet, wechsle ich die Straßenseite und grüße demonstrativ nicht. Ich bin dabei, mich zu einem echten Kotzbrocken zu entwickeln, es gibt nicht mehr viele Menschen, deren Gegenwart mich nicht anstrengt oder nervt. Ist das das Ergebnis der Entwöhnung von sozialen Kontakten? Sowas wie Entzugserscheinungen? Das ist die einzige Erklärung, die ich für meinen Zustand habe. Es ist sehr anstrengend, die Leichtigkeit meines früheren Seins jeden Tag wiederherzustellen, immer wieder gelingt es mir einfach nicht. Gestern war ein Freundin bei mir, die ich kenne seit der fünften Klasse. Wir sind uns so nahe, mit ihr ist alles einfach und diese paar Stunden waren wunderbar. Es war eine Art von Normalität, die hier bei mir zuhause möglich ist, aber nicht mehr sobald ich das Haus verlasse . Ich halte mich an alle Regeln, ich bin ja generell linientreuer als ein Volkspolizist, ich parke nicht einmal falsch. Aber es wird von Woche zu Woche anstrengender und manchmal erkenne ich mich selbst nicht wieder. Im Kopf schreibe ich meine Texte, die es dann aber nie auf das Papier schaffen, oder ich spreche mir selbst Nachrichten auf das Diktiergerät im Handy. Das hier ist der erste Post seit Wochen, weil es heute so schlimm ist, dass ich mir diese Auszeit gönnen musste.

Ich weiß ja nicht, wie es Euch da draußen so geht, ob ich die Einzige bin, die so eine Erfahrung mit sich selber macht. Dieser kleine Post hat mir jedenfalls gut getan, ich habe kapiert, dass ich was ändern muss, Existenzangst hin oder her. Wenn ich so weitermache, hilft das niemandem . Es ist völlig klar, ich muss mir wieder meine Auszeiten nehmen. Mal sehen, wie ich diesen Vorsatz umsetze.

Skiurlaub

Inspiriert von Andrea  von hummelweb und ihrer abc-Etüde habe ich mal in meinen Erinnerungen gefischt und den Winter herausgezogen, als ich Skifahren gelernt habe. Unvergesslich und so präsent, immer noch. Es ist schon was dran, man sollte die Erinnerungen zu Papier bringen, solange sie noch da sind. Hier meine Geschichte.

Den ersten Skiurlaub meines Lebens verdanke ich meiner schlechten Konstitution als kleines Kind. Ich erinnere mich gut an diese Tage im Bett in meinem Kinderzimmer. In meiner Erinnerung bin ich wochenlang im Bett gelegen .Nach Röteln kam der Keuchhusten – mein Bett wurde an die Balkontür geschoben, sodass ich das Vogelhaus auf dem Balkon sehen konnte. Nachts konnte ich nicht schlafen und hörte im Küchenradio meiner Mutter, das man mir neben das Bett gestellt hatte, im Südfunk die Sendung „Musik bis zum frühen Morgen“, die ging bis fünf Uhr. Danach schlief ich meistens ein.  Meine Großeltern hatten ein Gasthaus, ein richtiger Familienbetrieb, im selben Ort. Meine Mutter und meine Tante arbeiteten dort mit. So kam es, dass ich immer wieder alleine war tagsüber. Ich fand das gar nicht so schlimm, ich konnte mich gut beschäftigen. Auch heute noch bin ich gerne alleine für mich und ich brauche das auch. So gern ich in Gesellschaft bin, so sehr brauche ich dann den Rückzug. Die Hightlights dieser Wochen im Krankenstand waren die Besuche meiner Oma Rosa, die mit dem Bus angefahren kam, sich neben mein Bett setzte und mit mir Halma spielte. Ich weiß nicht, ob ich ihr das jemals gesagt habe, WIE besonders diese Nachmittage waren, was für eine Freude sie mir damit gemacht hat. Der Husten war mörderisch, ich erinnere mich, dass ich einmal in der Küche den eben getrunkenen Tee in großen Fontänen auf den Boden gehustet habe. Ich behielt nichts bei mir und unser alter Hausarzt sagte zu  meiner Mutter „Das Kind braucht Luftveränderung“. So kam es, dass mein Vater uns ins Montafon fuhr, nach Schruns. Dort hatten meine Großeltern Freunde, Luzie und Gustl. Diese Freundschaft geht zurück auf meinen Urgroßvater, der mit einem Freund immer ins Montafon fuhr. Deshalb war es bei Tante Luzi und Onkel Gustl auch wie daheim. Tante Luzie war ein Engel, ein Mensch, der so viel Liebe und Güte ausstrahlte, dass man es körperlich spüren konnte. Ich habe sie angebetet. Die Erinnerung an diese Tage in Schruns ist wie eine Wüste mit Oasen, zwischen denen es keine Verbindung gibt. Puzzlestücke, einzelne Szenen, die jedoch ganz klar vor meinen Augen sind. Ich sehe Luzie, die immer eine weiße Schürze trug.. Das Esszimmer bei Luzie mit dem großen Kachelofen. Die Außerlitzstraße, die rote Gondelbahn, die Skihütten. Mein Vater war ein begeisterter Skifahrer, also lag es nahe, dass ich in Schruns einen Skikurs machte. Der Skilehrer hieß Willy. Er war mittelgroß und sehr schlank und hatte rotblonde Haare. Sein Rucksack faszinierte mich über alle Maßen, er war aus braunem Stoff mit Ledergurten und wenn wir eine Abfahrt gemeistert hatten, fischte er kleine Schokoladetäfelchen aus dem Rucksack. Das hört sich heute unspektakulär an, aber in den sechziger Jahren war Schokolade etwas Besonderes, das es nicht jeden Tag gab. Damals gab es auf dem Hochjoch noch zwei urige kleine Skihütten, ganz aus Holz, eingerichtet mit Bänken und Tischen aus Holz und immer zum Brechen voll. Mein liebstes Getränk war heißes „Skiwasser“, klebrig und rot und süß. Wenn wir aus der Hütte wieder nach draußen gingen und der erste Hustenanfall kam, spuckte ich das Skiwasser wie eine blutige rote Spur in den Schnee…Ich hatte mich schon so an das Husten gewöhnt, dass es mir gar nichts mehr ausmachte. Aber nach einer Woche war es besser und als der Urlaub nach zwei Wochen vorbei war, war ich gesund. Und konnte im Pflugbogen zur Mittelstation abfahren.

Die Fotos sind später entstanden, es könnte 1970 oder 1971 sein.

An der Wand einer der beiden Skihütten, vorne links sitze ich, dahinter meine Schwester, meine Cousine, ein hartnäckiger Verehrer meiner Schwester und meine Patentante.

Auf der Mittelstation mit meiner Mama.

In diesem Winter bekam ich ,meine ersten Skistiefel mit Schnallen und war stolz wie Oskar!

Bestanden

Ich habe bestanden.

(Wer wissen will, worum es geht, schaut  hier)

Hinter mir liegen die wohl härtesten sechs Monate meines Lebens. Eine derart anspruchsvolle Ausbildung neben Vollzeitjob  und Familie zu schultern, sich drei Wochen vor der Prüfung beide Arme zu brechen und dennoch in der Prüfungswoche am Start zu sein, war echt kein Zuckerschlecken. Ich habe unfassbar  viel gelernt, über meine Stimme, das Atmen, wie kernige Töne produziert werden, was Ökonomie beim Singen bedeutet und so vieles mehr.  Ich habe geheult. Ich habe geflucht,  über mein Hirn, das manchmal nichts kapiert hat, meine Stimme, die in meinen Ohren so geklungen hat,  dass ich mich gerne verkrochen hätte, über meinen inneren Kritiker, der keinen Erfolg gelten ließ, über meinen Dialekt, der mir das Leben im hohen Norden nicht einfacher gemacht hat (ich spreche zu langsam, ich spreche zu viel und gehe damit allen auf die Nerven). Ich habe gelernt, dass ich nicht everybodys darling sein kann und das Leben trotzdem weitergeht.

Würde ich es wieder machen? Ja, auf jeden Fall! Aber ich würde mich nicht mehr meinen Selbstzweifeln ergeben sondern an mich glauben.

Ich danke allen, die mich in dieser Zeit in ihr Herz geschlossen haben . Ich danke allen für jede konstruktive Kritik, denn sie haben mir dadurch die Möglichkeit gegeben, zu wachsen und mich zu entwickeln.  Ich habe mir auch das, was wehgetan hat und nicht meiner Wahrheit entspricht, zu Herzen genommen und werde daran arbeiten.

Diese Zeit war eine der härtesten meines Lebens, aber auch eine der produktivsten. Ich möchte sie nicht missen und bin dankbar, dass ich die Möglichkeit hatte, das alles zu erleben.

Jetzt werde ich allerdings dem Schreiben endlich wieder mehr Raum geben können und mein nächstes Ziel verfolgen: die Geschchte von Rosa endlich abzuschließen. Gonna rock that!

Sieben Jahre und keine Party!

long time no see….ich bin gerade in einem anderen Kosmos unterwegs und der blog ist völlig verwaist! Dabei – hurray – hatte meine schnucklige wortwabe GEBURTSTAG!!! Sie ist am 4. Juni sieben Jahre alt geworden! Schulkind sozusagen! Sie weiß aber, dass ich sie liebhabe, auch wenn ich grade nicht so oft hier bin. Wo bin ich denn nun? Ich gehe meiner anderen Liebe nach, die ich neben dem Schreiben habe. Seit Mai mache ich eine Ausbildung zum Vocalcoach für Rock/Pop-Gesang. Das ist ziemlich anspruchsvoll, denn es läuft ja neben meinem Hauptjob und ich werde bis Oktober damit beschäftigt sein. Eigentlich war geplant, dass ich im November beginne, aber dann ging es plötzlich alles ganz schnell. Ich habe noch einen Platz in der Gruppe bekommen, die im Mai gestartet ist und bin jetzt schon mittendrin! Immer noch bin ich dabei, mich zu sortieren, vor allem mit meinem Zeitmanagement. Scheint aber besser zu werden, denn ich konnte heute mal wieder eine Etüde schreiben! Die kommt dann gleich auch noch.

Derzeit also frei nach dem Motto: Ich singe also bin ich!