abc Etüden / noch eine Geschichte….

Fliederfarben / Bruchstücke / sternenwandern

3 Worte, 10 Sätze, eine Geschchte

sehr inspirierend, daher noch eine Geschichte aus meiner Buchstabensuppe frisch aufgetischt:

 

Das Blut aus der Einschusswunde malte ein bizarres Muster auf ihr fliederfarbenes Seidenkleid.

Yvonne, oder Elisabeth, wie sie sich derzeit nannte, war auf eine beinahe schlichte, fast schon undramatische Art, die so gar nicht zu ihr passte, umgefallen und rührte sich nicht mehr.

Leo betrachtete sie schweigend, die Pistole noch immer in der Hand, und genoss die Ruhe, die ihn vor ihrem dauernden Genörgel, ihrer affektierten Art und ihrer Geltungssucht bewahrte.

Er wusste nicht warum ihm ausgerechnet jetzt Bruchstücke aus ihrem letzten gemeinsamen Urlaub in den Sinn kamen.

Positano, es musste unbedingt Positano sein, nur weil Madame diesen Namen so romantisch fand.

Dennoch spielte er ihr Spiel mit und mimte den verliebten Ehemann, küsste ihr galant die Hand und lag nachts mit ihr am Pool um in den Sternenhimmel zu schauen.

„Sternenwandern“, nannte sie das, auch wieder so ein sentimentaler Quatsch.

War da nicht eben ein Zucken über ihr Gesicht gehuscht?

„Cut!“ die Stimme des Regisseurs schnitt in Leos Gedanken, „meine Güte Yvonne, kannst du nicht mal anständig sterben?“

 

Meine Reise

Du bist mein
unbekanntes Land das ich
lange nicht bereiste
Die Mauern stehen so hoch

Berge deren Gipfel
In der Sonne schimmern
wie goldene Zitadellen
dunkle Schluchten
die ihre Geheimnisse bewahren
im staubschwarzen Stein
blaugrünglänzende Fluten
zu deren Grund kein Lichtstrahl
dringt dort
habe ich mein Herz vergraben

auf der Karte meines
Lebens zeichne ich den Weg
zu dir ich gehe
am Tag und in der Nacht
zähle nicht die Stunden ich
trage die Zeit auf meinen
Schultern habe sie aufgetürmt
auf meinem Kopf
es tut nicht weh

ich gehe
langsam gehe Schritt für
Schritt für Schritt bis
ich angekommen
bin

Mädchentag

Gestern war ich faul. Deshalb muss ich heute gleich zwei Posts machen. Nachdem ich für meine Verhältnisse ewig geschlafen habe, so bis etwa halb zehn, habe ich den Morgen vertrödelt und geplant, endlich mal was Kulturelles zu machen. An Kultur ist ja auch in Nizza kein Mangel. Ich entschied mich, den Garten der Mönche in Cimiez anzuschauen und das Chagall Museum zu besuchen. Nachdem ich wusste, wie ich hinkomme habe ich mich aufgehübscht für einen Tag in der Stadt und bin los. Aber wie es so geht, man kann nicht immer seinen Plänen folgen, manchmal muss man auch mal spontan umdisponieren. Das wird ja in diesem Urlaub langsam zu meiner zweiten Natur. Also habe ich, in der Stadtmitte angekommen, aus dem Kulturtag einen Mädchentag gemacht und mich hemmungslos in den Schlussverkauf gestürzt. Denn was macht ein Mädchen am Samstag? Einkaufen und Kaffeetrinken! Es ist unfassbar, wie schnell die Stunden vergehen wenn man auf Schnäppchenjagd ist…. Da mein Koffer bei der Herreise halb leer war und wenig Klamotten enthielt dafür aber zwei Dosen Diätpulver, habe ich genug Kapazitäten für die Rückreise. Es mag dem einen oder anderen verrückt vorkommen, dass ich ausgerechnet im Heimatland der Baguettes eine low carb Diät mache, aber wie sich bei meinem Powershopping herausgestellt hat, war das eine kluge Entscheidung. Die Fettreserven, die ich mir im Winter angefuttert habe, haben sich offensichtlich verflüchtigt, was mich in diversen Umkleidekabinen zu Begeisterungsstürmen hingerissen hat. Das Geld, das ich beim Essen eingespart habe, habe ich jedenfalls wieder angelegt. Nach einem äußerst befriedigenden Einkaufsbummel ging ich mit Tüten bepackt über die Place Massena Richtung Altstadt, auf der Suche nach einem Souvenir für meine Schwester, die zurzeit meine Katzen und den Garten versorgt. Ich landete wieder mal in Gassen, die ich noch nicht kannte und fand auf einem kleinen Platz einen Künstlermarkt. Vielleicht gab es ja hier etwas Schönes zu entdecken, das hier aus der Gegend kam und nicht Made in China war? Ich landete bei einem Stand mit wunderschöner Töpferware, in leuchtenden Farben glasiert. Keramik 1Das wäre schön, dachte ich, als mich die Frau, die den Stand betrieb, auf Französisch ansprach. Meine Französischkenntnisse sind bekanntermaßen eher solala, ich verstehe zwar immer, was die Leute von mir wollen, aber leider enthält mein Speicher nur noch wenig Vokabular, sodass ich nie antworten kann. Sie wechselte ins Englische und dann ins Deutsche. Es stellte sich heraus, dass sie die Keramik selbst herstellt und ursprünglich aus Hamburg kommt. Silke lebt seit 26 Jahren in Antibes und hat einen Laden für Bademoden http://www.flowers-sea-and-sun.com in Antibes, wo sie ihre eigene Kollektion verkauft. Ihre Töpfersachen verkauft sie ab und zu auf Märkten, der Markt in Nizza ist nur alle vier Wochen, Glück gehabt! Ich erstehe ein Geschenk meine Schwester und eine wunderschöne Karaffe für mich. Nach einem kleinen Plausch mit Silke mache ich mich, beladen wie ich bin, auf den Heimweg. Am Place Garibaldi muss ich eine Pause einlegen, es ist zwar schön auf den hohen Plateaus zu gehen aber so langsam wird es Zeit für die Flip-Flops, die ich in weiser Voraussicht eingepackt habe! CAM01217
CAM01218So lässt sich der Anstieg auf „meinen Berg“ auch besser bewältigen. CAM01227
Ich schaffe es, mit allen meinen Schätzen heil anzukommen und habe sogar noch genügend Energie, gleich wieder loszugehen, um noch schnell im Intermarché Milch und Obst zu holen. Denn ohne meinen Milchkaffee kann ich den morgigen Sonntag nicht beginnen. Kurzfristig habe ich überlegt, ob ich den Weg mit einem „Velo Bleu“ zurücklegen soll, aber ich bin nicht sicher, ob ich verstehen würde, wir man das Rad aus der Verankerung und wieder zurück bekommt. Jedenfalls ist es schön, dass die Stadt an sehr vielen Plätzen diese Fahrräder zum Leihen hingestellt hat.CAM01213 Ich gehe also ein weiteres Mal meinen Weg zu Fuß. Damit habe ich mein Laufpensum für heute auch erledigt, mein innerer Schrittzähler schätzt den Tag heute auf etwa sechs Kilometer. Das ist zwar nicht der Jakobsweg, aber eine fast hundertprozentige Steigerung zu den Strecken, die ich üblicherweise zuhause zu Fuß erledige! Morgen werde ich auf jeden Fall gleich den neu erstandenen Bikini einweihen, so viel steht fest!
à bientôt!

Floß aus Geschichten

ich tauche

tauche tief ein

in unser Wortmeer

falle durch die Zeit bis

mir schwindlig wird und dann

dann kommst du

bettest mich auf ein

Floß aus Geschichten

lässt mich treiben

auf dem Wortmeer in

ein unbekanntes Land

 

am Ende meiner Reise

lege ich den Kopf an

deine Schulter und lausche

der Stimme des Königs

Bruder

andere Ufer fremde
Kontinente
wollte ich erkunden
betrat unbekanntes Land dann
traf ich dich
Bruder

du bist
mein Zwilling mein
Spiegel der
Meister weise und
wissend um alle
Abgründe die uns drohen
die Gipfel die uns locken
schreckten dich nie du bist

das Gras auf dem ich
barfuß gehe du reichst mir
deine Hand Bruder

du bist
mein Zwilling so nah
dass du sprichst
was ich denke und mein
Herzschlag deinem
folgt

Stuttgart – Köln, einfach (2)

Teil 2    Koblenz – Bonn – Köln

Die Tupfensockenfrau  verlässt in Koblenz den Zug. Ich mache mich auf den Weg zum Bordbistro (von Wagon 8 nach Wagon 11) und überlege es mir im nächsten Wagon anders. Eigentlich habe ich keine Lust auf einen überteuerten Kaffee mit Kondensmilch (bei dem Gedanken an Kondensmilch gruselt es mich) da ich ja in Köln zum Kaffeetrinken verabredet bin. Also suche ich mir den erstbesten freien Sitz und setze mich an einem Viererplatz mit Tisch einem jungen Paar gegenüber.

Die beiden sind etwa Anfang zwanzig und beide tippen auf ihren Smartphones, während sie sich unterhalten.

Zur Abwechslung schaue ich mal aus dem Fenster und konzentriere mich anstatt auf Schuhe auf den Dialog, der mir gegenüber stattfindet.

Sie: „Dann machen wir morgen Spinat.“

Er: „Ich dachte, wir essen Bohnen?“

Sie: „Nein, ich dachte, wir kochen heute Champignons, das ist doch auch schon Gemüse.“

Er: “Und dazu Spinat?“

Sie:“Nein Bohnen, das schmeckt doch lecker mit Zwiebelchen angebraten!“

Er:“ Montag muss ich die Immatrikulationsbescheinigung abgeben.“

Sie, tippt auf ihrem Smartphone rum, ist etwas abwesend: “Ist doch toll.“

Er:“Ich glaube, ich hole mir kein I-phone. Ich hole mir ein anderes Smartphone.“
Sie:“ Ja, aber wenn es dann nicht mit dem Mac kompatibel ist – „ ihr Daumen wischt hektisch auf dem Screen hin und her, „oh, ich habe Post von meinen Eltern bekommen.“

Er: „Was schreiben sie denn?“

Sie hält ihm ihr Telefon hin: „Lies selbst.“

Er überfliegt die Nachricht und gibt ihr das Telefon zurück:“ Okay, dann essen wir also morgen Bohnen.“

Sie: „Nein, Spinat.“

Er: „Spinat mit Bohnen.“

Sie: „Nein, Spinat.“

Er: „Also nur Spinat.“

Sie: „Ja, das ist doch lecker. Mit Zwiebelchen angebraten.“

Die Sprache ist die Quelle aller Missverständnisse sagte schon der kleine Prinz. Die gleichzeitige Benutzung von Smartphones während einer Unterhaltung scheint diesen Effekt noch zu verstärken. Hätte der kleine Prinz ein Smartphone dabeigehabt in der Wüste, wäre es wohl nie zu diesen grandiosen Zeichnungen des Piloten gekommen, denn er hätte ja alles mit dem Smartphone fotografiert und dem Piloten die Fotos digital gezeigt. Auf den letzten Kilometern zwischen Bonn und Köln werde ich also noch sentimental und stelle mir vor wie das war, damals, ohne Mobiltelefon.

Allein die Tatsache, dass ich mich an eine Zeit ohne Handy erinnern kann, sagt schon sehr viel über mein tatsächliches Alter aus. Wenn ich es recht überlege, könnte ich theoretisch sogar die Mutter der beiden Jungköche gegenüber von mir sein. Ich werde noch sentimentaler. Habe ich schon erwähnt, dass ich Zugfahren hasse?

„Verehrte Fahrgäste, in wenigen Minuten erreichen wir Köln-Hauptbahnhof. Ausstieg in Fahrtrichtung rechts.“

Endlich. Der Dom.

Stuttgart – Köln, einfach (1)

Teil 1 Stuttgart – Mannheim, Mannheim – Koblenz

Heute habe ich herausgefunden, dass ich Zugfahren hasse. Keine Ahnung, warum das plötzlich so gekommen ist. Vielleicht ist der überfüllte ICE von Stuttgart nach Mannheim schuld daran. Ich komme mir vor, als wäre ich Teil einer gigantischen Völkerwanderung, eingekreist von Menschenmassen, die scheinbar wissen, wohin sie wollen und doch wie verlorene Schafe ziellos umherirren. Auf der Suche nach dem richtigen Wagon, dem reservierten Sitzplatz, der Fahrkarte oder einem Platz für das überdimensionierte Gepäck schieben sie sich durch die schmalen Gänge. Ich bin froh, als ich endlich auf meinem Platz sitze und versuche, einfach unsichtbar zu werden. In Mannheim steige ich aus dem überfüllten ICE um in einen IC nach Köln. Sparpreis heißt für weniger Geld länger Zugfahren. Im Grunde bekomme ich also mehr Zugfahrzeit obwohl ich weniger bezahle. Hier wird mir der Inhalt des Satzes „Zeit ist Geld“ mehr als klar. Heute habe ich aber Zeit und kann die so gesparten 34 Euro heute Abend  zum Beispiel in ein leckeres Essen investieren. Außer der Geschwindigkeit gibt es  keinen großen Unterschied zum ICE, ich stelle sogar überrascht fest, dass mir das langsamere Fahren mehr zusagt als das Tempo des ICE. Außerdem ist der Wagon hier irgendwie heller und auch nicht so überfüllt. Mein Nebensitzer macht komische Geräusche beim Trinken aus der Wasserflasche und ich hoffe sehr, dass er nicht auf die Idee kommt, mich in ein Gespräch zu verwickeln, denn ich habe definitiv keine Lust mich zu unterhalten. Ich gehe aber davon aus, dass jede Zelle meines Körpers diese Ablehnung ausstrahlt und ich wie geplant meine Reise schweigend fortsetzen kann Vielleicht bin ich menschenscheu geworden in den letzten Jahren, Kommunikation mit Fremden ist mir zunehmend lästig und auch zu anstrengend. Wie befürchtet habe ich jetzt aber den Kampf um die Armlehne, die die beiden Sitzplätze trennt, verloren. Eigentlich ist es eine Frechheit, nur eine Armstütze für zwei Reisende einzubauen. Einer zieht immer den Kürzeren. Der Mann neben mir, der sich als rücksichtsloser Armstützenbesetzer entpuppt hat, ist etwa fünfzig Jahre alt, groß und sehr dünn. Er hat längeres, dunkelblondes Haar, das wirr vom Kopf absteht. Seine Fingernägel sind unnatürlich kurz, sie enden einige Millimeter unterhalb der Fingerkuppe. Jetzt setzt er sich eine schmale Lesebrille auf, zieht die Bahnzeitschrift aus der Sitztasche und während er liest kratzt er sich selbstvergessen am Schritt. Wie gesagt, neuerdings hasse ich  Zugfahren. Ich bin sozusagen eben zur ersten Vorsitzenden des neugegründeten Zughasserclubs aufgestiegen.

Die Asiatin rechts vor mir hat Sandalen an, ohne Strümpfe. Ich frage mich, warum sie an einem so kühlen, regnerischen Herbsttag keine geschlossenen Schuhe trägt. Ist es eine Touristin, die nicht mit den typisch deutschen Herbsttemperaturen gerechnet hat? Hat sie nur Sandalen? Schwitzt sie vielleicht unnatürlich stark an den Füssen? Will sie sich abhärten? Oder hat sie eine Wette abgeschlossen (Wetten, dass ICH diesen naßkalten Tag mit nackten Füßen in Sandalen überstehe, ihr Warmduscher?)Ich finde jetzt Gefallen daran, den anderen Reisenden auf die Füße anstatt in das Gesicht zu sehen. Neben mir auf der anderen Seite des Ganges sitzt eine Frau mit strengem Blick, die in ihren Bequemschuhen schwarze Socken mit weißen Tupfen trägt. Nichts sonst an ihr hat etwas Kindliches oder Verspieltes an sich. Sie könnte eine pensionierte Lehrerin sein, wahrscheinlich Latein und Geschichte. Jetzt ist sie auf dem Weg zu ihrem Sohn und dessen Familie. Sie mag ihre Schwiegertochter aber nicht leiden, weil die genau diese Leichtigkeit hat, die sie selber immer gerne gehabt hätte. Sie selbst hat es aber nur zu getupften Socken gebracht. Mein Nebensitzer war in der Zwischenzeit zweimal auf der Toilette. Jetzt trinkt er eine Dose Coca Cola und das Geräusch, das er beim Trinken aus der Dose macht ist noch schlimmer als wenn er aus seiner Wasserflasche trinkt. Scheinbar ernährt er sich von Wasser, Coca Cola und Fingernägeln, die er ausgiebig beim Lesen knabbert. „Verehrte Fahrgäste, in wenigen Minuten erreichen wir Koblenz Hauptbahnhof“

Rosa (3)

1981

Je weniger mein Körper sich bewegt umso mehr reisen meine Gedanken, meistens in die Vergangenheit. Ist das eine schlechte Angewohnheit alter Leute, weil einfach mehr Zeit hinter ihnen liegt als sie noch vor sich haben? Mein aktuelles Lebensgefühl blende ich meistens aus, lieber lasse ich mich hemmungslos fallen in die Erinnerung an die Zeit als ich jung war. Ich wende mich nach innen, lausche einem fernen Ton, leise, konzentriert. Ich suche nach diesem einen Ton, der irgendwo in mir, konserviert seit Jahren, jetzt immer leiser klingt. Ich kann dann sogar meinen Blick nach innen richten, solange bis ich diesen Ton gefunden habe, und dann folge ich ununterbrochen seiner Spur in meinem Inneren. Ich liebe diese Reisen durch meine Archive, wie ich das nenne, sitze mit geschlossenen Augen da und lausche in mich hinein. Das klappt überall. In der Kirche ebenso wie beim Altennachmittag oder bei einem langweiligen Familienfest. Meine inneren Reisen haben dazu geführt, dass meine Familie sich mit dem Rest der Welt einig darüber ist, dass mein Geisteszustand nicht mehr der beste sei. Es scheint mir, dass wir alle in derselben Situation sind: wir sitzen die Zeit bis zu meinem Ableben aus und versuchen das Beste daraus zu machen. Für meine Familie bin ich eine alte verbitterte Frau, launisch und kratzbürstig. Ich befürchte, das trifft mein äußeres Bild ziemlich genau. Leider bin ich nicht in der Lage und vielleicht auch nicht willens mein Innerstes nach außen zu kehren.  Ab und zu hole ich das Foto des einzigen Mannes hervor, den ich je geliebt habe und frage mich was aus mir geworden wäre, wenn ich mich nicht dem Willen meiner Eltern, den Konventionen der Zeit, gebeugt hätte. Bald werde ich mich von dieser Welt verabschieden und vielleicht wird irgendein Familienmitglied nach meinem Tod meine Habseligkeiten durchsehen und mein altes Gesangbuch durchblättern. Den Konfirmationsspruch auf der ersten Seite lesen, die abgegriffenen Seiten überfliegen und zwischen all den frommen Liedern das Foto entdecken. Ein junger Mann, dunkle Haare, ebenmäßiges Gesicht, schöne klare Augen – und auf der Rückseite der Fotografie der Stempel eines Fotografen in Southhampton. Er oder sie wird sich fragen wer das wohl war. Diese Vorstellung gefällt mir, ich hinterlasse gerne ein paar Geheimnisse. Ich versuche mich daran zu erinnern ob ich die alten Leute in meiner Jugend auch mit diesen Augen angesehen habe? Als wären sie bereits alt auf die Welt gekommen? Vermutlich, ich erinnere mich nicht mehr daran. Was also nimmt man wahr, wenn man seine Eltern sieht? Nur die Gegenwart. Die Vergangenheit bleibt ein unentdecktes Land, wenn sie dich nicht einladen, sie dahin zu begleiten. Ich jedoch wollte nie etwas von mir preisgeben, das gebe ich zu. Wenn ich heute in den Augen meiner Familie als absonderlich und launisch gelte, dann stört mich das nicht weiter.  Es ist kein Grund, mein Schicksal vor ihnen auszubreiten wie ein unberührtes Laken, auf dem ihre Kommentare schmutzige Spuren hinterlassen. Ich werde nicht der erste Mensch sein, der seine Geheimnisse mit ins Grab nimmt und auch nicht der Letzte. Und dass es damit nicht mehr lang dauert, das spüre ich. Der Krebs, der angeblich ein Magenleiden ist, frisst sich unaufhörlich voran. Ob ich meinen nächsten Geburtstag noch erleben werde? Ich glaube es nicht.

Meine Familie hat gemeinsam mit meinem Arzt entschieden mich in dem Glauben zu lassen, meine Magenbeschwerden seien die Folgen eines harmlosen Magengeschwürs. Wie immer so griff auch hier das Vorurteil, dass mit zunehmendem Alter nicht nur die Haare weniger werden sondern automatisch auch die Gehirnleistung. Auch wenn es auf manche Menschen zutreffen mag, auf mich trifft es ganz gewiss nicht zu. Ich würde sogar behaupten, dass das Alter meinen Scharfsinn noch verstärkt. Ich jedenfalls lasse mich nicht wie ein unmündiges Kind behandeln. Schließlich ist es mein Körper, meine Krankheit und meine Lebenszeit. Ich habe mir daher eine zweite Meinung eingeholt. Bei einem Arzt, der als gnadenlos offen gilt und deshalb bei sensiblen Menschen keinen guten Ruf genießt. Für mich ist er genau der Richtige. Er hat mir schonungslos eröffnet dass ich wohl noch ein Jahr zu leben hätte, im Höchstfall. Da ich nicht an Wunderheilung glaube habe ich ihn um ein Rezept für starke Schmerzmittel gebeten und mich für seine Offenheit bedankt.  Dieser Arzttermin fand drei Tage vor meinem achtzigsten Geburtstag statt. Die Familie hatte sich für meinen Ehrentag mächtig ins Zeug gelegt. Ich wurde zum Essen ausgeführt und man trug launige Gedichte vor. Ich machte gute Miene und sah verstohlen auf die Uhr. Nach dem Dessert stand ein Spaziergang an und aus Rücksicht auf mein fortgeschrittenes Alter fiel dieser recht kurz aus. Danach kam das Beste, der Nachmittagskaffee. Ich liebe Kaffee, also trank ich mehrere Tassen, schloss dann hellwach die Augen und begab mich in mein Archiv. „ Die Oma Rosa schläft wieder,“ hörte ich meine Enkelin flüstern. Wenn die Leute wüssten, wie einfach es ist, seine Ruhe zu haben wenn man sich – gekonnt – schlafen stellt, würde das zur allgemeinen Disziplin werden. Ich saß also mit geschlossenen Augen auf meinem Stuhl und hörte nur noch Gesprächsfetzen und irgendwann gar nichts mehr. Stattdessen fragte ich mich ernsthaft, ob ich nach meiner Rückkehr aus Amerika jemals wieder glücklich gewesen war. Mein Leben war an mir vorbeigezogen wie die Landschaft, die man aus dem Zugfenster betrachtet. Es gibt Berge und Täler, schöne und weniger schöne Abschnitte. Manchmal denkt man, hier ist es schön, hier würde ich gerne länger bleiben, aber der Zug rast weiter. Leute steigen ein und steigen aus, setzen sich neben dich, auch wenn du sie nicht magst. Und andere, die du viel lieber in deinem Abteil hättest, finden dann keinen Platz mehr. Die Fahrkarte durch das Leben ist jedenfalls nur eine einfache, ein Zurück gibt es nicht. Mein Zug hat wohl nicht mehr allzu viele Stationen vor sich, vielleicht gibt es ja tatsächlich diesen einen Tunnel der ins Licht führt.. Obwohl ich in einer sehr pietistischen Familie aufgewachsen bin hielt sich meine Religiosität immer in Grenzen. Diesem zur Schaustellen des eigenen Glaubens, das so gerne von meinen Schwestern praktiziert wurde, konnte ich nie etwas abgewinnen. Ich war mein Lebtag nur bei Beerdigungen, Hochzeiten oder Taufen in der Kirche, das hat mir genügt. Der Herrgott hat sich seinen Spaß mit mir erlaubt, meiner Meinung nach sind wir quitt, ich bin ihm nichts mehr schuldig.

Meine Enkelin hängt der Theorie an, dass alles, was einem im Leben zustößt, Schicksal ist und als Prüfung angesehen werden muss, die es zu bestehen gilt. Wenn dem so wäre, habe ich dann bestanden, weil ich es den anderen recht gemacht habe? Oder hätte ich es doch besser für mich passend gemacht, mein Leben? Jetzt sitze ich hier am Fenster einer altersgerechten Erdgeschoßwohnung und fahre auf meinen Erinnerungen Karussell bis mir schwindlig wird und ich mich an den Armlehnen meines Sessels festhalten muss.