Rosas Reise (6)

Anna (3)

Während ich die Fliege ermordet und das Tischtuch geschrubbt hatte saß Thomas da und schwieg. Ich konnte seinen inneren Drang aufzustehen und zu verschwinden fast körperlich spüren. Irgendwann war ich mit meinem stummen Monolog fertig und wandte mich wieder an ihn.
„Wer ist es?“
„Das ist doch egal.“ Sein Ton war barsch, er wollte nichts preisgeben. Aber ich hatte eine Ahnung, eine plötzliche Erleuchtung.
„Es ist die Tochter deiner Galeristin, stimmt`s? Natürlich, sie ist es – „ Thomas holte Luft und wollte mir ins Wort fallen aber ich war schneller. „Du brauchst nichts mehr zu sagen, ich weiß es ohnehin schon.“
Plötzlich passten alle Indizien zusammen. Je mehr der Verdächtige sich auf seinem Stuhl wand desto sicherer war ich, dass ich mit meiner Vermutung recht hatte.
„Es ist unfassbar“, sagte ich. „ Lief das schon als ich sie getroffen habe? Habt ihr da schon heimlich über mich und meine Blödheit gelacht?“
Ich wusste dass ich unsachlich wurde aber ich konnte nicht anders. Und es war mir auch egal. Wen interessierte es jetzt noch was für ein Bild ich abgab? Der Mann, der mir da gegenüber saß, hatte mich ja ohnehin schon abgeschrieben, da brauchte ich mich jetzt auch nicht mehr anzustrengen und mich von meiner besten Seite zeigen.
„Du musst das sofort beenden“, scheinbar gab es noch einen wahnwitzigen Teil in mir, der an dieser Ehe festhalten wollte. „Ich eigne mich nicht zur Zweitfrau.“
„Wenn du von mir verlangst, dass ich sie nicht mehr sehe dann werde ich dich dafür hassen.“
Aus welchem schlechten Film war dieser Dialog geklaut? Ich starrte ihn an.
„Dann ist ja alles klar“, sagte ich. „Dann gibt es kein Zurück mehr.“
Im selben Moment als ich es sagte wurde mir klar, was das bedeutete. Ich war eine verlassene Ehefrau. Ich, die seit dem Moment, als wir uns kennengelernt hatten, keinen anderen Mann angesehen hatte. Ich hätte ihn nie betrogen, das ist nicht mein Stil. Ich kann nicht lügen, bin für klare Verhältnisse, auch wenn es wehtut. Die Wahrheit, auch wenn sie schwer zu ertragen ist, war mir immer lieber als angelogen zu werden oder lügen zu müssen.
Thomas schien erleichtert. Ich hatte in diesem Spiel die schlechteren Karten, das stand fest. Vor allem hinkte ich seinem Aggregatzustand fünf Jahre hinterher. Fünf Jahre, in denen er sich Stück für Stück von mir entfernt hatte während ich an dem, was war, unerbittlich festhielt. Während er bereits unten an der Treppe angekommen war ging ich erst oben durch die Tür. Er hatte den Hauptfilm schon zu Ende geschaut und seine Popcorntüte weggeworfen während ich noch bei Werbung und Trailer war. Mein Film zeigte mir, dass wir eine schwierige Phase hatten, aber das würde wieder besser werden. Irgendwann kam das Happy End, davon war ich überzeugt gewesen. Es gab so vieles, was erst einmal besser werden musste, und wenn das alles gut war würde die Beziehung von selber wieder funktionieren. Jetzt war klar, dass nichts jemals wieder so werden würde wie es war.
Fragmente von Erinnerungen blitzten auf in meinem Kopf, wie in einem schnellgeschnittenen Film jagte eine Szene die nächste. Unser Hochzeitsfest, die wunderbare Rede meines Vaters, die Geburt unseres Sohns, die Wiese mit dem Apfelbaum vor dem Fenster des Kreißsaals, Thomas wie er das Skifahren lernte, weil ich eine begeisterte Skifahrerin bin, eine Reise nach Wien, als er dort noch studierte – ich ließ die Bilder an mir vorüberziehen und spürte wie ich anfing zu weinen. Das hatte ich nicht gewollt, ich wollte doch cool bleiben, ich wollte nicht die trauernde Verlassene geben in diesem Stück. Die Tränen liefen mir über das Gesicht, während ich die Augen geschlossen hatte und den Film über unser gemeinsames Leben sah. Es ist ein Klischee, dass Männer nicht sehen können, wie eine Frau weint. Vermutlich können sie es dann nicht ertragen, wenn sie wissen, dass sie die Frau zum Weinen gebracht haben, wenn das eigene schlechte Gewissen dazu kommt. Thomas fühlte sich nicht wohl in seiner Haut. Wir kannten uns ja so gut, ich konnte es spüren, wie er sich innerlich wand und sich am liebsten in Luft aufgelöst hätte. Aber das konnte ich ihm jetzt nicht ersparen. Ich hatte das Gefühl, neben mir zu stehen und mich zu beobachten, wie ich da saß, eine heulende Frau Anfang fünfzig, die Wimperntusche in Schlieren unter den Augen, in Jeans und Pulli, alles andere als reizvoll.
„Und was wird jetzt aus mir? “ hörte ich mich fragen. „Ich bin 52, mich schaut doch keiner mehr an!“
Das war meine Realität. Film Noir, kein Happy End. Die Angst, alleine zu bleiben, keinen Menschen zu haben, der mir vertraut ist, mit dem ich alt werden kann. Natürlich war das völlig übertrieben aber diese Angst war da und sie füllte meine Zukunft aus bis an den Horizont.
„Wir werden das nicht kommunizieren.“ So langsam kam ich wieder in der Wirklichkeit an und damit auch bei unserem gemeinsamen Kind. Plötzlich war es mir nicht mehr wichtig, was mit mir sein würde, wie aus dem Nichts war da eine Trauer in mir, weil ich meinem Sohn keine heile Familienwelt würde erhalten können. Diese Erkenntnis traf mich viel härter. Ich fühlte mich schuldig, ich hatte versagt.
„Wir werden das nicht kommunizieren“, wiederholte ich. Und der Satz wurde zu meinem persönlichen Mantra. Ich wollte den Schein unbedingt wahren. Weder unser Sohn noch meine Familie oder unsere Freunde sollten davon etwas erfahren. Ich schämte mich weil mir so etwas passiert war. Ich so dumm und naiv gewesen war, diesen jahrelangen Betrug nicht mitzubekommen. Ja, ich schämte mich. Es war mir peinlich, es kratzte an meiner Ehre. Es war eine Niederlage, mit der ich nicht umgehen konnte. Ich bezog alles auf mich, suchte nach Fehlern, fühlte mich plötzlich alt und hässlich. Die einzige Person, die ich einweihte, war meine älteste Freundin Elena. Wir kennen uns fast unser ganzes Leben und es gibt wahrscheinlich auf diesem Planeten keinen Menschen, der mich so gut kennt wie sie. Unser gemeinsamer Wahlspruch ist „ein Leben ohne beste Freundin ist zwar möglich aber sinnlos“.
Niemand sonst, nicht einmal meine Schwester, erfuhr von diesem Ereignis, das ich als persönliche Niederlage verbuchte. Thomas und ich trafen eine Vereinbarung und ich deckte ihn wenn er zu seiner Freundin, Geliebten was auch immer sie war, fuhr. Ich war tatsächlich in den ersten Wochen der Meinung, wir könnten diesen Status Quo noch drei Jahre bis zum Abitur unseres Sohnes aufrechterhalten. Ich litt, allerdings brauchte ich keine Schlafmittel. Wenn es etwas gibt, was ich immer kann, dann ist es schlafen. Das hat mich vielleicht gerettet. Ich konnte mich abends alleine ins Bett legen und schlafen, meistens traumlos, bis zum nächsten Morgen. Ich stand auf, machte Frühstück für unseren Sohn Adrian, ging in mein Büro und arbeitete. Telefonierte mit Kunden, schrieb Rechnungen, tat das, was ich immer tat. Thomas tauchte ab in sein Atelier und wenn er in meine Nähe kam konnte ich ihn nicht ertragen. Er fing an mich zu nerven.
„Musst du immer alles liegen lassen?“
„Räum doch deinen Mist mal weg!“
„Du hast schon wieder das Licht die ganze Nacht angelassen!“
Und im nächsten Augenblick war ich traurig, sentimental und weinte. Diese ersten Wochen nach der Aussprache waren ein Höllentrip. Äußerlich ließ ich mir nichts anmerken, ich machte alles mit mir selbst aus. Eine Woche nach dem Supergau fuhr ich zu einem Seminar an den Bodensee. Die Aussicht, das ganze Wochenende weg zu sein, war berauschend. Ich würde auf diesem Seminar meinen Freund Julian treffen, dem ich bereits per Email folgendes mitgeteilt hatte:
„Lieber Julian, bitte bring eine Flasche Champagner und eine Packung Kleenex mit. Ich muss dir etwas erzählen.“
Wir hatten eine kleine Ferienwohnung in Konstanz gemietet, zwei Schlafzimmer, Küche Bad und ein gemütliches Wohnzimmer mit Schwedenofen. Ich holte Julian am Flughafen in Friedrichshafen ab und tatsächlich packte er eine Flasche Champagner und eine Packung Kleenex aus, als wir in der Wohnung vor dem prasselnden Kaminfeuer saßen. Ich erzählte ihm die ganze Geschichte, emotionslos, abgeklärt. Ich trank den Champagner aber die Kleenex kamen nicht zum Einsatz. Ich war wie betäubt. Seine erste Reaktion war:
„Schmeiß den Typen raus!“
Ein Ratschlag, den ich in den kommenden Monaten noch öfter hören würde.
Das war etwas, was in meiner Wirklichkeit so unvorstellbar war wie ein Tsunami im Bodensee. Wie sollte das gehen? So wie in den Filmen, wo die betrogene Ehefrau Klamotten, Schuhe und Computer aus dem Fenster auf die Straße wirft? Diese Art Melodrama liegt mir nicht.
Außerdem waren da ja auch noch irgendwelche, mittlerweile diffusen Gefühle. Ich habe diesen Mann geliebt. Hätte ich mich an Jesus Christus gehalten, wäre es vielleicht nicht so weit gekommen „Liebe deinen Nächsten wie die selbst.“ Wie dich selbst. Das hatte ich vergessen. Ich habe ihn mehr als mich selbst geliebt. Oder andersherum: ich habe mich selbst nicht so geliebt wie ich ihn liebte. Jetzt saß ich da mit meiner Liebe, die keine Antwort mehr bekam, die in einen Raum ohne Echo hineinrief und mir blieb nur eines übrig: mich auf die Liebe zu mir selbst zu besinnen. Und dann bekam ich den Karton mit Rosas Nachlass. „… habe ich dann bestanden, weil ich es den anderen recht gemacht habe? Oder hätte ich es doch besser für mich passend gemacht, mein Leben?“ Nun, es war noch nicht zu spät. Ich konnte nochmal von vorne anfangen. Jetzt würde ich mein Leben für mich passend machen. Eines wusste ich schon: ich würde versuchen herauszufinden, was Rosa in Amerika erlebt hatte. Wer dieser unbekannte Mann war. Plötzlich hatte ich wieder ein Ziel, eine Aufgabe, die ganz die meine war. Niemand würde mich davon abhalten, ich war wie besessen von der Idee.

Rosas Reise (5)

Anne (2)
Es war, als ob Rosas Geschichte etwas in mir in Gang gesetzt hätte. Immer wieder nahm ich die Seite heraus, die sie kurz nach ihrem achtzigsten Geburtstag geschrieben haben musste. Immer wieder las ich ihre Worte und es kam mir vor, als enthielten sie eine Botschaft für mich, den Auftrag, es besser zu machen.
Es sind im Leben ja oft die vermeintlichen Zufälle, die dem eigenen Schicksal eine neue Richtung geben. Wie ein Schubs, der einen aus der eingeschlagenen Spur schiebt und so zu einer neuen Perspektive verhilft oder Dinge in Bewegung setzt. Vielleicht ist es aber tatsächlich so, dass man die Menschen und Situationen anzieht, die einem helfen, dahin zu kommen wo man hinmöchte. Rosas Botschaft erreichte mich zu einem Zeitpunkt, an dem ich auf dem besten Wege war, mich für andere und das Aufrechterhalten einer heilen Welt, die keine mehr war, aufzugeben. Wenige Wochen zuvor waren die Kulissen meiner Familienidylle zusammengestürzt und hatten sich als das entpuppt, was sie gewesen waren: potemkinsche Dörfer. Mein persönlicher Supergau war an einem Oktoberabend eingeleitet worden, der unspektakulär begann. Doch an diesem Abend schlich sich die Katastrophe an und als ich am nächsten Morgen aufstand hatte sie es sich bereits in meinem Leben gemütlich gemacht ohne dass ich es bemerkt hatte. Mein alter Freund Martin war zu Besuch bei seinen Eltern und wir wollten uns endlich mal wieder treffen und ausführlich reden. Seit er in Hamburg wohnte sahen wir uns nur noch sehr selten und wir freuten uns beide auf das Wiedersehen. Es war ein milder Abend, wir saßen auf meiner Terrasse bei einem Glas Rotwein und sahen der Sonne zu wie sie hinter dem Wald verschwand. Bei mir gab es nicht viel zu erzählen, alles war wie immer. Martin hatte mir schon am Telefon angedeutet, dass etwas passiert sei und ich hatte das Gefühl, er wollte es loswerden.
„Was ist los,“ sagte ich, „erzähl, ist etwas mit deinen Eltern?“ Martins Vater hatte einen Schlaganfall gehabt und ich wusste, dass die Genesung sehr langsam voranging und Martin sich große Sorgen gemacht hatte.
„Nein, es geht beiden soweit gut. Bei meinem Vater hat sich viel getan, er kann wieder laufen, zwar mühsam mit Gehhilfe, aber es wird jeden Tag besser.“
Ich war erleichtert. Die Sorge um die Eltern war etwas, was meine gleichaltrigen Freunde und mich immer mehr beschäftigte. Die Kinder waren selbständig und forderten uns nicht mehr so wie die Jahre davor, aber jetzt kamen Krankheit und Hinfälligkeit der Eltern als neue Aufgabe hinzu, die wir meistern mussten.
Martin holte tief Luft, offensichtlich kostete es ihn einige Überwindung, mir zu erzählen was ihm auf der Seele brannte.
„Sandra hat einen anderen,“ sagte er mit einer Spur Bitterkeit in der Stimme.
Ich war völlig überrascht von dieser Eröffnung und zunächst wusste ich nicht, wie ich reagieren sollte.
„Woher weißt du das? Bist du dir sicher? “ ich konnte mir das nicht recht vorstellen.
„Ja, ich bin sicher. Ich habe vor ein paar Tagen ihr Handy in der Hand gehabt, sie hatte 180 SMS von einem Typen namens Thorsten drauf. Solche Sachen wie `ich vermisse dich`, ìch würde dich jetzt gerne und küssen und so weiter.“
„Du kontrollierst ihr Handy?“ Ich war erschüttert; tat aber so als ob ich das amüsant finden würde.
„Ach, eigentlich ist das nicht mein Ding aber ich war so hilflos – seit Monaten spüre ich, dass etwas nicht stimmt aber wenn ich sie frage, was los ist weicht sie aus -“, Martin war außer sich, das spürte ich.
„Bestimmt sagt sie: es ist nichts, alles ist gut, stimmt`s?“
„Ja genau. Sie streitet alles ab. Aber jetzt habe ich den Beweis.“
„Und, hast du sie schon damit konfrontiert?“
„Nein“ er holte tief Luft.“ Ich kann nicht.“
„Wie, du kannst nicht – sie betrügt dich offensichtlich! Das kannst du doch nicht so hinnehmen!“
Jetzt war ich diejenige die lauter wurde.
„Ich kann nicht mit ihr darüber sprechen, ich habe Angst, vor der Wahrheit. Angst, dass sie mich verlassen könnte. Ich leide. Du kannst dir das nicht vorstellen, wie ich leide. Ich kann nicht mehr schlafen, ohne zwei Tabletten jede Nacht komme ich gar nicht erst in den Schlaf, und trotzdem schlafe ich nie mehr als drei, vier Stunden. Ich bin manchmal zu nichts zu gebrauchen.“
Ich drehte mein Weinglas zwischen den Fingern, sah Martin an und konnte es nicht fassen. Er saß da, mit eingezogenen Schultern, wie ein Häuflein Elend. Martin war so ein selbstbewusster Mann, er hatte so viel Charisma. Schon zu unserer Schulzeit, denn so lange kannten wir uns, war er in unserer Kleinstadt etwas Besonderes gewesen. Ich konnte es nicht fassen, dass eine Frau ihn so aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. Ich reichte ihm sein Glas und stieß mit ihm an.
„Kopf hoch, Martin. Du bist so ein großartiger Mensch. Wenn Sandra das nicht erkennt, dann ist ihr nicht mehr zu helfen.“
Es war leicht dahingesagt, das wusste ich, aber etwas Besseres fiel mir einfach nicht ein. Martin lächelte gequält und trank einen Schluck Wein. Wir stellten unsere Gläser ab und schwiegen, es war, als würde das, was Martin mir da erzählt hatte, jetzt langsam in unser Bewusstsein sickern. Ich kenne das, solange man Dinge mit sich selber ausmacht sind sie nicht so wirklich und real wie in dem Moment, wenn man darüber spricht. Es zum ersten Mal ausspricht – es ist als würde man damit das manifestieren, was zuvor nur ein Gedanke war, es in die Wirklichkeit hereinholen, und nie wieder loswerden. So ging es uns beiden jetzt, wir staunten über das, was er da gesagt hatte und das Gesagte wurde zur Wirklichkeit. Martin starrte schweigend vor sich hin. Das was zwischen Sandra und Martin passierte betrachtete ich jetzt aus der Distanz, wie ein unbekanntes Insekt, das man versucht in eine Kategorie einzusortieren. In einem entfernten Winkel in mir lauerte jedoch die Erkenntnis, dass ich das auch kannte. Die Frage „was ist los?“ weil man spürt, dass etwas nicht stimmt, dieses diffuse Gefühl einer sich anbahnenden Katastrophe – und auch die immer wiederkehrende Antwort „es ist nichts.“ Das Gespräch mit Martin war das Streichholz an einer Lunte, deren Sprengkörper in meinem Leben wie ein Blindgänger gelauert hatte. Jahrelang lag er da und nichts war passiert. Jetzt war Martin derjenige, der, ohne es zu wissen und völlig absichtslos, die Lunte in Brand gesteckt hatte.
Als ich mich an diesem Abend ins Bett legte konnte ich lange nicht einschlafen. Martins Geschichte ging mir nicht aus dem Kopf. „Eigentlich könnte das auch meine Geschichte sein,“ dachte ich. Und mit diesem Gedanken öffnete ich der Katastrophe die Tür. Sie zog bei mir ein. Ihr erster Auftritt war am nächsten Morgen als ich beschloss ohne Ankündigung und ohne Plan B reinen Tisch zu machen. Auch ich hatte mir jahrelang den Satz „es ist nichts“ angehört. Jetzt wollte ich endlich die Wahrheit hören. Als wir mit einer Tasse Kaffee am Esstisch saßen stellte ich mir vor ich säße in einem Verhörzimmer, eine Szene die ich aus diversen Krimis kannte. Ein Tisch, zwei Stühle die sich gegenüber stehen, ein Aufnahmegerät und eine Kamera, die das Gespräch aufzeichnet.
Ich schaltete das imaginäre Aufnahmegerät ein und begann mit der Befragung des Verdächtigen.
„Heute ist der 10. Oktober 2013, 10 Uhr 15. Anwesend sind Kriminalkommissarin Ina M.. und der Verdächtige Thomas M..“
Leider konnte ich nicht die übliche Frage stellen: „wo waren Sie in der Nacht zum…“ und so weiter. Es gab ja keinen konkreten Fall. Da war nichts weiter als dieses Gefühl. Eine Ahnung, die am Abend zuvor durch das Aussprechen Zugang zu meiner Wirklichkeit bekommen hatte. Oder einfach das Öffnen der Büchse der Pandora, in die ich all die Nächte eingeschlossen hatte, in denen ich alleine im Bett lag und mich fragte wo mein Mann war. Die Nächte, in denen ich um drei Uhr morgens aufgewacht war, weil das Bett neben mir immer noch leer war. Ihm eine SMS geschrieben hatte, weil er das Telefon nicht abnahm. Die Antwort bekommen hatte dass er gleich losfahren würde. Und als er nach einer Stunde immer noch nicht da war weitere fadenscheinige Erklärungen via SMS in Kauf genommen hatte. Den Inhalt dieser Büchse konnte ich jetzt nicht auf den Tisch kippen, der Tisch wäre zweifellos zusammengebrochen. Also tastete ich mich auf Zehenspitzen an das Thema heran. Umkreiste es weiträumig, zog den Kreis immer enger bis ich Thomas soweit hatte dass er mir in die Augen sehen musste – und auch der Wahrheit.
Und dann kann die Antwort, mit der ich nicht gerechnet hatte.
„Ich habe mich verliebt. Sie ist die Liebe meines Lebens.“
Treffer, versenkt. Das saß. Da dachte ich doch immer, ich wäre ich wäre die Liebe seines Lebens. Die Katastrophe saß mit am Tisch und grinste mich an.
Der Verdächtige gab zu, weitere Leichen im Keller zu haben, Mein imaginäres Vernehmungsprotokoll erfasste fünf Jahre Ehebetrug mit diversen Frauen. Die Identität dieser Personen wollte der Verdächtige nicht preisgeben, das war für den momentanen Stand der Ermittlungen auch irrelevant. Als der Verdächtige sich in Gefühlsduseleien erging schaltete sich das Aufnahmegerät von selbst ab.
Ich heftete meine Notizen an eine unsichtbare Pinnwand und zog meine Schlüsse. Mit dieser Aussage konnten einige ungeklärte Ereignisse der Vergangenheit nachvollzogen werden. Es kam langsam Licht in diesen Fall, auch wenn der Verdächtige so tat, als ob er nichts dafür konnte, dass es so weit gekommen war (Es ist Schicksal. Wir sind füreinander bestimmt) so war es doch offensichtlich, dass er aus freien Stücken und in vollem Bewusstsein gehandelt hatte. Er war in vollem Umfang schuldfähig. Die Anklage konnte bei der Staatsanwaltschaft eingereicht werden und ich war sicher, der Staatsanwalt würde die Höchststrafe fordern.
Die Zeit sickerte vor sich hin, aus dem Morgen war plötzlich Mittag geworden, ohne dass ich es realisiert hatte. Eine Mücke umkreiste meinen Kaffeebecher und ich konzentrierte mich auf ihr Brummen und wartete auf eine Gelegenheit, sie mit der Zeitung zu erledigen. Aber sie entwischte mir immer wieder, setze sich an anderer Stelle auf dem Tisch hin und grinste mich an. Irgendwann wurde sie aber unvorsichtig und ich erwischte sie auf dem Deckel des Marmeladenglases. Ihr zermatschter kleiner Körper verschaffte mir etwas Befriedigung. Vielleicht hätte ich Thomas in diesem Moment auch gerne mit der zusammengefalteten Zeitung auf den Kopf gehauen – vielleicht hätte ich auch einfach gerne geschrien, ihn angeschrien, die ganze Welt, mein Schicksal, Gott, das Universum – es musste doch irgendeine Instanz geben, die ich für diese schreiende Ungerechtigkeit verantwortlich machen konnte! Stattdessen blieb ich äußerlich völlig ruhig, nahezu tiefenentspannt, es war ein Gefühl als ob ich zwei Wesen wäre, ein inneres, das schrie und ein äußeres, das schwieg. Ich starrte auf die Leiche der Fliege und hatte ein schlechtes Gewissen. Dann entdeckte ich einen Marmeladenfleck auf dem Tischtuch, ging in die Küche, holte ein feuchtes Tuch und versuchte den Fleck aus dem Tischtuch zu reiben. Aber es blieb ein verwischter roter Punkt zurück. Das erschien mir wie eine Metapher für das, was mir gerade passierte. Auch wenn ich noch so sehr versuchen würde, diesen Vertrauensbruch auszuradieren, es würde ein Rest zurückbleiben, der nie verschwinden würde. So wie die Flecken, die auch nach wiederholtem Waschen nicht mehr weggehen, zwar immer mehr verblassen aber wer weiß, wo der Fleck war, kann ihn auch sehen wenn nur noch eine Ahnung davon da ist.

Üben üben üben

Schreiben fällt nicht vom Himmel, wer schreibt, weiß das. Ich bin nicht die Disziplinierteste, deshalb bin ich dankbar für Anregungen, die meine Kreativität triggern und in mir etwas zum Fließen bringen. Das Wochenende mit Ingmar war sehr bereichernd und erkenntnisreich. Das, was in diesen zwei Tagen entstanden ist, muss jetzt durch die Mühle der Überarbeitung gedreht werden, manches wird die Schublade wohl nie verlassen. Durch Christiane von https://365tageasatzaday.wordpress.com bin ich auf die Seite von Jutta Reichelt gestoßen die freundlicherweise andere von ihrem Erfahrungsschatz profitieren lässt und regelmäßig Input zu Schreibübungen gibt. http://juttareichelt.com Ich habe also die Schreibanregung vom 18. Juni in mir herumgetragen und jetzt auch umgesetzt:

“Ist das alles?”

Wer sagt das – und zu wem? Und wo?

Hier nun das Ergebnis meiner Übung.

„Ist das alles?“ Ich schmierte mir Butter auf mein Brot und griff nach dem Marmeladenglas. Bertram war irritiert, das spürte ich ohne ihn anzusehen.
„Wie meinst du das, `ist das alles`?“ Bertram sah mich an so wie man ein seltenes Insekt betrachtet, verwundert, neugierig, vielleicht auch angeekelt. Er sezierte mich mit seinem Blick und ich sah mich durch seine Augen. Wie ich so dasaß, ein Bein auf den Stuhl hochgezogen, die Kaffeetasse in der Hand, die Haare ungekämmt, das T-Shirt zerknittert. Ich sah an ihm vorbei durch das Fenster, auf die welkenden Blätter des Eschenahorns, dessen Zweige sich nach dem Haus ausstreckten als ob sie es umarmen wollten. Es lag schon eine Ahnung des nahenden Herbstes in der Luft, ich konnte es riechen, es roch nach Vergangenheit, Sterben, Verwesung, obwohl sich vor dem Fenster ein neuer sonniger Tag ankündigte, der uns Sommer vorgaukelte. Ich lebe mit Bertram seit zwanzig Jahren zusammen, neunzehn davon sind wir verheiratet. Er war plötzlich neben mir gewesen, wie ein Wanderer, den man auf dem Weg trifft und dessen Rhythmus so gut zu dem eigenen passt, dass man problemlos nebeneinander gehen kann. Dessen Ziel dem eigenen gleicht, sodass man immer gemeinsam ankommt und glücklich ist. Unser Leben war ein gemeinsamer Pilgerweg, mit Höhen und Tiefen, manchmal leicht und beschwingt und manchmal hart und anstrengend. Immer waren wir angekommen. Wann war er abgebogen? Ich beobachtete ein Blatt, das vor dem Fenster langsam zu Boden segelte. Warum hatte ich nicht bemerkt, dass er nicht mehr an meiner Seite war? Ich spürte, wie ich langsam immer mehr in mich hineinkroch, ich zog mich zusammen wie ein Igel und suchte in mir selber Schutz. Ich war kraftlos, saß immer noch in derselben Position, konnte mich nicht bewegen und starrte geradeaus zum Fenster. Die Zeit dehnte sich aus während wir schweigend am Tisch saßen, ich spürte immer noch Bertrams Blick auf mir wie eine Berührung an der immer gleichen Stelle, unangenehm, lästig. Mein Verstand kämpfte um die Führung und trieb meinen Körper an, ich drehte mich langsam um und sah Bertram in die Augen. Das war ein Fehler, denn seine Augen waren immer das Tor zu meiner Liebe zu ihm gewesen. Bertram hat außergewöhnlich schöne Augen, grün, mit hellen Sprenkeln, die Iris umrandet von einem grauen Ring. Ich sah schnell weg, wie ein Lügner, den man ertappt hat, und suchte in mir nach der Wut, die in mir aufgestiegen war, als wir dieses Gespräch begonnen hatten. Verzweifelt klammerte ich mich an den Rest dieser Wut und schob sie nach vorne, an den Rand der Bühne, damit ich den zweiten Akt dieses Dramas beginnen konnte. In den Jahren unserer Ehe war ich immer die Eloquentere von uns beiden gewesen. Bertram konnte es rhetorisch nie mit mir aufnehmen, ich hatte ihn mehr als einmal in Grund und Boden geredet. Jetzt hatte er mich mit einem einzigen Satz in die Sprachlosigkeit geworfen, ich stocherte in meinem Kopf nach einer Entgegnung, suchte nach etwas, das ich sagen konnte und das mir dieses Gefühl von Überlegenheit wiedergeben könnte. Ich wiederholte den Satz, den ich ihm schon hingeworfen hatte, mein persönlicher Fehdehandschuh, in der Hoffnung, dass ihn das weiterhin irritieren würde und ich so nicht gezwungen sein würde, sofort in die Schlacht zu ziehen. Ich war einfach zu müde um zu kämpfen.
„So, wie ich es sage. Ist das alles?“
„Äh – ja,“ Bertram kam ins Stocken. „Nein, also – ja, das war alles.“
Ich beobachtete, wie die Marmelade an den Seiten des Brotes auf den Teller tropfte, nahm das Brot und biss hinein, obwohl ich keinen Appetit hatte. Es war ein klug kalkulierter Schachzug um meinem Gegner zu signalisieren, dass ich nicht am Ende war sondern mich völlig entspannt dem weiteren Kampf stellen würde. Die Marmelade war über meine Finger auf das weiße Tischtuch getropft, ich rieb mit meiner Serviette auf dem Fleck herum und es blieb ein verblasster roter Schatten zurück. Das war also geblieben nach zwanzig Jahren. Ein Theaterstück mit einem schlechten Dialog.
Er: „ Ich habe mich verliebt, sie ist die Liebe meines Lebens.“
Sie: „Ist das alles?“
Ich sah auf den blassen Schatten des Marmeladenflecks. „Der geht nie mehr raus,“ dachte ich.

 

what a difference a day makes

the photo of this weeks inspiring prompt comes from Sandra Crook

the photo of this weeks inspiring prompt comes from Sandra Crook

Sitting on the steps of the old amphitheatre, I hummed the melody of the song that marked the beginning of our lovestory. There was no shadow, I could feel the heat on my skin.

„Thank you guys, good job, it will be a fantastic premiere! “

The director was enthusiastic.

“You were all great, just memorize this rehearsal and replay it at 9:00 p.m. tonight!”

Some of them laughed, I watched the group leaving the wooden stage and tried to find out, which of the three women was the one who just ruined my marriage: Bianca, Emilia or Desdemona.

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