Abyss

Copyright – E.A. Wicklund

Copyright – E.A. Wicklund

ABYSS

Tom stood at the edge of the cliff and was so fascinated by the fight of two seagulls that he didn´t hear Dorothy coming.

“Trauma-overcoming” he had named this journey. Dorothy never wanted to rent a villa with pool, but as always she could not prevail.

“There is a cover for the pool”, he`d laughed, “I`ll swim and then close the cover, I swear!”

After they had found Tammy, Dorothy was stumbling through the garden, carrying the dead child in her arms.

“I didn`t want to come back,” she whispered.

The seagulls fluttered away frightened when the two bodies crashed on the beach.

103 words – and it was hard to get it down to 103!

Part of this story really happened in the villa next to us on Mallorca/Spain few weeks before we where there with our little son. Our landlord told us the mother stumbled through the garden with the child and was not able to accept that her little girl died.So in my head since then is the image of the  mother with the dead child in her arms and it never left me –   this story maybe was also for me a kind of Trauma-overcoming (this word I created because I could not find anything matching)

Believe!

three doors

„Make your choice carefully,“ the fairy said.

“The door you choose will make your destiny.”

“But – “

the prince stared confused at the three portals ,” none of them seems to lead anywhere –“

“Do you always just believe what your eyes tell you?” The fairy shook her head and both of them were covered with stardust.

“If you don´t feel your destination inside your heart you will never find the right way,” she whispered.

“Listen to your heart, prince, and believe – “

The fairy disappeared in a golden cloud and the prince walked slowly through the open door…

 

99 words this time….

already addicted to Friday Fictioneers – thanks for another inspiring prompt!

Rosa (2)

Rosa, eine kleine Blume, die Augen zwei blaue Tropfen in ihrem winzigen Gesicht. Barbara hat das Kind aus sich herausgepresst als ob es nichts mit ihr zu tun hätte. Es (das Kind) ist zu klein, sagt die Hebamme, es wird wohl die Nacht nicht überleben. Ihr müsst eine Nottaufe machen. Wilhelm, der Älteste,  ein stiller Beobachter, starrt auf das Kind, wartet, dass die Seele den kleinen Körper verlässt. Aber das Kind stirbt nicht. Barbara taumelt durch das Haus wie Treibgut im Meer, ziellos. Doch das neue Kind (Rosa) gedeiht trotz der fehlenden Mutterliebe. Schon jetzt scheint sie zu wissen, dass sie nur bekommt, was sie sich erkämpft. Sie weint ohne Unterbrechung bis Barbara sie wieder stillt.

Das Kind weiß was es will, sagt die Hebamme nach einer Woche. Rosa kämpft um ihr kleines Leben, mit nachdenklichem Gesicht (wie ein Stiefmütterchen) blickt sie in die Welt. Da ist die Mutter, deren Herzschlag sie kennt. Der Vater, dessen Stimme sie hört, und da ist Wilhelm. Der erste, der sie bei ihrem Namen nennt, Rosa. Alle anderen werden noch monatelang „das Kind“ sagen, wenn sie von ihr sprechen. Der Beginn ihres Lebens untrennbar verbunden mit dem Tod der älteren Schwester. Der Winter,  in dem sie geboren wurde, für immer der Winter in dem Maria starb.

Später wird man Rosa fragen, wie das war, damals in ihrer Kindheit. Und sie wird die Augen schließen und Wilhelm sehen. Seine dunklen Locken, seine starken Arme, das hellrote Zahnfleisch, wenn er lacht. Sie denkt an seine überstürzte Hochzeit, (weil Else schwanger war) Spätsommersonne, die Braut in schwarz, der Bräutigam in grau (Uniform). Heimaturlaub. Wie ein unsichtbares Band wob die Angst alle zusammen. Sie standen auf einem Teppich aus unausgesprochenen Gebeten, Verzweiflung und geahnten Katastrophen. Und sie wird wieder an diesen Frühlingstag denken (erste Sonne), als sie mit Wilhelms junger Frau (hochschwanger) vor dem Glaskasten am Rathaus steht, wo der Büttel die neuen Gefallenenlisten aufgehängt hat. Ihr Finger, der suchend die Liste entlangwandert, bis er auf Wilhelms Namen stehenbleibt. Wie sie erstarrt und ihren Finger nicht lösen kann von dieser Ansammlung falscher Buchstaben. Wie Else neben ihr aufschreit, zusammenbricht. Hände, die sie wegzerren von dem Kasten und ihr rechter Zeigefinger, immer noch ausgestreckt, wie ein Mahnmal. Wilhelm, ihr schöner Bruder, zerschossen in irgendeinem Schützengraben.

An diesem Tag entschied sich Rosa, wegzugehen.

Das Seminar (Die Schlange 5)

Anna schätzte das Alter des Unbekannten auf Ende Vierzig. In Gedanken machte sie eine Miniumfrage, nach dem Motto „Kreuzen sie das Zutreffende an“:

„Kein normaler Mann in diesem Alter ist allein, also trifft wahrscheinlich Punkt 3 zu. Es wäre also die Frage zu lösen, warum trägt er keinen Ehering? Mag er keinen Schmuck? Will er seinen Beziehungsstatus verbergen „ich rede schon wie ein Facebookprofil auf zwei Beinen“, dachte Anna und musste grinsen.

Anna war nicht unbedingt auf der Suche nach einem Mann, aber ein Flirt würde dem Seminar bestimmt ein bisschen Würze geben. Sie saugte am Strohhalm ihrer Latte Macchiato und sah verstohlen zum Nebentisch. Anna konnte einfach nicht anders, „Berufskrankheit“ pflegte sie zu sagen. „Das Hemd ist von van Laak, der Anzug könnte von Boss Black sein. Die Schuhe waren auf jeden Fall rahmengenähte Budapester, er hatte zweifellos Geschmack. Sie schielte unauffällig über den Rand ihrer Zeitschrift. Er war attraktiv, keine Frage, aber nicht zu perfekt. Anna hatte nichts übrig für die geleckten Typen, ein Mann mit Ecken und Kanten traf eher ihr Beuteschema. „Ein Kerl“ stellte sie fest.

Vielleicht war dieses Seminarwochenende gar nicht so verkehrt, wenn man hier solche Männer traf –

Der Unbekannte hatte seine Email beantwortet und wandte sich wieder Anna zu. Sie sah in ein paar graugrüne Augen, die mit hellen Sprenkeln durchsetzt waren.  Und als sie sich abwandte war ihr schon klar dass sie ein My zu lange in diese Augen geschaut hatte. „Darf ich mich vorstellen? Steffen Amberg:“ „Anna Stickel“ antwortete Anna. ´Er hat auch noch eine angenehme Stimme´ dachte Anna.

„Nett Sie kennenzulernen,“ sagte Steffen. „Was führt sie denn hierher? Das ist ja nicht gerade ein Wellnesshotel für ein erholsames Wochenende“, fuhr er fort. Anna musste ihm zustimmen, es war ein typisches Tagungshotel, pragmatisch und nüchtern eingerichtet, aber ohne Charme. Er lächelte Anna an. „Ich nehme hier an einem Seminar teil“ sagte sie,“ es beginnt in“ sie sah auf die Uhr, „genau einer Stunde.“ Wie hatte sich der Typ eben vorgestellt? Steffen Irgendwas  – Anna suchte in ihrer Tasche nach den Seminarunterlagen. Der Name war ihr irgendwie bekannt vorgekommen aber sie hatte keinen Zusammenhang hergestellt. Sie warf einen Blick auf die Liste der Referenten. Da stand sein Name, Steffen  Amberg, er moderierte das Seminar.  Es war seine Unternehmensberatung, die das Seminar durchführte. Wie peinlich – hätte sie doch mal die Unterlagen genauer durchgelesen.  Sie lächelte ihn mit ihrem unwiderstehlichen Lächeln an: „ Ich dachte eben, der Name kommt mir bekannt vor – Herr Amberg, sie halten das Seminar an dem ich teilnehme: „Führung und Magie“.

„Ich bin schon so gespannt“, Anna log ohne rot zu werden und wie erwartet sprang Steffen Amberg darauf an. Männer sind einfach gestrickt, sobald frau sie lobt ist das der Startschuss für einen Monolog. So war es auch jetzt. Anna bekam eine Kurzfassung der Seminarinhalte und deren Relevanz für die Allgemeinheit und Anna im Besonderen. Sie lehnte sich entspannt zurück und nutzte die Zeit um  Steffen Amberg ausführlich zu betrachten. Er gefiel ihr immer besser.

Das Seminar (Die Schlange 4)

Der Wind strich um Anna herum und spielte mit Haarsträhnen, die sich aus ihrem Pferdeschwanz gelöst hatten. Ärgerlich schob sie die immer gleiche Strähne hinter das rechte Ohr. Sie saß halb in der Sonne und genoss die warmen Strahlen. Ihre Haut war aufgeheizt und jedes Mal wenn wieder eine Windböe kam fröstelte sie. Ihr Latte Macchiato Glas war leer, sie wollte der Kellnerin winken aber die junge Frau beachtete sie nicht. Wieder zerrte der Wind am Sonnenschirm und an ihren Haaren. Anna war genervt, es wäre so ein schönes Sommernachmittag, wenn der Wind nicht wäre. Leider konnte sie dem Wind nicht die Meinung sagen aber die Kellnerin würde ihre Launen abbekommen wenn sie sich endlich mal an ihren Tisch bequemen würde.

Anna sah nach oben wo der Wind an den Stoffbahnen des Sonnenschirms zerrte und strich sich zum wiederholten Mal eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Der Wind nervt, nicht wahr?“

Anna sah von ihrer Zeitschrift auf und blickte sich um. Am Nebentisch saß ein Mann, der sie auffordernd ansah, so als wolle er sagen: sprich mit mir, es ist ja sonst keiner da mit dem du reden kannst! Spontaneität gehörte nicht zu Annas hervorstechenden Eigenschaften, sie durchdachte alles, was sie vorhatte, ganz genau. Sämtliche Varianten wurden durchgespielt, nichts wurde dem Zufall überlassen. Aber irgendetwas brachte sie dazu, diesem Fremden spontan zu antworten ohne sich die Worte vorher zurechtzulegen. „Ja, er nervt dieser Wind. Es wäre so ein schöner heißer Nachmittag –„

Anna ließ den Satz offen. Eigentlich hasste sie das, Menschen, die immer vage blieben, sich nicht klar bekannten, das Ende eines Satzes offen ließen oder SMS schrieben, die in Pünktchen endeten. „Weicheier“, pflegte sie zu sagen. „Können sich nicht entscheiden.“ Und jetzt sprach sie selbst so – sie räusperte sich und suchte nach einem sinnvollen Abschluss für ihren unvollendeten Satz, aber es wollte ihr nichts einfallen. Da sah sie die Kellnerin auf ihren Tisch zukommen und winkte hektisch. Endlich, sie hatte sie gesehen und steuerte quer über die große Terrasse auf Anna zu.

„Noch eine Latte Macchiato bitte,“ eigentlich hatte Anna in Gedanken die junge Kellnerin schon abgekanzelt, weil sie so unaufmerksam war aber sie wollte vor dem Mann am Nebentisch nicht zickig wirken. „Warum interessiert es mich, was er über mich denkt? Das ist doch völlig egal!“ Anna schüttelte unwillkürlich den Kopf. „Wollen Sie doch keine Latte Macchiato?“ Die Kellnerin sah Anna unsicher an.

„Nein, äh ich meine ja, bitte bringen Sie mir noch eine“ „Mir auch bitte“ warf ihr Tischnachbar ein.

Anna beobachtete ihn unauffällig. Sie nannte das „scannen“. So ein Scan dauerte vermutlich  nur Sekunden. Anna checkte ihr Gegenüber von Kopf bis Fuß und ihr Ergebnis war, ohne Uhr, etwa 900 Euro. War die Markenuhr echt, dann kamen noch einmal etwa 7000 Euro hinzu. Weiterhin ergab ihr Scan, dass er keinen Ehering trug.

Der letzte Eintrag

Mich erreichte die Nachricht in der U-Bahn auf dem Weg zur Friedrichstrasse. Der erste Gedanke, den ich hatte, war: jeder auf der Welt wird sich daran erinnern, wo er war als er das gehört hat. Wie bei 9/11.

Der Wagon war voll, aber ich hatte noch einen Platz ergattert. Neben mir saß eine junge Punkerin mit knallpinken Haaren. Plötzlich kam die Durchsage. Danach waren alle wie gelähmt. Die Zeit schien sich zu verlangsamen, Stille breitete sich  in dem Wagon aus wie ein klebriger Sirup, der in jede Ritze läuft und sich festsetzt. Vermutlich waren es nur Sekunden, die mir aber wie eine Ewigkeit vorkamen, bis die junge Punkerin das Schweigen durchbrach: „Wat war dat denn? Wolln die uns dissen oder wat?“

Als ob sie damit einen Startschuss gegeben hätte redeten plötzlich alle auf einmal. Eine Frau fing an zu weinen, der Mann links von mir betete. Ich wollte nur noch raus. Raus aus der Bahn, raus aus dem Tunnel, ans Licht. Dann würde sich schon alles aufklären.

Ich gebe zu, ich habe mir die Zukunft der Menschheit nie besonders rosig vorgestellt. Schon vor Jahren war mir klar, dass es schwierig werden würde auf diesem Planeten zu überleben, wenn die Menschen nicht endlich anfangen würden nachzudenken und ihren Umgang mit der Natur ändern würden. Doch die Weltuntergangsszenarien von 2012 waren nicht eingetroffen. In der Sylvesternacht haben wir auf 2013 angestoßen, Micha hatte ein Transparent gebastelt auf dem stand „Hurra wir leben noch!“. Und jetzt fuhr ich durch Berlin, allein unter Fremden, und musste diese Nachricht verdauen.

Als der Zug in den nächsten Bahnhof einfuhr, drängten alle zur Tür. Nicht nur ich wollte hier raus.

Ich musste doch mit Micha telefonieren, erfahren was hier los war. Auf dem Bahnhof herrschte pures Chaos. Hysterisch schreiende Menschen liefen durcheinander, jeder wollte zu den Treppen, die nach oben führten. Eingezwängt in der Masse die hinausdrängte, versuchte ich mein Handy aus der Tasche zu ziehen. „Netz überlastet“ zeigte es an. Jetzt spürte ich wie die Angst in meinen Magen kroch und sich nach oben durcharbeitete. Als sie in meinen Synapsen angekommen war liefen mir schon die Tränen über die Wangen.

Ich dachte an all das, was ich mir für meine Zukunft vorgenommen hatte. Ich wollte noch so viel erreichen, Dinge, die mir wichtig waren, voranbringen. Endlich einmal mich in den Focus stellen. Wir wollten ein Haus kaufen und aufs Land ziehen. Die ganze Hektik der letzten Jahre fiel mir ein. Wie eine Getriebene hatte ich mich zwischen Familie und Beruf aufgerieben und mir fest vorgenommen, das in Zukunft zu ändern. Ich musste hysterisch auflachen. Zukunft! Was für ein lächerliches Wort!

Kürzlich wurde ich auf einem Seminar gefragt, was ich tun würde, wenn ich wüsste, dass am nächsten Tag die Welt unterginge. Ich sagte, dass ich diesen letzten Tag mit den Lebewesen, Menschen und Tieren, die ich liebe, verbringen würde. Ich würde noch ein, zwei Dinge klären, abends bei einer Pizza und einem guten Rotwein den Tag ausklingen lassen und alles aufschreiben.

„Verbindungsfehler. Kein Netz“

Jeder will telefonieren, natürlich. Jeder, dem es so geht wie mir. Am letzten Tag der Welt, weit weg von denen, die du liebst. Jetzt sitze ich am Brandenburger Tor mit Hundertausend anderen, wir liegen uns in den Armen, trinken Champagner und warten auf das Ende. Es sieht aus wie in Woodstock, friedlich.

Verbindungsfehler.

Die Schlange (1)

Anna war Perfektionistin. Sie hatte so lange recherchiert bis sie alles über ihre vermeintliche Gegnerin herausgefunden hatte. Sie wusste, wo sie arbeitete, wie ihr Dienstplan aussah. Sie kannte ihre beste Freundin und war seit neuestem Mitglied im gleichen Fitnessclub. Sie buchte denselben Yogakurs.

Sie schlich sich behutsam und mit viel Geduld in das Leben dieser Frau, sie glitt hinein wie eine Schlange: lautlos und unbemerkt. Und wenn der richtige Zeitpunkt gekommen war, würde sie zubeißen. Und ihr Biss würde tödlich sein.

Ein seltsamer Brief

Ich habe eine Baustelle vor meiner Wortwabe. Es ist unerträglich. Nicht nur der extreme Lärm macht mir zu schaffen, ab und zu wackelt das ganze Haus als ob es gleich in die Baugrube stürzen wollte.

Konzentration fällt in so einer Situation nicht so leicht, aber ich kann nicht warten, muss schreiben, es muss jetzt heraus..

Ich schiebe lose Seiten zu einem Stapel zusammen um sie zu sortieren, da rutscht ein seltsames Papier heraus. Es sieht aus wie Pergament und riecht irgendwie – modrig. Die Buchstaben darauf sind tiefdunkelblau und verschwimmen vor meinen Augen.  Einen Moment lang habe ich den Eindruck, es wären griechische Buchstaben gewesen, aber jetzt sind es plötzlich lateinische Buchstaben in einer fließenden, schwungvollen aber deutlichen Handschrift.

„Es tut mir leid;“ steht da zu lesen,“  dass das Schicksal nicht gut genug aufgepasst hat. Dieser Pfeil hätte Sie nicht treffen dürfen. Aber Sie werden zu gegebener Zeit Ihrem Seelenpartner begegnen. Vertrauen Sie uns. Gezeichnet Tyche“

Ist das der Werbebrief einer neuen Sekte? Ich habe keine Ahnung, um welchen Pfeil es hier geht. Aber der Brief ist für mich, hier steht mein Name, ganz deutlich. Ich drehe das Papier von links nach rechts, rieche daran, es riecht als ob es in einer feuchten Höhle gelegen hätte und plötzlich zerfällt es vor meinen Augen.Staub wirbelt auf und ist verschwunden.

Wieder einmal muss ich mich kneifen, weil ich nicht sicher bin, ob ich wirklich bin oder nicht selbst auch eine Figur in einer Geschichte über – ja worüber eigentlich? Die Liebe?

Ananke spinnt den Schicksalsfaden (Zeus Teil 15)

La Liberté zwinkerte Zeus zu. Er stand mit einer langbeinigen Blondine vor ihrem Gemälde und hielt der jungen Dame, die an seinen Lippen klebte, einen weitschweifenden Vortrag über Delacroix und die Julirevolution 1830.

„Sie hört dir doch ohnehin nicht zu, “ begann La Liberté eine lautlose Unterhaltung mit Zeus.

„Ich weiß, aber ich doziere eben gerne,“ Zeus lächelte süffisant, “Vorher –“ er ließ den Satz offen. „Aber sie ist längst nicht so leidenschaftlich wie du, meine Liebe.“ Zeus grinste und kraulte seiner Begleiterin den Nacken. Sie schmiegte sich verliebt an ihn. „Zeus, du alter Schwerenöter“ La Libertés Mundwinkel zuckten. „Du bist einfach immer zur falschen Zeit hier –“

Zeus horchte auf: „Wie meinst du das?“ „Nun – “ La Liberté machte eine kleine kunstvolle Pause, „du musst nach Mitternacht kommen, Zeus. Dann kommen wir aus unseren Rahmen heraus und sind aus Fleisch und Blut. Wir könnten viel Spaß haben – “

Zeus traute seinen Ohren nicht. Konnte das sein? Ohne dass er, Zeus, davon gewusst hatte? Davon musste er sich selbst überzeugen. „Nach Mitternacht, sagst du?“ „Ja, bis zum Morgengrauen, dann müssen wir zurück in unsere Gemälde. Kommst Du?“ La Liberté lauerte auf eine Antwort. „Natürlich, das muss ich mir ansehen!“ „Schön, aber dann bring Hypnos mit, damit wir unsere Ruhe haben vor den Sicherheitsleuten, das ist manchmal etwas mühsam. Aber mit Hypnos Hilfe schlafen sie bis zum Morgen und können sich dann an nichts erinnern.“ „In Ordnung, dann bis heute Nacht, meine Schöne,“ Zeus warf La Liberté zum Abschied eine Kusshand zu.

„Warum machst du das?“ fragte seine Begleiterin beim Hinausgehen. „Ach weißt du, sie ist eine alte Freundin.“ Das Mädchen lachte als ob er einen besonders lustigen Witz gemacht hätte. Sie  hatte ja keine Ahnung, wer ihr Begleiter war…

Im Olymp beobachtete Ananke zufrieden die Szene im Louvre und spann ihren Schicksalsfaden. „Es ist Zeit Hypnos zu rufen,“ sagte sie zu Tyche, die sofort aufstand um die Anweisung ihrer Mutter zu befolgen.

Hypnos wirkte auf sein Gegenüber immer irgendwie einschläfernd. Aus halbgeöffneten Augen sah er jeden träge an und sofort musste man gähnen. Er wirkte zwar schläfrig, war aber in Wirklichkeit hellwach. Er konnte jeden zum Einschlafen bringen, nicht nur seine Gegenwart verfehlte  ihre Wirkung nicht, es stand ihm auch eine große Auswahl diverser Schlaftränke zur Verfügung. Vom leichten Mittagsschlaf bis zum todesähnlichen Zustand konnte er alles anbieten. Sein berühmtester Trank war der, den Julia einst verabreicht bekam. Wie diese Geschichte ausging, ist ja allseits bekannt.

Als er zu Ananke gerufen wurde, wirkte er äußerlich zwar völlig tiefenentspannt aber in seinem Inneren schrillten sämtliche Alarmglocken. Er konnte sich denken, warum sie ihn sprechen wollte. Die Sache mit Eros war herausgekommen. Hypnos machte sich auf eine Gardinenpredigt gefasst.

„Hypnos, du weißt, warum du hier bist.“ begann Ananke. „Du hast dich an einer Intrige beteiligt, die Ausmaße angenommen hat, die nicht sein dürfen.“ Hypnos lief rot an und trat verlegen von einem Bein auf das andere. “Ihr habt in das Schicksal eingegriffen, das steht euch nicht zu. Du musst zusammen mit Eros die Dinge wieder ins Reine bringen. Hier ist deine Aufgabe.“ Ananke erläuterte Hypnos, was er zu tun hatte. Hypnos war erleichtert, das sollte nicht allzu schwer werden, wenn das die ganze Strafe war, wäre er ja nochmal davongekommen.

Doch Ananke war noch nicht fertig. „ Da du ja so gerne deine Macht demonstrierst, wirst du ab sofort genau das nicht mehr tun. Du sagst deine Meditationskurse bis auf weiteres ab.“

Hypnos starrte Ananke an, senkte aber sofort den Blick. Niemand, nicht einmal Zeus konnte in das Dunkel des Gesichts blicken, in dem nichts zu erkennen war, dessen unsichtbare Augen jedoch jeden mitten ins Herz trafen. Ausgerechnet sein Meditationskurs, in dem ihm die schönsten Frauen im Olymp zu Füßen lagen, sprichwörtlich. Das war wirklich eine harte Strafe, Ananke wusste genau was sie tat. Aber Hypnos wagte nicht, zu widersprechen, machte eine kleine Verbeugung und beeilte sich, aus der Höhle des Schicksals zu verschwinden.

Ananke war zufrieden. Die Dinge entwickelten sich ganz in ihrem Sinne.

Eros bekommt eine Aufgabe (Zeus Teil 14)

Eros war direkt der Schicksalsabteilung unterstellt. Regelmäßig bekam er Listen mit den Namen der Sterblichen, die auserwählt waren, von einem seiner Pfeile getroffen zu werden. Heute sollte er zu Ananke selbst kommen. Sogar für einen so unbekümmerten Jungen wie Eros hatte ein Besuch bei der großen Herrin über alle Schicksale etwas Beängstigendes. Er beeilte sich, ihrem Ruf zu folgen und fand sich pünktlich in der furchteinflößenden dunklen Höhle ein.

Ananke nahm seine Verbeugung mit einem Kopfnicken zur Kenntnis und legte den Pfeil, den Hera ihm gestohlen hatte, vor ihn hin.

„Weißt du, woher dieser Pfeil kommt, Eros?“

Eros sah, dass es einer seiner Pfeile mit Goldspitze war und bekam eine Gänsehaut. Der Traum, dieser seltsame Traum –  Er wollte antworten aber Anankes Gegenwart verfehlte auch bei ihm ihre Wirkung nicht und er gab nur ein Krächzen von sich. Er räusperte sich und sah dorthin, wo er Anankes Augen vermutete, doch obwohl er sie nicht sehen konnte, musste er den Blick senken.

„Nein, Ananke, große Göttin, ich weiß es nicht.“ Eros zögerte einen Moment. „ Aber ich hatte einen seltsamen Traum – Hera war bei mir und stahl mir zwei Pfeile – einen mit goldener und einen mit bleierner Spitze. Als ich erwachte konnte ich mich daran erinnern als ob es Wirklichkeit gewesen wäre, aber es war so verrückt, deshalb war ich überzeugt, es wäre ein Traum gewesen – “ Eros schwieg.

„Es war kein Traum, Eros. Hera hat dir diese Pfeile gestohlen, einen hat sie selbst abgeschossen in die Welt der Sterblichen. Du hast nicht gut genug aufgepasst, Eros. Du weißt, dass du die Verantwortung für deine Pfeile trägst und sie gut bewachen musst.“ Ananke sah Eros streng an.

„Ja aber – „ Eros zögerte einen Moment „ich weiß nicht, was passiert ist. Ich muss betäubt worden sein, denn wenn ich schlafe verschließe ich die Pfeile und dieses Schloss kann niemand öffnen.“

„Ich weiß, Eros, Du bist immer sehr pflichtbewusst gewesen. Hera hat dich mit Hypnos Hilfe betäubt. Hypnos wird dafür bestraft werden. Aber wir müssen die Sache mit dem Pfeil in Ordnung bringen. Er muss abgeschossen werden und du musst das übernehmen. Es wird keine leichte Aufgabe, denn der, den du treffen sollst, ist – “ Ananke winkte Eros näher und schrieb einen Namen auf ein Stück Pergament. Sie reichte Eros das Papier, er wurde blass.

„Das kann ich nicht, Ananke. Nicht ihn!“

„Du musst es tun, Eros. Du wirst einen Weg finden. Tyche wird dir Ort und Zeit mitteilen.“

Ananke bedeutete Eros mit einer Handbewegung, dass die Besprechung zu Ende war. Eros verbeugte sich und verließ schnell den Raum.

Der zweite Pfeil (Zeus Teil 13)

Hera legte den Pfeil mit der Goldspitze in den Bogen ein. Sie spannte die Sehne doch dann zögerte sie und ließ den Bogen wieder sinken.

„Das ist eine gute Entscheidung, Hera,“ Tyche war so plötzlich neben Hera aufgetaucht, dass diese heftig zusammenzuckte.

„Tyche –“  Hera wusste nicht recht, was sie sagen sollte.

„Gib mir den Pfeil, Hera. Du hast schon genug Schaden angerichtet.“

Hera nahm den Pfeil aus dem Bogen und reichte ihn schweigend an Tyche weiter.

„Was wirst du jetzt damit machen?“ fragte sie.

„Das liegt nicht in meiner Macht, Hera. “ und Tyche verschwand so plötzlich wie sie gekommen war. Hera blieb alleine zurück und fragte sich, warum sie sich überhaupt auf dieses Spiel eingelassen hatte. Sie war verletzt und wütend gewesen wegen Zeus, aber das war nichts Neues. Die Hoffnung, dass Zeus sich je ändern würde, war vergebens und Hera beschloss, nicht mehr darüber nachzudenken sondern einfach weiterzumachen wie bisher. Sie ging wieder in ihr Büro, checkte ihre zahlreichen To-do-Listen und versuchte, nicht mehr an Zeus, die Pfeile und Artemis zu denken.

Tyche war in der Zwischenzeit in der dunklen Höhle des Schicksals angekommen und legte Ananke den Pfeil zu Füssen. Selbst für Tyche, die ständig mit Ananke zu tun hatte, war diese furchteinflössend. Eine dunkle große Gestalt, die substanzlos schien und doch eine Schwere verströmte, die jeden, der in ihre Nähe kam, lähmte.

„Danke mein Kind,“ Ananke schien Tyche in die Augen zu blicken, aber da ihr Gesicht im Dunkeln lag, konnte Tyche, den Blick nur erahnen. „Du kannst gehen“.

Tyche beeilte sich aus dem Dunkel ins Licht zu kommen und Ananke sah sinnend auf den Pfeil. Dann rief sie Eros zu sich.

Wehmut

Ich bin heute ein bisschen wehmütig in meiner wortwabe, weil die Sache mit Zeus ein so anderes Ende genommen hat als ich das geplant hatte. Irgendwie haben sich meine Gefühle für ihn in weniger als Nichts aufgelöst. Die ganze Geschichte wird sich jetzt dem Ende zu neigen, unweigerlich. Wie immer steht eigentlich alles fest und kommt dann doch anders als geplant. Warum das so ist kann ich nicht erklären aber die Figuren machen eben teilweise, was sie wollen und ich kann scheinbar nichts dagegen tun. Jetzt hat ohnehin Ananke die Sache in die Hand genommen und ich bin gespannt wie es ausgehen wird. Wie immer weiß ich nicht genau, ob ich schreibe oder geschrieben werde –

Der erste Pfeil trifft

Manchmal sind kleine Verletzungen unglaublich schmerzhaft. Ich habe mir am linken Zeigefinger bei einer ungeschickten Bewegung ein Stückchen Haut gequetscht und abgerissen. Geblieben ist eine kleine kreisrunde Wunde, die aussieht, als hätte man mir ein Stück Haut heraus gestanzt.

Jetzt muss ich den Stift ganz verkrampft halten, damit ich diese kleine wunde Stelle nicht berühre.

„Soll ich ihre Wunde heilen?“ Da ist er wieder. Die Doppeldeutigkeit seiner Worte scheint Zeus nicht bewusst zu sein. Von diesem anderen Schmerz ahnt er ja offensichtlich nichts. Auch ein allwissender Gott kann nur das fühlen war er selbst kennt, schießt es mir durch den Kopf. Und diese Gefühle kennt er ja nicht.

Er lächelt mich mit seinem unergründlichen Lächeln an. In seinen grünen Augen sind kleine helle Sprenkel.

„Nein danke,“ ich versuche locker zu bleiben, „Das wird schon wieder, halb so schlimm.“

Ich tue so, als wäre ich beschäftigt und versuche ihn nicht zu beachten.

„Warum sind sie denn heute so abweisend, meine Liebe?“ Seine Stimme fließt direkt in mein Herz und breitet sich dort aus, kriecht dann in jede Pore und transformiert sich zu einer so tiefen Sehnsucht, dass ich vor Schmerz die Luft anhalte. Ein Teil meines Ichs ist sich bewusst, dass all das, was ich spüre, nur eine Projektion meiner Fantasie ist. Der andere Teil ist gefangen in dieser Sehnsucht, die mich wie mein eigener Herzschlag durch den Tag begleitet.

Vielleicht ist die Dimension, in der ich mich mit meiner Figur befinde, real und die vermeintliche Realität ist nur eine Illusion?

Während ich die Möglichkeiten abwäge spüre ich einen schmerzhaften Stich in der Brust. Für einen Moment halte ich die Luft an. Ich fasse mich ans Herz, aber da ist nichts. Ich fühle mich plötzlich seltsam leer, als ob man mir etwas genommen hätte, an das ich mich nicht mehr erinnern kann, aber ich weiß dass es da war.

Ich bin allein in meiner Wortwabe und frage mich ob ich wohl eine  Figur bin in der Geschichte eines anderen – bin ich aus Fleisch und Blut? Ich bin nicht sicher.

Bad News (Zeus Teil 7)

Hera betrachtete die beiden Pfeile. Sie spielte in Gedanken verschiedene Szenarien durch. Der Pfeil könnte Zeus treffen wenn er bei einer Sterblichen war und Hera würde anschließend dafür sorgen dass die Sterbliche von dem anderen Pfeil getroffen wurde, dem mit bleierner Spitze. Das würde ihre Liebe zu Zeus sofort im Keim ersticken und er würde bei ihr ins Leere laufen. Er wäre nicht mehr in der Lage eine andere Frau zu lieben und würde mit gebrochenem Herzen dieser Einen nachlaufen –

Moment. Keine gute Idee – denn wenn Zeus dann keine andere Frau mehr lieben könnte, dann könnte er auch sie, Hera, nicht mehr lieben.

Also dann doch lieber den Pfeil abschießen, wenn er bei Hera im Olymp war – aber dann hätte sie einen liebeskranken Zeus an ihrer Seite, der sie mit der ganzen Leidenschaft, zu der er fähig war, belagern würde. Auch nicht gut. Sie war jetzt schon so lange daran gewöhnt, ihre Zeit selber einzuteilen und nach ihren Vorstellungen zu leben, dass sie sich eine derartige Symbiose nicht mehr vorstellen konnte.

Während Hera sich in diesen Planspielen erging öffnete sich die Tür zu ihrem Büro. Hera sah auf: „Tyche – du?“

Hera spürte wie sich die Haare auf ihren Unterarmen aufstellten. Tyche war eine Tochter des Zeus und zuständig für das Schicksal. (Tyche ist die Göttin des Schicksals, der glücklichen (oder bösen) Fügung und des Zufalls Anm. aus der wortwabe)

Sie hier zu sehen war kein gutes Zeichen.

Tyche ging langsam auf Hera zu. Ihre tiefdunkelblaue Toga bildete einen extremen Kontrast zum strahlenden Weiß des Raumes. Über ihrem Kopf trug sie einen ebenso dunklen Schleier aus zartem Organza. Sie schlug den Schleier zurück und ihre Augen blickten Hera direkt ins Herz.

„Was ihr vorhabt verstößt gegen alle Gesetze, Hera. Ananke hat davon erfahren. Sie wird eine solche Einmischung von euch nicht akzeptieren. Nehmt euch in acht.“ (Ananke ist in der griechischen Mythologie die oberste Schicksalsmacht, der selbst die Götter gehorchen müssen, Anmerkung aus der wortwabe)