ABC Etüden 36/37.21

Nach längerer Pause will ich endlich mal wieder eine Etüde abliefern – man sollte sich nicht so vom Alltag vereinnahmen lassen, mehr Disziplin, Baby! Schaun mer mal wie es läuft im Herbst…in dieser Runde bin ich jedenfall dabei. Die Worte für die Etüdenwochen sind

Schlick/putzen/omiinös,

die Wortspende kommt von Ludwig Zeidler, der die Etüden erfunden hat. Seit Jahren schon werden sie von Christiane gehostet

abc.etüden 2021 36+37 | 365tageasatzaday

Wer mitschreiben will, der Link führt euch direkt zur Schreibeinladung. https://365tageasatzaday.wordpress.com/2021/09/05/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-36-37-21-wortspende-von-ludwig-zeidler/

Hier also meine Etüde, 300 Wörter ohne Titel

Seemann und Schlick

Sein Name war Schlick, Bernhard Schlick. Mein Job war es, sein Büro zu putzen, das seiner Sekretärin, Frau Seemann, und das seiner Abteilung. Frau Seemann und Herr Schlick, das entbehrte nicht der Komik. Ich wusste, dass der verheiratete Bernhard Schlick mit der attraktiven Blondine ein Verhältnis hatte. Frau Seemann liegt im Schlick, sozusagen. Ich kicherte in mich hinein und schob meinen Wagen durch den Gang. Wenn ich kam, lag die ganze Mannschaft sicher noch im Bett, wenn ich ging, waren die Büros immer noch leer. Ich war schnell, und trotzdem gründlich. Schnell genug, um den einen oder anderen Blick auf Fotos zu werfen, die auf den Schreibtischen standen, in Schubladen zu blicken oder hinter die Aktenordner in den Schränken.  Es war erstaunlich, was man alles fand. In der letzten Ecke von Marina Seemanns unterster Schreibtischschublade lagerte immer ein größerer Vorrat von Kondomen, unter Post-Its versteckt. Es deutete alles darauf hin, dass die beiden Sex im Büro hatten. Ich stellte mir vor, wie Bernhard seine Frau anrief, sie hieß übrigens Isabell. Das Foto von Isabell und den Kindern stand auf Bernhards Schreibtisch. `Schatz, leider wird es heute später, ich muss da noch dieses Projekt abschließen – ` Vielleicht sollte ich Isabell mal einen Tipp geben? Irgendeine ominöse Nachricht schicken mit einem kryptischen Text, so etwa in der Art von „gehen Sie doch mal zu Ihrem Mann ins Büro wenn er Überstunden macht, Sie werden überrascht sein“.  Der Gedanke ließ mich nicht mehr los, ich musste es einfach tun. Und dann nahm die Katastrophe ihren Lauf. Und ich bin schuld. Seit Stunden sitze ich jetzt hier und versichere den Beamten, dass ich schuld bin. Sie nehmen mich nicht ernst. Es könne gar nicht sein, dass ich Marina Seemann erschossen hätte, völlig ausgeschlossen, sagen sie. Sie verstehen es einfach nicht. Ich bin schuld.

Maria mag Mehlwürmer

Seit sechs Jahren ist meine Schreibwoche bei Jutta Reichelt ein fester Bestandteil des Sommers für mich. DIe kurze Woche in der Freudenburg in Bassum fühlt sich immer länger an, als sie tatsächlich ist. Trotzdem kann ich es kaum fassen, dass es heute Donnerstag ist und ich morgen schon wieder nach Hause fahren muss.

Gestern erzählte Jutta, dass sie sich manchmal, wenn sie nicht einschlafen kann, Alliterationen ausdenkt. Ich fand das interessant und dachte, das probiere ich mal aus. Offenbar war allerdings mein Wortreservoir nach einem schreibend verbrachten Tag ausgeschöpft und die Ideen, die ich hatte, waren wenig inspirierend. Zumal ich dann auch nicht mehr sicher war, was nun eine Alliteration ganz genau ist. Frau Google hat es mir erklärt. Eine Alliteration ist, wenn zwei oder mehr Worte mit demselben Buchstaben beginnen. Wenn allerdings alle Wörter im Satz mit demselben Buchstaben beginnen, dann ist es ein Tautogramm. Ich erinnerte mich daran, dass ich das irgendwann einmal gelernt und wieder vergessen hatte. Das, was ich mir ausdenken wollte, war also ein Tautogramm. Sinn dieser Übung sollte sein, dass sich daraus Inspirationen für neue Geschichten ergeben. Ich dachte nach und das einzige, was mir einfiel, war: Maria mag Mehlwürmer. Warum mag sie Mehlwürmer? Und wer ist diese Maria überhaupt? Eine Schiffbrüchige, die auf einer Insel landet, auf der es nur Mehlwürmer gibt? Eine Amsel namens Maria, die keine Lust mehr auf Regenwürmer hat? Eine Wissenschaftlerin, die Tierversuche mit Mehlwürmern ablehnt? Alles unbrauchbar. Nächster Versuch. Maria mordet mittelmäßig. Warum eigentlich immer Maria? Aber abgesehen davon, kann ich mit Maria mordet mittelmäßig schon mehr anfangen. Eine Auftragskillerin in der Ausbildung, der man bescheinigt, dass sie nur mittelmäßig mordet und die deshalb keine Aufträge bekommt. Kann man sich als Auftragskiller arbeitslos melden? Was macht sie ohne Aufträge? Eine Weiterbildung? Sommerakademie für Auftragskiller? Okay, ich sehe es ein. Auch keine wirklich zielführende Idee. Neuer Versuch. Andrea arbeitet auswärts. Langweilig. Uwe untersucht Unterhosen. Schon besser, aber da geht sicher noch mehr. Ich gebe nicht auf, irgendwann muss doch der große Wurf dabei sein, die zündende Idee. Irmelin irritiert Ingeborg. Ich stelle mir zwei alte Damen vor, die eine Alters-WG gegründet haben und ihr geregeltes Leben mit Gesundheitsschuhen und Kurzhaarfrisur führen. Eines Tages nimmt Irmelin für den jungen Mann, der mit seiner Freundin in der Mansardenwohnung wohnt, ein Päckchen an. Die Paketboten wissen, dass die beiden Damen immer zuhause sind und klingeln immer erst bei Irmelin und Ingeborg, denn die wohnen im Erdgeschoß und dann muss der Bote nicht auch noch eine Treppe hochgehen. Irmelin hat gar nichts dagegen, denn ihre Neugierde ist zu groß. Sie studiert die Absender und macht eine Strichliste zur Dokumentation, wer wann wie oft Pakete bekommen hat und von wem. Wenn du Spaß daran hast, Irmelin, meinetwegen. Ich persönlich finde das ja etwas übergriffig, um ehrlich zu sein. Ingeborg tut etwas pikiert und zieht eine Braue hoch, aber sie lässt es sich dennoch nicht nehmen, ab und zu einen Blick auf Irmelins Liste zu werfen. Alles geht seinen gewohnten Gang bis zu jenem verhängnisvollen Tag, als der junge Mann aus der Mansardenwohnung ,sein Paket abholt und Irmelin eine Dose mit Keksen schenkt.  Als Dankeschön! Selbstgebacken, ehrlich! Fügt er hinzu. Irmelin probiert einen Keks, fischt ihn mit spitzen Fingern aus der Dose und knabbert ein kleines Stück ab. Der schmeckt ja richtig gut, denkt sie und isst den Keks auf. Sie lässt die Dose in ihrem Zimmer verschwinden, teilen will sie nicht.. Eine halbe Stunde später fängt sie an zu singen. Dann beschließt sie kurzerhand, zum Frisör zu gehen, völlig außer der Reihe und ohne Termin und nicht zu ihrem Stammfrisör. Sie weiß selbst nicht, welcher Teufel sie reitet als sie den chaotischen kleinen Laden in Mitte betritt, aber irgendwie fühlt es sich gut an. Heraus kommt sie mit pink gefärbten Haaren und anrasierten Seiten und hat einen neugründeten Oma Irmelin Fanclub. Hast du die Oma gesehen, die sich bei Atze die Haare färben lassen hat? Echt Krass Alter, voll pink ey. Irmelin fühlt sich großartig, endlich dreht sich mal wieder jemand nach ihr um, das ist schon seit dreißig Jahren nicht mehr passiert. Als sie wieder vor dem Haus steht, in dem sie mit Ingeborg wohnt, stellt sie fest, dass sie keinen Schlüssel dabei hat. Sie klingelt Sturm und Ingeborg schimpft durch die Sprechanlage. Ich bins, Ingelein, ruft Irmelin, lass mich re-ein! Der Türöffner summt und Irmelin geht singend an den Briefkästen vorbei, den Flur entlang zu ihrer Wohnung, wo Ingeborg sie an der Tür erwartet. Als sie Irmelin mit pinken Haaren auftauchen sieht, fällt sie fast in Ohnmacht. Zur selben Zeit ruft in der Mansardenwohnung die Freundin des jungen Mannes, ich nenne ihn mal Finn, und wie nenne ich das Mädchen, Moment, ich habs gleich, Olivia, genau. Also Olivia ruft: Finn, wo ist meine Keksdose?

Finn: Welche Keksdose?

Olivia: die mit den Haschkeksen.

Finn: Oh Shit.

ABC Etüden KW 16/17

Ich melde mich zurück aus dem Schreibuniversum – dieses Jahr war ich schon richtig fleißig, aber halt in diversen Projekten und nicht hier auf dem Blog. Heute habe ich die geschenkten Wörter als Inspiration für einen kleinen Text für ein geplantes Projekt genutzt .Vielleicht wird daraus mal eine Szene, mal schauen.

Für alle, die die ABC Etüden nicht kennen: 3 Wörter sind in einer Geschichte mit maximal 300 Worten einzubauen.

Christianes Blog ist die Anlauf-und Sammelstelle für alle Etüden, hier könnt ihr auch die Schreibeinladung für die Kalenderwochen 16 und 17.2021 nachlesen. Die drei gespendeten Worte für diese Schreibwoche sind Pfanne, glücklich, trennen. Gestiftet wurden sie von DOROIARTabc.etüden 2021 16+17 | 365tageasatzaday

Schlimmer geht immer

Elle schlug in dem kleinen Schwarzwaldstädtchen Oberwalden auf wie ein Meteorit, und ähnlich verheerend waren die Spuren, die sie hinterließ. Ihre Jahre als Model und später als Fotografin der Schönen und Reichen hatten sie um die ganze Welt geführt, warum sie in ihre Heimatstadt zurückgekehrt war, verstand niemand. Ihre Affäre mit dem jungen Bürgermeister hatte diesen seine Ehe und die Wiederwahl gekostet, Elle jedoch schüttelte sich nur und lebte ihr Leben weiter. Es war ihr nicht leichtgefallen, sich von Tobias zu trennen, aber so glücklich sie miteinander waren, ein verheirateter Mann, zudem noch fünfzehn Jahre jünger, war langfristig nichts für sie. Sie rührte gedankenverloren in der Pfanne, als sie jemanden an der Wohnungstür hörte. „Mechthild, bist du das?“ Mechthild rief kurzatmig „Ja-ha!“, fegte zur Tür herein und sank auf einen Stuhl. „Ich bin völlig fertig“, schnaubte sie. „Du glaubst nicht, was passiert ist, ein Wunder, dass ich nicht ohnmächtig geworden bin!“ Elle verdrehte die Augen und wartete ab, was ihre, zu Melodramatik neigende, Freundin jetzt wieder zu erzählen hatte. „Schieß los“, sagte Elle und schenkte Mechthild ein Glas Prosecco ein. Mechthild seufzte, nahm einen Schluck Prosecco und sagte dann: „Bevor ich dir sage, was passiert ist, musst du dich hinsetzen.“ Elle lachte. „Echt jetzt? So schlimm kann es nicht sein, es handelt sich ja wohl nicht um Mord!“ Mechthild fing an zu schluchzen. „Doch, Elle, Mord!“ rief sie. „Der Wallner wurde erschossen! Ich hab` ihn grade gefunden!“ „Du hast was?“ „Ich habe grade den toten Wallner im Ferienhaus entdeckt!“ „Du hast doch die Polizei gerufen?“ Elle schwante Böses. Sie kannte ihre naive Freundin. „Aber nein, ich bin gleich zu dir gekommen!“ kam prompt die Antwort, die Elle befürchtet hatte. „Was sollen wir denn jetzt machen, Elle?“ „Wir?“ fragte Elle. „Warum wir?“ „Aber“, Mechthild schluckte, „er liegt doch in deinem Ferienhaus!“

Sortieren, sichten, ablegen

Heute hat es mich mal wieder erwischt – ich habe endlich die unmotoviert und ohne Titel abgelegten Dateien gesichtet. Splitter von Geschichten, Gedanken, Erinnerungen. Irgendwann aufgeschrieben und einfach mal in einem allgemeinen Ordner abgespeichert. Manches Jahre alt und noch nie geöffnet. Bis heute. Es ist spannend, wie sich Dinge anfühlen in der Gefühlswelt meiner aktuellen Wirklichkeit. Wie sehr sie mich einerseits noch berühren, aber andererseits auch nicht, weil die Dinge sich geändert haben. Vielleicht ist das ja auch das Tröstliche am Liegenlassen oder Vergessen der alten Geschichten. Irgendwann kommt eine Zeit, in der der Himmel blau ist, egal wie stürmisch die See war.

19. Dezember 2014

Es gibt globale Katastrophen, an die erinnert sich jeder. Man kann Menschen auf der Straße fragen, wo sie waren, als sie von den Anschlägen auf das World Trade Center gehört haben oder von den Ausmaßen des Tsunami 2004. Mit den privaten Katastrophen verhält es sich ebenso. In meinem Kopf ist das Bild einer Satellitenaufnahme der Erde aus dem Weltraum, ein Zoom, der sich auf einen Punkt richtet, der immer mehr vergrößert wird und ich sehe mich am Ende selbst in meinem eigenen Wohnzimmer sitzen, am Tisch, meinem Mann gegenüber, als er mir verkündet, dass er die Liebe seines Lebens kennengelernt hat. Dieser Tag, der in mein Bewusstsein eine so tiefe Kerbe geschlagen hat, dass ich sicher bin, sie wird sich nie mehr schließen, ist mir so präsent als wäre es gestern gewesen. Es gibt wenige Ereignisse in meinem Leben, die in der Erinnerung einen solchen Schmerz auslösen. Eines davon ist der Tod meines Vaters, ein anderes der Schlaganfall meiner Mutter und dessen Folgen. Ich beobachte diesen Schmerz, registriere seine Auswirkungen mit den Augen eines erstaunten Beobachters. Ich spüre, wie sich eine Klammer um mein Herz legt, so dass es aus Panik wie wild zu schlagen beginnt und ich Atemnot bekomme. Ich höre mein Blut rauschen, wenn ich einschlafen will. Ich taumle durch die Tage und komme nicht zur Ruhe. Der Schmerz hat sich in mir eingenistet und es sich bequem gemacht und er bekommt jedes Mal neue Nahrung, wenn mein Mann kommt, ein paar Tage bleibt, ohne wirklich da zu sein, und dann wieder geht. Meine Freunde verstehen mich nicht.

„Warum schmeißt du ihn nicht raus?“ fragen sie.

„Wo soll er denn hin?“ frage ich zurück.

„Das muss doch jetzt nicht mehr deine Sorge sein,“ antworten sie.

Aber ich habe mich doch siebzehn Jahre um ihn gesorgt, denke ich. Das kann ich doch nicht einfach so abstellen wie ein Radio. Ich kann doch die Gefühle nicht abdrehen, ihn ansehen und plötzlich nichts mehr empfinden. Wie soll ich das anstellen? Wie soll ich verhindern, dass immer wieder Bilder in mir aufsteigen? Von unserer Hochzeit, von der Geburt unseres Sohnes, gemeinsamen Urlauben, gemeinsam durchlebten „guten und schlechten“ Tagen. Also habe ich diese private Katastrophe, den Terroranschlag auf meine Seele, eingeordnet in meiner Biographie. Oktober 2013. Ein Freitag. Es war nicht der dreizehnte, aber es hat sich so angefühlt. Der private Tsunami meines Lebens ist über mich hereingestürzt und seither werde ich immer wieder weggespült, aus der Bahn geworfen. Die Welle kommt und kommt, immer wieder. Kaum habe ich ein bisschen Boden unter den Füßen haut sie mich wieder um. Es ist nicht nur mein Schmerz, den ich fühle, ich fühle auch den Schmerz meines Kindes. Und dessen geballte Wut auf diese neue Situation mit den getrennten Eltern trifft mich mit voller Wucht, jeden Tag. Manche Tage sind stumm, da lauert die Katastrophe nur hinter den Türen, an anderen Tagen da zeigt sie sich, bläst sich auf und zielt mit ihren Waffen auf uns. Die Ohnmacht, die ich spüre, raubt mir manchmal den Atem, ich versuche Luft zu holen, mich zu befreien, aber es gelingt mir nicht. Fünf Tage bis Weihnachten. Die Katastrophe strebt auf einen neuen Höhepunkt zu. Ich spüre, wie sich die Welle aufbaut. Sie wird uns verschlingen.

abc Etüden 03.04.21 Morgenritual

Die Wortspende von blaupause7 gibt die Worte

erschüttern, orange (die Farbe, nicht die Frucht) Lautsprecher

vor. Die Regeln für die Etüde sind, diese 3 Wörter in einer Geschichte mit maximal 300 Worten zu verpacken. Ich wurde von Christianes Etüde inspiriert.https://365tageasatzaday.wordpress.com/2021/01/26/morgenskizze-mit-felltraeger-abc-etueden/

Christiane kümmert sich auf ihrem blog https://365tageasatzaday.wordpress.com/ mit viel Hingabe und Enthusiasmus um die Etüden und jeder ist eingeladen, mitzumachen!

Morgenritual (frei nach Christiane)

Heute fühlt sich mein Tag leider nicht orange an, sondern so wie der Himmel, milchigweiß. Es schneit immer noch. Als ich die Haustür öffne um Stiefel hereinzulassen, beschwert er sich wie erwartet, weil ich nicht früher aufgemacht habe. Stiefel ist verwöhnt, er weiß, dass er jetzt erstmal mit einem Handtuch abgetrocknet wird, Rücken, Bauch und alle vier Pfoten und legt sich freiwillig hin. Während ich ihn trockenreibe motzt er weiter. Ich lege das Handtuch in den Korb und sage „Hopp, geh hoch!“ und er trabt folgsam die Treppe hoch. Ich bilde mir ein, er ist beschwingt, weil er mir erstens die Meinung gesagt hat und ich ihm zweitens den Pelz massiert habe. Ich ergebe mich in die Rolle des Hauspersonals und fülle seinen Napf. Während er mampft koche ich mir meinen Kaffee, schäume Milch auf und gehe dann mit der Kaffeetasse hinunter in den Keller, zur Tür in den Garten. Wenn es trocken ist setze ich mich auf die Stufen der Treppe, die in den Garten führt, und schreibe in  mein Tagebuch. Das mache ich so ob Sommer oder Winter, hat sich einfach so ergeben. Ich höre mir das Morgenpalaver der Spatzengang an und stelle mir vor, es wäre Frühling.  Heute bleibt es bei einer Stippvisite an der Tür, weil es schneit. Stiefel kommentiert alles. Wenn er nach dem Fressen in mein Nähzimmer geht, wo sein Lieblingsschlafplatz ist, dann erzählt er das lautstark, redet den ganzen Weg, durch die Tür, die Treppe hinunter, damit ich es auch wirklich mitbekomme. Ich habe das Gefühl, er ist schwerhörig, er wird immer lauter, als ob er einen eingebauten Lautsprecher hätte, den er bei Bedarf anwerfen kann. So dümpeln wir wie ein altes Ehepaar durch die Tage, treffen uns, erzählen uns was und dann geht wieder jeder seiner Wege.

abc.etüden 2021 03+04 | 365tageasatzaday

Inspiriert durch Christianes Etüde habe ich mal mein Morgenritual aufgeschrieben. Wer sich fragt, woher Kater Stiefel seinen Namen hat, hier die Auslösung:

Die Schwiegermutter meiner ältesten Freundin war bei der Katzenhilfe und 2006 haben sie vier Katzenkinder , die eigentlich umgebracht werden sollten, von einem Bauernhof gerettet. Meine Freundin hatte zwei bei sich zum Aufpäppeln. War ja klar, dass es nicht zu umgehen war, dass wir eines adoptiert haben. Ich war ja häufig bei meiner Freundin und wer kann schon einem Katzenkind widerstehen? Unser Kater Marti, der aus einem Tierheim knapp zwei Jahre zuvor bei uns eingezogen war, war anfangs not amused, aber sie wurden dann doch Freunde, meistens zumindest. Beide waren schwarz-weiß, was ein witziger Zufall war, sie sahen aus wie Brüder. Die Tochter meiner Freundin taufte das Kätzchen „Stiefelette“, weil es vier weiße Stiefel hat, und beim Tierarzt stellte sich dann heraus, dass es ein Kater ist. So wurde aus Stiefelette Stiefel, und das passte irgendwie auch gut. Er ist schon etwas rustikal in seinem ganzen Gehabe, während Marti, der leider vor zwei Jahren in den Katzenhimmel umgezogen ist, sehr feine Manieren hatte. Er war sehr vornehm und leise, wurde dann aber durch den Einfluss des ungezogenen Teenagers Stiefel zusehends lauter und gesprächiger. Die beiden zu beobachten war köstlich. Als ich Marti begraben musste, war es einer der schlimmsten Tage meines Lebens. Er hat einen super schönen Platz in meinem Garten und manchmal habe ich das Gefühl, er ist da und streicht mir schnurrend um die Beine

Marti (oben) mit Stiefel „im Arm“

Gegenseitiges Ablecken vor lauter Liebe…

Sie lagen oft zusammen in einem Korb und „umarmten“ sich, obwohl jeder seinen eigenen Korb hatte.

Zwei Sphinxe bewachen den Eingang

Bedenke wohl, was du dir wünscht, es könnte dir gewährt werden

Im Januar 2019 schrieb ich eine abc-Etüde, die mir heute immer noch sehr gut gefällt.

https://wortwabe.wordpress.com/2019/01/07/maerchenzeit-zeitmaerchen/

Inspiriert von dieser Geschichte hier mein letzter Eintrag 2020. Ich wünsche Euch allen einen friedlichen Jahresausklang und einen ebenso friedlichen Start ins neue Jahr, das von so vielen mit Hoffnung erwartet wird. Wir lesen uns!

Der letzte Tag dieses komischen Jahres. Das hat es sich sicher auch anders vorgestellt, als es am 01. Januar aus der Zeit gefallen ist. Im Februar war das Jahr in seiner Pubertät und wie es so ist bei Pubertieren, wünschte es sich, berühmt zu werden und in die Geschichte einzugehen. So ein Erdenjahr kann ja an keiner Castingshow teilnehmen, also bleibt nur das Wünschen.                                    

Ich will unvergesslich sein, dachte es. Die Menschen sollen sich immer an mich erinnern!                        

2020 dachte an etwas Großartiges, Unvergessliches, das während seiner Zeitspanne passieren sollte.  Etwas, das auch die Jahre, die nach ihm kommen sollten, wie ein Echo begleiten würde.                      

Bedenke wohl, was du dir wünscht, raunte die Zeit ihm zu, es könnte dir gewährt werden….                   

Und so wurde sein Wunsch erfüllt. 2020 war ein Jahr, das in den Köpfen der Menschen kleben blieb. Sie verfluchten es, und je näher sein Ende kam, desto mehr sehnten sie es herbei.                                        

Das wollte ich nicht, schrie 2020 die Zeit an, als es am 31. Dezember den Kreislauf beendete.                   

Warum hast du das getan?                                                                                                                                      

Ich? Fragte die Zeit. Oh, ich habe nichts getan liebes Kind, sagte die Zeit sanft und schloss 2020 in die Arme. Langsam entzündete sich das Feuer, das das alte Jahr Stunde um Stunde im Rauch aufgehen ließ. 2020 weinte.                                                                                                                                                    Es tut mir leid, schluchzte es, ich weiß nicht warum ich so größenwahnsinnig war als ich jung war.           

Du hast nur an dich gedacht, murmelte die Zeit und blies in das Feuer. Die Flammen loderten auf und hüllten 2020 in rötlichen Schein.                                                                                                                         

Schlaf jetzt, sagte sie, bald ist es vorbei.                                                                                                                   

2020 schloss die Augen und die Zeit schenkte ihm einen Traum.                                                          

Du hast deine Aufgabe erfüllt, flüsterte sie mit sanfter Stimme, und du hast es so gut gemacht wie die, die vor dir da waren. Nicht du bestimmst die Qualität der Zeit, es sind die Herzen der Menschen. Und auch du hast etwas Gutes bewirkt, aber das können sie vielleicht noch nicht sehen. Schlaf jetzt ein, bald ist es soweit.                                                                                                                                                          

Und so schlief 2020 in den Armen der Zeit seinem Ende entgegen.                                                                 

Sie werden dich nicht vergessen, dachte die Zeit. Und sie spürte das Herannahen des nächsten Jahres, das ersehnt und zugleich gefürchtet wurde, denn das Echo von 2020 fiel wie ein Schatten auf seine Geburt. Die Zeit tanzte und die Minuten flogen davon.                                                                          

Es gibt nicht gut noch schlecht, sang sie, denn alles ist eins. Wie oben so unten, wie innen, so außen. Sie drehte sich wieder und wieder. Solange ich tanze, geht es weiter, sang die Zeit, ich tanze im Takt der Herzen, ta-tamm, ta-tamm, ta- tamm……

2004

Jedes Jahr wenn das Nahen der Weihnachtsfeiertage nicht mehr zu übersehen ist, dann kommt die Erinnerung. Es wird besser, Jahr für Jahr, aber es geht nicht weg. Irgendwo in mir ist ein Ort an dem sich der Schmerz und die Verzweiflung eingekapselt haben. Dabei ist es nicht einmal mein eigener Schmerz, ich war ja nur Beobachter und am Rande betroffen. Vielleicht ist es deshalb so hartnäckig, weil mich die Tragödie in so einer entspannten Situation erreicht hat. Man sagt ja, jeder erinnert sich, wo er war, als er von 9/11 gehört hat und was er gemacht hat. Das geht mir auch so, aber es verursacht in mir nicht dieses Entsetzen wie die Nachricht vom 26.12.2004. Es war der Abend des zweiten Weihnachtsfeiertags. Ich war im Wohnzimmer und legte Holz im Kamin nach, als mein Handy klingelte. Es war eine ehemalige Kollegin. Ich war überrascht und freute mich, dass sie anrief. Sie ließ keine Zeit für Floskeln sondern fragte direkt                                                                                                           

Hast du etwas von Sylvie gehört?                                                                                                                                      

Sylvie? Die ist im Urlaub, die Glückliche, antwortete ich.                                                                                                          

Ja, das weiß ich, sagte Ute und klang ungeduldig, aber sie ist doch auf Sri Lanka. Da ist doch das Erdbeben!                                                                                                                                                                                                

Ich erstarrte innerlich. An Weihnachten sehe ich keine Nachrichten oder höre Radio. Trotzdem hatte ich am Rande mitbekommen, dass es wieder irgendein Erdbeben irgendwo gegeben hatte. Das Ausmaß war mir in diesem Moment nicht klar. Sylvie war eine langjährige Freundin, die wie Ute, immer noch in dem Unternehmen arbeitete, das ich vor einem halben Jahr verlassen hatte. Wir hatten vor ihrem Urlaub noch telefoniert, denn sie plante wieder nach Sri Lanka zu fliegen um eine Ayurveda Kur zu machen. Ich hatte ihr vor Jahren begeistert von meinem Aufenthalt auf Sri Lanka erzählt und das war nun schon ihre zweite Reise auf diese wunderschöne Insel.                                                                            

Ich beneide dich, hatte ich gesagt, ich könnte auch eine Ayurveda Kur gebrauchen, genieß es!                        

Sylvie war Single und hatte keine Familie, daher hatte sie ihre Reise über die Weihnachtsfeiertage gebucht. Ich war alarmiert und sagte zu Ute                                                                                                                                

Ich versuche sofort, sie zu erreichen!                                                                                                                                                          

Ich wählte Sylvies Nummer, erfolglos. Dann schaltete ich den Fernseher an und sah zum ersten Mal, was da eigentlich passiert war. Ich schrieb Sylvie eine SMS. Nach Stunden kam endlich eine Antwort. Sie lebte. Ich war erleichtert. Die Kommunikation war schwierig, aber ich wußte jetzt, dass sie während einer Behandlung auf der Massageliege von der ersten Welle überrascht wurde. Ihre Nachrichten waren spärlich und erst später erfuhr ich, was wirklich passiert war. Irgendwie konnte sie hinausschwimmen durch ein kleines Fenster. Im Wasser ist sie auf alles Mögliche, auch Scherben getreten, sodass ihre Fußsohlen völlig zerschnitten waren. Die Überlebenden retteten sich nach der ersten Welle auf Dächer und die Angestellten des Resorts kämpften sich unter Lebensgefahr in die Gästezimmer und retteten, was vom Gepäck übrig war. Ihr Zimmer lag im ersten oder zweiten Stock und fast ihr ganzes Gepäck wurde gerettet. Dann kam die zweite Welle. Sie schlug sich mit einer Gruppe von Gästen und dem Hotelmanager nach Colombo durch, das dauerte wohl 24 Stunden. Dort konnten ihre Wunden aber nicht versorgt werden. Ihr Handyakku war irgendwann leer und wir konnten nicht mehr Kontakt halten. Ich wusste aber, dass sie ihren ursprünglich geplanten Rückflug würde nehmen können und forschte auf der Seite des Frankfurter Flughafens nach Flügen, die an diesem Tag aus Sri Lanka ankommen würden. Ich hatte eine Tasche mit Kleidung dabei, weil ich nicht wusste, ob sie überhaupt etwas zum Anziehen hatte für unsere Wintertemperaturen. Als ich sie endlich aus dem Gepäckbereich kommen sah, fiel mir ein Stein vom Herzen. Es war etwa einundzwanzig Uhr, als wir uns im Auto auf den Weg zu mir machten. Von unterwegs rief ich in unserem Krankenhaus an, schilderte ihren Fall und fragte, ob ich direkt mit ihr vorbeikommen könnte. So fuhren wir zuerst ins Krankenhaus, mittlerweile war es fast Mitternacht. Ihre Wunden wurden versorgt und sie lag dann zwei Wochen bei mir, jeden Tag fuhren wir ins Krankenhaus, damit sie versorgt werden konnte. Sie lebte, das war das Wichtigste. Nach den Feiertagen ging ich wieder arbeiten. Dort erfuhr ich, dass einer unserer Kollegen mit seiner Frau, seiner Schwester und deren Mann vermisst wurde. Sie waren immer über Weihnachten und den Jahreswechsel in Thailand, seit Jahren, immer zu viert. An diesem Tag hatten sie einen Ausflug nach Kao Lak gemacht. Alle vier waren vermisst. Etwa nach einem halben Jahr entschloss sich das Unternehmen, die Stelle, die bisher interimsmäßig besetzt war, neu auszuschreiben. In den Jahren nach dieser Tragödie habe ich diese Gefühle, die das in mir ausgelöst hat, in Geschichten verarbeitet.

https://wortwabe.wordpress.com/2012/11/14/driving-home-for-christmas/

Die Erinnerung an die Ereignisse von Weihnachten 2004 gehört seither zu jedem Weihnachten, vielleicht brauche ich deshalb auch meinen Märchenfilm so sehr, siehe den Post von gestern.

Outing

Wenn man nichts hat, wofür man sich outen kann, dann erfindet man halt was. Ich wurde nicht gemobbt in meiner Kindheit, zumindest erinnere ich mich nicht, und bin zu alt, um in sozialen Medien Anfeindungen ausgesetzt gewesen zu sein. Aber ich bin alt genug, um mehr als mein halbes Leben lang jeden Winter einem Film entgegengeschmachtet zu haben:

„Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“.

Ach, wie wunderbar! Um ehrlich zu sein, ich kenne den Film quasi auswendig und könnte ihn dennoch ohne Probleme in Dauerschleife sehen. So jetzt ist es raus! Ich stehe dazu! Zumal bei mir sofort ein Tsunami an Erinnerungen losgetreten wird, wenn ich nur die Filmmusik höre. Gemütliche Winternachmittage mit meiner Mum, die den Film genauso geliebt hat. Wir saßen dann mit Kaffee und Plätzchen vor dem Fernseher und haben das Kinderprogramm geschaut. Mir fallen automatisch die Weihnachtsfeiern mit der Familie ein, unbeschwerte fröhliche Abende, jahrzehntelang, bis zum Tod meines Vaters. Dann war es vorbei. Wir haben danach immer bei meiner Schwester oder mir gefeiert, um unsere Mutter zu entlasten, aber es war nicht mehr dasselbe. Vermutlich steht also der Märchenfilm für alles, was ich mit einer glücklichen sorglosen Zeit verbinde und ist gleichzeitig eine kurzzeitige Flucht in eine andere Welt.

Manchmal frage ich mich, woher es kommt, dass ich immer häufiger in Erinnerungen schwelge – liegt es daran, dass viel mehr hinter mir liegt als vor mir? Oder daran, dass es immer mehr zu erinnern gibt?!? Vielleicht ist auch die Gegenwart einfach zu anstrengend, kann auch sein. Wie dem auch sei, mit diesem Film kann ich sofort aussteigen und in eine andere Welt abtauchen, und allein dafür liebe ich ihn.

Adventüden – heute mit mir!

Christiane von https://365tageasatzaday.wordpress.com/ hat die Adventüden ausgerufen. Jeden Tag öffnet sie ein neues Türchen. Hinter dem Türchen von heute war eine Adventüde von mir versteckt, hier nachzulesen:

https://365tageasatzaday.wordpress.com/2020/12/06/06-12-die-ueberraschung-adventueden/

Für die Adventsetüden gab es einen ganzen Cocktail aus Wörtern – es galt, so viele wie möglich in die Geschichte mit maximal 300 Worten einzubauen.

Etikett
Gin
Käsekuchen
Kuscheldecke
Lebkuchen
Lichtermeer
Märchenbuch
Minnesang
Nebelschwaden
Schlittenfahrt
Semmelknödel
Streicheleinheiten

Wichtel
Wunschpunsch
Zugvogel

Das Etikett auf der Flasche verhieß nichts Gutes. Wunschpunsch stand da. Gitta las es, drehte die Flasche einmal im Kreis herum und las nochmal. Wunschpunsch. Gitta schob den Käsekuchen zur Seite. Vermutlich ist es einfach nur, Gin, dachte sie – aber wenn doch was dran war? In ihrem alten Märchenbuch gab es eine Geschichte, es war irgendwas mit wenn man trinkt kann man sich etwas wünschen – aber was war die Bedingung? Es gibt immer eine Bedingung bei den Märchen, nichts ist umsonst. Sie nahm die Flasche in die Hand. Kein Drehverschluss, ein seltsamer Korken, der nicht so aussah, als ob man ihn mit dem Korkenzieher herausziehen sollte. Ich könnte mir wünschen, dass ich jetzt noch die Semmelknödel mit Gulasch essen kann, mir nicht schlecht wird und ich morgen trotzdem nicht zugenommen habe, dachte sie. So ein Blödsinn. Sie sollte sich schon etwas Gescheites wünschen. Einen Lottogewinn oder eine Schlittenfahrt mit dem Weihnachtsmann zum Beispiel. Und wenn sie erst beim Weihnachtsmann in der Kutsche saß könnte sie ja direkt weiter wünschen. Der Weihnachtsmann und seine Wichtel erfüllen ja auch Wünsche. Die Frage, wer ihr die Flasche vor die Tür gestellt hatte, war ja auch noch nicht beantwortet. Ich wünsche mir einen Prinzen, der mein Herz mit Minnesang erobert, dachte Gitta, schenkte sich ein Glas halbvoll und nippte. Mmh, lecker. Sie trank in kleinen Schlucken und wünschte sich den Prinzen. Dann trank sie ein zweites Glas und wünschte sich noch das Schloss dazu Und noch ein Glas. Ich wünsche mir die Schlittenfahrt. Gitta wurde schläfrig. Sie liess das Glas sinken und flüsterte, nein, viel lieber will ich ein Zugvogel sein und die ganze Welt von oben sehen. Das Glas fiel zu Boden.

Der Hausmeister fühlte Gittas Puls und wählte eine Nummer.

Die Alte ist hin, sagte er. Die Wohnung wird frei.

Meine rote Zeit

Das Jahr neigt sich dem Ende zu, noch ein knapper Monat und  2020 ist vorbei. Wie werden wohl de 20er Jahre dieses Jahrhunderts in die Geschichte eingehen? Die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts sind ja hinlänglich bekannt. Die Menschen in  Europa tanzten auf dem Vulkan und bewegten sich Jahr für Jahr mehr auf den Krater zu bis sie dann hineinstürzten. Der Rest ist Geschichte. Ich mochte 2020 von Anfang an, und es kann ja weiß Gott nichts dafür, dass es als Jahr der Pandemie Karriere machen musste. Es kam genauso unschuldig wie jedes andere Jahr am 1. Januar in unsere Zeit, niemand konnte ahnen, was bereits unbemerkt auf uns zurollte.  Der Anfang des Jahres ist in meiner Erinnerung dunkelgrün und wird dann blau, ab März ist das Jahr rot. Ich mag rot nicht und jetzt muss ich schon seit Monaten in roter Zeit leben. Interessanterweise sind die 1930er Jahre für mich auch rot. Warum das so ist, weiß ich nicht. Ich habe eine Raum-Zeit Synästhesie und sehe Zeit räumlich und farbig. Das war schon immer so und erst vor kurzem habe ich erfahren, dass das nicht bei jedem so ist. Ich dachte, alle Menschen sehen die Zeit räumlich und in Farben.  Synästhesie ist keine „Krankheit“, es ist wie eine zusätzliche Verknüpfung von Sinneswahrnehmungen, wie zum Beispiel Musik (Hören) und Farbe (Sehen).  Ich kann sehen, dass das rot sich bis in den Sommer 2021 zieht, dann wird es gelb. Gelb ist okay, ich hoffe mal das Beste, auch wenn mir blau oder grün lieber wäre. Falls  unter euch auch jemand ist, der eine Synästhesie hat, schreibt mit doch in die Kommentare!

abc Etüden 47/48 Die Hoffnung stirbt zuletzt

Irgendwie bin ich heute mit dem Wort Hoffung verbandelt….siehe meinen Post von heute morgen…hier also meine Etüde für die letzte Etüdenrunde dieses Jahr. Wie immer gilt die Regel, drei Worte, dieses Mal gestiftet von Ulli von https://cafeweltenall.wordpress.com/ in einer Geschichte mit maximal 300 Worten zu verarbeiten. Die Worte für diese Textwochen sind Quelle grießgrämig stöbern

Danke an Christiane, die auf ihrem blog https://365tageasatzaday.wordpress.com/2020/11/15/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-47-48-20-wortspende-von-cafe-weltenall/ die Etüden hostet und mit viel Einsatz durch das Jahr begleitet. Die inspirierende Grafik ist auch von Christiane und hat mir dieses Mal den Geistesblitz beschert.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Er starrte grießgrämig auf das Wasser.

So ist das mit den Weibern, dachte er. Versprechen einem das Blaue vom Himmel und dann hauen sie ab.

Die Wasseroberfläche war ungetrübt und glatt, er sah auf sein Spiegelbild.

Ja ja, ich weiß schon, sagte er und zog eine Grimasse, bei dem Anblick würde ich auch Reißaus nehmen als Frau.

Das Spiegelbild blieb ungerührt.

Jetzt sag schon, schrie er es an, was soll ich denn machen? Sie ist doch meine einzige Chance, aus dem Schlamassel rauszukommen!

Die Quelle allen Übels war er ja selbst gewesen, das wusste er mittlerweile. Aber man kann ja seine Fehler nicht ungeschehen machen. Jetzt musste er mit den Konsequenzen leben und ausgerechnet diese Zicke sollte seine Rettung sein. Es hatte Jahre gedauert, bis er herausgefunden hatte, was die Lösung war. Der treue Heinrich hatte für ihn in alten Büchern gestöbert und das Rätsel gelöst.

Ein Kuss. Das war doch völlig bekloppt. Ein Kuss von dieser arroganten Kuh. Aber es half ja nichts, es musste sein.

Er wandte sich um und hüpfte den langen Weg zum Schloß.

26. November 2020

Das Jahr geht zu Ende.Nicht mit großem Getöse, eher sang-und klanglos. (In Anbetracht des fast völlig verstummten Kulturbetriebs ist diese Redenwendung schon fast sarkastisch).

Wie jedes Jahr werden wir am 31. Dezember wieder voller Hoffnung sein, dass es besser wird, als es war.Die Hoffnung ist ein Schatz, der in Zeiten we diesen erst seinen vollen Glanz entfaltet.

Glaube, Liebe, Hoffnung – das Triumvirat, das mir durch die Tage hilft. Die Hoffnung hat an Wertigkeit zugenommen, doch ohne den Glauben, dass das, was wir erhoffen, Wirklichkeit wird, wäre die Hoffnung ohne Sinn.

Und wo bleibt die Liebe?

Wir sollten uns lieben, dafür, dass wir da sind, dass wir sind, wie wir sind. Denn ohne Liebe zu uns selbstt können wir auch keinen anderen lieben und vice versa. Und wie wäre das alles auszuhalten ohne Liebe?

„Wir sind Liebe

du und ich

wir sind ganz Liebe.

Und wenn Gott Liebe ist,

dann sind wir Gott“

aus „Die Zeit der Hexe“, J.L. Herlihy

abc Etüden. Sie verlassen den amerikanischen Sektor

Gestern abend lief auf 3 Sat der Film „Der Spion, der aus der Kälte kam“ mit Richard Burton. Ich habe nur den Anfang gesehen, weil es schon spät war und ich schlafen wollte. Der Film beginnt mit einer Szene am Checkpoint Charlie in Berlin. Kennt Ihr das – man sieht etwas und wird plötzlich in eine andere Zeit gebeamt, als ob die Erinnerung wie eine Welle über dir zusammenschwappt? So ging es mit heute nacht. Dazu meine Etüde.Die Wörter dieser Schreibwochen sind LIEBLICH, TEILEN, NACHTLICHT. Sie sollen in einer Geschichte mit maximal 300 Wörtern eingebaut werden. Bei Christiane https://365tageasatzaday.wordpress.com/2020/11/01/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-45-46-20-wortspende-von-kain-schreiber/ findet ihr die links zu den anderen großartigen Etüden dieser Schreibeinladung.

abc.etüden 2020 45+46 | 365tageasatzaday

Sie verlassen den amerikanischen Sektor

Sie verlassen den amerikanischen Sektor

Es ist 1978,  ich bin liebliche siebzehn Jahre alt. Mein Leben ist überschaubar. Ich wohne auf dem Land, dort, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Am Vormittag bin ich in der Schule, fahre danach mit dem Bus nach Hause in unser Dorf. Während meine Mutter das Essen kocht, telefoniere ich mit meiner Freundin. Wir teilen alles miteinander. Nach dem Essen telefonieren wir wieder.

Ich habe auch eine Freundin in Westberlin, Kathrin. Sie lädt mich ein, sie in den Herbstferien zu besuchen.

Meine Eltern erlauben es, wir telefonieren, fassen uns kurz, es ist ein Ferngespräch und das ist teuer. Ich fahre mit dem Zug. An der Grenze, meine Mutter nennt sie Zonengrenze, die andere Seite sagt Staatsgrenze, steigen die Zöllner von drüben ein. Im Abteil ist es still, die Beamten kontrollieren meinen Ausweis, mustern mich. Ich versuche, unauffällig und harmlos auszusehen. Wie sieht man unauffällig und harmlos aus? Ich fahre mit der Stadtbahn durch Berlin, es fühlt sich frei an, dabei sind die Menschen hier doch eingesperrt. Kathrins Mutter will mir die letzte Bar mit Tischtelefonen zeigen, vermutlich ein Relikt aus den 50ziger Jahren. Wir gehen an der Garderobe vorbei durch in das Café, über dem Durchgang ist ein grünlich schimmerndes Nachtlicht. Wir setzen uns, auf dem kleinen Tisch vor uns steht ein altmodisches schwarzes Telefon. Plötzlich klingelt es, jemand will mich zum Tanzen auffordern. Ich senke den Altersdurchschnitt im Raum um etwa zwanzig Jahre. Ich weiß nicht mehr, ob ich getanzt habe.

Mit Kathrins Vater besuche ich Checkpoint Charlie, die Ausstellung dort erzählt von den Fluchten aus der DDR. Ich kann die Angst spüren und auch den unbezwingbaren Wunsch nach Freiheit. . Ich lese jede Geschichte und bin völlig erschüttert von dem, was ich sehe. Als wir das Museum verlassen kann ich nicht mehr sprechen, bleibe stundenlang stumm.

https://www.mauermuseum.de/ausstellung/

abc Etüden 45.46 Nur geträumt

Drei Wörter, dieses Mal gestiftet von Kain Schreiber, Die Schreibeinladung findet ihr bei https://365tageasatzaday.wordpress.com/2020/11/01/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-45-46-20-wortspende-von-kain-schreiber/

Die Wörter für diese Etüdenwochen sind

Nachtlicht/ lieblich/teilen

Interressante Kombination, „Nachtlicht“ brachte mir sofort das Bild des Flurs mit den Nachtlichtern über den Türen. Und dann nahm die Geschichte ihren Lauf…..hier meine Etüde:

Die Gänge waren von grünen Nachtlichtern  nur schwach beleuchtet. Zwei Meter Wand, dann eine Tür, über jeder Tür das schwache grüne Licht, auf beiden Seiten des Ganges befanden sich zehn Türen. Ich tastete mich vorwärts, leise, schleichend, immer auf der Hut. Der Teppichboden schluckte jedes Geräusch, dennoch hatte ich das Gefühl einen Höllenlärm zu machen mit meinen Schritten. Mein Blick streifte die Nummern neben den Türen, links von mir gerade, rechts von mir ungerade Zahlen. Hundertzwei, hundertvier, hundertsechs. Endlich erreichte ich das Ende des Ganges und den Lift. Ich drückte auf den Pfeil, der nach unten zeigte und als der Lift endlich kam, schlüpfte ich schnell hinein. „Lobby“ – ich musste dahin, es war nicht zu vermeiden. Der Spiegel im Lift zeigte mir ein groteskes Bild, die Beule auf meiner Stirn färbte sich bereits in lieblichem Rosa.  Der Nachtportier starrte mich an wie ein unbekanntes Insekt. Mir blieb keine Wahl. Ich musste jetzt meine Geschichte mit ihm teilen. Mal sehen, wie er es aufnahm, dass sich eine erwachsene Frau, in ihre Bettdecke eingewickelt, beim Schlafwandeln aus ihrem Zimmer ausgesperrt hat und anschließend gegen ein Fenster gelaufen ist. „Ich, äh, also ich bräuchte dann bitte einen Ersatzschlüssel für mein Zimmer“, war das letzte was ich herausbrachte, dann wurde mir schwarz vor Augen.

abc Etüden KW41/42

Der Countdown läuft – wenn ich lese, dass wir schon auf die 43. Kalenderwoche zusteuern, dann frage ich mich wieder einmal, wo das Jahr geblieben ist.

Mein Beitrag zu dieser Etüdenwoche ist eher ein von der Wortspende inspiriertes Gedankenspiel. Die drei Worte „Landvermesser, undankbar, aussetzen“ wurden gespendet von Werner, dessen blog findet ihr hier https://wkastens.wordpress.com/

Christiane von https://365tageasatzaday.wordpress.com/ hostet die abc-Etüden und vernetzt die EtüdenschreiberInnen.In einer Geschichte mit maximal 300 Worten sollen die Wörter der Wortspende verpackt werden. Wie gesagt, eine Geschichte im klassischen Sinne ist es dieses Mal nicht.

abc.etüden 2020 41+42 | 365tageasatzaday

LEBENSLAND

Wenn mein Leben ein Land ist, dann bin ich der Landvermesser. Was hinter mir liegt, ist bekannt, die Grenzsteine sind klar gesetzt . Was vor mir liegt, ist unbekanntes Land. Ich taste mich vor, Schritt für Schritt, es ist dunkel und der Weg ist unklar. Im Vorangehen kann ich die Strecken messen, ohne Maß, ich messe nur ob etwas mir lang oder kurz erscheint. Das Land hat Berge und Täler, oh ja, und was für welche. Täler so tief, dass ich mich frage, wie ich sie durchschreiten konnte. Immer weiter, ohne Pause, kein aussetzen. Die Höhen sind auch da, sie zu erklimmen war nicht weniger schwer als die Täler zu durchschreiten. Ich will nicht undankbar sein, deshalb achte ich beides, die Höhen und die Tiefen. Genau betrachtet, haben mich die Abgründe, durch die ich mich gequält habe, sogar mehr gelehrt als die Höhenflüge. Misst der Landvermesser die Schönheit einer Landschaft? Nein. Sein Maßstab ist objektiv, es ist Meter und Zentimeter, Kilometer oder Meilen. So will ich das auch sehen können, einfach wahrnehmen, was war und neugierig sein auf das, was kommt. Und wenn ich das Land meines Lebens durchkreuzt habe und am Ende angekommen bin, sagen können: was für ein Trip!