abc Etüden 03.04.21 Morgenritual

Die Wortspende von blaupause7 gibt die Worte

erschüttern, orange (die Farbe, nicht die Frucht) Lautsprecher

vor. Die Regeln für die Etüde sind, diese 3 Wörter in einer Geschichte mit maximal 300 Worten zu verpacken. Ich wurde von Christianes Etüde inspiriert.https://365tageasatzaday.wordpress.com/2021/01/26/morgenskizze-mit-felltraeger-abc-etueden/

Christiane kümmert sich auf ihrem blog https://365tageasatzaday.wordpress.com/ mit viel Hingabe und Enthusiasmus um die Etüden und jeder ist eingeladen, mitzumachen!

Morgenritual (frei nach Christiane)

Heute fühlt sich mein Tag leider nicht orange an, sondern so wie der Himmel, milchigweiß. Es schneit immer noch. Als ich die Haustür öffne um Stiefel hereinzulassen, beschwert er sich wie erwartet, weil ich nicht früher aufgemacht habe. Stiefel ist verwöhnt, er weiß, dass er jetzt erstmal mit einem Handtuch abgetrocknet wird, Rücken, Bauch und alle vier Pfoten und legt sich freiwillig hin. Während ich ihn trockenreibe motzt er weiter. Ich lege das Handtuch in den Korb und sage „Hopp, geh hoch!“ und er trabt folgsam die Treppe hoch. Ich bilde mir ein, er ist beschwingt, weil er mir erstens die Meinung gesagt hat und ich ihm zweitens den Pelz massiert habe. Ich ergebe mich in die Rolle des Hauspersonals und fülle seinen Napf. Während er mampft koche ich mir meinen Kaffee, schäume Milch auf und gehe dann mit der Kaffeetasse hinunter in den Keller, zur Tür in den Garten. Wenn es trocken ist setze ich mich auf die Stufen der Treppe, die in den Garten führt, und schreibe in  mein Tagebuch. Das mache ich so ob Sommer oder Winter, hat sich einfach so ergeben. Ich höre mir das Morgenpalaver der Spatzengang an und stelle mir vor, es wäre Frühling.  Heute bleibt es bei einer Stippvisite an der Tür, weil es schneit. Stiefel kommentiert alles. Wenn er nach dem Fressen in mein Nähzimmer geht, wo sein Lieblingsschlafplatz ist, dann erzählt er das lautstark, redet den ganzen Weg, durch die Tür, die Treppe hinunter, damit ich es auch wirklich mitbekomme. Ich habe das Gefühl, er ist schwerhörig, er wird immer lauter, als ob er einen eingebauten Lautsprecher hätte, den er bei Bedarf anwerfen kann. So dümpeln wir wie ein altes Ehepaar durch die Tage, treffen uns, erzählen uns was und dann geht wieder jeder seiner Wege.

abc.etüden 2021 03+04 | 365tageasatzaday

Inspiriert durch Christianes Etüde habe ich mal mein Morgenritual aufgeschrieben. Wer sich fragt, woher Kater Stiefel seinen Namen hat, hier die Auslösung:

Die Schwiegermutter meiner ältesten Freundin war bei der Katzenhilfe und 2006 haben sie vier Katzenkinder , die eigentlich umgebracht werden sollten, von einem Bauernhof gerettet. Meine Freundin hatte zwei bei sich zum Aufpäppeln. War ja klar, dass es nicht zu umgehen war, dass wir eines adoptiert haben. Ich war ja häufig bei meiner Freundin und wer kann schon einem Katzenkind widerstehen? Unser Kater Marti, der aus einem Tierheim knapp zwei Jahre zuvor bei uns eingezogen war, war anfangs not amused, aber sie wurden dann doch Freunde, meistens zumindest. Beide waren schwarz-weiß, was ein witziger Zufall war, sie sahen aus wie Brüder. Die Tochter meiner Freundin taufte das Kätzchen „Stiefelette“, weil es vier weiße Stiefel hat, und beim Tierarzt stellte sich dann heraus, dass es ein Kater ist. So wurde aus Stiefelette Stiefel, und das passte irgendwie auch gut. Er ist schon etwas rustikal in seinem ganzen Gehabe, während Marti, der leider vor zwei Jahren in den Katzenhimmel umgezogen ist, sehr feine Manieren hatte. Er war sehr vornehm und leise, wurde dann aber durch den Einfluss des ungezogenen Teenagers Stiefel zusehends lauter und gesprächiger. Die beiden zu beobachten war köstlich. Als ich Marti begraben musste, war es einer der schlimmsten Tage meines Lebens. Er hat einen super schönen Platz in meinem Garten und manchmal habe ich das Gefühl, er ist da und streicht mir schnurrend um die Beine

Marti (oben) mit Stiefel „im Arm“

Gegenseitiges Ablecken vor lauter Liebe…

Sie lagen oft zusammen in einem Korb und „umarmten“ sich, obwohl jeder seinen eigenen Korb hatte.

Zwei Sphinxe bewachen den Eingang

Heute bin ich wirklich wütend

eigentlich ist alles, was ich hier schreibe, eher unpolitisch. Aber diese Nachricht muss ich posten und hoffe, es lesen und teilen viele.

In meinem Job bin ich immer wieder konfrontiert mit den Auswirkungen der Macht der SCHUFA, ein privates Unternehmen, das mit unseren Daten handelt. Wir haben uns schon so daran gewöhnt, dass wir der Abfrage der Schufa zustimmen MÜSSEN bei jeder Transaktion und kaum einer macht sich darüber Gedanken, .leider. Was jetzt geplant ist, ist allerdings derartig unverschämt und stellt einen Eingriff in unsere Privatsphäre dar, der alles, was bis jetzt schon ausgespitzelt wird, in den Schatten stellt. Jeder redet nur noch über Corona und im Hintergrund laufen ganz andere Dinge. Es ist ein Jammer, dass unsere so hochgelobten öffentlich – rechtlichen Sendeanstalten diese Themen nie aufgreifen, da greift wohl der Lobbyismus der Politik. Und nein, ich bin kein Verschwörungstheoretiker, im Gegenteil. Hier der Link zum Appel von Campact:

Danke fürs Lesen und ich hoffe, es wird geteilt und unterschrieben.

Nachtrag:

https://netzpolitik.org/2015/schufa-scoring-regierung-stellt-geschaeftsinteressen-ueber-datenschutz/

Bedenke wohl, was du dir wünscht, es könnte dir gewährt werden

Im Januar 2019 schrieb ich eine abc-Etüde, die mir heute immer noch sehr gut gefällt.

https://wortwabe.wordpress.com/2019/01/07/maerchenzeit-zeitmaerchen/

Inspiriert von dieser Geschichte hier mein letzter Eintrag 2020. Ich wünsche Euch allen einen friedlichen Jahresausklang und einen ebenso friedlichen Start ins neue Jahr, das von so vielen mit Hoffnung erwartet wird. Wir lesen uns!

Der letzte Tag dieses komischen Jahres. Das hat es sich sicher auch anders vorgestellt, als es am 01. Januar aus der Zeit gefallen ist. Im Februar war das Jahr in seiner Pubertät und wie es so ist bei Pubertieren, wünschte es sich, berühmt zu werden und in die Geschichte einzugehen. So ein Erdenjahr kann ja an keiner Castingshow teilnehmen, also bleibt nur das Wünschen.                                    

Ich will unvergesslich sein, dachte es. Die Menschen sollen sich immer an mich erinnern!                        

2020 dachte an etwas Großartiges, Unvergessliches, das während seiner Zeitspanne passieren sollte.  Etwas, das auch die Jahre, die nach ihm kommen sollten, wie ein Echo begleiten würde.                      

Bedenke wohl, was du dir wünscht, raunte die Zeit ihm zu, es könnte dir gewährt werden….                   

Und so wurde sein Wunsch erfüllt. 2020 war ein Jahr, das in den Köpfen der Menschen kleben blieb. Sie verfluchten es, und je näher sein Ende kam, desto mehr sehnten sie es herbei.                                        

Das wollte ich nicht, schrie 2020 die Zeit an, als es am 31. Dezember den Kreislauf beendete.                   

Warum hast du das getan?                                                                                                                                      

Ich? Fragte die Zeit. Oh, ich habe nichts getan liebes Kind, sagte die Zeit sanft und schloss 2020 in die Arme. Langsam entzündete sich das Feuer, das das alte Jahr Stunde um Stunde im Rauch aufgehen ließ. 2020 weinte.                                                                                                                                                    Es tut mir leid, schluchzte es, ich weiß nicht warum ich so größenwahnsinnig war als ich jung war.           

Du hast nur an dich gedacht, murmelte die Zeit und blies in das Feuer. Die Flammen loderten auf und hüllten 2020 in rötlichen Schein.                                                                                                                         

Schlaf jetzt, sagte sie, bald ist es vorbei.                                                                                                                   

2020 schloss die Augen und die Zeit schenkte ihm einen Traum.                                                          

Du hast deine Aufgabe erfüllt, flüsterte sie mit sanfter Stimme, und du hast es so gut gemacht wie die, die vor dir da waren. Nicht du bestimmst die Qualität der Zeit, es sind die Herzen der Menschen. Und auch du hast etwas Gutes bewirkt, aber das können sie vielleicht noch nicht sehen. Schlaf jetzt ein, bald ist es soweit.                                                                                                                                                          

Und so schlief 2020 in den Armen der Zeit seinem Ende entgegen.                                                                 

Sie werden dich nicht vergessen, dachte die Zeit. Und sie spürte das Herannahen des nächsten Jahres, das ersehnt und zugleich gefürchtet wurde, denn das Echo von 2020 fiel wie ein Schatten auf seine Geburt. Die Zeit tanzte und die Minuten flogen davon.                                                                          

Es gibt nicht gut noch schlecht, sang sie, denn alles ist eins. Wie oben so unten, wie innen, so außen. Sie drehte sich wieder und wieder. Solange ich tanze, geht es weiter, sang die Zeit, ich tanze im Takt der Herzen, ta-tamm, ta-tamm, ta- tamm……

2004

Jedes Jahr wenn das Nahen der Weihnachtsfeiertage nicht mehr zu übersehen ist, dann kommt die Erinnerung. Es wird besser, Jahr für Jahr, aber es geht nicht weg. Irgendwo in mir ist ein Ort an dem sich der Schmerz und die Verzweiflung eingekapselt haben. Dabei ist es nicht einmal mein eigener Schmerz, ich war ja nur Beobachter und am Rande betroffen. Vielleicht ist es deshalb so hartnäckig, weil mich die Tragödie in so einer entspannten Situation erreicht hat. Man sagt ja, jeder erinnert sich, wo er war, als er von 9/11 gehört hat und was er gemacht hat. Das geht mir auch so, aber es verursacht in mir nicht dieses Entsetzen wie die Nachricht vom 26.12.2004. Es war der Abend des zweiten Weihnachtsfeiertags. Ich war im Wohnzimmer und legte Holz im Kamin nach, als mein Handy klingelte. Es war eine ehemalige Kollegin. Ich war überrascht und freute mich, dass sie anrief. Sie ließ keine Zeit für Floskeln sondern fragte direkt                                                                                                           

Hast du etwas von Sylvie gehört?                                                                                                                                      

Sylvie? Die ist im Urlaub, die Glückliche, antwortete ich.                                                                                                          

Ja, das weiß ich, sagte Ute und klang ungeduldig, aber sie ist doch auf Sri Lanka. Da ist doch das Erdbeben!                                                                                                                                                                                                

Ich erstarrte innerlich. An Weihnachten sehe ich keine Nachrichten oder höre Radio. Trotzdem hatte ich am Rande mitbekommen, dass es wieder irgendein Erdbeben irgendwo gegeben hatte. Das Ausmaß war mir in diesem Moment nicht klar. Sylvie war eine langjährige Freundin, die wie Ute, immer noch in dem Unternehmen arbeitete, das ich vor einem halben Jahr verlassen hatte. Wir hatten vor ihrem Urlaub noch telefoniert, denn sie plante wieder nach Sri Lanka zu fliegen um eine Ayurveda Kur zu machen. Ich hatte ihr vor Jahren begeistert von meinem Aufenthalt auf Sri Lanka erzählt und das war nun schon ihre zweite Reise auf diese wunderschöne Insel.                                                                            

Ich beneide dich, hatte ich gesagt, ich könnte auch eine Ayurveda Kur gebrauchen, genieß es!                        

Sylvie war Single und hatte keine Familie, daher hatte sie ihre Reise über die Weihnachtsfeiertage gebucht. Ich war alarmiert und sagte zu Ute                                                                                                                                

Ich versuche sofort, sie zu erreichen!                                                                                                                                                          

Ich wählte Sylvies Nummer, erfolglos. Dann schaltete ich den Fernseher an und sah zum ersten Mal, was da eigentlich passiert war. Ich schrieb Sylvie eine SMS. Nach Stunden kam endlich eine Antwort. Sie lebte. Ich war erleichtert. Die Kommunikation war schwierig, aber ich wußte jetzt, dass sie während einer Behandlung auf der Massageliege von der ersten Welle überrascht wurde. Ihre Nachrichten waren spärlich und erst später erfuhr ich, was wirklich passiert war. Irgendwie konnte sie hinausschwimmen durch ein kleines Fenster. Im Wasser ist sie auf alles Mögliche, auch Scherben getreten, sodass ihre Fußsohlen völlig zerschnitten waren. Die Überlebenden retteten sich nach der ersten Welle auf Dächer und die Angestellten des Resorts kämpften sich unter Lebensgefahr in die Gästezimmer und retteten, was vom Gepäck übrig war. Ihr Zimmer lag im ersten oder zweiten Stock und fast ihr ganzes Gepäck wurde gerettet. Dann kam die zweite Welle. Sie schlug sich mit einer Gruppe von Gästen und dem Hotelmanager nach Colombo durch, das dauerte wohl 24 Stunden. Dort konnten ihre Wunden aber nicht versorgt werden. Ihr Handyakku war irgendwann leer und wir konnten nicht mehr Kontakt halten. Ich wusste aber, dass sie ihren ursprünglich geplanten Rückflug würde nehmen können und forschte auf der Seite des Frankfurter Flughafens nach Flügen, die an diesem Tag aus Sri Lanka ankommen würden. Ich hatte eine Tasche mit Kleidung dabei, weil ich nicht wusste, ob sie überhaupt etwas zum Anziehen hatte für unsere Wintertemperaturen. Als ich sie endlich aus dem Gepäckbereich kommen sah, fiel mir ein Stein vom Herzen. Es war etwa einundzwanzig Uhr, als wir uns im Auto auf den Weg zu mir machten. Von unterwegs rief ich in unserem Krankenhaus an, schilderte ihren Fall und fragte, ob ich direkt mit ihr vorbeikommen könnte. So fuhren wir zuerst ins Krankenhaus, mittlerweile war es fast Mitternacht. Ihre Wunden wurden versorgt und sie lag dann zwei Wochen bei mir, jeden Tag fuhren wir ins Krankenhaus, damit sie versorgt werden konnte. Sie lebte, das war das Wichtigste. Nach den Feiertagen ging ich wieder arbeiten. Dort erfuhr ich, dass einer unserer Kollegen mit seiner Frau, seiner Schwester und deren Mann vermisst wurde. Sie waren immer über Weihnachten und den Jahreswechsel in Thailand, seit Jahren, immer zu viert. An diesem Tag hatten sie einen Ausflug nach Kao Lak gemacht. Alle vier waren vermisst. Etwa nach einem halben Jahr entschloss sich das Unternehmen, die Stelle, die bisher interimsmäßig besetzt war, neu auszuschreiben. In den Jahren nach dieser Tragödie habe ich diese Gefühle, die das in mir ausgelöst hat, in Geschichten verarbeitet.

https://wortwabe.wordpress.com/2012/11/14/driving-home-for-christmas/

Die Erinnerung an die Ereignisse von Weihnachten 2004 gehört seither zu jedem Weihnachten, vielleicht brauche ich deshalb auch meinen Märchenfilm so sehr, siehe den Post von gestern.

Outing

Wenn man nichts hat, wofür man sich outen kann, dann erfindet man halt was. Ich wurde nicht gemobbt in meiner Kindheit, zumindest erinnere ich mich nicht, und bin zu alt, um in sozialen Medien Anfeindungen ausgesetzt gewesen zu sein. Aber ich bin alt genug, um mehr als mein halbes Leben lang jeden Winter einem Film entgegengeschmachtet zu haben:

„Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“.

Ach, wie wunderbar! Um ehrlich zu sein, ich kenne den Film quasi auswendig und könnte ihn dennoch ohne Probleme in Dauerschleife sehen. So jetzt ist es raus! Ich stehe dazu! Zumal bei mir sofort ein Tsunami an Erinnerungen losgetreten wird, wenn ich nur die Filmmusik höre. Gemütliche Winternachmittage mit meiner Mum, die den Film genauso geliebt hat. Wir saßen dann mit Kaffee und Plätzchen vor dem Fernseher und haben das Kinderprogramm geschaut. Mir fallen automatisch die Weihnachtsfeiern mit der Familie ein, unbeschwerte fröhliche Abende, jahrzehntelang, bis zum Tod meines Vaters. Dann war es vorbei. Wir haben danach immer bei meiner Schwester oder mir gefeiert, um unsere Mutter zu entlasten, aber es war nicht mehr dasselbe. Vermutlich steht also der Märchenfilm für alles, was ich mit einer glücklichen sorglosen Zeit verbinde und ist gleichzeitig eine kurzzeitige Flucht in eine andere Welt.

Manchmal frage ich mich, woher es kommt, dass ich immer häufiger in Erinnerungen schwelge – liegt es daran, dass viel mehr hinter mir liegt als vor mir? Oder daran, dass es immer mehr zu erinnern gibt?!? Vielleicht ist auch die Gegenwart einfach zu anstrengend, kann auch sein. Wie dem auch sei, mit diesem Film kann ich sofort aussteigen und in eine andere Welt abtauchen, und allein dafür liebe ich ihn.

Adventüden – heute mit mir!

Christiane von https://365tageasatzaday.wordpress.com/ hat die Adventüden ausgerufen. Jeden Tag öffnet sie ein neues Türchen. Hinter dem Türchen von heute war eine Adventüde von mir versteckt, hier nachzulesen:

https://365tageasatzaday.wordpress.com/2020/12/06/06-12-die-ueberraschung-adventueden/

Für die Adventsetüden gab es einen ganzen Cocktail aus Wörtern – es galt, so viele wie möglich in die Geschichte mit maximal 300 Worten einzubauen.

Etikett
Gin
Käsekuchen
Kuscheldecke
Lebkuchen
Lichtermeer
Märchenbuch
Minnesang
Nebelschwaden
Schlittenfahrt
Semmelknödel
Streicheleinheiten

Wichtel
Wunschpunsch
Zugvogel

Das Etikett auf der Flasche verhieß nichts Gutes. Wunschpunsch stand da. Gitta las es, drehte die Flasche einmal im Kreis herum und las nochmal. Wunschpunsch. Gitta schob den Käsekuchen zur Seite. Vermutlich ist es einfach nur, Gin, dachte sie – aber wenn doch was dran war? In ihrem alten Märchenbuch gab es eine Geschichte, es war irgendwas mit wenn man trinkt kann man sich etwas wünschen – aber was war die Bedingung? Es gibt immer eine Bedingung bei den Märchen, nichts ist umsonst. Sie nahm die Flasche in die Hand. Kein Drehverschluss, ein seltsamer Korken, der nicht so aussah, als ob man ihn mit dem Korkenzieher herausziehen sollte. Ich könnte mir wünschen, dass ich jetzt noch die Semmelknödel mit Gulasch essen kann, mir nicht schlecht wird und ich morgen trotzdem nicht zugenommen habe, dachte sie. So ein Blödsinn. Sie sollte sich schon etwas Gescheites wünschen. Einen Lottogewinn oder eine Schlittenfahrt mit dem Weihnachtsmann zum Beispiel. Und wenn sie erst beim Weihnachtsmann in der Kutsche saß könnte sie ja direkt weiter wünschen. Der Weihnachtsmann und seine Wichtel erfüllen ja auch Wünsche. Die Frage, wer ihr die Flasche vor die Tür gestellt hatte, war ja auch noch nicht beantwortet. Ich wünsche mir einen Prinzen, der mein Herz mit Minnesang erobert, dachte Gitta, schenkte sich ein Glas halbvoll und nippte. Mmh, lecker. Sie trank in kleinen Schlucken und wünschte sich den Prinzen. Dann trank sie ein zweites Glas und wünschte sich noch das Schloss dazu Und noch ein Glas. Ich wünsche mir die Schlittenfahrt. Gitta wurde schläfrig. Sie liess das Glas sinken und flüsterte, nein, viel lieber will ich ein Zugvogel sein und die ganze Welt von oben sehen. Das Glas fiel zu Boden.

Der Hausmeister fühlte Gittas Puls und wählte eine Nummer.

Die Alte ist hin, sagte er. Die Wohnung wird frei.

Meine rote Zeit

Das Jahr neigt sich dem Ende zu, noch ein knapper Monat und  2020 ist vorbei. Wie werden wohl de 20er Jahre dieses Jahrhunderts in die Geschichte eingehen? Die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts sind ja hinlänglich bekannt. Die Menschen in  Europa tanzten auf dem Vulkan und bewegten sich Jahr für Jahr mehr auf den Krater zu bis sie dann hineinstürzten. Der Rest ist Geschichte. Ich mochte 2020 von Anfang an, und es kann ja weiß Gott nichts dafür, dass es als Jahr der Pandemie Karriere machen musste. Es kam genauso unschuldig wie jedes andere Jahr am 1. Januar in unsere Zeit, niemand konnte ahnen, was bereits unbemerkt auf uns zurollte.  Der Anfang des Jahres ist in meiner Erinnerung dunkelgrün und wird dann blau, ab März ist das Jahr rot. Ich mag rot nicht und jetzt muss ich schon seit Monaten in roter Zeit leben. Interessanterweise sind die 1930er Jahre für mich auch rot. Warum das so ist, weiß ich nicht. Ich habe eine Raum-Zeit Synästhesie und sehe Zeit räumlich und farbig. Das war schon immer so und erst vor kurzem habe ich erfahren, dass das nicht bei jedem so ist. Ich dachte, alle Menschen sehen die Zeit räumlich und in Farben.  Synästhesie ist keine „Krankheit“, es ist wie eine zusätzliche Verknüpfung von Sinneswahrnehmungen, wie zum Beispiel Musik (Hören) und Farbe (Sehen).  Ich kann sehen, dass das rot sich bis in den Sommer 2021 zieht, dann wird es gelb. Gelb ist okay, ich hoffe mal das Beste, auch wenn mir blau oder grün lieber wäre. Falls  unter euch auch jemand ist, der eine Synästhesie hat, schreibt mit doch in die Kommentare!

abc Etüden 47/48 Die Hoffnung stirbt zuletzt

Irgendwie bin ich heute mit dem Wort Hoffung verbandelt….siehe meinen Post von heute morgen…hier also meine Etüde für die letzte Etüdenrunde dieses Jahr. Wie immer gilt die Regel, drei Worte, dieses Mal gestiftet von Ulli von https://cafeweltenall.wordpress.com/ in einer Geschichte mit maximal 300 Worten zu verarbeiten. Die Worte für diese Textwochen sind Quelle grießgrämig stöbern

Danke an Christiane, die auf ihrem blog https://365tageasatzaday.wordpress.com/2020/11/15/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-47-48-20-wortspende-von-cafe-weltenall/ die Etüden hostet und mit viel Einsatz durch das Jahr begleitet. Die inspirierende Grafik ist auch von Christiane und hat mir dieses Mal den Geistesblitz beschert.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Er starrte grießgrämig auf das Wasser.

So ist das mit den Weibern, dachte er. Versprechen einem das Blaue vom Himmel und dann hauen sie ab.

Die Wasseroberfläche war ungetrübt und glatt, er sah auf sein Spiegelbild.

Ja ja, ich weiß schon, sagte er und zog eine Grimasse, bei dem Anblick würde ich auch Reißaus nehmen als Frau.

Das Spiegelbild blieb ungerührt.

Jetzt sag schon, schrie er es an, was soll ich denn machen? Sie ist doch meine einzige Chance, aus dem Schlamassel rauszukommen!

Die Quelle allen Übels war er ja selbst gewesen, das wusste er mittlerweile. Aber man kann ja seine Fehler nicht ungeschehen machen. Jetzt musste er mit den Konsequenzen leben und ausgerechnet diese Zicke sollte seine Rettung sein. Es hatte Jahre gedauert, bis er herausgefunden hatte, was die Lösung war. Der treue Heinrich hatte für ihn in alten Büchern gestöbert und das Rätsel gelöst.

Ein Kuss. Das war doch völlig bekloppt. Ein Kuss von dieser arroganten Kuh. Aber es half ja nichts, es musste sein.

Er wandte sich um und hüpfte den langen Weg zum Schloß.

26. November 2020

Das Jahr geht zu Ende.Nicht mit großem Getöse, eher sang-und klanglos. (In Anbetracht des fast völlig verstummten Kulturbetriebs ist diese Redenwendung schon fast sarkastisch).

Wie jedes Jahr werden wir am 31. Dezember wieder voller Hoffnung sein, dass es besser wird, als es war.Die Hoffnung ist ein Schatz, der in Zeiten we diesen erst seinen vollen Glanz entfaltet.

Glaube, Liebe, Hoffnung – das Triumvirat, das mir durch die Tage hilft. Die Hoffnung hat an Wertigkeit zugenommen, doch ohne den Glauben, dass das, was wir erhoffen, Wirklichkeit wird, wäre die Hoffnung ohne Sinn.

Und wo bleibt die Liebe?

Wir sollten uns lieben, dafür, dass wir da sind, dass wir sind, wie wir sind. Denn ohne Liebe zu uns selbstt können wir auch keinen anderen lieben und vice versa. Und wie wäre das alles auszuhalten ohne Liebe?

„Wir sind Liebe

du und ich

wir sind ganz Liebe.

Und wenn Gott Liebe ist,

dann sind wir Gott“

aus „Die Zeit der Hexe“, J.L. Herlihy

abc Etüden. Sie verlassen den amerikanischen Sektor

Gestern abend lief auf 3 Sat der Film „Der Spion, der aus der Kälte kam“ mit Richard Burton. Ich habe nur den Anfang gesehen, weil es schon spät war und ich schlafen wollte. Der Film beginnt mit einer Szene am Checkpoint Charlie in Berlin. Kennt Ihr das – man sieht etwas und wird plötzlich in eine andere Zeit gebeamt, als ob die Erinnerung wie eine Welle über dir zusammenschwappt? So ging es mit heute nacht. Dazu meine Etüde.Die Wörter dieser Schreibwochen sind LIEBLICH, TEILEN, NACHTLICHT. Sie sollen in einer Geschichte mit maximal 300 Wörtern eingebaut werden. Bei Christiane https://365tageasatzaday.wordpress.com/2020/11/01/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-45-46-20-wortspende-von-kain-schreiber/ findet ihr die links zu den anderen großartigen Etüden dieser Schreibeinladung.

abc.etüden 2020 45+46 | 365tageasatzaday

Sie verlassen den amerikanischen Sektor

Sie verlassen den amerikanischen Sektor

Es ist 1978,  ich bin liebliche siebzehn Jahre alt. Mein Leben ist überschaubar. Ich wohne auf dem Land, dort, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Am Vormittag bin ich in der Schule, fahre danach mit dem Bus nach Hause in unser Dorf. Während meine Mutter das Essen kocht, telefoniere ich mit meiner Freundin. Wir teilen alles miteinander. Nach dem Essen telefonieren wir wieder.

Ich habe auch eine Freundin in Westberlin, Kathrin. Sie lädt mich ein, sie in den Herbstferien zu besuchen.

Meine Eltern erlauben es, wir telefonieren, fassen uns kurz, es ist ein Ferngespräch und das ist teuer. Ich fahre mit dem Zug. An der Grenze, meine Mutter nennt sie Zonengrenze, die andere Seite sagt Staatsgrenze, steigen die Zöllner von drüben ein. Im Abteil ist es still, die Beamten kontrollieren meinen Ausweis, mustern mich. Ich versuche, unauffällig und harmlos auszusehen. Wie sieht man unauffällig und harmlos aus? Ich fahre mit der Stadtbahn durch Berlin, es fühlt sich frei an, dabei sind die Menschen hier doch eingesperrt. Kathrins Mutter will mir die letzte Bar mit Tischtelefonen zeigen, vermutlich ein Relikt aus den 50ziger Jahren. Wir gehen an der Garderobe vorbei durch in das Café, über dem Durchgang ist ein grünlich schimmerndes Nachtlicht. Wir setzen uns, auf dem kleinen Tisch vor uns steht ein altmodisches schwarzes Telefon. Plötzlich klingelt es, jemand will mich zum Tanzen auffordern. Ich senke den Altersdurchschnitt im Raum um etwa zwanzig Jahre. Ich weiß nicht mehr, ob ich getanzt habe.

Mit Kathrins Vater besuche ich Checkpoint Charlie, die Ausstellung dort erzählt von den Fluchten aus der DDR. Ich kann die Angst spüren und auch den unbezwingbaren Wunsch nach Freiheit. . Ich lese jede Geschichte und bin völlig erschüttert von dem, was ich sehe. Als wir das Museum verlassen kann ich nicht mehr sprechen, bleibe stundenlang stumm.

https://www.mauermuseum.de/ausstellung/

abc Etüden 45.46 Nur geträumt

Drei Wörter, dieses Mal gestiftet von Kain Schreiber, Die Schreibeinladung findet ihr bei https://365tageasatzaday.wordpress.com/2020/11/01/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-45-46-20-wortspende-von-kain-schreiber/

Die Wörter für diese Etüdenwochen sind

Nachtlicht/ lieblich/teilen

Interressante Kombination, „Nachtlicht“ brachte mir sofort das Bild des Flurs mit den Nachtlichtern über den Türen. Und dann nahm die Geschichte ihren Lauf…..hier meine Etüde:

Die Gänge waren von grünen Nachtlichtern  nur schwach beleuchtet. Zwei Meter Wand, dann eine Tür, über jeder Tür das schwache grüne Licht, auf beiden Seiten des Ganges befanden sich zehn Türen. Ich tastete mich vorwärts, leise, schleichend, immer auf der Hut. Der Teppichboden schluckte jedes Geräusch, dennoch hatte ich das Gefühl einen Höllenlärm zu machen mit meinen Schritten. Mein Blick streifte die Nummern neben den Türen, links von mir gerade, rechts von mir ungerade Zahlen. Hundertzwei, hundertvier, hundertsechs. Endlich erreichte ich das Ende des Ganges und den Lift. Ich drückte auf den Pfeil, der nach unten zeigte und als der Lift endlich kam, schlüpfte ich schnell hinein. „Lobby“ – ich musste dahin, es war nicht zu vermeiden. Der Spiegel im Lift zeigte mir ein groteskes Bild, die Beule auf meiner Stirn färbte sich bereits in lieblichem Rosa.  Der Nachtportier starrte mich an wie ein unbekanntes Insekt. Mir blieb keine Wahl. Ich musste jetzt meine Geschichte mit ihm teilen. Mal sehen, wie er es aufnahm, dass sich eine erwachsene Frau, in ihre Bettdecke eingewickelt, beim Schlafwandeln aus ihrem Zimmer ausgesperrt hat und anschließend gegen ein Fenster gelaufen ist. „Ich, äh, also ich bräuchte dann bitte einen Ersatzschlüssel für mein Zimmer“, war das letzte was ich herausbrachte, dann wurde mir schwarz vor Augen.

abc Etüden KW41/42

Der Countdown läuft – wenn ich lese, dass wir schon auf die 43. Kalenderwoche zusteuern, dann frage ich mich wieder einmal, wo das Jahr geblieben ist.

Mein Beitrag zu dieser Etüdenwoche ist eher ein von der Wortspende inspiriertes Gedankenspiel. Die drei Worte „Landvermesser, undankbar, aussetzen“ wurden gespendet von Werner, dessen blog findet ihr hier https://wkastens.wordpress.com/

Christiane von https://365tageasatzaday.wordpress.com/ hostet die abc-Etüden und vernetzt die EtüdenschreiberInnen.In einer Geschichte mit maximal 300 Worten sollen die Wörter der Wortspende verpackt werden. Wie gesagt, eine Geschichte im klassischen Sinne ist es dieses Mal nicht.

abc.etüden 2020 41+42 | 365tageasatzaday

LEBENSLAND

Wenn mein Leben ein Land ist, dann bin ich der Landvermesser. Was hinter mir liegt, ist bekannt, die Grenzsteine sind klar gesetzt . Was vor mir liegt, ist unbekanntes Land. Ich taste mich vor, Schritt für Schritt, es ist dunkel und der Weg ist unklar. Im Vorangehen kann ich die Strecken messen, ohne Maß, ich messe nur ob etwas mir lang oder kurz erscheint. Das Land hat Berge und Täler, oh ja, und was für welche. Täler so tief, dass ich mich frage, wie ich sie durchschreiten konnte. Immer weiter, ohne Pause, kein aussetzen. Die Höhen sind auch da, sie zu erklimmen war nicht weniger schwer als die Täler zu durchschreiten. Ich will nicht undankbar sein, deshalb achte ich beides, die Höhen und die Tiefen. Genau betrachtet, haben mich die Abgründe, durch die ich mich gequält habe, sogar mehr gelehrt als die Höhenflüge. Misst der Landvermesser die Schönheit einer Landschaft? Nein. Sein Maßstab ist objektiv, es ist Meter und Zentimeter, Kilometer oder Meilen. So will ich das auch sehen können, einfach wahrnehmen, was war und neugierig sein auf das, was kommt. Und wenn ich das Land meines Lebens durchkreuzt habe und am Ende angekommen bin, sagen können: was für ein Trip!

Schreibübung aus Bassum/ Die Schreibgaleere

Wie versprochen hier mein Ergebnis einer Schreibübung, die uns  Jutta Reichelt in der Schreibwerkstatt im Rahmen der Sommerakademie in Bassum gegeben hat:

Schreibe eine Geschichte, die an einem realen Ort spielt, vorzugsweise hier in Bassum oder sogar in der Freudenburg, und lasse eine unheimliche Atmosphäre entstehen. Vielleicht gibt es etwas Bedrohliches, Unheimliches, Unerwartetes – wie immer galt die Devise „alles ist erlaubt“.

Viel Spaß beim Lesen!

Als ich von der A1 abfuhr und auf die Landstraße einbog, die mich zum Seminarhaus bringen sollte, schien alles noch völlig normal. Vor mir fuhren LKWs, rechts von mir lag der Autohof, dessen Werbung ich schon von der Autobahn aus gesehen hatte. Ich fuhr durch Alleen, entlang an rieseigen Feldern und ab und zu standen neben der Straße Bauernhäuser oder kleine Gruppen flacher Wohnhäuser. Wenn ich heute versuche mich zu erinnern, wann ich den letzten LKW überholt habe, gelingt es mir nicht. Ich verstehe auch nicht, warum mir nichts aufgefallen ist. Ich war einfach froh, endlich aufs Gas drücken zu können, weil ich durch einen Stau auf der A1 zwanzig Minuten verloren hatte. Das Navi zeigte noch fünfzehn Minuten Fahrtzeit an, und ich beschloss, die Zeit zu nutzen und noch einen Anruf zu erledigen. Ich wählte die Nummer drei Mal, aber immer wurde der Anruf beendet, bevor eine Verbindung zustande kam. Was für eine Einöde, dachte ich, die haben nicht einmal Empfang hier. Meine Güte, hier wollte ich nicht tot übern Zaun hängen! Ich fuhr wieder durch kleine Weiler und sah mir im Vorbeifahren die Häuser und Vorgärten an. Irgendwann nahm ich wahr, dass ich noch keine Menschen gesehen hatte. Sind die alle bei der Arbeit? fragte ich mich. Es sind doch Ferien, zumindest Kinder sollten unterwegs sein. Aber ich verwarf den Gedanken und schob die Menschenleere der Eigenart der Nordlichter zu, die sich lieber in ihre Häuser verkriechen als mit anderen zu kommunizieren. Drei leidvolle Jahre in Bielefeld haben mich zu einer sehr subjektiven Sicht auf die Menschen nördlich der Mainlinie geführt. Für einen Süddeutschen fängt der Norden schließlich hinter Frankfurt an, Ich grinste vor mich hin und folgte der Stimme aus dem Navigationsgerät. Nur noch fünf Kilometer, gleich hatte ich es geschafft. Als ich endlich  auf den Parkplatz der Freudenburg einbog, war mein Wagen der Einzige. Ich war irritiert, denn ich war ja spät dran. Trotzdem stieg ich aus, schnappte meine Tasche, den Koffer würde ich später holen, und bog auf den Platz am Vorwerk ein. Auch hier war niemand zu sehen. Auf dem Weg ging ein Mann auf und ab, der einen Helm mit Visier trug und ein stinkendes lautes Gerät, mit dem er offenbar Gras aus den Fugen des gepflasterten Wegs entfernte.  Er sah mich mit ausdruckslosem Gesicht an und reagierte nicht auf meinen Gruß. Also so unverständlich war mein „Guten Morgen“ nicht gewesen, fand ich. Es hatte fast hochdeutsch geklungen! Ich ging zum Eingang und setzte meine Maske auf. Als ich das Haus betrat begegnete mir eine Frau mit demselben Helm inklusive Visier und dem gleichen ausdruckslosen Gesicht. Ich spürte, dass hier etwas nicht stimmte, aber bis dieses Gefühl in meinem Bewusstsein angekommen war, stand ich schon vor dem Tresen der Rezeption. Ich hörte noch wie jemand sagte, „willkommen in der Freudenburg!“ dann wurde mir schwarz vor Augen.

Irgendwann kam ich zu mir und fand mich wieder in einem kleinen Raum, der mit Stapeln von Papier aufgefüllt war. Auf einem Tisch standen mehrere Kartons mit Bleistiften, Radierern und Anspitzern. Daneben lag ein Blatt Papier, auf dem nur ein Wort stand:  „SCHREIB!“

Jeden Tag werden das Essen und die Tagesaufgabe durch die Klappe in der Tür geschoben. Abends werden die vollgeschriebenen Seiten abgeholt und kommen am nächsten Morgen mit dem Frühstück und der neuen Tagesaufgabe weder zurück.

Ich gebe zu, noch nie war ich so produktiv wie hier – aber eine Schreibwerkstatt hatte ich mir doch irgendwie anders vorgestellt.

 

Klappe/Bassum die Fünfte

Meine Bassumwoche in der Schreibwerkstatt bei Jutta Reichelt , in der Sommerakademie der VHS Diepholz, ist schon wieder vorbei. Wie immer ist die Zeit, die mir so lang erscheint, wenn ich mich auf den Weg in den Norden mache, verflogen. Coronabedingt war der Aufenthalt in den Gebäuden der Freudenburg nur mit Maske erlaubt, die Essenszeiten waren für die einzelnen Gruppen festgelegt und limitiert. Das Wetter war aber so großartig, dass wir uns nur im Freien aufgehalten haben. Stühle und Tische wurden von der kleinen Terrasse in den Park getragen und dort verteilten wir uns unter den riesigen alten Bäumen im Schatten

Morgens um halb zehn trafen wir uns nach dem Frühstück mit Jutta, die jeden Tag einen kleinen Schreibimpuls für uns vorbereitet hatte, quasi als Aufwärmübung für den Start in den Tag. Einer dieser Schreibimpulse war:

Schreibe eine Geschichte, die an einem realen Ort spielt, vorzugsweise hier in Bassum oder sogar in der Freudenburg, und lasse eine unheimliche Atmosphäre entstehen. Vielleicht gibt es etwas Bedrohliches, Unheimliches, Unerwartetes – wie immer galt die Devise „alles ist erlaubt“.

Diese Geschichte folgt dann noch hier auf dem Blog.

Die Arbeit an meinem Romanprojekt war dieses Mal produktiv wie nie, das war zum Einen dem einzigartigen Kosmos der Freudenburg geschuldet, zum anderen dem Umstand, dass mit klar war, ich muss die ganzen Fragmente, die teilweise schon zusammenhängend waren, teilweise auch nicht, endlich strukturieren. Zu diesem Zweck hatte ich eine Rolle Packpapier eingepackt, viele Meter lang und fünfzig Zentimeter breit. Die perfekte Breite um auf einem Tisch ausgerollt zu werden.

Mehrere Tage habe ich mich in einem der Räume, die wir ohnehin wegen des schönen Wetters nicht genutzt haben, ausgebreitet und an meiner Timeline gearbeitet. 

Die einzelnen Szenen hatte ich zuvor auf  Karteikarten geschrieben und dann auf das Papier übertragen, welche Personen in der Szene auftauchen, wo die Szene stattfindet und kurze Stichworte dazu, was passiert. Die Figur(en), die zum ersten Mal auftauchen, eingeführt werden oder erwähnt werden habe ich mit Farbe hervorgehoben. So hatte ich einen guten Überlick über den Verlauf. Der Erfolg war durchschlagend. Plötzlich waren alle Schleusen offen. Immer wenn ich an einen Punkt kam, wo der  Geschichte der Zusammenhang zwischen zwei Szenen fehlte, habe ich parallel geschrieben und die Szenen so zusammengefügt. Wie ein Puzzle, das am Anfang unüberschaubar aussieht und plötzlich fügt sich eines zum anderen, wenn man die Ecken und Seiten des Puzzles zusammengesetzt hat und Ausschnitte des Ganzen schon erkennen kann. Alles in allem sind es sicher über dreißig Seiten, die jetzt überarbeitet werden können und die Geschichte vorantreiben. Kapitel 1 und 2 sind jedenfalls – endlich – abgeschlossen und mit dem dritten Kapitel habe ich bereits begonnen. Jetzt steht das Aufarbeiten der Teile an, die es aus Kapitel 3 und 4 bereits gibt. Der Schluss des Romans ist ebenfalls schon geschrieben und auch dieser Teil muss noch auf die große Rolle. Es ist Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Dank Jutta Reichelts Gabe, mich jedes Jahr in Bassum mit subtilem Druck in die richtige Richtung zu schieben, bin ich auch dieses Jahr bei der Schreibwerkstatt in Bassum ein großes Stück vorangekommen. Dieses Jahr war ich zum fünften Mal bei Jutta Reichelts Schreibwerkstatt in der Freudenburg und wie immer bin ich völlig glücklich zurück gefahren. Liebe Jutta, vielen Dank!

Etüdensommerpausenintermezzo

7 aus 12 ist die Vorgabe für Sommerpausen-Etüden. Aus folgenden Wörtern

Blaupause
Diätwahn
Herzschmerz
Kantine
Kommentar

Ohrenkneifer
Sahnewölkchen

Stoppelfeld
Strandkorb

Vulkan
Windjammer

Zwischentöne

sind mindestens 7 auszusuchen und in eine Geschichte zu verpacken. Alles weitere und die links zu den anderen großartigen Etüdenschreibern findet ihr bei Christiane ,die die Etüden hegt und pflegt. Ich habe mir die fettgdruckten Wörter ausgesucht und sie in meine Etüde eingebaut, die zudem auch einen – eventuell – realen Ort beschreiben soll. Ich nehme euch mit in unsere Landeshauptstadt, die ich persönlich meistens großräumig umfahre, weil der Verkehr chaotisch ist und ich ein Landkind. Zu viele Menschen. Aber ich kenne die Stadt gut, habe dort gewohnt und viele Jahre mittendrin gearbeitet.

Shop till you drop

Ich drehte mich vor dem Spiegel und fand, ich sah aus wie ein Sahnewölkchen. Naja, um ehrlich zu sein, eher wie eine ausgewachsene Sahne-Cumuluswolke. In diesem Moment wünschte ich mir inständig, ich wäre eine dieser Frauen, die regelmäßig ihrem Diätwahn erliegen und in der Kantine, anstatt sich Bratkartoffeln mit Speck  reinzuschaufeln, mit meditativer Langsamkeit ihr mitgebrachtes Tupperdöschen öffnen und ebenso meditativ die kleingeschnittenen Karotten- Sellerie- oder was auch immer Stäbchen kauen. Mein zweiter Vorname ist NICHT Disziplin, ich bin  eher die Vorsitzende des Geniesservereins, und zwar weltweit und auf jeden Fall die erste Vorsitzende. Die Verkäuferin riss mich aus meinen Tagträumen,

„Sollen wir mal einen Schleier probieren?“

Ich starrte sie an wie ein unbekanntes Insekt, drehte mich wortlos um, ging in die Kabine und schälte mich aus der mehrlagigen Kumuluswolke, stieg in meine ausgeleierte Jeans und zog mir das Sweatshirt über den Kopf. Als ich endlich wieder draußen auf der Königstraße stand, fragte ich mich, was mich eigentlich geritten hatte. Der Tag hatte doch ganz harmlos angefangen. Eigentlich bin ich die klassische Internet-Shopperin und verlasse höchst ungern mein Zuhause um einzukaufen. Aber irgendwie fühlte ich mich nach wochenlangem Lockdown fast schon VERPFLICHTET, auch einmal zum Einkaufen in die Stadt zu fahren und fuhr nach Stuttgart. Ich parkte mein Auto in alter Gewohnheit im Parkhaus Züblin und schlug den Weg über die Breuninger-Passage zum Marktplatz und dann zielgerichtet zur Markthalle ein. Diese Geruchsexplosion! Ich schlenderte durch die Gänge und war wie betäubt von dem riesigen Angebot. So gerne hätte ich meine Nase ohne Maske in die Luft gehalten, aber das war ja leider nicht möglich. Im Geiste notierte ich was ich auf dem Rückweg alles einkaufen wollte und trat nach draußen auf den Schillerplatz. Da war er wieder, mein Herzschmerz. Ich hätte es besser wissen müssen. Hier war unser erstes Rendezvous gewesen, am Schillerdenkmal hatten wir uns verabredet. Die Erinnerung war wie ein Vulkan, der ununterbrochen Magma ausstößt und immer wieder Brandwunden verursacht. Ich schlug einen Haken Richtung Stiftskirche und landete am Ende auf der Königstraße.  Ich war doch zum Shoppen hergekommen, aber jetzt wusste ich gar nicht mehr, was ich eigentlich hier wollte. Ich ging ziellos durch die Geschäfte und das Einzige, was ich einkaufte, war eine Butterbretzel am Bretzelhäusle. Ich stopfte mir beim Gehen die Bretzel in den Mund und wischte meine fettigen Finger an der Serviette ab. Mittlerweile hatte ich den Königsbau erreicht und überlegte, ob es nicht besser wäre auf Kultur zu machen und über den Schloßplatz in Richtung Staatsgalerie abzubiegen. Da sah ich es im ersten Stock des Eckhauses im Schaufenster. Mein Traumkleid. Genau das Brautkleid, das ich bei der Hochzeit getragen hätte, die nun nicht stattfinden würde. Oder um genau zu sein, die Hochzeit, die nicht mit mir stattfinden würde. Nicht ich lag jetzt im Strandkorb neben Mike sondern Linda, die fleischgewordene Blaupause von Barbie. Die mitleidigen Kommentare, mit denen ich nach der geplatzten Verlobung überschüttet wurde, waren unerträglich. Aber dann kam der Lockdown und ich konnte mich, ohne Ausreden erfinden zu müssen, zuhause vergraben und von allem abschotten. Ich kultivierte meine Coronapfunde und ergab mich der Schokisucht. Ich hätte überall hin fahren können, aber nicht nach Benztown. Jetzt sah ich an jeder Ecke irgendetwas, was mich an Mike und unsere gemeinsame Zeit erinnerte. Und dann das Kleid, ein Traum aus ungezählten Lagen Tüll und einer trägerlosen glitzernden Korsage. Ich hatte den Laden wie in Trance betreten und behauptet, ich sei eine Braut auf Brautkleidsuche und darauf bestanden, genau dieses Kleid aus dem Schaufenster anzuprobieren. Und wenn man es genau nimmt, ist doch die Reihenfolge auch völlig egal. Wer sagt denn, dass erst der Mann da sein muss bevor man das Brautkleid aussucht? Warum kann man es nicht andersherum machen? Während die Verkäuferin mir die gefühlten hundert Lagen Tüll über den Kopf zog, entwickelte ich die Theorie, dass das Brautkleid so eine Art „self fulfilling prophecy“ sein könnte. Ich war plötzlich überzeugt davon, das Kleid sei in der Lage, den idealen Mann für mich anzuziehen. Voller Enthusiasmus trat ich aus der Kabine, ging zum Spiegel und erstarrte. Wenn dieses Kleid mir den passenden Mann anziehen würde, dann wäre er vermutlich Schaumschläger.

Schlossplatz Stuttgart mit dem Neuen Schloss, Foto von Wolgang Vogt auf pixabay