Türkisblau

 

Als sie in den von der Sonne aufgeheizten Wagen steigt, spürt Maja, dass sie angefangen hat zu schwitzen und der Stoff des dünnen Sommerkleids unter ihren Achseln feucht wird. Sie lässt den Wagen an und dreht die Klimaanlage hoch. `Auf der kurzen Strecke wird das Auto kaum abkühlen`, denkt sie. Ihre rechte Hand greift nach der Handtasche, die sie auf den Beifahrersitz geworfen hat und sucht nach dem Deo. Die Finger tasten blind durch den Beutel, gleichzeitig identifiziert ihr Gehirn die Gegenstände. Leder, narbig, Portemonnaie. Hart, rechteckig, schmal, Mobiltelefon. Rund, klein, Lippenstift. Endlich ertastet sie die schmale Röhre und zieht das Deo heraus. In der Zwischenzeit hat ihr linker Arm mit einem anderen Teil des Gehirns weiter das Ziel der Fahrt angesteuert und geht dieser Tätigkeit solange nach, bis er zum Einsprühen der rechten Achselhöhle benötigt wird und die rechte Hand das Lenkrad übernimmt. Diese selbstverständlichen Abläufe beruhigen Maja, sie ist Teil eines in sich abgeschlossenen Kosmos in dem ihr Gehirn mühelos und ohne sie damit zu behelligen, die nötigen Schritte einleitet. Das Deo wird in die Tasche zurückgeworfen und beide Hände halten sich jetzt am Lenkrad fest. Auf ihren Schenkeln strahlt das Blau des dünnen Baumwollkleids, der Stoff ist so leicht, sie spürt kaum, dass sie etwas anhat. Das Blau ist leuchtend, so leuchtend wie die Farbe des Schwimmbeckens im alten Freibad. Türkisblau. Ein blauer Fleck mitten in den Liegewiesen, deren Grün in der Sonne zu fahlem Braun verbrannt war. Schon vor Jahren war das Becken renoviert worden und hatte jetzt eine silbergraue matte Edelstahlhaut. Der Vorsprung am Beckenrand, auf dem sie nach jeder zehnten Runde ihre Füße abstellt und kurz innehält, fühlt sich jetzt glatt an unter ihren Fußsohlen, sauber, deutsch. Das alte Becken war in die Jahre gekommen, es hatte einen maroden Charme gehabt und in der Vorstellung ihres kindlichen Ichs war das Blau des Beckens das Blau des Mittelmeers, das sie noch nie gesehen hatte. Wenn sie als Kind auf ihr Fahrrad stieg und zum Freibad radelte, dann fuhr sie nach Italien, ans Meer. Maja stellt sich vor, wie sie ein weißes Kleid in das Schwimmbecken ihrer Kindheit taucht und türkisblau wieder herauszieht.  Als sie den Parkplatz ansteuert hat die Klimaanlage das Auto endlich auf eine erträgliche Temperatur gekühlt. Sie öffnet die Tür und stellt die Füße auf den Kies. Der heiße Sommertag hat sich über das Land gelegt wie ein Wattebausch, die schwüle Luft stülpt sich über Maja als sie vom Parkplatz zum Haus geht. Die Glastür öffnet sich, als sie näher kommt, wird in der Mitte zerschnitten und schiebt die Hälften mit einem leisen Atemholen nach beiden Seiten auseinander. Die kleine Cafeteria ist leer, Maja stellt das Kuchenpaket, das sie mitgebracht hat, auf der Theke ab. Ihr Blick streift durch den Raum, nach draußen auf die Terrasse, wo unter der Markise zwei weitere Tische mit Korbsesseln stehen. Trotz der Hitze würde sie sich nach draußen setzen, in den Garten schauen, auf die Rosenbeete. Sie geht zurück, durch den Flur, betritt das Treppenhaus,  wo es kühl ist und angenehm. Während sie die Treppe hochgeht spürt sie, wie ihre Seele sich davonschleicht, sich umdreht, die Treppe hinuntergeht, durch die geteilte Glaswand hinaus auf den Weg, zurück zum Parkplatz. Einen Moment hält Maja inne, dann aber geht sie weiter und setzt Fuß um Fuß auf die Stufen. `Es geht auch so`, denkt sie. `Vielleicht sogar besser`. Sie öffnet die Tür im ersten Stock und tritt aus dem Treppenhaus auf den Flur. `Wirsinggrüner Teppichboden, türkisblau wäre schöner gewesen`, denkt sie. `Dann würde man über Wasser gehen`. Wäre ihre Seele jetzt dabei, dann hätte Maja an dieser Stelle gelacht, so aber geht sie weiter. Vorbei an Türen, die sich alle gleichen. Der Versuch, sie mit angeklebten Kinderzeichnungen oder Kränzen aus Kunstblumen zu individuellen Pforten zu machen, unterstreicht auf deprimierende Weise die Eintönigkeit. Maja betritt das Zimmer mit dem Kranz aus künstlichen Kornblumen ohne anzuklopfen. Da steht sie, am geöffneten Schrank, und ist gerade dabei einen grauen Blazer anzuziehen. Mühsam sucht ihr rechter Arm nach dem Ärmel, da fällt ihr Blick auf Maja.

„Das ist aber schön! Bist du schon lange da?“

„Nein Mama, ich bin eben gekommen.“ Maja geht auf ihre Mutter zu und zieht ihr den Blazer aus. „Mama, es hat dreißig Grad, du brauchst keine Jacke!“

Sie sieht, dass ihre Mutter bereits zwei langärmelige Pullover übereinander angezogen hat.

„Du kannst einen Pullover ausziehen, es ist so heiß draußen!“

Maja zieht den oberen Pulli hoch und sieht, dass der untere fest in die Hose gestopft ist. Sie sieht den mageren Körper ihrer Mutter, den Gummizug der Hose, der sich um den flachen Bauch kräuselt, und obwohl Majas Seele nicht da ist sondern im Auto auf sie wartet, ist Maja so berührt, dass sie den Pullover schnell wieder nach unten zieht.

„Also gut, wenn du meinst, dann lass es so.“

Die Mutter sieht Maja an und strahlt.

„Ist das schön, dass du da bist. Und was für ein schönes Kleid du anhast! So eine schöne Farbe! Wann hast du das genäht?“

Maja antwortet nicht, dass sie dieses Kleid seit fünf Jahren besitzt und schon oft anhatte, weil es ihr Lieblingskleid ist.  Sie sagt nicht, dass sie es gekauft hat anlässlich des achtzigsten Geburtstags der Mutter, dass sie seit ihrer Studienzeit keine Kleider mehr näht weil sie keine Zeit mehr hat. Sie schiebt die Mutter zur Tür hinaus, in den Aufzug, hinunter in die Cafeteria, an den Tisch auf der Terrasse zu dem Himbeerkuchen, den sie mitgebracht hat.

Eine Stunde, denkt Maja, eine Stunde. Sie erschlägt einen Teil der Zeit damit, an der Kaffeemaschine Cappuccino für die Mutter zu holen und den Kuchen auf zwei Teller zu verteilen. Die Cafeteria füllt sich mit Besuchern und Maja ist froh, dass sie so früh da war und sie einen Tisch auf der Terrasse bekommen haben.

„Unser Garten wird immer schöner“, sagt ihre Mutter als Maja den Kuchen abstellt.

„Was sind das für fremde Leute hier.“

Wie in Zeitlupe hebt die Mutter die Hand und sticht mit der Kuchengabel in die Himbeeren.

„Alle wollen sie.“

Das Kuchenstück fällt auf die Hose.

„In meinen Garten. Die schönen Rosen.“

Jetzt ist Maja froh, dass ihre Seele nicht dabei ist, sonst hätte sie widersprechen müssen und der Mutter erklären, dass das nicht ihr Garten ist sondern der des Heims, in dem sie lebt. Dass es ein Gärtner ist, der den Garten angelegt hat und pflegt und nicht Majas Vater, der schon seit vielen Jahren nicht mehr lebt.

„Iss deinen Kuchen, Mama, der schmeckt so gut, findest du nicht?“

„Ja“, sagt die Mutter. „So gut.“

Eine Weile essen sie schweigend, Maja gibt der Mutter den Kaffeelöffel in die Hand und legt die Kuchengabel weg, weil immer wieder ein Kuchenstück von der Gabel auf die Hose fällt. Sie rückt den Tisch noch näher an die Mutter heran, die wie eine kraftlose Marionette, deren Fäden niemand mehr bewegt, in ihrem Sessel mehr liegt als sitzt.

„Unser Garten wird immer schöner“, sagt die Mutter.

Maja schiebt ihr die Tasse mit dem Cappuccino hin.

„Trink deinen Kaffee, Mama.“

Die Mutter nimmt die Tasse, trinkt einen Schluck, lächelt.

„Der ist aber gut!“

„Ja Mama, der Kaffee hier ist gut.“

Maja schiebt sich ihr letztes Stück Himbeerkuchen in den Mund. Die Mutter hat noch die Hälfte des Kuchens auf dem Teller.

„Mama, iss deinen Kuchen, du bist so dünn!“

„Du kannst noch etwas haben“ sagt die Mutter und schiebt Maja ihren Teller hin.

„Nein Mama, du sollst den Kuchen essen. Ich habe ihn ja extra für dich mitgebracht.“

Sie schiebt den Teller wieder vor ihre Mutter und schaut zu, wie diese den Kuchen zerteilt und die Stücke aufeinander legt.

„Mama, essen!“

Maja sieht auf ihre Uhr. Noch eine halbe Stunde, höchstens fünfundvierzig Minuten.

Nach einer Stunde auf der Terrasse hat die Mutter den Kuchen aufgegessen. Die Kaffeetasse mit dem Cappuccino ist noch halb voll. Maja schiebt das Geschirr weg und streckt die Beine aus.

„Dein Kleid ist so schön“ sagt die Mutter.

„Die Farbe steht dir gut. Hast du das selbst genäht?“

Majas Gehirn gibt die Anweisungen für die Antwort.

„Nein Mama, ich habe es gekauft. Ich habe das Kleid schon viele Jahre.“

Sie erzählt nichts von dem blauen Becken des Schwimmbads. Von den kleinen Reisen zum Meer, in den Ferien, damals als die Eltern das Haus gebaut hatten und eine Urlaubsreise wegen der vielen Schulden undenkbar gewesen wäre. Damals, als ihr die Mutter die teure Dauerkarte für das Freibad geschenkt hat  und Maja dann mit dem Fahrrad jeden Tag ans Mittelmeer gefahren ist.

`Das habe ich ihr nie erzählt`, denkt Maja jetzt.

Wäre ihre Seele hier würde Maja der Mutter jetzt diese Geschichte erzählen. Sie würde ihr sagen, wie stolz sie war, als sie mit ihrer Saisonkarte an der langen Schlange der Wartenden am Eingang des Freibads vorbeigehen konnte. Vielleicht würde sie ihr sogar sagen, dass die verblichene graue Pappkarte in einem Karton bei ihren alten Tagebüchern liegt und seit Jahrzehnten gehütet wird wie ein Schatz.

So aber ist es egal, was die Mutter weiß und was nicht. Sie sitzt neben dieser alten Frau, sieht die abgeschnittenen Marionettenfäden, die niemand entwirren kann.

„Der Garten ist schön“, sagt die Mutter jetzt. „Die Rosen.“

Maja antwortet nicht.

„Das sind die schönsten, hier vorne“, die Mutter zeigt mit dem Finger auf das Beet neben Maja.

„Da waren noch andere“ fährt sie fort. „Die waren groß und – “ sie hält inne und Maja spürt, dass ihre Mutter nach einem Wort sucht, das verschwunden ist.

„Sie hatten diese Farbe – diese Farbe, so –“

Maja sucht in dem Beet nach den Blumen, die die Mutter meinen könnte.

„Jetzt sind die anderen groß.“

„Ja Mama. Ein schöner Garten“.

Die Mutter schweigt für einen Moment.

„Was macht mein Bub?“ fragt sie. „Geht es ihm gut in der Schule?“

Maja weiß, dass ihr Sohn gemeint ist, der kein Bub mehr ist sondern ein junger Mann, mit Bart und Kopfhörern und Freundin.

„Er studiert, Mama.“ antwortet sie.

„Ach Gott –“ die Mutter schüttelt den Kopf.

Sie sieht wieder auf die Rosen, dann dreht sie sich zu Maja.

„Wie geht es deinen Eltern?“ fragt sie.

Maja sieht die Marionette an.

„Wer bin ich?“ fragt sie.

„Du bist Maja“, antwortet die Marionette.

„Und wie heißt meine Mutter?“

„Ich komme jetzt gerade nicht auf den Namen“, antwortet die Marionette.

Hätte sich ihre Seele nicht vor über einer Stunde davongeschlichen hätte Maja jetzt

vielleicht gesagt: `Ich bin es, Mama. Ich bin dein Kind und du bist meine Mutter`.

So aber sagt sie nichts mehr. Maja bleibt stumm und lauscht den halben Sätzen, die aus dem Mund ihrer Mutter wachsen, über den Tisch und die Terrasse wuchern, hinein in das Rosenbeet und bald ein so dichtes Gewirr aus Wörtern gebildet haben, dass sie es nicht mehr durchdringen kann.

Februar

Es ist nichts Neues, dass ich den Februar nicht mag. Genauso wenig wie den November. Ich finde, Februar und November sind die melancholischsten Monate des Jahres. Wobei der Februar noch punkten kann damit, dass der Frühling zumindest auf dem Kalender jetzt nicht mehr weit ist. Im November hat man ja den ganzen langen Winter noch vor sich –
Ich habe im Februar Geburtstag, das finde ich auch nicht so toll. Keine Geburtstagsfeier in lauer Sommernacht, unsichere Witterungsverhältnisse, kalt, regnerisch. Der einzige Lichtblick dieses Jahr war Karneval, und auch hier hat der Februar mit seinem Mistwetter wieder unbarmherzig zugeschlagen: der Rosenmontagszug in Düsseldorf fiel aus. Gefeiert haben wir trotzdem, Düsseldorf Helau! Regen Helau! Sturm Helau!
Jetzt ist das auch schon wieder Geschichte und ich bin zurückgefallen in meinen Februar-Blues. Diese Tage, die nicht richtig hell werden machen mich fertig. Meine Reflektionsmaschine läuft auf Hochtouren und ich bin im Dauer-Grübel-Modus und finde manchmal die Exit-taste nicht mehr.
Ständiges Thema in meinem Gedankenkarussell: der Zustand meiner Mutter. Und wie schwer es mir fällt, das anzunehmen. Es ist ein ständiges Hin und Her, vor und zurück. Ich hadere mit mir, weil ich am liebsten davonlaufen würde, mich dem Allem nicht stellen will, es mir zu viel wird. Ich ertappe mich dabei wie ich die Person suche, die sie war, wenn ich bei ihr bin. Aber ich finde sie nicht. Es ist, als ob ich bei jemand anderem wäre. Seit unserem Silvester hat sie sich bereits wieder so verändert, sie sucht nach Worten und findet sie nicht mehr. Am Ende taumeln die Sätze zusammenhanglos durch die Luft wie Seifenblasen, die zerplatzen ohne eine Spur zu hinterlassen. Doch ich bin ja ein gutes Kind und denke dann Dinge wie „Sei dankbar für die Zeit, die ihr hattet“. Ja klar bin ich dankbar, aber es hilft mir nicht. Ich fühle mich schuldig, weil ich es nicht schaffe, mich einfach neben sie zu setzen und nur da zu sein. Und so sitze ich also auf meinem Kreisel aus Selbstvorwürfen und drehe mich durch die Tage ohne voranzukommen. Mein Verstand kann das alles prima analysieren und mir gute Ratschläge geben, aber mit dem Verstand komme ich nicht weiter. In solchen Momenten höre ich eines meiner Lieblingslieder von Andreas Bourani, hier in einer unplugged Version:

Hey, sei nicht so hart zu dir selbst!

Aber heute ist ja Freitag, wir haben heute Mädels- und  Tanzabend, das ist großartig. Ein Leben ohne Freundinnen wäre möglich aber sinnlos 🙂

Ich wünsche Euch ein wundervolles Wochenende! Seid nicht so hart zu Euch selbst, stürzt Euch ins Leben und kostet jede Minute aus!

Stille Stunden

Ich bin wieder zuhause, kann wieder in meinem eigenen Bett schlafen.
Was hat diese Zeit im Krankenhaus mit mir gemacht? Ich bin meiner Mama so nahe gekommen wie ich ihr vielleicht nie zuvor war.
Man sagt, in den Rauhnächten zwischen Wintersonnwende und dem Dreikönigsfest sei die Grenze zwischen den Welten durchlässiger. Vielleicht war deshalb diese Zeit so intensiv –
Die letzte Infusion wurde meiner Mutter immer gegen einundzwanzig Uhr gegeben, normalerweise schlief sie dann schon ein, während die Infusion durchlief. Doch in dieser Nacht hatte die Schwester vergessen ihr das Schlafmittel zu geben, was ich nicht wusste. Da sie nicht einschlafen konnte und immer wieder ihre Decke wegstieß und aufstehen wollte, habe ich mich irgendwann neben sie ins Bett gelegt. Wir haben Wiegenlieder gesungen, dieselben Lieder, die sie mir, als ich noch ein Kind war, zum Einschlafen vorgesungen hatte. „Die Blümelein sie schlafen schon längst im Mondenschein, sie nicken mit den Köpfchen auf ihren Stängelein…“. Ich legte meinen Kopf an ihre Schulter und sie hielt mich, wie man ein Kind hält. Es fühlte sich richtig an, sie war die Große und ich war die Kleine. In dieser Nacht hat sich etwas verändert. Plötzlich war ich in der Lage, sie so anzunehmen, wie sie jetzt ist. Sie so zu lieben, wie sie jetzt ist.
In diesen stillen Stunden im Krankenhaus haben sich die Dinge neu zurechtgerückt. Es ist, als ob auf dem Spielfeld meines Lebens die Figuren neu ausgerichtet worden wären. Dinge, die mich in den letzten Monaten so sehr beschäftigt haben, sind in den Hintergrund gerückt. All die Wut war plötzlich weg, da war nur noch Liebe für diese zerbrechliche Frau, die so klein aussah in dem Bett, so verloren. Selbst als sie am nächsten Morgen behauptete, ich sei nicht ihre Tochter, konnte ich sie lieben. Und als sie plötzlich einen klaren Moment hatte und über sich selbst entsetzt war, war ich voller Mitgefühl. Ich wusch ihren abgemagerten Körper, ich trocknete sie ab und cremte sie ein. Ich zog sie an und kämmte ihr die Haare. Ich tat das für sie weil ich sie liebe, nicht weil ich das Gefühl hatte, ich müsse es tun.
In der Theorie ist es leicht zu sagen, man liebe seine Mutter und es sei selbstverständlich, sie auch zu lieben, wenn sich ihre Persönlichkeit mit der Demenz Schritt für Schritt verändern würde. Ich war nur wütend. Seit Monaten gab es einen Teil in mir, der einfach nur wütend war. Ich glaube, ich war wütend auf sie, weil sie mir das antat. Auch wenn sich das völlig irrational anhört, so war es wohl Diese Wut ist weg.
Diese stillen Stunden in der Klinik zähle ich zu den wichtigsten und intensivsten Zeiten meines Lebens. Alles ist gut.

Tag 1

Eine neue Zahl: 2016.

Irgendwie gefällt mir die Zahl besser als die alte, 2015. Subjektive Wahrnehmung nennt man das wohl. Das neue Jahr habe ich begrüßt auf der Feuertreppe der Hautklinik der Uniklinik Tübingen, mit einer Handvoll Menschen, die wie ich einen guten Grund hatten, hier zu sein. Die Nachtschwester, zwei Ärzte, der Portier, ein Patient. Und ich. Am Ende des Ganges lag meine Mutter, erkrankt an Gürtelrose, die sich wie ein Feuermal über die rechte Seite ihres Gesichts zieht, über das Auge bis in den Haaransatz. Da sie wegen ihrer Demenz, die die Folge einer Hirnblutung ist, völlig ohne Orientierung ist, muss 24 Stunden jemand bei ihr sein. Ich teile mir die Tage mir meiner Schwester auf. Sie übernimmt den Tagdienst und ich die Nacht und den Morgen, Gleich wird sie kommen um mich abzulösen. So bin ich zu diesem Silvester der anderen Art gekommen. Es war irgendwie surreal, da auf der Feuertreppe im nebligen Tübingen. Das Knallen der Raketen und Böller ein Feuerwerk für die Ohren, sehen konnte man wegen des Nebels fast nichts, einzelne Raketen, die sehr hoch in den Himmel stiegen, waren sichtbar. Das war ja wie ein Sinnbild für meinen persönlichen Jahreswechsel. Er war auch „beschnitten“, vernebelt wie die Sinne meiner Mutter.

Ich hatte, dem Schicksal trotzend, mein Ausgehkleidchen angezogen, Schmuck und Ohrringe, dunkelroten Lippenstift. Ich wollte Silvester feiern, schön sein, für mich. Ich hatte mir eine kleine Flasche Brut eingepackt und Luftschlangen an den Galgen über dem Krankenbett, das für mich neben dem Bett meiner Mutter steht, aufgehängt.

Es sind ruhige Stunden hier in der Klinik. keine Ablenkung, kein Radio, kein Fernsehen, nur die mühsamen Atemzüge meiner  Mutter im Bett neben mir. Viel Zeit für Reflektion. Seit heute morgen habe ich auch Zugang zum Internet, nachdem der frreundliche Portier mir gezeigt hat, wie ich es machen muss. Alle hier sind unglaublich nett, hilfsbereit, es ist eine sehr ruhige, schöne Schwingung in diesem Haus.

Jetzt freue ich mich einfach, endlich wieder mal Zeit für meinen Blog zu haben, es muss wohl einiges wieder raus was sich über die anstrengenden letzten Wochen angestaut hat.

Ich wünsche Euch allen ein glückliches neues Jahr, Gesundheit, Liebe und Zufriedenheit. Mögen die Menschen um Euch sein, die ihr liebt und braucht.