ach, die Liebe!


Inspiriert von Christiane, die zu den abc Etuden auch eine kleine Geschichte über den Beginn einer Liebe geschrieben hat, schenke ich euch heute mal ein Gedicht eines meiner Lieblingsdichter, Joachim Ringelnatz. Ich mag seine, oft ein bißchen schrägen, Geschichten, die er in seinen Gedichten erzählt.

Joachim Ringelnatz

Der Briefmark

Ein männlicher Briefmark erlebte
was Schönes, bevor er klebte.
Er war von einer Prinzessin beleckt.
Da war die Liebe in ihm erweckt.

Er wollte sie wiederküssen,
da hat er verreisen müssen.
So liebte er sie vergebens.
Das ist die Tragik des Lebens!

Suche

Ich suche dich
im fallenden Regen vor meinem
Fenster im schwarzen Asphalt
in dessen glänzendem Spiegel
der Mond sich dreht

ich suche dich
im tosenden Nordwind
in den Wolken in diesem Himmel
der so schwarz ist wie
die Traurigkeit in mir

Ich suche dich
im Echo deiner Hände
auf meiner Haut in jedem Ton
der in mir schwingt und
das Lied meiner Liebe erzählt

Am Ende
ganz am Ende finde ich
dich in mir
in meinem Herzen
bette deinen Kopf
in meinen Schoß und
halte dich

Black and White

THE CHALLENGE:

Write a one hundred word story that has a beginning, middle and end. (No one will be ostracized for going a few words over the count.) the group is hosted by Rochelle, each week we find an inspiring new photo on her blog: http://rochellewisofffields.wordpress.com

THE KEY:

Make every word count.

To see all the great 100 word stories of the weekly challenge use this link:
http://www.inlinkz.com/wpview.php?id=325879

This time I felt like writing a poem- what an adventure! It is this the kind of lyric I write in German, line breaking, playing around with words – so I hope imploringly I didn´t use any ridiculous or completely wrong phrases – comments and help with the language are welcome, as always! I hope you enjoy my first attempt in poetry here…

dismantled-keyboard

We were the black and

the white

the perfect sound of

our love

a warm coat in

this cold world

 

now the

pain rises

inside of me like

water in a swelling river

and silence

has nested in every

room

 

I believed in

you and me and

in the wonderful structure of verse

and chorus

and bridge of our life

 

Now our love

has fallen

silent the rooms

don´t  breath your perfume

anymore

I see my heart

lying in the dust

there is no beat no

music

nothing to hear

no

love

 

 

Genre: poem

words: 95

Rosa (3)

1981

Je weniger mein Körper sich bewegt umso mehr reisen meine Gedanken, meistens in die Vergangenheit. Ist das eine schlechte Angewohnheit alter Leute, weil einfach mehr Zeit hinter ihnen liegt als sie noch vor sich haben? Mein aktuelles Lebensgefühl blende ich meistens aus, lieber lasse ich mich hemmungslos fallen in die Erinnerung an die Zeit als ich jung war. Ich wende mich nach innen, lausche einem fernen Ton, leise, konzentriert. Ich suche nach diesem einen Ton, der irgendwo in mir, konserviert seit Jahren, jetzt immer leiser klingt. Ich kann dann sogar meinen Blick nach innen richten, solange bis ich diesen Ton gefunden habe, und dann folge ich ununterbrochen seiner Spur in meinem Inneren. Ich liebe diese Reisen durch meine Archive, wie ich das nenne, sitze mit geschlossenen Augen da und lausche in mich hinein. Das klappt überall. In der Kirche ebenso wie beim Altennachmittag oder bei einem langweiligen Familienfest. Meine inneren Reisen haben dazu geführt, dass meine Familie sich mit dem Rest der Welt einig darüber ist, dass mein Geisteszustand nicht mehr der beste sei. Es scheint mir, dass wir alle in derselben Situation sind: wir sitzen die Zeit bis zu meinem Ableben aus und versuchen das Beste daraus zu machen. Für meine Familie bin ich eine alte verbitterte Frau, launisch und kratzbürstig. Ich befürchte, das trifft mein äußeres Bild ziemlich genau. Leider bin ich nicht in der Lage und vielleicht auch nicht willens mein Innerstes nach außen zu kehren.  Ab und zu hole ich das Foto des einzigen Mannes hervor, den ich je geliebt habe und frage mich was aus mir geworden wäre, wenn ich mich nicht dem Willen meiner Eltern, den Konventionen der Zeit, gebeugt hätte. Bald werde ich mich von dieser Welt verabschieden und vielleicht wird irgendein Familienmitglied nach meinem Tod meine Habseligkeiten durchsehen und mein altes Gesangbuch durchblättern. Den Konfirmationsspruch auf der ersten Seite lesen, die abgegriffenen Seiten überfliegen und zwischen all den frommen Liedern das Foto entdecken. Ein junger Mann, dunkle Haare, ebenmäßiges Gesicht, schöne klare Augen – und auf der Rückseite der Fotografie der Stempel eines Fotografen in Southhampton. Er oder sie wird sich fragen wer das wohl war. Diese Vorstellung gefällt mir, ich hinterlasse gerne ein paar Geheimnisse. Ich versuche mich daran zu erinnern ob ich die alten Leute in meiner Jugend auch mit diesen Augen angesehen habe? Als wären sie bereits alt auf die Welt gekommen? Vermutlich, ich erinnere mich nicht mehr daran. Was also nimmt man wahr, wenn man seine Eltern sieht? Nur die Gegenwart. Die Vergangenheit bleibt ein unentdecktes Land, wenn sie dich nicht einladen, sie dahin zu begleiten. Ich jedoch wollte nie etwas von mir preisgeben, das gebe ich zu. Wenn ich heute in den Augen meiner Familie als absonderlich und launisch gelte, dann stört mich das nicht weiter.  Es ist kein Grund, mein Schicksal vor ihnen auszubreiten wie ein unberührtes Laken, auf dem ihre Kommentare schmutzige Spuren hinterlassen. Ich werde nicht der erste Mensch sein, der seine Geheimnisse mit ins Grab nimmt und auch nicht der Letzte. Und dass es damit nicht mehr lang dauert, das spüre ich. Der Krebs, der angeblich ein Magenleiden ist, frisst sich unaufhörlich voran. Ob ich meinen nächsten Geburtstag noch erleben werde? Ich glaube es nicht.

Meine Familie hat gemeinsam mit meinem Arzt entschieden mich in dem Glauben zu lassen, meine Magenbeschwerden seien die Folgen eines harmlosen Magengeschwürs. Wie immer so griff auch hier das Vorurteil, dass mit zunehmendem Alter nicht nur die Haare weniger werden sondern automatisch auch die Gehirnleistung. Auch wenn es auf manche Menschen zutreffen mag, auf mich trifft es ganz gewiss nicht zu. Ich würde sogar behaupten, dass das Alter meinen Scharfsinn noch verstärkt. Ich jedenfalls lasse mich nicht wie ein unmündiges Kind behandeln. Schließlich ist es mein Körper, meine Krankheit und meine Lebenszeit. Ich habe mir daher eine zweite Meinung eingeholt. Bei einem Arzt, der als gnadenlos offen gilt und deshalb bei sensiblen Menschen keinen guten Ruf genießt. Für mich ist er genau der Richtige. Er hat mir schonungslos eröffnet dass ich wohl noch ein Jahr zu leben hätte, im Höchstfall. Da ich nicht an Wunderheilung glaube habe ich ihn um ein Rezept für starke Schmerzmittel gebeten und mich für seine Offenheit bedankt.  Dieser Arzttermin fand drei Tage vor meinem achtzigsten Geburtstag statt. Die Familie hatte sich für meinen Ehrentag mächtig ins Zeug gelegt. Ich wurde zum Essen ausgeführt und man trug launige Gedichte vor. Ich machte gute Miene und sah verstohlen auf die Uhr. Nach dem Dessert stand ein Spaziergang an und aus Rücksicht auf mein fortgeschrittenes Alter fiel dieser recht kurz aus. Danach kam das Beste, der Nachmittagskaffee. Ich liebe Kaffee, also trank ich mehrere Tassen, schloss dann hellwach die Augen und begab mich in mein Archiv. „ Die Oma Rosa schläft wieder,“ hörte ich meine Enkelin flüstern. Wenn die Leute wüssten, wie einfach es ist, seine Ruhe zu haben wenn man sich – gekonnt – schlafen stellt, würde das zur allgemeinen Disziplin werden. Ich saß also mit geschlossenen Augen auf meinem Stuhl und hörte nur noch Gesprächsfetzen und irgendwann gar nichts mehr. Stattdessen fragte ich mich ernsthaft, ob ich nach meiner Rückkehr aus Amerika jemals wieder glücklich gewesen war. Mein Leben war an mir vorbeigezogen wie die Landschaft, die man aus dem Zugfenster betrachtet. Es gibt Berge und Täler, schöne und weniger schöne Abschnitte. Manchmal denkt man, hier ist es schön, hier würde ich gerne länger bleiben, aber der Zug rast weiter. Leute steigen ein und steigen aus, setzen sich neben dich, auch wenn du sie nicht magst. Und andere, die du viel lieber in deinem Abteil hättest, finden dann keinen Platz mehr. Die Fahrkarte durch das Leben ist jedenfalls nur eine einfache, ein Zurück gibt es nicht. Mein Zug hat wohl nicht mehr allzu viele Stationen vor sich, vielleicht gibt es ja tatsächlich diesen einen Tunnel der ins Licht führt.. Obwohl ich in einer sehr pietistischen Familie aufgewachsen bin hielt sich meine Religiosität immer in Grenzen. Diesem zur Schaustellen des eigenen Glaubens, das so gerne von meinen Schwestern praktiziert wurde, konnte ich nie etwas abgewinnen. Ich war mein Lebtag nur bei Beerdigungen, Hochzeiten oder Taufen in der Kirche, das hat mir genügt. Der Herrgott hat sich seinen Spaß mit mir erlaubt, meiner Meinung nach sind wir quitt, ich bin ihm nichts mehr schuldig.

Meine Enkelin hängt der Theorie an, dass alles, was einem im Leben zustößt, Schicksal ist und als Prüfung angesehen werden muss, die es zu bestehen gilt. Wenn dem so wäre, habe ich dann bestanden, weil ich es den anderen recht gemacht habe? Oder hätte ich es doch besser für mich passend gemacht, mein Leben? Jetzt sitze ich hier am Fenster einer altersgerechten Erdgeschoßwohnung und fahre auf meinen Erinnerungen Karussell bis mir schwindlig wird und ich mich an den Armlehnen meines Sessels festhalten muss.

Rosa (2)

Rosa, eine kleine Blume, die Augen zwei blaue Tropfen in ihrem winzigen Gesicht. Barbara hat das Kind aus sich herausgepresst als ob es nichts mit ihr zu tun hätte. Es (das Kind) ist zu klein, sagt die Hebamme, es wird wohl die Nacht nicht überleben. Ihr müsst eine Nottaufe machen. Wilhelm, der Älteste,  ein stiller Beobachter, starrt auf das Kind, wartet, dass die Seele den kleinen Körper verlässt. Aber das Kind stirbt nicht. Barbara taumelt durch das Haus wie Treibgut im Meer, ziellos. Doch das neue Kind (Rosa) gedeiht trotz der fehlenden Mutterliebe. Schon jetzt scheint sie zu wissen, dass sie nur bekommt, was sie sich erkämpft. Sie weint ohne Unterbrechung bis Barbara sie wieder stillt.

Das Kind weiß was es will, sagt die Hebamme nach einer Woche. Rosa kämpft um ihr kleines Leben, mit nachdenklichem Gesicht (wie ein Stiefmütterchen) blickt sie in die Welt. Da ist die Mutter, deren Herzschlag sie kennt. Der Vater, dessen Stimme sie hört, und da ist Wilhelm. Der erste, der sie bei ihrem Namen nennt, Rosa. Alle anderen werden noch monatelang „das Kind“ sagen, wenn sie von ihr sprechen. Der Beginn ihres Lebens untrennbar verbunden mit dem Tod der älteren Schwester. Der Winter,  in dem sie geboren wurde, für immer der Winter in dem Maria starb.

Später wird man Rosa fragen, wie das war, damals in ihrer Kindheit. Und sie wird die Augen schließen und Wilhelm sehen. Seine dunklen Locken, seine starken Arme, das hellrote Zahnfleisch, wenn er lacht. Sie denkt an seine überstürzte Hochzeit, (weil Else schwanger war) Spätsommersonne, die Braut in schwarz, der Bräutigam in grau (Uniform). Heimaturlaub. Wie ein unsichtbares Band wob die Angst alle zusammen. Sie standen auf einem Teppich aus unausgesprochenen Gebeten, Verzweiflung und geahnten Katastrophen. Und sie wird wieder an diesen Frühlingstag denken (erste Sonne), als sie mit Wilhelms junger Frau (hochschwanger) vor dem Glaskasten am Rathaus steht, wo der Büttel die neuen Gefallenenlisten aufgehängt hat. Ihr Finger, der suchend die Liste entlangwandert, bis er auf Wilhelms Namen stehenbleibt. Wie sie erstarrt und ihren Finger nicht lösen kann von dieser Ansammlung falscher Buchstaben. Wie Else neben ihr aufschreit, zusammenbricht. Hände, die sie wegzerren von dem Kasten und ihr rechter Zeigefinger, immer noch ausgestreckt, wie ein Mahnmal. Wilhelm, ihr schöner Bruder, zerschossen in irgendeinem Schützengraben.

An diesem Tag entschied sich Rosa, wegzugehen.

Das Seminar (Die Schlange 5)

Anna schätzte das Alter des Unbekannten auf Ende Vierzig. In Gedanken machte sie eine Miniumfrage, nach dem Motto „Kreuzen sie das Zutreffende an“:

„Kein normaler Mann in diesem Alter ist allein, also trifft wahrscheinlich Punkt 3 zu. Es wäre also die Frage zu lösen, warum trägt er keinen Ehering? Mag er keinen Schmuck? Will er seinen Beziehungsstatus verbergen „ich rede schon wie ein Facebookprofil auf zwei Beinen“, dachte Anna und musste grinsen.

Anna war nicht unbedingt auf der Suche nach einem Mann, aber ein Flirt würde dem Seminar bestimmt ein bisschen Würze geben. Sie saugte am Strohhalm ihrer Latte Macchiato und sah verstohlen zum Nebentisch. Anna konnte einfach nicht anders, „Berufskrankheit“ pflegte sie zu sagen. „Das Hemd ist von van Laak, der Anzug könnte von Boss Black sein. Die Schuhe waren auf jeden Fall rahmengenähte Budapester, er hatte zweifellos Geschmack. Sie schielte unauffällig über den Rand ihrer Zeitschrift. Er war attraktiv, keine Frage, aber nicht zu perfekt. Anna hatte nichts übrig für die geleckten Typen, ein Mann mit Ecken und Kanten traf eher ihr Beuteschema. „Ein Kerl“ stellte sie fest.

Vielleicht war dieses Seminarwochenende gar nicht so verkehrt, wenn man hier solche Männer traf –

Der Unbekannte hatte seine Email beantwortet und wandte sich wieder Anna zu. Sie sah in ein paar graugrüne Augen, die mit hellen Sprenkeln durchsetzt waren.  Und als sie sich abwandte war ihr schon klar dass sie ein My zu lange in diese Augen geschaut hatte. „Darf ich mich vorstellen? Steffen Amberg:“ „Anna Stickel“ antwortete Anna. ´Er hat auch noch eine angenehme Stimme´ dachte Anna.

„Nett Sie kennenzulernen,“ sagte Steffen. „Was führt sie denn hierher? Das ist ja nicht gerade ein Wellnesshotel für ein erholsames Wochenende“, fuhr er fort. Anna musste ihm zustimmen, es war ein typisches Tagungshotel, pragmatisch und nüchtern eingerichtet, aber ohne Charme. Er lächelte Anna an. „Ich nehme hier an einem Seminar teil“ sagte sie,“ es beginnt in“ sie sah auf die Uhr, „genau einer Stunde.“ Wie hatte sich der Typ eben vorgestellt? Steffen Irgendwas  – Anna suchte in ihrer Tasche nach den Seminarunterlagen. Der Name war ihr irgendwie bekannt vorgekommen aber sie hatte keinen Zusammenhang hergestellt. Sie warf einen Blick auf die Liste der Referenten. Da stand sein Name, Steffen  Amberg, er moderierte das Seminar.  Es war seine Unternehmensberatung, die das Seminar durchführte. Wie peinlich – hätte sie doch mal die Unterlagen genauer durchgelesen.  Sie lächelte ihn mit ihrem unwiderstehlichen Lächeln an: „ Ich dachte eben, der Name kommt mir bekannt vor – Herr Amberg, sie halten das Seminar an dem ich teilnehme: „Führung und Magie“.

„Ich bin schon so gespannt“, Anna log ohne rot zu werden und wie erwartet sprang Steffen Amberg darauf an. Männer sind einfach gestrickt, sobald frau sie lobt ist das der Startschuss für einen Monolog. So war es auch jetzt. Anna bekam eine Kurzfassung der Seminarinhalte und deren Relevanz für die Allgemeinheit und Anna im Besonderen. Sie lehnte sich entspannt zurück und nutzte die Zeit um  Steffen Amberg ausführlich zu betrachten. Er gefiel ihr immer besser.

Die Schlange (1)

Anna war Perfektionistin. Sie hatte so lange recherchiert bis sie alles über ihre vermeintliche Gegnerin herausgefunden hatte. Sie wusste, wo sie arbeitete, wie ihr Dienstplan aussah. Sie kannte ihre beste Freundin und war seit neuestem Mitglied im gleichen Fitnessclub. Sie buchte denselben Yogakurs.

Sie schlich sich behutsam und mit viel Geduld in das Leben dieser Frau, sie glitt hinein wie eine Schlange: lautlos und unbemerkt. Und wenn der richtige Zeitpunkt gekommen war, würde sie zubeißen. Und ihr Biss würde tödlich sein.

Zeus ist wieder da

Heute ist ein ziemlich heißer Tag, ungewöhnlich heiß. So ein Tag, an dem man seine langen Haare verflucht und irgendwie versucht zu bändigen. Ein Tag, an dem Mascara unter den Augen zu schwarzen Flecken gerinnt und die Nase glänzt als ob sie dafür einen Preis gewinnen könnte. Und ausgerechnet heute, wenn ich vollkommen derangiert in meiner Wortwabe sitze, kommt Zeus.

Unangemeldet, wie immer. Er setzt sich mir gegenüber an den zweiten Schreibtisch und ich versuche verzweifelt, mich hinter meinem Bildschirm zu verstecken. Ich bücke mich und fingere an meinem Router herum. Zeus bückt sich ebenfalls und grinst mich unter dem Tisch an:

„Suchen Sie etwas? Ich finde, Sie wirken heute irgendwie überspannt!“

Im Gegensatz zu mir sieht Zeus wieder umwerfend aus, allerdings ist er heute blond und mein Beuteschema ist eher dunkelhaarig. Kaum habe ich den Gedanken zu Ende gedacht, sind seine Haare braun, fast schwarz. Zeus spielt mit einer langstieligen roten Rose herum: „Wollten wir nicht eine Nacht zusammen verbringen?“

Er schaut mir tief in die Augen, mittlerweile befinden wir uns wieder über der Tischplatte. Habe ich schon erwähnt, dass Zeus eine außergewöhnliche Stimme hat? Irgendwie sanft, aber auch bestimmend und auf eine Art – vage – so als ob er bei jedem Satz bereits bei seinem nächsten Gedanken wäre  –

„Ich, äh, also –“ meine Güte, jetzt fange ich schon an zu stottern!

Ich kneife mich ganz fest in den rechten Unterarm (ich bin Linkshänderin) und sofort bildet sich ein Fleck.

Zeus ist verschwunden.

Auf meiner Tastatur liegt – können Sie sich das nicht denken?

Eine Rose….und ich schaue mir meinen rechten Arm an und frage mich, ob ich wirklich aus Fleisch und Blut bin oder nur eine Figur in einer Geschichte die gerade irgendwo geschrieben wird. Ich bin nicht sicher.

Zeus (chronologisch)

Louvre, Paris

 

Im Louvre gab es nie Ruhe, erst recht nicht für Mona Lisa. Ihr Bild war eines der gefragtesten. Sie war zweifellos unsterblich geworden, Leonardo hatte recht behalten. Alle Besucher wollten sie sehen. Menschenmengen drängten sich jahraus jahrein vor ihrem Portrait und sie durfte keine Regung zeigen. Wenn sie nicht von La Liberté, der wilden Marianne, gelernt hätte, wie sie nachts ihren Rahmen verlassen konnte, wäre ihr Legendenleben um einiges langweiliger gewesen. Immer nur zu lächeln, hunderte von Jahren, das empfand sie mittlerweile als zutiefst unbefriedigend. So aber stahl sie sich Nacht für Nacht aus ihrem Rahmen und spazierte durch den Louvre.

An einem Vormittag im Mai beobachtete sie ein Paar, das sich Hand in Hand vor ihrem Bild aufgestellt hatte. Wie durch ein Wunder waren außer diesen beiden keine anderen Besucher in der Nähe. Das hatte es noch nie gegeben und es konnte nicht mit rechten Dingen zugehen. Der Mann war deutlich älter als seine Begleiterin, er sah allerdings umwerfend aus, war teuer gekleidet und flüsterte der Schönen neben ihm halblaut etwas zu. Mona Lisa strengte sich an, sie wollte zu gerne hören, was da geflüstert wurde. Da traf sie der Blick des Unbekannten und es schien ihr, als ob dieser ihre Gedanken gehört hätte und daher näher an ihren Rahmen herangerückt wäre. Jetzt verstand sie deutlich, was er sagte. Er deklamierte ein Liebesgedicht, das nicht nur der jungen Begleiterin sondern auch Mona Lisa die Röte ins Gesicht trieb.

„Wer ist der Kerl?“ fragte sich Mona Lisa. „Hat er den Louvre gesperrt oder warum stehen die beiden mitten am Tag alleine vor mir?“

Als hätte er wieder ihre Gedanken gehört sah ihr der Mann direkt ins Gesicht. Diese Augen – Mona Lisa war sicher, sie hatte ihn schon einmal gesehen.

Er legte den Arm um seine Begleiterin und entfernte sich langsam. Bevor er den Raum verließ drehte er sich noch einmal um und warf Mona Lisa einen Kuss zu.

Sie blieb völlig verwirrt in ihrem Bild zurück.

Kaum war es Nacht im Louvre schlüpfte sie aus dem Rahmen und rannte zu ihrer Freundin Marianne.

„Du musst mir helfen, Marianne, ich hatte heute einen Besucher, also ich weiß auch nicht, mit dem stimmte etwas nicht.“

„Warum? Was war denn los? Wollte er dich stehlen?“

„Nein, aber er war mit einem jungen Mädchen da, ganz allein, mitten am Tag, als ob er den Raum abgesperrt hätte –„

„Gutaussehend, teuer gekleidet, längere Haare, um die Vierzig?“

„Genau! Woher kennst du ihn?“

„Das willst du nicht wissen, Lisa. Aber ich kenne ihn, und wie ich ihn kenne – „

Marianne machte eine Pause und verdrehte die Augen.

„Es ist Zeus.“

Mona Lisa konnte mit dieser Aussage nichts anfangen.

„Der Typ heißt Zeus?“

„Nein, Schätzchen, er IST Zeus.“

„Zeus ist ein Gott, es gibt ihn nur in alten Büchern.“

„Das denkst du, und die meisten Menschen denken das auch. Weil sie keine Fantasie haben und keine Vorstellungskraft. Weil sie glauben, nur das, was sie erklären können, kann Wirklichkeit sein.“

„Aber –“ Mona Lisa wusste nicht mehr, was sie sagen sollte.

„Hör zu, Lisa. Zeus wandelt auf der Erde seit Anbeginn. Nur weil niemand mehr aufschreibt, was er treibt, heißt das nicht, dass es ihn nicht mehr gibt. Er ist sehr aktiv. Und einige der anderen sind es auch.“
Mona Lisa schnappte nach Luft. Sie war mittlerweile einiges gewöhnt, aber das überstieg ihre Vorstellungskraft.

„Was meinst du mit „die anderen“ – gibt es noch mehr von ihnen?“

„Aber ja doch, hast du noch nie Apollon gesehen wenn er mit seinen Musen unterwegs ist? Oder Hermes?“

Mona Lisa wollte jetzt mehr wissen.

„Und was ist nun mit Zeus?“

„Zeus – “ Marianne schien durchaus angenehme Erinnerungen an Zeus zu haben.

„Also um es kurz zu machen,“ sie holte tief Luft,“ Zeus ist der großartigste Liebhaber, der hier auf der Erde unterwegs ist. Zumindest soweit ich das beurteilen kann.“

Im Vergleich zu Marianne war Mona Lisa nahezu jungfräulich, sie beneidete aber ihre Freundin insgeheim um deren erotische Erfahrungen.

„Zeus und du –“

Mona Lisa wusste nicht so recht, wie sie es aussprechen sollte,

„also du und Zeus, habt ihr denn, äh, ward ihr –“

„Du willst wissen ob wir ein Liebespaar waren? Oh ja, wir hatten eine sehr leidenschaftliche Affäre…

Allerdings bevor ich zu dem wurde war ich heute bin.“

„Du meinst, als du noch gelebt hast? Als du Modell gestanden hast für das Bild?“

„Genau. Er trieb sich schon damals am liebsten in Künstlerkreisen herum. Daran hat sich nicht viel geändert.“

Mona Lisa sah verträumt vor sich hin.

„Du hast wenigstens aufregende Erinnerungen. Ich habe ja nicht einmal das.“

„Willst du denn eine Affäre mit Zeus beginnen?“ Marianne lachte.

„Das würde ich mir zweimal überlegen. Er reißt dir das Herz aus dem Leib, selbst du, eine Legende, wärst nicht davor gefeit.“

„Und wenn es so wäre. Ich glaube es wäre mir egal. Diese Augen – “

„Oh je,“ Marianne sah ihre Freundin beunruhigt an.

„Ich glaube, dich hat es schon erwischt, Du Ärmste.“

 

 

 

Neulich in der Wortwabe

 

 Kürzlich saß ich wieder in meiner Wortwabe und bekam Besuch von Mona Lisa.

“Ich will Zeus verführen,” verkündete sie mir.

“Sie sind ja verrückt,” erwiderte ich.”Zeus ist eine Legende, den gibt es doch gar nicht.”

Genau wie Sie, wollte ich noch hinzufügen, schluckte es aber vorsichtshalber hinunter.

Sie erklärte mir, ich hätte keine Ahnung. Zeus wäre so aktiv wie in seinen besten Zeiten. Nur weil keiner mehr aufschreibe, was er so treibt, hieße das noch lange nicht, dass es ihn nicht gibt.

“Sie wollen mir also erklären, dass Zeus immer noch als großer Verführer auf Erden wandelt?”

Ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen.

Mona Lisa sah mir direkt in die Augen. Ich würde ihn ja auch schon kennen, sagte sie. Ich solle doch mal genau nachdenken, ich wäre ihm schon begegnet.

An dieser Stelle musste ich mich wieder kneifen, um zu spüren dass ich aus Fleisch und Blut bin und nicht nur die Figur irgendjemandes, der sich gerade ausdenkt, dass ich mich mit Mona Lisa über Zeus unterhalte.

Ich war mir nicht sicher.

 

Zeus

Zeus betrachtete sich zufrieden im Spiegel.
„Perfekt,“ dachte er und lächelte seinem Spiegelbild zu.
Er war heute um die vierzig, hatte längeres dunkles Haar, lässig nach hinten gekämmt. Bei der Augenfarbe hatte er sich nach einigem Hin und her für ein nebliges Grau entschieden, das immer gut ankam. Die Körpergröße war am besten so um die 185 Zentimeter, die Menschen waren ja heutzutage deutlich größer, aber zu groß wollte er auch nicht sein, das wäre zu auffällig.
Die Kleidung wäre ohne Hilfe von Aphrodite ein Problem geworden, aber sie war ja in der „Fashion and Beauty“, wie sie es nannte, absolut zuhause. Ohne zu wissen, mit wem sie es zu tun hatten, war sie zur begehrtesten Beraterin der Prominenten in Hollywood aufgestiegen. Sie zählte die schönsten Frauen der Welt zu ihren Kundinnen – jedoch konnte es keine mit ihr aufnehmen. Aphrodite war die schönste Frau aller Zeiten, für Zeus allerdings einfach zu perfekt. Und daher langweilig. Sie hatte auch nur Klamotten oder Schuhe im Kopf und konnte Zeus´ intellektuellen Anforderungen in keiner Weise gerecht werden. Aber als Stylingexpertin war sie unschlagbar. Im Handumdrehen zauberte sie Zeus diesen unvergleichlichen Casualchic auf den Leib, eine Mischung aus sehr teuer und sehr lässig. Sie hatte den Dreh raus, das musste Zeus zugeben. Nachdem er durch ihre Hände gegangen war sah er wie die Inkarnation des intellektuellen Genies schlechthin aus. Zeus verpasste sich noch einen leicht gebräunten Teint, was Aphrodite zu der Ergänzung um eine RayBan „Wayfarer“ Brille veranlasste.

„Voll im Trend, Zeus,“ sagte sie.
Ihre Kundinnen waren für ihn tabu, denn diese Frauen wurden ständig und überall abgelichtet, und dann sah man die Bilder sofort im Internet. Viel zu gefährlich für Zeus, er hatte sowieso alle Hände voll zu tun, seine Frau Hera auf andere Fährten zu lenken.
Hera war immer noch rasend eifersüchtig und wenn die Menschheit wüsste, wie viele Mädchen nach Jo und Europa der Wut seiner Ehefrau zum Opfer gefallen waren, wäre sein Ruf vollkommen ruiniert. Die großen Metropolen mit Millionen von Einwohnern boten ihm aber meistens sichere Verstecke. Früher, als er sich nur in Griechenland austoben konnte, mit den paar Menschen, die damals lebten, war es für seine Frau ein leichtes, ihn aufzuspüren. Heute dagegen musste sie schon einige Spione auf ihn ansetzen. Sie hatte ein paar zuverlässige Leute bei der CIA und beim Secret Service, das wusste Zeus, aber es waren Halbgötter oder deren Kinder, und dadurch für ihn nicht wirklich gefährlich.
Hermes war Zeus treu ergeben und ein Experte in allen technischen Details dieser verrückten Zeit, manche sagten, er sei in der Lage, sich in jeden Computer einzuhacken. Die Flügel an den Fersen trug Hermes nur noch symbolisch, denn das Internet bot heute ganz andere Möglichkeiten der Kommunikation. Zeus konnte mit Hermes` Hilfe seine Spuren perfekt verschleiern, verwischen, wie es ihm gefiel. Er war da und auch wieder nicht und Hera kochte vor Wut,
Es war ihm unbegreiflich, warum die Männer der sogenannten „modernen“ Welt glaubten, dass man eine Frau mit so etwas lächerlichem wie einem schnellen Auto beeindrucken könne. Er, Zeus, wusste es besser. Eine Frau, oder besser, eine wirklich interessante Frau, ließ sich viel eher mit, wie er es gerne nannte, „weichen“ Faktoren beeindrucken. Viel besser als ein Porsche funktionierten Liebesgedichte, die er sich gerne von Apoll schreiben ließ. Der hatte ja mit seinen neun Musen einen Stab von Mitarbeiterinnen, die jegliche Art von Kunstwerk aus dem Hut zaubern konnten. Und der verwegene, leidenschaftliche Künstler war nun einmal Zeus Lieblingsavatar.
Er konnte dabei unter verschiedenen Kunstgattungen wählen, wobei er festgestellt hatte, dass „Schriftsteller“ am besten funktionierte. Mit Sprache konnte man die Frauen bestens umgarnen.
Jetzt, im einundzwanzigsten Jahrhundert dieser neuen Zeitrechnung, war ja sogar schon ein von Hand geschriebener Brief eine kleine Sensation
Sein Jagdrevier waren Vernissagen oder Lesungen, er tauchte auf, sah sich um und wenn es kein Objekt für seine Begierden gab, zog er weiter. Im Gegensatz zu früher hatte er sich auch angewöhnt, zusätzlich zu neuen Eroberungen, immer mehrere Geliebte, verteilt auf die großen Städte, zu haben. Das war bequemer als immer nur auf der Suche zu sein, und man wurde ja auch nicht jünger. Auch wenn er, Zeus, sich sein Alter jederzeit aussuchen konnte, eine gewisse Bequemlichkeit ließ sich nicht verleugnen. Die einzige Schwierigkeit bestand darin, die Avatare, die er bei den verschiedenen Frauen eingesetzt hatte, nicht durcheinander zu bringen. Aber Aphrodite hatte ihm hierfür mit Hilfe von Hermes eine App auf sein I-phone gespielt, die ihm jederzeit und überall den richtigen Avatar zur jeweiligen Geliebten präsentierte. Im Laufe der Jahrtausende hatte er verschiedene Avatare ausprobiert. Manche waren sogar zu Legenden geworden, wie zum Beispiel Casanova.
Die Zeit, in der er jetzt agieren musste, war allerdings auch für ihn als Gott eine echte Herausforderung. Die Frauen hatten sich vollkommen verändert. Sie waren so respektlos und unweiblich geworden, dass er es sich abgewöhnt hatte, nur nach jungen Mädchen Ausschau zu halten, wie früher. Am ehesten konnte er die Frauen ab dreißig verstehen. Und bei denen über vierzig hatte er so leichtes Spiel, dass er sich fragte, was deren Männer denn machten (oder besser NICHT machten) dass sie so ausgehungert waren.

 

Besuch von Zeus

 Zeus kam in meine Wortwabe hereingestürmt – wie ein junger Gott (dabei ist er ja in Wirklichkeit ein sehr alter Gott). Ich gebe zu, er sah atemberaubend gut aus und war einfach sensationell geschmackvoll angezogen. So lässig, aber alles vom Feinsten.

Er habe gehört, die alte Mona Lisa wolle ihn verführen. Das solle ich ihr bitte ausreden, er habe es aufgegeben, sich mit Unsterblichen abzugeben. Die Sterblichen böten ihm genügend Aufregung.  Er, Zeus, sei schließlich der großartigste Liebhaber aller Zeiten, eine Frau, die unsterblich war, würde er womöglich nie wieder loswerden.

Er sah einfach unwiderstehlich aus, seine Augen schimmerten grau wie der Himmel im November – ich ertappte mich dabei, wie ich mein T-Shirt unauffällig nach unten zog und ärgerte mich, dass ich ausgerechnet heute keinen Push Up trug.

Mein Dekolletee sei auch ohne Push Up sehenswert, schmeichelte mir Zeus – ich hatte vergessen dass er Gedanken lesen konnte.

Unauffällig kniff ich mich in den Unterarm um zu überprüfen, ob ich aus Fleisch und Blut war oder vielleicht nur eine Figur in einer Geschichte über Zeus –

Er sah mir in die Augen und ich war mir nicht sicher….

 

New York – Mallorca in sechzig Sekunden

 Die Vernissage im Meatpacking District war langweilig, Zeus hatte auch keine Lust auf seine perfekt gestylte amerikanische Geliebte, keine Lust auf kleine Häppchen in einem neuen angesagten Restaurant. Heute war ihm der Sinn nach etwas Bodenständigem.

„Die Menschen tun mir wirklich leid,“ dachte er. „Sie müssen sich mit irgendwelchen Vehikeln fortbewegen, nur weil sie nicht wissen, wie man körperlos reist.“

Einen Wimpernschlag nach dem Verlassen der Galerie in der Gansevoort Street stand Zeus auf der Terrasse seiner Finca im Süden von Mallorca.
„Wolltest du dich nicht in der Buddha Bar mit der Kleinen aus dem La Perla Shop treffen, Pa?“ Hermes zwinkerte seinem Vater zu.

„Du bist schon da?“ Zeus drehte sich überrascht nach seinem Sohn um  Er war und blieb der Schnellste, daran war nicht zu rütteln.„Nein, ein Glas Chardonnay hier auf der Terrasse ist mir heute lieber.“ antwortete Zeus. „Wir können bei Dionysos´ Restaurant Catering bestellen,“ schlug er Hermes vor. „ Besser kann man nicht essen und trinken. Ich weiß nicht, was er in sein Essen rührt, aber danach bin ich immer wie im Rausch.“

„Gute Idee,“ sagte Hermes und griff nach seinem I-phone.

Dionysos ließ sich nicht lumpen. Wenn es um seinen Vater Zeus ging strengte er sich immer besonders an. Die schönsten Mädchen, die er derzeit in seiner Truppe hatte, servierten eine halbe Stunde später ein fünf Gänge Menü auf der Terrasse.

Die Villa stand auf einer Klippe im Südwesten der Insel, das Meer lag wie eine schimmernde blaue Glasplatte unter ihnen und dank des unwegsamen Geländes am Wasser waren auch keine Touristen zu befürchten. Der Wein war erstklassig und das Essen tropfte von Aphrodisiakum.

Zeus nahm sein Glas und sah versonnen auf das spiegelglatte Meer

Vor dem Abendessen hatte er sich noch frischgemacht und war als blonder braungebrannter Endzwanziger erschienen, mit strahlend blauen Augen. Sein lässiges weißes Leinenhemd war offen fast bis zum Bauchnabel und zu beigen Chinos trug er lederne Flip-Flops.

Aphrodite nannte diesen Look „Californian Style“ und Zeus bewunderte sich nach dem Essen ein weiteres Mal ausgiebig im Spiegel, als er eine altbekannte Stimme hörte.

„Wo hast du denn dein Surfbrett gelassen, alter Knabe?“

„Poseidon !“ rief er  und drehte sich nach seinem Bruder um.

Nach wie vor war es eine Hassliebe zwischen ihnen, aber da sie sich selten begegneten, freute er sich doch, Poseidon einmal wieder zu sehen.

„Setz dich her und trink ein Glas Wein mit mir,  Bruder,“ lud er Poseidon ein.

„Ich habe nicht viel Zeit, Zeus. Die Menschen haben wieder so viel Schaden angerichtet im Meer, dass ich Tag und Nacht arbeiten muss.“

„Nun, ich weiß nicht, ob deine Strategie bei den Menschen auf geht. Ihnen Angst vor dem Meer zu machen indem du Hunderttausende von Ihnen durch Erdbeben in den Hades schickst, hat ja bisher nicht funktioniert. Die Menschen lieben das Meer und sie leben davon, genau wie du. Sie werden sich nie davon abhalten lassen, mit dem Meer und am Meer zu leben.“

„Leider tun sie das auf Kosten der anderen Lebewesen.“ seufzte Poseidon.

Es stimmte schon, was Zeus sagte. Weder das Erdbeben 2004, das den Tsunami auslöste, noch das letzte große Beben vor Japan hatten den erwarteten Erfolg gebracht. Die Menschen ließen sich durch nichts davon abhalten, das Meer zu befahren und auszubeuten. Jetzt musste er sich zudem noch mit uranverseuchtem Wasser auseinandersetzen. Vielleicht wäre es ganz nett, sich mal wieder mit Zeus einen hinter die Binde zu gießen und die Sorgen zu vergessen.

„Zeus, bevor wir anstoßen, muss ich dir etwas sagen. Ich muss dich warnen.“

Zeus warf sich in die Brust.

„Mich warnen? Meine Güte, Poseidon, vor wem denn? Ich bin Zeus!“, er lachte schallend und schenkte sich nach.

„Wer soll mir denn gefährlich werden?“

„Nimm dich in acht vor Artemis. Sie hasst dich seit der Sache mit Kallisto und ich habe läuten hören, du hättest dich an eine ihrer Schülerinnen herangemacht –“

Poseidon ließ den Satz offen.

„Ach was, Artemis mit ihrem Wahn von der Jungfräulichkeit. Das ist doch alles überholt. Und Kallisto – sie macht sich doch gut als Sternbild am Himmel!“ Er zeigte mit der Hand nach oben.

„Aber die Vergewaltigung –„ Poseidon wurde von Zeus unterbrochen.

„Immer wird behauptet, es sei eine Vergewaltigung gewesen. Kallisto war verschossen in mich, sie hat mich angehimmelt. Ich konnte gar nicht anders!“

„Wie dem auch sei, Artemis und Hera hecken etwas aus, ich wollte es dir nur sagen, nimm dich in Acht.“

Poseidon griff nach seinem Glas und trank es in einem Zug leer.

Er schnippte mit den Fingern und Pegasus tauchte aus dem Nichts neben ihm auf.

„Ich muss dann wieder, mach´s gut, Zeus.“

 

Zeus wird aufdringlich

 Er stand so plötzlich hinter mir, dass ich fast die Maus vom Tisch gefegt hätte.

Da er wieder vollkommen anders aussah, erkannte ich ihn nicht sofort. Nur die Augen – diese unergründlichen Augen, in denen ich mich vollkommen verlieren kann – meine Güte, was ist bloß mit mir los –

“Ach, machen Sie sich nichts daraus, meine Liebe”  sagte Zeus gönnerhaft.

“Das ist meine übliche Wirkung auf Frauen. Hätten Sie vielleicht auch gerne ein Liebesgedicht ?”

Er hatte sich zu mir herabgebeugt und hauchte mir den letzten Satz in das linke Ohr. Prompt bekam ich eine Gänsehaut.

Zufrieden richtete Zeus sich auf.

“Ihre neue Idee mit Artemis und Hera, die gefällt mir nicht. Zudem ist das völlig lächerlich. Niemand kann mich austricksen, vergessen Sie das.”

Er war schon auf dem Weg zur Tür und ich spürte ein leises Bedauern im letzten Winkel meines Herzens. So gut versteckt, dass ich es selbst kaum bemerkt habe. Aber Zeus entging diese kleine Regung nicht. Er kam zurück und schaute mir wieder tief in die Augen, dann legte er seine Hand unter mein Kinn und fragte:

” Wollen Sie nicht einmal eine Nacht mit mir verbringen?”

Energisch wandte ich mich meiner Tastatur zu.

“Nein,” sagte ich entschieden.

“Ja, bitte!” piepste eine kleine Stimme in mir.

Zeus lächelte siegesgewiss.

“Ich werde sehen was ich für Sie tun kann,” sagte er und verschwand.

 

 

Inzwischen im Olymp (Zeus Teil 3)

 

Hera saß an ihrem großen gläsernen Schreibtisch im Arbeitszimmer ihrer Villa im Olymp. Alles in diesem Raum war strahlend weiß, der Blick aus dem Fenster zeigte eine leuchtend blaue Himmelswiese übersät mit  luftigen schneeweißen Cirruswolken. Sie las den neuesten Bericht eines ihrer Informanten und ärgerte sich einmal mehr über ihren Gatten Zeus. Sein ausschweifendes Leben war ihr schon immer ein Dorn im Auge gewesen. Für ihren Geschmack trieb er sich viel zu gerne in der Welt der Sterblichen herum, er wohnte sogar teilweise dort.

Hera hatte das immer abgelehnt. Sie blieb im Olymp, in dieser unbeschreiblichen Unendlichkeit, deren Weite sie fühlen musste um sich frei fühlen zu können. Die begrenzte Welt der Sterblichen engte sie zu sehr ein.

Sie war eine sehr schöne Frau, aber Ihre Schönheit war unvollständig, weil ihr die Leidenschaft fehlte. Hera wusste das, aber sie konnte nun einmal nicht aus ihrer Haut.

Sie war extrem diszipliniert, ihre Tage waren minutiös durchgeplant, sie überließ nichts dem Zufall. Sich so treiben zu lassen wie Zeus, der generell nur nach seinem eigenen Lustprinzip lebte, war ihr völlig fremd. Aber genau das war es auch, was ihre Eifersucht immer wieder anstachelte. Warum konnten die sterblichen Frauen sich so bei ihm fallen lassen? Sie konnte nicht verstehen, was da passierte.

Die Tür wurde aufgerissen und Artemis stürmte herein.

„Hera, ich muss dich sprechen!“, rief sie.

„Kannst du nicht anklopfen, Artemis? “ Hera sah wütend von ihrer Lektüre auf.

„Du weißt, dass ich es hasse, wenn ich gestört werde!“

„Ja ja,“ Artemis ließ sich in den weißen Ledersesel vor Heras Schreibtisch fallen und streckte ihre langen Beine von sich. Wie immer war sie in Reitkleidung, sie trug nie etwas anderes als Reithosen und hohe Lederstiefel. Sie war sehr groß und hatte eine knabenhafte Figur. Ihre Haare waren flammendrot, ihre Haut schimmerte wie Marmor und ihre großen Augen hatten die Farbe von Veilchen. Ohne Zweifel, sie war eine außerordentliche Schönheit.  Wenn sie sich, wie in diesem Moment, über etwas ärgerte, dann wurden die veilchenblauen Augen dunkel, fast schwarz.

„Wir müssen jetzt endlich etwas tun, Hera.“

Artemis sah Hera auffordernd an.

„Zeus hat bei Apollon zehn neue Liebesgedichte bestellt. Zwei auf Englisch, drei auf Deutsch und fünf auf Italienisch. Erato soll sie bis zum nächsten Vollmond fertigstellen. Außerdem hat er noch zehn Haiku für Neumond bestellt. Du weißt, ich bin die Hüterin der Frauen und Kinder und ich kann dieses Elend, das er anrichtet, nicht länger mit ansehen. Es muss jetzt endlich etwas passieren!“

Hera spürte, wie die Wut sich wieder in ihr ausbreitete. Liebesgedichte! Also hatte ihr Informant recht gehabt, Zeus gab sich wieder als Schriftsteller aus!

„Wie stellst du dir das vor, Artemis? Zeus ist Zeus, er lacht uns aus!“ Hera zuckte resigniert mit den Schultern.

„Ich will aber nicht, dass du dich immer an den Frauen rächst, oder ihren Kindern. Sie sind ja nur Opfer von Zeus Verführungskunst. Ihm müssen wir jetzt endlich das Handwerk legen!“

Hera beugte sich interessiert nach vorne: „Was hast du vor? Ich spüre doch, dass du bereits einen Plan hast, Artemis.“

„Ja, ich habe einen Plan, aber ohne Hilfe von Aphrodite wird es nicht klappen.“

„Das wird schwierig, seit der Sache mit Troja sind wir nicht die besten Freundinnen. Sie steht immer auf der Seite von Zeus.“

Artemis dachte nach.

„Vielleicht kommen wir auch ohne Aphrodite aus, aber wir brauchen auf jeden Fall Eros – zumindest einen seiner Pfeile –„

Artemis hatte eine Idee.

„Natürlich, warum bin ich nicht früher darauf gekommen! Ich kann den Pfeil abschießen, ich bin eine hervorragende Bogenschützin!“

Hera sah sie fragend an.

„Kannst du mich mal ins Bild setzen? Ich verstehe nicht, wovon du sprichst, Artemis.“

„Also gut, Hera, hör zu, das ist mein Plan…“

Sie beugte sich über den Tisch und flüsterte Hera etwas ins Ohr.

„Liebe?“ Hera  schüttelte den Kopf.

„Das wird nicht klappen. Zeus kann nicht lieben. Er liebt nur sich selbst und seine Lust.“

„Ja, aber mit einem Pfeil von Eros im Herzen –„

Artemis ließ den Satz offen.

„Zeus soll spüren, was es heißt, zu lieben, sich zu verzehren vor Sehnsucht.“

Heras Interesse war geweckt.

„Du willst ihm das Herz brechen?“

„Brechen lassen, Hera, ich werde das nicht übernehmen, du weißt, dass ich mir nichts aus Männern mache.

Aber ich kenne jemanden, die sich in den Kopf gesetzt hat, ihn zu verführen.“

 

 

Listige Frauen (Zeus Teil 4)

„Du musst mir nur einen von Eros Pfeilen mit der Goldspitze besorgen, Hera. Den Rest erledige ich.“

Artemis lächelte siegessicher.

„Wie soll ich das anstellen? Aphrodite ist ja immer um ihren Sohn – “ Hera sah Artemis fragend an.

„Dir wird schon etwas einfallen, du bist ja nicht irgendjemand sondern Hera.“

Artemis dachte einen Moment nach.

„Wie wäre es, wenn du Kontakt aufnimmst mit Hypnos? Gehst du nicht Freitag ohnehin zu seiner Meditationsgruppe?“

Hera fand den Gedanken nicht abwegig. Hypnos konnte jeden in den Tiefschlaf versetzen.

„Vielleicht hast du recht. Ich sehe, was ich tun kann.“

„Schön, dann kümmere ich mich in der Zwischenzeit um Mona Lisa.“

Artemis verließ mit langen Schritten den Raum.

 

 

Heute in der Wortwabe

 

Jetzt sitze ich also wieder in meiner Wortwabe und mache mir Sorgen um Zeus.

Er tut mir so leid, wenn ich darüber nachdenke, dass er bald den schlimmsten Liebeskummer aller Zeiten haben wird.

Warum muss es eigentlich Mona Lisa sein? Eros´ Pfeil könnte ihn doch auch treffen wenn er das nächste Mal bei mir in der Wortwabe auftaucht, dann wäre er unsterblich in MICH verliebt …

schließlich hat er mich ja schon gefragt, ob ich nicht eine Liebesnacht mit ihm verbringen will.

 Was ist bloß los mit mir? Warum  denke ich nur die ganze Zeit an ihn?

Jetzt muss ich mich wieder kneifen, weil ich nicht recht weiß, ob ich aus Fleisch und Blut bin oder vielleicht eine Figur in einer Geschichte über den größten Herzensbrecher aller Zeiten …

 

 

Hera auf Abwegen (Zeus Teil 6)

Auf einem großen Sofa lag der pausbäckige Eros in süßem Schlaf. Hypnos hatte ganze Arbeit geleistet. Hera holte zwei Pfeile aus seinem Köcher, einen mit goldener und einen mit bleierner Spitze. Sie schloss leise die Tür hinter sich. Dann verstaute sie die Pfeile in ihrer Tasche und wollte sich gerade unauffällig davonschleichen, als sie mit Aphrodite zusammenstieß.

„Hera,“ Aphrodite lächelte süffisant. „Welch Glanz in meiner Hütte! Wolltest du zu mir?“

Ihre übertriebene Höflichkeit war so aufgesetzt ihre Stimme so zuckersüß, dass auch ein emotionaler Blindgänger gespürt hätte, dass hier etwas nicht stimmen konnte.

„Äh nein,“ Hera war so überrascht vom plötzlichen Auftauchen Aphrodites dass sie völlig aus dem Konzept kam. Sie zermarterte sich den Kopf nach einer schlüssigen Erklärung.

„Suchst du vielleicht deinen Mann?“ gurrte Aphrodite und lieferte ihr damit eine Ausrede auf dem Silbertablett.

„Nun ja,“ Hera tat so, als würde sich zieren.
„Gib es schon zu, du stellst ihm nach. Aber ich kann dich beruhigen, ich bin nicht sein Typ. Er sucht eher etwas – “ Aphrodite suchte nach dem richtigen Begriff, “ Intellektuelles!“  sagte sie dann. „Neuerdings will er auch reden, über Literatur und so,  das ist nicht meine Welt, weißt du.“

Hera wollte nur noch weg bevor Eros aus seinem hypnotischen Schlaf erwachte.

„Also dann, nichts für ungut, Aphrodite, schönen Abend noch!“

Aphrodite sah Hera kopfschüttelnd nach. „Der arme Zeus! Nicht zu fassen, dass er diese Eifersuchtsdramen jetzt schon so lange mit macht.  Das muss ich ihm unbedingt erzählen, dass Hera jetzt wieder mich auf ihrer Liste hat. Sie sollte doch eigentlich wissen, dass ich nicht sein Typ bin.“

Aphrodite öffnete die Tür. „Eros mein lieber Junge, bist du da?“

Die Stimme seiner Mutter weckte Eros auf. Er rieb sich die Augen. „Hallo Mama,  – „ Eros gähnte. „Ich weiß gar nicht wie lange ich geschlafen habe, aber ich hatte einen total abgefahrenen Traum.“

„Ach ja? Den musst du mir dann später erzählen, Liebling, ich habe noch einen Termin mit Angelina, bis nachher mein Schatz!“

Stoppt Artemis!

 

Gestern musste ich die Wortwabe wegen Überfüllung schließen. Wütende Anhängerinnen (Geliebte?) von Zeus drängten sich mit „Stoppt Artemis“ und „Nieder mit Hera“ – Transparenten  in meinen Schreibraum und wollten mich zwingen eine Erklärung zu unterschreiben. 

„Das ist Zensur!“ rief ich empört und konnte doch das Stimmengewirr kaum übertönen.

„Wir stimmen mit den Füssen ab!“

„Genau!“

„Wir wollen unseren alten Zeus behalten!“

Alle schrien hysterisch durcheinander.

Ich hielt mir die Ohren zu, das war ja nicht zu ertragen.

Mit Mühe und Not schaffte ich es, die Demonstrantinnen zur Tür hinaus zu schieben. Diese Unruhe in meiner sonst so friedlichen Wortwabe hat mich ganz durcheinander gebracht.

Wo ist eigentlich Zeus? 

 

 

Bad news (Zeus Teil 7)

Hera betrachtete die beiden Pfeile. Sie spielte in Gedanken verschiedene Szenarien durch. Der Pfeil könnte Zeus treffen wenn er bei einer Sterblichen war und Hera würde anschließend dafür sorgen dass die Sterbliche von dem anderen Pfeil getroffen wurde, dem mit bleierner Spitze. Das würde ihre Liebe zu Zeus sofort im Keim ersticken und er würde bei ihr ins Leere laufen. Er wäre nicht mehr in der Lage eine andere Frau zu lieben und würde mit gebrochenem Herzen dieser Einen nachlaufen –

Moment. Keine gute Idee – denn wenn Zeus dann keine andere Frau mehr lieben könnte, dann könnte er auch sie, Hera, nicht mehr lieben.

Also dann doch lieber den Pfeil abschießen, wenn er bei Hera im Olymp war – aber dann hätte sie einen liebeskranken Zeus an ihrer Seite, der sie mit der ganzen Leidenschaft, zu der er fähig war, belagern würde. Auch nicht gut. Sie war jetzt schon so lange daran gewöhnt, ihre Zeit selber einzuteilen und nach ihren Vorstellungen zu leben, dass sie sich eine derartige Symbiose nicht mehr vorstellen konnte.

Während Hera sich in diesen Planspielen erging öffnete sich die Tür zu ihrem Büro. Hera sah auf: „Tyche – du?“

Hera spürte wie sich die Haare auf ihren Unterarmen aufstellten. Tyche war eine Tochter des Zeus und zuständig für das Schicksal. (Tyche ist die Göttin des Schicksals, der glücklichen (oder bösen) Fügung und des Zufalls Anm. aus der wortwabe)

Sie hier zu sehen war kein gutes Zeichen.

Tyche ging langsam auf Hera zu. Ihre tiefdunkelblaue Toga bildete einen extremen Kontrast zum strahlenden Weiß des Raumes. Über ihrem Kopf trug sie einen ebenso dunklen Schleier aus zartem Organza. Sie schlug den Schleier zurück und ihre Augen blickten Hera direkt ins Herz.

„Was ihr vorhabt verstößt gegen alle Gesetze, Hera. Ananke hat davon erfahren. Sie wird eine solche Einmischung von euch nicht akzeptieren. Nehmt euch in acht.“ (Ananke ist in der griechischen Mythologie die oberste Schicksalsmacht, der selbst die Götter gehorchen müssen, Anmerkung aus der wortwabe)

 

 

 

 

 

 

Der Pfeil (Zeus Teil 8)

Artemis lächelte.zufrieden

„Hera, du hast es geschafft!“

Hera seufzte.

„Ja, es war gar nicht so einfach Hypnos zu überreden. Aber du weißt, wie gerne er seine Macht demonstriert. Er ist eben auch nur ein Mann.“

Hera zog die beiden Pfeile aus ihrer Tasche.

„Du hast ja zwei Pfeile,“

Artemis war erstaunt.

„Wozu brauchen wir den mit bleierner Spitze? Willst du Zeus etwa wieder retten?“

Artemis sah Hera direkt in die Augen.

„Nun ja, also,“ Hera wand sich unter Artemis bohrendem Blick.

„Nur für alle Fälle,“ sagte sie und steckte den zweiten Pfeil wieder in ihre Tasche.

„Ich werde ihn nicht erlösen, Hera.“

Artemis nahm den Pfeil mit der Goldspitze und steckte ihn in ihren Köcher.

„Wir brauchen jetzt dringend einen Plan,“ sagte sie. „Irgendwie müssen wir Zeus und Mona Lisa zusammenbringen.“

„Vergiss es, Artemis. Zeus folgt keinem Plan bei seinen Eroberungen. Außerdem fallen ihm die meisten Frauen ja ohnehin wie reifes Obst vor die Füße sobald sie ihm in die Augen geschaut haben. Und wenn das noch nicht reicht dann zieht er ein Gedicht aus der Tasche…“

Hera machte eine Pause, während Artemis den Pfeil probeweise in ihren Bogen einlegte.

„Spiel nicht damit herum, Artemis, die Pfeile sind gefährlicher als sie aussehen!“

Artemis legte den Bogen zur Seite.

„Was schlägst du vor, Hera?“

„Du wirst die Chance des Augenblicks nutzen müssen. Wer dann die Glückliche ist, in die er sich verlieben wird, das wird Ananke entscheiden.“

„Ananke?“ Artemis schien erschrocken.“Woher weiß sie von unserem Plan?“

„Ich habe keine Ahnung, ehrlich, aber ich hatte heute Besuch von Tyche.“

Die beiden Göttinnen sahen auf das unendliche weiße Wolkenmeer, das sich vor ihnen ausbreitete.

„Seit ich weiß, dass Ananke Wind von der Sache bekommen hat, habe ich ein mulmiges Gefühl, Artemis. Der Schuss könnte sprichwörtlich nach hinten losgehen.“

 

 

Griechenland – Russland 1:0 (Zeus Teil 9)

Hermes drückte auf den Knopf der Fernbedienung. Wie immer funktionierte alles einwandfrei. Das Bild des Beamers an der makellos weißen Wand war glasklar und scharf.Die großen Schiebetüren zur Terrasse waren offen, der Blick auf das Meer atemberaubend. Die Terrasse ging in einen großen Überlaufpool über, sodass man der Illusion erlag, das Wasser des Pools würde direkt ins Meer fließen. Zeus hatte auch hier auf der kleinen griechischen Insel sein Haus am schönsten Fleck. Auch für einen Gott war die Schönheit der Natur nichts selbstverständliches. Hermes konnte immer wieder darüber staunen.

In der Welt der Sterblichen hatte Zeus Gefallen an einem Spiel namens Fußball gefunden und jetzt, während der Europameisterschaft, war ihm eine Parteiname für Griechenland nicht abzusprechen.

„Du weißt, dass du dich nicht in das Schicksal einmischen darfst, Pa.“

„Ach komm, Hermes, das ist ja nicht kriegsentscheidend.“

„Du hast wirklich keine Ahnung vom echten Leben, Pa. Für die Menschen ist Fußball extrem wichtig, für manche ist es so etwas ähnliches wie Krieg. Bei diesem Spiel geht es um Ehre, um Nationalstolz – “

„Aber sie rennen doch nur einem Lederball hinterher – es geht nicht einmal um eine schöne Frau -“ Zeus konnte das nicht ganz nachvollziehen. Aber er musste zugeben, dass man beim Zuschauen gepackt wurde und auch ihn das Spiel in eine Erregung versetzte, die er sonst nur auf anderem Gebiet erlebte.

Heute war der große Tag, er wollte mit seinem Sohn das abhalten, was die Sterblichen einen „Männerabend“ nannten. Hermes hatte dafür gesorgt, dass sie die Übertragung des Spiels in bester Qualität sehen konnten.

Zeus machte es sich auf dem breiten Ledersofa bequem. Er hatte Aphrodite mit der Ausstattung aller seiner Häuser beauftragt, sie hatte einfach einen untrüglichen Instinkt für den Zeitgeist,

Die Einrichtung der Villa war eine perfekte Mischung aus puristischen modernen Möbeln und ausgesuchten alten Stücken. Apoll hatte die Auswahl der Gemälde übernommen, selbstverständlich nur Originale. Andy Warhols Marilyn Monroe Dytichon gehörte zu Zeus Favoriten, stand aber jetzt am Boden, da die Wand als Beamerleinwand benötigt wurde.

„Wenn die Sterblichen wüßten, wie viele Gemälde in ihren Museen in Wirklichkeit Kopien sind weil die Originale in deinen Häusern hängen, würden sie Sturm laufen“,   sagte Hermes als er Marilyn zur Seite rückte.

„Andy Warhol hätte damit kein Problem,“ grinste Zeus. „er war immer der Meinung, dass das Original weniger zählt als die Vervielfältigung. Schon die Dadaisten haben die „multiples“ hergestellt. Wenn wir die Kunstwerke im Olymp vervielfältigen ist das auch eine Art von Kunst.“ Zeus wollte gerade zu einem längeren Exkurs über Josef Beuys ansetzen, da wurde das Spiel angepfiffen und Hermes drehte demonstrativ den Ton lauter.

Die Regeln dieses Spiels erschlossen sich Zeus nicht wirklich, aber er verstand die grundlegenden Dinge. Bei diesem Spiel gab es sowieso nur eine Regel, die Griechen mussten gewinnen und er, Zeus, würde wenn es nötig war, etwas nachhelfen. Ananke würde schon ein Auge zudrücken, diese eine Mal.

Das Spiel nahm seinen Lauf. In den ersten zwanzig Minuten sah es so aus, als ob die Griechen es auch ohne Zeus Hilfe schaffen könnten. Zum Ende der ersten Halbzeit mischte Zeus sich das erste Mal ein und Karagounis gelang der Führungstreffer. In der zweiten Halbzeit wurde Zeus  immer nervöser und konnte sich nicht mehr beherrschen. Er musste  jetzt aktiv werden. Als Denisov in der 57. Minute zielte lenkte Zeus den Ball knapp am Tor vorbei. Doch Ananke ließ das nicht ungestraft und der Schiedsrichter verpasste kurz darauf dem griechischen Kapitän eine gelbe Karte. Zeus entschied sich daraufhin dafür, sich jetzt zurückzuhalten und hoffte das Beste.

Immer wieder zeigte die Kamera Bilder aus dem Publikum. Wild gestikulierende blau-weiß angemalte Fans hüpften auf den Tribünen herum. Ein Fan war verkleidet wie an Karneval und trug eine weiße Lockenperücke und einen Rauschebart.

„Das sollst du sein,“ lachte Hermes und zeigte auf den Bildschirm.

„Das ist ja lächerlich. So habe ich nie ausgesehen,“ empörte sich Zeus.

Das Spiel wurde abgepfiffen und Zeus wandte sich zufrieden seinem Wein zu.

„Gegen wen spielen wir im nächsten Spiel?“ fragte er Hermes.

 

 

Zeus ist wieder da

 

Heute ist ein ziemlich heißer Tag, ungewöhnlich heiß. So ein Tag, an dem man seine langen Haare verflucht und irgendwie versucht zu bändigen. Ein Tag, an dem Mascara unter den Augen zu schwarzen Flecken gerinnt und die Nase glänzt als ob sie dafür einen Preis gewinnen könnte. Und ausgerechnet heute, wenn ich vollkommen derangiert in meiner Wortwabe sitze, kommt Zeus.

Unangemeldet, wie immer. Er setzt sich mir gegenüber an den zweiten Schreibtisch und ich versuche verzweifelt, mich hinter meinem Bildschirm zu verstecken. Ich bücke mich und fingere an meinem Router herum. Zeus bückt sich ebenfalls und grinst mich unter dem Tisch an:

„Suchen Sie etwas? Ich finde, Sie wirken heute irgendwie überspannt!“

Im Gegensatz zu mir sieht Zeus wieder umwerfend aus, allerdings ist er heute blond und mein Beuteschema ist eher dunkelhaarig. Kaum habe ich den Gedanken zu Ende gedacht, sind seine Haare dunkelbraun. Zeus spielt mit einer langstieligen roten Rose herum: „Wollten wir nicht eine Nacht zusammen verbringen?“

Er schaut mir tief in die Augen, mittlerweile befinden wir uns wieder über der Tischplatte. Habe ich schon erwähnt, dass Zeus eine außergewöhnliche Stimme hat? Irgendwie sanft, aber auch bestimmend und auf eine Art – vage – so als ob er bei jedem Satz bereits bei seinem nächsten Gedanken wäre  –

„Ich, äh, also –“ meine Güte, jetzt fange ich schon an zu stottern!

Ich kneife mich ganz fest in den rechten Unterarm (ich bin Linkshänderin) und sofort bildet sich ein Fleck.

Zeus ist verschwunden.

Auf meiner Tastatur liegt – können Sie sich das nicht denken?

Eine Rose….und ich schaue mir meinen rechten Arm an und frage mich, ob ich wirklich aus Fleisch und Blut bin oder nur eine Figur in einer Geschichte die gerade irgendwo geschrieben wird. Ich bin nicht sicher.

 

 

Hera wird schwach (Zeus Teil 10)

Artemis öffnete die Tür zu Heras Büro. Der Platz hinter dem Schreibtisch war leer.                               „Hera?“ Artemis betrat den großen weißen Raum und sah sich suchend um, aber Hera war nicht zu sehen. Das war irritierend, denn Hera hielt sich streng an ihren Plan, ihre To-Do-L:isten wurden gewissenhaft abgearbeitet.

Artemis ging zurück in die große Halle. „Hera?“ rief sie erhielt jedoch keine Antwort.

Was war hier los? Suchend ging Artemis durch alle Räume, schließlich rannte sie, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, die große Freitreppe hoch. Sie fand Hera in ihrem Ankleideraum. Um in den Dimensionen der Sterblichen zu bleiben: er war riesig, ein perfekt quadratischer Raum, eine Seite öffnete sich zum Himmel hin. Hera war fanatisch wenn es um Symmetrie ging. Ihre privaten Zimmer waren folgendermaßen angeordnet: würde man den Bauplan von oben betrachten dann würde man ein Quadrat sehen, das in vier gleiche Teile geteilt wurde. Rechts oben lag das Ankleidezimmer, links daneben, das Bad. Unten links befand sich Heras Salon und rechts daneben ihr Schlafzimmer. Die Räume gingen ineinander über und waren nur mit großen Schiebetüren abgetrennt. Man betrat diesen Teil des Hauses durch eine breite Tür, die vom Gang in den Salon führte, auf der anderen Seite des Ganges lagen die Räume von Zeus.

Das Ankleidezimmer enthielt offene Schränke, in denen unzählige Kleider hingen, in verschiedenen Längen, Stilen und aus unterschiedlichsten Stoffen. Sie waren jedoch alle weiß oder cremefarben oder golden. Zusammen mit den weißen Möbeln und dem transparenten Organzaschleier vor dem Fenster wirkte das Zimmer fast unwirklich. Neben Kleidern fanden sich ebenso viele Sandalen und Sandaletten, aus feinstem goldenem Leder, mit langen Bändern zum Schnüren oder filigranen Riemchen. Hera kleidete sich immer sehr feminin, und Zeus wusste das zu schätzen.

Vor dem bodentiefen Fenster, das wieder den Blick auf einen perfekt blauen, heute wolkenlosen, Himmel freigab, stand ein kleiner, selbstverständlich quadratischer, Beistelltisch. Auf ihm war in einer großen goldenen Amphore der schönste Strauß weißer und cremefarbener Rosen arrangiert, den Artemis je gesehen hatte. Neben der Amphore lag ein handgeschriebener Brief und Artemis meinte, Zeus schwungvolle Handschrift zu erkennen.

„Hera, was machst du hier?“ Artemis in ihren Reithosen mit den hohen schwarzen Stiefeln sah etwas deplaziert aus in diesem weiß-goldenen Göttinentraum.

Hera stand vor einem großen Spiegel und hielt sich abwechselnd ein weißes und ein goldenes Kleid vor die Brust. Beide Kleider waren mit dem Begriff „ein Hauch von nichts“ am besten zu beschreiben. Artemis hatte einen Verdacht. „Hera, was ist los? Hat sich Zeus bei dir gemeldet?“ Sie fing an sich in Rage zu reden. „Du wirst doch nicht wieder auf diesen Heuchler hereinfallen, Hera! Denk doch daran, was er dir schon alles angetan hat! Hera!“ Artemis nahm Hera die Kleider aus den Händen und stellte sich ihr in den Weg, als diese den Ankleideraum verlassen wollte.

„Wir wollten doch heute die Strategie für den Pfeil besprechen! Was ist bloß los mit dir?“

Hera schob sich an Artemis vorbei, die wütend die Kleider, die sie noch immer in den Händen hielt, auf den Boden warf.

„Weißt du Artemis, ich glaube nicht mehr, dass die Sache mit dem Pfeil eine gute Idee ist. Außerdem war es ja eigentlich deine Idee. Und Ananke –„Hera zögerte einen Moment und fuhr dann fort. „Ich habe heute auch überhaupt keine Zeit mehr, Artemis. Ich muss noch so viel vorbereiten. “

Hera ging zur Tür des Salons und öffnete sie. Mit einem Ausdruck in der Stimme, der keinen Widerspruch duldete, sagte sie: „Du musst jetzt gehen Artemis, ich bin beschäftigt.“

Sie machte eine kleine Pause und sagte dann: „Zeus kommt heute Abend.“

Artemis stapfte wütend an Hera vorbei, drehte sich jedoch auf dem Gang noch einmal um.

„Dann gib mir wenigstens den Pfeil, Hera!“ sie wirkte fast verzweifelt.

„Nein Artemis. Du solltest dich auch nicht so in deine Rachegedanken verstricken. Eigentlich geht es dir doch gar nicht um die Sterblichen sondern nur um Kallisto. Du hast sie nie vergessen. Versuche, endlich darüber wegzukommen. Und der Pfeil – ich kann ihn dir gar nicht geben, ich habe ihn nicht mehr, ich habe beide Pfeile nicht mehr.“

Artemis kam wieder zurück und fragte drohend:“Wo sind die Pfeile, Hera?“

„Das darf ich dir nicht sagen, Artemis. Aber es ist gut so wie es ist. Geh jetzt.“

Hera wandte sich um und schloss die Tür hinter sich. Artemis blieb mit ihrer Wut auf dem Gang zurück. Mit Tränen in den Augen verließ sie Heras Villa.

Was war geschehen?

 

Augenpads

 

Heute brauche ich Augenpads. Der Restalkoholpegel in der Wortwabe senkt sich auch nur langsam ab. Insgesamt ist meine Stimmung also eher bescheiden.

Außerdem bin ich sauer auf Zeus. Er ist wieder reumütig zu Hera zurückgekehrt.

Es ist mir unerklärlich warum meine Figuren nicht das machen, was ich ursprünglich geplant hatte.

Eigentlich will ich ihn auch gar nicht mehr sehen, das war mir immer unheimlich wenn er so plötzlich vor mir stand. Obwohl – wenn ich an seine Augen denke, dann werde ich fast wieder schwach….

Nein, ich bin jetzt konsequent und wende mich anderen Themen zu.

Also um ehrlich zu sein, ich finde die Ehe wird total überbewertet. Diese Treueschwüre für ein ganzes Leben, im Grunde ist das ja nur sentimentaler Quatsch. Aber irgendetwas scheint Sterbliche und Götter daran zu faszinieren.

Die einzige ewige Liebe die ich kenne ist die mittlerweile zweiundvierzig Jahre dauernde Freundschaft zu meiner ältesten Freundin. (Ich sehe schon wie in Gedanken hochgerechnet wird wie alt wir wohl sind. Zeit ist ja relativ, also spielt das doch keine Rolle, oder?)

Gestern haben wir ihren Geburtstag gefeiert. Und deshalb geht es heute nur mit Augenpads.

Wie es mit Zeus weiter geht? Ich weiß es schon, aber ob es dann so kommt wie ich es mir in der Wortwabe ausgedacht habe – wer weiß? Ich bin ja nicht einmal sicher, ob ich nicht selbst auch nur eine Figur bin in der Geschichte irgendeines anderen, der sich jetzt ärgert, weil ich nicht das mache, was er sich ausgedacht hat?

Bin ich aus Fleisch und Blut? So unsicher wie heute war ich noch nie….

 

 

Wo sind die Pfeile von Eros? (Zeus Teil 11)

Hera hatte die Pfeile gut versteckt. Sie lagen eingehüllt in ein goldenes Tuch in der hintersten Ecke eines ihrer Schränke. Sie hatte nicht vor, die Pfeile einzusetzen, aber man wusste ja nie. Sie waren da und gaben ihr ein Gefühl von Macht – auch wenn sie selbst noch nie einen Bogen gespannt hatte und nicht wusste, wie sie die Pfeile hätte abschießen können.

Als Hermes mit dem riesigen Rosenstrauß und dem Liebesbrief von Zeus vor der Villa stand wollte Hera eigentlich die Tür wieder zuschlagen – aber von dem Brief ging eine solche Anziehungskraft aus, dass sie nicht widerstehen konnte. Sie kannte Zeus und jeden seiner Tricks – wahrscheinlich hatte er den Brief mit Dionysos´ stärkstem Aphrodisiakum besprüht.

„Was gibt´s?“ Hera tat als ob sie der Rosenstrauß nichts anginge.

Hermes unterdrückte ein kleines Grinsen, das sich in seine Mundwinkel stehlen wollte.

„Das schickt dir Zeus, liebe Hera.“ Er deutete eine kleine Verbeugung an und hielt Hera den Strauß und den Brief hin.

„Ach ja?“ Hera tat betont uninteressiert, aber Hermes sah in ihren Augen, dass sie es kaum erwarten konnte, den Brief zu lesen. „Schön, stell alles dort ab, auf dem Tisch, danke Hermes.“ Hera, sah zu wie Hermes Rosenstrauß und Brief auf den weißen Tisch in der Halle legte und wartete, dass er wieder zur Tür zurück kam. Hermes ließ sich bewusst Zeit.

„Ich soll Zeus eine Antwort überbringen, Hera. Würdest du bitte den Brief lesen und mir deine Antwort mitgeben?“

Hera sah Hermes überrascht an. Was hatte Zeus vor? Ihr war schon aufgefallen, dass Hermes sie die ganze Zeit beobachtet hatte, vermutlich sollte er Zeus Heras Reaktion beschreiben. Wie raffiniert! Na warte, Zeus.

„Hera?“ Hermes riss Hera aus ihren Gedanken. „Ach ja, der Brief, Moment Hermes.“

Sie ging zum Tisch, drehte sich aber bewusst und wie zufällig zur Seite, als sie den Brief öffnete, sodass Hermes ihr Gesicht nicht sehen konnte.  Hera überflog den Brief. Eigentlich hätte sie geschworen, dass Zeus Liebesbriefe sie kaltlassen würden, sie wäre noch eine Minute bevor sie den Brief geöffnet hatte, vollkommen überzeugt davon gewesen. Aber dann las sie und spürte, wie ihr warm wurde. Sie atmete den schweren Duft des Aphrodisiakums ein (natürlich hatte Zeus den Brief eingesprüht) und eine warme Welle der Erregung erfasste sie. Von einem Augenblick auf den anderen wollte sie nur noch Zeus Hände auf ihrem Körper spüren und die Aussicht, ihn wiederzusehen machte sie geradezu euphorisch.

Hermes räusperte sich. Es war ihm nicht entgangen, dass Hera vollkommen entrückt den Brief las.

„Hera? Hast du eine Antwort für Zeus?“

Hera drehte sich langsam um und es kam ihr vor als ob sie aus einem anderen Universum auftauchen würde. „Ich würde mich,“ Hera musste sich ebenfalls räuspern, ihre Stimme war seltsam rau,

“ ja also, du kannst Zeus ausrichten, ich würde mich freuen ihn heute Abend zu sehen.“ Sie versuchte verzweifelt, möglichst kühl und unbeteiligt auszusehen, aber sie wusste intuitiv, dass ihr das nicht gelang.

Hermes machte eine zufriedene Miene. „Das richte ich gerne aus, Hera. Ich wünsche dir noch einen entspannten Tag.“

Hera schloss die Tür hinter Hermes und rannte die Treppe hinauf in ihr Ankleidezimmer. Sie warf nicht einmal einen Blick in ihren Kalender oder checkte ihre Termine und To-Do-listen. Die Aussicht auf eine Nacht mit Zeus versetzte sie in einen Zustand, den sie vollkommen vergessen hatte. Oder nur verdrängt? Es war ihr eigentlich auch gleichgültig, jetzt zählte nur dieser Abend, diese Nacht, und es sollte alles perfekt sein, wie immer.

 

Der Pfeil mit der bleiernen Spitze (Zeus Teil 12)

Hera holte die Pfeile aus dem Schrank und wog sie in der Hand. Sie waren leicht wie Federn obwohl ihre Spitzen aus Metall waren. Der eine Pfeil hatte eine goldene, der andere eine bleierne Spitze.

Sie hatte eigentlich nicht vorgehabt, ihre Trümpfe aus der Hand zu geben, aber die Nacht mit Zeus hatte sie euphorisch gestimmt und sie wollte die Beweise ihrer Intrige gegen ihn loswerden. “Zeus kehrt immer zu Hera zurück,” dachte sie zufrieden, “das ist ein ungeschriebenes Gesetz. Auch wenn er es als Opfer empfinden mag, das er bringen muss.”

Die Entscheidung war gefallen, die Pfeile mussten weg. Hera hatte jedoch noch nie einen Bogen gespannt, aber so schwer konnte das ja nicht sein. Sie hatte auch gehört, dass Eros Pfeile ganz von selbst ihren vorbestimmten Weg finden würden, egal wie der Bogen gespannt wurde.

Sie ging in Zeus Jagdzimmer und suchte einen passenden Bogen.  „Ich werde den bleiernen Pfeil zuerst abschießen, vielleicht erlöst er ja eine Sterbliche von ihren Gefühlen zu meinem Mann.“ Bei diesem Gedanken  musste sie laut auflachen, denn das war ja tatsächlich ein Teil des Plans gewesen, nur mit anderen Vorzeichen.

Sie spannte den Bogen und der Pfeil flog, hinab in die Welt der Sterblichen.

 

 

Der erste Pfeil trifft

 

Manchmal sind kleine Verletzungen unglaublich schmerzhaft. Ich habe mir am linken Zeigefinger bei einer ungeschickten Bewegung ein Stückchen Haut gequetscht und abgerissen. Geblieben ist eine kleine kreisrunde Wunde, die aussieht, als hätte man mir ein Stück Haut heraus gestanzt.

Jetzt muss ich den Stift ganz verkrampft halten, damit ich diese kleine wunde Stelle nicht berühre.

„Soll ich ihre Wunde heilen?“ Da ist er wieder. Die Doppeldeutigkeit seiner Worte scheint Zeus nicht bewusst zu sein. Von diesem anderen Schmerz ahnt er ja offensichtlich nichts. Auch ein allwissender Gott kann nur das fühlen war er selbst kennt, schießt es mir durch den Kopf. Und diese Gefühle kennt er ja nicht.

Er lächelt mich mit seinem unergründlichen Lächeln an. In seinen grünen Augen sind kleine helle Sprenkel.

„Nein danke,“ ich versuche locker zu bleiben, „Das wird schon wieder, halb so schlimm.“

Ich tue so, als wäre ich beschäftigt und versuche ihn nicht zu beachten.

„Warum sind sie denn heute so abweisend, meine Liebe?“ Seine Stimme fließt direkt in mein Herz und breitet sich dort aus, kriecht dann in jede Pore und transformiert sich zu einer so tiefen Sehnsucht, dass ich vor Schmerz die Luft anhalte. Ein Teil meines Ichs ist sich bewusst, dass all das, was ich spüre, nur eine Projektion meiner Fantasie ist. Der andere Teil ist gefangen in dieser Sehnsucht, die mich wie mein eigener Herzschlag durch den Tag begleitet.

Vielleicht ist die Dimension, in der ich mich mit meiner Figur befinde, real und die vermeintliche Realität ist nur eine Illusion?

Während ich die Möglichkeiten abwäge spüre ich einen schmerzhaften Stich in der Brust. Für einen Moment halte ich die Luft an. Ich fasse mich ans Herz, aber da ist nichts. Ich fühle mich plötzlich seltsam leer, als ob man mir etwas genommen hätte, an das ich mich nicht mehr erinnern kann, aber ich weiß dass es da war.

Ich bin allein in meiner Wortwabe und frage mich ob ich wohl eine  Figur bin in der Geschichte eines anderen – bin ich aus Fleisch und Blut? Ich bin nicht sicher.

 

 

Der zweite Pfeil (Zeus Teil 13)

Hera legte den Pfeil mit der Goldspitze in den Bogen ein. Sie spannte die Sehne doch dann zögerte sie und ließ den Bogen wieder sinken.

„Das ist eine gute Entscheidung, Hera,“ Tyche war so plötzlich neben Hera aufgetaucht, dass diese heftig zusammenzuckte.

„Tyche –“  Hera wusste nicht recht, was sie sagen sollte.

„Gib mir den Pfeil, Hera. Du hast schon genug Schaden angerichtet.“

Hera nahm den Pfeil aus dem Bogen und reichte ihn schweigend an Tyche weiter.

„Was wirst du jetzt damit machen?“ fragte sie.

„Das liegt nicht in meiner Macht, Hera. “ und Tyche verschwand so plötzlich wie sie gekommen war. Hera blieb alleine zurück und fragte sich, warum sie sich überhaupt auf dieses Spiel eingelassen hatte. Sie war verletzt und wütend gewesen wegen Zeus, aber das war nichts Neues. Die Hoffnung, dass Zeus sich je ändern würde, war vergebens und Hera beschloss, nicht mehr darüber nachzudenken sondern einfach weiterzumachen wie bisher. Sie ging wieder in ihr Büro, checkte ihre zahlreichen To-do-Listen und versuchte, nicht mehr an Zeus, die Pfeile und Artemis zu denken.

Tyche war in der Zwischenzeit in der dunklen Höhle des Schicksals angekommen und legte Ananke den Pfeil zu Füssen. Selbst für Tyche, die ständig mit Ananke zu tun hatte, war diese furchteinflößend. Eine dunkle große Gestalt, die substanzlos schien und doch eine Schwere verströmte,  die jeden, der in ihre Nähe kam, lähmte.

„Danke mein Kind,“ Ananke schien Tyche in die Augen zu blicken, aber da ihr Gesicht im Dunkeln lag, konnte Tyche, den Blick nur erahnen. „Du kannst gehen“.

Tyche beeilte sich aus dem Dunkel ins Licht zu kommen und Ananke sah sinnend auf den Pfeil. Dann rief sie Eros zu sich.

 

Eros bekommt eine Aufgabe (Zeus Teil 14)

Eros war direkt der Schicksalsabteilung unterstellt. Regelmäßig bekam er Listen mit den Namen der Sterblichen, die auserwählt waren, von einem seiner Pfeile getroffen zu werden. Heute sollte er zu Ananke selbst kommen. Sogar für einen so unbekümmerten Jungen wie Eros hatte ein Besuch bei der großen Herrin über alle Schicksale etwas Beängstigendes. Er beeilte sich, ihrem Ruf zu folgen und fand sich pünktlich in der furchteinflößenden dunklen Höhle ein.

Ananke nahm seine Verbeugung mit einem Kopfnicken zur Kenntnis und legte den Pfeil, den Hera ihm gestohlen hatte, vor ihn hin.

„Weißt du, woher dieser Pfeil kommt, Eros?“

Eros sah, dass es einer seiner Pfeile mit Goldspitze war und bekam eine Gänsehaut. Der Traum, dieser seltsame Traum –  Er wollte antworten aber Anankes Gegenwart verfehlte auch bei ihm ihre Wirkung nicht und er gab nur ein Krächzen von sich. Er räusperte sich und sah dorthin, wo er Anankes Augen vermutete, doch obwohl er sie nicht sehen konnte, musste er den Blick senken.

„Nein, Ananke, große Göttin, ich weiß es nicht.“ Eros zögerte einen Moment. „ Aber ich hatte einen seltsamen Traum – Hera war bei mir und stahl mir zwei Pfeile – einen mit goldener und einen mit bleierner Spitze. Als ich erwachte konnte ich mich daran erinnern als ob es Wirklichkeit gewesen wäre, aber es war so verrückt, deshalb war ich überzeugt, es wäre ein Traum gewesen – “ Eros schwieg.

„Es war kein Traum, Eros. Hera hat dir diese Pfeile gestohlen, einen hat sie selbst abgeschossen in die Welt der Sterblichen. Du hast nicht gut genug aufgepasst, Eros. Du weißt, dass du die Verantwortung für deine Pfeile trägst und sie gut bewachen musst.“ Ananke sah Eros streng an.

„Ja aber – „ Eros zögerte einen Moment „ich weiß nicht, was passiert ist. Ich muss betäubt worden sein, denn wenn ich schlafe verschließe ich die Pfeile und dieses Schloss kann niemand öffnen.“

„Ich weiß, Eros, Du bist immer sehr pflichtbewusst gewesen. Hera hat dich mit Hypnos Hilfe betäubt. Hypnos wird dafür bestraft werden. Aber wir müssen die Sache mit dem Pfeil in Ordnung bringen. Er muss abgeschossen werden und du musst das übernehmen. Es wird keine leichte Aufgabe, denn der, den du treffen sollst, ist – “ Ananke winkte Eros näher und schrieb einen Namen auf ein Stück Pergament. Sie reichte Eros das Papier, er wurde blass.

„Das kann ich nicht, Ananke. Nicht ihn!“

„Du musst es tun, Eros. Du wirst einen Weg finden. Tyche wird dir Ort und Zeit mitteilen.“

Ananke bedeutete Eros mit einer Handbewegung, dass die Besprechung zu Ende war. Eros verbeugte sich und verließ schnell den Raum.

 

 

Ich kann mich nicht erinnern

 

Deutschland ist nicht im Finale, ich boykottiere (vorläufig) italienisches Eis und esse Spätzle statt Spaghetti. In meiner Wortwabe ist es ruhig, ich kann gut nachdenken und rühre fleißig meine Buchstabensuppe…

Ab und zu habe ich das Gefühl, dass es einmal aufregender war als heute aber ich weiß nicht, warum. Im letzten Winkel meiner Erinnerung sehe ich zwei Augen, die mich sehr berührt haben – wer war er? Ich habe wirklich keine Ahnung. Wenn er jedoch so beeindruckend gewesen ist, warum erinnere ich mich an NICHTS?

Eine große schlanke Frau mit roten Haaren taucht plötzlich vor meinem Schreibtisch auf und sagt: „Seien Sie froh dass Sie ihn los sind! “ Dann verschwindet sie kommentarlos wieder. Ich rufe ihr nach: „Hallo , wer sind Sie?“  aber vielleicht war auch sie nur eine Projektion.

Es ist äußerst seltsam, ebenso wie eine Reihe blauer Flecke an meinem rechten Unterarm, die eindeutig so aussehen, als hätte mich jemand gekniffen. Und woher kommt die rote Rose auf meinem Schreibtisch, die seit Tagen hier in der Vase steht und nicht verwelkt?

Wieder einmal frage ich mich, wie wirklich meine Wirklichkeit ist, und ob nicht ich selbst die Figur bin in der Geschichte eines anderen – ich bin nicht sicher.

 

 

 

Ananke spinnt den Schicksalsfaden (Zeus Teil 15)

 

La Liberté zwinkerte Zeus zu. Er stand mit einer langbeinigen Blondine vor ihrem Gemälde und hielt der jungen Dame, die an seinen Lippen klebte, einen weitschweifenden Vortrag über Delacroix und die Julirevolution 1830.

„Sie hört dir doch ohnehin nicht zu, “ begann La Liberté eine lautlose Unterhaltung mit Zeus.

„Ich weiß, aber ich doziere eben gerne,“ Zeus lächelte süffisant, “Vorher –“ er ließ den Satz offen. „Aber sie ist längst nicht so leidenschaftlich wie du, meine Liebe.“ Zeus grinste und kraulte seiner Begleiterin den Nacken. Sie schmiegte sich verliebt an ihn. „Zeus, du alter Schwerenöter“ La Libertés Mundwinkel zuckten. „Du bist einfach immer zur falschen Zeit hier –“

Zeus horchte auf: „Wie meinst du das?“ „Nun – “ La Liberté machte eine kleine kunstvolle Pause, „du musst nach Mitternacht kommen, Zeus. Dann kommen wir aus unseren Rahmen heraus und sind aus Fleisch und Blut. Wir könnten viel Spaß haben – “

Zeus traute seinen Ohren nicht. Konnte das sein? Ohne dass er, Zeus, davon gewusst hatte? Davon musste er sich selbst überzeugen. „Nach Mitternacht, sagst du?“ „Ja, bis zum Morgengrauen, dann müssen wir zurück in unsere Gemälde. Kommst Du?“ La Liberté lauerte auf eine Antwort. „Natürlich, das muss ich mir ansehen!“ „Schön, aber dann bring Hypnos mit, damit wir unsere Ruhe haben vor den Sicherheitsleuten, das ist manchmal etwas mühsam. Aber mit Hypnos Hilfe schlafen sie bis zum Morgen und können sich dann an nichts erinnern.“ „In Ordnung, dann bis heute Nacht, meine Schöne,“ Zeus warf La Liberté zum Abschied eine Kusshand zu.

„Warum machst du das?“ fragte seine Begleiterin beim Hinausgehen. „Ach weißt du, sie ist eine alte Freundin.“ Das Mädchen lachte als ob er einen besonders lustigen Witz gemacht hätte. Sie  hatte ja keine Ahnung, wer ihr Begleiter war…

Im Olymp beobachtete Ananke zufrieden die Szene im Louvre und spann ihren Schicksalsfaden. „Es ist Zeit Hypnos zu rufen,“ sagte sie zu Tyche, die sofort aufstand um die Anweisung ihrer Mutter zu befolgen.

Hypnos wirkte auf sein Gegenüber immer irgendwie einschläfernd. Aus halbgeöffneten Augen sah er jeden träge an und sofort musste man gähnen. Er wirkte zwar schläfrig, war aber in Wirklichkeit hellwach. Er konnte jeden zum Einschlafen bringen, nicht nur seine Gegenwart verfehlte  ihre Wirkung nicht, es stand ihm auch eine große Auswahl diverser Schlaftränke zur Verfügung. Vom leichten Mittagsschlaf bis zum todesähnlichen Zustand konnte er alles anbieten. Sein berühmtester Trank war der, den Julia einst verabreicht bekam. Wie diese Geschichte ausging, ist ja allseits bekannt.

Als er zu Ananke gerufen wurde, wirkte er äußerlich zwar völlig tiefenentspannt aber in seinem Inneren schrillten sämtliche Alarmglocken. Er konnte sich denken, warum sie ihn sprechen wollte. Die Sache mit Eros war herausgekommen. Hypnos machte sich auf eine Gardinenpredigt gefasst.

„Hypnos, du weißt, warum du hier bist.“ begann Ananke. „Du hast dich an einer Intrige beteiligt, die Ausmaße angenommen hat, die nicht sein dürfen.“ Hypnos lief rot an und trat verlegen von einem Bein auf das andere. “Ihr habt in das Schicksal eingegriffen, das steht euch nicht zu. Du musst zusammen mit Eros die Dinge wieder ins Reine bringen. Hier ist deine Aufgabe.“ Ananke erläuterte Hypnos, was er zu tun hatte. Hypnos war erleichtert, das sollte nicht allzu schwer werden, wenn das die ganze Strafe war, wäre er ja nochmal davongekommen.

Doch Ananke war noch nicht fertig. „ Da du ja so gerne deine Macht demonstrierst, wirst du ab sofort genau das nicht mehr tun. Du sagst deine Meditationskurse bis auf weiteres ab.“

Hypnos starrte Ananke an, senkte aber sofort den Blick. Niemand, nicht einmal Zeus konnte in das Dunkel des Gesichts blicken, in dem nichts zu erkennen war, dessen unsichtbare Augen jedoch jeden mitten ins Herz trafen. Ausgerechnet sein Meditationskurs, in dem ihm die schönsten Frauen im Olymp zu Füßen lagen, sprichwörtlich. Das war wirklich eine harte Strafe, Ananke wusste genau was sie tat. Aber Hypnos wagte nicht, zu widersprechen, machte eine kleine Verbeugung und beeilte sich, aus der Höhle des Schicksals zu verschwinden.

Ananke war zufrieden. Die Dinge entwickelten sich ganz in ihrem Sinne.

 

 

Ein seltsamer Brief

 

Ich habe eine Baustelle vor meiner Wortwabe. Es ist unerträglich. Nicht nur der extreme Lärm macht mir zu schaffen, ab und zu wackelt das ganze Haus als ob es gleich in die Baugrube stürzen wollte.

Konzentration fällt in so einer Situation nicht so leicht, aber ich kann nicht warten, muss schreiben, es muss jetzt heraus..

Ich schiebe lose Seiten zu einem Stapel zusammen um sie zu sortieren, da rutscht ein seltsames Papier heraus. Es sieht aus wie Pergament und riecht irgendwie – modrig. Die Buchstaben darauf sind tiefdunkelblau und verschwimmen vor meinen Augen.  Einen Moment lang habe ich den Eindruck, es wären griechische Buchstaben gewesen, aber jetzt sind es plötzlich lateinische Buchstaben in einer fließenden, schwungvollen aber deutlichen Handschrift.

„Es tut mir leid;“ steht da zu lesen,“  dass das Schicksal nicht gut genug aufgepasst hat. Dieser Pfeil hätte Sie nicht treffen dürfen. Aber Sie werden zu gegebener Zeit Ihrem Seelenpartner begegnen. Vertrauen Sie uns. Gezeichnet Tyche“

Ist das der Werbebrief einer neuen Sekte? Ich habe keine Ahnung, um welchen Pfeil es hier geht. Aber der Brief ist für mich, hier steht mein Name, ganz deutlich. Ich drehe das Papier von links nach rechts, rieche daran, es riecht als ob es in einer feuchten Höhle gelegen hätte und plötzlich, zerfällt es vor meinen Augen. Staub ist wirbelt auf und ist verschwunden.

Wieder einmal muss ich mich kneifen, weil ich nicht sicher bin, ob ich nicht selbst auch eine Figur bin in einer Geschichte über – ja worüber eigentlich? Die Liebe?

 

Das war´s dann, Zeus (Zeus Teil 16)

Zeus musste Hypnos nicht lange überreden mit ihm zu kommen und die Sicherheitsleute im Louvre einzuschläfern. Da er so daran gewöhnt war, dass alle nach seiner Pfeife tanzten, wunderte er sich auch nicht über Hypnos prompte Zustimmung. Kurz vor Mitternacht trafen sie im Louvre ein und Hypnos machte sich sofort ans Werk, während Zeus sich auf die Suche begab nach La Liberté. Erinnerungen wurden wach an leidenschaftliche Nächte mit der schönen Französin und er war mehr als gespannt zu sehen, wie eine gemalte Legende aussah, wenn sie aus ihrem Rahmen stieg.

Der große Zeiger auf der Armbanduhr des Sicherheitsbeamten hüpfte auf die Zwölf, Mitternacht. Er griff nach seinem Kaffeebecher und nahm einen kräftigen Schluck. Routinemäßig beobachtete er dabei die Bildschirme und sah einen Schatten in einem der Gänge. „Merde!“ entfuhr es ihm, aber bevor er weiter darüber nachdenken konnte, was passierte, fiel er in einen so tiefen Schlaf, dass auch ein Presslufthammer direkt neben seinem Stuhl ihn nicht geweckt hätte. Der Kaffeebecher war ihm aus der Hand gefallen und Reste des Kaffees verteilten sich auf dem Boden. Hypnos tauchte aus dem Nichts neben dem Schlafenden auf. Er bückte sich nach der Kaffeetasse, stellte sie auf den Tisch und beseitigte mit einer trägen Handbewegung die Spuren der verschütteten Flüssigkeit. „Das war der Letzte,“ sagte er zu sich selbst,“ jetzt schlafen sie alle und träumen von einer ruhigen Nacht mit regelmäßigen Kontrollen, die unauffällig sein werden. Ich bin einfach großartig.“ Hypnos warf einen letzten Blick in das Büro und verließ den Raum.

La Liberté war um Punkt zwölf Uhr aus ihrem Rahmen geklettert und zum Raum von Mona Lisa gerannt. „Lisa“, rief sie schon von weitem, raffte ihre Röcke und kam schnaufend vor Mona Lisas Rahmen zum Stehen. Diese war gerade dabei, sich aus ihrem kleinen Bild zu schälen.

„Ich weiß nicht, was Leonardo sich dabei gedacht hat, das Portrait so klein zu machen.“ Mona Lisa strich ihre Röcke glatt. „Er kommt, Lisa!“ La Liberté konnte es kaum erwarten, die Neuigkeit loszuwerden. „Wer kommt? Wovon sprichst du?“ Mona Lisa sah ihre Freundin fragend an. „Zeus! Zeus kommt heute Nacht! Wahrscheinlich ist er schon da – “ La Liberté fingerte an Lisas Oberteil herum. „Was machst du da?“  Mona Lisa riss sich los. „Willst du ihn nun verführen oder nicht?“ La Liberté zog an Mona Lisas Mieder. „Du bist viel zu zugeknöpft, jetzt zeig mal was du hast!“ Mona Lisa versuchte ihr Mieder etwas nach unten zu ziehen sodass ihr Dekolleté besser zur Geltung kam. Da hörten beide die bekannte samtige Stimme: “ Das habt ihr doch gar nicht nötig, ihr seid mit und ohne Kleider reizvoll – pardon, Mademoiselle Lisa, sie kenne ich natürlich nur bekleidet – “ Mona Lisa wurde rot. „Wie kannst du sie so in Verlegenheit bringen, Zeus!“ zischte La Liberté ihm ins Ohr. Zeus fand Mona Lisa anziehend aber etwas zu brav, er war mit seinen Gedanken bei der leidenschaftlichen Liberté. Diese stupste Mona Lisa an und schob sie Richtung Zeus. Mona Lisa nahm all ihren Mut zusammen, sah dem Mann ihrer Träume in die Augen und – lächelte. Zeus war völlig hingerissen von diesem Lächeln und bemerkte nicht, dass Eros sich hinter einer Ecke versteckt hatte. Sein Bogen war gespannt und er wartete ruhig auf den richtigen Augenblick.

Zeus sah Mona Lisa tief in die Augen. Sie war eigentlich ganz niedlich. „Mademoiselle, ich muss gestehen, sie sind“ da traf ihn Eros  Pfeil, „  – wunderschön!“ hauchte er. Eros beobachtete wie sich das Liebesgift langsam in Zeus Körper ausbreitete. Er fing an zu lächeln, er grinste über das ganze Gesicht, strahlte Mona Lisa an und schien völlig vergessen zu haben, wo er war. Eros verschwand bevor La Liberté ihn bemerkte, aber der liebliche Rosenduft, der ihn stets umgab, wehte ihr in die Nase, sie sah sich um und schnupperte. Einen Moment lang glaubte sie, einen goldenen Flügel gesehen zu haben, aber in so einer Nacht wie dieser konnte man sich alles möglich einbilden.

Irgendetwas geschah mit Zeus, aber was? Er schien völlig für die Welt verloren. Zeus hielt Mona Lisa im Arm und La Liberté  sagte nur: „ Ihr wisst, dass der Spaß bei Sonnenaufgang zu Ende ist.“  Doch die beiden waren gerade dabei sich in ihrem ersten Kuss zu verlieren und La Liberté wusste nur zu gut, was die Küsse von Zeus für eine Wirkung hatten.

Ananke beobachtete die Szene im Louvre vom Olymp aus und war zufrieden. Zeus würde seine Lektion lernen, da war sie sich sicher. Die Liebe zu einer Legende, die nur nachts zum Leben erwachte und Tage voller Sehnsucht in einer Welt, die nicht die seine war – das war eine bittere Strafe für einen Herzensbrecher wie ihn.

Vielleicht würde ihn das Schicksal eines Tages erlösen, vielleicht blieb er auch für immer Mona Lisa verfallen. Das wusste Ananke in diesem Moment selbst noch nicht. Sie spann ihren Schicksalsfaden und versank in Schweigen.

 

Es wird Herbst

Ich sitze in meiner wortwabe und trauere dem Sommer hinterher. Der Himmel ist grau und immer wieder regnet es. Die Rosen vor meinem Fenster recken trotzig die letzten Knospen in die kühle Luft. Ich schließe mich Ihnen an und hoffe auf einen goldenen Oktober.

Plötzlich steht ein Mann vor meinem Schreibtisch, den ich noch nie gesehen habe. Ich schaue ihn irritiert an und als ich in seine Augen sehe, bin ich mir nicht sicher: kenne ich ihn?

„Erkennen Sie mich nicht?“

„Äh, nein. Wer sind Sie denn?“ frage ich ihn direkt.

„Ich bin Zeus!“ Das Ausrufezeichen am Ende des Satzes ist nicht zu überhören. `Meine Güte`, denke ich, `die Typen lassen sich immer schrägere Namen einfallen.`

„Der Name ist mir nicht EINGEFALLEN – ich BIN Zeus!“ sagt der Fremde jetzt mit einem ärgerlichen Unterton.

Woher weiß er, was ich eben gedacht habe? Jetzt wird er mir unheimlich.

 „Sie müssen sich doch an mich erinnern, meine Liebe“, sagt er jetzt etwas freundlicher. Er sieht mich wieder an und tief in mir sitzt eine Erinnerung, die nicht aus ihrem Versteck kommt.

„Schön“, sage ich,“ Sie sind also Zeus. Und was wollen Sie von mir, Herr Zeus?“

„Einfach nur `Zeus`“, sagt er und setzt sich auf meinen Schreibtisch. Jetzt atme ich seinen Duft ein und aus dem Nichts schießt mir durch den Kopf „Ambrosia“.

„So ähnlich“ sagt der Typ, der behauptet Zeus zu sein. „Eine ganz besondere Mischung, exklusiv für mich komponiert. Übrigens von Aphrodite persönlich.“

`Ein Irrer`, denke ich noch und plane meine Flucht. Aber da ist er schon verschwunden. 

 

 

Die Geschichte von Leonardo und Lisa

Mona Lisa sah mit unergründlichem Lächeln auf die Besucher, die sich um sie scharten. Sie war es gewöhnt, angestarrt zu werden. Seit Hunderten von Jahren ergötzten sich die Menschen an ihr. Man hatte sie von Zimmer zu Zimmer getragen, ihr Bild aus dem Rahmen geschnitten und gestohlen, sie hatte schon vieles erlebt. Hier im Louvre war sie nun schon so lange, dass sie sich nicht mehr genau an die anderen Orte erinnern konnte.

Nur an das Schlafzimmer Napoleons erinnerte sie sich, er hatte ihr einiges zugemutet. Warum eine so gebildete schöne Frau wie Josephine sich von ihm angezogen fühlte, hatte sie nie verstanden. Manchmal hätte sie lieber weggesehen, aber das ging ja nicht. Damals wusste sie auch noch nicht, wie man seinen Bilderrahmen verlässt, das hatte ihr erst vor fünfzig Jahren La Liberté verraten, wer sonst. Sie rannte nachts mit entblößter Brust durch die Räume des Louvre und sang die Marseillaise.

So etwas würde Lisa nie einfallen, wenn auch sie weitaus temperamentvoller war als sie den Anschein machte.

Das Stimmengewirr vor ihr war international. Mittlerweile sprach Mona Lisa mehrere Sprachen, zumindest die Worte, die sie immer wieder hörte:

„Che bellissima!“ riefen die Italiener.

„How beautiful!“ die Amerikanerinnen.

Sie folgte interessiert aber mit unbewegter Miene den Diskussionen um ihren Namen und lächelte.

Insgeheim ärgerte sie sich wenn wieder jemand behauptete, sie sei ein Mann. Was für eine Lächerlichkeit! Nachts, wenn die Hallen leer waren und die Aufpasser, wie sie die Sicherheitsleute nannte, anderswo kontrollierten, kämpfte sie sich aus dem lächerlich kleinen Rahmen und vertrat sich die Beine. Sie deklamierte halblaut die fremden Worte, die sie gehört hatte. Manchmal schlich sie sich auf eine Toilette und betrachtete sich im Spiegel.

Wie konnte nur irgendjemand auf die Idee kommen sie wäre ein Mann gewesen? Das wäre ja als ob man Jesus Christus für eine Frau hielte! Sie war eine Frau, und was für eine!

Sie erinnerte sich noch genau an den ersten Besuch bei Leonardo.

Ihr Mann hatte das Portrait in Auftrag gegeben und sie war stolz, dass so ein bekannter Maler sie porträtieren würde. Nicht einer seiner Mitarbeiter, nein, der Meister selbst. Sie war etwas befangen, als sie zu der ersten Sitzung ging. Noch nie zuvor war sie Leonardo begegnet.

Als sie ihm gegenüber stand und er sie forschend betrachtete, senkte sie, die stolze Lisa, den Blick.

Er legte ihr die Hand unter das Kinn und zwang sie, ihm in die Augen zu sehen. Sie spürte ein flaues Gefühl in der Magengegend und lächelte. Sie kannte die Wirkung ihres Lächelns und setzte es immer ein, wenn sie jemanden für sich gewinnen wollte. Und dann wollte er sie genau so malen, mit ihm zugewandten Blick, der weit in die Ferne zu schweifen schien.

Lisa wollte widersprechen, einen fremden Mann so anzusehen schickte sich nicht, aber sie verstummte und lächelte. Dieser Mann war ihr gewachsen, das hatte sie sofort gespürt. Also sah sie ihn an, unverwandt, und er malte sie. Obwohl sie Kleider trug fühlte sie sich bald nackt vor seinem Blick. Seine Augen schienen ihr dunkel zu sein wie der Mocca, den sie morgens trank. Dann wieder schimmerten sie wie der bleierne Novemberhimmel über Florenz, an manchen Tagen hatten sie jedoch die Farbe des Arno.

Mona Lisa seufzte. Was für ein Mann! Sie hatten sich so sehr geliebt dass es sie heute noch schmerzte. Und doch war nichts geschehen, dessen sie sich hätte schämen müssen.

Leonardo war klug, und er behandelte sie mit dem größten Respekt. In diesen langen Stunden konzentrierter Arbeit kamen sie sich so nahe, dass sie meinte, ihr Herzschlag müsse sich dem seinen angeglichen haben. Sie sah ihn an und tauchte immer tiefer in dieses Gesicht ein, so wie er in ihres.

Sie stellten fest, dass sie dieselben Dinge liebten. Ein sonniger Tag mit diesem speziellen Licht, das so typisch war für Florenz, konnte sie beide entzücken. Sie deklamierten die Liebesgedichte von Petrarca, beide konnten sie lange Passagen auswendig.

“Voi ch’ascoltate in rime sparse il suono
di quei sospiri ond’io nudriva ‚l core”

flüsterte Mona Lisa.  Aber sie erhielt keine Antwort.

Wie so oft war sie in ihren Erinnerungen abgeschweift und konnte es nicht fassen dass sie sich nach hunderten Jahren immer noch nach Leonardo sehnte.

Leonardo malte vier Jahre an ihrem Portrait und wollte es, als es fertig gestellt war, behalten. Die gute Gesellschaft von Florenz zerriss sich die Mäuler über Lisa, aber sie lächelte. Sie hatte mit Leonardo so vieles geteilt, das konnte ihr keiner mehr nehmen. Es gab eine so tiefe Verbundenheit zwischen ihnen, die sie selbst bis heute nicht recht verstehen konnte.

„Ich mache dich unsterblich,“

hatte er ihr an einem kühlen Oktobermorgen ins Ohr geflüstert und nur ganz leicht ihre Haare berührt. Sie schauderte noch immer bei der Erinnerung daran. Näher waren sie sich nie gekommen.

„Wir wussten beide, dass wir den Zauber zerstören würden,“

dachte Lisa.

„Es war dumm von mir, von uns. Ich sehne mich jetzt seit fünfhundert Jahren nach einem Kuss von ihm. Er hat mich unsterblich gemacht und ist doch selber fortgegangen von mir.“

Mona Lisa wusste, dass auch Leonardo unter seiner Sehnsucht gelitten hatte. Ihr Bild blieb bis kurz vor seinem Tod in seinem Besitz. Dann verkaufte er es, weil er es nicht mehr ertragen konnte, sie zu sehen und ihr doch nicht nahe sein zu können.

Langsam ging sie wieder zurück zu ihrem leeren Rahmen. Sie glitt in das Bild hinein und erstarrte.

Als der Wachmann einige Minuten später seine Runde drehte blieb er vor ihr stehen und sagte laut:

„Das ist doch Blödsinn, das kann kein Mann gewesen sein,“

und ging weiter.

Mona Lisa lächelte.

Der nächste Tag begann wie immer mit einer Traube von Menschen, die sich um sie drängelten. Mitten unter den Besuchern stand ein lächelnder Mann. Er trug eine Schiebermütze und Mona Lisa sah ihm direkt in die Augen. Waren sie braun oder doch grün, wie der Arno ihrer Jugend? Der Mann lächelte unergründlich zurück, warf Mona Lisa einen Kuss zu und verschwand in der Menge.