Die Schlange (8)

Steffen Amberg sah etwas konsterniert auf seinen Bildschirm. Das war ihm selten passiert, dass eine Frau, die so offensichtliches Interesse an ihm gezeigt hatte, ihn im Chat derart abblitzen ließ. Egal, die Leiste seiner „Freunde im Chat“ zeigte ihm, dass er sich auch anderweitig unterhalten konnte. Er überflog die Namen, da hörte er Schritte im Flur. Schnell öffnete er eine Powerpont Präsentation.

„Na du Armer, musst du noch so viel arbeiten?“, seine Frau legte die Arme um ihn.

„Ja Liebes, ich muss doch die Präsentation für das Wochenende in Hamburg fertigstellen,“ Steffen runzelte die Stirn und drückte auf speichern. „Ich geh schlafen, morgen habe ich drei anstrengende Meetings. Ich bin schon gestresst wenn ich nur daran denke.“ Franziska Amberg verdrehte die Augen. Steffen stand auf und nahm seine Frau in die Arme.“Das schaffst du schon, schlaf gut, Liebes. Gute Nacht.“  Er hörte Franziska die Treppe hochgehen. Als er sicher war, dass sie im Bett lag, wechselte er wieder zurück zu facebook.  Er wusste schon wen er jetzt kontaktieren würde.

 

 

Jubiläum

Heute ist die wortwabe 114 Tage online, und dies ist der 100. Artikel.

Eigentlich hatte ich vor, ein paar kitschige Girlanden aufzuhängen und eine goldene „100“ an die Tür zu kleben, aber dann kommt wieder alles ganz anders.

Plötzlich steht ein gutaussehender Typ im Anzug vor mir, taucht auf wie aus dem Nichts, und behauptet, er sei Steffen Amberg. „Sie kennen mich doch“, sagt er und fixiert mich mit seinem Blick.“   Ich sehe ihn verdutzt an und es rutscht mir heraus: „Ich dachte, Sie wären größer.“ „Was soll denn das nun wieder heißen? Ich bin schlank, durchtrainiert, attraktiv und intelligent, was wollen sie denn mehr?“ Meine Güte, der Typ ist ja sehr von sich eingenommen. Wäre  er ein Post auf Facebook, dann müsste ich jetzt wohl liken. Ich grinse in mich hinein. „Was gibt es denn da zu grinsen?“ „Och, nichts, nur so ein Gedanke, „antworte ich.“Ihre Gedanken, die kenne ich ja bereits. Ich finde es wirklich unverschämt, wie Sie mich darstellen,“ empört er sich.“Als ob ich mit den Frauen spiele  Das stimmt nicht, Ich bin ein sehr ernsthafter Mensch.“ Soso, denke ich. Ernsthaft. „Das weiß ich ja wohl besser“, sage ich zu ihm.“ Ich habe Sie schließlich erfunden.“ Das hätte ich wohl nicht sagen dürfen. So plötzlich wie er aufgetaucht war, ist er verschwunden, Sein After Shave schwebt noch einige Zeit im Raum, meine wortwabe riecht nach Mann und frage mich wieder einmal was denn nun die Wirklichkeit ist –

Das Seminar (Die Schlange 5)

Anna schätzte das Alter des Unbekannten auf Ende Vierzig. In Gedanken machte sie eine Miniumfrage, nach dem Motto „Kreuzen sie das Zutreffende an“:

„Kein normaler Mann in diesem Alter ist allein, also trifft wahrscheinlich Punkt 3 zu. Es wäre also die Frage zu lösen, warum trägt er keinen Ehering? Mag er keinen Schmuck? Will er seinen Beziehungsstatus verbergen „ich rede schon wie ein Facebookprofil auf zwei Beinen“, dachte Anna und musste grinsen.

Anna war nicht unbedingt auf der Suche nach einem Mann, aber ein Flirt würde dem Seminar bestimmt ein bisschen Würze geben. Sie saugte am Strohhalm ihrer Latte Macchiato und sah verstohlen zum Nebentisch. Anna konnte einfach nicht anders, „Berufskrankheit“ pflegte sie zu sagen. „Das Hemd ist von van Laak, der Anzug könnte von Boss Black sein. Die Schuhe waren auf jeden Fall rahmengenähte Budapester, er hatte zweifellos Geschmack. Sie schielte unauffällig über den Rand ihrer Zeitschrift. Er war attraktiv, keine Frage, aber nicht zu perfekt. Anna hatte nichts übrig für die geleckten Typen, ein Mann mit Ecken und Kanten traf eher ihr Beuteschema. „Ein Kerl“ stellte sie fest.

Vielleicht war dieses Seminarwochenende gar nicht so verkehrt, wenn man hier solche Männer traf –

Der Unbekannte hatte seine Email beantwortet und wandte sich wieder Anna zu. Sie sah in ein paar graugrüne Augen, die mit hellen Sprenkeln durchsetzt waren.  Und als sie sich abwandte war ihr schon klar dass sie ein My zu lange in diese Augen geschaut hatte. „Darf ich mich vorstellen? Steffen Amberg:“ „Anna Stickel“ antwortete Anna. ´Er hat auch noch eine angenehme Stimme´ dachte Anna.

„Nett Sie kennenzulernen,“ sagte Steffen. „Was führt sie denn hierher? Das ist ja nicht gerade ein Wellnesshotel für ein erholsames Wochenende“, fuhr er fort. Anna musste ihm zustimmen, es war ein typisches Tagungshotel, pragmatisch und nüchtern eingerichtet, aber ohne Charme. Er lächelte Anna an. „Ich nehme hier an einem Seminar teil“ sagte sie,“ es beginnt in“ sie sah auf die Uhr, „genau einer Stunde.“ Wie hatte sich der Typ eben vorgestellt? Steffen Irgendwas  – Anna suchte in ihrer Tasche nach den Seminarunterlagen. Der Name war ihr irgendwie bekannt vorgekommen aber sie hatte keinen Zusammenhang hergestellt. Sie warf einen Blick auf die Liste der Referenten. Da stand sein Name, Steffen  Amberg, er moderierte das Seminar.  Es war seine Unternehmensberatung, die das Seminar durchführte. Wie peinlich – hätte sie doch mal die Unterlagen genauer durchgelesen.  Sie lächelte ihn mit ihrem unwiderstehlichen Lächeln an: „ Ich dachte eben, der Name kommt mir bekannt vor – Herr Amberg, sie halten das Seminar an dem ich teilnehme: „Führung und Magie“.

„Ich bin schon so gespannt“, Anna log ohne rot zu werden und wie erwartet sprang Steffen Amberg darauf an. Männer sind einfach gestrickt, sobald frau sie lobt ist das der Startschuss für einen Monolog. So war es auch jetzt. Anna bekam eine Kurzfassung der Seminarinhalte und deren Relevanz für die Allgemeinheit und Anna im Besonderen. Sie lehnte sich entspannt zurück und nutzte die Zeit um  Steffen Amberg ausführlich zu betrachten. Er gefiel ihr immer besser.

Das Seminar (Die Schlange 4)

Der Wind strich um Anna herum und spielte mit Haarsträhnen, die sich aus ihrem Pferdeschwanz gelöst hatten. Ärgerlich schob sie die immer gleiche Strähne hinter das rechte Ohr. Sie saß halb in der Sonne und genoss die warmen Strahlen. Ihre Haut war aufgeheizt und jedes Mal wenn wieder eine Windböe kam fröstelte sie. Ihr Latte Macchiato Glas war leer, sie wollte der Kellnerin winken aber die junge Frau beachtete sie nicht. Wieder zerrte der Wind am Sonnenschirm und an ihren Haaren. Anna war genervt, es wäre so ein schönes Sommernachmittag, wenn der Wind nicht wäre. Leider konnte sie dem Wind nicht die Meinung sagen aber die Kellnerin würde ihre Launen abbekommen wenn sie sich endlich mal an ihren Tisch bequemen würde.

Anna sah nach oben wo der Wind an den Stoffbahnen des Sonnenschirms zerrte und strich sich zum wiederholten Mal eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Der Wind nervt, nicht wahr?“

Anna sah von ihrer Zeitschrift auf und blickte sich um. Am Nebentisch saß ein Mann, der sie auffordernd ansah, so als wolle er sagen: sprich mit mir, es ist ja sonst keiner da mit dem du reden kannst! Spontaneität gehörte nicht zu Annas hervorstechenden Eigenschaften, sie durchdachte alles, was sie vorhatte, ganz genau. Sämtliche Varianten wurden durchgespielt, nichts wurde dem Zufall überlassen. Aber irgendetwas brachte sie dazu, diesem Fremden spontan zu antworten ohne sich die Worte vorher zurechtzulegen. „Ja, er nervt dieser Wind. Es wäre so ein schöner heißer Nachmittag –„

Anna ließ den Satz offen. Eigentlich hasste sie das, Menschen, die immer vage blieben, sich nicht klar bekannten, das Ende eines Satzes offen ließen oder SMS schrieben, die in Pünktchen endeten. „Weicheier“, pflegte sie zu sagen. „Können sich nicht entscheiden.“ Und jetzt sprach sie selbst so – sie räusperte sich und suchte nach einem sinnvollen Abschluss für ihren unvollendeten Satz, aber es wollte ihr nichts einfallen. Da sah sie die Kellnerin auf ihren Tisch zukommen und winkte hektisch. Endlich, sie hatte sie gesehen und steuerte quer über die große Terrasse auf Anna zu.

„Noch eine Latte Macchiato bitte,“ eigentlich hatte Anna in Gedanken die junge Kellnerin schon abgekanzelt, weil sie so unaufmerksam war aber sie wollte vor dem Mann am Nebentisch nicht zickig wirken. „Warum interessiert es mich, was er über mich denkt? Das ist doch völlig egal!“ Anna schüttelte unwillkürlich den Kopf. „Wollen Sie doch keine Latte Macchiato?“ Die Kellnerin sah Anna unsicher an.

„Nein, äh ich meine ja, bitte bringen Sie mir noch eine“ „Mir auch bitte“ warf ihr Tischnachbar ein.

Anna beobachtete ihn unauffällig. Sie nannte das „scannen“. So ein Scan dauerte vermutlich  nur Sekunden. Anna checkte ihr Gegenüber von Kopf bis Fuß und ihr Ergebnis war, ohne Uhr, etwa 900 Euro. War die Markenuhr echt, dann kamen noch einmal etwa 7000 Euro hinzu. Weiterhin ergab ihr Scan, dass er keinen Ehering trug.

Die Schlange (3)

Aber nein, es handelte sich um eine Weiterbildungsmaßnahme. Warum man ausgerechnet auf sie verfallen war, verstand Anna auch nicht, aber sie hatte keine Chance. Frau Panski erging sich in einem Monolog über die Wichtigkeit der emotionalen Intelligenz im Allgemeinen und bei Führungskräften im Besonderen. Anna wusste, dass Frau Panski keine Ahnung hatte, wie sehr Anna sie hasste. Insgeheim nannte sich Anna selbst manchmal „falsche Schlange“ weil sie es immer wieder schaffte, Frau Panski durch ausgeprägten Opportunismus davon zu überzeugen, Anna sei eine treue Anhängerin. Frau Panski erklärte Anna nun bereits zum dritten Mal wie wichtig dieses Seminar für sie sei und dass Anna als Einzige in den Genuss eines Einzelseminars kommen würde. Alle anderen aus ihrer Führungsebene hatten ein gemeinsames Seminar besuchen müssen.Anna hatte für den Termin eine perfekte Ausrede gehabt, da ihre Mutter an diesem Wochenende den siebzigsten Geburtstag feierte. Das wäre sogar im Zweifel mit der Geburtsurkunde nachweisbar gewesen, aber soweit war Frau Panski dann doch nicht gegangen. Sie hatte Anna zähneknirschend Urlaub gegeben. Jetzt musste Anna so tun, als wäre sie völlig aus dem Häuschen vor Dankbarkeit und Freude. Sie nahm die Seminarunterlagen mit einem leicht verkrampften Zug um den Mund entgegen und verabschiedete sich. Ein Freitag und ein kompletter Samstag waren für das Seminar vorgesehen. „Führung und Magie“ – schon der Titel brachte Anna auf die Palme. Wenn jemand dieses Seminar dringend nötig hätte, dann ja wohl Frau Panski. Ihr menschenverachtender Führungsstil brachte regelmäßig Mitarbeiter an den Rand ihrer Kräfte. Immer wieder fielen Kollegen wegen Burnout aus oder verließen die Firma.

Auf dem Weg zurück in ihr Büro musste Anna aufpassen, dass sie ihre wütenden Selbstgespräche nicht laut führte. „Das Schlimmste ist dieses Gefühl der Machtlosigkeit“, dachte sie. „Ich kann nur das Spiel mitspielen, ich habe keine Chance mich zu wehren, sonst wird der Druck stärker. Die Panski würde mich kaltlächelnd am langen Arm verhungern lassen. Und das halte ich nicht aus. Dann müsste ich kündigen, aber so leicht finde ich keinen Job mehr. Die Luft wird von Jahr zu Jahr dünner. Also bleibt mir mal wieder nur, die Zähne zusammenzubeißen und weitermachen.“

Die Schlange (2)

Eigentlich hatte Anna überhaupt keine Lust auf diese Weiterbildung. Sie fand es außerdem unverschämt, dass sie dafür einen Samstag opfern sollte- Wie immer war sie vor vollendete Tatsachen gestellt worden. Ihre Geschäftsführerin, deren Markenzeichen dunkle Augenringe waren, die jedem Nachtclubbesitzer Ehre gemacht hätten, hatte ihr einen Termin geschickt.Anna sah die Nachricht und ihr Magen krampfte sich zusammen. Auf der Liste der Leute, die sie in ihrer Firma auf den Tod nicht ausstehen konnte, stand der Name von Frau Panski ganz oben. Sie war sich mit ihren Kolleginnen auch einig, dass ihre Chefin sich jeden Morgen die Augenringe aufmalte, zumindest nachmalte. Die Augenringe waren sozusagen ihr Gütesiegel. Sie arbeitete nämlich nicht nur von Montag bis Freitag sondern auch jeden Samstag und manchmal sogar am Sonntag. Zusammen mit dem Seniorchef, der, ganz vom alten Schlag,  die Qualität der Arbeit an der Zeit bewertete, die man in seiner Firma verbrachte.

„Wer hier einen Vertrag unterschreibt wird zum Leibeigenen.“ Anna bestätigte den Termin mit einem Click. „Was will die Alte bloß wieder von mir,“ sagte sie zu ihrer Kollegin am Schreibtisch gegenüber und verdrehte die Augen.
„Wahrscheinlich bekommst du mehr Verantwortung,“ Sandra, Annas Kollegin betonte das Wort „Verantwortung“ süffisant und dehnte es – denn in den Satz „ Wir geben Ihnen mehr Verantwortung“ wurde grundsätzlich jegliche Art von Mehrarbeit verpackt. Man fühlte sich zunächst geschmeichelt und in dem Glauben, die eigene Leistung werde anerkannt, ging man mit erhobenem Haupt aus dem Büro der Geschäftsführerin und stürzte sich völlig idealistisch in die neuen Aufgaben. Da man ja vorher auch schon ausgelastet war, konnten diese nur mit Überstunden bewältigt werden. Überstunden jedoch waren mit dem Gehalt abgegolten. Das heißt, man machte den Job einer Teilzeitkraft mit, nach dem Motto Null plus Null gleich Null, denn das Gehalt blieb das gleiche. Spätestens beim zweiten Mal fiel man auf den Trick nicht mehr herein und meldete sich krank. Im Gegensatz zu Urlaub nehmen war Kranksein politisch korrekt, sofern es nicht zu lange dauerte und man so laut und ausgiebig jammerte, dass auch der Letzte in der Firma begriffen hatte, dass man dem Tod gerade noch von der Schippe gesprungen war.

Anna öffnete die Tür zu Frau Panskis Büro. „Ah, Frau Stickel, schön, dass Sie da sind, bitte nehmen Sie doch Platz.“ Anna setzte sich auf den Besucherstuhl und verstand die Welt nicht mehr. Was sollte diese plötzliche Freundlichkeit? Hatte Frau Panski heute Morgen Drogen genommen?

Die Schlange (1)

Anna war Perfektionistin. Sie hatte so lange recherchiert bis sie alles über ihre vermeintliche Gegnerin herausgefunden hatte. Sie wusste, wo sie arbeitete, wie ihr Dienstplan aussah. Sie kannte ihre beste Freundin und war seit neuestem Mitglied im gleichen Fitnessclub. Sie buchte denselben Yogakurs.

Sie schlich sich behutsam und mit viel Geduld in das Leben dieser Frau, sie glitt hinein wie eine Schlange: lautlos und unbemerkt. Und wenn der richtige Zeitpunkt gekommen war, würde sie zubeißen. Und ihr Biss würde tödlich sein.