06.12. – Der Einbrecher | Adventüden

Im Rahmen unserer ABC Etüden Schreibgruppe gibt es seit Jahren auf Initiative von Christiane von 365tageasatzaday.wordpress.com einen Adventskalender mit „Adventüden“. Der heutige Beitrag ist von mir, alle anderen lesenswerten Beiträge findet ihr auf Christianes Blog!

Irgendwas ist immer

Kommissar Sturz setzte sich.

»Sie wissen, warum Sie hier sind?«, fragte er den alten Mann im Verhörzimmer. Dieser zog ein großes, weiß-rot kariertes Taschentuch aus seiner Hosentasche und schnäuzte sich lautstark. Dann schüttelte er den Kopf.

»Sie sind ein rechter Tunichtgut«, sagte Sturz. Er stutzte, kratzte sich am Kopf und fragte sich, warum er so freundlich mit diesem alten Trottel sprach. Irgendetwas hat der an sich, was mir total den Kopf verdreht, dachte er.

Er wandte sich wieder an den alten Mann. »Sie wurden aufgegriffen, als Sie in ein Haus einbrechen wollten. Wollen Sie sich dazu äußern?«

Der alte Mann holte aus seiner Jackentasche ein Bündel Lametta hervor, reichte es Sturz über den Tisch und nickte ihm aufmunternd zu. Der Kommissar wollte vor Wut aufspringen, stattdessen lächelte er und bedankte sich höflich. Was ist nur los mit mir, fragte er sich wieder, aber kam nicht zum Nachdenken, denn die…

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Schätze

Seit Wochen stehe ich Tag für Tag knietief in Erinnerungen – meine Schwester und ich müssen das Haus meiner Eltern leeräumen.Wenn ich nach drei, vier Stunden heimkomme, habe ich Schwierigkeiten, wieder in der Realität anzukommen. Es ist emotional ziemlich anstrengend, doch immer wieder finden wir Schätze, von denen wir nichts wussten. So zum Beispiel das Testament meines Ur-Urgroßvaters aus dem Jahr 1915. Er war von Beruf Wagner, ein Beruf, den man heutzutage nicht mehr braucht. Neben seinem Barvermögen, das nicht unbeträchtlich war, hat er auch verfügt, wer seinen schwazen Anzug bekommen sollte und seine Winterstiefel. Ebenso wurde ein Schubkarren und eine Kommode verteilt. So wertvoll war der Anzug, dass er im Testament erwähnt wurde. Das hat mich wirklich berührt. Heute ist Kleidung ein Wegwerfartikel. Ich war ja selbst lange genug in der Textilbranche und habe den Irrsinn erlebt. Von zwei Saisons, Sommer und Winter, ging es auf sechs Saisons und dann irgendwann auf zwölf. Jeden Monat eine neue Kollektion, mittlerweile dreht sich das Rad immer schneller, Fast Fashion. Wir brauchen nichts und sollen doch immer mehr kaufen. Es ist gut, dass der Trend zum Secondhand, Upcycling oder auch Tauschen immer stärker wird. Dingen wieder Wert verleihen, Lieblibngsstücke schätzen und lange Freude daran haben. Aus allen Ecken tönt es heute „Nachhaltigkeit“, als ob das eine neue Erfindung wäre. Unsere Ahnen waren nachhaltig, vielleicht nicht immer aus Überzeugung sondern oft auch aus der Not, aber sicher haben sie Dinge mehr wertgeschätzt.

Aus der Originalabschrift, die mein Urgroßvater 1917 per Einschreiben zugestellt belkam:

Ungeschick, höre auf – und willst du nicht aufhören, so mache wenigstens eine Pause!

Diesen Spruch habe ich vor vielen vielen Jahren mal in einem Märchen aus 1001 Nacht gefunden. Seither kommt er immer mal wieder zum Einsatz. Es ist ja doch auch so, geht die Waschmaschine kaputt, folgt bald darauf der Trockner oder ein anderes elektrisches Gerät.

Den Anfang machte die Tatsache, dass ich, vermutlich in einem Anflug geistiger Umnachtung und ohne es bewusst zu registrieren, was ich da gemacht habe, offenbar auf Windows 11 upgedatet habe. Was ich auch nicht wusste: die Anmeldung auf dem Laptop funktioniert dann nicht mehr wie gewohnt, man braucht ein neues Passwort. Ich konnte also mein eigenes Gerät nicht öffnen und musste erstmal recherchieren, was da los ist. Irgendwo habe ich die Info gefunden, dass man ein neues Passwort braucht. Sicher gibt es jetzt jede Menge Leute, die die Augen verdrehen nach dem Motto, „das weiß man doch!“ – ich wusste es nicht und bin voll in die Falle getappt.

Kurz darauf machte mein Laptop keinen Mucks mehr und schuld war der interne Akku. Also auf zum PC Helfer meines Vertrauens, der auch schnell den Fehler gefunden hatte. Er musste den Akku neu bestellen und ich konnte in der Zwischenzeit nur mit Netzteil arbeiten. Was für ein Geeier! Hatte das Laptop genauso wenig Spass an Windows 11 wie ich und das war eine Art Protestreaktion? Auch Dinge haben Seelen…

Aber wer jetzt glaubt, das wäre es gewesen, irrt sich. Das nächste war ein Zimmerbrand, an dem ich nicht ganz unschuldig war. Aber meine Dussligkeit war wirklich der Trauer um meine Mama geschuldet und daraus resultierender allgemeiner Verwirrung. Am Ende hatte ich sämtliche Schutzengel auf meiner Seite, außer einem eimergroßen Brandloch in meinem Eicheparkett ist nichts passiert. Der Brandgeruch hielt sich ewig, meine Duft-Lampe war im Dauereinsatz.

Und nein, es war nicht das Ende. Im Anschluss daran war das Fallrohr von Küche und gegenüberliegendem Hauswirtschaftsraum verstopft. Trotz aller Anstrengungen haben wir es nicht alleine geschafft, die Verstopfung zu lösen. Also musste ein Rohrreiniger her, der dann auch nach einer knappen Woche endlich kam und etwa sechs Meter durch das Rohr fräste….

Ich fand ja schon immer, dass November der schlimmste Monat des Jahres ist. Der November 2022 hat sich selbst übertroffen in Widerwärtigkeit. Ich bin der Meinung, jetzt reicht es. Siehe oben, Ungeschick höre auf, und willst du nicht aufhören. so mache wenigstens eine Pause!

abc Etüden KW38/39.22

Worum geht`s? Eine Wortspende, für diese Etappe „Regentonne, sensibel, schwanken“ soll in eine Geschichte mit maximal 300 Wörtern verpackt werden. Gehostet wird die Gruppe von Christiane auf ihrem Blog https://365tageasatzaday.wordpress.com/2022/09/18/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-38-39-22-wortspende-von-nellindreams/

hier findet ihr auch alle anderen wunderbaren Geschichten der EtüdenschreiberInnen.

Herr Krüger

Ist es verwerflich, wenn ich mir vorstelle, dass ich Herrn Krüger am liebsten in der Regentonne ertränken würde? Vermutlich ja. Wobei ja angeblich die Gedanken frei sind. Solange ich also diese Szenarien niemandem auf die Nase binde, kann ich vordergründig immer noch als moralisch einwandfreie Mitbürgerin auftreten. Das würde auch absolut den Tatsachen entsprechen, denn ich parke nicht einmal falsch oder fahre mit erhöhtem Tempo durch Ortschaften. Ich bin linientreuer als ein Volkspolizist. Wieviel kriminelle Energie in mir steckt, das weiß nur ich ganz allein. In Gedanken habe ich Herrn Krüger bereits mehrfach vom Leben zum Tode befördert. Er wurde bereits erschlagen, hinterrücks erstochen und jetzt auch ertränkt. Herr Krüger ist das einzige Lebewesen auf diesem Planeten, das es schafft, mich in Sekundenbruchteilen an den Rand meiner Belastbarkeit zu bringen. Es ist nicht so, dass ich zu sensibel wäre. Ich würde sagen, ich bin neudeutsch taff, so schnell bringt mich nichts ins Schwanken. Aber Herr Krüger und seine ganze Sippe werden mich irgendwann ins Grab befördern, ein Herzinfarkt vermute ich. Deshalb habe ich mich entschieden, es jetzt zu Ende zu bringen. Zumindest den alten Krüger werde ich beseitigen. Heute ist der Tag, ich bin bereit. Seit Stunden liege ich auf der Lauer, wenn er sich zeigt, dann erledige ich ihn mit dem Staubsauger und es ist mir egal, dass er schon so lange mit mir unter einem Dach wohnt. Meine Freunde sind der Meinung, ich sollte mich doch mittlerweile an ihn gewöhnt haben, wenn ich ihn doch sogar schon Herr Krüger nenne. Aber ich werde mich nie daran gewöhnen, beim Lesen aus dem Augenwinkel einen Schatten vorbeihuschen zu sehen, der mindestens handtellergroß ist und mich in Panik versetzt. Jetzt ist Schluss. Herr Krüger muss sterben. Ich hasse Spinnen.

2811

2811 Tage war meine Mutter mit vaskulärer Demenz im Heim. Das Jahr 2022 war das Ende eines langen Weg des Abschiednehmens – ein schmerzhafter Prozess, der wenig Kraft übrig ließ.  Das tägliche Leben mit seinen Herausforderungen war zu meistern, mehr nicht. Ich habe mich meistens in mein Schneckenhaus zurückgezogen um wieder aufzutanken. Immer wieder hatte ich den Impuls, einen Post zu machen, aber mein Kopf war leer, am Ende starrte ich Löcher in die Wand und war nicht in der Lage, einen Satz zu formulieren. Am 05. September war ihr Lebensweg zu Ende, ein Segen für sie, sie wog noch knapp 35 Kilo und wollte nichts mehr essen oder trinken, mit dem Reden hörte sie schon 2021 auf. Wenn ich sie besuchte, habe ich ihr Suppe eingeflößt, langsam. Löffel für Löffel, ein Schälchen Suppe eine Stunde. Danach habe ich mich neben ihren abgemagerten Körper gelegt, sie umarmt und ihr all die Lieder vorgesungen, die sie mir als Kind gesungen hat. Am Sonntag, den 04. September war ich bei ihr und sang ihr das Lied vom „Rolandsbogen“, ein altes Volkslied, das wir oft im Kreis der Familie gesungen haben. Wie gesagt, sie hat nicht mehr gesprochen, aber sie hat es an diesem Sonntag versucht, sie erkannte das Lied. Am Montag durfte sie im Kreis der Familie gehen.

Jetzt bin ich Waise und es fühlt sich seltsam an,  diese Realität ist noch nicht bei mir angekommen. Es macht keinen Unterschied, ob man Jahre Zeit hat, sich an den Gedanken zu gewöhnen oder ob ein geliebter Mensch plötzlich verstirbt, der Schmerz ist derselbe. Dieses Gefühl, dass es doch nicht sein kann, dass die Welt sich weiter dreht, dass alles seinen gewohnten Gang geht, obwohl doch das eigene Leben eine Zäsur erlebt, die alles Gewohnte aus der Bahn wirft. Was ist noch wichtig in so einer Zeit? Ich hatte das Gefühl, ich stünde auf einer Klippe und rechts und links von mir versänke alles im Nebel. Langsam arbeite ich mich jetzt zurück, Tag für Tag. Das ist mein erster Post 2022. Im Juni hatte ich 10 jähriges mit dem Blog. Meine Aktivitäten nahmen ab mit weiter fortschreitender Krankheit meiner Mutter und kamen Ende letzten Jahres auf dem Nullpunkt an. Ich habe mich gefragt, was ihr Vermächtnis an mich ist. Es ist die Liebe zur Sprache und zur Musik. Sicher ist es in ihrem Sinne, wenn ich jetzt endlich wieder aktiver werde, mehr schreibe und mehr singe. Welcome back.

abc Etüden Woche 46/47 . 2021

abc.etüden 2021 46+47 | 365tageasatzaday
Die Wörter für die Textwochen 46/47 des Schreibjahres 2021 stiftete Heidi mit ihrem Blog Erinnerungswerkstatt. Sie lauten:
Museum
biografisch
erinnern.

auf Christianes Blog https://365tageasatzaday.wordpress.com/2021/11/14/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-46-47-21-wortspende-von-erinnerungswerkstatt/ findet ihr die Schreibeinladung für die letzte reguläre Etüde 2021. So kurz vor dem Jahresende springe ich nochmal auf den Etüdenzug auf.

To fade away

Vielleicht wird sich niemand an mich erinnern. Ich habe nichts hervorgebracht, das es wert wäre, in einem Museum ausgestellt zu werden. Ich kann also einfach verschwinden. Das Englische hat einen viel passenderen Begriff, to fade away. So fühle ich mich. Als würde ich langsam verschwinden, mich in Luft auflösen wie eine Rauchfahne, verpuffen, verblassen. Ein Regenbogen, der strahlt und dann, einen Wimpernschlag später, nicht mehr zu sehen ist. Wann fing es an? Habe ich es denn nicht bemerkt`? Nein, ich gestehe, ich habe die Zeichen nicht erkannt, das Flackern, Jetzt, da ich es nicht mehr ignorieren kann, ist es zu spät. Meine Aufzeichnungen waren biografisch, aber ich habe nichts aufgeschrieben, viel zu mühsam. Ich habe gesprochen, mit mir selbst, ein endloser Monolog, über Monate. Auch das ist verschwunden. Nichts, wirklich nichts, wird von mir bleiben. Ich habe keine Freunde mehr, dabei habe ich doch nichts getan! Ich kann nichts dafür – aber ich hätte besser aufpassen sollen. Vielleicht hätte ich es verhindern können. Joachim Ringelnatz sagt in einem Gedicht Ich habe dir nichts getan – jetzt ist mir traurig zumut Mehr gibt es nicht zu sagen. Auch das Nichtstun kann Folgen haben. Keine Nachricht wird meine Freunde erreichen, ich werde sie auch nicht mehr anrufen können. Jede wahre Katastrophe kommt am Wochenende. Der Ausfall der Heizung, die kaputte Waschmaschine, der Wasserrohrbruch. Nie im Leben würde sich so etwas an einem ganz normalen Mittwoch ereignen, also zumindest nicht in meinem Leben. Die Waschmaschine schleudert nicht mehr, die Wäsche schwimmt in der Trommel, die Tür lässt sich nicht öffnen – so etwas passiert am Sonntag. Die Küche steht unter Wasser? Samstagfrüh. Und genauso ist es jetzt auch. Es ist Sonntag und mein Handy ist tot. Keine Kontakte, keine Nachrichten,  niemand, den ich anrufen kann. Ich bin völlig verloren. Und es gibt kein Backup.

Aus gegebenem Anlass….meine Handy hatte monatelang einen flackernden Rand. Habe ich ignoriert. Und dann war es tot. Mein Impfzertigikat auf der Covpassapp war somit auch weg. Und dann habe ich meinen Impfpass nicht mehr gefunden. Und das Impfzertiikat zum Einscannen auch nicht. Herzlich willkomnen im falschen Film. Das Beste ist, wenn man sowas in einer augenzwinkernden Etüde abarbeiten kann. Das Telefon ist repariert und der Impfpass war ordentlich abgelegt – im falschen Ordner.

ABC-ETÜDENTextwochen 40.41.21

heute sprudelts…nachdem ich mit Christiane heute über das mitzunehmende Gepäck für unsere Weltraumtour philosophiert habe, fiel mir eine Geschichte aus einem Schwedenurlaub mit meiner Freundin aus Düsseldorf wieder ein. Um beim Flug Geld zu sparen, hatten wir sehr wenig Gepäck dabei. Unter anderem mussten wir mit der Urlaubslektüre haushalten. Der Versuch, die Wortspende der Etüdenwoche in den Text einzubauen, hat geklappt, deshalb ist das meine zweite Etüde!

abc.etüden 2021 40+41 | 365tageasatzaday

Urlaubslektüre

Sperriges Gepäck war auf unserer gemeinsamen Schwedenreise nicht zu erwarten. Schwieriger war, eine Schulferienüberschneidung zwischen Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg zu finden, es gab ein Zeitfenster von nur acht Tagen. Es war also klar, dass wir mit dem Flugzeug anreisen würden, denn für eine Woche lohnte sich die lange Fahrt mit dem Auto nicht. Das Ziel war Südschweden, das Land von Pippi Langstrumpf. Unseren Kindern mussten wir nicht erst suggerieren, dass dieses Ziel super war, die Aussicht, einen echten Elch zu sehen reichte. Der Flug war preiswert, aber nur wenn man ausschließlich Handgepäck dabei hatte, für den Rest musste man bezahlen. Also hatten wir zu fünft nur zwei Koffer. Das bedeutete für jede nur ein Buch, wir lesen und dann wird getauscht. Wir entpuppten uns als wahre Geheimkünstler, keine verriet ihren Titel . Irgendwann lagen wir einträchtig nebeneinander im Sand auf Öland mit unserem jeweils mitgebrachten Buch und plötzlich hörte ich Schniefen neben mir. Weinst du?!? Fragte ich irritiert. Gaby schluchzte. Ja! Das ist so traurig grade! Ich hingegen hatte typische Urlaubslektüre dabei, ein sehr witziger Roman, der in Stuttgart spielt.  Aus dem Grund lachte ich immer mal wieder laut heraus. Wie zu erwarten war, wendete sich das Blatt nach dem Büchertausch. Jetzt heulte ich. In meinem Buch gab es eine Figur , die in den Dialogen schwäbisch sprach. Schwäbisch zu lesen ist vielleicht noch schwieriger für Nichtschwaben als es zu verstehen. Gaby fragte irgendwann: „Sag mal, was heißt o-ge-sa?“ „What??? Zeig mal, das muss ich im Zusammenhang sehen.“ Die Tante fragt die Nichte: „kommsch du gessa oder ogessa?“ Eine typische Frage, heißt so viel wie „hast du schon gegessen wenn du kommst?“ Ausdruck des schwäbischen Pragmatismus. Warum soll ich kochen, wenn mein Besuch schon gegessen hat? Seit diesem Urlaub unser Running Gag, wenn wir uns gegenseitig besuchen. I komm gessa!

ABC-ETÜDENTextwochen 40.41.21 | Wortspende von umgeBUCHt

Der Herbst hat uns im Griff, keine Frage, ich muss endgültig einsehen, dass der eh nicht richtig präsente Sommer sich verzogen hat. Da träume ich mich lieber sonstwohin… zum Beispiel mit einer Etüde zur neuen Schreibeinladung von Christiane: https://365tageasatzaday.wordpress.com/2021/10/03/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-40-41-21-wortspende-von-umgebucht/ Wie immer gilt es, die drei Wörter der Wortspende in einem Text mit maximal 300 Wörtern unterzubringen. Diese Woche kommt die Spende von Yvonne von https://umgebucht.wordpress.com/.

abc.etüden 2021 40+41 | 365tageasatzaday

Hier meine Etüde:

Ich bin dann mal weg

Ich habe also ein Date. In Baikonur. Am Weltraumbahnhof, mit Christiane und Myriade. Wir wollen alle weg, aus den unterschiedlichsten Motiven. Die beiden sind echte Geheimniskünstler, sie haben mir nicht verraten, warum. Im Prinzip ist es ja auch egal, aus welchen Gründen man ein gemeinsames Ziel ansteuert, oder? Baikonur liegt in Kasachstan, das macht die Sache kompliziert, aber da das Datum unserer Verabredung noch offen ist, hoffe ich mal, dass es dann einen Direktzug von Stuttgart nach Baikonur gibt, ich hasse es, mit Koffern umzusteigen. Wobei ich befürchte, dass sperriges Gepäck eh nicht erlaubt ist, wenn man sich in den Weltraum aufmacht. Vermutlich muss ich meine zwanzig Fotoalben und das Familiensilber zuhause lassen. Umsteigen wäre also nicht weiter tragisch, so ganz ohne Gepäck. Ob Christiane wohl Rilkes gesammelte Werke mitnimmt? Das wäre sicher ein Trost auf dem langen Flug wohin auch immer. Wir haben ja eine Komfortkabine gebucht in einem der noch nicht gebauten, Co2 neutralen Luxusraumschiffe. Ich versuche mir ständig zu suggerieren, dass ich keine Angst habe, weder vor dem Flug noch vor der Tatsache, dass ich noch nicht recht weiß, wie ich das sicherlich UNGLAUBLICH teure Ticket bezahlen soll. Jetzt sitze ich also hier in diesem völlig verregneten Montag und sage mir, wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Wir schaffen das. Ich sehe uns schon einsteigen, kichernd, ich wahrscheinlich als alte Lady mit blaugefärbtem Haar…und wenn wir dann mit einem Glas Prosecco auf unseren gelungenen Coup anstoßen werde ich rufen: Rockn Roll Ladies! und die Bar mit Guns and Roses „Welcome to the Jungle“ beschallen.

ABC Etüde/KW 38.39.21

Der Herbst ist da, es gibt kein Entkommen vor dem Winter. Noch scheint die Sonne, aber das ist auch bald wieder Geschichte, glaubt man der Wettervorhersage. Wenn die usselige Jahreszeit kommt, dann bleibe ich doch auch eher mal im Haus, der Garten hat Pause. Die Wörter für die aktuelle Schreibeinladung von Christiane https://365tageasatzaday.wordpress.com/2021/09/19/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-38-39-21-wortspende-von-werner-kastens/ kommen von Werner Kastens. Meine Etüde diese Woche ist nicht wirklich eine Etüde im Sinne einer kleinen Geschichte, dennoch haben die Wörter

Prophezeiung

anständig

verkrümeln

abc.etüden 2021 38+39 | 365tageasatzaday

wunderbar zu meinen Gedanken an diesem Morgen gepasst. Danke an den Wortspender und danke an Christiane, die auf ihrem Blog https://365tageasatzaday.wordpress.com die Etüden hostet und mit Liebe und viel Arbeit am Laufen hält!

Was bleibt

Die letzte Prophezeiung zu den Ergebnissen ist bereits wieder Geschichte. Das Land hat gewählt und obwohl ich hoffe, dass die, die uns regieren werden, anständig sind, bin ich mir doch nicht ganz sicher. Manchmal würde gerne laut hinausrufen: „Welt! Anhalten! Ich will austeigen!“ und mich ganz schnell verkrümeln. In den Weltraum, das Universum oder sonst wohin, wo ich meine Ruhe habe.

Meine Ratio ist aber noch ganz gut in Schuss, deshalb ist mir völlig klar, dass ich trotzdem weitermachen werde, irgendwie. Statistisch bleiben mir noch etwa zweiundzwanzig Jahre auf dem Planeten, die kriege ich auch noch rum. Wenn ich richtig gerechnet habe, kann ich dann noch fünf Mal wählen. Ich hoffe jetzt einfach, dass ich auch eine Wahl habe und uns die Demokratie erhalten bleibt.

Übrigens habe ich mal den Begriff „anständig“ gegoogelt. Die Plattform „openthesaurus.de“ bietet folgende Synonyme an, die für „anständig“ stehen:

anständig · aufrecht · aufrichtig · das Herz am rechten Fleck haben (fig., sprichwörtlich) · ehrbar · ehrlich · fair · geradeheraus · grundanständig · grundehrlich · grundgut · kreuzbrav · lauter · patent · rechtschaffen · redlich · treu · treu und brav · unverstellt · veritabel · wahrhaft · honett (geh.) · lauteren Herzens (geh., veraltend)

Ich versuche gerade, im Politikerportfolio der gestrigen Elefantenrunde eine Figur zu finden, auf die das zutreffen könnte. Mir fällt keiner/keine ein. Das Einzige, was mir einfällt, ist eine Verszeile von Heinrich Heine:

Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.

Scheint also alles beim Alten zu sein, schließlich wurde das schon im Jahr 1844 veröffentlicht. Was bleibt ist, im eigenen Umfeld das Beste zu geben, aufrichtig zu sein und mir selber treu zu bleiben.

ABC Etüden 36/37.21

Nach längerer Pause will ich endlich mal wieder eine Etüde abliefern – man sollte sich nicht so vom Alltag vereinnahmen lassen, mehr Disziplin, Baby! Schaun mer mal wie es läuft im Herbst…in dieser Runde bin ich jedenfall dabei. Die Worte für die Etüdenwochen sind

Schlick/putzen/omiinös,

die Wortspende kommt von Ludwig Zeidler, der die Etüden erfunden hat. Seit Jahren schon werden sie von Christiane gehostet

abc.etüden 2021 36+37 | 365tageasatzaday

Wer mitschreiben will, der Link führt euch direkt zur Schreibeinladung. https://365tageasatzaday.wordpress.com/2021/09/05/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-36-37-21-wortspende-von-ludwig-zeidler/

Hier also meine Etüde, 300 Wörter ohne Titel

Seemann und Schlick

Sein Name war Schlick, Bernhard Schlick. Mein Job war es, sein Büro zu putzen, das seiner Sekretärin, Frau Seemann, und das seiner Abteilung. Frau Seemann und Herr Schlick, das entbehrte nicht der Komik. Ich wusste, dass der verheiratete Bernhard Schlick mit der attraktiven Blondine ein Verhältnis hatte. Frau Seemann liegt im Schlick, sozusagen. Ich kicherte in mich hinein und schob meinen Wagen durch den Gang. Wenn ich kam, lag die ganze Mannschaft sicher noch im Bett, wenn ich ging, waren die Büros immer noch leer. Ich war schnell, und trotzdem gründlich. Schnell genug, um den einen oder anderen Blick auf Fotos zu werfen, die auf den Schreibtischen standen, in Schubladen zu blicken oder hinter die Aktenordner in den Schränken.  Es war erstaunlich, was man alles fand. In der letzten Ecke von Marina Seemanns unterster Schreibtischschublade lagerte immer ein größerer Vorrat von Kondomen, unter Post-Its versteckt. Es deutete alles darauf hin, dass die beiden Sex im Büro hatten. Ich stellte mir vor, wie Bernhard seine Frau anrief, sie hieß übrigens Isabell. Das Foto von Isabell und den Kindern stand auf Bernhards Schreibtisch. `Schatz, leider wird es heute später, ich muss da noch dieses Projekt abschließen – ` Vielleicht sollte ich Isabell mal einen Tipp geben? Irgendeine ominöse Nachricht schicken mit einem kryptischen Text, so etwa in der Art von „gehen Sie doch mal zu Ihrem Mann ins Büro wenn er Überstunden macht, Sie werden überrascht sein“.  Der Gedanke ließ mich nicht mehr los, ich musste es einfach tun. Und dann nahm die Katastrophe ihren Lauf. Und ich bin schuld. Seit Stunden sitze ich jetzt hier und versichere den Beamten, dass ich schuld bin. Sie nehmen mich nicht ernst. Es könne gar nicht sein, dass ich Marina Seemann erschossen hätte, völlig ausgeschlossen, sagen sie. Sie verstehen es einfach nicht. Ich bin schuld.

Maria mag Mehlwürmer

Seit sechs Jahren ist meine Schreibwoche bei Jutta Reichelt ein fester Bestandteil des Sommers für mich. DIe kurze Woche in der Freudenburg in Bassum fühlt sich immer länger an, als sie tatsächlich ist. Trotzdem kann ich es kaum fassen, dass es heute Donnerstag ist und ich morgen schon wieder nach Hause fahren muss.

Gestern erzählte Jutta, dass sie sich manchmal, wenn sie nicht einschlafen kann, Alliterationen ausdenkt. Ich fand das interessant und dachte, das probiere ich mal aus. Offenbar war allerdings mein Wortreservoir nach einem schreibend verbrachten Tag ausgeschöpft und die Ideen, die ich hatte, waren wenig inspirierend. Zumal ich dann auch nicht mehr sicher war, was nun eine Alliteration ganz genau ist. Frau Google hat es mir erklärt. Eine Alliteration ist, wenn zwei oder mehr Worte mit demselben Buchstaben beginnen. Wenn allerdings alle Wörter im Satz mit demselben Buchstaben beginnen, dann ist es ein Tautogramm. Ich erinnerte mich daran, dass ich das irgendwann einmal gelernt und wieder vergessen hatte. Das, was ich mir ausdenken wollte, war also ein Tautogramm. Sinn dieser Übung sollte sein, dass sich daraus Inspirationen für neue Geschichten ergeben. Ich dachte nach und das einzige, was mir einfiel, war: Maria mag Mehlwürmer. Warum mag sie Mehlwürmer? Und wer ist diese Maria überhaupt? Eine Schiffbrüchige, die auf einer Insel landet, auf der es nur Mehlwürmer gibt? Eine Amsel namens Maria, die keine Lust mehr auf Regenwürmer hat? Eine Wissenschaftlerin, die Tierversuche mit Mehlwürmern ablehnt? Alles unbrauchbar. Nächster Versuch. Maria mordet mittelmäßig. Warum eigentlich immer Maria? Aber abgesehen davon, kann ich mit Maria mordet mittelmäßig schon mehr anfangen. Eine Auftragskillerin in der Ausbildung, der man bescheinigt, dass sie nur mittelmäßig mordet und die deshalb keine Aufträge bekommt. Kann man sich als Auftragskiller arbeitslos melden? Was macht sie ohne Aufträge? Eine Weiterbildung? Sommerakademie für Auftragskiller? Okay, ich sehe es ein. Auch keine wirklich zielführende Idee. Neuer Versuch. Andrea arbeitet auswärts. Langweilig. Uwe untersucht Unterhosen. Schon besser, aber da geht sicher noch mehr. Ich gebe nicht auf, irgendwann muss doch der große Wurf dabei sein, die zündende Idee. Irmelin irritiert Ingeborg. Ich stelle mir zwei alte Damen vor, die eine Alters-WG gegründet haben und ihr geregeltes Leben mit Gesundheitsschuhen und Kurzhaarfrisur führen. Eines Tages nimmt Irmelin für den jungen Mann, der mit seiner Freundin in der Mansardenwohnung wohnt, ein Päckchen an. Die Paketboten wissen, dass die beiden Damen immer zuhause sind und klingeln immer erst bei Irmelin und Ingeborg, denn die wohnen im Erdgeschoß und dann muss der Bote nicht auch noch eine Treppe hochgehen. Irmelin hat gar nichts dagegen, denn ihre Neugierde ist zu groß. Sie studiert die Absender und macht eine Strichliste zur Dokumentation, wer wann wie oft Pakete bekommen hat und von wem. Wenn du Spaß daran hast, Irmelin, meinetwegen. Ich persönlich finde das ja etwas übergriffig, um ehrlich zu sein. Ingeborg tut etwas pikiert und zieht eine Braue hoch, aber sie lässt es sich dennoch nicht nehmen, ab und zu einen Blick auf Irmelins Liste zu werfen. Alles geht seinen gewohnten Gang bis zu jenem verhängnisvollen Tag, als der junge Mann aus der Mansardenwohnung ,sein Paket abholt und Irmelin eine Dose mit Keksen schenkt.  Als Dankeschön! Selbstgebacken, ehrlich! Fügt er hinzu. Irmelin probiert einen Keks, fischt ihn mit spitzen Fingern aus der Dose und knabbert ein kleines Stück ab. Der schmeckt ja richtig gut, denkt sie und isst den Keks auf. Sie lässt die Dose in ihrem Zimmer verschwinden, teilen will sie nicht.. Eine halbe Stunde später fängt sie an zu singen. Dann beschließt sie kurzerhand, zum Frisör zu gehen, völlig außer der Reihe und ohne Termin und nicht zu ihrem Stammfrisör. Sie weiß selbst nicht, welcher Teufel sie reitet als sie den chaotischen kleinen Laden in Mitte betritt, aber irgendwie fühlt es sich gut an. Heraus kommt sie mit pink gefärbten Haaren und anrasierten Seiten und hat einen neugründeten Oma Irmelin Fanclub. Hast du die Oma gesehen, die sich bei Atze die Haare färben lassen hat? Echt Krass Alter, voll pink ey. Irmelin fühlt sich großartig, endlich dreht sich mal wieder jemand nach ihr um, das ist schon seit dreißig Jahren nicht mehr passiert. Als sie wieder vor dem Haus steht, in dem sie mit Ingeborg wohnt, stellt sie fest, dass sie keinen Schlüssel dabei hat. Sie klingelt Sturm und Ingeborg schimpft durch die Sprechanlage. Ich bins, Ingelein, ruft Irmelin, lass mich re-ein! Der Türöffner summt und Irmelin geht singend an den Briefkästen vorbei, den Flur entlang zu ihrer Wohnung, wo Ingeborg sie an der Tür erwartet. Als sie Irmelin mit pinken Haaren auftauchen sieht, fällt sie fast in Ohnmacht. Zur selben Zeit ruft in der Mansardenwohnung die Freundin des jungen Mannes, ich nenne ihn mal Finn, und wie nenne ich das Mädchen, Moment, ich habs gleich, Olivia, genau. Also Olivia ruft: Finn, wo ist meine Keksdose?

Finn: Welche Keksdose?

Olivia: die mit den Haschkeksen.

Finn: Oh Shit.

ABC Etüden KW 16/17

Ich melde mich zurück aus dem Schreibuniversum – dieses Jahr war ich schon richtig fleißig, aber halt in diversen Projekten und nicht hier auf dem Blog. Heute habe ich die geschenkten Wörter als Inspiration für einen kleinen Text für ein geplantes Projekt genutzt .Vielleicht wird daraus mal eine Szene, mal schauen.

Für alle, die die ABC Etüden nicht kennen: 3 Wörter sind in einer Geschichte mit maximal 300 Worten einzubauen.

Christianes Blog ist die Anlauf-und Sammelstelle für alle Etüden, hier könnt ihr auch die Schreibeinladung für die Kalenderwochen 16 und 17.2021 nachlesen. Die drei gespendeten Worte für diese Schreibwoche sind Pfanne, glücklich, trennen. Gestiftet wurden sie von DOROIARTabc.etüden 2021 16+17 | 365tageasatzaday

Schlimmer geht immer

Elle schlug in dem kleinen Schwarzwaldstädtchen Oberwalden auf wie ein Meteorit, und ähnlich verheerend waren die Spuren, die sie hinterließ. Ihre Jahre als Model und später als Fotografin der Schönen und Reichen hatten sie um die ganze Welt geführt, warum sie in ihre Heimatstadt zurückgekehrt war, verstand niemand. Ihre Affäre mit dem jungen Bürgermeister hatte diesen seine Ehe und die Wiederwahl gekostet, Elle jedoch schüttelte sich nur und lebte ihr Leben weiter. Es war ihr nicht leichtgefallen, sich von Tobias zu trennen, aber so glücklich sie miteinander waren, ein verheirateter Mann, zudem noch fünfzehn Jahre jünger, war langfristig nichts für sie. Sie rührte gedankenverloren in der Pfanne, als sie jemanden an der Wohnungstür hörte. „Mechthild, bist du das?“ Mechthild rief kurzatmig „Ja-ha!“, fegte zur Tür herein und sank auf einen Stuhl. „Ich bin völlig fertig“, schnaubte sie. „Du glaubst nicht, was passiert ist, ein Wunder, dass ich nicht ohnmächtig geworden bin!“ Elle verdrehte die Augen und wartete ab, was ihre, zu Melodramatik neigende, Freundin jetzt wieder zu erzählen hatte. „Schieß los“, sagte Elle und schenkte Mechthild ein Glas Prosecco ein. Mechthild seufzte, nahm einen Schluck Prosecco und sagte dann: „Bevor ich dir sage, was passiert ist, musst du dich hinsetzen.“ Elle lachte. „Echt jetzt? So schlimm kann es nicht sein, es handelt sich ja wohl nicht um Mord!“ Mechthild fing an zu schluchzen. „Doch, Elle, Mord!“ rief sie. „Der Wallner wurde erschossen! Ich hab` ihn grade gefunden!“ „Du hast was?“ „Ich habe grade den toten Wallner im Ferienhaus entdeckt!“ „Du hast doch die Polizei gerufen?“ Elle schwante Böses. Sie kannte ihre naive Freundin. „Aber nein, ich bin gleich zu dir gekommen!“ kam prompt die Antwort, die Elle befürchtet hatte. „Was sollen wir denn jetzt machen, Elle?“ „Wir?“ fragte Elle. „Warum wir?“ „Aber“, Mechthild schluckte, „er liegt doch in deinem Ferienhaus!“

Sortieren, sichten, ablegen

Heute hat es mich mal wieder erwischt – ich habe endlich die unmotoviert und ohne Titel abgelegten Dateien gesichtet. Splitter von Geschichten, Gedanken, Erinnerungen. Irgendwann aufgeschrieben und einfach mal in einem allgemeinen Ordner abgespeichert. Manches Jahre alt und noch nie geöffnet. Bis heute. Es ist spannend, wie sich Dinge anfühlen in der Gefühlswelt meiner aktuellen Wirklichkeit. Wie sehr sie mich einerseits noch berühren, aber andererseits auch nicht, weil die Dinge sich geändert haben. Vielleicht ist das ja auch das Tröstliche am Liegenlassen oder Vergessen der alten Geschichten. Irgendwann kommt eine Zeit, in der der Himmel blau ist, egal wie stürmisch die See war.

19. Dezember 2014

Es gibt globale Katastrophen, an die erinnert sich jeder. Man kann Menschen auf der Straße fragen, wo sie waren, als sie von den Anschlägen auf das World Trade Center gehört haben oder von den Ausmaßen des Tsunami 2004. Mit den privaten Katastrophen verhält es sich ebenso. In meinem Kopf ist das Bild einer Satellitenaufnahme der Erde aus dem Weltraum, ein Zoom, der sich auf einen Punkt richtet, der immer mehr vergrößert wird und ich sehe mich am Ende selbst in meinem eigenen Wohnzimmer sitzen, am Tisch, meinem Mann gegenüber, als er mir verkündet, dass er die Liebe seines Lebens kennengelernt hat. Dieser Tag, der in mein Bewusstsein eine so tiefe Kerbe geschlagen hat, dass ich sicher bin, sie wird sich nie mehr schließen, ist mir so präsent als wäre es gestern gewesen. Es gibt wenige Ereignisse in meinem Leben, die in der Erinnerung einen solchen Schmerz auslösen. Eines davon ist der Tod meines Vaters, ein anderes der Schlaganfall meiner Mutter und dessen Folgen. Ich beobachte diesen Schmerz, registriere seine Auswirkungen mit den Augen eines erstaunten Beobachters. Ich spüre, wie sich eine Klammer um mein Herz legt, so dass es aus Panik wie wild zu schlagen beginnt und ich Atemnot bekomme. Ich höre mein Blut rauschen, wenn ich einschlafen will. Ich taumle durch die Tage und komme nicht zur Ruhe. Der Schmerz hat sich in mir eingenistet und es sich bequem gemacht und er bekommt jedes Mal neue Nahrung, wenn mein Mann kommt, ein paar Tage bleibt, ohne wirklich da zu sein, und dann wieder geht. Meine Freunde verstehen mich nicht.

„Warum schmeißt du ihn nicht raus?“ fragen sie.

„Wo soll er denn hin?“ frage ich zurück.

„Das muss doch jetzt nicht mehr deine Sorge sein,“ antworten sie.

Aber ich habe mich doch siebzehn Jahre um ihn gesorgt, denke ich. Das kann ich doch nicht einfach so abstellen wie ein Radio. Ich kann doch die Gefühle nicht abdrehen, ihn ansehen und plötzlich nichts mehr empfinden. Wie soll ich das anstellen? Wie soll ich verhindern, dass immer wieder Bilder in mir aufsteigen? Von unserer Hochzeit, von der Geburt unseres Sohnes, gemeinsamen Urlauben, gemeinsam durchlebten „guten und schlechten“ Tagen. Also habe ich diese private Katastrophe, den Terroranschlag auf meine Seele, eingeordnet in meiner Biographie. Oktober 2013. Ein Freitag. Es war nicht der dreizehnte, aber es hat sich so angefühlt. Der private Tsunami meines Lebens ist über mich hereingestürzt und seither werde ich immer wieder weggespült, aus der Bahn geworfen. Die Welle kommt und kommt, immer wieder. Kaum habe ich ein bisschen Boden unter den Füßen haut sie mich wieder um. Es ist nicht nur mein Schmerz, den ich fühle, ich fühle auch den Schmerz meines Kindes. Und dessen geballte Wut auf diese neue Situation mit den getrennten Eltern trifft mich mit voller Wucht, jeden Tag. Manche Tage sind stumm, da lauert die Katastrophe nur hinter den Türen, an anderen Tagen da zeigt sie sich, bläst sich auf und zielt mit ihren Waffen auf uns. Die Ohnmacht, die ich spüre, raubt mir manchmal den Atem, ich versuche Luft zu holen, mich zu befreien, aber es gelingt mir nicht. Fünf Tage bis Weihnachten. Die Katastrophe strebt auf einen neuen Höhepunkt zu. Ich spüre, wie sich die Welle aufbaut. Sie wird uns verschlingen.

abc Etüden 03.04.21 Morgenritual

Die Wortspende von blaupause7 gibt die Worte

erschüttern, orange (die Farbe, nicht die Frucht) Lautsprecher

vor. Die Regeln für die Etüde sind, diese 3 Wörter in einer Geschichte mit maximal 300 Worten zu verpacken. Ich wurde von Christianes Etüde inspiriert.https://365tageasatzaday.wordpress.com/2021/01/26/morgenskizze-mit-felltraeger-abc-etueden/

Christiane kümmert sich auf ihrem blog https://365tageasatzaday.wordpress.com/ mit viel Hingabe und Enthusiasmus um die Etüden und jeder ist eingeladen, mitzumachen!

Morgenritual (frei nach Christiane)

Heute fühlt sich mein Tag leider nicht orange an, sondern so wie der Himmel, milchigweiß. Es schneit immer noch. Als ich die Haustür öffne um Stiefel hereinzulassen, beschwert er sich wie erwartet, weil ich nicht früher aufgemacht habe. Stiefel ist verwöhnt, er weiß, dass er jetzt erstmal mit einem Handtuch abgetrocknet wird, Rücken, Bauch und alle vier Pfoten und legt sich freiwillig hin. Während ich ihn trockenreibe motzt er weiter. Ich lege das Handtuch in den Korb und sage „Hopp, geh hoch!“ und er trabt folgsam die Treppe hoch. Ich bilde mir ein, er ist beschwingt, weil er mir erstens die Meinung gesagt hat und ich ihm zweitens den Pelz massiert habe. Ich ergebe mich in die Rolle des Hauspersonals und fülle seinen Napf. Während er mampft koche ich mir meinen Kaffee, schäume Milch auf und gehe dann mit der Kaffeetasse hinunter in den Keller, zur Tür in den Garten. Wenn es trocken ist setze ich mich auf die Stufen der Treppe, die in den Garten führt, und schreibe in  mein Tagebuch. Das mache ich so ob Sommer oder Winter, hat sich einfach so ergeben. Ich höre mir das Morgenpalaver der Spatzengang an und stelle mir vor, es wäre Frühling.  Heute bleibt es bei einer Stippvisite an der Tür, weil es schneit. Stiefel kommentiert alles. Wenn er nach dem Fressen in mein Nähzimmer geht, wo sein Lieblingsschlafplatz ist, dann erzählt er das lautstark, redet den ganzen Weg, durch die Tür, die Treppe hinunter, damit ich es auch wirklich mitbekomme. Ich habe das Gefühl, er ist schwerhörig, er wird immer lauter, als ob er einen eingebauten Lautsprecher hätte, den er bei Bedarf anwerfen kann. So dümpeln wir wie ein altes Ehepaar durch die Tage, treffen uns, erzählen uns was und dann geht wieder jeder seiner Wege.

abc.etüden 2021 03+04 | 365tageasatzaday

Inspiriert durch Christianes Etüde habe ich mal mein Morgenritual aufgeschrieben. Wer sich fragt, woher Kater Stiefel seinen Namen hat, hier die Auslösung:

Die Schwiegermutter meiner ältesten Freundin war bei der Katzenhilfe und 2006 haben sie vier Katzenkinder , die eigentlich umgebracht werden sollten, von einem Bauernhof gerettet. Meine Freundin hatte zwei bei sich zum Aufpäppeln. War ja klar, dass es nicht zu umgehen war, dass wir eines adoptiert haben. Ich war ja häufig bei meiner Freundin und wer kann schon einem Katzenkind widerstehen? Unser Kater Marti, der aus einem Tierheim knapp zwei Jahre zuvor bei uns eingezogen war, war anfangs not amused, aber sie wurden dann doch Freunde, meistens zumindest. Beide waren schwarz-weiß, was ein witziger Zufall war, sie sahen aus wie Brüder. Die Tochter meiner Freundin taufte das Kätzchen „Stiefelette“, weil es vier weiße Stiefel hat, und beim Tierarzt stellte sich dann heraus, dass es ein Kater ist. So wurde aus Stiefelette Stiefel, und das passte irgendwie auch gut. Er ist schon etwas rustikal in seinem ganzen Gehabe, während Marti, der leider vor zwei Jahren in den Katzenhimmel umgezogen ist, sehr feine Manieren hatte. Er war sehr vornehm und leise, wurde dann aber durch den Einfluss des ungezogenen Teenagers Stiefel zusehends lauter und gesprächiger. Die beiden zu beobachten war köstlich. Als ich Marti begraben musste, war es einer der schlimmsten Tage meines Lebens. Er hat einen super schönen Platz in meinem Garten und manchmal habe ich das Gefühl, er ist da und streicht mir schnurrend um die Beine

Marti (oben) mit Stiefel „im Arm“

Gegenseitiges Ablecken vor lauter Liebe…

Sie lagen oft zusammen in einem Korb und „umarmten“ sich, obwohl jeder seinen eigenen Korb hatte.

Zwei Sphinxe bewachen den Eingang

Bedenke wohl, was du dir wünscht, es könnte dir gewährt werden

Im Januar 2019 schrieb ich eine abc-Etüde, die mir heute immer noch sehr gut gefällt.

https://wortwabe.wordpress.com/2019/01/07/maerchenzeit-zeitmaerchen/

Inspiriert von dieser Geschichte hier mein letzter Eintrag 2020. Ich wünsche Euch allen einen friedlichen Jahresausklang und einen ebenso friedlichen Start ins neue Jahr, das von so vielen mit Hoffnung erwartet wird. Wir lesen uns!

Der letzte Tag dieses komischen Jahres. Das hat es sich sicher auch anders vorgestellt, als es am 01. Januar aus der Zeit gefallen ist. Im Februar war das Jahr in seiner Pubertät und wie es so ist bei Pubertieren, wünschte es sich, berühmt zu werden und in die Geschichte einzugehen. So ein Erdenjahr kann ja an keiner Castingshow teilnehmen, also bleibt nur das Wünschen.                                    

Ich will unvergesslich sein, dachte es. Die Menschen sollen sich immer an mich erinnern!                        

2020 dachte an etwas Großartiges, Unvergessliches, das während seiner Zeitspanne passieren sollte.  Etwas, das auch die Jahre, die nach ihm kommen sollten, wie ein Echo begleiten würde.                      

Bedenke wohl, was du dir wünscht, raunte die Zeit ihm zu, es könnte dir gewährt werden….                   

Und so wurde sein Wunsch erfüllt. 2020 war ein Jahr, das in den Köpfen der Menschen kleben blieb. Sie verfluchten es, und je näher sein Ende kam, desto mehr sehnten sie es herbei.                                        

Das wollte ich nicht, schrie 2020 die Zeit an, als es am 31. Dezember den Kreislauf beendete.                   

Warum hast du das getan?                                                                                                                                      

Ich? Fragte die Zeit. Oh, ich habe nichts getan liebes Kind, sagte die Zeit sanft und schloss 2020 in die Arme. Langsam entzündete sich das Feuer, das das alte Jahr Stunde um Stunde im Rauch aufgehen ließ. 2020 weinte.                                                                                                                                                    Es tut mir leid, schluchzte es, ich weiß nicht warum ich so größenwahnsinnig war als ich jung war.           

Du hast nur an dich gedacht, murmelte die Zeit und blies in das Feuer. Die Flammen loderten auf und hüllten 2020 in rötlichen Schein.                                                                                                                         

Schlaf jetzt, sagte sie, bald ist es vorbei.                                                                                                                   

2020 schloss die Augen und die Zeit schenkte ihm einen Traum.                                                          

Du hast deine Aufgabe erfüllt, flüsterte sie mit sanfter Stimme, und du hast es so gut gemacht wie die, die vor dir da waren. Nicht du bestimmst die Qualität der Zeit, es sind die Herzen der Menschen. Und auch du hast etwas Gutes bewirkt, aber das können sie vielleicht noch nicht sehen. Schlaf jetzt ein, bald ist es soweit.                                                                                                                                                          

Und so schlief 2020 in den Armen der Zeit seinem Ende entgegen.                                                                 

Sie werden dich nicht vergessen, dachte die Zeit. Und sie spürte das Herannahen des nächsten Jahres, das ersehnt und zugleich gefürchtet wurde, denn das Echo von 2020 fiel wie ein Schatten auf seine Geburt. Die Zeit tanzte und die Minuten flogen davon.                                                                          

Es gibt nicht gut noch schlecht, sang sie, denn alles ist eins. Wie oben so unten, wie innen, so außen. Sie drehte sich wieder und wieder. Solange ich tanze, geht es weiter, sang die Zeit, ich tanze im Takt der Herzen, ta-tamm, ta-tamm, ta- tamm……