Über gingerpoetry

am liebsten bin ich in meiner wortwabe und schreibe...Kurzgeschichten, Gedichte, Notizen -

Stille Zeit

Du machst es mir so leicht

zu lieben die Zeit

mit dir ich hüte sie

wie einen Schatz

 

Sekunden tropfen

in mein Herz wie Perlen

verweben sich zu Stunden

Tagen  Jahren voller

Zärtlichkeit

 

Und wieder kommt der Winter der Himmel

schwer mit Wolken die

Tage nebelgrau

ich friere nicht

die Zeit

steht

still

Bestanden

Ich habe bestanden.

(Wer wissen will, worum es geht, schaut  hier)

Hinter mir liegen die wohl härtesten sechs Monate meines Lebens. Eine derart anspruchsvolle Ausbildung neben Vollzeitjob  und Familie zu schultern, sich drei Wochen vor der Prüfung beide Arme zu brechen und dennoch in der Prüfungswoche am Start zu sein, war echt kein Zuckerschlecken. Ich habe unfassbar  viel gelernt, über meine Stimme, das Atmen, wie kernige Töne produziert werden, was Ökonomie beim Singen bedeutet und so vieles mehr.  Ich habe geheult. Ich habe geflucht,  über mein Hirn, das manchmal nichts kapiert hat, meine Stimme, die in meinen Ohren so geklungen hat,  dass ich mich gerne verkrochen hätte, über meinen inneren Kritiker, der keinen Erfolg gelten ließ, über meinen Dialekt, der mir das Leben im hohen Norden nicht einfacher gemacht hat (ich spreche zu langsam, ich spreche zu viel und gehe damit allen auf die Nerven). Ich habe gelernt, dass ich nicht everybodys darling sein kann und das Leben trotzdem weitergeht.

Würde ich es wieder machen? Ja, auf jeden Fall! Aber ich würde mich nicht mehr meinen Selbstzweifeln ergeben sondern an mich glauben.

Ich danke allen, die mich in dieser Zeit in ihr Herz geschlossen haben . Ich danke allen für jede konstruktive Kritik, denn sie haben mir dadurch die Möglichkeit gegeben, zu wachsen und mich zu entwickeln.  Ich habe mir auch das, was wehgetan hat und nicht meiner Wahrheit entspricht, zu Herzen genommen und werde daran arbeiten.

Diese Zeit war eine der härtesten meines Lebens, aber auch eine der produktivsten. Ich möchte sie nicht missen und bin dankbar, dass ich die Möglichkeit hatte, das alles zu erleben.

Jetzt werde ich allerdings dem Schreiben endlich wieder mehr Raum geben können und mein nächstes Ziel verfolgen: die Geschchte von Rosa endlich abzuschließen. Gonna rock that!

abc Etüden 23/24.2019

und weil ich so in Stimmung bin, gibt es noch eine Etüde hinterher. Sozusagen ein Bonus.

Die Worte sind Abweichung, verengen, unabwendbar. Verpackt in exakt 300 Wörter.

abc.etüden 2019 23+24 | 365tageasatzaday

Gedankenspiele

Wenn das Schicksal unabwendbar ist, dann verengen sich unsere Möglichkeiten doch wie in einem Trichter auf diese eine, einzig mögliche Möglichkeit. Furchtbare Vorstellung.

Charlotte rührte so intensiv in ihrem Kaffeebecher, dass die braune Flüssigkeit überschwappte und einen Fleck auf dem weißen Tischtuch hinterließ.

Da siehst du es, Robert zeigte auf den Fleck, das war unabwendbar, so wie du den Kaffee malträtiert hast.

Was ist denn das wieder für ein abgehobener Quatsch. Erstens habe ich den Kaffee nicht malträtiert und zweitens wäre es sehr wohl abwendbar gewesen, wenn du die Tasse nicht so randvoll eingeschenkt hättest!

Du meinst also, ich bin schuld an dem Kaffeefleck?

Robert war aufgestanden und hatte in der Küche einen Schwamm  geholt um damit den Fleck aus dem Tischtuch zu reiben.

Nein, ich meine, eine Abweichung von dem unabwendbaren Fleck wäre durchaus möglich gewesen. Oder eine Abweichung von deiner Pedanterie, Robert. Das Tischtuch kann man waschen.

Charlotte nahm ihre Tasse wieder auf und ließ den Kaffee in Zeitlupe auf das nun nicht mehr  so blütenweiße Tischtuch laufen.

Bist du irre? Robert sprang auf und versuchte ihr die Tasse aus der Hand zu reißen.  Was ist nur mit dir los? Du benimmst dich wie –

Ja, wie denn? Charlotte sah ihn böse an und hielt die Kaffeetasse in die Luft wie eine Trophäe.

Sag´s ruhig! Sag es, los! Wie eine Verrückte! Nicht wahr? Das willst du mir doch die ganze Zeit schon sagen, stimmt´s?

Robert war immer noch auf der Jagd nach der Tasse, er bekam Charlottes Arm zu fassen und zog ihn zu sich, sie verlor das Gleichgewicht und fiel –

 

 

Der Arzt, der neben Charlotte auf dem Boden kniete, sah zu Robert auf.

Ich kann nichts mehr für ihre Frau tun, sagte er bedauernd. Sie ist mit dem Hinterkopf auf den Kaminsims geprallt. Der Genickbruch war unabwendbar….

abc Etüden 23.24.19

abc.etüden 2019 23+24 | 365tageasatzaday

eine Etüde für die KW 23.24.2019, die Wörter sind: Abweichung, unabwendbar, verengen, maximal 300 Wörter dürfen benutzt werden um damit eine Geschichte zu spinnen…gehostet wird die Gruppe von Christiane 

Auf ihrer Seite findet ihr die links zu den Geschichten der anderen TeilnehmerInnen und alles Wissenswerte rund um die Etüden!

Trau, schau, wem!

Es war nur eine kleine, aber bedeutsame Abweichung. Edgar fiel es sofort auf. Seit Wochen hatte er das Gefühl, dass jemand in seiner Abwesenheit in seinem Haus war, deshalb hatte er entschieden, Vorkehrungen zu treffen.

Du entwickelst dich zum Verschwörungstheoretiker!                                                              Miri hatte mit dem Kopf geschüttelt als er ihr seine Befürchtungen erläutert hatte.                                                                                                                                          Wer, bitte schön, hatte Miri gefragt, sollte sich für dich – oder mich –, hatte sie schnell hinzugefügt, interessieren? Wir sind doch sowas von unwichtig! Sie lachte und sagte mit tiefer Stimme: Mein Name ist Bond – James Bond! Und schüttete sich fast aus vor Lachen.

Edgar bereute es bereits, sie eingeweiht zu haben. Seine Augen verengten sich und er sagte kalt, ich glaube, es ist besser, du gehst jetzt.

Miri hatte die Augen verdreht, ihre Jacke geschnappt und war verschwunden. Als die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen war, ging Edgar zurück an seinen Schreibtisch. Für ihn war es nicht zu übersehen. Der Abstand vom zweiten zum dritten Bleistift war minimal größer als die anderen Abstände zwischen den Stiften. Es war unabwendbar, er musste es genauso wie geplant durchziehen. Sie wollten sein Geld, aber er würde sie erledigen, wer immer sie auch waren.

Als die Polizeibeamten in das Haus eindrangen, kämpften sie sich durch Stolperdrähte und Selbstschussfallen. Schließlich fanden sie Edgar in einem völlig abgedichteten Raum im Keller.

Sie sind die einzige Verwandte? Der Polizeibeamte sah von Miris Ausweis auf und sie nickte.

Wir wissen nicht, wie lange der Strom nach dem Orkan ausfiel. Ihr Bruder ist erstickt, weil die Tür nicht mehr zu öffnen war und die Belüftung ausfiel.

Miri durchsuchte Edgars Haus genauso systematisch und geduldig, wie sie ihren Bruder in den Wahnsinn getrieben hatte. Als sie das Versteck endlich gefunden hatte, übersah sie einen winzigen Draht….

Sieben Jahre und keine Party!

long time no see….ich bin gerade in einem anderen Kosmos unterwegs und der blog ist völlig verwaist! Dabei – hurray – hatte meine schnucklige wortwabe GEBURTSTAG!!! Sie ist am 4. Juni sieben Jahre alt geworden! Schulkind sozusagen! Sie weiß aber, dass ich sie liebhabe, auch wenn ich grade nicht so oft hier bin. Wo bin ich denn nun? Ich gehe meiner anderen Liebe nach, die ich neben dem Schreiben habe. Seit Mai mache ich eine Ausbildung zum Vocalcoach für Rock/Pop-Gesang. Das ist ziemlich anspruchsvoll, denn es läuft ja neben meinem Hauptjob und ich werde bis Oktober damit beschäftigt sein. Eigentlich war geplant, dass ich im November beginne, aber dann ging es plötzlich alles ganz schnell. Ich habe noch einen Platz in der Gruppe bekommen, die im Mai gestartet ist und bin jetzt schon mittendrin! Immer noch bin ich dabei, mich zu sortieren, vor allem mit meinem Zeitmanagement. Scheint aber besser zu werden, denn ich konnte heute mal wieder eine Etüde schreiben! Die kommt dann gleich auch noch.

Derzeit also frei nach dem Motto: Ich singe also bin ich!

Schneeweiß

2019 02+03 | 365tageasatzaday

Wie gesagt, ich liebe Märchen….Ludwigs Grafik hat mich inspiriert, Ich erkenne eine Feder — und damit fängt meine Geschichte an, das war das erste Bild, das ich im Kopf hatte. Eine weiße Feder, die langsam zu Boden sinkt…..

EIne Geschichte für die abc Etüden, drei Worte in eine Geschichte mit 300 Seiten packen. Dieses Mal sind die Wärter von Ludwig gestiftet worden:Abfallglück, ,Verfallsdatum, unschuldig. Bei Christiane laufen die Fäden zusammen.

Schneeweiß – ein Märchen

Die Feder flog durch die Luft als wäre sie auf der Suche nach dem richtigen Landeplatz, taumelte dann in sanften Schwüngen nach unten und landete auf dem gefrorenen Boden.

Lina hob sie auf und sah zum Himmel, ein paar Raben kreisten krächzend über ihr, aber sonst war nichts zu sehen. Von diesen Vögeln konnte die Feder niemals stammen, denn sie war schneeweiß, ein derart weißes Weiß, dass Lina nur das Wort „unschuldig“ einfiel bei dieser Farbe. Sie legte die zarte Feder auf ihren blassen Handrücken und hatte das Gefühl, sie würde Wärme ausstrahlen.

`Du wirst tüttelig Lina` dachte sie `du bildest dir Sachen ein.  Sowas kommt, wenn das Verfallsdatum näher rückt.`  Trotzdem, irgendetwas war an dieser Feder, was sie dazu bewog, sie sorgfältig in ein Papiertaschentuch zu wickeln und in die Tasche zu stecken.

Das Wochenende war sonnig gewesen, der Marktplatz voller Menschen. Lina kam erst hierher wenn die Erfolgreichen mit ihren Bastkörben aus Nizza oder Mallorca, voll mit Leckereien, wieder zuhause waren und die Marktfrauen ihre Reste entsorgten. Pfandflaschen gab es hier wenige, aber manchmal eine überreife Mango, einen Apfel mit kleiner Macke oder eine halbleere Flasche Sekt.  Lina steuerte auf den ersten Abfalleimer zu, sah hinein und traute ihren Augen kaum. Eine gefüllte Tasche des Feinkostladens, alles originalverpackt. Warum hatte das jemand weggeworfen? Egal. Sie zog die Tasche heraus und stopfte sie in ihren kleinen Handwagen. Das nenne ich Abfallglück, dachte Lina. Zuhause angekommen packte sie aus doch die Tasche schien nicht leer zu werden. Sie dachte an ein Stück Käse und zog ein goldgelbes Käsestück aus der Tasche. Sie stellte sich Weintrauben vor und hielt sie in der Hand. Lina hielt die Luft an. Dann fiel ihr die seltsame Feder wieder ein. Sie wickelte sie vorsichtig aus und traute ihren Augen nicht. Die Feder war golden.

Rosas Reise geht weiter

Es ist an der Zeit, euch mal wieder etwas von Rosa zu erzählen. Es ist einiges entstanden und. hurra, das Ende der Geschichte ist gefunden. Immerhin. Noch nicht geschrieben zwar, aber drei Jahre Hirnschmalz haben dann doch endlich zu einem Ergebnis geführt, mit dem ich leben kann.

Ich habe auch entschieden, dass ich Rosas Kindheit und Jugendzeit noch etwas mehr „Stoff“ geben werde, denn das ist die Zeit ihres Lebens, die mich sehr berührt. Für die, die die ersten Teile nicht kennen, es sind ein paar Seiten hier auf dem blog zu finden unter dem Stichwort „Rosa“. Nicht alles wurde so verwendet oder verwertet wie es mal geschrieben wurde. Der Text befindet sich in einer permanenten Metamorphose. Manchmal muss ich etwas ruhen lassen und warte Monate, bis ich es wieder in die Hand nehme, überrpüfe meine eigene Reaktion darauf, verwende manchmal dann nur noch eine Metapher, die mir besonders gut gefällt, einen Satz, den Teil eines Dialogs.  So ist auch der folgende Auszug sicher noch nicht ganz fertig 🙂

Es war eine überstürzte Hochzeit, die Braut in schwarz, der Bräutigam in Uniform, feldgrau.

„Du ziehst zu uns“, entschied Albert nach der Trauung und nahm Elses Hände.

„Du bist jetzt ein Teil der Familie und bekommst Wilhelms Kind.“

Schweigend standen sie vor der Kirche in der Spätsommersonne auf einem Teppich aus unausgesprochenen Gebeten, Verzweiflung und erahnten Katastrophen. Wie ein unsichtbares Band wob die Angst alle zusammen.

„Danke Vater“ Wilhelm lächelte und Rosa sah ihn an und würde später immer dieses Bild in Erinnerung haben, wenn sie an Wilhelm dachte. Seine dunklen Haare, jetzt kurzgeschoren, seine starken Arme, das hellrote Zahnfleisch, die weißen Zähne, die strahlenden grünen Augen.

Else zog in das große Bauernhaus ein und Wilhelm reiste mit seinen Brüdern an die Front.

Die erste Feldpost kam von einer Stellung an der Marne und war datiert am 31. August 1914.

Liebe Mutter, lieber Vater, wir liegen an der Marne in Stellung und erwarten täglich den Beginn der Schlacht. Es geht mir gut und mit Gottes Hilfe werde ich bald zu euch zurückkehren. Habt meine Else recht lieb, bis ich wieder in der Heimat bin.  Euer Sohn Wilhelm

Wilhelm war in der 4. Armee, die von Herzog Albrecht von Württemberg befehligt wurde. Der Held von Neufchateau führte diese Truppe, die nur aus kurz ausgebildeten und schlecht ausgestatteten Reservisten bestand in die Schlacht von Marne. Sieben grausame Tage folgten und Wilhelm zog dann mit dem Rest der 4. Armee weiter Richtung Flandern, während ein Teil der Truppen beider Seiten zurückblieb, doch niemand rechnete zu diesem Zeitpunkt damit, dass sie in einem jahrelangen Stellungskrieg gefangen sein würden der hunderttausende Soldaten das Leben kosten würde.

Im Dorf gab es keinen Jubel und kein Hurrageschrei, denn der Krieg griff hier nach denen, die man zum Überleben der Familie dringend brauchte, den Vätern und den Söhnen. Immer wenn der Büttel die neuen Gefallenenlisten aufhängte, die schlimme Nachrichten schneller ins Dorf brachten als die Feldpost, gingen Rosa und Else Hand in Hand zum Rathaus und fielen sich in die Arme wenn sie Wilhelms Namen nicht auf der Liste fanden.

Der Herbst war über das Land gezogen und hatte die Hügel rund um das Dorf in rot und gelb und braun getaucht. Am Morgen hing Nebel über den Wiesen und silberne, von Tau benetzte Spinnenfäden zogen sich durch den Garten. Die ersten kalten Tage kamen früh im Oktober, Rosa bereitete sich mit ihren Klassenkameraden auf die Konfirmation vor und träumte schon von der Zeit, wenn sie die Schule verlassen würde und vielleicht auch die Enge des Dorfs. Von Wilhelm war schon lange keine Nachricht mehr gekommen und so studierte Rosa die Zeitung, die der Vater jeden Tag bekam und suchte die Orte mit den fremden Namen auf der Landkarte in der Schule.

Marne, Ypern, Langemarck. Irgendwo dort war Wilhelm. Nachts sah sie mit Else in den Himmel und sie fragten sich, ob Wilhelm dieselben Sterne sah, dort wo er war. Dann kam der November und brachte den ersten Schnee. Mina war jetzt schon fast achtzig Jahre alt aber es gab keine andere Hebamme im Dorf. Und so würde sie auch dem Kind von Wilhelm auf die Welt helfen, den sie vor mehr als fünfundzwanzig Jahren Barbara nach der Geburt in die Arme gelegt hatte. Laut Minas Prognose würde das Kind nicht vor Ende März zur Welt kommen. Rosa schrieb ihrem Bruder: „Geliebter Wilhelm, unserer Else geht es gut und dem Kinde auch. Die Mina sagt es kommt wohl erst im März. Das ist gut weil dann der Schnee getaut ist und die Kälte nicht mehr so groß. Mutter und Else haben sich aneinander gewöhnt, und Else hilft der Mutter wo sie kann. Kannst du nicht zu Weihnachten nach Hause kommen? Das Weihnachtsfest ohne dich ist kein richtiges Fest und die Else musst du auch einmal mit ihrem dicken Bauch sehen. Sie wird immer runder! Ich hoffe sehr dass wir dich bald wiedersehen, deine dich liebende Schwester Rosa“ Sie brachte ihren Brief Else, die dein eigenen und den Brief von Rosa in ein Kuvert steckte und mit der Post aufgab. Beide hofften und beteten sie, dass Wilhelm an Weihnachten Heimaturlaub bekommen würde.

Die erste Flandernschlacht dauerte vom  zwanzigsten Oktober bis zum neunzehnten November 1914.  Die neuen Listen kamen fast täglich und immer war Rosa an Elses Seite vor dem Kasten am Rathaus. Sie standen den Frauen bei, die Ehemann, Sohn oder Bruder verloren hatten und schämten sich fast, dass sie verschont geblieben waren. Schon über zwanzig Männer aus dem Dorf waren gefallen, es gab kaum eine Familie, die keinen Toten zu beklagen hatte Jedes Mal dasselbe Bild, Rosa, die mit hastigem Blick die Namen überfliegt, ihr Finger, der suchend die Liste entlangwandert, bis er an diesem Tag im November auf Wilhelms Namen stehenblieb. Sie erstarrte und konnte  ihren Finger nicht lösen von dieser Ansammlung falscher Buchstaben. Else neben ihr, die aufschrie, zusammenbrach. Hände, die sie wegzerrten von dem Kasten und ihr rechter Zeigefinger, der ausgestreckt blieb, wie ein Mahnmal. Wilhelm, ihr schöner Bruder, zerschossen in irgendeinem Schützengraben.

Märchenzeit – Zeitmärchen

abc Etüden, Klappe, die zweite. Hatte einen kontemplativen Tag heute, mit einer Walkingrunde an der frischen Luft und anderthalb Stunden Yoga. Die Rädchen in meinem Kopf haben eine zweite Etüde ausgespuckt, inspiriert von dem Bild des jungen Jahres.2019 02+03 | 365tageasatzaday

Ein Märchen. Ich liebe Märchen!

 

Punkt Mitternacht drückte die Zeit dem jungen Jahr einen Kuss auf die unschuldig glatte Stirn und sagte:

`Du sollst 2019 heißen! `

Das junge Jahr krabbelte in seinen ersten Tag und sie schubste es sanft an bis es aufstand. Die Minuten tropften aus der Zeit und sammelten sich zu Stunden, bald würde der erste Tag schon wieder Geschichte sein. Die Zeit blies in den Haufen Asche, der vom alten Jahr übrig geblieben war, die Asche wirbelte auf, wurde weiß und klar und legte sich als Rauhreif über Gärten und Dächer.  

`Abfallglück`, flüsterte sie. ` Nichts geht verloren, in der Erinnerung ist alles noch da.`

Sie sah 2019 an, es sah so hoffnungsvoll und rein aus an seinem ersten Tag, wie jedes der Jahre, dem sie seit Äonen auf die Welt geholfen hatte.

 `Es gibt dich nur einmal, 2019, und dennoch wirst du milliardenfach existieren und die Schicksale werden dich gestalten. Am Ende, wenn dein Verfallsdatum erreicht ist, wirst du für die einen ein Jahr voller Glück gewesen sein und für die anderen eines voller Schmerzen oder Leid. Für  mich bist du immer gleich, wie die Jahre, die vor dir da waren und die, die nach dir kommen. Ich bin eine Illusion, genau wie du. Ich bin lang in Stunden des Wartens und Bangens und kurz in Stunden des Glücks, die verfliegen wie ein Windhauch. Es sind nicht die tickenden Metallklumpen der Menschen, die mich machen, sondern ihre Herzen. Sie geben den Takt des Lebens vor, und ich wiege mich in diesem Takt, jahraus jahrein, ta-tamm, ta-tamm,`

Sie drehte sich um sich selbst und die Minuten wirbelten heraus,

` ta-tamm, ta-tamm, ta-tamm…tata-tamm….`

Auf ein Neues!

Da ist es, das neue Jahr. Ich habe es mit offenen Armen empfangen und nach langer Blog-Abstinenz werde ich 2019 wieder aktiver sein können. Alles hat sich am Ende zum Guten gefügt. Vorsätze habe ich keine, außer dem einen: jeden Tag zu geniessen, mit einem Lächeln zu beginnen und mit Dankbarkeit schlafen zu gehen.

Mein Dank gilt gleich vorweg Christiane die sichauf ihrem blog um die abc Etuden kümmert und sie am Laufen hält. 2019 soll also auch für  mich wieder ein Etüdenjahr werden.

Die Worte für die erste Etüde

Abfallglück
Verfallsdatum
unschuldig.

kommen von Ludwig Zeidler, dem abc etuden Erfinder. Etüdenregel: die drei Worte in 300 Wörtern zu einer Geschichte verarbeiten.

Hier meine Etüde:  „Alles wird besser“

Das Jahr hat grade erst begonnen. Unschuldig wie ein Kind ist es, mit seinen sechs Tagen, ich stelle mir vor, es hat blonden Flaum auf dem Kopf und tapst durch die Zeit, weil es noch laufen lernen muss. Das alte Jahr ist gestorben, verbittert und misslaunig wie ein unzufriedenes zahnloses altes Weib, ich weiß, mein altes Jahr war froh, es hinter sich zu haben. Ganz ehrlich, ich bin absolut sicher, hätte man ihm noch einen 366. Tag geschenkt, es wäre schreiend davon gelaufen.  Ich kann ja auch nichts dafür, es gab immer wieder Jahre für mich, mit denen es mir ging wie mit Klassenkameraden, die man auf einer Jahrgangsfeier trifft und feststellt, dass man zehn Jahre neben ihnen im Klassenzimmer saß ohne sie wahrzunehmen. So ein Jahr war mein letztes. Es war aus der Zeit gefallen und ich kann verstehen, dass es am Ende genug hatte.  Wenn das Verfallsdatum so klar ist wie bei einem Jahr mit dreihundertfünfundsechzig Tagen, dann wird es auf die letzten Tage, zumal wenn die Feiertage sich derart knäueln wie in meinem typisch deutschen Jahr, ganz schön mühsam. Ich hab dieses 2018 von Anfang an nicht recht gemocht, und es hat mich auch nicht geschont. Im ersten Halbjahr waren vier Monate geprägt von ständigen Terminen in der Augenklinik in Tübingen und diese Zeit fehlte mir, als ob sie gar nicht existiert hätte. Danach rannte ich der Zeit hinterher, und habe sie doch nie eingeholt. In der Rückschau habe ich das Gefühl, ich war immer irgendwie außer Atem. Meine Erinnerung ist wie eine Wüste mit ein paar Oasen, zwischen denen es keine Verbindung gibt. Ich habe ohne Reue die Reste zusammengefegt zum Jahreswechsel und mit leichter Hand entsorgt – ist das Abfallglück? Egal. Klar ist, ich habe dieses 2019 jetzt schon ins Herz geschlossen.

 

Lebkuchen allover

Die Lebkuchenfront ist wieder da – ein deutlícheres Zeichen dafür, dass das Jahresende um die Ecke biegt, kann es nicht geben. Der Sommer hat sich ja dieses Jahr ins Unendliche ausgedehnt und ich konnte mich der Illussion hingeben, dass es noch lange hin ist bis zum Herbst und Winter….

Ich renne 2018 nur im Hamsterrad, kaum Zeit zum Luftholen. Gefühlt war die einzige Atempause meine Woche in Bassum, die sich angefühlt hat wie 10 Tage, weil die Zeit ohne die allgegenwärtigen Zeitbeschleuniger Internet und Telefon einfach langsamer vergeht. In dieser Woche kann ich mich auf mich selbst zurückfallen lassen – das tut so gut. Kein tickender Metallklumpen, der deinen Tag zerhackt, die Termine sind überschaubar und die Zeit dazwischen ist ein weites Feld, das ich mit meinen Gedaniken füllen kann. In drei Monaten werde ich mich bereits wieder anmelden für die nächste Sommerakademie. Seit drei Jahren ist das der Fixstern im Sommer!

Die Augenkrankheit, die mich im Frühjahr fast drei Monate lang außer Gefecht gesetzt hat, hat mir soviel Zeit gestohlen. Die vielen Stunden im Krankenhaus, die ich mit Warten verbracht habe, sind irgendwie verpufft. Da ich wegen der Augen nicht lesen konnte, waren sie auch nicht sinnvoll zu nutzen. Per Kopfhörer etwas anhören ging ja auch nicht, dann hätte ich ja nicht gehört, wenn ich aufgerufen werde. Denke ich an diese Wochen zurück ist es, als ob sie fehlen würden. Ein weißer Fleck in meiner Erinnerung.

Kaum war das vorbei hieß es, die Vorbereitungen für den dreimonatigen Kanadaaufenhalt meines Sohnes zu treffen, es ging Schlag auf Schlag bei ihm. Sein Praktikum bei Radio big fm endete am 3. Juli und am 10. Juli saß er bereits im Flieger nach Montreal. Während er in Kanada war trudelten hier die Zusagen für´s Studium ein, wie erhofft war auch die Zusage für seinen Favoriten-Studiengang iin Düsseldorf dabei. Während er in Kanada reiste und arbeitete, organiserte ich hier ein Zimmer in Düsseldorf, bereitete den Umzug vor und holte ihn dann am 10. Oktober in Frankfurt ab. Am 13. Oktober ging es schon morgens kurz  nach 5 Uhr mit dem großen Wagen nach Düsseldorf. Mittlerweile hat er angefangen mit dem Studium und  mit seinem selbständigen Leben. Auch eine Umstellung für mich – Mama allein zuhaus!

Die letzen Wochen des Sommers waren traurig, denn einer unserer beiden Kater wurde sehr krank. Er war schon immer ein Freigänger, kam aus dem Tierheim und war ursprünglich aus Italien. Es kam häufig vor, dass er mal 2 oder 3 Tage unterwegs war. Aber dann fehlte er eine ganze Woche und ich hatte ihn schon aufgegeben. Nach einer Woche war er wieder da, völlig entkräftet, abgemagert und schwach. Wir hatten schon länger den Eindruck, dass er „dement“ ist, mein Sohn sagt, das gibt es bei Katzen auch. Vielleicht hat er einfach nicht mehr nach Hause gefunden? Danach habe ich ihn nicht mehr rausgelassen, was ein Drama war, denn er wollte ja immer raus. Ich bin dann mit ihm zusammen in den Garten, damit er an die frische Luft kommt,  und habe ihn nicht aus den Augen gelassen.

Am Ende war er aber doch schon so krank, dass die Tierärztin Nierenversagen und Leberversagen konstatiert hat und vermutlich hatte er auch einen Schlaganfall. ich hatte gehofft, dass er durchhält bis mein Sohn wieder da ist, aber er hat es nicht geschafft. Das Schlimmste war, diesen kleinen weichen Körper zu begraben, mir ist fast das Herz gebrochen, denn er war ja 13 Jahre bei uns.

Das ist jetzt auch schon wieder fast vier Wochen her.

Ich vermute, ich wache am Neujahrsmorgen 2019 auf und weiß nicht, welches Jahr wir haben….immerhin weiß ich, siehe oben, dank der allgegenwärtigen Lebkuchen dass wir uns auf die Weihnachtszeit zubewegen. Wenn die Zeit weiter so dahin rast, dann wird der Übergang zum Osterhasen fließend sein für mich.

 

Gerade gelesen

Ich hab´s ja nicht so mit Buchempfehlungen. Etwas gut zu finden, ist doch immer etwas Subjektives, wenn man kein Literaturkritiker ist. Wobei ich gestehen muss, dass ich mich bei deren Empfehlungen beim Lesen des entsprechenden Buchs häufig frage, warum sie genau dieses Buch so toll fanden. Allerdings habe ich aufgehört, mich zu fragen, ob ich zu blöd bin, es zu verstehen. In Amerika gibt es ja nicht diesen deutsch-ernsthaften Unterschied zwischen „E“ und „U“, ein Buch darf den Leser nicht langweilen, „show don´t tell“ ist die Devise.

Wie dem auch sei, ich möchte all denen unter Euch, die Eltern haben, deren Jugend auf dem Altar des 2. Weltkriegs geopfert wurde, dieses Buch ans Herz legen. Und auch denen, die Großeltern haben, deren Jugend so weit weg ist, dass sie gar nicht zu existieren scheint, weil man diese Großeltern nur als alte Menschen kennengelernt hat.

„Die Freibadclique“ von Oliver Storz.

Für mich als Schwäbin aus dem Raum Stuttgart auch deshalb so spannend, weil es hier in der Region angesiedelt ist. Es ist die Geschichte einer Jungsclique Jahrgang 1929, beginnt im Jahr 1944 und Oliver Storz schildert darin weitgehend seine eigenen Erlebnisse. Ein Buch, das es leicht macht, einzutauchen. Ein Buch, das Bilder im Kopf entstehen lässt. Ein  Buch, bei dem ich geweint habe um die verlorenen Jahre der Sorglosigkeit meiner Eltern. Ich bin schon lange der Meinung, dass wir alle die Geschichten unserer Ahnen in unserem Blut haben, all die nie erzählten Schrecken. Es schwingt immer mit, unausgesprochene Geheimnisse schweben wie Spinnenfäden durch den Raum, wenn die Familie zusammenkommt und bleiben an dir kleben. Hier hat einer seine Geschichte erzählt, der erzählen kann. Und die Geschichten müssen erzählt werden, damit sie nicht vergessen werden, wenn eine Generation ausstirbt.

Aus dem Klappentext:

„Irgendwie waren wir missraten. Wir schwänzten Schule und HJ-Dienst, nachts lauschten wir unter Wolldecken verborgen den Feindsendern, wo Benny Goodman, Duke Ellington und Glenn Miller spielten, kurz wir taugten nichts, jedenfalls nicht zu Helden…“

Sommer 1944, irgendwo im Schwäbischen. Knuffke, Bubu, Zungen-Kuss, Rosenacher („Hosenmacher“) und der Erzähler sind fünfzehn, und ihnen steht der Sinn nach allem mehr als nach Nationalismus. Sie wollen wissen, wie das mit den Mädels ist, wie man die Penne hinter sich bringt und um die SS-Wehrmacht herumkommt. Aber sie ahnen, dass es, trotz ihrer gut trainierten Lässigkeit, ums Überleben geht. Als sie dann, im April 45, doch noch zum Volkssturm müssen, sind sie bald nur noch zu dritt. Rosenacher geht verschütt. Zungen-Kuss hatte es zuvor auf einem Maisfeld am Westwall erwischt. Als die drei übrigen unter Lebensgefahr türmen, haben sie keine Ahnung, was ihnen zu Hause blüht, vielleicht ist die US-Army ja auch schon da.                                                          Oliver Storz schildert in seinem Roman das Drama des Jahrgangs 1929, dem er selbst angehörte, ungemein lebendig, poetisch – und weitgehend aus eigener Erfahrung.“

 

Falls es jemand liest und mir einen Kommentar hinterlassen möchte, freue ich mich sehr!

Update

Meine Sommerwoche in Bassum rückt näher, endlich die langersehnte Auszeit zum Schreiben vor Augen, kann ich wieder mal eintauchen in meine Geschichten. Zuviel andere, nicht immer schöne Dinge haben in den letzten Monaten meine Tage bestimmt. Meine Mutter hat sich auf einen langsamen Weg des Abschieds begeben, sie scheint verschwinden zu wollen, lautlos. Manchmal spricht sie halbe Sätze ohne Sinn, selten erkennt sie uns, meistens ist sie in ihrer eigenen Welt. Ich habe meine eigene Art, mit solchen Herausforderungen umzugehen, am besten klappt es, wenn ich mich zurückziehe und mein Schneckenhaus neu einrichte.

Heute habe ich den Tag genutzt für längst überfällige Recherchen, die mich wieder neu inspiriert und motiviert haben. Die Geschichte von Rosa und Harold liegt ja immer noch in Fragmenten da und will sortiert und beendet werden. Einige Übungen zu diesem Text sind ja auch hier auf dem blog (Schlagwort „Rosas Reise“), heute habe ich mir Gedanken zu Harold gemacht, nachdem ich einen vergessenen Text in einer meiner vielen Kladden entdeckt habe. Hier die Geschichte von Harold, den ich immer noch nicht identifiziert habe. Mittlerweile bleibt aber nur eine Möglichkeit übrig, es muss wohl jener Harold Syms gewesen sein, Rezeptionist und Room Steward auf der „Olympic“. Bei ihm passt das Alter, die Größe und Haarfarbe. Wie er sich mit Rosa verständigt hat, weiß ich nicht, aber dazu gibt es ja die Fiktion und Fantasie. „Mein“ Harold sprach zumindest ein bißchen Deutsch.

Harold Syms

Harold

 

Harold Pinter wurde als Kind deutscher Einwanderer geboren. Das Schiff, das seine Eltern als jungvermähltes Ehepaar in New York an Land spuckte, war einer der neuen schnellen Dampfer, die keine zwei Wochen mehr brauchten um den Atlantik zu überqueren.

Margarete Pfänder, geborene Huber, war eine schweigsame schüchterne Frau. Ihre großen blauen Augen hatten immer den erschreckten Ausdruck eines Kindes, das die Mutter aus dem Blickfeld verloren hat. Sie betrat diesen unbekannten Kontinent zögerlich, fest an den Arm von Nikolaus geklammert. Nikolaus Pfänder überragte seine Frau  um Haupteslänge, er hatte einen aufrechten Gang und die Arbeit als Zimmermann hatte seine Muskeln gestählt. Wenn Margarete ihren Mann ansah, hatte sie das Gefühl, er könne die Welt besiegen auch wenn ihm eine Hand auf den Rücken gebunden wäre. Nach der Landung in New York verschlug es die jungen Einwanderer nach Boston, wo sie beide Arbeit fanden. Trotz ihrer schüchternen Art war Margarete der Kopf dieser Ehe, während Nikolaus mit seiner unbändigen Kraft und eisernem Willen die Schwierigkeiten aus dem Weg räumte. Margarete arbeitete als Küchenhilfe bei Jakob Wirth, der ein deutsches Wirtshaus in der Eliotstraße betrieb, wo deutsche Weine und Spezialitäten aus der süddeutschen Heimat angeboten wurden. Jakob Wirth, genannt Jake, war es, der Margarete vorlebte, wie weit man es bringen konnte, wenn man die Sprache des neuen Heimatlandes beherrschte.  Nikolaus und Margarete wollten es schaffen und so sprachen sie auch untereinander nur noch Englisch. Als das erste Kind geboren wurde, änderte Nikolaus den deutschen Nachnamen „Pfänder“  in ein englisches „Pinter“ und das Kind bekam den englischen Vornamen Harold.

Harold war lebhaft und die stille Margarete schien durch dieses Kind wie verwandelt. Sie lachte viel und redete auf das Baby ein, das sie mit ebenso großen blauen Augen wie ihre eigenen ansah. Jetzt verfiel sie auch immer wieder in ihre Muttersprache und so kam es, dass Harold mit dem Klang zweier Sprachen aufwuchs. So sehr Margarete nach ihrer Ankunft in Boston die Assimilation vorangetrieben hatte, so sehr war ihr jetzt daran gelegen, ihrem Kind die eigenen Wurzeln zu vermitteln. Sie war immer noch schüchtern und darauf bedacht, nicht aufzufallen. Ihr Englisch war nahezu akzentfrei, sie war ein natürlicher Teil ihrer neuen Heimat geworden und allmählich fühlte sie sich auch sicher. Harolds offene Art, die Mühelosigkeit, mit der er auf andere Menschen zuging, faszinierten Margarete und sie suchte in seinem Gesicht, in seinen Gesten nach Ähnlichkeiten mit Familienmitgliedern. Harold kannte die abgegriffenen Fotos von fernen Großeltern, Onkeln und Tanten, er konnte jedes Gesicht beim Namen nennen. Seine Spielkameraden hatten leibhaftige Großeltern, die man besuchen konnte und die einem auch mal einen Penny in die Hand drückten. Harolds Familie war neben seinen Eltern eine Familie aus Papier, in schwarz, weiß und grau.

Als Harold viele Jahre später auf der „Olympic“ anheuerte und sich auf die erste Reise nach Europa begab, war die ferne Familie in seiner Vorstellung immer noch schwarz-weiß aber er hatte seinen Eltern versprochen, sobald als möglich die alte Heimat zu besuchen. Eisern sparte er jeden möglichen Dollar seiner  Heuer bis er endlich das Geld für die Reise zum Dorf seiner Eltern zusammen hatte.

Seine Mutter hatte den Geschwistern den Besuch des Sohnes angekündigt. Die Papierfamilie in Deutschland hatte zugesagt, Harold am Bahnhof in Ulm abzuholen. Seit der Abreise von Harolds Eltern waren dreißig Jahre vergangen, die schwarz-weißen Großeltern waren verstorben und aus den ernst dreinblickenden jungen Leuten waren gesetzte Mittfünfziger geworden, die Harold wie ein seltsames unbekanntes Tier bestaunten. Er sprach nur bruchstückhaftes Deutsch als er bei der Verwandtschaft ankam, aber nach ein paar Tagen klappte die Verständigung. Harold besuchte die Gräber der Großeltern und legte im Namen seiner Eltern kleine Kränze nieder, stand mit gefalteten Händen und gesenktem Blick vor den Gräbern und wunderte sich über die bunten Farben der Blumen.

Die Familie reichte Harold herum wie einen Wanderpokal, er besuchte die Geschwister der Mutter und den Bruder des Vaters, lernte die zahlreichen Vettern und Basen kennen und bezahlte am Ende das große Familienfoto, zu dem alle zusammengerufen worden waren. Das sollte eine Überraschung für seine Eltern werden und jetzt war er es, der den schwarz-weißen Figuren auf dem Foto einen Namen geben und die Verwandtschaftsverhältnisse erklären konnte.

Harold blieb zwei Wochen bei der Familie, reiste dann über Paris nach Cherbourg und heuerte wieder auf der „Olympic“ an. Er  beschloss, zukünftig jede Gelegenheit zu nutzen um sein Deutsch weiter zu verbessern. Auf jeder Überfahrt gab es  deutsche Auswanderer oder Heimkehrer, mit denen er als Rezeptionist in Kontakt kam.

 

Was kommt noch?

https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.brand-in-seniorenheim-in-frickenhausen-mit-einem-blauen-auge-davongekommen.33c84e42-d6e2-4445-9583-5230cc387e23.html

 

 

Ungeschick höre auf –

und willst du nicht aufhören so mache wenigstens eine Pause!

(arabisches Sprichwort)

 

Gesten abend der Anruf meiner Schwester: „Im Seniorenheim brennt es!“

Ich bin sofort hingerannt, mit dem Auto fahren machte keinen Sinn, der halbe Ort war abgesperrt….ich war plötzlich mitten in einer Szene wie aus einem Tatort. Sanitäter, Polizisten, Feuerwehrmänner. Die Hilfsbereitschaft der Nachbarn war überwältigend Sie haben ihr Haus geöffnet für die alten Leute, von denen viele wie meine Mum dement sind. Ihr Wohnzimmer wurde Untersuchungszimmer und Aufenthaltsraum,

Sie haben in ihrer Garage Tische aufgestellt für Heimbewohner und Helfer, Kaffee gekocht, Decken und Kleidung verteilt, denn viele Bewohner waren, wie meine Mama, nur mit Schlafkleidung und ohne Schuhe aus dem Haus getragen worden. Unser Pfarrer hat das naheliegende Gemeindehaus als Notunterkunft hergerichtet, sicher waren auch hier viele helfende Hände, aber das habe ich nicht mitbekommen, weil ich dann  ja auf dem Weg ins Krankenhaus war.

Meine Mutter lag im Bett als der Brand im Zimmer eines Bewohners ausbrach, ihr Zimmer liegt direkt daneben. Sie war eine der fünf Personen, die mit Verdacht auf Rauchvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert wurden. Da sie nicht versteht, was da passiert und wo sie ist, habe ich die Nacht mit ihr in der Notaufnahme verbracht. Darin habe ich ja schon Übung….

Die beiden Wohngemeinschaften aus dem 1. Obergeschoß werden erst in etwa sechs Wochen in ihre Wohnungen zurückkehren können, denn die ganze Etage ist unbewohnbar. Im Zimmer meiner Mutter ist alles kaputt, vom Rauch , vom Ruß und vom Löschwasser.

Am Ende gab es glücklicherweise nur Sachschaden und niemand wurde verletzt. Aber der Schreck sitzt mir noch in den Knochen.Und ich bin voller Dankbarkeit für die vielen Helfer vom DRK, der Feuerwehr und der Polizei und die Anwohner, die spontan geholfen haben.

Für dieses Jahr habe ich genug von Katastrophen. Also bitte: Ungeschick, höre auf!

Augustmond

Mondin blaßgoldene

zieht ihre Bahn kommt

geht

verschwindet  ungerührt

egal ob

Grillen zirpen oder

Schüsse fallen

egal

ob ich liebe

oder nicht

 

 

August 2016

Fundstück – in einer meiner zahlreichen Kladden, denen ich letztes Jahr einen Post gewidmet habe, entdeckt. Womit sich wieder einmal die Nützlichkeit der bunten Hefte beweist.. Ich muss immer eines zur Hand haben, so wie die Flasche Wasser, griffbereit, und einen Stift, am besten einen, der schön schreibt. Einen Bleistift, nicht zu hart, oder einen Tintenroller, ein Kuli, der gut in der Hand liegt und vorzugsweise eine schwarze Mine hat, tut´s auch. Schon zwei Mal war ich in den letzten Monaten bei einem Workshop im  im Hotel „Le Meridian“, und am Ende der Tagung sammelte ich die Kulis im Konferenzraum ein. Sie sind keuchtend türkis, wie Meerwasser, und haben eine weiche schwarze Mine. Ich liebe diese Stifte und meine fast ausnahmslos männlichen Kollegen haben mir ihren gerne überlassen. So kommt zu den vorzugsweise bunten Kladden jetzt der türkise Stift dazu. Früher war ich pflichtgemäß puristisch, das gehörte sich einfach, ein schwarzes Moleskine und ein schwarzer Faber-Castell, mehr nicht. Mittlerweile stehe ich zu meiner Vorliebe für Pink und Türkis, das Leben ist manchmal sehr unbunt, da tut etwas Farbe im Alltag meiner Seele gut.

Putz-und Fegtag

Heute ist mein großer Putz-und Fegtag. Ich räume mein Büro auf, oder besser, ich miste aus. Dringend nötig. In den Untiefen des riesigen Einbauschranks in meinem Büro (es ist der ehemalige Kleiderschrank meiner Eltern, ihr früheres Schlafzimmer ist jetzt mein Büro) habe ich das verschollen geglaubte Sammelbuch der Kindheitserinnerungen meines Sohnes gefunden. Wie es so geht bei dieser Tätigkeit, man kommt nicht wirklich voran, weil man ja alles in die Hand nehmen, alte Fotos anschauen und altes Zeug lesen muss.

In diesem grandiosen Buch sind unter anderem Bonmots von Benedict gesammelt. Hier ein paar Kostproben:

Juli 2002, Benedict auf die Frage was ich ihm vor dem Einschlafen vorlesen soll:

„Eine Nachtgutgeschichte mit ohne Buch!“

10. August 2002 (Benedict ist 3 Jahre alt und wir arbeiten daran, die Windel loszuwerden)

„Jetzt habe ich eine große Kartoffel in meine Windel reinkartoffelt!“

27. Juli 2007 (Benedict ist sechs Jahre alt und komponiert neuerdings eigene Songs mit deutschen Texten)

Benedict´s aktueller Lieblingssongtext:

„Ein Leben ohne Liebe ist unbeschreiblich

noch schlimmer wie ein Leben ohne Polizei!“

 

19. Mai 2008 (Benedict ist knapp 9 Jahre alt)

Benedict ärgert sich, er hat drei Pickel am Kinn.

„Na hoffentlich bekommst du nicht die Masern“, sagt Carmen.

„Nein, ich bin doch geimpft! Und auch gegen Rumpf!“

„Wogegen?!?“

„Gegen Mumpf – oder wie heißt das?“

(Für alle, die eine Erklärung brauchen: er meinte MUMPS)

Einige Wochen später…vorausschicken muss ich , dass ich bei unserem Umbau 2004  im Dachgeschoß eine Toilette mit Urinal einbauen ließ – zwei Männer im Haus, da lohnt sich das 🙂

Bei Benedict Geburtstagsparty gab es einen unbekannten „Stehpinkler“, der zu Carmen´s Ärger die Klobrille nicht wieder runtergeklappt hat und sein Pipi zum Teil auf den Boden gemacht hat. Benedict versucht, den Übeltäter am nächsten Tag zu ermitteln.

„…und dann hab ich ihnen (Anm. seinen Freunden) gesagt, sie hätten das Overal benutzen sollen!“

 

Ich hoffe, ich konnte Euch jetzt ein Lachen ins Gesicht zaubern…oder zumindest ein Lächeln!