Über gingerpoetry

am liebsten bin ich in meiner wortwabe und schreibe...Kurzgeschichten, Gedichte, Notizen -

Wir könnten das Pferd mit Stroh abreiben. Aber wir haben kein Stroh.

Meine Wortwabe ist grade 8 Jahre alt geworden, am 04. Juni 2012 hat sie das Licht der virtuellen Welt erblickt. ich lasse die Korken knallen, inden ich nach Wochen mit wenig Muse eine kleine „Geschichte aus der wortwabe“ einstelle. Eine sehr persönliche Geschichte, die mit der Überschirft zu tun hat.

Wir könnten das Pferd mit Stroh abreiben. Aber wir haben kein Stroh.

Was für ein kryptischer Satz – völlig ohne Sinn und Verstand.

Für mich öffnet dieser Satz ein ganzes Universum. Eine Tür in meine Kindheit, meine Jugendzeit. Ein Vorhang hebt sich – wie damals bei der Augsburger Puppenkiste – und der Film beginnt.

„Wir könnten das Pferd mit Stroh abreiben. Aber wir haben kein Stroh.“

Ein geflügeltes Wort, eine Art Geheimcode zwischen meiner Mutter und mir, der immer dann angebracht war, wenn etwas fehlte. Über Pfingsten hatte ich eine meiner liebsten Freundinnen zu Besuch. Gaby ist eine Reisetante, aber in Zeiten von Corona war das Reisen gestrichen. Ich sagte, dann komm doch ein paar Tage zu mir, jetzt kann man ja wieder Zug fahren. Das Wetter wird super und in meinem Garten ist es auch wie im Urlaub!

Ich hatte Lillet besorgt, das hatte ich schon einmal getrunken und fand, es schmeckt lecker. Ich wusste, dass man es mit Weißwein mischt, mehr aber auch nicht. Also besorgte ich auch eine Flasche Weißwein. Frau Google erklärte uns dann, dass man auch noch Tonicwater dazu geben muss. Das gab es zwar nicht in meinem Vorrat, aber Sprudelwasser und ein Spritzer Zitronensaft waren der Ersatz dafür. Die Mischung schmeckte uns und nach dem zweiten Schluck meinte meine Freundin:

„Eiswürfel wären noch gut“

Spontan und ohne Nachzudenken antwortete ich ihr:

„Wir könnten  das Pferd mit Stroh abreiben, aber wir haben kein Stroh.“

Sie sah mich fragend an und ich merkte, wie ich plötzlich Jahrzehnte zurückgeworfen wurde und sah mich neben meiner Mum, lachend in der Küche unseres alten Hauses.

„Was hast du gesagt?“  fragte Gaby.

„Wir könnten das Pferd mit Stroh abreiben, aber wir haben kein Stroh“,  wiederholte ich.

Und ich erzählte ihr den Hintergrund.

Von all den Dingen, die meine Mutter mir für mein Leben mitgegeben hat, ist die Liebe zu Büchern, zum Lesen, zur  Sprache, sicher das, was mich am meisten geprägt hat. Lesen war etwas Alltägliches, nichts Besonderes. Ich las viel, bekam Bücher geschenkt oder lieh mir welche in der Bücherei, aber immer wieder griff ich auch in das Regal meiner Mutter. Sie hatte ein Lieblingsbuch, das sie selbst immer wieder las und ich habe es auch sicher über zehnmal gelesen und kenne heute noch Passagen auswendig. Es ist nichts Spektakuläres, eine kleine romantische Geschichte, aus dem Englischen übersetzt, aus den frühen fünfziger Jahren. Ein Buch, das man im Sommer in die Hängematte mitnehmen und in einem Rutsch durchlesen kann. Ich liebe dieses Buch, weil ich, wenn ich die erste Seite aufschlage, sofort hineinfalle und bis zur letzten Seite nicht mehr auftauche. Doch was hat es mit diesem Satz auf sich? Die Protagonistin Gabriele, eine junge Engländerin, verschlägt es nach Sorrent. Dort fährt sie einmal mit einem Pferdekutscher nach Hause, Das Gefährt wird von einem dürren Gaul gezogen, der mit dem steilen Anstieg große Mühe hat. Der Kutscher schlägt mit der Peitsche erbarmungslos auf das Tier ein, um es anzutreiben, was die Protagonistin dazu bringt, abzuspringen und auf den Grobian einzudreschen. Am Ende kauft sie ihm das arme Tier ab und zieht es hinter sich her zu ihrem Haus. Der alte Gärtner schüttelt nur mit dem Kopf und brummt etwas von „piena di pidocchi“, Läuse. Daraufhin beschließt Gabriele den Gaul mit Seifenflocken und Wasser abzuwaschen.  Als das Pferd klatschnass im Garten steht kommt die alte Haushälterin dazu und schlägt bei dem Anblick die Hände über dem Kopf zusammen.

„Ma! Cara mia! Das arme Tier! Es ist bereits ganz nass. Wie wollen Sie es denn wieder trocken kriegen?“

Gabriele hatte keine Ahnung. „An der Sonne vielleicht?“ schlug sie vor. Aber Angelina schüttelte den Kopf.

„Wir könnten es mit Stroh abreiben“, sagte sie, „aber wir haben kein Stroh.“

Meine Mutter und ich liebten diese Szene und der Satz wurde zu einem geflügelten Wort, aber nur für uns.  Wir sahen uns dann an, grinsten und wussten Bescheid.

Ich hatte das Buch und den Satz völlig vergessen, denn seit meine Mutter krank und im Heim ist, gibt es niemanden mehr, mit dem ich das teilen könnte. Und doch ist der Satz und die Geschichte dazu noch immer so in mir verankert, dass ich ihn spontan und ohne Nachzudenken gesagt habe.

Der Satz mag seltsam erscheinen, für mich ist er einer der Trigger, die mich sofort mit meiner Mum verbinden. Das war mir bis zu diesem Moment gar nicht klar. Jetzt habe ich das Buch wieder hervorgeholt und werde es mal ins Heim mitnehmen und meiner Mutter daraus vorlesen. Vielleicht erkennt sie die Worte? Nachdem wir sie mehr als zwei Monate wegen Corona gar nicht sehen durften und jetzt immer noch nicht spontan ins Heim dürfen, sondern nur auf Anmeldung, sie nicht berühren, in den Arm nehmen dürfen, ist es vielleicht ein Weg, zu ihr durchzudringen.

Nicht ohne mein Zitroneneishörnchen

Ich komme nach einem harten Arbeitstag nach Hause und das Erste, was ich sehe, ist das Erbrochene meines Katers. Stiefel findet irgendetwas zum Kotzen, ich auch, jede Menge. Stiefel, wir sind Schwestern im Geiste. Immerhin hatte er Anstand genug sich auf den Fliesen im Keller zu übergeben und nicht auf den teuren Eichendielen. Ich gehe nach oben, ziehe zwei pinke Gummihandschuhe aus der Hunderterpackung und putze das Zeug weg. Anschließend kippe ich vorsichtshalber noch Domestos drüber, hier riecht es wie im Hallenbad. Ich erkläre Stiefel, dass er sich den Magen verdorben hat und deshalb fasten muss. Er sieht mich fragend an und ich entscheide. Ober sticht Unter, so ist das nun einmal im Leben, Ich entsorge das Erbrochene samt Plastikhandschuhen im Müll und wasche mir die Hände. Dann prüfe ich die Eierbestände und meine Ahnung bewahrheitet sich, das reicht nicht für den Geburtstagskuchen, den ich für meinen Sohn backen will. Also wieder rein in die Jacke, raus in den Dauerregen und zum Supermarkt. Das zweite Paar Handschuhe kommt zum Einsatz. Ich bin schon dabei, den obligatorischen Einkaufswagen rauszuziehen, da fällt mir auf, dass ich die Maske im Auto vergessen habe. Also wieder zurück, Maske auf und nochmal von vorne. Ich entwickle eine neue Verschwörungstheorie: die Atemschutzmasken sind mit einem Stoff getränkt. der aggressiv macht.  Je länger ich das Ding aufhabe, desto schlimmer wird es. Als ich endlich mein Auto erreicht habe, reiße ich mir die Maske vom Gesicht und schmeiße sie zu den anderen auf den Beifahrersitz  Mein Auto ist die kleinste fahrbare Müllhalde der Welt, ich stelle mir vor, wie ich in ein paar Wochen zwischen Bergen von Masken und gebrauchten Handschuhen sitze, ein Mosaik aus pink und weiß und türkis. Zuhause angekommen empfängt mich ein Kater, der mit den von mir verordneten medizinischen Maßnahmen in keinster Weise einverstanden ist. Ich lade den Einkauf ab und wasche mir das gefühlt hundertste Mal heute die Hände. Jetzt hilft nur noch süß und weich. Völlig erschöpft sacke ich auf der Couch zusammen und beiße in mein Zitroneneishörnchen.

Aus-Zeit

Ich hatte erwartet, dass ich während der Corona-Auszeit mehr Zeit zum Schreiben haben würde. Wie sich nach mittlerweile sieben Wochen Einschränkungen herausgestellt hat, trifft das nicht zu. Im Gegenteil. Ich arbeite mehr als vor Corona, nur ohne irgendwelche  Ergebnisse. Der existenzielle Druck für mich als Selbständige hat dazu geführt, dass ich wie getrieben gefühlt 24/7 am Arbeiten bin. Jetzt mache ich Videokonferenzen, anfangs war es seltsam, mittlerweile habe ich mich auch daran gewöhnt. Ich fühle mich wie in einer Blase, das Haus zu verlassen erweckt in mir schon Widerstände. Ich schwanke zwischen Resignation und Wut, wobei sich die Wut mal hierhin mal dorthin richtet, einen konkreten Adressaten gibt es ja nicht, das Virus hat nunmal keine Adresse. Manche meiner Freunde hängen Verschwörungstheorien an und schütten mich mit irgendwelchen Youtube-Vidos zu, die ich ungesehen lösche. Ich entziehe mich weitestgehend den Mitteilungen der Presse und weiß nicht mehr, wem ich glauben soll. Wenn ich einkaufen gehen muss, habe ich das Gefühl, ich ersticke unter der Maske. Ich weiche genervt alle paar Meter irgendjemandem aus, fahre mit meinem Einkaufswagen zick-zack durch die Gänge des Supermarkts und kaufe viel zu viel, nur um zu verhindern, dass ich demnächst wieder einkaufen gehen muss. Eine meiner jungen Bekannten geht jetzt immer demonstrieren, jeden Mittwochnachmittag, vielleicht hilft das ja gegen die Wut, aber dazu müsste ich das Haus verlassen und das will ich nicht. Meine Mutter habe ich gestern nach neun Wochen wieder gesehen, zwischen uns einen Tisch, die Maske auf der Nase und das, was so nötig gewesen wäre, eine Umarmung, war nicht erlaubt. Es ist so lächerlich, denn die ganzen Pflegekräfte gehen ja auch jeden Tag wieder raus aus dem Heim, gehen einkaufen, zu ihren Familien nach Hause und dürfen meiner Mum näher kommen als ich. Aber ich nehme auch das hin, bin wieder so unsagbar wütend und streite mich mit meiner Schwester weil ich alles so sinnlos finde. Ich überlege, mich von meiner Familie loszusagen und völlig in die innere und äußere Isolation zu gehen. Der Unterschied wäre vermutlich marginal.Wenn ich es nicht mehr aushalte, so wie gestern nach dem Besuch im Pflegeheim, gehe ich laufen. Wenn mir jemand begegnet, wechsle ich die Straßenseite und grüße demonstrativ nicht. Ich bin dabei, mich zu einem echten Kotzbrocken zu entwickeln, es gibt nicht mehr viele Menschen, deren Gegenwart mich nicht anstrengt oder nervt. Ist das das Ergebnis der Entwöhnung von sozialen Kontakten? Sowas wie Entzugserscheinungen? Das ist die einzige Erklärung, die ich für meinen Zustand habe. Es ist sehr anstrengend, die Leichtigkeit meines früheren Seins jeden Tag wiederherzustellen, immer wieder gelingt es mir einfach nicht. Gestern war ein Freundin bei mir, die ich kenne seit der fünften Klasse. Wir sind uns so nahe, mit ihr ist alles einfach und diese paar Stunden waren wunderbar. Es war eine Art von Normalität, die hier bei mir zuhause möglich ist, aber nicht mehr sobald ich das Haus verlasse . Ich halte mich an alle Regeln, ich bin ja generell linientreuer als ein Volkspolizist, ich parke nicht einmal falsch. Aber es wird von Woche zu Woche anstrengender und manchmal erkenne ich mich selbst nicht wieder. Im Kopf schreibe ich meine Texte, die es dann aber nie auf das Papier schaffen, oder ich spreche mir selbst Nachrichten auf das Diktiergerät im Handy. Das hier ist der erste Post seit Wochen, weil es heute so schlimm ist, dass ich mir diese Auszeit gönnen musste.

Ich weiß ja nicht, wie es Euch da draußen so geht, ob ich die Einzige bin, die so eine Erfahrung mit sich selber macht. Dieser kleine Post hat mir jedenfalls gut getan, ich habe kapiert, dass ich was ändern muss, Existenzangst hin oder her. Wenn ich so weitermache, hilft das niemandem . Es ist völlig klar, ich muss mir wieder meine Auszeiten nehmen. Mal sehen, wie ich diesen Vorsatz umsetze.

abcEtüden10.11/20 Fieber

Noch eine Etüde – ich scheine ja richtig in Fahrt zu kommen bei all den Verschwörungstheorien…..grinse beim Schreiben fröhlich vor mich hin…

Die Headline für die Etüden heißt: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern. Die Begriffe sind Sonnenuntergang, warm, fliegen. Alles weitere und die links zu den anderen EtüdenschreiberInnen findet ihr bei Christiane

 

abc.etüden 2020 10+11 | 365tageasatzaday

 

FIEBER

`Nach Sonnenuntergang an der Bank hinter dem Hans–im-Glück-Brunnen`

Was sollte diese kryptische Nachricht? Ich starrte auf mein Smartphone und runzelte die Stirn.

Lisa, oder Lakshmi, wie Lisa sich jetzt nannte, hatte in der letzten Zeit immer wieder irritierende Verhaltensweisen an den Tag gelegt. Sie konnte angeblich körperlos durch Zeit und Raum fliegen. Kaum hatte ich den Gedanken zu Ende gedacht, kam die nächste Nachricht.

`Zu Niemand ein Wort!`

Oh je, jetzt litt sie wohl auch noch an Verfolgungswahn.

Doch meine Neugierde siegte, wie immer.
Als ich am Hans-im-Glück-Brunnen eintraf, konnte ich Lisa nirgends entdecken. Da hörte ich ein leises „Pst!Pst!“ und sah mich suchend um. Ich entdeckte sie halb versteckt im Gebüsch. Sie winkte mich hektisch zu sich und sah sich nervös nach allen Seiten um.

„Ist dir jemand gefolgt?“ fragte sie mich flüsternd.

„Nein“, antwortete ich absichtlich laut. „Wer sollte mir –„ sie schnitt mir mit einer Handbewegung das Wort ab.

„So sei doch still!“, flüsterte sie.

„Was ist eigentlich los?“ flüsterte ich jetzt auch.

„Man will uns ausrotten!“ Sie sprach so leise, dass ich mir nicht sicher war, ob ich richtig gehört hatte.

„Ausrotten?“  fragte ich nach.

„Drehst du jetzt völlig durch?“

Sie spähte durch die Sträucher.

„Die Chinesen! Sie wollen die Weltherrschaft!“

Mir wurde warm und ich bekam ein bisschen Angst. Nicht wegen der Chinesen sondern wegen meiner Freundin Lisa.

„Das Virus,“ flüsterte sie, „ist aus einem Labor in Wuhan. Und sie haben den Impfstoff. Dort stirbt niemand mehr! Aber in allen anderen Ländern.“

„Woher hast du denn diese Verschwörungstheorie“, ich grinste.

„Ich war dort!“ Sie wurde lauter. „Man ist hinter mir her –“

Lisa sackte langsam zusammen.

Danach fehlt mir die Erinnerung. Ich weiß nicht, wo ich bin. Durch die Luke in der Tür schaut ab und zu ein asiatisch aussehendes Gesicht. Ein Chinese?

abcEtüden10/11.20 Beam me up, Scotty!

Wegen Karneval und anderer Vorkommnisse habe ich eine Etüdenwoche versäumt – aber jetzt bin ich wieder am Start! Die abc Etüden, ein Schreibimpuls, werden gehostet von Christiane  Auf ihrem Blog könnt ihr alles nachlesen und findet die links zu den anderen EtüdenschreiberInnen. Drei Wörter sollen in eine Geschichte mit maximal 300 Worten eingebunden werden. Dieses Mal wurden die Wörter gestiftet:von Corlys Lesewelt

Sonnenuntergang

Warm

Fliegen

 

Ich fand die Wörter inspirierend, vor allem unter dem Aspekt, wie Christiane auch schreibt, den vordergründigen Schein von Romantik und heiler Welt umzudrehen. Hier also meine Etüde:

Beam me up, Scotty!

Was für ein Sonnenuntergang! Wenigstens ist die Aussicht hier schön –  ich habe sozusagen Glück im Unglück gehabt. Es hätte mich auch in eine Stadtunterkunft verschlagen können, da bin ich doch lieber hier auf dem Land. Eigentlich wollte ich ja auf meine Lieblingsinsel fliegen. Jetzt sitze ich hier fest, habe es zwar warm und gemütlich – aber der Schein trügt. Essen kommt durch die Klappe, wer es hindurchschiebt, weiß ich nicht. Noch nie habe ich ein Gesicht gesehen. Gestern wurden Internet und Fernsehen abgeschaltet, angeblich sei das eine Vorsichtsmaßnahme, um emotionale Aufregungen zu verhindern. Das stand zumindest auf dem Merkblatt, das mir mit dem Essen zugestellt wurde. Ich glaube kein Wort. Niemand will, dass wir erfahren, was wirklich läuft. In China sei das Virus besiegt, habe ich gelesen, nicht aber im Rest der Welt – wollen uns die Chinesen ausrotten? Das letzte, was ich in den Nachrichten gesehen habe, war die Meldung von einem Milliardendeal zwischen der Pharmafirma, die einen Impfstoff entwickelt hat und der deutschen Regierung.  Die Hysterie, die seit Wochen verbreitet wird, ist der wahre Virus. Selektive Berichterstattung, die Absage sämtlicher öffentlicher Veranstaltungen – und dazu die willkürliche Isolation aller, die nur mal öffentlich geniest haben. So wie ich, im Taxi, auf dem Weg zum Flughafen. Der Taxifahrer saß, gesichert durch eine Glasscheibe, vor mir, aber er hat mich die ganze Zeit beobachtet und als er mich niesen sah, ist er nicht zum Flughafen sondern zu einem Sammellager gefahren. Ich wurde sofort in eine Isolierstation auf dem Land gebracht. Seit Tagen warte ich auf die Untersuchung, aber ich habe das Gefühl, es sind so viele „Verdachtsfälle“, dass die Gesundheitsämter gar nicht mehr hinterherkommen mit Blutprobenanalysen oder was auch immer. Immer wieder höre ich Zimmernachbarn randalieren – der Lagerkoller breitet sich aus. Jetzt wäre ich gerne Captain Kirk – drehe ich auch schon durch?

 

300 Wörter

abcEtüden 06.07.20

Lichtblick des trüben Wochenbeginns: drei neue Wörter, die mich zur Pflicht rufen. Anstatt nur träge rumzusitzen kann ich ja beim Sitzen noch was denken. Und es aufschreiben. Hat geklappt.

Für alle, die noch nicht wissen, worum es geht: es gilt die 3 Wörter, die diese Woche Alice gespendet hat,  in einen Text mit maximal 300 Wörtern zu verpacken. Die Wörter sind: Grippe / gebleicht / knuddeln. Alles, was es sonst noch zu wissen gibt, bitte nachlesen bei Christiane,die sich freundlicherweise um die abcEtüden kümmert und sie mit viel Liebe hegt und pflegt!

Hier meine Etüde: Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett

https://365tageasatzaday.files.wordpress.com/2020/01/2020_0607_1_300.jpg

Hatte er die Grippe?

Marion starrte auf die gebleichten Knochen.

Doktor Schreiber verdrehte die Augen.

Was weiß ich, gestorben ist er jedenfalls an seinem zertrümmerten Schädel, soviel steht fest.

Ich meine ja nur, die hatten doch sicher auch tödliche Viren, damals. Und so ganz ohne Schutzimpfung –

Marion ließ den Satz offen. Sie hatte sich vorgenommen, bei ihrem Praktikum in der Pathologie mit ihrer Intelligenz und ihrem Wissen aus gefühlten zehntausend Krimifilmen zu punkten.

Liebes Kind,

Doktor Schreiber setzte zu einem längeren Monolog an,

Sie sollten sich nicht so sehr an amerikanischen Krimiserien sondern an den vorliegenden Tatsachen orientieren. Dieser Mann lag etwa dreißig Jahre in irgendeinem unzugänglichen Teil des Schwarzwalds, bis man seine Knochen aus Zufall ausgegraben hat. Als ihm jemand mit einem Beil den Schädel gespalten hat, waren Sie noch nicht einmal gezeugt.

Ach so, ich dachte, der Mann ist irgendwie prähistorisch oder so…

Doktor Schreiber versuchte, Marion zu ignorieren, aber das gestaltete sich schwierig, da sie ununterbrochen vor sich hin sprach.

Das war sicher eine Beziehungstat, ein eifersüchtiger Ehemann oder irgendetwas in der Art. So eine Axt oder ein Beil, das kann ja eine Frau gar nicht, und überhaupt, haben Sie schon den Einschlagwinkel der Tatwaffe gemessen? Sollen wir die Tat simulieren?

Sie sah Herrn Schreiber hoffnungsvoll an.

Doktor Schreiber stellte sich vor, wie er Marions Schädel mit einem Beil in zwei Teile spaltete. Er schüttelte den Kopf und sah auf die Uhr über der Tür. Wenn er gewusst hätte, dass die Tochter des Dezernatsleiters so eine Nervensäge war, hätte er dem Schnupperpraktikum niemals zugestimmt.

Ich frage mich liebes Fräulein, Doktor Schreiber unterbrach ihren Redefluss, was sie dazu bewogen hat, sich ausgerechnet für die Pathologie zu interessieren?

Och, Marion sah auf ihre Hände, die in blauen Plastikhandschuhen steckten.

Die Pathologinnen haben doch immer einen Kommissar zum Knuddeln…

299 Wörter

 

 

abc Etüden 04.05.20 Transformation

abc.etüden 2020 04+05 | 365tageasatzaday

Auf ein Neues! Wieder drei wunderbare inspirierende Wörter für die neue challenge, dieses Mal von onlybatscanhang. 

Die Wörter für die neue Woche sind

Papiertiger
belanglos
plätschern.

Diese Wörter müssen in eine Geschichte verpackt werden, die nicht mehr als 300 Wörter hat.

Die Schreibeinladung und alles, was ihr dazu wissen müsst, findet ihr auf dem blog von Christiane

Hier meine Etüde:

Wenn die Zeit so dahin plätschert, quasi b e l a n g l o s, dann bin ich ruhig. Nichts ist wichtig, da ist kein Termin, der meinen Tag in Teile schneidet, keine Aufgabe, die erledigt werden will, nichts, das mich ablenkt von mir. Die Wahrheit ist, das sind die echten Geschenke. Diamonds are a girls best friends? Nicht für mich, nein, nicht für mich. Wenn ein Tag vor mir liegt wie ein weites Feld, ein Weg, der reicht bis zum Horizont, dann fühle ich mich reich. Dann tauche ich ein in meine Innenwelt, steige hinab in Räume, die nur ich kenne. Ich angle Buchstaben, fische nach Erinnerungen und forme daraus Geschichten. Manche bleiben in meinem Kopf, manche reiche ich weiter an den Herrn Papiertiger und erlaube ihm, sie aufzuschreiben. In den letzten Jahren habe ich meinen ewigen Mitbewohner, den inneren Kritiker, mehr und mehr aus diesen geheimen Räumen herausgedrängt. Er war sich seiner Sache jahrzehntelang so sicher, der Gute, und dann kam meine Transformation. Zimmer für Zimmer habe ich ihm abgenommen und jetzt haust er wie Harry Potter in einer Kammer unter der Treppe und ich hoffe, es ist ihm so ungemütlich, dass er irgendwann aufgibt. Was für ein Kampf! Es waren harte Zeiten, aber es hat sich gelohnt. Ab und zu streckt er seinen Kopf aus der kleinen Tür unter der Treppe und mault herum. Will meine Geschichten madig machen. Letztens hat ihn der Papiertiger in die Hand gebissen, seither ist Ruhe. Ich hab gerufen „Verschwinde! Ich brauch dich nicht mehr!“ und er hat beleidigt die Tür zugezogen. Jetzt leckt er vermutlich seine Wunden und bereitet seinen nächsten Anschlag vor. Ich bin realistisch, ganz werde ich ihn sicher nicht mehr los. Aber ich kann ihn jetzt in Schach halten. Und das fühlt sich richtig gut an.

299 Wörter

Skiurlaub

Inspiriert von Andrea  von hummelweb und ihrer abc-Etüde habe ich mal in meinen Erinnerungen gefischt und den Winter herausgezogen, als ich Skifahren gelernt habe. Unvergesslich und so präsent, immer noch. Es ist schon was dran, man sollte die Erinnerungen zu Papier bringen, solange sie noch da sind. Hier meine Geschichte.

Den ersten Skiurlaub meines Lebens verdanke ich meiner schlechten Konstitution als kleines Kind. Ich erinnere mich gut an diese Tage im Bett in meinem Kinderzimmer. In meiner Erinnerung bin ich wochenlang im Bett gelegen .Nach Röteln kam der Keuchhusten – mein Bett wurde an die Balkontür geschoben, sodass ich das Vogelhaus auf dem Balkon sehen konnte. Nachts konnte ich nicht schlafen und hörte im Küchenradio meiner Mutter, das man mir neben das Bett gestellt hatte, im Südfunk die Sendung „Musik bis zum frühen Morgen“, die ging bis fünf Uhr. Danach schlief ich meistens ein.  Meine Großeltern hatten ein Gasthaus, ein richtiger Familienbetrieb, im selben Ort. Meine Mutter und meine Tante arbeiteten dort mit. So kam es, dass ich immer wieder alleine war tagsüber. Ich fand das gar nicht so schlimm, ich konnte mich gut beschäftigen. Auch heute noch bin ich gerne alleine für mich und ich brauche das auch. So gern ich in Gesellschaft bin, so sehr brauche ich dann den Rückzug. Die Hightlights dieser Wochen im Krankenstand waren die Besuche meiner Oma Rosa, die mit dem Bus angefahren kam, sich neben mein Bett setzte und mit mir Halma spielte. Ich weiß nicht, ob ich ihr das jemals gesagt habe, WIE besonders diese Nachmittage waren, was für eine Freude sie mir damit gemacht hat. Der Husten war mörderisch, ich erinnere mich, dass ich einmal in der Küche den eben getrunkenen Tee in großen Fontänen auf den Boden gehustet habe. Ich behielt nichts bei mir und unser alter Hausarzt sagte zu  meiner Mutter „Das Kind braucht Luftveränderung“. So kam es, dass mein Vater uns ins Montafon fuhr, nach Schruns. Dort hatten meine Großeltern Freunde, Luzie und Gustl. Diese Freundschaft geht zurück auf meinen Urgroßvater, der mit einem Freund immer ins Montafon fuhr. Deshalb war es bei Tante Luzi und Onkel Gustl auch wie daheim. Tante Luzie war ein Engel, ein Mensch, der so viel Liebe und Güte ausstrahlte, dass man es körperlich spüren konnte. Ich habe sie angebetet. Die Erinnerung an diese Tage in Schruns ist wie eine Wüste mit Oasen, zwischen denen es keine Verbindung gibt. Puzzlestücke, einzelne Szenen, die jedoch ganz klar vor meinen Augen sind. Ich sehe Luzie, die immer eine weiße Schürze trug.. Das Esszimmer bei Luzie mit dem großen Kachelofen. Die Außerlitzstraße, die rote Gondelbahn, die Skihütten. Mein Vater war ein begeisterter Skifahrer, also lag es nahe, dass ich in Schruns einen Skikurs machte. Der Skilehrer hieß Willy. Er war mittelgroß und sehr schlank und hatte rotblonde Haare. Sein Rucksack faszinierte mich über alle Maßen, er war aus braunem Stoff mit Ledergurten und wenn wir eine Abfahrt gemeistert hatten, fischte er kleine Schokoladetäfelchen aus dem Rucksack. Das hört sich heute unspektakulär an, aber in den sechziger Jahren war Schokolade etwas Besonderes, das es nicht jeden Tag gab. Damals gab es auf dem Hochjoch noch zwei urige kleine Skihütten, ganz aus Holz, eingerichtet mit Bänken und Tischen aus Holz und immer zum Brechen voll. Mein liebstes Getränk war heißes „Skiwasser“, klebrig und rot und süß. Wenn wir aus der Hütte wieder nach draußen gingen und der erste Hustenanfall kam, spuckte ich das Skiwasser wie eine blutige rote Spur in den Schnee…Ich hatte mich schon so an das Husten gewöhnt, dass es mir gar nichts mehr ausmachte. Aber nach einer Woche war es besser und als der Urlaub nach zwei Wochen vorbei war, war ich gesund. Und konnte im Pflugbogen zur Mittelstation abfahren.

Die Fotos sind später entstanden, es könnte 1970 oder 1971 sein.

An der Wand einer der beiden Skihütten, vorne links sitze ich, dahinter meine Schwester, meine Cousine, ein hartnäckiger Verehrer meiner Schwester und meine Patentante.

Auf der Mittelstation mit meiner Mama.

In diesem Winter bekam ich ,meine ersten Skistiefel mit Schnallen und war stolz wie Oskar!

abc-etüden02.03.20 Murmeltier-Tag

Erstmal allen BlogbesucherInnen ein fulminantes neues Jahr! Ich wünsche Euch alles das, was Ihr Euch wünscht und noch viel mehr 🙂 Ich wollte mich nicht direkt der Letharige ergeben, die diese trüben Januartage so mit sich bringen, bei mir zumindest, und deshalb kam mir Christianes Schreibeinladung gerade recht. Ich nenne diese Tage „Murmeltier-Tage“, angelehnt an den Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“, weil ich mich öfter mal um mich selber drehe und nicht aus dem Quark komme. Kennt Ihr das?

3 Begriffe in maximal 300 Wörten verpackt, alles, was es sonst noch zu sagen gibt findet ihr auf .Christianes Blog

abc.etüden 2020 02+03 | 365tageasatzaday

Mickrig ist mein neues Lieblingswort. Irgendwie finde ich heute alles mickrig. Das Wetter mit Blitzeis am Morgen und einem Himmel, der sich mit Nebel überfressen hat: mickrig. Mein Bankkonto zum Jahresstart: mickrig. Die Anzeige auf der Waage: leider nicht mickrig. Ich bin ja, der Form halber und weil es sich so gehört, Optimist. Der Pessimist in mir will aber immer kommandieren und dem Optimisten Steine in den Weg legen, dagegenzuhalten ist schon anstrengend manchmal. Naturgemäß fällt es mir an Tagen wie diesen auch viel leichter, mäkelig zu sein. Mein innerer Pessimist reibt sich schon die Hände, ich kann es förmlich spüren. Er ist dabei, Oberwasser zu bekommen, während sich der Optimist schon nach hinten in die letzte Ecke verzogen hat. Ich denke also an etwas Schönes. Skiurlaub zum Beispiel. Berge – in der Sonne, was sonst? Blauer Himmel, weißer Pulverschnee. Abends in der Sauna entspannen, morgens an den gedeckten Frühstückstisch sitzen – der Optimist streckt seine Nase aus der  Ecke und freut sich. Der Pessimist pöbelt rum „willst du dir wieder die Arme brechen?“. Ein Stoßseufzer ist die Antwort. Der Optimist hat erstmal aufgegeben. Der Pessimist winkt mit einer Tafel Schokolade und der Fernbedienung. Er hat sich mit meinem Schweinehund zusammengetan.  Jetzt wollen sie gemeinsam den Optimisten um die Ecke bringen. „Es ist eh alles umsonst“, jammert der Pessimist. „Genau“, schreit der Schweinehund, „an so einem Tag wie heute hast du dir Ruhe und Süßes verdient. Der Mensch braucht auch mal eine Auszeit!“. Ich spüre, wie meine Hand sich wie ferngesteuert auf die Schokolade zubewegt und meine Beine Richtung Couch ziehen. Da rappelt sich der Optimist mit letzter Kraft auf. „Nein!“, schreit er, „Tu´s nicht! Du schaffst das!“ – das war knapp. Ich räume den Pessimisten aus dem Weg und fange an zu schreiben: Mickrig ist mein neues Lieblingswort….

Stille Zeit

Du machst es mir so leicht

zu lieben die Zeit

mit dir ich hüte sie

wie einen Schatz

 

Sekunden tropfen

in mein Herz wie Perlen

verweben sich zu Stunden

Tagen  Jahren voller

Zärtlichkeit

 

Und wieder kommt der Winter der Himmel

schwer mit Wolken die

Tage nebelgrau

ich friere nicht

die Zeit

steht

still

Bestanden

Ich habe bestanden.

(Wer wissen will, worum es geht, schaut  hier)

Hinter mir liegen die wohl härtesten sechs Monate meines Lebens. Eine derart anspruchsvolle Ausbildung neben Vollzeitjob  und Familie zu schultern, sich drei Wochen vor der Prüfung beide Arme zu brechen und dennoch in der Prüfungswoche am Start zu sein, war echt kein Zuckerschlecken. Ich habe unfassbar  viel gelernt, über meine Stimme, das Atmen, wie kernige Töne produziert werden, was Ökonomie beim Singen bedeutet und so vieles mehr.  Ich habe geheult. Ich habe geflucht,  über mein Hirn, das manchmal nichts kapiert hat, meine Stimme, die in meinen Ohren so geklungen hat,  dass ich mich gerne verkrochen hätte, über meinen inneren Kritiker, der keinen Erfolg gelten ließ, über meinen Dialekt, der mir das Leben im hohen Norden nicht einfacher gemacht hat (ich spreche zu langsam, ich spreche zu viel und gehe damit allen auf die Nerven). Ich habe gelernt, dass ich nicht everybodys darling sein kann und das Leben trotzdem weitergeht.

Würde ich es wieder machen? Ja, auf jeden Fall! Aber ich würde mich nicht mehr meinen Selbstzweifeln ergeben sondern an mich glauben.

Ich danke allen, die mich in dieser Zeit in ihr Herz geschlossen haben . Ich danke allen für jede konstruktive Kritik, denn sie haben mir dadurch die Möglichkeit gegeben, zu wachsen und mich zu entwickeln.  Ich habe mir auch das, was wehgetan hat und nicht meiner Wahrheit entspricht, zu Herzen genommen und werde daran arbeiten.

Diese Zeit war eine der härtesten meines Lebens, aber auch eine der produktivsten. Ich möchte sie nicht missen und bin dankbar, dass ich die Möglichkeit hatte, das alles zu erleben.

Jetzt werde ich allerdings dem Schreiben endlich wieder mehr Raum geben können und mein nächstes Ziel verfolgen: die Geschchte von Rosa endlich abzuschließen. Gonna rock that!

abc Etüden 23/24.2019

und weil ich so in Stimmung bin, gibt es noch eine Etüde hinterher. Sozusagen ein Bonus.

Die Worte sind Abweichung, verengen, unabwendbar. Verpackt in exakt 300 Wörter.

abc.etüden 2019 23+24 | 365tageasatzaday

Gedankenspiele

Wenn das Schicksal unabwendbar ist, dann verengen sich unsere Möglichkeiten doch wie in einem Trichter auf diese eine, einzig mögliche Möglichkeit. Furchtbare Vorstellung.

Charlotte rührte so intensiv in ihrem Kaffeebecher, dass die braune Flüssigkeit überschwappte und einen Fleck auf dem weißen Tischtuch hinterließ.

Da siehst du es, Robert zeigte auf den Fleck, das war unabwendbar, so wie du den Kaffee malträtiert hast.

Was ist denn das wieder für ein abgehobener Quatsch. Erstens habe ich den Kaffee nicht malträtiert und zweitens wäre es sehr wohl abwendbar gewesen, wenn du die Tasse nicht so randvoll eingeschenkt hättest!

Du meinst also, ich bin schuld an dem Kaffeefleck?

Robert war aufgestanden und hatte in der Küche einen Schwamm  geholt um damit den Fleck aus dem Tischtuch zu reiben.

Nein, ich meine, eine Abweichung von dem unabwendbaren Fleck wäre durchaus möglich gewesen. Oder eine Abweichung von deiner Pedanterie, Robert. Das Tischtuch kann man waschen.

Charlotte nahm ihre Tasse wieder auf und ließ den Kaffee in Zeitlupe auf das nun nicht mehr  so blütenweiße Tischtuch laufen.

Bist du irre? Robert sprang auf und versuchte ihr die Tasse aus der Hand zu reißen.  Was ist nur mit dir los? Du benimmst dich wie –

Ja, wie denn? Charlotte sah ihn böse an und hielt die Kaffeetasse in die Luft wie eine Trophäe.

Sag´s ruhig! Sag es, los! Wie eine Verrückte! Nicht wahr? Das willst du mir doch die ganze Zeit schon sagen, stimmt´s?

Robert war immer noch auf der Jagd nach der Tasse, er bekam Charlottes Arm zu fassen und zog ihn zu sich, sie verlor das Gleichgewicht und fiel –

 

 

Der Arzt, der neben Charlotte auf dem Boden kniete, sah zu Robert auf.

Ich kann nichts mehr für ihre Frau tun, sagte er bedauernd. Sie ist mit dem Hinterkopf auf den Kaminsims geprallt. Der Genickbruch war unabwendbar….

abc Etüden 23.24.19

abc.etüden 2019 23+24 | 365tageasatzaday

eine Etüde für die KW 23.24.2019, die Wörter sind: Abweichung, unabwendbar, verengen, maximal 300 Wörter dürfen benutzt werden um damit eine Geschichte zu spinnen…gehostet wird die Gruppe von Christiane 

Auf ihrer Seite findet ihr die links zu den Geschichten der anderen TeilnehmerInnen und alles Wissenswerte rund um die Etüden!

Trau, schau, wem!

Es war nur eine kleine, aber bedeutsame Abweichung. Edgar fiel es sofort auf. Seit Wochen hatte er das Gefühl, dass jemand in seiner Abwesenheit in seinem Haus war, deshalb hatte er entschieden, Vorkehrungen zu treffen.

Du entwickelst dich zum Verschwörungstheoretiker!                                                              Miri hatte mit dem Kopf geschüttelt als er ihr seine Befürchtungen erläutert hatte.                                                                                                                                          Wer, bitte schön, hatte Miri gefragt, sollte sich für dich – oder mich –, hatte sie schnell hinzugefügt, interessieren? Wir sind doch sowas von unwichtig! Sie lachte und sagte mit tiefer Stimme: Mein Name ist Bond – James Bond! Und schüttete sich fast aus vor Lachen.

Edgar bereute es bereits, sie eingeweiht zu haben. Seine Augen verengten sich und er sagte kalt, ich glaube, es ist besser, du gehst jetzt.

Miri hatte die Augen verdreht, ihre Jacke geschnappt und war verschwunden. Als die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen war, ging Edgar zurück an seinen Schreibtisch. Für ihn war es nicht zu übersehen. Der Abstand vom zweiten zum dritten Bleistift war minimal größer als die anderen Abstände zwischen den Stiften. Es war unabwendbar, er musste es genauso wie geplant durchziehen. Sie wollten sein Geld, aber er würde sie erledigen, wer immer sie auch waren.

Als die Polizeibeamten in das Haus eindrangen, kämpften sie sich durch Stolperdrähte und Selbstschussfallen. Schließlich fanden sie Edgar in einem völlig abgedichteten Raum im Keller.

Sie sind die einzige Verwandte? Der Polizeibeamte sah von Miris Ausweis auf und sie nickte.

Wir wissen nicht, wie lange der Strom nach dem Orkan ausfiel. Ihr Bruder ist erstickt, weil die Tür nicht mehr zu öffnen war und die Belüftung ausfiel.

Miri durchsuchte Edgars Haus genauso systematisch und geduldig, wie sie ihren Bruder in den Wahnsinn getrieben hatte. Als sie das Versteck endlich gefunden hatte, übersah sie einen winzigen Draht….

Sieben Jahre und keine Party!

long time no see….ich bin gerade in einem anderen Kosmos unterwegs und der blog ist völlig verwaist! Dabei – hurray – hatte meine schnucklige wortwabe GEBURTSTAG!!! Sie ist am 4. Juni sieben Jahre alt geworden! Schulkind sozusagen! Sie weiß aber, dass ich sie liebhabe, auch wenn ich grade nicht so oft hier bin. Wo bin ich denn nun? Ich gehe meiner anderen Liebe nach, die ich neben dem Schreiben habe. Seit Mai mache ich eine Ausbildung zum Vocalcoach für Rock/Pop-Gesang. Das ist ziemlich anspruchsvoll, denn es läuft ja neben meinem Hauptjob und ich werde bis Oktober damit beschäftigt sein. Eigentlich war geplant, dass ich im November beginne, aber dann ging es plötzlich alles ganz schnell. Ich habe noch einen Platz in der Gruppe bekommen, die im Mai gestartet ist und bin jetzt schon mittendrin! Immer noch bin ich dabei, mich zu sortieren, vor allem mit meinem Zeitmanagement. Scheint aber besser zu werden, denn ich konnte heute mal wieder eine Etüde schreiben! Die kommt dann gleich auch noch.

Derzeit also frei nach dem Motto: Ich singe also bin ich!

Schneeweiß

2019 02+03 | 365tageasatzaday

Wie gesagt, ich liebe Märchen….Ludwigs Grafik hat mich inspiriert, Ich erkenne eine Feder — und damit fängt meine Geschichte an, das war das erste Bild, das ich im Kopf hatte. Eine weiße Feder, die langsam zu Boden sinkt…..

EIne Geschichte für die abc Etüden, drei Worte in eine Geschichte mit 300 Seiten packen. Dieses Mal sind die Wärter von Ludwig gestiftet worden:Abfallglück, ,Verfallsdatum, unschuldig. Bei Christiane laufen die Fäden zusammen.

Schneeweiß – ein Märchen

Die Feder flog durch die Luft als wäre sie auf der Suche nach dem richtigen Landeplatz, taumelte dann in sanften Schwüngen nach unten und landete auf dem gefrorenen Boden.

Lina hob sie auf und sah zum Himmel, ein paar Raben kreisten krächzend über ihr, aber sonst war nichts zu sehen. Von diesen Vögeln konnte die Feder niemals stammen, denn sie war schneeweiß, ein derart weißes Weiß, dass Lina nur das Wort „unschuldig“ einfiel bei dieser Farbe. Sie legte die zarte Feder auf ihren blassen Handrücken und hatte das Gefühl, sie würde Wärme ausstrahlen.

`Du wirst tüttelig Lina` dachte sie `du bildest dir Sachen ein.  Sowas kommt, wenn das Verfallsdatum näher rückt.`  Trotzdem, irgendetwas war an dieser Feder, was sie dazu bewog, sie sorgfältig in ein Papiertaschentuch zu wickeln und in die Tasche zu stecken.

Das Wochenende war sonnig gewesen, der Marktplatz voller Menschen. Lina kam erst hierher wenn die Erfolgreichen mit ihren Bastkörben aus Nizza oder Mallorca, voll mit Leckereien, wieder zuhause waren und die Marktfrauen ihre Reste entsorgten. Pfandflaschen gab es hier wenige, aber manchmal eine überreife Mango, einen Apfel mit kleiner Macke oder eine halbleere Flasche Sekt.  Lina steuerte auf den ersten Abfalleimer zu, sah hinein und traute ihren Augen kaum. Eine gefüllte Tasche des Feinkostladens, alles originalverpackt. Warum hatte das jemand weggeworfen? Egal. Sie zog die Tasche heraus und stopfte sie in ihren kleinen Handwagen. Das nenne ich Abfallglück, dachte Lina. Zuhause angekommen packte sie aus doch die Tasche schien nicht leer zu werden. Sie dachte an ein Stück Käse und zog ein goldgelbes Käsestück aus der Tasche. Sie stellte sich Weintrauben vor und hielt sie in der Hand. Lina hielt die Luft an. Dann fiel ihr die seltsame Feder wieder ein. Sie wickelte sie vorsichtig aus und traute ihren Augen nicht. Die Feder war golden.