Rosas Reise (7)

1905

Der Taufsonntag kam und nach der bescheidenen Feier packte man Rosa, die ihre Puppe Else fest an sich klammerte, warm ein und sie fuhr mit Berta und Otto, der auf dem Kutschbock saß, in der offenen Kutsche davon. Die erste Aufregung verflog rasch und Rosa schlief auf dem Schoß der Tante ein. Als sie in Kirchheim angekommen waren, trug Otto sie ins Bett.
„Es ist besser, wir lassen sie schlafen“, meinte er.
Berta stimmte ihm zu.
„Ich hoffe nur, sie wacht nicht auf heute Nacht und irrt im Haus herum“, sagte sie.
Doch Rosa schlief tief und fest und wurde am Morgen von Bertas lautem Rufen geweckt. Die Tage im Schoberschen Haushalt waren von festen Regeln geprägt, Arbeit diente jedoch, anders als Rosa das aus ihrem Elternhaus kannte, nicht dazu, Gott zu gefallen sondern um Vermögen anzuhäufen. Bertas Wahlspruch, den sie bei jeder passenden Gelegenheit zum Besten gab, war „haste was dann biste was.“ Rosa begleitete Tante und Onkel jeden Tag in den Laden, wo Otto Tuche und Stoffe, Posamenten und Knöpfe und alle Arten von Kurzwaren verkaufte. Rosa saß in einem der dunklen Holzregale, die die Wände hinter dem Tresen verdeckten, auf den Stoffballen und beobachtete, wie Otto die Rollen auf dem großen Verkaufstisch ausbreitete und mit einem langen Holzstab, der als Maßband diente, die gewünschte Länge abmaß. Sie atmete den Duft der Wolle ein, lauschte den Gesprächen, die Berta mit den Kundinnen führte und besah sich die Zeichnungen in den Modejournalen. Sie liebte das Klingeln der kleinen Glocke an der Tür des Ladens, das Kommen und Gehen der Kunden, die Ladentür erschien ihr wie das Tor zu einer fremden Welt, durch das die Menschen in ihren kleinen Kosmos eintraten und wieder verschwanden. Frauen in bauschigen Röcken mit schmal geschnürter Taille, die Handschuhe trugen auch wenn es nicht kalt war und Männer, die mit ernstem Gesicht und Händen ohne Schwielen den Stoff für eine neue Hose prüften. Sie war es nicht gewöhnt, so vielen fremden Menschen zu begegnen, doch die anfängliche Scheu legte sich schnell. Die Tage vergingen im immer gleichen Rhythmus, die Arbeit wurde unterbrochen von Mahlzeiten, die schweigend in dem großen Esszimmer eingenommen wurden. Berta regierte über den Haushalt und ihren Ehemann und auch Rosa hatte sich zu fügen. An den Nachmittagen war Otto alleine im Geschäft und Berte widmete sich mit Inbrunst Rosas Erziehung. Sie fütterte sie mit ihren Lebensweisheiten und war fest entschlossen, aus Rosa das Kind zu formen, das sie gehabt hätte, wenn sie je schwanger gewesen wäre.
„Wenn du etwas werden willst im Leben, musst du nach Amerika gehen“, pflegte sie zu sagen. „In Amerika kann unsereins noch etwas werden. Da gibt es keinen Kaiser, der über seine Untertanen bestimmt wie es ihm gefällt.“ Sie war keine Anhängerin der herrschenden Verhältnisse und vom Kaiserreich hielt sie gar nichts. Ihre wahre Tragödie war ihr Geschlecht, sie wusste das und machte immer wieder eine Bemerkung darüber, die Rosa nicht verstand. Aber sie lernte, dass Männer über Frauen bestimmen, sobald man sich ihnen durch Heirat ausliefert und dass eine Frau nur selbstbestimmt leben kann wenn sie alleine bleibt.
„Aber du hast doch auch den Onkel Otto geheiratet, Tante“ sagte Rosa.
„Ja, mein Kind, das habe ich. Aber da war ich schon was. Haste was dann biste was. Und ich habe Geld mitgebracht aus Amerika. Wenn du etwas werden willst, musst du einmal nach Amerika gehen, Rosa. In Amerika gibt es Häuser, die haben zwölf Etagen oder mehr. Alles ist groß und weit und wer fleißig ist kann auch sein Glück machen.“
Rosa sah Berta mit großen Augen an.
„Wo ist denn Amerika?“ fragte sie.
„Weit weg, man muss mit einem Schiff über das Meer fahren, das dauert sechs Wochen“, sagte Berta. „Die Passage ist teuer, da musst du vorher tüchtig arbeiten und sparen, damit du dir die Fahrkarte kaufen kannst.“
„Ich will auch nach Amerika gehen, Tante“, Rosa machte ein ernstes Gesicht.
„Dann musst du immer fleißig sein,“ sagte Berta und sah Rosa streng an. „ Und deshalb wirst du jetzt Handarbeiten lernen. Ein Mädchen ist nie ohne Handarbeit.“
Berta ging zu ihrem Nähkästchen und holte eine Häkelnadel und ein Knäuel Wolle.
„Wir fangen mit Häkeln an. Schau her, so macht man Luftmaschen.“ Sie nahm Rosas kleine Hände, wickelte ihr den Faden um die Finger der linken Hand und führte die rechte Hand. Wieder und wieder musste Rosa es versuchen bis sie verstanden hatte wie sie die Hände und das Garn halten musste. Jedes Mal war Berta unzufrieden mit dem Ergebnis, nahm Rosa das gehäkelte Band aus unförmigen Luftmaschen ab und zog die Arbeit wieder auf.
„Das ist nicht gut Rosa, das musst du nochmal machen.“
Und Rosa fügte sich und übte. Sie wollte fleißig sein und eiferte bald in allem Berta nach. Sie lernte Häkeln und einige Monate später auch das Stricken. Bertas Leidenschaft für, akkurat gefertigte, Handarbeiten war eine Passion, die beide zu Lebzeiten verbinden würde. Rosa konnte ganz in ihrer Arbeit aufgehen und dabei die Welt um sich vergessen. Berta, die eher kurz angebunden war, konnte sich doch nicht beherrschen, als sie sah, wie begabt Rosa war und wie schnell sie lernte. Deshalb ließ sie sich, ganz gegen ihre Gewohnheit, immer wieder zu Lob hinreißen. Rosa, die so viel Aufmerksamkeit nicht gewohnt war, sah zu Boden und strengte sich dann noch mehr an. So zogen die Monate ins Land, Weihnachten stand vor der Tür und Rosas Erinnerung an ihre Familie begann zu verblassen.

Rosas Reise (5)

Anne (2)
Es war, als ob Rosas Geschichte etwas in mir in Gang gesetzt hätte. Immer wieder nahm ich die Seite heraus, die sie kurz nach ihrem achtzigsten Geburtstag geschrieben haben musste. Immer wieder las ich ihre Worte und es kam mir vor, als enthielten sie eine Botschaft für mich, den Auftrag, es besser zu machen.
Es sind im Leben ja oft die vermeintlichen Zufälle, die dem eigenen Schicksal eine neue Richtung geben. Wie ein Schubs, der einen aus der eingeschlagenen Spur schiebt und so zu einer neuen Perspektive verhilft oder Dinge in Bewegung setzt. Vielleicht ist es aber tatsächlich so, dass man die Menschen und Situationen anzieht, die einem helfen, dahin zu kommen wo man hinmöchte. Rosas Botschaft erreichte mich zu einem Zeitpunkt, an dem ich auf dem besten Wege war, mich für andere und das Aufrechterhalten einer heilen Welt, die keine mehr war, aufzugeben. Wenige Wochen zuvor waren die Kulissen meiner Familienidylle zusammengestürzt und hatten sich als das entpuppt, was sie gewesen waren: potemkinsche Dörfer. Mein persönlicher Supergau war an einem Oktoberabend eingeleitet worden, der unspektakulär begann. Doch an diesem Abend schlich sich die Katastrophe an und als ich am nächsten Morgen aufstand hatte sie es sich bereits in meinem Leben gemütlich gemacht ohne dass ich es bemerkt hatte. Mein alter Freund Martin war zu Besuch bei seinen Eltern und wir wollten uns endlich mal wieder treffen und ausführlich reden. Seit er in Hamburg wohnte sahen wir uns nur noch sehr selten und wir freuten uns beide auf das Wiedersehen. Es war ein milder Abend, wir saßen auf meiner Terrasse bei einem Glas Rotwein und sahen der Sonne zu wie sie hinter dem Wald verschwand. Bei mir gab es nicht viel zu erzählen, alles war wie immer. Martin hatte mir schon am Telefon angedeutet, dass etwas passiert sei und ich hatte das Gefühl, er wollte es loswerden.
„Was ist los,“ sagte ich, „erzähl, ist etwas mit deinen Eltern?“ Martins Vater hatte einen Schlaganfall gehabt und ich wusste, dass die Genesung sehr langsam voranging und Martin sich große Sorgen gemacht hatte.
„Nein, es geht beiden soweit gut. Bei meinem Vater hat sich viel getan, er kann wieder laufen, zwar mühsam mit Gehhilfe, aber es wird jeden Tag besser.“
Ich war erleichtert. Die Sorge um die Eltern war etwas, was meine gleichaltrigen Freunde und mich immer mehr beschäftigte. Die Kinder waren selbständig und forderten uns nicht mehr so wie die Jahre davor, aber jetzt kamen Krankheit und Hinfälligkeit der Eltern als neue Aufgabe hinzu, die wir meistern mussten.
Martin holte tief Luft, offensichtlich kostete es ihn einige Überwindung, mir zu erzählen was ihm auf der Seele brannte.
„Sandra hat einen anderen,“ sagte er mit einer Spur Bitterkeit in der Stimme.
Ich war völlig überrascht von dieser Eröffnung und zunächst wusste ich nicht, wie ich reagieren sollte.
„Woher weißt du das? Bist du dir sicher? “ ich konnte mir das nicht recht vorstellen.
„Ja, ich bin sicher. Ich habe vor ein paar Tagen ihr Handy in der Hand gehabt, sie hatte 180 SMS von einem Typen namens Thorsten drauf. Solche Sachen wie `ich vermisse dich`, ìch würde dich jetzt gerne und küssen und so weiter.“
„Du kontrollierst ihr Handy?“ Ich war erschüttert; tat aber so als ob ich das amüsant finden würde.
„Ach, eigentlich ist das nicht mein Ding aber ich war so hilflos – seit Monaten spüre ich, dass etwas nicht stimmt aber wenn ich sie frage, was los ist weicht sie aus -“, Martin war außer sich, das spürte ich.
„Bestimmt sagt sie: es ist nichts, alles ist gut, stimmt`s?“
„Ja genau. Sie streitet alles ab. Aber jetzt habe ich den Beweis.“
„Und, hast du sie schon damit konfrontiert?“
„Nein“ er holte tief Luft.“ Ich kann nicht.“
„Wie, du kannst nicht – sie betrügt dich offensichtlich! Das kannst du doch nicht so hinnehmen!“
Jetzt war ich diejenige die lauter wurde.
„Ich kann nicht mit ihr darüber sprechen, ich habe Angst, vor der Wahrheit. Angst, dass sie mich verlassen könnte. Ich leide. Du kannst dir das nicht vorstellen, wie ich leide. Ich kann nicht mehr schlafen, ohne zwei Tabletten jede Nacht komme ich gar nicht erst in den Schlaf, und trotzdem schlafe ich nie mehr als drei, vier Stunden. Ich bin manchmal zu nichts zu gebrauchen.“
Ich drehte mein Weinglas zwischen den Fingern, sah Martin an und konnte es nicht fassen. Er saß da, mit eingezogenen Schultern, wie ein Häuflein Elend. Martin war so ein selbstbewusster Mann, er hatte so viel Charisma. Schon zu unserer Schulzeit, denn so lange kannten wir uns, war er in unserer Kleinstadt etwas Besonderes gewesen. Ich konnte es nicht fassen, dass eine Frau ihn so aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. Ich reichte ihm sein Glas und stieß mit ihm an.
„Kopf hoch, Martin. Du bist so ein großartiger Mensch. Wenn Sandra das nicht erkennt, dann ist ihr nicht mehr zu helfen.“
Es war leicht dahingesagt, das wusste ich, aber etwas Besseres fiel mir einfach nicht ein. Martin lächelte gequält und trank einen Schluck Wein. Wir stellten unsere Gläser ab und schwiegen, es war, als würde das, was Martin mir da erzählt hatte, jetzt langsam in unser Bewusstsein sickern. Ich kenne das, solange man Dinge mit sich selber ausmacht sind sie nicht so wirklich und real wie in dem Moment, wenn man darüber spricht. Es zum ersten Mal ausspricht – es ist als würde man damit das manifestieren, was zuvor nur ein Gedanke war, es in die Wirklichkeit hereinholen, und nie wieder loswerden. So ging es uns beiden jetzt, wir staunten über das, was er da gesagt hatte und das Gesagte wurde zur Wirklichkeit. Martin starrte schweigend vor sich hin. Das was zwischen Sandra und Martin passierte betrachtete ich jetzt aus der Distanz, wie ein unbekanntes Insekt, das man versucht in eine Kategorie einzusortieren. In einem entfernten Winkel in mir lauerte jedoch die Erkenntnis, dass ich das auch kannte. Die Frage „was ist los?“ weil man spürt, dass etwas nicht stimmt, dieses diffuse Gefühl einer sich anbahnenden Katastrophe – und auch die immer wiederkehrende Antwort „es ist nichts.“ Das Gespräch mit Martin war das Streichholz an einer Lunte, deren Sprengkörper in meinem Leben wie ein Blindgänger gelauert hatte. Jahrelang lag er da und nichts war passiert. Jetzt war Martin derjenige, der, ohne es zu wissen und völlig absichtslos, die Lunte in Brand gesteckt hatte.
Als ich mich an diesem Abend ins Bett legte konnte ich lange nicht einschlafen. Martins Geschichte ging mir nicht aus dem Kopf. „Eigentlich könnte das auch meine Geschichte sein,“ dachte ich. Und mit diesem Gedanken öffnete ich der Katastrophe die Tür. Sie zog bei mir ein. Ihr erster Auftritt war am nächsten Morgen als ich beschloss ohne Ankündigung und ohne Plan B reinen Tisch zu machen. Auch ich hatte mir jahrelang den Satz „es ist nichts“ angehört. Jetzt wollte ich endlich die Wahrheit hören. Als wir mit einer Tasse Kaffee am Esstisch saßen stellte ich mir vor ich säße in einem Verhörzimmer, eine Szene die ich aus diversen Krimis kannte. Ein Tisch, zwei Stühle die sich gegenüber stehen, ein Aufnahmegerät und eine Kamera, die das Gespräch aufzeichnet.
Ich schaltete das imaginäre Aufnahmegerät ein und begann mit der Befragung des Verdächtigen.
„Heute ist der 10. Oktober 2013, 10 Uhr 15. Anwesend sind Kriminalkommissarin Ina M.. und der Verdächtige Thomas M..“
Leider konnte ich nicht die übliche Frage stellen: „wo waren Sie in der Nacht zum…“ und so weiter. Es gab ja keinen konkreten Fall. Da war nichts weiter als dieses Gefühl. Eine Ahnung, die am Abend zuvor durch das Aussprechen Zugang zu meiner Wirklichkeit bekommen hatte. Oder einfach das Öffnen der Büchse der Pandora, in die ich all die Nächte eingeschlossen hatte, in denen ich alleine im Bett lag und mich fragte wo mein Mann war. Die Nächte, in denen ich um drei Uhr morgens aufgewacht war, weil das Bett neben mir immer noch leer war. Ihm eine SMS geschrieben hatte, weil er das Telefon nicht abnahm. Die Antwort bekommen hatte dass er gleich losfahren würde. Und als er nach einer Stunde immer noch nicht da war weitere fadenscheinige Erklärungen via SMS in Kauf genommen hatte. Den Inhalt dieser Büchse konnte ich jetzt nicht auf den Tisch kippen, der Tisch wäre zweifellos zusammengebrochen. Also tastete ich mich auf Zehenspitzen an das Thema heran. Umkreiste es weiträumig, zog den Kreis immer enger bis ich Thomas soweit hatte dass er mir in die Augen sehen musste – und auch der Wahrheit.
Und dann kann die Antwort, mit der ich nicht gerechnet hatte.
„Ich habe mich verliebt. Sie ist die Liebe meines Lebens.“
Treffer, versenkt. Das saß. Da dachte ich doch immer, ich wäre ich wäre die Liebe seines Lebens. Die Katastrophe saß mit am Tisch und grinste mich an.
Der Verdächtige gab zu, weitere Leichen im Keller zu haben, Mein imaginäres Vernehmungsprotokoll erfasste fünf Jahre Ehebetrug mit diversen Frauen. Die Identität dieser Personen wollte der Verdächtige nicht preisgeben, das war für den momentanen Stand der Ermittlungen auch irrelevant. Als der Verdächtige sich in Gefühlsduseleien erging schaltete sich das Aufnahmegerät von selbst ab.
Ich heftete meine Notizen an eine unsichtbare Pinnwand und zog meine Schlüsse. Mit dieser Aussage konnten einige ungeklärte Ereignisse der Vergangenheit nachvollzogen werden. Es kam langsam Licht in diesen Fall, auch wenn der Verdächtige so tat, als ob er nichts dafür konnte, dass es so weit gekommen war (Es ist Schicksal. Wir sind füreinander bestimmt) so war es doch offensichtlich, dass er aus freien Stücken und in vollem Bewusstsein gehandelt hatte. Er war in vollem Umfang schuldfähig. Die Anklage konnte bei der Staatsanwaltschaft eingereicht werden und ich war sicher, der Staatsanwalt würde die Höchststrafe fordern.
Die Zeit sickerte vor sich hin, aus dem Morgen war plötzlich Mittag geworden, ohne dass ich es realisiert hatte. Eine Mücke umkreiste meinen Kaffeebecher und ich konzentrierte mich auf ihr Brummen und wartete auf eine Gelegenheit, sie mit der Zeitung zu erledigen. Aber sie entwischte mir immer wieder, setze sich an anderer Stelle auf dem Tisch hin und grinste mich an. Irgendwann wurde sie aber unvorsichtig und ich erwischte sie auf dem Deckel des Marmeladenglases. Ihr zermatschter kleiner Körper verschaffte mir etwas Befriedigung. Vielleicht hätte ich Thomas in diesem Moment auch gerne mit der zusammengefalteten Zeitung auf den Kopf gehauen – vielleicht hätte ich auch einfach gerne geschrien, ihn angeschrien, die ganze Welt, mein Schicksal, Gott, das Universum – es musste doch irgendeine Instanz geben, die ich für diese schreiende Ungerechtigkeit verantwortlich machen konnte! Stattdessen blieb ich äußerlich völlig ruhig, nahezu tiefenentspannt, es war ein Gefühl als ob ich zwei Wesen wäre, ein inneres, das schrie und ein äußeres, das schwieg. Ich starrte auf die Leiche der Fliege und hatte ein schlechtes Gewissen. Dann entdeckte ich einen Marmeladenfleck auf dem Tischtuch, ging in die Küche, holte ein feuchtes Tuch und versuchte den Fleck aus dem Tischtuch zu reiben. Aber es blieb ein verwischter roter Punkt zurück. Das erschien mir wie eine Metapher für das, was mir gerade passierte. Auch wenn ich noch so sehr versuchen würde, diesen Vertrauensbruch auszuradieren, es würde ein Rest zurückbleiben, der nie verschwinden würde. So wie die Flecken, die auch nach wiederholtem Waschen nicht mehr weggehen, zwar immer mehr verblassen aber wer weiß, wo der Fleck war, kann ihn auch sehen wenn nur noch eine Ahnung davon da ist.

Rosas Reise (3)

1905

Als Rosa vier Jahre alt war, wurde Wilhelmina geboren.
„Du solltest keine Kinder mehr bekommen, Barbara. Du kommst ja kaum noch zu Kräften.“ sagte Mina.
Die alte Hebamme hatte mit dem Kopf geschüttelt, als sie Barbara nach der Geburt das Kind in die Arme legte.
„Zehn Kinder sind genug, Barbara. Du hast keine Kraft mehr, du bist völlig ausgezehrt.“
Tatsächlich war Barbara nach Marias Tod nie wieder richtig zu Kräften gekommen. Sie war immer noch abgemagert und blass und nur während der beiden Schwangerschaften in den letzten vier Jahren hatte sie etwas Gewicht zugelegt. Sie wirkte bei allem, was sie tat, mechanisch, als ob ihre Seele weit weg  und nur eine Hülle ihrer selbst anwesend wäre.
Barbara legte das wimmernde kleine Wesen an ihre Brust und sah schweigend auf den Garten hinaus. Die Obstbäume hinter dem Haus trugen das erste zarte Grün, das Gras war nicht mehr so stumpf und leuchtete heller. `Es riecht nach Frühling,` dachte sie und die Sehnsucht nach Sonne und Licht wurde plötzlich übermächtig.
“Kannst du nicht ein Fenster öffnen, Mina, damit ein bisschen von der Frühlingsluft hereinkommt?“
„Frühlingsluft – eine Wöchnerin und ein Neugeborenes im Zimmer, ich bin froh, dass wir es hier drinnen warm haben und du willst das Fenster aufreißen!“
„Ach Mina, nur einen Spalt, bitte!“ Barbara sah Mina so flehend an, dass diese nachgab, Barbara noch eine Decke umlegte und dann das Fenster, das am weitesten vom Bett der Wöchnerin entfernt war, einen Spalt breit öffnete.
Barbara holte tief Luft und schloss erschöpft die Augen. Plötzlich brach die Müdigkeit über sie herein und sie spürte wie ihr die Augen zufielen. Aber im Schlaf kamen die traurigen Gedanken, im Schlaf kam die Erinnerung. Barbara wehrte sich dagegen. Sie wollte nicht einschlafen.
Kraftlos reichte sie Mina das Neugeborene, das zufrieden an ihrer Brust eingeschlafen war. Mina legte das Kind in die Wiege und schloss die Seiten des Betthimmels.
Als Barbara zu der alten Wiege hinüber sah dachte sie an Maria. Sie wäre jetzt dreizehn Jahre alt.
Der Schmerz war nicht mehr so übermächtig wie im ersten Jahr. Er war von einer großen Lawine, die sie immer wieder zu überrollen drohte, zusammengeschmolzen zu einem harten kleinen Stein, den sie in ihrer Brust trug. Barbara spürte den Schmerz ihrer Trauer wie ein ständiges Reiben, eine Wunde, die sich niemals schloss. Immer wieder wurde der dünne Schorf, der sich gebildet hatte, aufgerissen und die Wunde blutete wieder.
Als sie so ruhig dalag und wieder auf eine Wiege sah, holte sie den schmerzenden Stein hervor. Sie schloss die Augen und hielt ihn in ihrer Hand, fühlte wie schwer er wog.
„Er ist kleiner geworden, aber nicht leichter,“ dachte sie.
Sie versuchte, sich Marias Gesicht vorzustellen und es war in ihrer Erinnerung noch mehr zu einem Schemen geworden, es gelang ihr nicht mehr. Tränen traten in ihre Augen.
Mina ahnte, was in Barbara vorging.
„Denkst du immer noch an Maria?“
Barbara schwieg.
„Du musst an die Kinder denken, die leben, Barbara! Maria ist bei unserem Herrn, es geht ihr gut im Himmel! Denk an die Lebenden, sei dankbar dass der Herr euch gesunde Kinder geschenkt hat und versündige dich nicht – „
Mina wollte weiter reden aber da trat Albert durch die Tür. Er beugte sich über die Wiege und strich dem Kind mit seiner rauen Hand über die Wange.
„Welchen Namen sollen wir ihr geben?“
Barbara sah zu Mina.
„Es ist das zehnte Kind dem Mina bei uns auf die Welt geholfen hat. Wir nennen sie Wilhelmina.“
Mina strahlte und ihr altes, von Runzeln durchzogenes Gesicht errötete leicht.
Albert lachte als er Minas unverhohlene Freude sah.
„Das ist gut,“ sagte er, „das ist sehr gut. Und der Kaiser freut sich auch.“
„Am Sonntag kommt die Berta,“ sagte er,“ vielleicht wird sie ja Patin für die Wilhelmina.“
Albert hatte nicht gewagt hinzuzufügen, dass Berta ja seit dem Tod Marias kein Patenkind mehr hatte. Aber er wusste, dass Barbara ihn auch ohne Worte verstanden hatte.
„Ich spreche mit ihr,“ sagte sie.
Als ihre Schwester am Sonntag kam, saß Barbara in der Küche und stillte das Neugeborene. Rosa und ihre kleine Schwester Anna stritten um eine Flickenpuppe und weinten beide erbärmlich.
Berta schüttelte den Kopf.
„So kommst du nie zu Kräften, jetzt sind es schon drei so kleine Bälger. Warum schickst du nicht ein Kind zu mir? Das ist ja alles zu viel für dich, Bärbel.“
Berta nannte ihre Schwester beim alten Kosenamen aus der Kindheit.
„Wir haben keine Kinder aber ein großes Haus und genug Geld um ein Kind satt zu kriegen.“
„Ich kann doch ein Kind nicht hergeben wie einen Hund!“, Barbara war empört.
„Aber Bärbel, es ist doch nur gut gemeint. So lang, bis es dir wieder besser geht.“
Barbara zögerte, aber dann blickte sie auf das Neugeborene und wusste, noch ein paar Tage, dann würde sie wieder unerbittlich in die Arbeit auf dem Hof eingespannt werden.
Wilhelmina musste gestillt werden und die kleine Anna war erst drei Jahre alt. Es wäre eine Erleichterung, weiß Gott.
„Gut, die Rosa geht.“
Als Rosa ihren Namen hörte, hob sie den Kopf und sah die Mutter an.
„Rosa, du darfst zur Tante Berta gehen, die hat ein schönes großes Haus, da hast du ein Zimmer ganz für dich allein!“
Rosa verstand nicht recht, was die Mutter meinte, aber sie hatte verstanden, dass sie weggehen sollte.
Sie stampfte mit dem Fuß auf und weinte: „Rosa will nicht weg,“
schluchzte sie und drückte sich an Barbaras Rock.
Als Albert am Abend mit den großen Söhnen vom Feld kam, war der Handel zwischen den Schwestern perfekt.
Rosa würde zu Berta ziehen und Berta würde Patin werden bei Wilhelmina.
Wilhelm stritt mit der Mutter, aber sie war unerbittlich.
„Aber die Karoline kann doch zur Berta gehen –„
„Die Karoline brauch ich hier im Haus und die Anna ist zu klein. Nein, es ist besprochen, die Rosa geht.“
Berta und ihr Mann Otto hatten ein florierendes Tuchgeschäft in der nahen Kleinstadt, Rosa würde es dort gut gehen.
Wilhelm wollte nicht aufgeben, seit Rosas Geburt fühlte er sich für sie verantwortlich. Er war fast siebzehn Jahre alt und überragte seine Mutter deutlich. Wie Barbara hatte dunkle, fast schwarze Haare und helle grünbraune Augen. Sie standen sich wütend gegenüber und nur der anerzogene Respekt vor den Eltern hinderte Wilhelm daran, seine Mutter anzuschreien. Wütend und mit einem Gefühl von Ohnmacht drehte er sich um und verließ das Haus.
„Wo gehst du hin?“ rief Barbara ihm nach.
Aber Wilhelm reagierte nicht auf ihr Rufen und sie sah ihn die Straße hinuntergehen.
„Bestimmt geht er wieder zu Else, ins Unterdorf,“ murmelte Barbara wütend vor sich hin.
Seit einigen Monaten ging das schon, es hatte sich bereits im Dorf herumgesprochen, dass „Farrenwärters Wilhelm“ mit der Else poussierte. Sie war ein bildhübsches Mädchen, aber sie würde kein Land, kein Grundstück in eine Ehe miteinbringen. Barbara hatte andere Pläne für ihren Ältesten, er sollte nicht die Tochter eines Taglöhners heiraten, der kaum seine Familie ernähren konnte.
In den nächsten Wochen bis zu Rosas Abreise sprachen Mutter und Sohn nur das Nötigste miteinander. Wilhelm verbrachte jede freie Minute mit Rosa und Barbara ahnte, dass er sie auch mit Else zusammengebracht hatte. Eines Tages hatte Rosa eine kleine Flickenpuppe im Arm. Sie war offensichtlich von Hand genäht, aber mit so viel Liebe zum Detail gearbeitet, dass sogar Barbara, die sehr geschickt in allen Handarbeiten war, die Puppe staunend von allen Seiten betrachtete. Über einem weißen Blüschen trug die Puppe ein geblümtes Schürzenkleid mit einer kleinen Spitzenborte, darüber einen roten Mantel, der sogar einen Kragen aus falschem Pelz hatte. Ein kleiner roter Muff, den die Puppe um den Hals trug, vervollständigte das Ensemble.
„Das ist die Else!“ sagte Rosa stolz und somit war Barbaras Vermutung bestätigt.
„Die Else hat nämlich die Puppe gemacht,“ setzte Rosa hinzu.
„Nur für mich, niemand hat so eine schöne Puppe. Die Else nehm ich mit damit ich nicht alleine bin wenn ich auf die Reise gehe.“
„Soso, wenn du auf die Reise gehst..“ Barbara nahm sich vor, mit Wilhelm ein ernstes Wort zu reden. Rosa würde keine Reise machen, sie würde einige Zeit bei Berta wohnen und leben. Aber vielleicht war es besser, ihr das nicht zu sagen. Vielleicht hatte Wilhelm ja recht Rosa weiszumachen, sie gehe auf Reisen.
Wie sich herausstellte, besaß die Puppe auch eine kleine Tasche und ein weiteres Kleid, das in die Tasche gepackt wurde. Man hatte verabredet, dass Rosa am Tag von Wilhelminas Taufe mit Berta und Otto nach Kirchheim fahren würde. Während der Passionszeit war eine Taufe undenkbar, so wurde die Taufe auf den 3. Sonntag nach Ostern, Jubilate, festgesetzt.

Prolog

Schnee fällt mitten ins Herz

Es gab nicht viel, was aus der Welt in das kleine Dorf drang. Am Ende eines weiten Tals lag es zwischen Hügeln voller Obstbäume und schmiegte sich an den Albaufstieg wie ein Kind an den Rockschoß der Mutter. Etwa fünfzig Häuser drängten sich um die kleine Kirche und das Rathaus, die sich genau gegenüber lagen, die Hauptstraße lag dazwischen und trennte das Dorf in zwei Teile. Auf der Seite der Kirche lag das „Unterdorf“, wo die armen Bauern und Taglöhner lebten, auf der Seite des Rathauses, die der Alb zugewandt war, lag das „Oberdorf“, dort waren die Häuser größer und die Truhen voller. Es schien, als ob die Armen näher bei Gott sein mussten weil sie seinen Beistand nötiger hatten. Das hügelige Land versperrte den Blick auf die Welt, nur wenn man den steilen Aufstieg zur Burgruine auf sich nahm konnte man über das Land schauen, an klaren Tagen bis zu den Vogesen. Das Leben floss in den Menschen dahin wie ein träger schwerer Sirup, der, wenn er einmal seine Spur gefunden hat, diese nicht mehr verlässt. Die, die sich je gefragt hatten, ob mehr vom Leben zu erwarten war, waren nicht mehr da. Die erste Auswanderungswelle hatte das Dorf nach den Hungerjahren 1816/17 erfasst, ganze Familien wurden hinaus geschwemmt und trieben in eine unbekannte Zukunft davon. Nur die Alten, die geblieben waren, erinnerten sich später noch an sie. Die Auswanderer siedelten im Kaukasus oder an der Wolga und zuerst vergaß man ihre Gesichter und später ihre Namen. Der Herzschlag des Dorfes verlangsamte sich für ein paar Jahre, dann waren die leeren Häuser wieder bewohnt.
Doch immer wieder zog es Dorfbewohner hinaus, in jeder Generation wurde eine Gruppe von Mutigen geboren, die die Fremde nicht fürchteten und irgendwann aufbrachen um ein besseres Leben in einer neuen Heimat zu suchen.
Die Familie des Farrenwärters Matthäus hatte noch nie einen Auswanderer hervorgebracht. Sie galten als gottesfürchtig und lebten den Pietismus streng und ergeben. Nicht der Mensch sollte entscheiden, was gut für ihn war, Gott war es, der alles richtete. Gottes Achtung errang man durch harte Arbeit und das Befolgen der Gebote. `Arbeit ist Gottesdienst`, dieser Sinnspruch hing in der guten Stube und in diesem Bewusstsein wuchsen auch die Kinder heran. Doch dann hatte es plötzlich auch in Matthäus Familie ein Kind gegeben, das aufbegehrte gegen die Gesetze, die der Vater festgeschrieben hatte. Berta, die Älteste, hatte sich geweigert, den Weg, den die Familie für sie vorgesehen hatte, zu gehen. Anstatt den Mann, der ihr bestimmt war, zu heiraten, hatte sie sich eine Stelle als Dienstmädchen im fernen Stuttgart gesucht und das Dorf verlassen. Eines Tages hatte sie die Eltern mit ihrem Entschluss konfrontiert, nach Amerika auszuwandern und Matthäus hatte das Gefühl gehabt, als hätte Berta eine Krankheit eingeschleppt, die seine Familie still unterwandern würde. Als sie jedoch nach fünfzehn Jahren wieder zurückgekehrt war, im Gepäck ein kleines Vermögen, das sie sich durch harte Arbeit und eisernes Sparen erarbeitet hatte, war Matthäus doch stolz auf sie gewesen. Sie hatte einen verwitweten Geschäftsmann in der nahen Kreisstadt geheiratet und Matthäus hatte insgeheim großen Respekt vor dieser Frau, die ihm fremd geworden war und doch seine Tochter sein sollte.
Berta und ihre jüngste Schwester Barbara trennten fünfzehn Jahre. Barbara bewunderte ihre ältere Schwester, wenn auch deren Aufbegehren gegen den Vater und das Leben im Dorf sie nicht beeinflusst hatte. Während Berta in Amerika ihr Glück suchte, war sie zur Schule gegangen, hatte diese mit vierzehn Jahren beendet, gearbeitet und gebetet und von ihrer Mutter all das gelernt, was sie für das ihr bestimmte Leben als Ehefrau und Mutter können musste. Sie hatte sich nie gefragt, ob es etwas anderes geben könnte als dieses Leben, das sie kannte. So trieb sie im täglichen Einerlei dahin und ließ es zu, dass andere über ihr Schicksal bestimmten. Als sie einundzwanzig Jahre alt war und volljährig wurde, kehrte Berta zurück, rechtzeitig zu Barbaras Hochzeit. In den nun folgenden Jahren, in denen Barbaras Leben aus Gebären und Arbeiten bestand, war Berta zur Stelle, wann immer ihre Schwester sie brauchte. Als nach drei Buben endlich ein Mädchen geboren wurde, übernahm Berta die Patenschaft für die kleine Maria. Weitere Kinder folgten, die Geburten reihten sich aneinander wie Perlen auf einer Schnur, aber Maria war immer anders als ihre Geschwister. Sie schien mehr das Kind von Berta zu sein als das ihrer Mutter. Sie war selbstbewusst und hatte eine rasche Auffassungsgabe und wie ihre Patentante war sie zielstrebig und fleißig. Sie war ihrer Mutter früh eine Hilfe im Haus und mit den kleineren Geschwistern und Barbara spürte, dass sie dieses Kind mehr als alle anderen liebte und immer wieder hatte sie deshalb ein schlechtes Gewissen. Sie wollte mit Maria strenger sein als mit den anderen Kindern, um so ein Gegengewicht zu dieser Liebe zu setzen, aber sie konnte es nicht.
Jetzt hatte sich das alte Jahrhundert verabschiedet und die Menschen im Dorf vertrauten auf einen gütigen Gott, der ihnen auch in diesem neuen Jahrhundert das tägliche Brot und Frieden schenken würde. Seit dreißig Jahren hatten sie jetzt nicht nur einen König sondern auch einen Kaiser und das Dorf war Teil des deutschen Kaiserreichs. Doch eine Ahnung von neuen Zeiten wehte auch durch die kleinen Gassen und in die Zuversicht mischte sich in den täglichen Gebeten eine unbestimmte Furcht vor der Zukunft, die alle umtrieb. Im ersten Sommer des neuen Jahrhunderts war Barbara mit dem achten Kind schwanger. Sie quälte sich in dieser Schwangerschaft und je mehr die Monate vergingen desto mehr Arbeit musste sie auf Marias Schultern laden. Dann kam der Winter und brach mit Macht über die Menschen herein. Rings um das kleine Dorf waren die Hänge weiß, die Konturen der Bäume und Sträucher nur noch zu erahnen.
Die Äste brachen unter Schnee und Frost, Wege waren zugeweht, es schien, als hätte die Landschaft jegliche Farbe verloren. Das Braun der kahlen Äste, der bleierne Himmel und scheinbar ununterbrochen fallender Schnee bildeten einen nebelgrauen Rahmen für Tage, an denen es nie richtig hell wurde. Irgendwann vor Weihnachten hatte Maria begonnen zu husten. Niemand hatte darauf geachtet, denn immer wieder hustete eines der Kinder. Man gab ihnen Milch mit Honig zu trinken und braute einen Kräutertee mit Spitzwegerich. Doch der Husten wurde schlimmer, irgendwann erbrach Maria sich beim Husten. Sie verlor an Gewicht und wurde immer blasser.
Nach Weihnachten bestand Barbara darauf, dass ein Bett für Maria in die Stube an den Kachelofen gestellt wurde, damit sie nicht in der kalten Schlafkammer liegen musste. Als die Silvesternacht anbrach war Barbara wie gelähmt vor Angst, sie könnte Maria verlieren. Die Angst legte sich wie eine Klammer um ihr Herz und nahm ihr den Atem, immer wieder holte sie tief Luft um dieses Gefühl zu vertreiben. Sie war jetzt im neunten Monat schwanger und der dicke Bauch mit dem unbekannten Kind darin behinderte sie. Doch die Angst bahnte sich ihren Weg und zog sich um Barbara zusammen, schloss sie in sich ein wie in einen Kokon, der sich immer enger schnürte. Es schien ihr als ob das zu Ende gehende, sterbende Jahr auch Maria mit in den Tod reißen könnte. Sie wachte am Bett ihrer Tochter und war sicher, wenn Maria den Neujahrsmorgen erleben würde dann wäre alles überstanden.
Marias Husten erfüllte den Raum. Barbara stand vor dem Bett, starrte auf das bleiche kleine Gesicht und strich Maria eine schweißnasse dunkle Locke aus der Stirn. Lauernd stand der Tod neben dem Kamin.
„Wenn ich einschlafe nimmt er sie mit,“ dachte sie.
„Nicht schlafen, nie mehr schlafen. Bis wir wieder fröhlich am Tisch sitzen und jemand sagt, weißt du noch, der Winter als Maria so krank war?“
Maria hustete. Ein trockenes, keuchendes Geräusch, wie ein Kratzen auf rauem Papier, ein Atemholen ohne Atem. Zwei Kinder in einem Zimmer. Eines auf der Schwelle des Lebens, kurz vor der Geburt, eines schon fast hinübergeglitten in einen fiebernden Traum. Trafen sie sich in diesem Niemandsland und hielten sich fest? Der Schnee fiel unaufhörlich. Die Konturen der Landschaft wurden rund und weich, die kahlen Äste der Eiche vor dem Haus waren mit weißen Bändern geschmückt wie für ein Fest. Barbara starrte aus dem Fenster und blinzelte in das Nichts aus wirbelnden Flocken. Der Tod grinste sie zuversichtlich an. „Nicht einschlafen“, ein schwächer werdendes Mantra. Nicht einschlafen.
In dieser Nacht starb Maria. Als Barbara erwachte, einen Arm um das tote Kind geschlungen, war der Tod verschwunden. Staubkörnchen reisten auf einem Sonnenstrahl durch das Zimmer.
Das Grab für Maria wurde dem gefrorenen Boden nur mit Mühe abgerungen. Barbara stand vor dem kleinen Sarg, den schwangeren Bauch mit dem anderen Kind wie ein Schild vor sich. Die Trauergäste blickten an ihr vorbei als sie kondolierten, sie wollten weg, zurück in die Normalität des eigenen Lebens. Doch Barbaras Trauer war machtvoll, hing wie Nebel über dem Platz und kroch mit langen Tentakeln über den Schnee. Nistete sich ein in ihre Mäntel wie schlechte Luft, verfolgte sie bis in ihre Häuser und nahm ihnen den Atem.
An einem kalten sonnigen Februartag im Jahr 1901 wurde Rosa geboren.
Aber der Tod gab nicht auf. Es würde sein Jahrhundert werden.

Barbara (3)

1901

Januar

Marias Husten erfüllte den Raum. Barbara stand vor dem Bett, starrte auf das bleiche kleine Gesicht (so weiß wie Schnee) und strich Maria eine schweißnasse dunkle Locke (schwarz wie Ebenholz) aus der Stirn. Lauernd stand der Tod neben dem Kamin.
„Wenn ich einschlafe nimmt er sie mit,“ dachte sie.
Nicht schlafen, nie mehr schlafen. Bis wir wieder fröhlich am Tisch sitzen und jemand sagt, weißt du noch, der Winter als Maria so krank war?
Maria hustete. Ein trockenes, keuchendes Geräusch, wie ein Kratzen auf rauem Papier, ein Atemholen ohne Atem. Zwei Kinder in einem Zimmer. Eines auf der Schwelle des Lebens (kurz vor der Geburt) eines schon fast hinübergeglitten in einen fiebernden Traum. Trafen sie sich in diesem Niemandsland und hielten sich fest? Der Schnee fiel unaufhörlich. Die Konturen der Landschaft wurden rund und weich, die kahlen Äste der Eiche vor dem Haus waren mit weißen Bändern geschmückt wie für ein Fest. Barbara starrte aus dem Fenster und blinzelte in das Nichts aus wirbelnden Flocken. Der Tod grinste sie zuversichtlich an. „Nicht einschlafen“, ein schwächer werdendes Mantra. Nicht einschlafen.
In dieser Nacht starb Maria. Als Barbara erwachte, einen Arm um das tote Kind geschlungen, war der Tod verschwunden. Staubkörnchen reisten auf einem Sonnenstrahl durch das Zimmer.
Das Grab für Maria wurde dem gefrorenen Boden nur mit Mühe abgerungen. Barbara stand vor dem kleinen Sarg, den schwangeren Bauch mit dem anderen Kind wie ein Schild vor sich. Die Trauergäste blickten an ihr vorbei als sie kondolierten, sie wollten weg, zurück in die Normalität des eigenen Lebens. Doch Barbaras Trauer war machtvoll, hing wie Nebel über dem Platz und kroch mit langen Tentakeln über den Schnee. Nistete sich ein in ihre Mäntel wie schlechte Luft, verfolgte sie bis in ihre Häuser und nahm ihnen den Atem.

Barbara (2)

Berta war schon vor drei Jahren weggegangen und hatte eine gute Stellung als Hausmädchen in Stuttgart gefunden. Barbara sollte ihr folgen, Berta hatte alles genau geplant. Sie sollte als Laufmädchen arbeiten und die Besorgungen für die Herrschaft in der Stadt erledigen. Aber Barbara wollte nicht, und so kehrte Berta ohne Barbara nach Stuttgart zurück, aber sie hatte ihrer Schwester das Versprechen abgenommen, dass sie den Eltern nichts von ihrer geplanten Auswanderung nach Amerika verraten würde.
Barbara fieberte dem Sonntag entgegen. In der Kirche saß sie neben ihrer Mutter und immer wieder suchten ihre Augen Albert, der unter den Männern auf der anderen Seite der Kirche saß. „Heute,“ dachte Barbara während sie das Vaterunser betete. „Heute kommt er zum Vater.“ Und der Gedanke erschütterte sie so, dass eine Gänsehaut sie überlief. Was, wenn Berta recht gehabt hatte, und ihr Vater seine Zustimmung zur Hochzeit verweigerte? Barbara verscheuchte diesen Gedanken als sie spürte, dass ihr Tränen in die Augen stiegen. „Es ist in Gottes Hand,“ dachte sie. „Er wird es richten.“
Albert kam am Nachmittag. Matthäus saß mit der Pfeife auf der Bank vor dem Haus. Albert zog seine Mütze und grüßte, dann drehte er die Mütze zwischen seinen Händen.
„Kottlerbauer, ich, also wir – die Barbara und ich,“ vor Aufregung konnte Albert keinen Satz zu Ende führen.
„Wenn du mir sagen willst, dass ihr zwei heiraten wollt – das schlag dir aus dem Kopf. Du kannst keine Familie ernähren, und du bringst nichts mit.“
Barbaras Vater klopfte seine Pfeife an der Bank aus und ging ohne ein weiteres Wort ins Haus.
Er rief Barbara zu sich und erklärte ihr, dass sie sich den Hungerleider aus dem Kopf schlagen solle, ihn würde sie nie heiraten dürfen.
Barbara drehte sich um und lief weinend in ihre Kammer. Die folgenden Tage betete sie in jeder Nacht für ein Wunder. Und Gott hatte ein Einsehen.
Der Frühling kam und mit ihm der Regen. Es regnete tagelang und alle Wege und die Felder waren aufgeweicht. Auf dem Weg zum Farrenstall stürzte Matthäus so schwer, dass er seinen Arm in der Schlinge tragen musste und die gewohnte Arbeit auf dem Feld und im Stall von seiner Frau Mathilde und den Kindern getan werden musste. Schon am ersten Tag nach dem Unfall war Albert zur Stelle. Er half wo er konnte und irgendwann gab Matthäus seinen Widerstand auf und ließ es zu dass Albert ihm auch bei den Farren zur Hand ging. „Du kannst mit Tieren umgehen,“ sagte er nach zwei Wochen anerkennend zu Albert. Damit war das Eis gebrochen. Barbara schien es, als wüchse nicht nur der gebrochene Arm zusammen sondern auch der Vater und ihr Albert.
Schließlich willigte Matthäus ein und Barbara und Albert bekamen seinen Segen. Die Hochzeit sollte im folgenden Jahr gefeiert werden.
„Liebe Berta,“ Barbara schrieb ihrer Schwester, aber das Schreiben fiel ihr schwer. Im Gegensatz zu Berta war sie nie gerne zur Schule gegangen. „der Vater hat uns seinen Segen gegeben und ich weiß, dass es Gottes Wille ist, dass ich Albert heirate. Jeden Tag habe ich gebetet dass der Herr den Vater umstimmt und er hat meine Gebete erhört. Die Hochzeit ist nächsten Mai. Du sollst meine Brautführerin sein! Sei herzlich gegrüßt von deiner Schwester Barbara“
Bertas Antwort ließ lange auf sich warten.
„Verehrte Eltern, liebe Geschwister, wenn ihr diesen Brief in den Händen habt bin ich schon auf dem Schiff nach Amerika. Der Agent hatte schon früher einen Platz für mich und ich reise nun nach New York. Sobald ich angekommen bin und eine Arbeitsstelle habe, schreibe ich Euch die Adresse.
Leider kann ich nicht bei der Hochzeit dabei sein, liebe Schwester, aber ich wünsche Euch von Herzen alles Gute. Frau Hofrat aus Stuttgart hat mich gefragt, ob nicht eine meiner Schwestern nach Stuttgart in ihren Haushalt kommen möchte. Ich habe ihr gesagt, dass Lina bald soweit ist, eine Stellung anzunehmen. Die Frau Hofrat wird Euch schreiben, liebe Eltern, damit ihr die Lina hinschickt.“ Da Barbara als Dienstmädchen nicht in Frage kam sollte also Lina nachrücken. Sie war bald vierzehn Jahre alt und würde im Sommer die Schule verlassen. Wie es für ein Mädchen üblich war, würde sie als Magd oder Dienstmädchen arbeiten.
Einige Wochen vergingen und Barbara hielt Bertas zweiten Brief in den Händen. Sie drehte den Umschlag hin und her, befühlte das Papier und staunte über die fremden Briefmarken und Stempel. „Liebe Schwester, es ist alles so, wie ich es dir gesagt habe. Hier kann ich viel mehr Geld verdienen, als daheim. Ich bin jetzt in Chicago, das ist eine große Stadt am Michigansee. Der See ist groß wie ein Meer und oft ist es neblig und der Wind zieht durch die Straßen. Sie nennen Chicago „windy city“, das heißt windige Stadt. Ich habe eine Stellung bei einer guten Familie, ich stehe dem ganzen Haushalt vor. Stell dir vor, in Chicago leben 500.000 Menschen! Da könnte man unser Dorf tausendmal hineinstellen.
Hier gibt es so große Häuser, eines hat zehn Etagen und man sagt, es sei das höchste Haus der Welt. Ich hoffe, es sind alle gesund bei Euch, viele Grüße an die ganze Familie, deine Schwester Berta.“
Die Jahre gingen ins Land und Bertas Prophezeiung wurde Wirklichkeit. Barbaras Kinderschar wurde immer größer. Als sie mit dem vierten Kind schwanger war, stand Berta plötzlich vor der Tür. Fünf Jahre war sie in Amerika gewesen und jetzt war sie zurückgekommen. Berta hatte Heimweh, aber das hätte sie nie zugegeben. Außerdem hatte sie ihr Ziel erreicht und in Amerika viel Geld verdient. Sie hatte eisern gespart, sich nichts gegönnt und brachte ein kleines Vermögen zurück. Sie würde nicht mehr als Dienstmädchen arbeiten müssen. Es stellte sich heraus dass sie bereits seit vier Wochen wieder im Lande war, sie hatte sich in Kirchheim ein Haus gekauft und würde dort wohnen.
„Du wohnst doch nicht alleine in diesem großen Haus?“, Barbara, die mit der ganzen Familie in einem kleinen Haus am Ortsrand wohnte, konnte sich das nicht vorstellen. Sie ging durch die Räume, strich mit den Händen über die schimmernden Vorhangstoffe und blank polierten Möbel. „Selbstverständlich wohne ich hier allein!“ In Bertas Stimme schwang ein bisschen Empörung mit. „Schließlich bin ich ja eine alleinstehende Frau, wer sollte also hier mit mir wohnen?“
„Ich dachte, vielleicht willst du heiraten,“ Barbara schaute zum Fenster hinaus, es war ihr unangenehm, solche Dinge zu besprechen.“Du bist ja noch nicht zu alt dazu, du könntest vielleicht sogar noch Kinder bekommen.“
„Oh Bärbel,“ Berta nannte ihre Schwester bei ihrem alten Kosenamen aus der Kinderzeit.
“ Weißt du denn nicht, dass ich auch deshalb weggegangen bin, damit ich nicht heiraten muss? Keine Kinder bekommen muss?“
„Aber das ist doch unsere Aufgabe, seid fruchtbar und mehret euch, spricht der Herr.“
„Dann ist es ja gut, wenn du das Gebot befolgst, mit einem Mann, an dem dir etwas liegt.“ sagte Berta schnippisch.
„Ach Berta,“ Barbara wollte einlenken,“ ich habe es doch nicht böse gemeint!“
Ein paar Minuten herrschte Stille und beide Frauen hingen ihren Gedanken nach. Jede überlegte sich wie sich wohl das Leben der anderen anfühlte, doch sie gestanden es der Schwester nicht ein.
„Berta, -,“ Barbara wollte die Stille überwinden,“ würdest du das Kind, das ich trage, über die Taufe halten und Patin werden?“
Berta drehte sich zu Barbara um.
„Ja, aber nur, wenn es ein Mädchen wird.“
„Ich wünsche mir auch ein Mädchen, nach drei Buben.“ Barbara seufzte.
„Es wäre gut, wenn es das letzte Kind wäre, Barbara.“ Berta sah ihre Schwester eindringlich an.
„Ihr kriegt die Kinder sonst bald nicht mehr satt!“
„Albert wird der neue Farrenwärter,“
erwiderte Barbara. „Der Vater hat sich für ihn eingesetzt. Dann haben wir ein regelmäßiges Einkommen, gutes Geld von der Gemeinde.“
„Das ist ja schön,“ Berta zupfte an ihren Gardinen herum. „Aber das Haus ist trotzdem zu klein.“
„Albert will ein neues Haus bauen, ein – ein großes Haus, am Kelterplatz beim Farrenstall.“
„Soso, ein großes Haus will er bauen.“ Berta hatte das Zögern in der Stimme ihrer Schwester gespürt.
„Wir, ich – wollte dich fragen, Berta,“ Barbara brach ihren Satz ab, als ob sie selbst erstaunt wäre, dass sie diese Frage überhaupt stellen wollte.
„Ihr braucht Geld, nicht wahr? Ich habe mir schon so etwas gedacht,“ sagte Berta. „Ich werde Euch helfen, aber ihr zahlt mir auch Zinsen, wenn auch weniger als bei der Bank. Wir machen einen Vertrag.“
Und so kam es, dass Berta zuerst mit Barbara und Albert einen Vertrag über das Darlehen machte und einen Monat später auch Patin bei der ersten Tochter Barbaras wurde. Sie wurde im Oktober 1892 auf den Namen Maria Berta getauft. Jedes Jahr an Marias Geburtstag zahlte Albert den vereinbarten Betrag mit Zinsen an Berta zurück. An Marias zehnten Geburtstag würde die letzte Rate fällig werden.

Barbara

Es gab nicht viel, was aus der Welt in das kleine Dorf drang. Das Leben floss in den Menschen dahin wie ein träger schwerer Sirup, dessen Bahn vorgegeben war und nicht verändert werden konnte. Die, die sich je gefragt hatten, ob mehr vom Leben zu erwarten war, waren nicht mehr da. Die erste Auswanderungswelle hatte das Dorf nach den Hungerjahren 1816/17 erfasst, ganze Familien wurden hinaus geschwemmt und trieben in eine unbekannte Zukunft davon. Nur die Alten, die geblieben waren, erinnerten sich noch an sie. Die Auswanderer siedelten im Kaukasus oder an der Wolga und zuerst vergaß man ihre Gesichter und später ihre Namen. Der Herzschlag des Dorfes verlangsamte sich für ein paar Jahre, dann waren die leeren Häuser wieder bewohnt.
Doch immer wieder zog es Dorfbewohner hinaus, jede Generation gebar eine Gruppe von Mutigen, die die Fremde nicht fürchteten und ein besseres Leben in einer neuen Heimat suchten.
Die Familie des Farrenwärters Matthäus hatte noch nie einen Auswanderer hervorgebracht. Sie galten als gottesfürchtig und lebten den Pietismus streng und ergeben. `Arbeit ist Gottesdienst`, dieser Sinnspruch hing in der guten Stube und in diesem Bewusstsein wuchsen auch die Kinder heran.
„Ich gehe nach Amerika,“ erklärte Berta ihrer jüngeren Schwester. „Bist du verrückt?“ Barbara starrte Berta entsetzt an. „Woher hast du das Geld? Die Reise ist doch teuer!“
„Ich habe alles gespart was ich konnte,“ sagte Berta. „Ich brauche ja nicht viel. Und den Rest zahle ich dem Agenten von meinem Lohn in Amerika zurück. Da verdienen Frauen viel mehr Geld als hier.“
Barbara war sprachlos. Berta hatte offenbar alles bereits genau geplant.
„Hast du Vater gefragt?“
Berta lachte bitter auf.
„Fragen? Ihn fragen? Bist du noch gescheit? Er will mich nur verheiraten, aber daraus wird nichts. Wenn er seine Äcker verdoppeln will dann muss er eine andere Sau zur Schlachtbank treiben!“
Sie sah Barbara herausfordernd an.
„Er hat ja noch dich, Schönheit.“
Barbara schaute verlegen zu Boden, sie schämte sich für ihre Schwester. Wie konnte sie nur so frech und undankbar sein?
„Ich liebe Albert“ sagte sie leise.
Berta lachte laut auf.
„Diesen Hungerleider? Dem wird er dich nie zur Frau geben.“ „Er hat mich gefragt, ob ich ihn heirate. Und ich habe ja gesagt. Am Sonntag nach der Kirche geht er zum Vater.“
„Versprich mir, dass du dir den aus dem Kopf schlägst, Barbara. Einen armen Bauern mit kaum so viel Land, dass er zwei Mäuler stopfen kann. Du wirst arbeiten müssen wie ein Gaul und dazwischen bekommst du ein Kind nach dem anderen!“
Berta nahm Barbaras Hände und zwang sie ihr in die Augen zu sehen.
„Versprich es mir, Barbara. Verschenk nicht dein Leben!“
Barbara schüttelte den Kopf.
„Der Herr hat uns unseren Platz gegeben, Berta. Mein Platz ist hier. Und wenn er Albert und mir viele Kinder schenkt so ist das sein Wille.“
Kopfschüttelnd ließ Berta Barbaras Hände los.
„Bei dir ist Hopfen und Malz verloren, Schwester. Jetzt hilf mir mit der Tasche. Ich muss mich auf den Weg machen.“
Barbara sah ihrer Schwester nach. Sie ging mit leichtem Schritt und schien froh, das Dorf wieder verlassen zu können. Barbara war noch nie woanders gewesen als in dem Ort, in dem sie geboren worden war. Die Fremde machte ihr Angst, um nichts in der Welt hätte sie freiwillig diesen Platz verlassen, wo sie jedes Haus und jeden Menschen, der darin wohnte, kannte.