abc Etüden / noch eine Geschichte….

Fliederfarben / Bruchstücke / sternenwandern

3 Worte, 10 Sätze, eine Geschchte

sehr inspirierend, daher noch eine Geschichte aus meiner Buchstabensuppe frisch aufgetischt:

 

Das Blut aus der Einschusswunde malte ein bizarres Muster auf ihr fliederfarbenes Seidenkleid.

Yvonne, oder Elisabeth, wie sie sich derzeit nannte, war auf eine beinahe schlichte, fast schon undramatische Art, die so gar nicht zu ihr passte, umgefallen und rührte sich nicht mehr.

Leo betrachtete sie schweigend, die Pistole noch immer in der Hand, und genoss die Ruhe, die ihn vor ihrem dauernden Genörgel, ihrer affektierten Art und ihrer Geltungssucht bewahrte.

Er wusste nicht warum ihm ausgerechnet jetzt Bruchstücke aus ihrem letzten gemeinsamen Urlaub in den Sinn kamen.

Positano, es musste unbedingt Positano sein, nur weil Madame diesen Namen so romantisch fand.

Dennoch spielte er ihr Spiel mit und mimte den verliebten Ehemann, küsste ihr galant die Hand und lag nachts mit ihr am Pool um in den Sternenhimmel zu schauen.

„Sternenwandern“, nannte sie das, auch wieder so ein sentimentaler Quatsch.

War da nicht eben ein Zucken über ihr Gesicht gehuscht?

„Cut!“ die Stimme des Regisseurs schnitt in Leos Gedanken, „meine Güte Yvonne, kannst du nicht mal anständig sterben?“

 

Stuttgart – Köln, einfach (2)

Teil 2    Koblenz – Bonn – Köln

Die Tupfensockenfrau  verlässt in Koblenz den Zug. Ich mache mich auf den Weg zum Bordbistro (von Wagon 8 nach Wagon 11) und überlege es mir im nächsten Wagon anders. Eigentlich habe ich keine Lust auf einen überteuerten Kaffee mit Kondensmilch (bei dem Gedanken an Kondensmilch gruselt es mich) da ich ja in Köln zum Kaffeetrinken verabredet bin. Also suche ich mir den erstbesten freien Sitz und setze mich an einem Viererplatz mit Tisch einem jungen Paar gegenüber.

Die beiden sind etwa Anfang zwanzig und beide tippen auf ihren Smartphones, während sie sich unterhalten.

Zur Abwechslung schaue ich mal aus dem Fenster und konzentriere mich anstatt auf Schuhe auf den Dialog, der mir gegenüber stattfindet.

Sie: „Dann machen wir morgen Spinat.“

Er: „Ich dachte, wir essen Bohnen?“

Sie: „Nein, ich dachte, wir kochen heute Champignons, das ist doch auch schon Gemüse.“

Er: “Und dazu Spinat?“

Sie:“Nein Bohnen, das schmeckt doch lecker mit Zwiebelchen angebraten!“

Er:“ Montag muss ich die Immatrikulationsbescheinigung abgeben.“

Sie, tippt auf ihrem Smartphone rum, ist etwas abwesend: “Ist doch toll.“

Er:“Ich glaube, ich hole mir kein I-phone. Ich hole mir ein anderes Smartphone.“
Sie:“ Ja, aber wenn es dann nicht mit dem Mac kompatibel ist – „ ihr Daumen wischt hektisch auf dem Screen hin und her, „oh, ich habe Post von meinen Eltern bekommen.“

Er: „Was schreiben sie denn?“

Sie hält ihm ihr Telefon hin: „Lies selbst.“

Er überfliegt die Nachricht und gibt ihr das Telefon zurück:“ Okay, dann essen wir also morgen Bohnen.“

Sie: „Nein, Spinat.“

Er: „Spinat mit Bohnen.“

Sie: „Nein, Spinat.“

Er: „Also nur Spinat.“

Sie: „Ja, das ist doch lecker. Mit Zwiebelchen angebraten.“

Die Sprache ist die Quelle aller Missverständnisse sagte schon der kleine Prinz. Die gleichzeitige Benutzung von Smartphones während einer Unterhaltung scheint diesen Effekt noch zu verstärken. Hätte der kleine Prinz ein Smartphone dabeigehabt in der Wüste, wäre es wohl nie zu diesen grandiosen Zeichnungen des Piloten gekommen, denn er hätte ja alles mit dem Smartphone fotografiert und dem Piloten die Fotos digital gezeigt. Auf den letzten Kilometern zwischen Bonn und Köln werde ich also noch sentimental und stelle mir vor wie das war, damals, ohne Mobiltelefon.

Allein die Tatsache, dass ich mich an eine Zeit ohne Handy erinnern kann, sagt schon sehr viel über mein tatsächliches Alter aus. Wenn ich es recht überlege, könnte ich theoretisch sogar die Mutter der beiden Jungköche gegenüber von mir sein. Ich werde noch sentimentaler. Habe ich schon erwähnt, dass ich Zugfahren hasse?

„Verehrte Fahrgäste, in wenigen Minuten erreichen wir Köln-Hauptbahnhof. Ausstieg in Fahrtrichtung rechts.“

Endlich. Der Dom.

Rosa (4)

1901

Barbara treibt wie ein stummer Schatten durch das Haus. Wilhelm erscheint sie wie die die junge Königin im Märchen vom Brüderchen und Schwesterchen, die in der Nacht als Geist ihr Kind besucht und spricht „jetzt komm ich noch einmal und dann nimmermehr“. Manchmal, wenn er seine Mutter in ihren schwarzen Kleidern durch das Haus gehen sieht, stumm und mit seltsam leerem Blick, bekommt er Angst, dass auch sie verschwinden könnte. Die Trauer, die Barbara einhüllt, erscheint ihm wie ein dunkles Nichts, in das sie hineinfallen, ein Nebel, in dem Barbara sich für immer verirren könnte.

Als im Frühling die Tage heller werden, atmet das ganze Dorf auf. Die Fenster werden geöffnet und die Häuser holen wieder Luft. Die Schatten, die auf Barbara liegen, scheinen leichter zu werden. Doch der Tod gibt sich nicht geschlagen. Im Sommer, als die Hitze über den Feldern schwirrt, nimmt er den kleinen Eugen mit, nur eine Woche vor dessen siebtem Geburtstag. Wieder ein kleiner Kindersarg, dem Barbara folgen muss. Da fragen sich die Leute schon, was sie denn getan hat, dass Gott der Herr sie so straft. (Nichts ist schlimmer als wenn man seinen Kindern hinterhergehen muss). Es ist nur acht Monate her, da standen sie schon einmal auf diesem Friedhof, die Kinder, die sich an den Händen halten und Barbara, die sich an Albert klammert. Nicht weit von seiner großen Schwester findet Eugen sein Grab.

Barbara hat aus ihrer Trauer einen unsichtbaren Wall gebaut, Stein um Stein schichtet sie diese Mauer auf. Ihre Kraft reicht noch aus um die nötige Arbeit zu tun und ihre Familie zu versorgen. Für das Kind (die kleine Rosa) in der Wiege ist nichts mehr übrig.

Rosa (3)

1981

Je weniger mein Körper sich bewegt umso mehr reisen meine Gedanken, meistens in die Vergangenheit. Ist das eine schlechte Angewohnheit alter Leute, weil einfach mehr Zeit hinter ihnen liegt als sie noch vor sich haben? Mein aktuelles Lebensgefühl blende ich meistens aus, lieber lasse ich mich hemmungslos fallen in die Erinnerung an die Zeit als ich jung war. Ich wende mich nach innen, lausche einem fernen Ton, leise, konzentriert. Ich suche nach diesem einen Ton, der irgendwo in mir, konserviert seit Jahren, jetzt immer leiser klingt. Ich kann dann sogar meinen Blick nach innen richten, solange bis ich diesen Ton gefunden habe, und dann folge ich ununterbrochen seiner Spur in meinem Inneren. Ich liebe diese Reisen durch meine Archive, wie ich das nenne, sitze mit geschlossenen Augen da und lausche in mich hinein. Das klappt überall. In der Kirche ebenso wie beim Altennachmittag oder bei einem langweiligen Familienfest. Meine inneren Reisen haben dazu geführt, dass meine Familie sich mit dem Rest der Welt einig darüber ist, dass mein Geisteszustand nicht mehr der beste sei. Es scheint mir, dass wir alle in derselben Situation sind: wir sitzen die Zeit bis zu meinem Ableben aus und versuchen das Beste daraus zu machen. Für meine Familie bin ich eine alte verbitterte Frau, launisch und kratzbürstig. Ich befürchte, das trifft mein äußeres Bild ziemlich genau. Leider bin ich nicht in der Lage und vielleicht auch nicht willens mein Innerstes nach außen zu kehren.  Ab und zu hole ich das Foto des einzigen Mannes hervor, den ich je geliebt habe und frage mich was aus mir geworden wäre, wenn ich mich nicht dem Willen meiner Eltern, den Konventionen der Zeit, gebeugt hätte. Bald werde ich mich von dieser Welt verabschieden und vielleicht wird irgendein Familienmitglied nach meinem Tod meine Habseligkeiten durchsehen und mein altes Gesangbuch durchblättern. Den Konfirmationsspruch auf der ersten Seite lesen, die abgegriffenen Seiten überfliegen und zwischen all den frommen Liedern das Foto entdecken. Ein junger Mann, dunkle Haare, ebenmäßiges Gesicht, schöne klare Augen – und auf der Rückseite der Fotografie der Stempel eines Fotografen in Southhampton. Er oder sie wird sich fragen wer das wohl war. Diese Vorstellung gefällt mir, ich hinterlasse gerne ein paar Geheimnisse. Ich versuche mich daran zu erinnern ob ich die alten Leute in meiner Jugend auch mit diesen Augen angesehen habe? Als wären sie bereits alt auf die Welt gekommen? Vermutlich, ich erinnere mich nicht mehr daran. Was also nimmt man wahr, wenn man seine Eltern sieht? Nur die Gegenwart. Die Vergangenheit bleibt ein unentdecktes Land, wenn sie dich nicht einladen, sie dahin zu begleiten. Ich jedoch wollte nie etwas von mir preisgeben, das gebe ich zu. Wenn ich heute in den Augen meiner Familie als absonderlich und launisch gelte, dann stört mich das nicht weiter.  Es ist kein Grund, mein Schicksal vor ihnen auszubreiten wie ein unberührtes Laken, auf dem ihre Kommentare schmutzige Spuren hinterlassen. Ich werde nicht der erste Mensch sein, der seine Geheimnisse mit ins Grab nimmt und auch nicht der Letzte. Und dass es damit nicht mehr lang dauert, das spüre ich. Der Krebs, der angeblich ein Magenleiden ist, frisst sich unaufhörlich voran. Ob ich meinen nächsten Geburtstag noch erleben werde? Ich glaube es nicht.

Meine Familie hat gemeinsam mit meinem Arzt entschieden mich in dem Glauben zu lassen, meine Magenbeschwerden seien die Folgen eines harmlosen Magengeschwürs. Wie immer so griff auch hier das Vorurteil, dass mit zunehmendem Alter nicht nur die Haare weniger werden sondern automatisch auch die Gehirnleistung. Auch wenn es auf manche Menschen zutreffen mag, auf mich trifft es ganz gewiss nicht zu. Ich würde sogar behaupten, dass das Alter meinen Scharfsinn noch verstärkt. Ich jedenfalls lasse mich nicht wie ein unmündiges Kind behandeln. Schließlich ist es mein Körper, meine Krankheit und meine Lebenszeit. Ich habe mir daher eine zweite Meinung eingeholt. Bei einem Arzt, der als gnadenlos offen gilt und deshalb bei sensiblen Menschen keinen guten Ruf genießt. Für mich ist er genau der Richtige. Er hat mir schonungslos eröffnet dass ich wohl noch ein Jahr zu leben hätte, im Höchstfall. Da ich nicht an Wunderheilung glaube habe ich ihn um ein Rezept für starke Schmerzmittel gebeten und mich für seine Offenheit bedankt.  Dieser Arzttermin fand drei Tage vor meinem achtzigsten Geburtstag statt. Die Familie hatte sich für meinen Ehrentag mächtig ins Zeug gelegt. Ich wurde zum Essen ausgeführt und man trug launige Gedichte vor. Ich machte gute Miene und sah verstohlen auf die Uhr. Nach dem Dessert stand ein Spaziergang an und aus Rücksicht auf mein fortgeschrittenes Alter fiel dieser recht kurz aus. Danach kam das Beste, der Nachmittagskaffee. Ich liebe Kaffee, also trank ich mehrere Tassen, schloss dann hellwach die Augen und begab mich in mein Archiv. „ Die Oma Rosa schläft wieder,“ hörte ich meine Enkelin flüstern. Wenn die Leute wüssten, wie einfach es ist, seine Ruhe zu haben wenn man sich – gekonnt – schlafen stellt, würde das zur allgemeinen Disziplin werden. Ich saß also mit geschlossenen Augen auf meinem Stuhl und hörte nur noch Gesprächsfetzen und irgendwann gar nichts mehr. Stattdessen fragte ich mich ernsthaft, ob ich nach meiner Rückkehr aus Amerika jemals wieder glücklich gewesen war. Mein Leben war an mir vorbeigezogen wie die Landschaft, die man aus dem Zugfenster betrachtet. Es gibt Berge und Täler, schöne und weniger schöne Abschnitte. Manchmal denkt man, hier ist es schön, hier würde ich gerne länger bleiben, aber der Zug rast weiter. Leute steigen ein und steigen aus, setzen sich neben dich, auch wenn du sie nicht magst. Und andere, die du viel lieber in deinem Abteil hättest, finden dann keinen Platz mehr. Die Fahrkarte durch das Leben ist jedenfalls nur eine einfache, ein Zurück gibt es nicht. Mein Zug hat wohl nicht mehr allzu viele Stationen vor sich, vielleicht gibt es ja tatsächlich diesen einen Tunnel der ins Licht führt.. Obwohl ich in einer sehr pietistischen Familie aufgewachsen bin hielt sich meine Religiosität immer in Grenzen. Diesem zur Schaustellen des eigenen Glaubens, das so gerne von meinen Schwestern praktiziert wurde, konnte ich nie etwas abgewinnen. Ich war mein Lebtag nur bei Beerdigungen, Hochzeiten oder Taufen in der Kirche, das hat mir genügt. Der Herrgott hat sich seinen Spaß mit mir erlaubt, meiner Meinung nach sind wir quitt, ich bin ihm nichts mehr schuldig.

Meine Enkelin hängt der Theorie an, dass alles, was einem im Leben zustößt, Schicksal ist und als Prüfung angesehen werden muss, die es zu bestehen gilt. Wenn dem so wäre, habe ich dann bestanden, weil ich es den anderen recht gemacht habe? Oder hätte ich es doch besser für mich passend gemacht, mein Leben? Jetzt sitze ich hier am Fenster einer altersgerechten Erdgeschoßwohnung und fahre auf meinen Erinnerungen Karussell bis mir schwindlig wird und ich mich an den Armlehnen meines Sessels festhalten muss.

Rosa (2)

Rosa, eine kleine Blume, die Augen zwei blaue Tropfen in ihrem winzigen Gesicht. Barbara hat das Kind aus sich herausgepresst als ob es nichts mit ihr zu tun hätte. Es (das Kind) ist zu klein, sagt die Hebamme, es wird wohl die Nacht nicht überleben. Ihr müsst eine Nottaufe machen. Wilhelm, der Älteste,  ein stiller Beobachter, starrt auf das Kind, wartet, dass die Seele den kleinen Körper verlässt. Aber das Kind stirbt nicht. Barbara taumelt durch das Haus wie Treibgut im Meer, ziellos. Doch das neue Kind (Rosa) gedeiht trotz der fehlenden Mutterliebe. Schon jetzt scheint sie zu wissen, dass sie nur bekommt, was sie sich erkämpft. Sie weint ohne Unterbrechung bis Barbara sie wieder stillt.

Das Kind weiß was es will, sagt die Hebamme nach einer Woche. Rosa kämpft um ihr kleines Leben, mit nachdenklichem Gesicht (wie ein Stiefmütterchen) blickt sie in die Welt. Da ist die Mutter, deren Herzschlag sie kennt. Der Vater, dessen Stimme sie hört, und da ist Wilhelm. Der erste, der sie bei ihrem Namen nennt, Rosa. Alle anderen werden noch monatelang „das Kind“ sagen, wenn sie von ihr sprechen. Der Beginn ihres Lebens untrennbar verbunden mit dem Tod der älteren Schwester. Der Winter,  in dem sie geboren wurde, für immer der Winter in dem Maria starb.

Später wird man Rosa fragen, wie das war, damals in ihrer Kindheit. Und sie wird die Augen schließen und Wilhelm sehen. Seine dunklen Locken, seine starken Arme, das hellrote Zahnfleisch, wenn er lacht. Sie denkt an seine überstürzte Hochzeit, (weil Else schwanger war) Spätsommersonne, die Braut in schwarz, der Bräutigam in grau (Uniform). Heimaturlaub. Wie ein unsichtbares Band wob die Angst alle zusammen. Sie standen auf einem Teppich aus unausgesprochenen Gebeten, Verzweiflung und geahnten Katastrophen. Und sie wird wieder an diesen Frühlingstag denken (erste Sonne), als sie mit Wilhelms junger Frau (hochschwanger) vor dem Glaskasten am Rathaus steht, wo der Büttel die neuen Gefallenenlisten aufgehängt hat. Ihr Finger, der suchend die Liste entlangwandert, bis er auf Wilhelms Namen stehenbleibt. Wie sie erstarrt und ihren Finger nicht lösen kann von dieser Ansammlung falscher Buchstaben. Wie Else neben ihr aufschreit, zusammenbricht. Hände, die sie wegzerren von dem Kasten und ihr rechter Zeigefinger, immer noch ausgestreckt, wie ein Mahnmal. Wilhelm, ihr schöner Bruder, zerschossen in irgendeinem Schützengraben.

An diesem Tag entschied sich Rosa, wegzugehen.

Rosa (1)

Es ist Winter. Grauer, nebelgesichtiger Winter. Äste brechen unter der Last des Schnees und der Kälte. Trügerische Schneeflocken, fallen so weich vom Himmel und werden hart wie Glas.

Marias Husten erfüllt den Raum. Barbara steht vor dem Bett, starrt auf das bleiche kleine Gesicht (so weiß wie Schnee) und streicht Maria eine schweißnasse dunkle Locke (schwarz wie Ebenholz) aus der Stirn. Lauernd steht der Tod neben dem Kamin. „Wenn ich einschlafe nimmt er sie mit.“ Nicht schlafen, nie mehr schlafen. Bis wir wieder fröhlich am Tisch sitzen und jemand sagt, weißt du noch, der Winter als Maria so krank war? (Und wenn sie nicht gestorben sind). Maria hustet. Ein trockenes, keuchendes Geräusch, wie ein Kratzen auf rauem Papier, ein Atemholen ohne Atem. Zwei Kinder in einem Zimmer. Eines auf der Schwelle des Lebens (kurz vor der Geburt) eines schon fast hinübergeglitten in einen fiebernden Traum. Treffen sie sich in diesem Niemandsland und halten sich fest? Der Schnee fällt unaufhörlich. Die Konturen der Landschaft werden rund und weich, die kahlen Äste der Eiche vor dem Haus sind mit weißen Bändern geschmückt wie für ein Fest. Barbara starrt aus dem Fenster und blinzelt in das Nichts aus wirbelnden Flocken. Der Tod grinst sie zuversichtlich an. „Nicht einschlafen“, ein schwächer werdendes Mantra. Nicht einschlafen.

In dieser Nacht stirbt Maria. Als Barbara aufwacht, einen Arm um das tote Kind geschlungen, ist der Tod verschwunden. Staubkörnchen reisen auf einem Sonnenstrahl durch das Zimmer.

Das Grab für Maria wird dem gefrorenen Boden  mit Mühe abgerungen. Barbara steht vor dem kleinen Sarg, den schwangeren Bauch mit dem anderen Kind wie ein Schild vor sich. Die Trauergäste blicken an ihr vorbei als sie kondolieren (wie ein Kind das sich die Hände vor das Gesicht hält und glaubt, es wäre unsichtbar). Sie wollen weg, zurück in die Normalität des eigenen Lebens. Doch Barbaras Trauer ist machtvoll, hängt wie Nebel über dem Platz und kriecht mit langen Tentakeln über den Schnee. Nistet sich ein in ihre Mäntel wie schlechte Luft, verfolgt sie bis in ihre Häuser und nimmt ihnen den Atem.

Drei Wochen später wird Rosa geboren.

Trainingslager

Es soll Menschen geben, die viel Geld bezahlen um unter fachkundiger Anleitung an ihre Grenzen zu gehen. Sie lernen, sich zu konzentrieren und laufen dann über glühende Kohlen oder eine Bahn aus Glasscherben, sie steigen auf Bäume und hangeln sich von Ast zu Ast oder essen Insekten. Es ist wirklich spannend, was man alles mit Willenskraft und dem nötigen Quantum innerer Gelassenheit bewältigen kann. Ich bin mittlerweile Spezialistin auf diesem Gebiet und das völlig kostenlos. Jahrelanges Training haben der Belastbarkeit meiner Nerven zu wahren Höhenflügen verholfen. Als Mutter, neudeutsch auch Familienmanagerin genannt, bin ich der CEO unserer Familie, mit dem Unterschied, dass ich keine Angestellten habe, die mir gegen monatliches Salär ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen. Nebenbei bin ich die externe Festplatte für alle – „Mama, wo sind meine Laufschuhe?“ „Weißt du wo das Ladekabel für mein Handy ist?“ Man hält mich für ein allwissendes Wikipedia der Dinge, das zentrale Navigationssystem im Dschungel unseres gemeinsamen Heimes. Einmal im Jahr nehme ich an einem freiwilligen Trainingslager teil: Familienurlaub!

Wir sind die typischen Individualreisenden, lieber im Ferienhaus als im Hotel, lieber landestypisch als im Touristenghetto. Dieses Jahr wünschte sich unser Sohn einen Badeurlaub im Hotel. Wir schlossen einen Kompromiss und zogen nach einer Woche in einem Häuschen mitten in einer Kleinstadt in Venetien um in ein Hotel mit Pool an der italienischen Adria. Das Hotel war sorgfältig ausgesucht, dank verschiedener Portale im Internet wusste ich, dass hier vorwiegend Franzosen und Italiener Urlaub machen. Der Einsatz der erlernten Fremdsprachen war so zumindest schon garantiert. Ebenso der Abbau diverser Vorurteile, die sich im Laufe des Schullebens bei unserem Junior aufgebaut haben: „Ich dachte, die Franzosen sind alle Spasten aber die sind eigentlich ganz cool.“ Jetzt „chillt“ er den ganzen Tag mit seinem französischem Kumpel und stochert in seinem Schulwortschatz nach den richtigen Wörtern. Ich freue mich insgeheim über den gelungenen pädagogischen Coup und widme mich dem weiteren Ausbau meiner Belastbarkeit indem ich am Pool ausharre, bis die Wassergymnastik der beiden dauergutgelaunten Animateurinnen vorüber ist.  Die Sommerhitze lähmt jegliche Aktivität, Tage verrinnen wie Sand im Uhrenglas und nachts wache ich schweißgebadet auf, weil ich geträumt habe unter Sand begraben zu sein.  Die Geräuschkulisse ähnelt der im Freibad unserer Kleinstadt, mit dem Unterschied, dass die Durchsagen des Bademeisters („Der kleine Kevin sucht seine Mama“) fehlen. Zwischen zwölf Uhr dreißig und fünfzehn Uhr ist Mittagsruhe am Pool und der Tross der Urlauber setzt sich gehorsam in Richtung Speisesaal in Bewegung. Am Nachmittag fliehe ich an den Strand, wo die meisten Liegen im Bagno aus unerfindlichen Gründen leer sind – vermutlich sind die Hotelgäste lieber am Pool anstatt auf ihren reservierten Liegen am Meer. Ich harre aus, bis die Sonne untergeht und streiche in meinem virtuellen Kalender Tag vier des Trainingslagers aus. Noch drei Tage und der Alltag hat mich wieder – ich befürchte aber, dass ich mich dann an dieses Leben gewöhnt habe und mich womöglich danach zurücksehne.

Adria – Ah

Anna, die Chefin unseres Bagno. Ist der Inbegriff der italienischen Mama. Eine Mutter Courage der Liegestühle gewissermaßen. Sie wacht über den großen Plan an der Wand der kleinen Bar, auf dem alle Liegestühle ihres Bagno eingezeichnet sind. Neue Gäste werden von ihr persönlich  einem Liegestuhlpäarchen nebst Sonnenschirm zugeordnet. Sie zählt die Tage, die der Gast zu bleiben gedenkt, am Kalender ab („uno, due, tre, quattro, cinque, sei – ecco “) und teilt dann den entsprechenden Platz zu. Ihre Stimme ist unglaublich, rau, wild und kratzig, ich erwarte ständig, den berühmten Satz aus ihrem Mund zu hören: „Ich habe ihm ein Angebot gemacht, dass errrr nicht ablehnen konnte!“ – Aber Anna spricht natürlich nur Italienisch. Sie lobt die „occhi azzuri“ unseres Sohnes und findet er ist groß für sein Alter, weswegen wir einen Platz am Gang haben sollten. Die Argumentation erschließt sich mir nicht ganz, trotzdem bin ich lieber am Gang als mittendrin. Ihre nicht unbeträchtliche Leibesfülle steckt in einem schwarzen Rock und einem spitzenbesetzten Oberteil, die Haare sind zu einem kleinen Zopf zusammengebunden, den eine rote Schleife ziert. Ihre Haut ist blass wie die der neu angekommenen Touristen, ihr Gesicht durchzogen von vielen kleinen Fältchen. Die braunen Augen haben alles im Blick, ihre charmante Tochter Rosa ebenso wie den schweigsamen Matteo, der für das Aufbauen der Liegestühle und Schirme sowie das Abräumen der Tische der kleinen Bar zuständig ist. Ich trinke Rosas großartigen Cappuccino an einem der kleinen Tische auf der Terrasse begleitet vom ständigen Flapp-Flapp der Badeschlappen und Flip-Flops der Vorübergehenden.

Die Sinfonie unseres Bagno ist das leise Plätschern der Stranddusche, begleitet vom Flapp-Flapp der Schuhe und dem Klappern des Geschirrs hinter der Theke. Dazwischen Gesprächsfetzen in Italienisch, Französisch und Deutsch. Den strahlendblauen Himmel über den gelben Schirmen gibt es gratis dazu. Am Strand reiht sich Liegestuhl an Liegestuhl, eine endlos scheinende Armee von Sonnenschirmen zieht sich Kilometer für Kilometer die Adria entlang. Statt Sirenengesang ertönt Tag für Tag das monotone Flapp-Flapp.

Die Sonne ist völlig unparteiisch, sie scheint für arm und reich, für Italiener ebenso wie für Franzosen, Schweizer oder Deutsche. Sie scheint für die ständig plappernde junge Mutter vor mir und für ihren genervten Ehemann, der sich schlafend stellt und aus den Augenwinkeln die hübschen Mädchen beobachtet, die vorübergehen. Begleitet von Schwiegereltern, Schwager, Ehefrau und zwei kleinen Kindern hat er es nicht leicht. Seine Frau redet immer noch, seit etwa zehn Minuten referiert sie über Sonnenmilch, verschiedene Schutzfaktoren, Wasserfestigkeit und Preise. Sie führt die Ergebnisse von Stiftung Warentest an, die sie zu dem Schluss gebracht haben, dass sie, ohne Nachteile zu haben, die billigen No-Names kaufen kann, da deren Qualität ebenso gut ist wie die der teuren Markenprodukte. Eines der Kinder quengelt und will ins Wasser, der Ehemann stellt sich noch immer schlafend, also nimmt sie das kleine aufblasbare Schlauchboot und geht mit den Kindern zum Meer. Ich meine einen leisen Seufzer der Erleichterung aus dem Liegestuhl vor mir zu hören. Mit lautem Flapp-Flapp treffen kurz darauf Schwiegervater und Schwager ein.

„D´Chrischtine isch Bada,“ informiert er seinen Schwiegervater. Die drei Männer sind sich schnell einig, dass die Zeit reif ist für ein kaltes Bier an der Bar und verlassen den Strand.

Die Sonne senkt sich langsam und bald wird sie hinter dem „San Giorgio“ verschwunden sein. Matteo wird die Liegestühle in den Schlafmodus versetzen während die Urlauber sich im Hotel den Sand von der Haut waschen. Das letzte Flapp-Flapp an diesem Abend im Bagno ist das von Anna, als sie das Tor schließt, die Kette vorlegt und auf die Promenade tritt.

Eine Rose für Buddha

Ich schreibe dir und doch auch nicht. Neben mir am Tisch sitzt eine fremde Frau, sie schreibt, überlegt, schreibt. Ich schreibe über mich selbst, denn ich bin mir selbst fremd. Jetzt steht die Fremde auf und geht in die Küche. Sie sieht sich suchend um als fragte sie sich selbst, was sie eigentlich in der Küche gewollt hat.

Da siehst du, was du aus ihr gemacht hast!
Liebe sollte doch einfach sein, berauschend. Stattdessen taumelt sie durch die Wohnung wie eine Motte bei Tageslicht. Weißt du noch, wie ihr euch kennen gelernt habt? Es heißt, Liebende erkenne man daran, dass sie nicht müde werden, sich gegenseitig zu erzählen, wie es war als sie sich das erste Mal begegnet sind.

Du erinnerst dich nicht mehr daran, nicht wahr?

Nun, ich weiß, dass sie sich sehr genau daran erinnert, die Fremde hier in meiner Wohnung.Es war ein regnerischer Tag im Juli.

Es regnet immer in der ersten Juliwoche, sagte sie. Die Sonne kommt erst am zehnten Juli.

Du fragtest sie, woher sie das wisse und sie sagte, das hat mir die Sonne verraten.

Und was hat sie dir noch verraten, die Sonne? wolltest du wissen.

Damit hast du sie total verwirrt. Eigentlich ist sie nie um eine Antwort verlegen, aber in diesem Augenblick hat sie dich angesehen und weggesehen und am Ende geschwiegen.

Kannst du dich daran noch erinnern? An ihr Schweigen? Nein, denn du hörst ja auch jetzt ihr Schweigen nicht. Denn du bist nicht da.

Deshalb muss sie dir ja auch schreiben, diese Frau, die mir fremd ist.

Sie blickt durchs Fenster hinaus in den Garten. Ein Hauch von Schnee liegt auf dem Rasen, die letzten Rosenknospen haben sich nicht geöffnet und sind als Knospe erfroren – quasi in ihrer Jugend. Die Ahnung von späterer Schönheit wurde in der Knospe konserviert. Nichts geben sie mehr preis, bleiben verschlossen. Wenn man sie pflückt (das hat sie getan, die Fremde, und die Knospen ihrer Buddhastatue in den Schoß gelegt – als ob das etwas nutzen würde!) dann bleiben sie wie sie waren, verändern sich tagelang nicht in Form und Farbe.

Oder liegt das doch an Buddha?

Dieses Opfer hat dich auch nicht zurückgebracht. Buddha lächelt hintergründig wie immer, aber er scheint die erfrorenen Blüten zu mögen. Mehr als die staubige Asche der Räucherstäbchen, die beim Abbrennen auf ihn niederregnet.

Vielleicht ist das die bessere Lösung. Wie die Rosenknospen in der Jugend zu sterben, anstatt zuzusehen, wie die Blüte in ihrer vergänglichen Schönheit erblüht und vergeht. Wie Blatt für Blatt zu Boden sinkt und nur ein vertrockneter Rest am Zweig zurückbleibt, nach dem sich keiner mehr umsieht.

Aber dazu ist es jetzt zu spät. Die Fremde ist bereits am Verblühen, hat das Stadium bereits erreicht, in dem sich keiner mehr nach ihr umdreht. Und es gibt auch nichts mehr, das sich zu konservieren lohnen würde.

`Bestenfalls kann ich noch zur Hagebutte werden`, denkt sie mit einem Anflug von Spott.

Da ist sie wieder, die Fremde. Sie will dich gar nicht wiederhaben. Du sollst deine Sachen abholen, schreibt sie dir.

Weißt du noch, wie du meine Hand genommen hast, damals in diesem kalten Januar, als wir einen stundenlangen Spaziergang durch den Prater gemacht haben?

Trotz der Handschuhe waren meine Hände steif vor Kälte. Ich erinnere mich an die kahlen Bäume, an eine endlos scheinende Allee von Astgerippen. Das Riesenrad außer Betrieb, der Weg gefroren, bei jedem Schritt knirschte die Kälte unter den Schuhen.

Es war trostlos, schreibt die Fremde. Sinnlos, stundenlang in der Kälte herumzustapfen, um am Ende irgendwo einen überteuerten Kaffee zu trinken.

Ich fand es sehr romantisch. Damals haben wir beschlossen, für immer zusammenzubleiben. Im Frühling haben wir geheiratet.

Das war überstürzt, schreibt die Fremde jetzt. Ich war verrückt, einen wie dich zu heiraten. Da wäre ich besser alleine geblieben.

Ich werde Buddha noch eine Knospe suchen, vielleicht war das Opfer nicht groß genug um dich zurückzuholen.

Buddha bringt dich auch nicht wieder, lese ich im Brief der Fremden. Und er weiß ja besser als ich oder du, was mir gut tut.

Driving home for Christmas

Der Abend war kalt. Die  Wartenden auf den Bahnsteigen traten fröstelnd von einem Bein auf das andere, rieben sich die Hände oder schlugen die Kragen ihrer Mäntel hoch.

Die Bahnsteige verschwanden in der Dunkelheit, sobald sie aus dem überdachten Bereich hinausführten. Leichter Nebel lag über dem Gelände, das Licht der Lampen sah aus als hätte ein übergroßer Pinsel gelbe Tropfen in die Luft gemalt. Eine dünne Schneeschicht bedeckte die offenen Bereiche, die Gleise verloren sich in der Ferne und wurden von der Dunkelheit verschluckt. Da sich die meisten Reisenden unter die Überdachung zurückgezogen hatten, wirkte dieser Teil der Bahnsteige wie ausgestorben.

Im Schein einer Laterne stand eine junge Frau, die schmalen Schultern hochgezogen, und zog an ihrer Zigarette. Sie war nicht auffallend gekleidet, und doch wirkte alles an ihr elegant, der schlichte schwarze Wollmantel, den sie eng in der Taille gegürtet hatte, die schmalen Stiefel, die ein Fingerbreit unter dem Mantel endeten und der perfekte blonde Pagenkopf. Trotz der späten Stunde und obwohl es vollkommen dunkel war, trug sie eine große Sonnenbrille, die ihr Gesicht zur Hälfte verdeckte.

Sie sah geradeaus, minutenlang, als ob es dort in der Ferne etwas ungeheuer Spannendes zu beobachten gäbe. In regelmäßigen Abständen zog sie mechanisch an ihrer Zigarette, warf sie dann irgendwann weg und trat sie mit der Spitze ihres eleganten Stiefels aus, ohne hinzusehen. Eine kleine braune Reisetasche, die Gepäck für etwa ein Wochenende aufnehmen konnte, hatte sie neben sich auf einer Bank abgestellt. Die Reisetasche passte nicht so recht zu ihrem übrigen Auftritt. Sie war alt und abgewetzt, ein Henkel halb abgerissen, das Leder fleckig.

Eine blecherne Stimme kündigte über die Lautsprecher die Einfahrt eines Zuges an, der Nebel verschluckte  jedoch die Worte. In der Ferne waren Lichter zu erkennen die sich schnell näherten und als der Zug zu sehen war öffnete die junge Frau ihre schwarze Handtasche, die sie am Handgelenk trug und zog ein Ticket heraus. Der Zug kam zum Stehen, sie ging auf die nächstliegende Tür zu und stieg ein. Es war einer dieser alten Intercitys, die seit den neunziger Jahren unterwegs waren. „„Wieder so ein altes Relikt aus den neunziger Jahren, dachte sie, „abgewetzte Sitzpolster und schmuddelige Abteile“. Sie schob die Sonnenbrille auf ihre Stirn und suchte das Abteil mit ihrem reservierten Platz. Sie ärgerte sich, dass sie bei der Buchung nicht darauf geachtet hatte. Eigentlich wollte sie nur mit ICEs fahren, aber nun war es nicht mehr zu ändern. In diesen alten Wagons kam es ihr immer vor als ob sich deren Geruch in ihren Kleidern, ihren Haaren ja sogar in ihrer Nase festsetzen würde. Sie kannte diesen Geruch, hätte man sie mit verbundenen Augen in eines dieser Zugabteile gestellt, sie sofort sagen können, wo sie war.

Sie hatte gehofft, alleine im Abteil zu sein, aber als sie die Tür aufschob, stellte sie fest, dass bereits ein Platz am Fenster belegt war. Einen Moment zögerte sie und überlegte, ob sie einen anderen Platz suchen sollte, aber andere Reisende drängten nach und sie verwarf diesen Gedanken wieder.

Mit einem knappen „Guten Abend,“ betrat sie das Abteil und schob die Tür hinter sich zu. „Guten Abend,“ die Stimme des jungen Mannes am Fenster klang fröhlich, fast hatte sie den Eindruck, der Mitreisende freute sich, dass er nun Gesellschaft bekommen würde.

Er war etwa in ihrem Alter und sah sie unverhohlen neugierig an.

Sie trug wieder ihre dunkle Sonnenbrille und er konnte nur erahnen, wohin ihre Augen sahen. Sie spürte seine Blicke und seine Neugierde war fast mit Händen zu greifen.

Sie zog ihren Mantel aus, legte ihn ordentlich zu ihrer Reisetasche in das Gepäckfach und setzte sich.

„Das würde ich nicht tun,“ sagte er und lächelte sie an.

„Was meinen Sie?“ fragte sie ihn.

„Den Mantel ablegen. Die Heizung ist nämlich kaputt. Sie werden sehen, es ist unglaublich kalt hier drin, wenn man einfach nur so sitzt und sich nicht bewegt.“

Sie nahm die Sonnenbrille ab und sah ihn kühl an:

„Mir ist nicht kalt.“

Nach einer Viertelstunde öffnete sich die Tür.

„Jemand zugestiegen, die Fahrscheine bitte,“ der Schaffner sah sie an.

„Ja, ich, einen Moment bitte,“

sie gab ihm ihr Ticket.

„Wann wird denn die Heizung wieder angestellt?“

„Da muss ich Sie enttäuschen, leider wird es bis zur Endstation nichts mehr,

vielleicht ziehen sie besser ihren Mantel wieder an.“

Er tippte sich an die Mütze und verließ das Abteil.

Sie nahm ihren Mantel und legte ihn über ihre Knie.

„Wissen Sie was?“, der junge Mann lächelte sie wieder an.

„Was halten Sie davon wenn wir die Sitze ausziehen und die Beine hochlegen.

Dann können wir unsere Mäntel auf uns legen wie Decken.“

Sie sah in seine Richtung.

„Was wollen Sie von mir?“ fragte sie ihn mit eiskalter Stimme.

„Nichts – äh, ich dachte einfach, wir wärmen uns gegenseitig.“

Sie antwortete ihm nicht.

Der Zug glitt durch die Nacht. Im Abteil wurde es merklich kälter.

Nach einer Stunde holte sie ihre Reisetasche von der Ablage und zog eine

Strickjacke hervor. Sie zog sie an und knöpfte sie zu bis zum Hals.

Der junge Mann hatte in der Zwischenzeit den Mantel aus- und einen dicken Wollpullover angezogen, den er aus seinem Koffer geholt hatte.

Den Mantel legte er sich demonstrativ wie eine Decke über die Knie.

Irgendwann sagte sie leise:

„Also schön, dann machen wir es so.“

Sie zogen die Sitze aus, setzten sich gegenüber und legten die Mäntel

wie Decken über sich.

Sie spürte seine kräftigen Beine neben ihren.

„Einen Moment noch,“ sagte sie.

Sie holte aus ihrer Tasche dicke Socken, die sich zu ihrer eleganten

Garderobe seltsam ausnahmen, zog ihre Stiefel aus und streifte die

Socken über. Dann schlüpfte sie wieder unter die Manteldecke.

Instinktiv sah sie zum Fenster hinaus, erblickte aber nur ihr eigenes Spiegelbild.

„Ich würde gerne das Licht ausschalten,“

sagte sie ohne ihn anzusehen.

„Kein Problem, ist sowieso nur eine Funsel,“ sagte er und sprang auf.

Mit einem `klack` hatte er den Schalter über der Abteiltür umgelegt.

Jetzt konnte sie vage erkennen, was vor dem Fenster vorbeiflog.

Manchmal waren Umrisse von Häusern zu erahnen, sie stellte sich vor, wie hinter den Fenstern geschmückte Weihnachtsbäume standen, Familien sich um einen gedeckten Tisch versammelten.

„Fahren Sie auch zu ihrer Familie nach Hause?“, fragte er, vorsichtig, als ob er sich auf vermintem Gelände vorantasten würde.

„Nein“, kam es knapp.

Sie hätte gerne ihre Sonnenbrille wieder aufgesetzt, aber dann hätte sie draußen vor dem Fenster gar nichts mehr erkennen können.

Jetzt spürte sie die Wärme unter den Mänteln und zog den ihren etwas höher.

Am liebsten wäre sie darunter gekrochen.

Als Kind hatte sie sich die Hände vor die Augen gehalten, im festen Glauben, wenn sie die Erwachsenen nicht mehr sehen konnte dann könnten die Erwachsenen auch sie nicht sehen. Aber das war eine Illusion gewesen.

Jeder hatte sie gesehen. Es half nichts, sich hinter den Händen zu verstecken.

Sie starrte auf die vorbeifliegenden Lichter. Keine gute Idee, sich an die Kinderzeit zu erinnern. Wenn das anfing, war es nicht mehr zu stoppen.

„Ich liebe Weihnachten,“ hörte sie ihr Gegenüber sagen.

„Die ganze Familie trifft sich im Haus meiner Eltern, so ist es jedes Jahr.“

Sie spürte, wie ihre Augen brannten.

Ihre volle Konzentration galt dem Schauspiel vor dem Fenster, sie kniff die Lippen zusammen und ballte die Hände unter ihrem Mantel. Dann zog sie ihre Handtasche auf den Schoß und fischte die Sonnenbrille heraus. Sie setzte sie auf, schloss die Augen und lehnte sich zurück.

`Die Mauern müssen stehen`, dachte sie. `Ich habe vor drei Jahren das letzte Mal geweint, ich werde auch jetzt nicht weinen.`

Wenn der Zug in der Endstation eingefahren war, würde sie das Gleis wechseln und einen anderen Zug in eine andere Richtung besteigen, so wie sie das seit drei Jahren machte. Sie würde diese Nacht und den nächsten Tag in verschiedenen Zügen verbringen, auf einer Reise ohne Ziel. Irgendwann würde sie wieder zurückfahren.

Es war die beste Option, besser als alleine irgendwo herumzusitzen.

Sie spürte, wie die körperliche Nähe zu ihrem Gegenüber ihr zusetzte.

So nahe war sie lange niemandem gewesen. Sie biss sich auf die Lippen und ballte die Hände unter dem Mantel. Sie waren eiskalt.

Der junge Mann lehnte sich etwas nach vorne „ Darf ich Sie etwas fragen?“, er zeigte auf ihre Reisetasche. „Woher haben Sie denn diese alte Tasche? Das ist doch bestimmt ein Familienerbstück!“

„Ja, das ist es,“ sagte sie tonlos.

„Es ist das Einzige, was man von meinen Eltern und meinen Geschwistern nach dem Tsunami gefunden hat.“

Und in diesem Augenblick füllten sich ihre Augen mit Tränen.

In memoriam B.H., vermisst 25.12.2004, Khao Lak, Thailand

Abserviert

Chronik einer Kündigung

Dieser Tag wird wohl immer meine persönliche Guinessliste der „schlimmsten Tage meines Lebens“ anführen. Mein Lateinlehrer wäre stolz, wenn er wüsste dass ich jetzt, nach zwanzig Jahren, die Bedeutung von „dies ater“ begriffen habe. Caesar kann sich nicht schrecklicher gefühlt haben nachdem sein Ziehsohn Brutus ihm das Messer zwischen die Rippen jagte. Aber er konnte wenigstens noch sein„auch du mein Sohn Brutus“ stöhnen und anschließend filmreif den Löffel abgeben.

Danach wurde Caesar zu einer Legende und Brutus bekam in der Geschichte den Platz, der ihm zustand: er war der Verräter. Ich dagegen werde weder zur Legende werden noch werden meine Widersacher an den Pranger gestellt. Octavian, Caesars Großneffe, ließ Brutus´Kopf vor der Statue Caesars niederlegen, nachdem dieser sich nach verlorener Schlacht das Leben genommen  hatte.

Dieses Privileg wird meinen Nachkommen nicht vergönnt sein…

Ich muss an meinem persönlichen dies ater Haltung bewahren.

Eingekreist von Pfuhl und Groß sitze ich auf der Kante meines Stuhls und

darf mir anhören, dass man trotz meiner mannigfaltigen Qualitäten keinen Job mehr für mich hat. Die Umstrukturierungsmaßnahmen der Wieland Taler Unternehmensberatung hatten zu einer Verschmelzung meiner Abteilung mit einer weiteren Abteilung geführt.

„…leider müssen wir ihnen mitteilen, dass es in dieser Struktur keinen

Arbeitsplatz mehr für eine Frau Mair geben wird.“

Warum spricht er von mir in der dritten Person? „Sie haben ja noch dreißig Tage Urlaub, ich schlage vor sie nehmen erst einmal Urlaub.“

Ich sitze da, wie vom Donner gerührt.

Horrorszenarien laufen vor meinem geistigen Auge ab. Ich sehe schon die

Banker unser Haus versteigern, sehe mich in Sack und Asche in der Schlange

beim Sozialamt –

„Frau Mair, wollen Sie die Formalitäten direkt mit mir besprechen oder möchten Sie lieber einen Dritten einschalten?“

Was meint er? Welchen Dritten?

„Äh, was meinen Sie damit?

Meinen Sie einen ANWALT?“

Anwälte kannte ich nur aus dem Fernsehen. Am besten gefielen mir Spielfilme aus Amerika, in denen weitschweifige Gerichtsszenen mit ernst blickenden Geschworenen vorkamen.

„Na, das können sie sich ja noch überlegen.

Ich schlage vor, wir gehen jetzt in ihre Abteilung und teilen es ihren Mitarbeitern mit. Ach ja, da ich ja weiß, wie wichtig Ihnen das ist:

wir werden alle übernehmen. Alle haben einen Job.“

Na toll, denke ich. Alle außer mir.

So leicht will ich mich aber nicht geschlagen geben.

Zumal weder mein Kleinhirn noch der Rest meines Gehirns den Inhalt dieser persönlichen kleinen Ansprache verstanden hat.

„Man hat dich rausgeschmissen“, sagt mein Verstand.

„Das kann man mir nicht antun“, kontere ich.

„Warum nicht, du bist eben zuviel. Übrig. Vielleicht auch unbequem.“

„Unbequem? Ich unbequem?

Wie kann jemand der pausenlos Überstunden macht und Mitte August immer noch dreißig Tage Urlaub hat unbequem sein?“

Mein Verstand grinst: „Ach komm, sei mal realistisch. Du weißt doch, dass das nicht zählt. Am Ende des Tages musst du dich gut verkaufen können.“

Schön, dann will ich es jetzt wissen.

„Warum haben Sie keinen Job mehr für mich?“

frage ich Pfuhl ganz direkt.

„Wenn ich doch mit so vielen Qualitäten ausgestattet bin. Wenn Sie sogar sagen, es müsste mehr von meiner Sorte geben.“

„ Es liegt nicht an ihren mangelnden Qualitäten.“

Jetzt ergeht sich Pfuhl in einem Schwall heißer Luft.

Am Ende hat er nichts Wesentliches gesagt, außer, vielleicht zwischen den Zeilen, dass ich eine schwierige Persönlichkeit habe.

„Hab ich doch gesagt, du bist unbequem“ meldet sich wieder mein Verstand.

„Hättest eben mal eher nicken sollen als dauernd deine Meinung zum

besten zu geben!“

Ich starre wie ein hypnotisiertes Kaninchen auf das Bild an der

gegenüber Wand gegenüber. Groß klopft mir jovial auf die Schulter. Dieser Opportunist, denke ich. Jetzt hat er mich geschlachtet um seine eigene Haut zu retten. Mein Gott, wie er mich anwidert.

„Wir sollten dann noch ein paar Formalitäten besprechen,“ sagt Pfuhl

abschließend.

„Können wir das unter vier Augen tun?“ frage ich.

Lieber mit einem Kotzbrocken im Raum als mit zweien.

„Herr Groß, das geht schon in Ordnung,“

sagt Pfuhl.

„Es sind nur Formalitäten,“

Groß bleibt auffordernd neben mir stehen.

Ich zwinge mich, ihm ins Gesicht zu sehen.

Muss ich ihm jetzt die Hand geben?

Ich strecke ihm angewidert die Hand hin, vielleicht merkt er, dass mir

das schwer fällt.

„ Auf Wiedersehen Herr Groß,“

habe ich eben `auf Wiedersehen` gesagt?

Ich hoffe, das bleibt mir erspart.

„Ich werde mich schon noch verabschieden.“

Sage ich.

Und denke: bestimmt nicht, du Widerling.

Hast mich ins offene Messer laufen lassen nachdem ich die ganze

Zeit loyal hinter dir stand.

Meine Güte, ich habe diesen Mann sogar noch bedauert als er heftigen

Angriffen ausgesetzt war und alle ihn totgesagt hatten!

Endlich ist er aus dem Raum verschwunden.

Nicht ohne mir noch mal verschwörerisch auf die Schulter zu klopfen.

IGITT!

Pfuhl pflanzt sich neben mir auf.

Mit Pastorenstimme versucht er mir zu signalisieren, er sei der gute

Mensch von Sezuan.

„Wissen Sie, man wird ja öfter angerufen und nach einer Referenz

gefragt,“

er sieht mich bedeutungsvoll an.

„Natürlich kann ich dann so oder so antworten.“

Was will er mir dadurch signalisieren?

Verhalten sie sich regelkonform und die Referenz wird positiv für sie

ausfallen?

Ich lasse weitere salbungsvolle Sätze in meine Ohren sickern, ohne

ihren Inhalt zu verstehen.

Verstohlen sehe ich auf meine Uhr. Es ist siebzehn Uhr fünfundvierzig.

Ich sitze erst seit einer Dreiviertelstunde in diesem Büro.

Es kommt mir vor wie ein halber Tag.

Meine Existenz hat sich in diesen fünfundvierzig Minuten in Luft aufgelöst.

„So, dann wollen wir mal rüber gehen in ihre Abteilung,“

sagt Pfuhl.

Wir betreten den Flur.

Ich erinnere mich, wie ich diesen Flur zum ersten Mal entlang gegangen bin.

Es ist fast drei Jahre her.

Ich hatte einen Termin beim Inhaber der Firma, Herrn Herbst.

An diesem Tag war der Flur wie ausgestorben. Jede Tür rechts und links des Ganges war verschlossen.„Die heiligen Hallen,“ schoss es mir damals durch den Kopf.

Brauner Teppichboden, dunkelbraunes Holz, siebziger Jahre Chic. Zugeknöpft, engstirnig, spießig, das passt eigentlich nicht zu mir, dachte ich. Herr Herbst, ein aalglatter Endfünfziger, empfing mich in einem kleinen Besprechungsraum mit einem viel zu großen, ebenfalls dunkelbraunen, runden Besprechungstisch. Das Gespräch kam schwer in Gang, blieb holprig. Wir standen ein jeder auf einer Seite des Tisches, mir ist immer noch diese beklemmende Enge des Raumes im Gedächtnis. Ich war wie befreit, als ich mich verabschieden konnte. Am Ende war ich so klug wie zuvor.

Als ich die Zusage für den Job bekam war ich wirklich überrascht, denn Herbst konnte nicht viel mit mir anfangen, das habe ich gespürt.

Jetzt fällt mir das alles wieder ein. Hätte ich auf meinen ersten Impuls gehört wäre mir dieser Tag heute vielleicht erspart geblieben. Ich bin wie zugeschnürt, als hätte mir jemand einen Strick um den Hals gelegt. Der Gang zu meiner Abteilung ist Spießrutenlaufen. Jeder schaut an mir vorbei, ich fühle mich wie eine Aussätzige. Es scheint, als ob von mir eine Gefahr ausgehen würde, als ob dieser Virus ansteckend sei. Ich wurde rausgeschmissen, betriebsbedingt. Das ist die Tatsache, die an mir klebt wie ein riesiger Pickel, eine Pestbeule, die alle, die mir begegnen, in die Flucht schlägt. Ich bin unter einer Glasglocke, jedes Geräusch wabert wie im Nebel an meinen Ohren vorbei. Gleich werde ich meine persönlichen Dinge in eine Schachtel packen und zum Auto gehen. Nach Hause fahren, nicht schlafen können, Existenzängste bekommen und Wutanfälle. Das Gefühl der Ohnmacht wird mich wahnsinnig machen. Ich werde schreien wollen und nicht können.

Ich steige aus meiner Glasglocke, verabschiede ich mich von meinen Mitarbeitern, packe meine persönlichen Dinge in eine Schachtel, gehe zum Auto und –

Die Schlange (8)

Steffen Amberg sah etwas konsterniert auf seinen Bildschirm. Das war ihm selten passiert, dass eine Frau, die so offensichtliches Interesse an ihm gezeigt hatte, ihn im Chat derart abblitzen ließ. Egal, die Leiste seiner „Freunde im Chat“ zeigte ihm, dass er sich auch anderweitig unterhalten konnte. Er überflog die Namen, da hörte er Schritte im Flur. Schnell öffnete er eine Powerpont Präsentation.

„Na du Armer, musst du noch so viel arbeiten?“, seine Frau legte die Arme um ihn.

„Ja Liebes, ich muss doch die Präsentation für das Wochenende in Hamburg fertigstellen,“ Steffen runzelte die Stirn und drückte auf speichern. „Ich geh schlafen, morgen habe ich drei anstrengende Meetings. Ich bin schon gestresst wenn ich nur daran denke.“ Franziska Amberg verdrehte die Augen. Steffen stand auf und nahm seine Frau in die Arme.“Das schaffst du schon, schlaf gut, Liebes. Gute Nacht.“  Er hörte Franziska die Treppe hochgehen. Als er sicher war, dass sie im Bett lag, wechselte er wieder zurück zu facebook.  Er wusste schon wen er jetzt kontaktieren würde.

 

 

Jubiläum

Heute ist die wortwabe 114 Tage online, und dies ist der 100. Artikel.

Eigentlich hatte ich vor, ein paar kitschige Girlanden aufzuhängen und eine goldene „100“ an die Tür zu kleben, aber dann kommt wieder alles ganz anders.

Plötzlich steht ein gutaussehender Typ im Anzug vor mir, taucht auf wie aus dem Nichts, und behauptet, er sei Steffen Amberg. „Sie kennen mich doch“, sagt er und fixiert mich mit seinem Blick.“   Ich sehe ihn verdutzt an und es rutscht mir heraus: „Ich dachte, Sie wären größer.“ „Was soll denn das nun wieder heißen? Ich bin schlank, durchtrainiert, attraktiv und intelligent, was wollen sie denn mehr?“ Meine Güte, der Typ ist ja sehr von sich eingenommen. Wäre  er ein Post auf Facebook, dann müsste ich jetzt wohl liken. Ich grinse in mich hinein. „Was gibt es denn da zu grinsen?“ „Och, nichts, nur so ein Gedanke, „antworte ich.“Ihre Gedanken, die kenne ich ja bereits. Ich finde es wirklich unverschämt, wie Sie mich darstellen,“ empört er sich.“Als ob ich mit den Frauen spiele  Das stimmt nicht, Ich bin ein sehr ernsthafter Mensch.“ Soso, denke ich. Ernsthaft. „Das weiß ich ja wohl besser“, sage ich zu ihm.“ Ich habe Sie schließlich erfunden.“ Das hätte ich wohl nicht sagen dürfen. So plötzlich wie er aufgetaucht war, ist er verschwunden, Sein After Shave schwebt noch einige Zeit im Raum, meine wortwabe riecht nach Mann und frage mich wieder einmal was denn nun die Wirklichkeit ist –

Beim Poetry Slam (und was mir danach so durch den Kopf ging)

Gestern war ich beim Poetry Slam in der Rosenau.  Ich finde das großartig, bin aber immer irritiert, dass nur Leute bis maximal 35 auftreten. Wo sind die geburtenstarken Jahrgänge? Hing da irgendwo ein Schild „wir müssen draußen bleiben“, das ich übersehen habe? Ich stelle mir also die Frage, ob ich den Altersdurchschnitt irgendeines Poetry Slams in naher Zukunft dramatisch in die Höhe treiben soll, indem ich auch teilnehme…

Die Idee bereitet mir einiges Kopfzerbrechen– denn die Speicherkapazitäten meines lokalen Speichers sind immer wieder am Anschlag. Es ist also zunächst die Frage zu klären, ob ich in der Lage wäre, mir einen so langen Text merken zu können. Andererseits kommt Ablesen nicht in Frage denn ich sehe bei unzureichender Beleuchtung so schlecht, dass Arial 12 Punkt bei weitem nicht mehr ausreichen würde. Ich müsste also mindestens auf 24 gehen und zudem die Leute in der ersten Reihe bitten, mir die Blätter im richtigen Abstand hinzuhalten. Ich muss mich daher fürs Auswendiglernen entscheiden.  Glücklicherweise verfügt das Gehirn mit zunehmendem Alter über eine automatische Löschfunktion, sodass immer wieder neue Kapazitäten zur Verfügung gestellt werden. Leider bin ich bis heute nicht dahintergekommen, nach welchen Auswahlkriterien mein Gehirn sich seiner Inhalte entledigt und kann daher auch keinen Einfluss darauf nehmen. Das führt dann zu Situationen wie letztens, als ich in den Keller ging um Zwiebeln zu holen und unten angelangt nicht mehr wusste, was ich dort wollte. Immerhin habe ich bei dieser Gelegenheit die Flasche des guten Rotweins wieder gefunden, die ich vor drei Jahren zum Geburtstag geschenkt bekommen habe und von der ich nicht wusste, wo ich sie hingestellt hatte. Das Alter an sich ist kein großes Problem, denn man ist ja nur so alt wie man sich fühlt. Ich persönlich fühle mich etwa wie 28 H, und wer das Alphabeth richtig aufsagen kann weiß jetzt, dass ich mich wie 36 fühle. Mit dem Älterwerden ist es ja so ähnlich wie mit dem Schwangersein. Wenn du schwanger bist siehst du plötzlich nur noch schwangere Frauen. Wenn du älter wirst siehst du plötzlich – nein, nicht nur andere in deinem Alter, du siehst plötzlich nur noch junge Leute.

Du gehst zur Darmspiegelung und fragst dich seit wann Studenten im ersten Semester so eine Untersuchung durchführen dürfen, bis du kapierst, dass der Mann im weißen Kittel der Stationsarzt ist und in etwa 28 H, aber nicht gefühlt sondern echt.

Seit ich kapiert habe, dass ich doppelt so viel Zeit hinter mir wie vor mir habe, bin ich ja auch viel radikaler geworden. Das meiste kenne ich schon, manches interessiert mich nicht und das, was ich ausprobieren will, das mache ich jetzt einfach. Statt nach einer praktischen Kurzhaarfrisur steht mir der Sinn derzeit eher nach einem Nasenpiercing, wie ich es 1981 schon mal hatte. Es ist also auch nichts Neues für mich, aber irgendwie doch.

Seit einigen Monaten bin ich bei Facebook, nachdem ich lange Zeit die 1. Vorsitzende des weltweiten Facebookhasser Clubs war.  Aber wie es halt so geht im Leben, man muss seine Meinung auch mal revidieren. Leider muss ich gestehen heute kann ich ohne Facebook gar nicht mehr existieren. Das ist ja viel besser als Gala und Bunte und außerdem umsonst. Ich mache jede Wette, dass die Jungen, die wie mein Sohn glauben dass sie ein alleiniges Recht auf Facebook haben und Leute wie ich, die noch Smileys mit Nasen machen, auf facebook sowieso nichts zu suchen haben, also die Jungen haben keine Ahnung was dort bei uns Alten abgeht. Die wahre „Generation Daumen“  ist also über vierzig, fernab der werberelevanten Zielgruppe von RTL und Co. Aber das hat bloß noch keiner gemerkt.  Die Üfü`s lernen sich entweder auf dem Jakobsweg oder virtuell kennen. Die echten Schlachten werden in Santiago de Compostela oder im Chatroom ausgetragen. Wir leben genauso in einer eigenen Welt wie die Jungen. Wir sprechen natürlich noch viel zu viel Deutsch, wir hassen noch und „haten“ nicht, wir „dissen“ nach dem Motto „denn sie wissen nicht dass sie dissen“.  Das Verhalten beziehungsgeschädigter Üfü´s hat dennoch gewisse Ähnlichkeiten mit dem von Teenies. Die virtuelle Welt treibt auch bei uns manchmal seltsame Blüten.

Also noch fühle ich mich jung genug für facebook. Sollte sich das mal ändern dann gibt es ja noch Platinnetz.

Die wortwabe wird renoviert

Tja das war dann wohl ein Kaltstart…die hektische Einkaufsrunde durch den Sindelfinger Ikea mit meiner Freundin hat mich zu Regal 8 Fach 17 geführt, oder so ähnlich, jedenfalls stand da ein junger Mann, nicht ganz so attraktiv (leider) wie der aus der Cola Light Werbung aber immerhin jünger als ich (das ist heutzutage ja eigentlich jeder) und der hat irgendwas da ins Fach gepackt. Das fand ich ja immens praktisch,. Dann kann dieser starke Bursche ja gleich die Fachböden auf meinen Wagen legen. Was er dann auch gemacht hat. Dachte sich wahrscheinlich, „die arme alte Frau, der helfe ich doch gerne“  Und als ich dann zuhause das Paket ausgepackt habe, stellte sich heraus, dass ich eine Schublade gekauft hatte….eine RIESENschublade. Das kommt davon…Heute habe ich die Atomschublade wieder umgetauscht. Und die Vorhangschienen gekauft, die ich gestern vergessen hatte., Denn heute war ja mal wieder ein Handwerker da, dem ich das aufs Auge drücken wollte mit der Anbringung der Vorhangschienen. Als ich die Teile ausgepackt habe, musste ich feststellen, dass ich die Befestigung vergessen hatte. muss ich mir langsam Sorgen machen?!?!?

Sind das die Entzugserscheinungen, weil ich keine Zeit mehr für meine wortwabe habe? Oder liegt es daran, dass mein Kopf überfüllt ist mit all den noch nicht aufs Papier gebrachten Geschichten? Einer meiner Protagonisten hält mich mit seinen Frauengeschichten derart auf Trab dass ich kaum hinterherkomme…aber ich ahne schon dass das übel endet…..