Happy Birthday to me

Ich erinnere mich, es gab eine Zeit, da las meine Mama meine Gedichte.

Sie las die Titel und suchte sich dann eines aus, das sie interessierte. Ich bin sicher, sie fand es schön. Vielleicht war sie stolz auf mich, vielleicht war sie auch verwundert, dass es ihr Kind war, das so etwas hervorbrachte. Mag sein, es überraschte sie nicht, denn sie hatte selbst eine natürliche Begabung für den Umgang mit Worten, wie auch mein Vater sie hatte, der wunderbare Reden halten konnte, frei gesprochen, mit viel Empathie. Auf Grund seiner Herkunft, in seiner Generation, als Sohn einfacher Bauern auf dem Land, hatte er keine Chance, etwas aus dieser Begabung zu machen.

Jetzt ist die Zeit gekommen, die ich so gefürchtet habe. Ich wusste, dass der Tag kommen würde, wusste, dass ich mich darauf zu bewege, wie in einem Zug, der fährt ohne anzuhalten, auf sein Ziel zusteuert, ohne eine Chance auszusteigen.

Meine Mama erkennt mich nicht mehr. Auch wenn sie versucht, es zu verbergen, ich weiß, dass sie nicht weiß, wer ich bin.

Vor einigen Tagen hatte ich Geburtstag, und ich hatte keinerlei Bedürfnis, zu feiern oder diesen Tag irgendwie zu zelebrieren, denn sie, die mir das Leben geschenkt hat, weiß nichts mehr von meiner Existenz.

Wie immer, wenn etwas besonders schmerzhaft ist, wende ich mich nach innen, lege den Schmerz ab in diesem geheimen Raum und  verschließe die Tür.

Und ich erinnere mich. Ich erinnere mich an eine Zeit, da las meine Mama meine Gedichte….. .

 

Türkisblau

 

Als sie in den von der Sonne aufgeheizten Wagen steigt, spürt Maja, dass sie angefangen hat zu schwitzen und der Stoff des dünnen Sommerkleids unter ihren Achseln feucht wird. Sie lässt den Wagen an und dreht die Klimaanlage hoch. `Auf der kurzen Strecke wird das Auto kaum abkühlen`, denkt sie. Ihre rechte Hand greift nach der Handtasche, die sie auf den Beifahrersitz geworfen hat und sucht nach dem Deo. Die Finger tasten blind durch den Beutel, gleichzeitig identifiziert ihr Gehirn die Gegenstände. Leder, narbig, Portemonnaie. Hart, rechteckig, schmal, Mobiltelefon. Rund, klein, Lippenstift. Endlich ertastet sie die schmale Röhre und zieht das Deo heraus. In der Zwischenzeit hat ihr linker Arm mit einem anderen Teil des Gehirns weiter das Ziel der Fahrt angesteuert und geht dieser Tätigkeit solange nach, bis er zum Einsprühen der rechten Achselhöhle benötigt wird und die rechte Hand das Lenkrad übernimmt. Diese selbstverständlichen Abläufe beruhigen Maja, sie ist Teil eines in sich abgeschlossenen Kosmos in dem ihr Gehirn mühelos und ohne sie damit zu behelligen, die nötigen Schritte einleitet. Das Deo wird in die Tasche zurückgeworfen und beide Hände halten sich jetzt am Lenkrad fest. Auf ihren Schenkeln strahlt das Blau des dünnen Baumwollkleids, der Stoff ist so leicht, sie spürt kaum, dass sie etwas anhat. Das Blau ist leuchtend, so leuchtend wie die Farbe des Schwimmbeckens im alten Freibad. Türkisblau. Ein blauer Fleck mitten in den Liegewiesen, deren Grün in der Sonne zu fahlem Braun verbrannt war. Schon vor Jahren war das Becken renoviert worden und hatte jetzt eine silbergraue matte Edelstahlhaut. Der Vorsprung am Beckenrand, auf dem sie nach jeder zehnten Runde ihre Füße abstellt und kurz innehält, fühlt sich jetzt glatt an unter ihren Fußsohlen, sauber, deutsch. Das alte Becken war in die Jahre gekommen, es hatte einen maroden Charme gehabt und in der Vorstellung ihres kindlichen Ichs war das Blau des Beckens das Blau des Mittelmeers, das sie noch nie gesehen hatte. Wenn sie als Kind auf ihr Fahrrad stieg und zum Freibad radelte, dann fuhr sie nach Italien, ans Meer. Maja stellt sich vor, wie sie ein weißes Kleid in das Schwimmbecken ihrer Kindheit taucht und türkisblau wieder herauszieht.  Als sie den Parkplatz ansteuert hat die Klimaanlage das Auto endlich auf eine erträgliche Temperatur gekühlt. Sie öffnet die Tür und stellt die Füße auf den Kies. Der heiße Sommertag hat sich über das Land gelegt wie ein Wattebausch, die schwüle Luft stülpt sich über Maja als sie vom Parkplatz zum Haus geht. Die Glastür öffnet sich, als sie näher kommt, wird in der Mitte zerschnitten und schiebt die Hälften mit einem leisen Atemholen nach beiden Seiten auseinander. Die kleine Cafeteria ist leer, Maja stellt das Kuchenpaket, das sie mitgebracht hat, auf der Theke ab. Ihr Blick streift durch den Raum, nach draußen auf die Terrasse, wo unter der Markise zwei weitere Tische mit Korbsesseln stehen. Trotz der Hitze würde sie sich nach draußen setzen, in den Garten schauen, auf die Rosenbeete. Sie geht zurück, durch den Flur, betritt das Treppenhaus,  wo es kühl ist und angenehm. Während sie die Treppe hochgeht spürt sie, wie ihre Seele sich davonschleicht, sich umdreht, die Treppe hinuntergeht, durch die geteilte Glaswand hinaus auf den Weg, zurück zum Parkplatz. Einen Moment hält Maja inne, dann aber geht sie weiter und setzt Fuß um Fuß auf die Stufen. `Es geht auch so`, denkt sie. `Vielleicht sogar besser`. Sie öffnet die Tür im ersten Stock und tritt aus dem Treppenhaus auf den Flur. `Wirsinggrüner Teppichboden, türkisblau wäre schöner gewesen`, denkt sie. `Dann würde man über Wasser gehen`. Wäre ihre Seele jetzt dabei, dann hätte Maja an dieser Stelle gelacht, so aber geht sie weiter. Vorbei an Türen, die sich alle gleichen. Der Versuch, sie mit angeklebten Kinderzeichnungen oder Kränzen aus Kunstblumen zu individuellen Pforten zu machen, unterstreicht auf deprimierende Weise die Eintönigkeit. Maja betritt das Zimmer mit dem Kranz aus künstlichen Kornblumen ohne anzuklopfen. Da steht sie, am geöffneten Schrank, und ist gerade dabei einen grauen Blazer anzuziehen. Mühsam sucht ihr rechter Arm nach dem Ärmel, da fällt ihr Blick auf Maja.

„Das ist aber schön! Bist du schon lange da?“

„Nein Mama, ich bin eben gekommen.“ Maja geht auf ihre Mutter zu und zieht ihr den Blazer aus. „Mama, es hat dreißig Grad, du brauchst keine Jacke!“

Sie sieht, dass ihre Mutter bereits zwei langärmelige Pullover übereinander angezogen hat.

„Du kannst einen Pullover ausziehen, es ist so heiß draußen!“

Maja zieht den oberen Pulli hoch und sieht, dass der untere fest in die Hose gestopft ist. Sie sieht den mageren Körper ihrer Mutter, den Gummizug der Hose, der sich um den flachen Bauch kräuselt, und obwohl Majas Seele nicht da ist sondern im Auto auf sie wartet, ist Maja so berührt, dass sie den Pullover schnell wieder nach unten zieht.

„Also gut, wenn du meinst, dann lass es so.“

Die Mutter sieht Maja an und strahlt.

„Ist das schön, dass du da bist. Und was für ein schönes Kleid du anhast! So eine schöne Farbe! Wann hast du das genäht?“

Maja antwortet nicht, dass sie dieses Kleid seit fünf Jahren besitzt und schon oft anhatte, weil es ihr Lieblingskleid ist.  Sie sagt nicht, dass sie es gekauft hat anlässlich des achtzigsten Geburtstags der Mutter, dass sie seit ihrer Studienzeit keine Kleider mehr näht weil sie keine Zeit mehr hat. Sie schiebt die Mutter zur Tür hinaus, in den Aufzug, hinunter in die Cafeteria, an den Tisch auf der Terrasse zu dem Himbeerkuchen, den sie mitgebracht hat.

Eine Stunde, denkt Maja, eine Stunde. Sie erschlägt einen Teil der Zeit damit, an der Kaffeemaschine Cappuccino für die Mutter zu holen und den Kuchen auf zwei Teller zu verteilen. Die Cafeteria füllt sich mit Besuchern und Maja ist froh, dass sie so früh da war und sie einen Tisch auf der Terrasse bekommen haben.

„Unser Garten wird immer schöner“, sagt ihre Mutter als Maja den Kuchen abstellt.

„Was sind das für fremde Leute hier.“

Wie in Zeitlupe hebt die Mutter die Hand und sticht mit der Kuchengabel in die Himbeeren.

„Alle wollen sie.“

Das Kuchenstück fällt auf die Hose.

„In meinen Garten. Die schönen Rosen.“

Jetzt ist Maja froh, dass ihre Seele nicht dabei ist, sonst hätte sie widersprechen müssen und der Mutter erklären, dass das nicht ihr Garten ist sondern der des Heims, in dem sie lebt. Dass es ein Gärtner ist, der den Garten angelegt hat und pflegt und nicht Majas Vater, der schon seit vielen Jahren nicht mehr lebt.

„Iss deinen Kuchen, Mama, der schmeckt so gut, findest du nicht?“

„Ja“, sagt die Mutter. „So gut.“

Eine Weile essen sie schweigend, Maja gibt der Mutter den Kaffeelöffel in die Hand und legt die Kuchengabel weg, weil immer wieder ein Kuchenstück von der Gabel auf die Hose fällt. Sie rückt den Tisch noch näher an die Mutter heran, die wie eine kraftlose Marionette, deren Fäden niemand mehr bewegt, in ihrem Sessel mehr liegt als sitzt.

„Unser Garten wird immer schöner“, sagt die Mutter.

Maja schiebt ihr die Tasse mit dem Cappuccino hin.

„Trink deinen Kaffee, Mama.“

Die Mutter nimmt die Tasse, trinkt einen Schluck, lächelt.

„Der ist aber gut!“

„Ja Mama, der Kaffee hier ist gut.“

Maja schiebt sich ihr letztes Stück Himbeerkuchen in den Mund. Die Mutter hat noch die Hälfte des Kuchens auf dem Teller.

„Mama, iss deinen Kuchen, du bist so dünn!“

„Du kannst noch etwas haben“ sagt die Mutter und schiebt Maja ihren Teller hin.

„Nein Mama, du sollst den Kuchen essen. Ich habe ihn ja extra für dich mitgebracht.“

Sie schiebt den Teller wieder vor ihre Mutter und schaut zu, wie diese den Kuchen zerteilt und die Stücke aufeinander legt.

„Mama, essen!“

Maja sieht auf ihre Uhr. Noch eine halbe Stunde, höchstens fünfundvierzig Minuten.

Nach einer Stunde auf der Terrasse hat die Mutter den Kuchen aufgegessen. Die Kaffeetasse mit dem Cappuccino ist noch halb voll. Maja schiebt das Geschirr weg und streckt die Beine aus.

„Dein Kleid ist so schön“ sagt die Mutter.

„Die Farbe steht dir gut. Hast du das selbst genäht?“

Majas Gehirn gibt die Anweisungen für die Antwort.

„Nein Mama, ich habe es gekauft. Ich habe das Kleid schon viele Jahre.“

Sie erzählt nichts von dem blauen Becken des Schwimmbads. Von den kleinen Reisen zum Meer, in den Ferien, damals als die Eltern das Haus gebaut hatten und eine Urlaubsreise wegen der vielen Schulden undenkbar gewesen wäre. Damals, als ihr die Mutter die teure Dauerkarte für das Freibad geschenkt hat  und Maja dann mit dem Fahrrad jeden Tag ans Mittelmeer gefahren ist.

`Das habe ich ihr nie erzählt`, denkt Maja jetzt.

Wäre ihre Seele hier würde Maja der Mutter jetzt diese Geschichte erzählen. Sie würde ihr sagen, wie stolz sie war, als sie mit ihrer Saisonkarte an der langen Schlange der Wartenden am Eingang des Freibads vorbeigehen konnte. Vielleicht würde sie ihr sogar sagen, dass die verblichene graue Pappkarte in einem Karton bei ihren alten Tagebüchern liegt und seit Jahrzehnten gehütet wird wie ein Schatz.

So aber ist es egal, was die Mutter weiß und was nicht. Sie sitzt neben dieser alten Frau, sieht die abgeschnittenen Marionettenfäden, die niemand entwirren kann.

„Der Garten ist schön“, sagt die Mutter jetzt. „Die Rosen.“

Maja antwortet nicht.

„Das sind die schönsten, hier vorne“, die Mutter zeigt mit dem Finger auf das Beet neben Maja.

„Da waren noch andere“ fährt sie fort. „Die waren groß und – “ sie hält inne und Maja spürt, dass ihre Mutter nach einem Wort sucht, das verschwunden ist.

„Sie hatten diese Farbe – diese Farbe, so –“

Maja sucht in dem Beet nach den Blumen, die die Mutter meinen könnte.

„Jetzt sind die anderen groß.“

„Ja Mama. Ein schöner Garten“.

Die Mutter schweigt für einen Moment.

„Was macht mein Bub?“ fragt sie. „Geht es ihm gut in der Schule?“

Maja weiß, dass ihr Sohn gemeint ist, der kein Bub mehr ist sondern ein junger Mann, mit Bart und Kopfhörern und Freundin.

„Er studiert, Mama.“ antwortet sie.

„Ach Gott –“ die Mutter schüttelt den Kopf.

Sie sieht wieder auf die Rosen, dann dreht sie sich zu Maja.

„Wie geht es deinen Eltern?“ fragt sie.

Maja sieht die Marionette an.

„Wer bin ich?“ fragt sie.

„Du bist Maja“, antwortet die Marionette.

„Und wie heißt meine Mutter?“

„Ich komme jetzt gerade nicht auf den Namen“, antwortet die Marionette.

Hätte sich ihre Seele nicht vor über einer Stunde davongeschlichen hätte Maja jetzt

vielleicht gesagt: `Ich bin es, Mama. Ich bin dein Kind und du bist meine Mutter`.

So aber sagt sie nichts mehr. Maja bleibt stumm und lauscht den halben Sätzen, die aus dem Mund ihrer Mutter wachsen, über den Tisch und die Terrasse wuchern, hinein in das Rosenbeet und bald ein so dichtes Gewirr aus Wörtern gebildet haben, dass sie es nicht mehr durchdringen kann.

Mutter

deine Nabelschnur ist unendlich
sie erreicht mich
überall
schlingt sich
um mein Herz in
meinen Kopf um meinen Hals
schnürt mir die Luft
ab wenn ich dich denke
in deinem Stuhl in deinem
Vergessen wo du bist
welchen Tag wir haben
welches Jahr
du weißt es
nicht Mutter deine Nabelschnur
ist unendlich
sie windet sich um meine Hände die
den Liebsten berühren
du legst dich zwischen uns
Mutter deine Nabelschnur
deine meine Nabelschnur ist unendlich
wenn ich dich denke
in deinem Vergessen
dein Blick
gerichtet in eine andere Zeit
du packst die Tasche ein Schuh
noch ein Schuh
ein paar Socken eine Hose
machst dich auf den Weg
du kommst
nie an

Mutter
meine Nabelschnur ist unendlich
Ich kann nicht fliehen
du bindest mich an dich
wenn ich dich denke
in deinem Vergessen