Etüdensommerpausenintermezzo

7 aus 12 ist die Vorgabe für Sommerpausen-Etüden. Aus folgenden Wörtern

Blaupause
Diätwahn
Herzschmerz
Kantine
Kommentar

Ohrenkneifer
Sahnewölkchen

Stoppelfeld
Strandkorb

Vulkan
Windjammer

Zwischentöne

sind mindestens 7 auszusuchen und in eine Geschichte zu verpacken. Alles weitere und die links zu den anderen großartigen Etüdenschreibern findet ihr bei Christiane ,die die Etüden hegt und pflegt. Ich habe mir die fettgdruckten Wörter ausgesucht und sie in meine Etüde eingebaut, die zudem auch einen – eventuell – realen Ort beschreiben soll. Ich nehme euch mit in unsere Landeshauptstadt, die ich persönlich meistens großräumig umfahre, weil der Verkehr chaotisch ist und ich ein Landkind. Zu viele Menschen. Aber ich kenne die Stadt gut, habe dort gewohnt und viele Jahre mittendrin gearbeitet.

Shop till you drop

Ich drehte mich vor dem Spiegel und fand, ich sah aus wie ein Sahnewölkchen. Naja, um ehrlich zu sein, eher wie eine ausgewachsene Sahne-Cumuluswolke. In diesem Moment wünschte ich mir inständig, ich wäre eine dieser Frauen, die regelmäßig ihrem Diätwahn erliegen und in der Kantine, anstatt sich Bratkartoffeln mit Speck  reinzuschaufeln, mit meditativer Langsamkeit ihr mitgebrachtes Tupperdöschen öffnen und ebenso meditativ die kleingeschnittenen Karotten- Sellerie- oder was auch immer Stäbchen kauen. Mein zweiter Vorname ist NICHT Disziplin, ich bin  eher die Vorsitzende des Geniesservereins, und zwar weltweit und auf jeden Fall die erste Vorsitzende. Die Verkäuferin riss mich aus meinen Tagträumen,

„Sollen wir mal einen Schleier probieren?“

Ich starrte sie an wie ein unbekanntes Insekt, drehte mich wortlos um, ging in die Kabine und schälte mich aus der mehrlagigen Kumuluswolke, stieg in meine ausgeleierte Jeans und zog mir das Sweatshirt über den Kopf. Als ich endlich wieder draußen auf der Königstraße stand, fragte ich mich, was mich eigentlich geritten hatte. Der Tag hatte doch ganz harmlos angefangen. Eigentlich bin ich die klassische Internet-Shopperin und verlasse höchst ungern mein Zuhause um einzukaufen. Aber irgendwie fühlte ich mich nach wochenlangem Lockdown fast schon VERPFLICHTET, auch einmal zum Einkaufen in die Stadt zu fahren und fuhr nach Stuttgart. Ich parkte mein Auto in alter Gewohnheit im Parkhaus Züblin und schlug den Weg über die Breuninger-Passage zum Marktplatz und dann zielgerichtet zur Markthalle ein. Diese Geruchsexplosion! Ich schlenderte durch die Gänge und war wie betäubt von dem riesigen Angebot. So gerne hätte ich meine Nase ohne Maske in die Luft gehalten, aber das war ja leider nicht möglich. Im Geiste notierte ich was ich auf dem Rückweg alles einkaufen wollte und trat nach draußen auf den Schillerplatz. Da war er wieder, mein Herzschmerz. Ich hätte es besser wissen müssen. Hier war unser erstes Rendezvous gewesen, am Schillerdenkmal hatten wir uns verabredet. Die Erinnerung war wie ein Vulkan, der ununterbrochen Magma ausstößt und immer wieder Brandwunden verursacht. Ich schlug einen Haken Richtung Stiftskirche und landete am Ende auf der Königstraße.  Ich war doch zum Shoppen hergekommen, aber jetzt wusste ich gar nicht mehr, was ich eigentlich hier wollte. Ich ging ziellos durch die Geschäfte und das Einzige, was ich einkaufte, war eine Butterbretzel am Bretzelhäusle. Ich stopfte mir beim Gehen die Bretzel in den Mund und wischte meine fettigen Finger an der Serviette ab. Mittlerweile hatte ich den Königsbau erreicht und überlegte, ob es nicht besser wäre auf Kultur zu machen und über den Schloßplatz in Richtung Staatsgalerie abzubiegen. Da sah ich es im ersten Stock des Eckhauses im Schaufenster. Mein Traumkleid. Genau das Brautkleid, das ich bei der Hochzeit getragen hätte, die nun nicht stattfinden würde. Oder um genau zu sein, die Hochzeit, die nicht mit mir stattfinden würde. Nicht ich lag jetzt im Strandkorb neben Mike sondern Linda, die fleischgewordene Blaupause von Barbie. Die mitleidigen Kommentare, mit denen ich nach der geplatzten Verlobung überschüttet wurde, waren unerträglich. Aber dann kam der Lockdown und ich konnte mich, ohne Ausreden erfinden zu müssen, zuhause vergraben und von allem abschotten. Ich kultivierte meine Coronapfunde und ergab mich der Schokisucht. Ich hätte überall hin fahren können, aber nicht nach Benztown. Jetzt sah ich an jeder Ecke irgendetwas, was mich an Mike und unsere gemeinsame Zeit erinnerte. Und dann das Kleid, ein Traum aus ungezählten Lagen Tüll und einer trägerlosen glitzernden Korsage. Ich hatte den Laden wie in Trance betreten und behauptet, ich sei eine Braut auf Brautkleidsuche und darauf bestanden, genau dieses Kleid aus dem Schaufenster anzuprobieren. Und wenn man es genau nimmt, ist doch die Reihenfolge auch völlig egal. Wer sagt denn, dass erst der Mann da sein muss bevor man das Brautkleid aussucht? Warum kann man es nicht andersherum machen? Während die Verkäuferin mir die gefühlten hundert Lagen Tüll über den Kopf zog, entwickelte ich die Theorie, dass das Brautkleid so eine Art „self fulfilling prophecy“ sein könnte. Ich war plötzlich überzeugt davon, das Kleid sei in der Lage, den idealen Mann für mich anzuziehen. Voller Enthusiasmus trat ich aus der Kabine, ging zum Spiegel und erstarrte. Wenn dieses Kleid mir den passenden Mann anziehen würde, dann wäre er vermutlich Schaumschläger.

Schlossplatz Stuttgart mit dem Neuen Schloss, Foto von Wolgang Vogt auf pixabay

Stuttgart – Köln, einfach (1)

Teil 1 Stuttgart – Mannheim, Mannheim – Koblenz

Heute habe ich herausgefunden, dass ich Zugfahren hasse. Keine Ahnung, warum das plötzlich so gekommen ist. Vielleicht ist der überfüllte ICE von Stuttgart nach Mannheim schuld daran. Ich komme mir vor, als wäre ich Teil einer gigantischen Völkerwanderung, eingekreist von Menschenmassen, die scheinbar wissen, wohin sie wollen und doch wie verlorene Schafe ziellos umherirren. Auf der Suche nach dem richtigen Wagon, dem reservierten Sitzplatz, der Fahrkarte oder einem Platz für das überdimensionierte Gepäck schieben sie sich durch die schmalen Gänge. Ich bin froh, als ich endlich auf meinem Platz sitze und versuche, einfach unsichtbar zu werden. In Mannheim steige ich aus dem überfüllten ICE um in einen IC nach Köln. Sparpreis heißt für weniger Geld länger Zugfahren. Im Grunde bekomme ich also mehr Zugfahrzeit obwohl ich weniger bezahle. Hier wird mir der Inhalt des Satzes „Zeit ist Geld“ mehr als klar. Heute habe ich aber Zeit und kann die so gesparten 34 Euro heute Abend  zum Beispiel in ein leckeres Essen investieren. Außer der Geschwindigkeit gibt es  keinen großen Unterschied zum ICE, ich stelle sogar überrascht fest, dass mir das langsamere Fahren mehr zusagt als das Tempo des ICE. Außerdem ist der Wagon hier irgendwie heller und auch nicht so überfüllt. Mein Nebensitzer macht komische Geräusche beim Trinken aus der Wasserflasche und ich hoffe sehr, dass er nicht auf die Idee kommt, mich in ein Gespräch zu verwickeln, denn ich habe definitiv keine Lust mich zu unterhalten. Ich gehe aber davon aus, dass jede Zelle meines Körpers diese Ablehnung ausstrahlt und ich wie geplant meine Reise schweigend fortsetzen kann Vielleicht bin ich menschenscheu geworden in den letzten Jahren, Kommunikation mit Fremden ist mir zunehmend lästig und auch zu anstrengend. Wie befürchtet habe ich jetzt aber den Kampf um die Armlehne, die die beiden Sitzplätze trennt, verloren. Eigentlich ist es eine Frechheit, nur eine Armstütze für zwei Reisende einzubauen. Einer zieht immer den Kürzeren. Der Mann neben mir, der sich als rücksichtsloser Armstützenbesetzer entpuppt hat, ist etwa fünfzig Jahre alt, groß und sehr dünn. Er hat längeres, dunkelblondes Haar, das wirr vom Kopf absteht. Seine Fingernägel sind unnatürlich kurz, sie enden einige Millimeter unterhalb der Fingerkuppe. Jetzt setzt er sich eine schmale Lesebrille auf, zieht die Bahnzeitschrift aus der Sitztasche und während er liest kratzt er sich selbstvergessen am Schritt. Wie gesagt, neuerdings hasse ich  Zugfahren. Ich bin sozusagen eben zur ersten Vorsitzenden des neugegründeten Zughasserclubs aufgestiegen.

Die Asiatin rechts vor mir hat Sandalen an, ohne Strümpfe. Ich frage mich, warum sie an einem so kühlen, regnerischen Herbsttag keine geschlossenen Schuhe trägt. Ist es eine Touristin, die nicht mit den typisch deutschen Herbsttemperaturen gerechnet hat? Hat sie nur Sandalen? Schwitzt sie vielleicht unnatürlich stark an den Füssen? Will sie sich abhärten? Oder hat sie eine Wette abgeschlossen (Wetten, dass ICH diesen naßkalten Tag mit nackten Füßen in Sandalen überstehe, ihr Warmduscher?)Ich finde jetzt Gefallen daran, den anderen Reisenden auf die Füße anstatt in das Gesicht zu sehen. Neben mir auf der anderen Seite des Ganges sitzt eine Frau mit strengem Blick, die in ihren Bequemschuhen schwarze Socken mit weißen Tupfen trägt. Nichts sonst an ihr hat etwas Kindliches oder Verspieltes an sich. Sie könnte eine pensionierte Lehrerin sein, wahrscheinlich Latein und Geschichte. Jetzt ist sie auf dem Weg zu ihrem Sohn und dessen Familie. Sie mag ihre Schwiegertochter aber nicht leiden, weil die genau diese Leichtigkeit hat, die sie selber immer gerne gehabt hätte. Sie selbst hat es aber nur zu getupften Socken gebracht. Mein Nebensitzer war in der Zwischenzeit zweimal auf der Toilette. Jetzt trinkt er eine Dose Coca Cola und das Geräusch, das er beim Trinken aus der Dose macht ist noch schlimmer als wenn er aus seiner Wasserflasche trinkt. Scheinbar ernährt er sich von Wasser, Coca Cola und Fingernägeln, die er ausgiebig beim Lesen knabbert. „Verehrte Fahrgäste, in wenigen Minuten erreichen wir Koblenz Hauptbahnhof“