Bedenke wohl, was du dir wünscht, es könnte dir gewährt werden

Im Januar 2019 schrieb ich eine abc-Etüde, die mir heute immer noch sehr gut gefällt.

https://wortwabe.wordpress.com/2019/01/07/maerchenzeit-zeitmaerchen/

Inspiriert von dieser Geschichte hier mein letzter Eintrag 2020. Ich wünsche Euch allen einen friedlichen Jahresausklang und einen ebenso friedlichen Start ins neue Jahr, das von so vielen mit Hoffnung erwartet wird. Wir lesen uns!

Der letzte Tag dieses komischen Jahres. Das hat es sich sicher auch anders vorgestellt, als es am 01. Januar aus der Zeit gefallen ist. Im Februar war das Jahr in seiner Pubertät und wie es so ist bei Pubertieren, wünschte es sich, berühmt zu werden und in die Geschichte einzugehen. So ein Erdenjahr kann ja an keiner Castingshow teilnehmen, also bleibt nur das Wünschen.                                    

Ich will unvergesslich sein, dachte es. Die Menschen sollen sich immer an mich erinnern!                        

2020 dachte an etwas Großartiges, Unvergessliches, das während seiner Zeitspanne passieren sollte.  Etwas, das auch die Jahre, die nach ihm kommen sollten, wie ein Echo begleiten würde.                      

Bedenke wohl, was du dir wünscht, raunte die Zeit ihm zu, es könnte dir gewährt werden….                   

Und so wurde sein Wunsch erfüllt. 2020 war ein Jahr, das in den Köpfen der Menschen kleben blieb. Sie verfluchten es, und je näher sein Ende kam, desto mehr sehnten sie es herbei.                                        

Das wollte ich nicht, schrie 2020 die Zeit an, als es am 31. Dezember den Kreislauf beendete.                   

Warum hast du das getan?                                                                                                                                      

Ich? Fragte die Zeit. Oh, ich habe nichts getan liebes Kind, sagte die Zeit sanft und schloss 2020 in die Arme. Langsam entzündete sich das Feuer, das das alte Jahr Stunde um Stunde im Rauch aufgehen ließ. 2020 weinte.                                                                                                                                                    Es tut mir leid, schluchzte es, ich weiß nicht warum ich so größenwahnsinnig war als ich jung war.           

Du hast nur an dich gedacht, murmelte die Zeit und blies in das Feuer. Die Flammen loderten auf und hüllten 2020 in rötlichen Schein.                                                                                                                         

Schlaf jetzt, sagte sie, bald ist es vorbei.                                                                                                                   

2020 schloss die Augen und die Zeit schenkte ihm einen Traum.                                                          

Du hast deine Aufgabe erfüllt, flüsterte sie mit sanfter Stimme, und du hast es so gut gemacht wie die, die vor dir da waren. Nicht du bestimmst die Qualität der Zeit, es sind die Herzen der Menschen. Und auch du hast etwas Gutes bewirkt, aber das können sie vielleicht noch nicht sehen. Schlaf jetzt ein, bald ist es soweit.                                                                                                                                                          

Und so schlief 2020 in den Armen der Zeit seinem Ende entgegen.                                                                 

Sie werden dich nicht vergessen, dachte die Zeit. Und sie spürte das Herannahen des nächsten Jahres, das ersehnt und zugleich gefürchtet wurde, denn das Echo von 2020 fiel wie ein Schatten auf seine Geburt. Die Zeit tanzte und die Minuten flogen davon.                                                                          

Es gibt nicht gut noch schlecht, sang sie, denn alles ist eins. Wie oben so unten, wie innen, so außen. Sie drehte sich wieder und wieder. Solange ich tanze, geht es weiter, sang die Zeit, ich tanze im Takt der Herzen, ta-tamm, ta-tamm, ta- tamm……

Happy New Year –

Klappe/die 56 igste

Wieder einmal der letzte Tag des Jahres. Gefühlt habe ich mich noch nicht mal an 2016 gewöhnt und schon ist es wieder vorbei. Jetzt ist es bereits dunkel und die Ungeduldigsten fangen schon an, die ersten Böller loszulassen.

Ich habe heute Nacht ausgerechnet, dass dies meine 56. Silvesternacht ist. Die erste Silvesternacht, an die ich mich bewusst und mit Details erinnere, ist die von 1971 auf 1972. Ich war 10 Jahre alt, meine Schwester hatte im Herbst ihren 21. Geburtstag gefeiert und war jetzt volljährig.  Im Sommer war sie von einem zweijährigen Auslandsaufenthalt in den USA zurückgekehrt, direkt aus Washington DC in ein schwäbisches Dorf mit etwa zweitausend Einwohnern. Als sie abgereist war fuhr die ganze Familie mit zum Flughafen nach Stuttgart. Man schrieb das Jahr 1969 und Fliegen war etwas höchst außergewöhnliches, ein Flug nach Amerika , über den „großen Teich“, wie meine Mutter das nannte, eine kleine Sensation. Es war ein strahlender Sommertag, wir saßen alle auf der Aussichtsterrasse als meine Schwester mit den anderen Fluggästen aus dem Terminal unter uns heraustrat und zum Flugzeug ging. Ja, richtig, man ging zum Flugzeug, es gab keinen Bus. Wir winkten ihr zu wie einem Filmstar und ich fand, sie sah auch wie einer aus. Ich werde das Bild nie vergessen.  Sie trug ein weißes Kleid aus Pikèestoff, das mit sonnengelben Konturen von Blumen bedruckt war, dazu einen passenden Mantel in Gelb und eine gelbe Pillbox, ein kleiner runder Hut aus weichem Filz, der in den 60erJahren schwer in Mode war. Ihr dickes schwarzes Haar war hochgesteckt und die Pillbox saß  so keck auf ihrem Dutt wie die Hütchen der PanAm Stewardessen. Ich fand  meine Schwester wunderschön und das war sie auch, zweifellos. Sie war das perfekte Ergebnis der Anstrengungen unserer Mutter, sie zu dem zu formen, was Mama sich unter einer wohlgeratenen Tochter vorstellte. Der Aufenthalt in Amerika war etwas, was unsere Mutter vorangetrieben hatte, sie wollte meiner Schwester einen Traum erfüllen, den sie selbst geträumt aber nie erlebt hatte. Aber ich bin mir sicher, dass meine Mutter sich in ihren kühnsten Träumen nicht ausgemalt hatte, was dieses Land und vor allem in dieser Zeit, 1969, mit ihrem braven Mädchen machen würde.

An Weihnachten kamen Pakete aus Amerika, es waren die großen, in denen Bananen verschifft werden. Der Boden der Pakete war mit Schokoriegeln aufgefüllt, eine Art Süßigkeit, die mir zu diesem Zeitpunkt noch völlig unbekannt war. Eine Sorte hieß „3 Musketeers“, daran erinnere ich mich noch genau.  Ich bekam meine erste „Barbie“ von meiner Schwester, direkt aus Amerika unter den deutschen Weihnachtsbaum.

In diesem Jahr war Amerika für mich allgegenwärtig, denn meine Familie hatte zwei in der Nähe stationierte amerikanische Soldaten, die regelmäßig im Gasthaus meiner Großeltern einkehrten, eingeladen. Sie wollten unbedingt einmal echte deutsche Weihnachten erleben. Ich weiß noch, dass die Erwachsenen alle einen ausgewachsenen Schwips hatten, sogar meine Oma, die eigentlich nie trank, hatte rote Bäckchen und man sieht sie auf jedem der Dias, die mein Vater machte, lauthals lachen. Die beiden Soldaten erinnerten mich an Pat und Patachon, einer war klein und rundlich, der andere lang und schlaksig, mit ausgeprägter Nase. Im Gegenzug waren wir zu „Thanksgiving“ in den „Kelly Barracks“ eingeladen gewesen. Die Feier fand in einer großen Halle statt und am Eingang zum Saal wurde man von einem riesigen Truthahn empfangen, der auf einer silbernen Platte angerichtet war. Am faszinierendsten waren für mich die weißen Papierhütchen, die man dem Truthahn auf die Füße gesteckt hatte. (Sorry, ich kenne den Fachbegriff für diese Teile nicht). Ein Kohlkopf  war als Kopf mit Gesicht dekoriert, selbiger trug einen Zylinder mit Stars `n Stripes.  Die beiden Jungs, deren Namen ich nicht mehr weiß, wurden im Jahr nach diesen Weihnachten nach Vietnam abgezogen. Wir haben nie mehr etwas von ihnen gehört.

Meine Schwester kam an einem ebenso heißen Sommertag wieder in Deutschland an. Wir fuhren extra nach Frankfurt, um sie abzuholen. Ich erinnere mich an ein Spalier von Abholern, in meiner Erinnerung ist dieses Spalier meterlang. Die Angekommenen kamen durch die Tür der Gepäckabfertigung und mussten durch dieses Spalier gehen. Ich stand mit meiner Mutter eingekeilt zwischen anderen Wartenden, die ihre Köpfe Richtung Tür reckten. Immer wieder fielen sich Menschen in die Arme. Ich versuchte einen Blick auf die zu erhaschen, die aus der Tür traten. Dann war da eine zierliche Frau mit hüftlangen, offenen schwarzen Haaren, die ein buntes bodenlanges Blumenkleid trug und, unfassbar, nackte Füße in Sandalen. Für einen Moment hatte ich die Eingebung, dass dieses Wesen meine Schwester sein könnte, aber da meine Mutter nicht reagierte, dachte ich, ich hätte mich getäuscht. Dann setzte sich meine Mutter doch in Bewegung und zog mich in Richtung Ende des Spaliers. Dort sah ich das Feenwesen am Hals meines Vaters hängen.

Ich weiß bis heute nicht, was meine Mum sich gedacht hat als sie meine Schwester sah. Sie fing  sich vermutlich schnell wieder weil sie sich freute, ihr Kind endlich wieder zu sehen. Aber ich bilde mir seit Jahrzehnten ein, dass sie schockiert gewesen ist.

Mit meiner Schwester zogen Wilson Pickett, Otis Redding und die Jackson Five bei uns ein. Ich verbannte Roy Black, dem ich die Sache mit Anita ohnehin übelgenommen hatte, in den Schrank und schwärmte ab sofort für den kleinsten der Jacksons, Michael, nachdem meine Schwester mir erklärt hatte, dass er nur ein bisschen älter wäre als ich.

Dieses erste Silvester, an das ich mich bewusst erinnere, feierten wir in Österreich. Im Montafon, in Schruns. Wir waren in einem Hotel das, wenn ich es recht erinnere, „Alpenrose“ hieß.

Es lag oberhalb des Ortes und man hatte einen fantastischen Blick auf den Ort und die Berge. Meine Schwester war wieder bildschön, sie hatte ein Kleid aus Amerika mitgebracht das einfach spektakulär war. Es war eigentlich ein Jumpsuit mit sehr weiten Hosenbeinen, hatte aber einen bodenlagen, vorne geschlitzten Rock über der Hose. Die Hose war weiß, der Rest des Kleides schwarz.  Mir hatte sie eines dieser bodenlangen Hippiekleider aus Amerika mitgebracht, sodass ich mich standesgemäß gekleidet fühlte für diese besondere Nacht.  Der Blick von oben auf das Feuerwerk war großartig, die Nacht kalt und klar. Wenn ich es recht bedenke, war das eine der glücklichsten Silvesternächte meines Lebens. Ich war ein Kind, die Welt war in Ordnung und ich war mit den Menschen, die ich am meisten liebte, an einem wunderschönen Ort.

Mittlerweile messe ich diesem Tag keine große Bedeutung mehr bei. Dieses Jahr, an meinem 56. Silvester, bin ich das erste Mal ganz alleine. Ich sitze hier mit Schnupfennase am Kamin, trinke Tee und mache mir so meine Gedanken. Und um Mitternacht werde ich mir etwas wünschen. Was ? Verrate ich nicht 🙂

Meine Lieben, ich wünsche Euch ein wunderschönes 2017 mit Liebe, mit guten Freunden,  Zufriedenheit, Sorglosigkeit und FRIEDEN.

Tag 1

Eine neue Zahl: 2016.

Irgendwie gefällt mir die Zahl besser als die alte, 2015. Subjektive Wahrnehmung nennt man das wohl. Das neue Jahr habe ich begrüßt auf der Feuertreppe der Hautklinik der Uniklinik Tübingen, mit einer Handvoll Menschen, die wie ich einen guten Grund hatten, hier zu sein. Die Nachtschwester, zwei Ärzte, der Portier, ein Patient. Und ich. Am Ende des Ganges lag meine Mutter, erkrankt an Gürtelrose, die sich wie ein Feuermal über die rechte Seite ihres Gesichts zieht, über das Auge bis in den Haaransatz. Da sie wegen ihrer Demenz, die die Folge einer Hirnblutung ist, völlig ohne Orientierung ist, muss 24 Stunden jemand bei ihr sein. Ich teile mir die Tage mir meiner Schwester auf. Sie übernimmt den Tagdienst und ich die Nacht und den Morgen, Gleich wird sie kommen um mich abzulösen. So bin ich zu diesem Silvester der anderen Art gekommen. Es war irgendwie surreal, da auf der Feuertreppe im nebligen Tübingen. Das Knallen der Raketen und Böller ein Feuerwerk für die Ohren, sehen konnte man wegen des Nebels fast nichts, einzelne Raketen, die sehr hoch in den Himmel stiegen, waren sichtbar. Das war ja wie ein Sinnbild für meinen persönlichen Jahreswechsel. Er war auch „beschnitten“, vernebelt wie die Sinne meiner Mutter.

Ich hatte, dem Schicksal trotzend, mein Ausgehkleidchen angezogen, Schmuck und Ohrringe, dunkelroten Lippenstift. Ich wollte Silvester feiern, schön sein, für mich. Ich hatte mir eine kleine Flasche Brut eingepackt und Luftschlangen an den Galgen über dem Krankenbett, das für mich neben dem Bett meiner Mutter steht, aufgehängt.

Es sind ruhige Stunden hier in der Klinik. keine Ablenkung, kein Radio, kein Fernsehen, nur die mühsamen Atemzüge meiner  Mutter im Bett neben mir. Viel Zeit für Reflektion. Seit heute morgen habe ich auch Zugang zum Internet, nachdem der frreundliche Portier mir gezeigt hat, wie ich es machen muss. Alle hier sind unglaublich nett, hilfsbereit, es ist eine sehr ruhige, schöne Schwingung in diesem Haus.

Jetzt freue ich mich einfach, endlich wieder mal Zeit für meinen Blog zu haben, es muss wohl einiges wieder raus was sich über die anstrengenden letzten Wochen angestaut hat.

Ich wünsche Euch allen ein glückliches neues Jahr, Gesundheit, Liebe und Zufriedenheit. Mögen die Menschen um Euch sein, die ihr liebt und braucht.