Prag 1979

Meine Freundin Gabriele fährt am Wochenende nach Prag.

Da kommen alte Erinnerungen hoch, an unsere Klassenfahrt in der dreizehnten Klasse. Diese Reise hat mich so berührt, dass ich es mir unbedingt von der Seele schreiben musste, damals. Ich war achtzehn Jahre alt und habe diesen Reisebericht auf einer alten Reiseschreibmaschine meines Vaters getippt. Das mittlerweile leicht vergilbte Papier lag lange in einem Karton, jetzt habe ich die Geschichte endlich zu Ende abgetippt. Hier ist der Bericht aus einer anderen Wirklichkeit, zehn Jahre vor dem Fall der Berliner Mauer. Ich habe nichts verändert sondern den Wortlaut eins zu eins übernommen.

Trauert Prag
um meinen Traum?
Mein Traum
trauert um Prag
– Rose Ausländer

Graue Wände, graues Gras, graue Gesichter.
Irgendeiner im Bus spottet über die altmodischen Autos.
In Pilsen Kinder, die um Geld betteln.
Prag, goldene Stadt.
Ankunft bei Nacht. Kaum hatte der Busfahrer den Motor abgestellt, stieg der staatliche Reiseleiter ein.
Keiner wusste, wann wir genau ankommen würden – er war zur Stelle. Zufall?

Karten für die Straßenbahn gibt es in fast allen Läden und Kneipen und beim Hotelportier. Der Portier hat keine mehr und rät uns, schwarzzufahren. Wir laufen.
Wie kommen wir zum Wenzelsplatz, bitte?
Die Frau, die wir ansprechen, hat Zahnschmerzen und ist auf dem Weg zum Zahnarzt. Sie schenkt uns zwei Straßenbahnbillets. An der zweiten Haltestelle müssen wir raus, die Richtung stimmt nicht. Die blonde Pragerin ist wahnsinnig nett, sie lacht viel mit uns, trotz der Zahnschmerzen. Schließlich fahren wir mit ihr im Taxi mit, am Wenzelsplatz lässt sie uns aussteigen.
Einmal rund um den Wenzelsplatz. Vage Erinnerungen an den Vortrag der VHS. Der Wenzelsplatz war so etwas wie ein Symbol für den Widerstand 1968. Danach haben sie eine riesige Baustelle daraus gemacht, jetzt ist es vollkommen unmöglich, sich auf dem Platz zu versammeln. Dauernd fahren Polizeistreifenwagen vorbei.
Am Denkmal des heiligen Wenzel ist eine Tramhaltestelle. Wir fragen eine Frau, ob hier unsere Bahn abfährt. Auch sie ist sehr freundlich. Etwas später frage ich sie, ob das Denkmal schon immer hier stand.
„Ja, natürlich“, sagt sie.
Dann schweigt sie wieder. Und plötzlich, unvermittelt, sagt sie:
„Hier hat sich vor zehn Jahren ein junger Mann verbrannt.“

Vor dem Hotel treffen wir Silvie, sie spielt mit ein paar tschechischen Jungs Gitarre.
Jeden Vormittag Programm, jeden Nachmittag der Versuch, Prag so zu erleben, wie es nicht im Reiseführer steht.
Am jüdischen Friedhof die erschütternden Dokumente der Kinder von Theresienstadt. In der Meysel-Synagoge die alte Jüdin, die uns alles mit so viel persönlichem Engagement erklärt, jedes Gerät, jeden Schmuck. Mitten hinein in ihre Baedeckersätze ihre Frage, ob wir Geld tauschen wollen.

Ein Abend mit den jungen Tschechen. Die Verständigung klappt ganz gut, aber viele Fragen bleiben offen. Eine Hippiegemeinde in der Nähe von Prag – hier träumen sie noch den amerikanischen Traum. Alkohol und harte Drogen, an die man eher herankommt als an weiche. Für viele ein Flucht aus der Realität.
Alle reden vom Abhauen. Marcels Vater ist Zahnarzt in Düsseldorf. Ich schlage im Wörterbuch nach, das Wort „Ausreisegenehmigung“ gibt es nicht. Ich finde „Genehmigung“ und schreibe die tschechischen Wörter für „oder“ und „flüchten“ daneben.
Marcel schreibt „flüchten“.
Er ließ sich vor wenigen Tagen die Haare schneiden, wegen seiner langen Haare wurde er ständig von den Lehrern drangsaliert. In viele Lokale werden sie gar nicht erst rein gelassen. Ein Bier nach dem anderen, sie sagen, die Tschechen stünden beim Pro-Kopf-Bierverbrauch an erster Stelle.
Eine Pink Floyd Platte kostet auf dem Schwarzmarkt gebraucht 500, neu 700 Kronen. Für Marcel,
Ludjek und die anderen ist eine Krone so wie für uns eine Mark.

Die alte Frau zeigt uns am nächsten Tag den alten jüdischen Friedhof. Hinter Grabsteinen und Bäumen tauschen wir Geld bei ihr.
Für eine Gallensteinoperation musste sie dem Arzt 200 DM geben, damit er sie richtig behandelte.
Er wusste, dass sie als Führerin im jüdischen Viertel an Devisen herankommt.
Wenn man ein gutes Stück Fleisch ohne stundenlanges Anstehen bekommen will, muss man den Metzger „schmieren“, sagt sie. Dann bekommt man es, schon in einer Tasche verpackt, unter dem Ladentisch.
Auf sieben Zivilisten kommt in Prag ein Polizist oder Soldat, erzählt Marcel. Die Sirenen der Polizeiwagen gehen an die Psyche.
Und sonst? Hradschin, Kafka, astronomische Uhr – alles abgehakt? Wunderschöne alte Häuser, herrliche Fassaden, ganze Straßenzüge, die erhalten sind. In den kleinen Nebenstraßen wohnt der Verfall. Prunkvolle Villen mit Parks – da wohnen die Parteifunktionäre. Wir wohnen im Hotel „Solidarita“.
Die Ostdeutschen, die neben uns in der Straßenbahn stehen und sich über die Kanzlerwahl in Westdeutschland unterhalten, wohnen woanders.
Der Taxifahrer, der uns am letzten Abend vom Wenzelsplatz zum Hotel fährt, fragt, ob wir ihm fünf Mark geben könnten für den Fahrpreis.
Vor dem Hotel zwei aufgeprotzte tschechische Mädchen.Schließlich trauen sie sich hineinzugehen, wo zwei junge deutsche Männer auf sie warten.
Letzte Eindrücke auf der Rückfahrt. Zermürbende Warterei an der Grenze. Wir spielen `Faulei´ auf dem Platz vor einem Grenzerhäuschen. Endlich senkt sich der Schlagbaum hinter uns.
Zum ersten Mal fühle ich mich nach einer Reise frei in unserem Land. Ich bin mit gemischten Gefühlen heimgekommen –
Prag, die Stadt, ist wunderschön, aber…..

Bus-Lotterie

Wer das blog verfolgt weiß, dass ich vom Auto auf die öffentlichen Verkehrsmittel umgestiegen bin.
So regelmäßig wie in den letzten drei Tagen bin ich wahrscheinlich seit meiner Schulzeit nicht mehr Bus gefahren. Gäbe es jedoch das Internet nicht, würde ich wahrscheinlich immer noch nach den richtigen Buslinien suchen oder nach einem Informationsbüro der „Lignes D´Azur“. Doch zum Glück sind die Zeiten ohne das worldwideweb Geschichte und die „Lignes D Azur“ haben eine gut aufgebaute homepage, http://www.lignesdazur.com, die auch auf Englisch aufgerufen werden kann. Der link „plan your trip“ zeigt dann die entsprechenden Verbindungen an. Ich recherchiere also die Verbindung nach Villefranche, weil mein Vermieter mir den Tipp gegeben hat, dort einen Tag am Strand zu verbringen. „Très jolie“ meinte er zu mir. Womit wir wieder beim Thema wären…
Ich fahre mit der Tram zum Place Garibaldi und begebe mich auf die Suche nach der Haltestelle für den Bus N° 81. Laut der Karte von Lignes D`Azur liegt sie in der Rue Catherine Segurane. Nachdem ich den Place Garibaldi nach allen Seiten abgesucht habe finde ich tatsächlich die richtige Straße, die sich als einzige Baustelle präsentiert. Hier kann definitiv kein Bus durchfahren oder anhalten. Vergeblich halte ich Ausschau, ganz deutsche Gründlichkeit, nach einem Hinweis, der etwas sagt wie „Haltestelle verlegt“, aber ich finde nichts. Glücklicherweise halten die Busse der Lignes D´ Azur an jedem dicken Baum und man muss nur ein Stück in die richtige Richtung gehen, dann kommt irgendwann die nächste Haltestelle. (Die richtige Richtung zu finden ist auch mit einem nur rudimentär vorhandenen Orientierungssinn wie meinem hier möglich). Ich entere nach ein paar hundert Metern die Haltestelle meines Vertrauens und wie bestellt kommt auch gleich darauf der Bus. So ein kompliziertes System wie in Deutschland kennt man hier glücklicherweise nicht. Zone 1, 2 oder 3 ? Fehlanzeige. Man bezahlt sein Ticket und kann bei Bedarf bis zur Endstation durchfahren. Ich ergattere einen Sitzplatz und der klimatisierte Bus schaukelt gemütlich oberhalb der wunderschönen Küste entlang und präsentiert mir atemberaubende Ausblicke auf das tiefblaue Meer, das in der Sonne glitzert und am Horizont mit dem Himmel verschwimmt. In den kleinen Buchten liegen weiße Boote und Jachten vor Anker wie kleine weiße Vögel, die auf dem Wasser treiben. Die Terracotta oder Ocker gestrichenen Häuser haben jadefarbene Holzläden und scheinen an die steilen Hänge angeklebt zu sein. Als der Bus Villefranche passiert beschließe ich spontan, bis zur Endstation durchzufahren, ohne genau zu wissen wo das sein würde. (Das war reine Abenteuerlust, ehrlich! Es hatte nichts damit zu tun, dass meine schwäbischen Gene mir befohlen hätten, das, was ich bezahlt habe, auch in Anspruch zu nehmen!)
Ich bleibe also sitzen bis der Fahrer ruft. „Terminus!“ und bin in St. Jean Cap Ferrat gelandet. Nicht die schlechteste Wahl. Ich schlage mein Lager am wenig bevölkerten Strand auf und lasse mir die Stunden bis zum Abend durch die Finger rieseln.
Neuer Tag, neues Glück. Da es also gestern mit Villefranche nichts geworden ist, versuche ich mein Glück heute nochmal. Ich gehe gleich zu der gestern entdeckten Haltestelle und habe genügend Zeit zu untersuchen, welche anderen Linien hier noch durchfahren. Sieh an, hier fährt auch die N° 100, von Nizza über Beaulieu sur Mer und Monaco nach Menton. Da der 100er zuerst kommt nehme ich den und disponiere um. Ich fahre nach Menton, da soll es auch sehr schön sein (sagt mein Vermieter). Leider ist der Bus völlig überfüllt, man kann kaum noch stehen, es ist kein Vergnügen und die Klimaanlage schafft auch keine Kühlung mehr. Also doch vorzeitiger Abbruch der Reise. Villefranche wird von diesem Bus nicht angefahren, so lande ich wieder in Beaulieu sur Mer. Das kenne ich zwar schon aber dafür gehe ich heute mal an einen anderen Strand. Neben mir liegen drei junge Frauen und ein junger Mann, die sich angeregt auf Englisch unterhalten. Der Junge kommt aus den USA, das ist nicht zu überhören. Da es sich nun einmal nicht vermeiden läßt , lausche ich dem Gespräch der vier und erfahre so einiges über die Art und Weise, wie junge Leute heutzutage unterwegs sind. Der Amerikaner hat seine Reise durch Europa offensichtlich in Prag begonnen, die drei Mädchen kommen aus der tschechischen Republik. Er erzählt, dass er mit bla-bla an die Coté d´Azur gekommen ist.( http://www.blablacar.de) Das war offensichtlich kein großes Problem, leider haben die meisten Leute, mit denen er mitgefahren ist, kein oder wenig Englisch gesprochen und er spricht weder Italienisch noch Französisch. Seine weitere Reise wird ihn zunächst nach Cinqueterre führen (http://de.wikipedia.org/wiki/Cinque_Terre) und danach weiter nach Florenz, Rom und anschließend will er mit der Fähre nach Pula in Kroatien übersetzen. Von Kroatien geht es über Slowenien wieder zurück nach Prag. Die Tickets für blabacars bucht er im Internet, macht mit dem Fahrer einen Treffpunkt aus und steigt ein. Blabla ist also offensichtlich das Interrail von heute. Ich bin immer noch einen Moment erstaunt wenn ich Menschen aus dem ehemaligen Ostblock in den Touristenhochburgen des Westens treffe, die Konditionierung durch eine Kindheit mit Mauer und kaltem Krieg hat offensichtlich ihre Spuren hinterlassen. Mir fällt unsere Klassenfahrt nach Prag ein, die bettelnden Kinder in Pilsen, die unsern Bus umringten oder die jungen Tschechen, die wir vor dem Hotel kennenlernten und die uns erzählten, dass sie von der Schule verwiesen wurden, weil sie ihre Haare nicht schneiden lassen wollten und dass eine Pink Floyd Langspielplatte umgerechnet 700 DM kostete. Die drei Mädels neben mir waren vermutlich im Jahr des Mauerfalls noch nicht einmal geboren und ich frage mich, wie viel sie von den Zuständen damals in den Siebzigern wissen. Jedenfalls finde ich es großartig, dass diese Zeiten vorbei sind und sie auch die Möglichkeit haben, zu reisen und die Welt zu erobern. Vielleicht probiere ich das Reisen mit blablacars auch mal aus, wer weiß. Im Moment reise ich jedenfalls noch „klassisch“ und morgen schaue ich mal wohin mich die Bus-Lotterie bringt.
A bientôt!