Der erste Pfeil trifft

Manchmal sind kleine Verletzungen unglaublich schmerzhaft. Ich habe mir am linken Zeigefinger bei einer ungeschickten Bewegung ein Stückchen Haut gequetscht und abgerissen. Geblieben ist eine kleine kreisrunde Wunde, die aussieht, als hätte man mir ein Stück Haut heraus gestanzt.

Jetzt muss ich den Stift ganz verkrampft halten, damit ich diese kleine wunde Stelle nicht berühre.

„Soll ich ihre Wunde heilen?“ Da ist er wieder. Die Doppeldeutigkeit seiner Worte scheint Zeus nicht bewusst zu sein. Von diesem anderen Schmerz ahnt er ja offensichtlich nichts. Auch ein allwissender Gott kann nur das fühlen war er selbst kennt, schießt es mir durch den Kopf. Und diese Gefühle kennt er ja nicht.

Er lächelt mich mit seinem unergründlichen Lächeln an. In seinen grünen Augen sind kleine helle Sprenkel.

„Nein danke,“ ich versuche locker zu bleiben, „Das wird schon wieder, halb so schlimm.“

Ich tue so, als wäre ich beschäftigt und versuche ihn nicht zu beachten.

„Warum sind sie denn heute so abweisend, meine Liebe?“ Seine Stimme fließt direkt in mein Herz und breitet sich dort aus, kriecht dann in jede Pore und transformiert sich zu einer so tiefen Sehnsucht, dass ich vor Schmerz die Luft anhalte. Ein Teil meines Ichs ist sich bewusst, dass all das, was ich spüre, nur eine Projektion meiner Fantasie ist. Der andere Teil ist gefangen in dieser Sehnsucht, die mich wie mein eigener Herzschlag durch den Tag begleitet.

Vielleicht ist die Dimension, in der ich mich mit meiner Figur befinde, real und die vermeintliche Realität ist nur eine Illusion?

Während ich die Möglichkeiten abwäge spüre ich einen schmerzhaften Stich in der Brust. Für einen Moment halte ich die Luft an. Ich fasse mich ans Herz, aber da ist nichts. Ich fühle mich plötzlich seltsam leer, als ob man mir etwas genommen hätte, an das ich mich nicht mehr erinnern kann, aber ich weiß dass es da war.

Ich bin allein in meiner Wortwabe und frage mich ob ich wohl eine  Figur bin in der Geschichte eines anderen – bin ich aus Fleisch und Blut? Ich bin nicht sicher.

Der Pfeil (Zeus Teil 8)

Artemis lächelte zufrieden.

„Hera, du hast es geschafft!“

Hera seufzte.

„Ja, es war gar nicht so einfach Hypnos zu überreden. Aber du weißt, wie gerne er seine Macht demonstriert. Er ist eben auch nur ein Mann.“

Hera zog die beiden Pfeile aus ihrer Tasche.

„Du hast ja zwei Pfeile,“

Artemis war erstaunt.

„Wozu brauchen wir den mit bleierner Spitze? Willst du Zeus etwa wieder retten?“

Artemis sah Hera direkt in die Augen.

„Nun ja, also,“ Hera wand sich unter Artemis bohrendem Blick.

„Nur für alle Fälle,“ sagte sie und steckte den zweiten Pfeil wieder in ihre Tasche.

„Ich werde ihn nicht erlösen, Hera.“

Artemis nahm den Pfeil mit der Goldspitze und steckte ihn in ihren Köcher.

„Wir brauchen jetzt dringend einen Plan,“ sagte sie. „Irgendwie müssen wir Zeus und Mona Lisa zusammenbringen.“

„Vergiss es, Artemis. Zeus folgt keinem Plan bei seinen Eroberungen. Außerdem fallen ihm die meisten Frauen ja ohnehin wie reifes Obst vor die Füße sobald sie ihm in die Augen geschaut haben. Und wenn das noch nicht reicht dann zieht er ein Gedicht aus der Tasche…“

Hera machte eine Pause, während Artemis den Pfeil probeweise in ihren Bogen einlegte.

„Spiel nicht damit herum, Artemis, die Pfeile sind gefährlicher als sie aussehen!“

Artemis legte den Bogen zur Seite.

„Was schlägst du vor, Hera?“

„Du wirst die Chance des Augenblicks nutzen müssen. Wer dann die Glückliche ist, in die er sich verlieben wird, das wird Ananke entscheiden.“

„Ananke?“ Artemis schien erschrocken.“Woher weiß sie von unserem Plan?“

„Ich habe keine Ahnung, ehrlich, aber ich hatte heute Besuch von Tyche.“

Die beiden Göttinnen sahen auf das unendliche weiße Wolkenmeer, das sich vor ihnen ausbreitete.

„Seit ich weiß, dass Ananke Wind von der Sache bekommen hat, habe ich ein mulmiges Gefühl, Artemis. Der Schuss könnte sprichwörtlich nach hinten losgehen.“