Das Seminar (Die Schlange 5)

Anna schätzte das Alter des Unbekannten auf Ende Vierzig. In Gedanken machte sie eine Miniumfrage, nach dem Motto „Kreuzen sie das Zutreffende an“:

„Kein normaler Mann in diesem Alter ist allein, also trifft wahrscheinlich Punkt 3 zu. Es wäre also die Frage zu lösen, warum trägt er keinen Ehering? Mag er keinen Schmuck? Will er seinen Beziehungsstatus verbergen „ich rede schon wie ein Facebookprofil auf zwei Beinen“, dachte Anna und musste grinsen.

Anna war nicht unbedingt auf der Suche nach einem Mann, aber ein Flirt würde dem Seminar bestimmt ein bisschen Würze geben. Sie saugte am Strohhalm ihrer Latte Macchiato und sah verstohlen zum Nebentisch. Anna konnte einfach nicht anders, „Berufskrankheit“ pflegte sie zu sagen. „Das Hemd ist von van Laak, der Anzug könnte von Boss Black sein. Die Schuhe waren auf jeden Fall rahmengenähte Budapester, er hatte zweifellos Geschmack. Sie schielte unauffällig über den Rand ihrer Zeitschrift. Er war attraktiv, keine Frage, aber nicht zu perfekt. Anna hatte nichts übrig für die geleckten Typen, ein Mann mit Ecken und Kanten traf eher ihr Beuteschema. „Ein Kerl“ stellte sie fest.

Vielleicht war dieses Seminarwochenende gar nicht so verkehrt, wenn man hier solche Männer traf –

Der Unbekannte hatte seine Email beantwortet und wandte sich wieder Anna zu. Sie sah in ein paar graugrüne Augen, die mit hellen Sprenkeln durchsetzt waren.  Und als sie sich abwandte war ihr schon klar dass sie ein My zu lange in diese Augen geschaut hatte. „Darf ich mich vorstellen? Steffen Amberg:“ „Anna Stickel“ antwortete Anna. ´Er hat auch noch eine angenehme Stimme´ dachte Anna.

„Nett Sie kennenzulernen,“ sagte Steffen. „Was führt sie denn hierher? Das ist ja nicht gerade ein Wellnesshotel für ein erholsames Wochenende“, fuhr er fort. Anna musste ihm zustimmen, es war ein typisches Tagungshotel, pragmatisch und nüchtern eingerichtet, aber ohne Charme. Er lächelte Anna an. „Ich nehme hier an einem Seminar teil“ sagte sie,“ es beginnt in“ sie sah auf die Uhr, „genau einer Stunde.“ Wie hatte sich der Typ eben vorgestellt? Steffen Irgendwas  – Anna suchte in ihrer Tasche nach den Seminarunterlagen. Der Name war ihr irgendwie bekannt vorgekommen aber sie hatte keinen Zusammenhang hergestellt. Sie warf einen Blick auf die Liste der Referenten. Da stand sein Name, Steffen  Amberg, er moderierte das Seminar.  Es war seine Unternehmensberatung, die das Seminar durchführte. Wie peinlich – hätte sie doch mal die Unterlagen genauer durchgelesen.  Sie lächelte ihn mit ihrem unwiderstehlichen Lächeln an: „ Ich dachte eben, der Name kommt mir bekannt vor – Herr Amberg, sie halten das Seminar an dem ich teilnehme: „Führung und Magie“.

„Ich bin schon so gespannt“, Anna log ohne rot zu werden und wie erwartet sprang Steffen Amberg darauf an. Männer sind einfach gestrickt, sobald frau sie lobt ist das der Startschuss für einen Monolog. So war es auch jetzt. Anna bekam eine Kurzfassung der Seminarinhalte und deren Relevanz für die Allgemeinheit und Anna im Besonderen. Sie lehnte sich entspannt zurück und nutzte die Zeit um  Steffen Amberg ausführlich zu betrachten. Er gefiel ihr immer besser.

Das Seminar (Die Schlange 4)

Der Wind strich um Anna herum und spielte mit Haarsträhnen, die sich aus ihrem Pferdeschwanz gelöst hatten. Ärgerlich schob sie die immer gleiche Strähne hinter das rechte Ohr. Sie saß halb in der Sonne und genoss die warmen Strahlen. Ihre Haut war aufgeheizt und jedes Mal wenn wieder eine Windböe kam fröstelte sie. Ihr Latte Macchiato Glas war leer, sie wollte der Kellnerin winken aber die junge Frau beachtete sie nicht. Wieder zerrte der Wind am Sonnenschirm und an ihren Haaren. Anna war genervt, es wäre so ein schönes Sommernachmittag, wenn der Wind nicht wäre. Leider konnte sie dem Wind nicht die Meinung sagen aber die Kellnerin würde ihre Launen abbekommen wenn sie sich endlich mal an ihren Tisch bequemen würde.

Anna sah nach oben wo der Wind an den Stoffbahnen des Sonnenschirms zerrte und strich sich zum wiederholten Mal eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Der Wind nervt, nicht wahr?“

Anna sah von ihrer Zeitschrift auf und blickte sich um. Am Nebentisch saß ein Mann, der sie auffordernd ansah, so als wolle er sagen: sprich mit mir, es ist ja sonst keiner da mit dem du reden kannst! Spontaneität gehörte nicht zu Annas hervorstechenden Eigenschaften, sie durchdachte alles, was sie vorhatte, ganz genau. Sämtliche Varianten wurden durchgespielt, nichts wurde dem Zufall überlassen. Aber irgendetwas brachte sie dazu, diesem Fremden spontan zu antworten ohne sich die Worte vorher zurechtzulegen. „Ja, er nervt dieser Wind. Es wäre so ein schöner heißer Nachmittag –„

Anna ließ den Satz offen. Eigentlich hasste sie das, Menschen, die immer vage blieben, sich nicht klar bekannten, das Ende eines Satzes offen ließen oder SMS schrieben, die in Pünktchen endeten. „Weicheier“, pflegte sie zu sagen. „Können sich nicht entscheiden.“ Und jetzt sprach sie selbst so – sie räusperte sich und suchte nach einem sinnvollen Abschluss für ihren unvollendeten Satz, aber es wollte ihr nichts einfallen. Da sah sie die Kellnerin auf ihren Tisch zukommen und winkte hektisch. Endlich, sie hatte sie gesehen und steuerte quer über die große Terrasse auf Anna zu.

„Noch eine Latte Macchiato bitte,“ eigentlich hatte Anna in Gedanken die junge Kellnerin schon abgekanzelt, weil sie so unaufmerksam war aber sie wollte vor dem Mann am Nebentisch nicht zickig wirken. „Warum interessiert es mich, was er über mich denkt? Das ist doch völlig egal!“ Anna schüttelte unwillkürlich den Kopf. „Wollen Sie doch keine Latte Macchiato?“ Die Kellnerin sah Anna unsicher an.

„Nein, äh ich meine ja, bitte bringen Sie mir noch eine“ „Mir auch bitte“ warf ihr Tischnachbar ein.

Anna beobachtete ihn unauffällig. Sie nannte das „scannen“. So ein Scan dauerte vermutlich  nur Sekunden. Anna checkte ihr Gegenüber von Kopf bis Fuß und ihr Ergebnis war, ohne Uhr, etwa 900 Euro. War die Markenuhr echt, dann kamen noch einmal etwa 7000 Euro hinzu. Weiterhin ergab ihr Scan, dass er keinen Ehering trug.

Der letzte Eintrag

Mich erreichte die Nachricht in der U-Bahn auf dem Weg zur Friedrichstrasse. Der erste Gedanke, den ich hatte, war: jeder auf der Welt wird sich daran erinnern, wo er war als er das gehört hat. Wie bei 9/11.

Der Wagon war voll, aber ich hatte noch einen Platz ergattert. Neben mir saß eine junge Punkerin mit knallpinken Haaren. Plötzlich kam die Durchsage. Danach waren alle wie gelähmt. Die Zeit schien sich zu verlangsamen, Stille breitete sich  in dem Wagon aus wie ein klebriger Sirup, der in jede Ritze läuft und sich festsetzt. Vermutlich waren es nur Sekunden, die mir aber wie eine Ewigkeit vorkamen, bis die junge Punkerin das Schweigen durchbrach: „Wat war dat denn? Wolln die uns dissen oder wat?“

Als ob sie damit einen Startschuss gegeben hätte redeten plötzlich alle auf einmal. Eine Frau fing an zu weinen, der Mann links von mir betete. Ich wollte nur noch raus. Raus aus der Bahn, raus aus dem Tunnel, ans Licht. Dann würde sich schon alles aufklären.

Ich gebe zu, ich habe mir die Zukunft der Menschheit nie besonders rosig vorgestellt. Schon vor Jahren war mir klar, dass es schwierig werden würde auf diesem Planeten zu überleben, wenn die Menschen nicht endlich anfangen würden nachzudenken und ihren Umgang mit der Natur ändern würden. Doch die Weltuntergangsszenarien von 2012 waren nicht eingetroffen. In der Sylvesternacht haben wir auf 2013 angestoßen, Micha hatte ein Transparent gebastelt auf dem stand „Hurra wir leben noch!“. Und jetzt fuhr ich durch Berlin, allein unter Fremden, und musste diese Nachricht verdauen.

Als der Zug in den nächsten Bahnhof einfuhr, drängten alle zur Tür. Nicht nur ich wollte hier raus.

Ich musste doch mit Micha telefonieren, erfahren was hier los war. Auf dem Bahnhof herrschte pures Chaos. Hysterisch schreiende Menschen liefen durcheinander, jeder wollte zu den Treppen, die nach oben führten. Eingezwängt in der Masse die hinausdrängte, versuchte ich mein Handy aus der Tasche zu ziehen. „Netz überlastet“ zeigte es an. Jetzt spürte ich wie die Angst in meinen Magen kroch und sich nach oben durcharbeitete. Als sie in meinen Synapsen angekommen war liefen mir schon die Tränen über die Wangen.

Ich dachte an all das, was ich mir für meine Zukunft vorgenommen hatte. Ich wollte noch so viel erreichen, Dinge, die mir wichtig waren, voranbringen. Endlich einmal mich in den Focus stellen. Wir wollten ein Haus kaufen und aufs Land ziehen. Die ganze Hektik der letzten Jahre fiel mir ein. Wie eine Getriebene hatte ich mich zwischen Familie und Beruf aufgerieben und mir fest vorgenommen, das in Zukunft zu ändern. Ich musste hysterisch auflachen. Zukunft! Was für ein lächerliches Wort!

Kürzlich wurde ich auf einem Seminar gefragt, was ich tun würde, wenn ich wüsste, dass am nächsten Tag die Welt unterginge. Ich sagte, dass ich diesen letzten Tag mit den Lebewesen, Menschen und Tieren, die ich liebe, verbringen würde. Ich würde noch ein, zwei Dinge klären, abends bei einer Pizza und einem guten Rotwein den Tag ausklingen lassen und alles aufschreiben.

„Verbindungsfehler. Kein Netz“

Jeder will telefonieren, natürlich. Jeder, dem es so geht wie mir. Am letzten Tag der Welt, weit weg von denen, die du liebst. Jetzt sitze ich am Brandenburger Tor mit Hundertausend anderen, wir liegen uns in den Armen, trinken Champagner und warten auf das Ende. Es sieht aus wie in Woodstock, friedlich.

Verbindungsfehler.

Nummer 80

Das ist der achtzigste Artikel. WordPress zählt das fein säuberlich mit.Ich hätte sonst keine Ahnung, wie produktiv (oder auch nicht) ich bin. In den letzten Wochen hatte ich kaum Zeit, um in die Wortwabe zu gehen. Mein Coach ist der Meinung, man muss jeden Tag zwei Stunden schreiben damit sich der Körper daran gewöhnt. Wie ein Training. Und er hat recht. Der Körper gewöhnt sich daran. Mit dem Ergebnis, dass ich unter Entzugserscheinungen leide, wenn ich nicht schreiben kann. Dann bin ich zuerst zickig, und dann zofig. Der moderne Jugendliche reagiert auf so eine übel gelaunte Mama  ganz lässig mit: “ Chill mal“, oder – nächste Stufe –  mit „was willst du von mir?“. Meine Kater reagieren gar nicht, Hauptsache der Napf ist mit Futter der richtigen Sorte gefüllt.

Irgendwie sind alle versorgt nur ich habe Entzugserscheinungen, Meine Figuren sind beleidigt, weil ich sie links liegen lasse. Anna würdigt mich keines Blickes, dabei weiß sie genau, dass ich im Kopf – und da entstehen ja die Geschichten – trotzdem immer an ihrer Geschichte arbeite. Ich hatte nur noch keine Zeit, alles aufzuschreiben. Die Suppe wabert im großen Topf vor sich hin und ich rühre immer wieder mal um, werfe das eine oder andere Detail hinein und lasse sie wieder kochen.

„Es wird Zeit, endlich mal den Schaum oben abzuschöpfen!“ Anna meldet sich endlich zu Wort. „Ich habe keine Schöpfkelle“, antworte ich und das entspricht der Wahrheit. „So eine billige Ausrede“ fährt sie mich an. „Wenn sie so beschäftigt sind, dann stehen sie eben mal um fünf auf und schreiben sie da!“ Die Frau hat Humor! Was bildet die sich eigentlich ein! Seit wann muss ich mir als Autor von den Figuren vorschreiben lassen wann ich aufzustehen habe? Ich bin versucht zu sagen „Chill mal“ aber als ich ihren bösen Blick sehe, schlucke ich das hinunter. Eigentlich war es doch ganz friedlich in meiner Wortwabe aber jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher…

Böse

Heute kam eine Frau in die Wortwabe, die mir ein bisschen Angst einjagte. Sie sah eigentlich ganz nett aus, aber sie erzählte mir eine  seltsame Geschichte – von einer Schlange und einer anderen Frau –  ich habe nicht recht verstanden, was sie wollte aber es war bedrohlich und – böse.

Sie sagte, ihr Name sei Anna.

Irgendwas in mir war auf Rückzug und ich versuchte sie vorsichtig aber bestimmt in Richtung Ausgang zu schieben. Ich wollte gerade die Tür hinter ihr zudrücken da drehte sie sich nochmal um, schob die Tür auf und sah mir direkt in die Augen:

„Ich finde alles über Sie heraus, alles. Sie sollten also genau überlegen wie Ihre nächsten Schritte aussehen. Denn egal wo sie sind, ich finde Sie.“ Ihre Stimme war dunkel, fast etwas heißer. Obwohl ich keine Ahnung hatte, was sie von mir wollte bekam ich eine Gänsehaut und drehte hinter ihr den Schlüssel dreimal um.

Irgendwie fühle ich mich seither nicht mehr ganz sicher….

Die Schlange (3)

Aber nein, es handelte sich um eine Weiterbildungsmaßnahme. Warum man ausgerechnet auf sie verfallen war, verstand Anna auch nicht, aber sie hatte keine Chance. Frau Panski erging sich in einem Monolog über die Wichtigkeit der emotionalen Intelligenz im Allgemeinen und bei Führungskräften im Besonderen. Anna wusste, dass Frau Panski keine Ahnung hatte, wie sehr Anna sie hasste. Insgeheim nannte sich Anna selbst manchmal „falsche Schlange“ weil sie es immer wieder schaffte, Frau Panski durch ausgeprägten Opportunismus davon zu überzeugen, Anna sei eine treue Anhängerin. Frau Panski erklärte Anna nun bereits zum dritten Mal wie wichtig dieses Seminar für sie sei und dass Anna als Einzige in den Genuss eines Einzelseminars kommen würde. Alle anderen aus ihrer Führungsebene hatten ein gemeinsames Seminar besuchen müssen.Anna hatte für den Termin eine perfekte Ausrede gehabt, da ihre Mutter an diesem Wochenende den siebzigsten Geburtstag feierte. Das wäre sogar im Zweifel mit der Geburtsurkunde nachweisbar gewesen, aber soweit war Frau Panski dann doch nicht gegangen. Sie hatte Anna zähneknirschend Urlaub gegeben. Jetzt musste Anna so tun, als wäre sie völlig aus dem Häuschen vor Dankbarkeit und Freude. Sie nahm die Seminarunterlagen mit einem leicht verkrampften Zug um den Mund entgegen und verabschiedete sich. Ein Freitag und ein kompletter Samstag waren für das Seminar vorgesehen. „Führung und Magie“ – schon der Titel brachte Anna auf die Palme. Wenn jemand dieses Seminar dringend nötig hätte, dann ja wohl Frau Panski. Ihr menschenverachtender Führungsstil brachte regelmäßig Mitarbeiter an den Rand ihrer Kräfte. Immer wieder fielen Kollegen wegen Burnout aus oder verließen die Firma.

Auf dem Weg zurück in ihr Büro musste Anna aufpassen, dass sie ihre wütenden Selbstgespräche nicht laut führte. „Das Schlimmste ist dieses Gefühl der Machtlosigkeit“, dachte sie. „Ich kann nur das Spiel mitspielen, ich habe keine Chance mich zu wehren, sonst wird der Druck stärker. Die Panski würde mich kaltlächelnd am langen Arm verhungern lassen. Und das halte ich nicht aus. Dann müsste ich kündigen, aber so leicht finde ich keinen Job mehr. Die Luft wird von Jahr zu Jahr dünner. Also bleibt mir mal wieder nur, die Zähne zusammenzubeißen und weitermachen.“

Die Schlange (2)

Eigentlich hatte Anna überhaupt keine Lust auf diese Weiterbildung. Sie fand es außerdem unverschämt, dass sie dafür einen Samstag opfern sollte- Wie immer war sie vor vollendete Tatsachen gestellt worden. Ihre Geschäftsführerin, deren Markenzeichen dunkle Augenringe waren, die jedem Nachtclubbesitzer Ehre gemacht hätten, hatte ihr einen Termin geschickt.Anna sah die Nachricht und ihr Magen krampfte sich zusammen. Auf der Liste der Leute, die sie in ihrer Firma auf den Tod nicht ausstehen konnte, stand der Name von Frau Panski ganz oben. Sie war sich mit ihren Kolleginnen auch einig, dass ihre Chefin sich jeden Morgen die Augenringe aufmalte, zumindest nachmalte. Die Augenringe waren sozusagen ihr Gütesiegel. Sie arbeitete nämlich nicht nur von Montag bis Freitag sondern auch jeden Samstag und manchmal sogar am Sonntag. Zusammen mit dem Seniorchef, der, ganz vom alten Schlag,  die Qualität der Arbeit an der Zeit bewertete, die man in seiner Firma verbrachte.

„Wer hier einen Vertrag unterschreibt wird zum Leibeigenen.“ Anna bestätigte den Termin mit einem Click. „Was will die Alte bloß wieder von mir,“ sagte sie zu ihrer Kollegin am Schreibtisch gegenüber und verdrehte die Augen.
„Wahrscheinlich bekommst du mehr Verantwortung,“ Sandra, Annas Kollegin betonte das Wort „Verantwortung“ süffisant und dehnte es – denn in den Satz „ Wir geben Ihnen mehr Verantwortung“ wurde grundsätzlich jegliche Art von Mehrarbeit verpackt. Man fühlte sich zunächst geschmeichelt und in dem Glauben, die eigene Leistung werde anerkannt, ging man mit erhobenem Haupt aus dem Büro der Geschäftsführerin und stürzte sich völlig idealistisch in die neuen Aufgaben. Da man ja vorher auch schon ausgelastet war, konnten diese nur mit Überstunden bewältigt werden. Überstunden jedoch waren mit dem Gehalt abgegolten. Das heißt, man machte den Job einer Teilzeitkraft mit, nach dem Motto Null plus Null gleich Null, denn das Gehalt blieb das gleiche. Spätestens beim zweiten Mal fiel man auf den Trick nicht mehr herein und meldete sich krank. Im Gegensatz zu Urlaub nehmen war Kranksein politisch korrekt, sofern es nicht zu lange dauerte und man so laut und ausgiebig jammerte, dass auch der Letzte in der Firma begriffen hatte, dass man dem Tod gerade noch von der Schippe gesprungen war.

Anna öffnete die Tür zu Frau Panskis Büro. „Ah, Frau Stickel, schön, dass Sie da sind, bitte nehmen Sie doch Platz.“ Anna setzte sich auf den Besucherstuhl und verstand die Welt nicht mehr. Was sollte diese plötzliche Freundlichkeit? Hatte Frau Panski heute Morgen Drogen genommen?

Die Schlange (1)

Anna war Perfektionistin. Sie hatte so lange recherchiert bis sie alles über ihre vermeintliche Gegnerin herausgefunden hatte. Sie wusste, wo sie arbeitete, wie ihr Dienstplan aussah. Sie kannte ihre beste Freundin und war seit neuestem Mitglied im gleichen Fitnessclub. Sie buchte denselben Yogakurs.

Sie schlich sich behutsam und mit viel Geduld in das Leben dieser Frau, sie glitt hinein wie eine Schlange: lautlos und unbemerkt. Und wenn der richtige Zeitpunkt gekommen war, würde sie zubeißen. Und ihr Biss würde tödlich sein.

Rosa

Jetzt bin ich achtzig Jahre alt und somit nur ein Jahr jünger als dieses Jahrhundert, das mir zwei Weltkriege beschert hat. Damit bin ich bekanntermaßen nicht allein und ich sollte mich nicht beschweren, denn immerhin lebe ich noch und durfte alt werden. Letztendlich wird man aber ohnehin nicht gefragt ob man das, was das Leben für einen bereithält, haben will.

Ich wurde in eine arme Familie hineingeboren, neben vierzehn anderen Kindern von denen nur  sechs das Erwachsenenalter erreichten. Drei meiner Brüder starben an den Fronten des ersten Weltkrieges und der vierte wäre den gleichen Weg gegangen, hätte unser Vater nicht eine beherzte Reise zum damaligen König angetreten. Aber die alten Geschichten will ja niemand hören. Nicht mein Sohn, der sich redlich bemüht, etwas aus seinem Leben zu machen, und erst recht nicht seine Tochter, die ich nicht verstehe, was vermutlich auf Gegenseitigkeit beruht. Ich gebe zu, die Einzige, die sich manchmal mit mir beschäftigt, ist meine Schwiegertochter, wobei ich denke, dass auch sie mich nicht besonders leiden kann.

Für meine Familie bin ich eine alte verbitterte Frau, launisch und kratzbürstig. Ich befürchte  das trifft mein äußeres Bild ziemlich genau. Leider bin ich nicht in der Lage und vielleicht auch nicht willens mein Innerstes nach außen zu kehren.  Ab und zu hole ich das Foto des einzigen Mannes hervor, den ich je geliebt habe und frage mich was aus mir geworden wäre, wenn ich mich nicht dem Willen meiner Eltern und den Konventionen der Zeit gebeugt hätte. Bald werde ich mich wohl von dieser Welt verabschieden und vielleicht wird irgendein Familienmitglied nach meinem Tod meine Habseligkeiten durchsehen und das alte Gesangbuch meines Mannes durchblättern. Den Konfirmationsspruch auf der ersten Seite lesen, die abgegriffenen Seiten überfliegen und zwischen all den frommen Liedern das Foto entdecken. Ein junger Mann, dunkle Haare, ebenmäßiges Gesicht, schöne klare Augen – und auf der Rückseite der Fotografie der Stempel eines Fotografen in Boston. Er oder sie wird sich fragen wer das wohl war. Diese Vorstellung gefällt mir, ich hinterlasse gerne ein paar Geheimnisse.  Die alte Oma hatte offensichtlich auch „ein Leben vor dem Tod“  – zu theatralisch? Also dann eben „ein Leben bevor sie das Stigma alte Oma traf“.

Ich versuche mich daran zu erinnern ob ich die alten Leute in meiner Jugend auch mit diesen Augen angesehen habe? Als ob sie bereits alt auf die Welt gekommen seien? Vermutlich, ich erinnere mich nicht mehr daran.

Was also nimmt man wahr, wenn man seine Eltern sieht? Nur die Gegenwart.

Die Vergangenheit bleibt ein unentdecktes Land, wenn sie dich nicht einladen, sie dahin zu begleiten.

Ich wollte nie etwas von mir preisgeben, das gebe ich zu. Wenn ich heute in den Augen meiner Familie als absonderlich und launisch gelte, dann stört mich das nicht weiter.  Es ist kein Anlass, mein Schicksal vor ihnen auszubreiten wie ein unberührtes Laken, auf dem ihre Kommentare schmutzige Spuren hinterlassen.

Ich werde nicht der erste Mensch sein, der seine Geheimnisse mit ins Grab nimmt und auch nicht der Letzte. Und dass es damit nicht mehr lang dauert, das spüre ich. Der Krebs, der angeblich ein Magenleiden ist, frisst sich unaufhörlich voran. Ob ich meinen nächsten Geburtstag noch erleben werde? Ich glaube es nicht.

Meine Familie hat gemeinsam mit meinem Arzt entschieden mich in dem Glauben zu lassen, meine Magenbeschwerden seien die Folgen eines harmlosen Magengeschwürs. Wie immer so griff auch hier das Vorurteil, dass mit zunehmendem Alter nicht nur die Haare weniger werden sondern automatisch auch die Gehirnleistung. Auch wenn es auf manche Menschen zutreffen mag, auf mich trifft es ganz gewiss nicht zu. Ich würde sogar behaupten, dass das Alter meinen Scharfsinn noch verstärkt. Ich jedenfalls lasse mich nicht wie ein unmündiges Kind behandeln. Schließlich ist es mein Körper, meine Krankheit und meine Lebenszeit. Ich habe mir daher eine zweite Meinung eingeholt. Bei einem Arzt, der als gnadenlos offen gilt und deshalb bei sensiblen Menschen keinen guten Ruf genießt. Für mich ist er genau der Richtige. Er hat mir schonungslos eröffnet dass ich wohl noch ein Jahr zu leben hätte, im Höchstfall. Da ich nicht an Wunderheilung glaube habe ich ihn um ein Rezept für starke Schmerzmittel gebeten und mich für seine Offenheit bedankt.  Danach begab ich mich direkt in die einzige Bäckerei in unserer Kleinstadt, die Hochland-Kaffee verkauft und gönnte mir ein Pfund der besten Sorte. Kaffee ist mein Lieblingsgetränk, und wenn er mich umbringen würde, jetzt würde ich auf nichts mehr verzichten und erst recht keinen billigen Kaffee mehr trinken.

Auf dem Weg zur Bushaltestelle erstand ich beim Gärtner noch einen Strauß Freesien. Ich liebe ihren Duft, sie riechen nach Frühling, nach Sonne und dem Versprechen dass es bald wieder grünt und blüht.

Diese Leidenschaft für Freesien und Kaffee sind wohl die einzigen Dinge, die ich mit meiner Enkeltochter teile. Und den Geburtstag im Februar, neben November wirklich der furchtbarste Monat des Jahres.

Dieser Arzttermin fand drei Tage vor meinem achtzigsten Geburtstag statt. Die Familie hatte sich für meinen Ehrentag mächtig ins Zeug gelegt. Ich wurde zum Essen ausgeführt und man trug launige Gedichte vor. Ich machte gute Miene und sah verstohlen auf die Uhr. Nach dem Dessert stand ein Spaziergang an und aus Rücksicht auf mein fortgeschrittenes Alter fiel dieser recht kurz aus. Danach kam das Beste, der Nachmittagskaffee.  Der Teil der Familie, den meine Schwiegertochter nicht leiden kann, kam zum Gratulieren am Nachmittag. Sie nennen mich „Tante Rose“, was sonst keiner macht aber ich lasse es zu, es erinnert mich daran, wie ich in Amerika genannt wurde: Rose. Eigentlich heiße ich Rosina. Das mag sich heute komisch anhören, aber in meiner Familie war das ein gebräuchlicher Frauenname über Generationen hinweg. Ich habe sogar zwei Namen, Rosina Barbara, die mir beide ausnehmend gut gefallen. Leider war ich mein Leben lang immer nur Rosa oder Rose. Nur aus dem Mund eines Mannes klang „Rose“ wunderschön –

Mein Ehemann nannte mich sein „Röschen“. Er liebte mich abgöttisch aber leider konnte ich seine Gefühle nicht erwidern. Heute schäme ich mich dafür, wie ich ihm das Leben zur Hölle gemacht habe und bin sicher, wenn es einen Gott gibt dann wird er mit mir abrechnen.

Baustelle

Rund um die wortwabe wimmelt es von Baustellen, sie sind sozusagen allgegenwärtig. Die wortwabe selbst ist auch im Umbruch, es ist ein Kommen und Gehen. Die einen ziehen aus und die anderen stehen da mit ihren Kartons und wollen einziehen.

Rose und Harold stehen Hand in Hand vor mir und sind der Meinung, sie wären jetzt endlich dran.

„Du bist seit über fünf Jahren an meiner Geschichte dran, wann schreibst du sie endlich auf?“ Rose wirkt etwas ungehalten. Sie besteht neuerdings darauf, dass ich sie „Rose“ nenne, englisch ausgesprochen, anstatt „Rosa“. Ich tue ihr den Gefallen, aber ihre Geschichte ist nicht so einfach. Das rumort und brodelt in mir und will nicht so einfach herausfließen.

„Dann gib dir eben mehr Mühe!“ sagt sie und sieht mich streng an. Sie trägt heute wieder ihre Brille in Schmetterlingsform, aus dem Amerika der sechziger Jahre, und wirkt dadurch etwas exzentrisch. Harold sagt nichts und himmelt sie verliebt von der Seite an. Ich nehme mir die Projektion eines Gänseblümchens und zupfe: soll ich – soll ich nicht – soll ich –

Ich hoffe nicht, dass es zu einer Schreibraumbesetzung kommt. Wenn es in der wortwabe zu unruhig wird kann ich gar nichts mehr schreiben.

Rose und Harold haben es sich auf ihren Kartons gemütlich gemacht und halten Händchen.

Ich muss mich wieder kneifen weil ich nicht recht weiß ob die beiden eine Projektion sind oder ich – bin ich aus Fleisch und Blut? Ich bin nicht sicher….

Ein seltsamer Brief

Ich habe eine Baustelle vor meiner Wortwabe. Es ist unerträglich. Nicht nur der extreme Lärm macht mir zu schaffen, ab und zu wackelt das ganze Haus als ob es gleich in die Baugrube stürzen wollte.

Konzentration fällt in so einer Situation nicht so leicht, aber ich kann nicht warten, muss schreiben, es muss jetzt heraus..

Ich schiebe lose Seiten zu einem Stapel zusammen um sie zu sortieren, da rutscht ein seltsames Papier heraus. Es sieht aus wie Pergament und riecht irgendwie – modrig. Die Buchstaben darauf sind tiefdunkelblau und verschwimmen vor meinen Augen.  Einen Moment lang habe ich den Eindruck, es wären griechische Buchstaben gewesen, aber jetzt sind es plötzlich lateinische Buchstaben in einer fließenden, schwungvollen aber deutlichen Handschrift.

„Es tut mir leid;“ steht da zu lesen,“  dass das Schicksal nicht gut genug aufgepasst hat. Dieser Pfeil hätte Sie nicht treffen dürfen. Aber Sie werden zu gegebener Zeit Ihrem Seelenpartner begegnen. Vertrauen Sie uns. Gezeichnet Tyche“

Ist das der Werbebrief einer neuen Sekte? Ich habe keine Ahnung, um welchen Pfeil es hier geht. Aber der Brief ist für mich, hier steht mein Name, ganz deutlich. Ich drehe das Papier von links nach rechts, rieche daran, es riecht als ob es in einer feuchten Höhle gelegen hätte und plötzlich zerfällt es vor meinen Augen.Staub wirbelt auf und ist verschwunden.

Wieder einmal muss ich mich kneifen, weil ich nicht sicher bin, ob ich wirklich bin oder nicht selbst auch eine Figur in einer Geschichte über – ja worüber eigentlich? Die Liebe?

Ananke spinnt den Schicksalsfaden (Zeus Teil 15)

La Liberté zwinkerte Zeus zu. Er stand mit einer langbeinigen Blondine vor ihrem Gemälde und hielt der jungen Dame, die an seinen Lippen klebte, einen weitschweifenden Vortrag über Delacroix und die Julirevolution 1830.

„Sie hört dir doch ohnehin nicht zu, “ begann La Liberté eine lautlose Unterhaltung mit Zeus.

„Ich weiß, aber ich doziere eben gerne,“ Zeus lächelte süffisant, “Vorher –“ er ließ den Satz offen. „Aber sie ist längst nicht so leidenschaftlich wie du, meine Liebe.“ Zeus grinste und kraulte seiner Begleiterin den Nacken. Sie schmiegte sich verliebt an ihn. „Zeus, du alter Schwerenöter“ La Libertés Mundwinkel zuckten. „Du bist einfach immer zur falschen Zeit hier –“

Zeus horchte auf: „Wie meinst du das?“ „Nun – “ La Liberté machte eine kleine kunstvolle Pause, „du musst nach Mitternacht kommen, Zeus. Dann kommen wir aus unseren Rahmen heraus und sind aus Fleisch und Blut. Wir könnten viel Spaß haben – “

Zeus traute seinen Ohren nicht. Konnte das sein? Ohne dass er, Zeus, davon gewusst hatte? Davon musste er sich selbst überzeugen. „Nach Mitternacht, sagst du?“ „Ja, bis zum Morgengrauen, dann müssen wir zurück in unsere Gemälde. Kommst Du?“ La Liberté lauerte auf eine Antwort. „Natürlich, das muss ich mir ansehen!“ „Schön, aber dann bring Hypnos mit, damit wir unsere Ruhe haben vor den Sicherheitsleuten, das ist manchmal etwas mühsam. Aber mit Hypnos Hilfe schlafen sie bis zum Morgen und können sich dann an nichts erinnern.“ „In Ordnung, dann bis heute Nacht, meine Schöne,“ Zeus warf La Liberté zum Abschied eine Kusshand zu.

„Warum machst du das?“ fragte seine Begleiterin beim Hinausgehen. „Ach weißt du, sie ist eine alte Freundin.“ Das Mädchen lachte als ob er einen besonders lustigen Witz gemacht hätte. Sie  hatte ja keine Ahnung, wer ihr Begleiter war…

Im Olymp beobachtete Ananke zufrieden die Szene im Louvre und spann ihren Schicksalsfaden. „Es ist Zeit Hypnos zu rufen,“ sagte sie zu Tyche, die sofort aufstand um die Anweisung ihrer Mutter zu befolgen.

Hypnos wirkte auf sein Gegenüber immer irgendwie einschläfernd. Aus halbgeöffneten Augen sah er jeden träge an und sofort musste man gähnen. Er wirkte zwar schläfrig, war aber in Wirklichkeit hellwach. Er konnte jeden zum Einschlafen bringen, nicht nur seine Gegenwart verfehlte  ihre Wirkung nicht, es stand ihm auch eine große Auswahl diverser Schlaftränke zur Verfügung. Vom leichten Mittagsschlaf bis zum todesähnlichen Zustand konnte er alles anbieten. Sein berühmtester Trank war der, den Julia einst verabreicht bekam. Wie diese Geschichte ausging, ist ja allseits bekannt.

Als er zu Ananke gerufen wurde, wirkte er äußerlich zwar völlig tiefenentspannt aber in seinem Inneren schrillten sämtliche Alarmglocken. Er konnte sich denken, warum sie ihn sprechen wollte. Die Sache mit Eros war herausgekommen. Hypnos machte sich auf eine Gardinenpredigt gefasst.

„Hypnos, du weißt, warum du hier bist.“ begann Ananke. „Du hast dich an einer Intrige beteiligt, die Ausmaße angenommen hat, die nicht sein dürfen.“ Hypnos lief rot an und trat verlegen von einem Bein auf das andere. “Ihr habt in das Schicksal eingegriffen, das steht euch nicht zu. Du musst zusammen mit Eros die Dinge wieder ins Reine bringen. Hier ist deine Aufgabe.“ Ananke erläuterte Hypnos, was er zu tun hatte. Hypnos war erleichtert, das sollte nicht allzu schwer werden, wenn das die ganze Strafe war, wäre er ja nochmal davongekommen.

Doch Ananke war noch nicht fertig. „ Da du ja so gerne deine Macht demonstrierst, wirst du ab sofort genau das nicht mehr tun. Du sagst deine Meditationskurse bis auf weiteres ab.“

Hypnos starrte Ananke an, senkte aber sofort den Blick. Niemand, nicht einmal Zeus konnte in das Dunkel des Gesichts blicken, in dem nichts zu erkennen war, dessen unsichtbare Augen jedoch jeden mitten ins Herz trafen. Ausgerechnet sein Meditationskurs, in dem ihm die schönsten Frauen im Olymp zu Füßen lagen, sprichwörtlich. Das war wirklich eine harte Strafe, Ananke wusste genau was sie tat. Aber Hypnos wagte nicht, zu widersprechen, machte eine kleine Verbeugung und beeilte sich, aus der Höhle des Schicksals zu verschwinden.

Ananke war zufrieden. Die Dinge entwickelten sich ganz in ihrem Sinne.

Ich kann mich nicht erinnern

Deutschland ist nicht im Finale, ich boykottiere (vorläufig) italienisches Eis und esse Spätzle statt Spaghetti. In meiner Wortwabe ist es ruhig, ich kann gut nachdenken und rühre fleißig meine Buchstabensuppe…

Ab und zu habe ich das Gefühl, dass es einmal aufregender war als heute aber ich weiß nicht, warum. Im letzten Winkel meiner Erinnerung sehe ich zwei Augen, die mich sehr berührt haben – wer war er? Ich habe wirklich keine Ahnung. Wenn er jedoch so beeindruckend gewesen ist, warum erinnere ich mich an NICHTS?

Eine große schlanke Frau mit roten Haaren taucht plötzlich vor meinem Schreibtisch auf und sagt: „Seien Sie froh dass Sie ihn los sind! “ Dann verschwindet sie kommentarlos wieder. Ich rufe ihr nach: „Hallo , wer sind Sie?“  aber vielleicht war auch sie nur eine Projektion.

Es ist äußerst seltsam, ebenso wie eine Reihe blauer Flecke an meinem rechten Unterarm, die eindeutig so aussehen, als hätte mich jemand gekniffen. Und woher kommt die rote Rose auf meinem Schreibtisch, die seit Tagen hier in der Vase steht und nicht verwelkt?

Wieder einmal frage ich mich, wie wirklich meine Wirklichkeit ist, und ob nicht ich selbst die Figur bin in der Geschichte eines anderen – ich bin nicht sicher.

Der erste Pfeil trifft

Manchmal sind kleine Verletzungen unglaublich schmerzhaft. Ich habe mir am linken Zeigefinger bei einer ungeschickten Bewegung ein Stückchen Haut gequetscht und abgerissen. Geblieben ist eine kleine kreisrunde Wunde, die aussieht, als hätte man mir ein Stück Haut heraus gestanzt.

Jetzt muss ich den Stift ganz verkrampft halten, damit ich diese kleine wunde Stelle nicht berühre.

„Soll ich ihre Wunde heilen?“ Da ist er wieder. Die Doppeldeutigkeit seiner Worte scheint Zeus nicht bewusst zu sein. Von diesem anderen Schmerz ahnt er ja offensichtlich nichts. Auch ein allwissender Gott kann nur das fühlen war er selbst kennt, schießt es mir durch den Kopf. Und diese Gefühle kennt er ja nicht.

Er lächelt mich mit seinem unergründlichen Lächeln an. In seinen grünen Augen sind kleine helle Sprenkel.

„Nein danke,“ ich versuche locker zu bleiben, „Das wird schon wieder, halb so schlimm.“

Ich tue so, als wäre ich beschäftigt und versuche ihn nicht zu beachten.

„Warum sind sie denn heute so abweisend, meine Liebe?“ Seine Stimme fließt direkt in mein Herz und breitet sich dort aus, kriecht dann in jede Pore und transformiert sich zu einer so tiefen Sehnsucht, dass ich vor Schmerz die Luft anhalte. Ein Teil meines Ichs ist sich bewusst, dass all das, was ich spüre, nur eine Projektion meiner Fantasie ist. Der andere Teil ist gefangen in dieser Sehnsucht, die mich wie mein eigener Herzschlag durch den Tag begleitet.

Vielleicht ist die Dimension, in der ich mich mit meiner Figur befinde, real und die vermeintliche Realität ist nur eine Illusion?

Während ich die Möglichkeiten abwäge spüre ich einen schmerzhaften Stich in der Brust. Für einen Moment halte ich die Luft an. Ich fasse mich ans Herz, aber da ist nichts. Ich fühle mich plötzlich seltsam leer, als ob man mir etwas genommen hätte, an das ich mich nicht mehr erinnern kann, aber ich weiß dass es da war.

Ich bin allein in meiner Wortwabe und frage mich ob ich wohl eine  Figur bin in der Geschichte eines anderen – bin ich aus Fleisch und Blut? Ich bin nicht sicher.

Wo sind die Pfeile von Eros? (Zeus Teil 11)

Hera hatte die Pfeile gut versteckt. Sie lagen eingehüllt in ein goldenes Tuch in der hintersten Ecke eines ihrer Schränke. Sie hatte nicht vor, die Pfeile einzusetzen, aber man wusste ja nie. Sie waren da und gaben ihr ein Gefühl von Macht – auch wenn sie selbst noch nie einen Bogen gespannt hatte und nicht wusste, wie sie die Pfeile hätte abschießen können.

Als Hermes mit dem riesigen Rosenstrauß und dem Liebesbrief von Zeus vor der Villa stand wollte Hera eigentlich die Tür wieder zuschlagen – aber von dem Brief ging eine solche Anziehungskraft aus, dass sie nicht widerstehen konnte. Sie kannte Zeus und jeden seiner Tricks – wahrscheinlich hatte er den Brief mit Dionysos´ stärkstem Aphrodisiakum besprüht.

„Was gibt´s?“ Hera tat als ob sie der Rosenstrauß nichts anginge.

Hermes unterdrückte ein kleines Grinsen, das sich in seine Mundwinkel stehlen wollte.

„Das schickt dir Zeus, liebe Hera.“ Er deutete eine kleine Verbeugung an und hielt Hera den Strauß und den Brief hin.

„Ach ja?“ Hera tat betont uninteressiert, aber Hermes sah in ihren Augen, dass sie es kaum erwarten konnte, den Brief zu lesen. „Schön, stell alles dort ab, auf dem Tisch, danke Hermes.“ Hera, sah zu wie Hermes Rosenstrauß und Brief auf den weißen Tisch in der Halle legte und wartete, dass er wieder zur Tür zurück kam. Hermes ließ sich bewusst Zeit.

„Ich soll Zeus eine Antwort überbringen, Hera. Würdest du bitte den Brief lesen und mir deine Antwort mitgeben?“

Hera sah Hermes überrascht an. Was hatte Zeus vor? Ihr war schon aufgefallen, dass Hermes sie die ganze Zeit beobachtet hatte, vermutlich sollte er Zeus Heras Reaktion beschreiben. Wie raffiniert! Na warte, Zeus.

„Hera?“ Hermes riss Hera aus ihren Gedanken. „Ach ja, der Brief, Moment Hermes.“

Sie ging zum Tisch, drehte sich aber bewusst und wie zufällig zur Seite, als sie den Brief öffnete, sodass Hermes ihr Gesicht nicht sehen konnte.  Hera überflog den Brief. Eigentlich hätte sie geschworen, dass Zeus Liebesbriefe sie kaltlassen würden, sie wäre noch eine Minute bevor sie den Brief geöffnet hatte, vollkommen überzeugt davon gewesen. Aber dann las sie und spürte, wie ihr warm wurde. Sie atmete den schweren Duft des Aphrodisiakums ein (natürlich hatte Zeus den Brief eingesprüht) und eine warme Welle der Erregung erfasste sie. Von einem Augenblick auf den anderen wollte sie nur noch Zeus Hände auf ihrem Körper spüren und die Aussicht, ihn wiederzusehen machte sie geradezu euphorisch.

Hermes räusperte sich. Es war ihm nicht entgangen, dass Hera vollkommen entrückt den Brief las.

„Hera? Hast du eine Antwort für Zeus?“

Hera drehte sich langsam um und es kam ihr vor als ob sie aus einem anderen Universum auftauchen würde. „Ich würde mich,“ Hera musste sich ebenfalls räuspern, ihre Stimme war seltsam rau,

“ ja also, du kannst Zeus ausrichten, ich würde mich freuen ihn heute Abend zu sehen.“ Sie versuchte verzweifelt, möglichst kühl und unbeteiligt auszusehen, aber sie wusste intuitiv, dass ihr das nicht gelang.

Hermes machte eine zufriedene Miene. „Das richte ich gerne aus, Hera. Ich wünsche dir noch einen entspannten Tag.“

Hera schloss die Tür hinter Hermes und rannte die Treppe hinauf in ihr Ankleidezimmer. Sie warf nicht einmal einen Blick in ihren Kalender oder checkte ihre Termine und To-Do-listen. Die Aussicht auf eine Nacht mit Zeus versetzte sie in einen Zustand, den sie vollkommen vergessen hatte. Oder nur verdrängt? Es war ihr eigentlich auch gleichgültig, jetzt zählte nur dieser Abend, diese Nacht, und es sollte alles perfekt sein, wie immer.