Stille Stunden

Ich bin wieder zuhause, kann wieder in meinem eigenen Bett schlafen.
Was hat diese Zeit im Krankenhaus mit mir gemacht? Ich bin meiner Mama so nahe gekommen wie ich ihr vielleicht nie zuvor war.
Man sagt, in den Rauhnächten zwischen Wintersonnwende und dem Dreikönigsfest sei die Grenze zwischen den Welten durchlässiger. Vielleicht war deshalb diese Zeit so intensiv –
Die letzte Infusion wurde meiner Mutter immer gegen einundzwanzig Uhr gegeben, normalerweise schlief sie dann schon ein, während die Infusion durchlief. Doch in dieser Nacht hatte die Schwester vergessen ihr das Schlafmittel zu geben, was ich nicht wusste. Da sie nicht einschlafen konnte und immer wieder ihre Decke wegstieß und aufstehen wollte, habe ich mich irgendwann neben sie ins Bett gelegt. Wir haben Wiegenlieder gesungen, dieselben Lieder, die sie mir, als ich noch ein Kind war, zum Einschlafen vorgesungen hatte. „Die Blümelein sie schlafen schon längst im Mondenschein, sie nicken mit den Köpfchen auf ihren Stängelein…“. Ich legte meinen Kopf an ihre Schulter und sie hielt mich, wie man ein Kind hält. Es fühlte sich richtig an, sie war die Große und ich war die Kleine. In dieser Nacht hat sich etwas verändert. Plötzlich war ich in der Lage, sie so anzunehmen, wie sie jetzt ist. Sie so zu lieben, wie sie jetzt ist.
In diesen stillen Stunden im Krankenhaus haben sich die Dinge neu zurechtgerückt. Es ist, als ob auf dem Spielfeld meines Lebens die Figuren neu ausgerichtet worden wären. Dinge, die mich in den letzten Monaten so sehr beschäftigt haben, sind in den Hintergrund gerückt. All die Wut war plötzlich weg, da war nur noch Liebe für diese zerbrechliche Frau, die so klein aussah in dem Bett, so verloren. Selbst als sie am nächsten Morgen behauptete, ich sei nicht ihre Tochter, konnte ich sie lieben. Und als sie plötzlich einen klaren Moment hatte und über sich selbst entsetzt war, war ich voller Mitgefühl. Ich wusch ihren abgemagerten Körper, ich trocknete sie ab und cremte sie ein. Ich zog sie an und kämmte ihr die Haare. Ich tat das für sie weil ich sie liebe, nicht weil ich das Gefühl hatte, ich müsse es tun.
In der Theorie ist es leicht zu sagen, man liebe seine Mutter und es sei selbstverständlich, sie auch zu lieben, wenn sich ihre Persönlichkeit mit der Demenz Schritt für Schritt verändern würde. Ich war nur wütend. Seit Monaten gab es einen Teil in mir, der einfach nur wütend war. Ich glaube, ich war wütend auf sie, weil sie mir das antat. Auch wenn sich das völlig irrational anhört, so war es wohl Diese Wut ist weg.
Diese stillen Stunden in der Klinik zähle ich zu den wichtigsten und intensivsten Zeiten meines Lebens. Alles ist gut.

Alt werden ist nichts für Feiglinge

Eigentlich kann ich mir ein Schild an die Tür hängen: „wortwabe bis auf weiteres geschlossen“.
Wozu Fiktion wenn das wahre Leben mir einen Plot mit so viel Dramatik liefert? Zweiter Akt: Auftritt des deutschen Gesundheitssystems. Protagonistin trifft auf Vertreter desselben und sinkt am Ende des Akts ermattet zu Boden. Vorhang. Pause, Sekt und Schnittchen.
Die Zahl des Tages: 12. Drei mal vier Zentimeter misst der See aus Blut im Kopf meiner Mutter. Ein zwölf Quadratzentimeter kleiner großer Tümpel, eine Pfütze aus Blut an einem Ort, wo keine sein sollte. Sie drückt auf die Stelle im Gehirn, die für das Kurzzeitgedächtnis zuständig ist. In der Medizinersprache folgt daraus, dass sie „zeitlich, räumlich und situativ nicht orientiert ist“. Sie vergisst also, wo sie ist, ob es Tag oder Nacht ist, ob sie gegessen hat und falls ja, was. Auf die Frage, welchen Monat wir haben, sagt sie nach einem Blick aus dem Fenster in den trostlosen Krankenhauspark mit bestimmten Ton: “März“. Ich folge ihrem Blick und muss zugeben, wie Dezember sieht es da draußen nicht aus. Trotzdem ist das Gefühl, das in mir aufsteigt, eine Mischung aus Entsetzen, Panik und Traurigkeit. Meine intelligente, belesene, gebildete Mutter weiß nicht einmal mehr, welchen Tag wir haben. Auf die Frage, wie viele Wochen das Jahr hat antwortet sie, fragend und etwas unsicher: „Vier?“ Ich gebe mich geschlagen. Das hier ist real! Schreit jemand in meinem Kopf. Ich möchte gerne wegrennen, nicht hinsehen, wie ein Kind die Hände vor das Gesicht halten und glauben, das Böse verschwindet wenn ich es nicht mehr sehe.
Ich habe ein Deja Vu und erinnere mich an den Tag im Oktober vor zehn Jahren, als mein vor Kraft und Gesundheit strotzender Vater mit ähnlichen Symptomen in der Notaufnahme landete. Aus heiterem Himmel der Absturz von hundert auf null. Ausgebremst und auf ein Nebengleis geschoben.
Die Hirnblutung meiner Mutter hat für mich einen Zusammenprall mit dem deutschen Gesundheitssystem zur Folge. Es ist ja nicht so, dass ich mich rosigen Illusionen über dieses Thema hingegeben hätte, aber es ist dann doch anders, wenn du die Missstände am eigenen Leib erlebst und nicht nur in den Medien.
„Eigentlich dürfte ich Ihnen ja keine Auskunft geben,“ sagt die Angestellte der Krankenkasse mit süffisantem Unterton.
„Wieso das denn?“ Ich bin empört. „Ich bin die Tochter!“
„Ja schon, aber für Ihre Mutter ist der soziale Dienst zuständig.“
„Das stimmt nicht,“ ich fange an mich aufzuregen, meine Stimme wird leicht aggressiv. „Wir haben eine Vorsorgeerklärung!“
„Die liegt mir aber nicht vor,“ sagt sie lapidar.
„Hören Sie, ich bin von dieser Situation auch überrascht worden und konnte mich nicht darauf vorbereiten. Ich bin kein wandelndes Lexikon der Rechtslage für so einen Fall. Es war mir nicht bekannt, dass die Vorsorgeerklärung der Krankenkasse vorgelegt werden muss. Ich kann Ihnen das gerne zufaxen, wenn Sie möchten.“
Nach zwei Tagen in denen ich dieser Frau vergeblich hinterhertelefoniert habe, bin ich völlig entnervt. Mindestens fünf ihrer Kollegen, die ich per Zufallsgenerator in der Hotline an die Strippe bekam, habe ich meine Geschichte erzählt („Haben Sie eine Versicherungsnummer? Wie heißt Ihre Mutter? Wann ist sie geboren? Worum geht es?“) um zu erfahren, dass diese Frau W., der ich den Namen „Phantom“ gegeben habe, das bearbeitet aber leider nicht zu sprechen sei und sie mir deshalb nicht weiterhelfen können. Ein Rückruf sei eingestellt, Frau W. rufe mich zurück, sagt man mir jedes Mal.
Der behandelnde Arzt hatte eine neurologische Reha verordnet. Dank des Engagements der Mitarbeiterin beim sozialen Dienst hatten wir einen Platz in einer Rehaklinik im Schwarzwald ergattert, so kurzfristig, dass ein nahtloser Übergang vom Krankenhaus in die Reha möglich gewesen wäre. Der Entlassungstermin aus dem Krankenhaus in K. war der dritte Dezember, ein Mittwoch. Am Montag ging ich beim sozialen Dienst vorbei um die Einzelheiten der Verlegung in die Reha zu besprechen. „Ihre Mutter kommt nicht nach W. Die Krankenkasse hat eine neurologische Reha abgelehnt und eine geriatrische Reha verordnet.“ Es passiert mir nicht so häufig, dass ich sprachlos bin aber in diesem Moment war ich es. Mein Gesichtsausdruck war eine pantomimische Meisterleistung, ein großes Fragezeichen.
„Wie kann denn die Krankenkasse das entscheiden? Der Chefarzt selbst hat doch die neurologische Reha verordnet?“
Geriatrie = Multimorbidität, das heißt so viel wie mehrere Gebrechen. Meine Mutter ist zwar auf dem Papier 82 Jahre alt aber körperlich fit, sie hat keine weiteren Krankheiten.
„Das können die doch nicht machen, dann haben wir ja keinen Rehaplatz mehr und fangen von vorne an! – Haben Sie die Nummer von der Stelle, die das bearbeitet? Ich rufe selbst dort an.“
Damit begann die Odyssee. Nach zwei Tagen und gefühlten hundert Stunden am Telefon bin ich schlauer. Der Patient ist im Krankenhaus, dort wird untersucht und behandelt und gepflegt. Ist nach dem Krankenhaus eine Rehabilitation geplant, trifft zwar der Arzt eine Entscheidung, aber im Endeffekt ist völlig egal, was der behandelnde Arzt entscheidet. Denn am Ende des Tages entscheidet der Gutachter der Krankenkasse was gemacht wird.
„Der Gutachter kennt die Krankenakte, er hat alle Unterlagen gesehen,“ erklärt mir einer der zufallsgenerierten Hotline Mitarbeiter.
„Er hat alles gesehen, nur die Patientin, die hat er nicht gesehen,“ das kann ich mir jetzt nicht verkneifen.
„Nun, das wäre ja auch etwas schwierig,“ antwortet mein Gesprächspartner. Ich vermute, er hält mich für eine hysterische Kuh und versucht jetzt, mich durch ruhiges Zureden und geheucheltes Verständnis zur Räson zu bringen.
In Gespräch Nummer sechs bringe ich dieses Thema wieder auf den Tisch. Frau W. bügelt mich mit den Worten: „Der Gutachter ist ja auch Arzt!“, nieder. Ich habe keine Chance, meine Mutter hat keine Chance. Sie wird die Therapie, die ihr Arzt verordnet hat, nicht bekommen. Irgendein Mensch, wo auch immer er sich befindet in diesem unserem Land, hat unter den Bergen von Krankenakten auch die meiner Mutter vorgefunden, überflogen, das Geburtsdatum gecheckt und entschieden, dass sie in die Geriatrie gehen muss.
Wozu machen sich dann die Ärzte im Krankenhaus die Mühe, die Patienten zu untersuchen? Da könnte man doch viel Geld sparen indem man direkt die Krankenakte zu einem Büro-Arzt schickt der die Patienten dann anhand der Papiere beurteilt, untersucht und eine Behandlung anordnet.
„Wissen Sie was für einen Eindruck ich mittlerweile habe?“ bei meinem fünften Anruf bei der Techniker Krankenkasse (Testsieger!) bin ich so geladen, dass ich mir jetzt mal Luft machen muss. „Ich habe das Gefühl, den Krankenkassen wäre es am liebsten man würde mit 70 den Löffel abgeben, damit man keine Kosten mehr verursacht und keiner mehr Arbeit mit uns hat.“
Es ist Dienstag 15 Uhr 30, am nächsten Tag, Mittwoch, soll meine Mutter das Krankenhaus verlassen und ich habe keine Ahnung wie es dann weitergeht. Frau W., das Phantom, ist unauffindbar. Nachdem ich bei meinem fünften Anruf aber dann doch extrem ungehalten bin, werde ich, Wunder über Wunder, zu Frau W. durchgestellt. Der Verlauf des Gesprächs ist dann doch eher suboptimal.
Sie ist eine perfekte Verwalterin von Akten, dass dahinter Menschen sind, mit der erstaunlichen Fähigkeit Gefühle zu entwickeln, scheint für Frau W. absolutes Neuland zu sein.
„Wir haben am 10. Dezember für Ihre Mutter einen Platz in Gernsbach,“ erklärt sie mir.
„Sie wird doch aber morgen entlassen, morgen ist der dritte,“ sage ich. „Was ist mit der Zeit dazwischen?“
„Für die Unterbringung zwischen Krankenhaus und Reha sind wir nicht zuständig.“
Damit ist für sie der Fall erledigt. Das erfahre ich dann am Dienstagnachmittag kurz vor vier und gehe ja nach wie vor davon aus dass meine Mutter am nächsten Tag entlassen wird. Es bleiben mir noch circa zwölf Stunden um alles so zu organisieren, dass sie bei uns wohnen kann für diese Woche. Das ist Stress aber nichts im Vergleich zu diesem Gefühl von Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein, das ich habe.
So läuft das also in unserem Land. Wohl dem, den im Schlaf der Schlag trifft und der nicht mehr aufwacht. Wenn du in die Mühlen dieses Systems gerätst, dann hast du kein Mitspracherecht mehr.
Du wirst zur Spielfigur, die von Phantomärzten und Krankenkassenmitarbeitern hin und her geschoben wird. Ich stelle mir vor, was mit unseren Jahrgängen passieren wird, die Baby Boomer, die schon mit ihrer schieren Masse alle Politiker das Fürchten lehren. Wir werden vermutlich nur noch verwaltet.

Nachtrag: Es gab dann doch kurzfristig einen Rehaplatz in der Geriatrie in U. Meine Mutter hat, seit sie dort ist, massiv abgebaut. Es wird nichts für sie getan, sie hat keinerlei Anregung für ihr Gehirn. Sie ist den Pflegekräften lästig, denn sie ist körperlich fit und mobil und wandert im Haus herum. Aber leider weiß sie nicht, wo sie ist oder was sie gerade gemacht hat, weil ihr Kurzzeitgedächtnis den Dienst eingestellt hat. Deshalb erinnert sie sich auch nicht, ob sie gegessen hat oder nicht. Das muss man dann kontrollieren. Vorgestern habe ich sie besucht und fand um vierzehn Uhr das Frühstück auf einem Tablett in ihrem Zimmer unberührt vor. Das war niemandem aufgefallen, keiner hatte bemerkt, dass sie nichts gefrühstückt hatte. Es hatte aber auch seit dem Morgen offensichtlich niemand mehr nach ihr gesehen. Während ich das hier schreibe zieht sich ein Ring um mein Herz. Ich fühle mich völlig ausgeliefert und hilflos, bin frustriert und wütend.
Dieses System ist krank und es macht krank. Die völlige Entpersonalisierung der Vorgänge, die anonymen Hotlines, Gutachter, die keinen Namen haben und nicht zu sprechen sind und das Recht haben, über einen zu bestimmen ohne dich jemals gesehen zu haben – ich bin eindeutig für die Legalisierung der Sterbehilfe. Sanfter Tod auf Rezept, das wäre mir allemal lieber als ein langsames Vor-sich-hin-vegetieren im deutschen Gesundheitssystem.