Bittersüß/ abc Etuden

eine neue Woche, eine neue Schreibanregung von Herrn Textstaub. Dieses Mal kommt das Wortgeschenk von Margot M. :

Geduld, Schokolade, Bücher

Fast von selbst wurde daraus etwas Autobiographisches. Hier meine Etude….

Bitterschokolade, Papa mochte nur Bitterschokolade.

Die runde Dose, rot mit weiß, lag immer im Handschuhfach und ich übte mich in Geduld, fragte nicht sondern wartete, bis er sie hervorholte.

Papa hielt mir die geöffnete Dose hin, in saubere Viertelkreise  geschnitten lag die Schokolade auf weißem Papier.

Er legte einen Viertelkreis in meine Hand und ich nahm das Stück Schokolade schloss die Augen und ließ es auf meiner Zunge zergehen, wollte es so lange wie möglich im Mund behalten, bitter und süß.

Später teilten wir keine Schokolade mehr sondern Bücher.

Mein Vater arbeitete viel, hatte wenig  Zeit und las abends, vor dem Einschlafen, am liebsten Krimis oder Thriller.

Irgendwann begann ich, ihn mit Büchern  zu versorgen,, verkostete sie, blätterte Seite um Seite um, ließ die Wörter auf meiner Zunge zergehen bis zum Ende und entschied dann, ob das Buch spannend genug für meinen Vater war.

Mein Vater aber übte sich in Geduld,  fragte nicht sondern  wartete, bis ich ihm das Buch reichte.

Als er starb versuchte ich mit geschlossenen Augen dem Gefühl nachzuspüren, wie es war wenn er mich zum Abschied an der Tür umarmte,, mir mit seiner Hand über die Wange strich, mich anlachte.

Ich wollte die Erinnerung so lange wie möglich in meinem Herzen behalten, bitter und süß.

Meine Reise

Du bist mein
unbekanntes Land das ich
lange nicht bereiste
Die Mauern stehen so hoch

Berge deren Gipfel
In der Sonne schimmern
wie goldene Zitadellen
dunkle Schluchten
die ihre Geheimnisse bewahren
im staubschwarzen Stein
blaugrünglänzende Fluten
zu deren Grund kein Lichtstrahl
dringt dort
habe ich mein Herz vergraben

auf der Karte meines
Lebens zeichne ich den Weg
zu dir ich gehe
am Tag und in der Nacht
zähle nicht die Stunden ich
trage die Zeit auf meinen
Schultern habe sie aufgetürmt
auf meinem Kopf
es tut nicht weh

ich gehe
langsam gehe Schritt für
Schritt für Schritt bis
ich angekommen
bin

Geduld

gehört nicht zu meinen Tugenden – oder sagen wir mal so, Geduld ist etwas, das ich immer übern muss, wie man einen Muskel trainiert. Ich will immer alles und das sofort, bin oft schon vorgeprescht und war dann ganz woanders als die, mit denen ich es gerade zu tun habe. Bis ich dann merke, dass ich mich irgendwohin verrannt habe ist oft das Kind schon in den Brunnen gefallen.

Immerhin – die Erkenntnis ist da, dass das so ist und dass ich da noch viel zu lernen habe…

Daher auch heute ein Gedicht, das ich sehr sehr liebe und das alles sagt was man zu diesem Thema sagen kann:

Über die Geduld
(von Rainer Maria Rilke)

Man muss den Dingen
die eigene, stille
ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von innen kommt
und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann,
alles ist austragen – und
dann gebären…

Reifen wie der Baum,
der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,
ohne Angst,
dass dahinter kein Sommer
kommen könnte.

Er kommt doch!

Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind, als ob die Ewigkeit
vor ihnen läge,
so sorglos, still und weit…

Man muss Geduld haben

Mit dem Ungelösten im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben,
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache
geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antworten hinein.