Happy New Year –

Klappe/die 56 igste

Wieder einmal der letzte Tag des Jahres. Gefühlt habe ich mich noch nicht mal an 2016 gewöhnt und schon ist es wieder vorbei. Jetzt ist es bereits dunkel und die Ungeduldigsten fangen schon an, die ersten Böller loszulassen.

Ich habe heute Nacht ausgerechnet, dass dies meine 56. Silvesternacht ist. Die erste Silvesternacht, an die ich mich bewusst und mit Details erinnere, ist die von 1971 auf 1972. Ich war 10 Jahre alt, meine Schwester hatte im Herbst ihren 21. Geburtstag gefeiert und war jetzt volljährig.  Im Sommer war sie von einem zweijährigen Auslandsaufenthalt in den USA zurückgekehrt, direkt aus Washington DC in ein schwäbisches Dorf mit etwa zweitausend Einwohnern. Als sie abgereist war fuhr die ganze Familie mit zum Flughafen nach Stuttgart. Man schrieb das Jahr 1969 und Fliegen war etwas höchst außergewöhnliches, ein Flug nach Amerika , über den „großen Teich“, wie meine Mutter das nannte, eine kleine Sensation. Es war ein strahlender Sommertag, wir saßen alle auf der Aussichtsterrasse als meine Schwester mit den anderen Fluggästen aus dem Terminal unter uns heraustrat und zum Flugzeug ging. Ja, richtig, man ging zum Flugzeug, es gab keinen Bus. Wir winkten ihr zu wie einem Filmstar und ich fand, sie sah auch wie einer aus. Ich werde das Bild nie vergessen.  Sie trug ein weißes Kleid aus Pikèestoff, das mit sonnengelben Konturen von Blumen bedruckt war, dazu einen passenden Mantel in Gelb und eine gelbe Pillbox, ein kleiner runder Hut aus weichem Filz, der in den 60erJahren schwer in Mode war. Ihr dickes schwarzes Haar war hochgesteckt und die Pillbox saß  so keck auf ihrem Dutt wie die Hütchen der PanAm Stewardessen. Ich fand  meine Schwester wunderschön und das war sie auch, zweifellos. Sie war das perfekte Ergebnis der Anstrengungen unserer Mutter, sie zu dem zu formen, was Mama sich unter einer wohlgeratenen Tochter vorstellte. Der Aufenthalt in Amerika war etwas, was unsere Mutter vorangetrieben hatte, sie wollte meiner Schwester einen Traum erfüllen, den sie selbst geträumt aber nie erlebt hatte. Aber ich bin mir sicher, dass meine Mutter sich in ihren kühnsten Träumen nicht ausgemalt hatte, was dieses Land und vor allem in dieser Zeit, 1969, mit ihrem braven Mädchen machen würde.

An Weihnachten kamen Pakete aus Amerika, es waren die großen, in denen Bananen verschifft werden. Der Boden der Pakete war mit Schokoriegeln aufgefüllt, eine Art Süßigkeit, die mir zu diesem Zeitpunkt noch völlig unbekannt war. Eine Sorte hieß „3 Musketeers“, daran erinnere ich mich noch genau.  Ich bekam meine erste „Barbie“ von meiner Schwester, direkt aus Amerika unter den deutschen Weihnachtsbaum.

In diesem Jahr war Amerika für mich allgegenwärtig, denn meine Familie hatte zwei in der Nähe stationierte amerikanische Soldaten, die regelmäßig im Gasthaus meiner Großeltern einkehrten, eingeladen. Sie wollten unbedingt einmal echte deutsche Weihnachten erleben. Ich weiß noch, dass die Erwachsenen alle einen ausgewachsenen Schwips hatten, sogar meine Oma, die eigentlich nie trank, hatte rote Bäckchen und man sieht sie auf jedem der Dias, die mein Vater machte, lauthals lachen. Die beiden Soldaten erinnerten mich an Pat und Patachon, einer war klein und rundlich, der andere lang und schlaksig, mit ausgeprägter Nase. Im Gegenzug waren wir zu „Thanksgiving“ in den „Kelly Barracks“ eingeladen gewesen. Die Feier fand in einer großen Halle statt und am Eingang zum Saal wurde man von einem riesigen Truthahn empfangen, der auf einer silbernen Platte angerichtet war. Am faszinierendsten waren für mich die weißen Papierhütchen, die man dem Truthahn auf die Füße gesteckt hatte. (Sorry, ich kenne den Fachbegriff für diese Teile nicht). Ein Kohlkopf  war als Kopf mit Gesicht dekoriert, selbiger trug einen Zylinder mit Stars `n Stripes.  Die beiden Jungs, deren Namen ich nicht mehr weiß, wurden im Jahr nach diesen Weihnachten nach Vietnam abgezogen. Wir haben nie mehr etwas von ihnen gehört.

Meine Schwester kam an einem ebenso heißen Sommertag wieder in Deutschland an. Wir fuhren extra nach Frankfurt, um sie abzuholen. Ich erinnere mich an ein Spalier von Abholern, in meiner Erinnerung ist dieses Spalier meterlang. Die Angekommenen kamen durch die Tür der Gepäckabfertigung und mussten durch dieses Spalier gehen. Ich stand mit meiner Mutter eingekeilt zwischen anderen Wartenden, die ihre Köpfe Richtung Tür reckten. Immer wieder fielen sich Menschen in die Arme. Ich versuchte einen Blick auf die zu erhaschen, die aus der Tür traten. Dann war da eine zierliche Frau mit hüftlangen, offenen schwarzen Haaren, die ein buntes bodenlanges Blumenkleid trug und, unfassbar, nackte Füße in Sandalen. Für einen Moment hatte ich die Eingebung, dass dieses Wesen meine Schwester sein könnte, aber da meine Mutter nicht reagierte, dachte ich, ich hätte mich getäuscht. Dann setzte sich meine Mutter doch in Bewegung und zog mich in Richtung Ende des Spaliers. Dort sah ich das Feenwesen am Hals meines Vaters hängen.

Ich weiß bis heute nicht, was meine Mum sich gedacht hat als sie meine Schwester sah. Sie fing  sich vermutlich schnell wieder weil sie sich freute, ihr Kind endlich wieder zu sehen. Aber ich bilde mir seit Jahrzehnten ein, dass sie schockiert gewesen ist.

Mit meiner Schwester zogen Wilson Pickett, Otis Redding und die Jackson Five bei uns ein. Ich verbannte Roy Black, dem ich die Sache mit Anita ohnehin übelgenommen hatte, in den Schrank und schwärmte ab sofort für den kleinsten der Jacksons, Michael, nachdem meine Schwester mir erklärt hatte, dass er nur ein bisschen älter wäre als ich.

Dieses erste Silvester, an das ich mich bewusst erinnere, feierten wir in Österreich. Im Montafon, in Schruns. Wir waren in einem Hotel das, wenn ich es recht erinnere, „Alpenrose“ hieß.

Es lag oberhalb des Ortes und man hatte einen fantastischen Blick auf den Ort und die Berge. Meine Schwester war wieder bildschön, sie hatte ein Kleid aus Amerika mitgebracht das einfach spektakulär war. Es war eigentlich ein Jumpsuit mit sehr weiten Hosenbeinen, hatte aber einen bodenlagen, vorne geschlitzten Rock über der Hose. Die Hose war weiß, der Rest des Kleides schwarz.  Mir hatte sie eines dieser bodenlangen Hippiekleider aus Amerika mitgebracht, sodass ich mich standesgemäß gekleidet fühlte für diese besondere Nacht.  Der Blick von oben auf das Feuerwerk war großartig, die Nacht kalt und klar. Wenn ich es recht bedenke, war das eine der glücklichsten Silvesternächte meines Lebens. Ich war ein Kind, die Welt war in Ordnung und ich war mit den Menschen, die ich am meisten liebte, an einem wunderschönen Ort.

Mittlerweile messe ich diesem Tag keine große Bedeutung mehr bei. Dieses Jahr, an meinem 56. Silvester, bin ich das erste Mal ganz alleine. Ich sitze hier mit Schnupfennase am Kamin, trinke Tee und mache mir so meine Gedanken. Und um Mitternacht werde ich mir etwas wünschen. Was ? Verrate ich nicht 🙂

Meine Lieben, ich wünsche Euch ein wunderschönes 2017 mit Liebe, mit guten Freunden,  Zufriedenheit, Sorglosigkeit und FRIEDEN.

Sonn – Tag

wahrhaftig, ein SONNentag heute. Wir hatten unglaubliche 20 Grad, mehr als ein T-shirt habe ich heute nicht gebraucht. Nur schade, dass wir keine Sommerzeit mehr haben, jetzt wird es bereits wieder dunkel. Statt im Haus saß ich heute mit dem Laptop im Garten, es war wie eine kleine Reminiszenz an mein Sommerbüro. Gute Gelegenheit, zu recherchieren und für den NaNo weiter zu arbeiten. Da mein Roman ja das ganze 20. Jahrhundert umfasst, nutze ich einiges aus den Aufzeichnungen meines Vaters. Je mehr ich mich hineinlese desto mehr habe ich das Gefühl , dass ich den Drang zu erzählen von ihm geerbt habe. Er hat sich in seinen letzten Lebensjahren auf die Spur seiner Eltern gemacht und ich möchte ihn hier mal zu Wort kommen lassen, denn ich glaube, es geht vielen wie mir: was „der kleine Mann“ in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlebt hat, wissen wir nicht, weil nur die große Weltgeschichte festgehalten wird. Aber es gibt so viele Geschichten, die es wert sind, erzählt zu werden. Hier ist eine davon:

„Zu meinen Großeltern in U. sagte ich immer nur „Ähne“ und „Ahna“. Wahrscheinlich hatte mir das meine Mutter so beigebracht. Damit gab es einen wörtlichen Unterschied zu Großmutter und Großvater in B. , den Eltern meiner Mutter. Das Haus von Ähne und Ahna war nicht weit entfernt vom Haus des Urgroßvaters. Vielleicht hat mein Ähne das Grundstück für sein Haus von seinem Vater bekommen, denn früher achtete man sehr darauf, in der Nähe des eigenen Hauses weitere Grundstücke zu besitzen. Das Haus, ein landwirtschaftliches Anwesen, stand auf einem etwa 1 Morgen großen Platz. Morgen ist ein Flächenmaß, das bis in das 20 Jahrhundert hinein die Größe von Äckern und Wiesen angab. Ein Morgen ( die Größe eines Ackers, der an einem Morgen (Vormittag) umgepflügt werden konnte) war in den einzelnen Regionen unterschiedlich. In U. war es die Größe von 33 Ar (1 Ar = 100 qm). Die Wohnräume bei meinen Großeltern lagen im ersten Stock, wie in fast allen Bauernhäusern, direkt über dem Stall. Über die Stalldecke, die in dieser Zeit als Holzbalkendecke ausgeführt war, wurde die Stallwärme auf den Fußboden des Wohnzimmers übertragen. Also eine „Fußbodenheizung“. Direkt angebaut an das Wohnhaus war eine große Scheune, denn neben seiner Anstellung als Meister in der Spinnerei bei Firma O. betrieb mein Ähne mit seiner Familie eine, für damalige Zeiten, mittlere Landwirtschaft. Das war für viele Arbeiter und Angestellte ganz normal. Die Landwirtschaft war kein Hobby sondern ein Zubrot für die Selbstversorgung. Das Getreide für Brot und für die Tiere wurde selbst angebaut, Gras und Ohmd für die Kühe holte man von den eigenen Wiesen.

Mein Vater hatte drei Brüder. Christian, der Älteste, ist als Kind schon verstorben. Somit war mein Vater der Älteste und alle drei mussten schon als Kinder in der Landwirtschaft mithelfen, denn der Vater war ja von Montag bis Samstag in der Fabrik.
Als mein Vater zwölf Jahre alt war fielen am 29. Juni 1914 die Schüsse in Sarajewo. Der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie wurden erschossen. Vorbei war es mit der ruhigen Zeit. Am 2. August 1914 erfolgte die Mobilmachung und bereits einen Tag später die Kriegserklärung an Frankreich. Mit sechzehn Jahren wurden aus jungen Burschen in U. Rekruten und fast einhundert Einberufene aus dem Dorf mussten bereits in den ersten Wochen an die Front. Mein Vater hatte Glück, er wurde nicht mehr eingezogen. Fünf Monate nach seinem sechzehnten Geburtstag, am 11. November 1918, war der erste Weltkrieg zu Ende. Zu dieser Zeit war mein Vater bereits in der Lehre. Mein Ähne sagte immer: „nur wer eine Lehre gemacht hat und einen Beruf erlernt hat, kann in der heutigen Zeit bestehen.“ Alle seine Söhne haben eine Schlosserlehre gemacht, das war in dieser Zeit nicht selbstverständlich.
Morgens um fünf Uhr musste mein Vater Albert aufstehen, um dann nach einer guten halben Stunde Fußmarsch zum Bahnhof von W. zu gelangen, von wo er mit dem Zug weiterfahren konnte zu seiner Lehrfirma. Am Abend war er selten vor 19 Uhr zuhause.
In seinem Lehrbetrieb in der nahen Kreisstadt erfuhr er auch ein wenig mehr über die neue Bewegung im Land. Die Arbeiterparteien hatten sich nach dem Zusammenbruch der Monarchie in der neuen Demokratie durchgesetzt. In seinem Heimatdorf merkte man davon noch gar nichts, im Gegenteil.
Die Sängerabteilung des Turnvereins, wo Albert als „Zögling“ Mitglied war, hatte einen sehr schweren Stand gegen den bürgerlichen Gesangverein, den „Liederkranz“. Ein Riss ging durch die Jugend von U. Die Vereine der Arbeiterschaft wurden alle unterdrückt. Auf dem Rathaus saßen reiche Bauern und die hatten das Sagen. Es war ein „Politikum“, man wollte die Proletarier nicht hochkommen lassen. Immer wieder wurde der Antrag auf einen Raum im Schulhaus, zum Abhalten der Chorproben, abgelehnt. Auch anderen Vereinen, wie dem Arbeiter-Samariterbund und ein paar Jahre später dem Arbeiterradfahrverein „Wanderlust“ erging es nicht anders. Dann stand die Neuwahl des Schultheißen an und Matthäus L., der bisherige Bürgermeister, wollte seinen Posten gerne behalten und war auf die Stimmen der Arbeiter angewiesen. Auch die Frauen durften ja seit 1919 wählen. So kam es, dass Zugeständnisse gemacht wurden und die Sängerabteilung des Turnvereins einen Raum für ihre Chorproben bekam. Der Gemeinderat war zunächst dagegen und gab schließlich seine Zustimmung nur mit der Auflage:
„…dass der Sängerabteilung verboten wird, im evangelischen Schulhaus unpassende Lieder zu singen.“
Es war nämlich bekannt, dass die Singstunde mit der „Internationalen“ abgeschlossen wurde, die mit folgender Passage ebenfalls unter das Verbot fiel:
„Es rettet uns kein höh`res Wesen
kein Kaiser nicht und kein Tribun
Uns aus dem Elend zu erlösen,
können wir nur selber tun!“
Das alles passierte vor etwa 100 Jahren in einem kleinen Dorf, irgendwo auf dem Land zwischen Stuttgart und Ulm. Der Friedhof des Dorfs ist immer noch genau neben der Kirche und wie vermutlich überall, gibt es auch an dieser Kirche Gedenksteine für die Gefallenen des ersten und zweiten Weltkriegs. Bei einem Besuch der Kirche im letzten Sommer habe ich die Namen studiert und das Alter der Gefallenen ausgerechnet. Die meisten waren keine zwanzig Jahre alt.
Wir alle tragen die Geschichten unserer Ahnen in den Adern – manchmal, wenn ich ganz ruhig bin, kann ich sie flüstern hören….