Love of my life / Der Geschichtengenerator

Auch an Karfreitag spuckte Jutta Reichelts Geschichtengenerator 3 Kärtchen aus: „Emma (weiß alles)“ , „Komm!“ und „Flohmarkt“.http://juttareichelt.com/2016/03/25/11-geschichtengenerator-in-aktion/

Und weil ich selbst neugieirig war, wie es wohl mit Irmi und Erkan weitergeht, habe in einer grandiosen Osterfeiertags-Nachtschicht an der Geschichte weitergeschrieben. Man kann sich halt nicht aussuchen, wann die Muse vorbeikommt um ihren Kuss zu hinterlassen….da muss auch mal der Schlaf verschoben werden.

Emma Kramer parkte ihren Dienstwagen direkt hinter dem Streifenwagen. Es war zwar erst 4 Uhr 30, aber trotzdem hatte sich eine Traube Neugieriger am Eingang des Hauses versammelt, zwei Fotografen zückten ihre Kameras als Emma mit ihrem Kollegen auf den Hauseingang zusteuerte. Emma winkte routinemäßig ab, sie wusste, dass man versuchen würde, sie zur Herausgabe von irgendwelchen Informationen zu bewegen.

„Kein Kommentar“, sagte sie ohne jemanden anzusehen und verschwand im Haus, während zwei Streifenbeamte versuchten, den Neugierigen den Blick in das Haus zu verwehren. Langsam ging sie mit Malte, dem Kollegen mit dem sie am liebsten unterwegs war, die Treppe nach oben. Ein Mord, von der Mörderin selbst angezeigt. Der Anruf war von der Polizeinotrufzentrale an den KDD weitergeleitet worden, während sich eine Streife bereits auf den Weg zu der angegebenen Adresse machte. Emma machte diesen Job jetzt schon so lange, dass sie manchmal hoffte, alles gesehen zu haben und alles zu wissen, was auf sie zukommen könnte. Sie hatte aufgehört die Jahre zu zählen, aber dieses Jahr hatte sie ihr dreißigjähriges Dienstjubiläum und anlässlich dieser erschreckenden Zahl war ihr die Wirklichkeit ihrer langen Berufslaufbahn wieder bewusst geworden. Sie war ein Urgestein beim Kriminaldauerdienst und wenn neue Kollegen kamen schickte man sie immer zu ihr. „Geh zu Emma,“ sagte man den Neuen, „die weiß alles.“

Emma hoffte inständig, dass bei ihrer Jubiläumsfeier, die ihr im nächsten Monat bevorstand, niemand auf die Idee kommen würde, sie zu fragen, warum sie zur Kripo gegangen war. Emma war ein Kind der sechziger Jahre und aufgewachsen mit Erik Ode und Horst Tappert. In all den vielen Folgen  „Kommissar“ und „Derrick“, die sie in ihrer Jugend gesehen hatte, kochten Frauen Kaffee oder bedienten eine Schreibmaschine und am Ende war das für Emma der Grund gewesen,  diesen Beruf zu ergreifen. Heute bevölkerten so viele junge gutaussehende Kommissarinnen das Fernsehen, dass sie es  manchmal nicht fassen konnte. Die TV-aufklärungsquote lag bei mehr oder weniger hundert Prozent, das hatte mit Emmas Wirklichkeit wenig zu tun. So ein Fall wie dieser, bei dem die Mörderin ihre Tat selber anzeigte, war eine Ausnahme. Während Emma ihren Gedanken freien Lauf ließ war sie schweigend die Treppe hinaufgestiegen, Malte, ebenso schweigsam, an ihrer Seite. Deshalb mochte sie den Dienst mit ihm so gerne, sie konnten gut zusammen schweigen. Dennoch hatten beide die übrigen Anwohner registriert, die in Hausschlappen und Bademantel an ihren Wohnungstüren standen und neugierig nach oben starrten. Endlich hatten Emma und Malte die Dachgeschoßwohnung erreicht und streiften sich Handschuhe und Überzieher für die Schuhe über. Die Spurensicherung war bereits in der Wohnung, als Emma mit Malte eintraf. Sie grüßte den Beamten am Eingang mit einem Kopfnicken und betrat die Wohnung.

„Wo ist der Tote?“

„In der Küche.“ Der Streifenbeamte zeigte nach links. Emma drehte sich um und ging langsam durch den kleinen Flur. Sie blieb stehen und schnupperte. Ein schwacher Vanilleduft hing in der Luft. Malte hatte Emma beobachtet und zeigte nach links, wo auf einem schlichten weißen Sideboard die Asche von Räucherstäbchen in einer flachen weißen Schale aufgefangen worden war. Die Wohnung war ordentlich, alles schien seinen Platz zu haben. Emma öffnete die Tür zu ihrer Rechten, offensichtlich ein Abstellraum, und knipste das Licht in der kleinen Kammer an. Ihr Blick fiel auf ein Schuhregal, das drei Seiten der kleinen Kammer bedeckte.  Noch nie hatte sie so viele Schuhe auf einem Fleck gesehen. Ordentlich aufgereiht standen sie im Regal oder waren in Kartons verpackt. Emmas Blick blieb an den unzähligen schwindelerregend hohen HighHeels hängen und sie fragte sich einmal mehr, wie manche Frauen in diesen Schuhen laufen konnten. Offensichtlich war die Bewohnerin der Wohnung jedoch nicht völlig unvernünftig, denn es gab auch eine große Auswahl an Sneakers in allen Farben. Emma machte das Licht aus und schloss die Tür. Sie wandte sich wieder Richtung Küche, blieb an der Küchentür stehen und nahm die Szene in sich auf. Ein untersetzter Mann lag auf dem Boden, das Gesicht nach unten, unter seinem Körper hatte sich eine Blutlache gebildet. Der Kollege der Spurensicherung händigte ihr einen Plastikbeutel mit Portemonnaie, Handy und Schlüsselbund des Ermordeten aus.

„Der Tote heißt Erkan Huber“, er zeigte auf eine weitere Plastiktüte, in der ein blutverschmiertes Messer lag, „die Tatwaffe haben wir auch. Die Verdächtige ist im Wohnimmer“.

Emma wandte sich zu Malte, „machst du das hier? Dann befrage ich die Verdächtige.“

Malte nickte und Emma ging durch den Flur weiter bis zum Wohnzimmer. Eine Streifenbeamtin stand neben dem Sessel, in dem eine schlanke Frau saß, die am ganzen Körper zitterte. Sie hatte geweint, ihr Gesicht war verquollen. Emma sah auf ihre Notizen, suchte den Namen der mutmaßlichen Mörderin und sprach sie dann an.

„Frau Maierhofer?“

„Ja, das bin ich,“ Irmgard Maierhofers Stimme zitterte auch. „Ich war es,“ sagte sie und fing wieder an zu weinen. „Ich habe das Geräusch gehört, den Schlüssel an der Tür, ich war panisch und – „

Emma unterbrach sie und sagte ruhig: „Erzählen Sie mir einfach alles in der Reihe, was heute Nacht passiert ist.“ Es war für sie Routine, in ihre Stimme diese Mischung aus Autorität und Mitgefühl zu legen, was die Verdächtige dazu bringen sollte, ihr zu vertrauen und den Tathergang zu schildern. Sie setzte sich Irmgard Maierhofer gegenüber in den zweiten Sessel  und sah sie aufmerksam an während sie erzählte. Es war alles etwas verworren aber Emma verstand, dass der Tote offenbar einen Schlüssel für die Wohnung gehabt hatte.

„Warum haben sie dem Toten einen Schlüssel gegeben?“

„Aber ich habe ihm keinen Schlüssel gegeben!“ zum ersten Mal schien Irmgard Maierhofer aus ihrer Lethargie zu erwachen. „Ich sagte ihnen doch, dass ich in der Küche an der Spüle stand und mir einen Tee gekocht habe, als ich das Geräusch des Schlüssels gehört habe! Ich war wie gelähmt vor Angst! “

Sie schluchzte wieder und nahm sich ein neues Papiertaschentuch. Nachdem sie sich lautstark die Nase geputzt hatte, war Irmgard wieder ruhiger.

„Erkan war in meiner Abteilung,“ sagte Irmgard. „Er war mein Mitarbeiter. Ich verstehe das alles nicht -“ das Ende des Satzes blieb fragend in der Luft hängen und Emma schien es, als füllte die Frage den ganzen Raum aus.

Emma sah Irmgard in die Augen und sie sah darin die Wahrheit. Sie wusste nicht, woher sie diese Gabe hatte, aber sie hatte sie nun einmal. Wenn sie den Verdächtigen in die Augen sah wusste sie, ob sie logen oder nicht. In ihren Anfangsjahren bei der Kripo hatte man sie belächelt und nicht ernst genommen. So etwas wie Bauchgefühl war typisch Frau und ein Gefühl ohne schlagkräftige Argumente taugte nichts. Im Laufe ihrer langen Jahre beim KDD hatte sich das geändert. Heute respektierte man ihren „siebten Sinn“ und ihre Kollegen mussten neidlos anerkennen, dass sie immer richtig lag. Irmgard Maierhofer sagte die Wahrheit und Emma wusste, dass sie hier einen dieser tragischen Fälle vor sich hatte, die sie nachts nicht schlafen ließen. Diese Leben, die durch EINE falsche Entscheidung, eine falsche Gefühlsregung, aus den Fugen gerieten. Eine Tat, im Affekt oder in Panik begangen, die das Schicksal von einem Moment auf den anderen in eine andere Richtung lenkt, ohne die Chance daran je etwas ändern zu können. „What a difference a day makes, twentyfour little hours –“ schoss es Emma durch den Kopf. Sie steckte ihren Block ein und sagte ruhig: “Wir werden Sie jetzt mitnehmen ins Präsidium, gibt es jemanden, den Sie verständigen möchten? Ihren Anwalt vielleicht?“

Irmgard, die wieder auf ihrem Sessel zusammengesunken war, sah auf.

„Ich  – also ich habe keinen Anwalt,“ sagte sie und fing wieder an zu weinen. „Ich habe ja noch nie einen Anwalt gebraucht!“

Emma antwortete nicht und gab der Beamtin ein Zeichen.

„Meine Kollegin bringt sie jetzt zur Wache.“

Emma überließ Irmgard der Streifenbeamtin und ging wieder in die Küche. Die Spurensicherung war nahezu abgeschlossen und zwei Männer warteten mit einer Trage, auf der ein Leichensack lag, auf dem kleinen Vorplatz im Treppenhaus.

Malte, der sich über die Spüle gebeugt hatte und die Blutspuren, die das Messer hinterlassen hatte, fotografierte, sah zu Emma auf.

„Und,“ fragte er, „sagt sie die Wahrheit?“

„Ja,“ antwortete Emma knapp. „Irgendetwas stimmt hier nicht. Wir müssen auf jeden Fall sofort in die Wohnung des Toten bevor wir sie im Präsidium vernehmen. Komm!“.

 

Erkan Hubers Wohnung lag in einem gesichtslosen Vorort der Stadt. Im Hunger nach immer neuen Menschen hatte die Stadt sich weiter und weiter in das Land der Umgebung hineingefressen. Hochhäuser und Wohnblocks waren aus dem Boden gewachsen, in denen die vielen, die es in die Stadt zog, ein Dach über dem Kopf fanden. Erkan Hubers Wohnung war in einer der kleineren Einheiten, jede Etage wurde über einen offenen Flur erschlossen, der wie ein Balkon an der Reihe von Haustüren entlang lief. Emma zog ein paar neue Gummihandschuhe an und holte Erkan Hubers Schlüsselbund aus der Tüte der Spurensicherung. Sie schloss die schmucklose Tür auf, die wie alle anderen Türen auf dieser Etage ziegelrot war. Eine Etage darüber waren die Türen grau, in der Etage darunter dunkelblau.

„Das soll wohl Kunst am Bau sein, die bunten Türen,“ sagte Malte mit einem Grinsen.

„Schadet ja nicht, ein bisschen Farbe in der Betonwüste“ antwortete Emma und öffnete die Tür. Das erste, was sie wahrnahm, waren drei große, aufeinander gestapelte Kartons.

„Ist wohl grade erst eingezogen,“ sagte Malte und knipste das Licht an.

Emma nahm ein Blatt vom obersten Karton auf dem in großen Druckbuchstaben das  Wort „Flohmarkt“ stand.

„Sieht eher so aus, als ob er ausgemistet hat“, sagte Emma und hielt Malte das Schild hin. Dann hielt sie inne und schnupperte.

„Riechst du das?“ fragte sie. „Vanille, würde ich sagen. Riecht genauso wie in der Wohnung der Maierhofer.“

Sie sah sich um und entdeckte an der linken Wand des kleinen Flurs ein Sideboard, das dem in der Wohnung von Irmgard Maierhofer verblüffend ähnlich war. Die Asche der Räucherstäbchen war jedoch direkt auf das Sideboard gefallen, die flache weiße Schale fehlte. Emma speicherte das als seltsamen Zufall ab und ging weiter durch den Flur, warf einen Blick in die Küche, die ebenso ordentlich und aufgeräumt war die der Verdächtigen. Dann ging sie weiter und öffnete eine Glastür, die ins Wohnzimmer führte. Verblüfft blieb sie stehen. Das Zimmer war zwar anders geschnitten und hatte keine Dachschrägen, aber es war auf den ersten Blick identisch eingerichtet wie das von Irmgard Maierhofer. Sie rief nach Malte, der gerade dabei war, Schlafzimmer und Bad  zu untersuchen.

„Malte, das musst du dir ansehen!“, rief sie.

Auch Malte stutzte als er Erkan Hubers Wohnzimmer betrat.

„Was zur Hölle –“ er holte tief Luft. „Das sind doch dieselben Möbel wie bei der Maierhofer!“, rief er erstaunt aus.

„Nun“, Emma strich mit der rechten Hand über einen der beiden Sessel, „nicht dieselben aber sehr sehr ähnlich,“ sagte sie.

Emma sah sich um und ihr Blick fiel auf eine Reihe identischer schwarzer Ordner, die ordentlich nebeneinander in der weißen Schrankwand standen. Ihre Rücken waren von Hand mit den gleichen akkuraten Druckbuchstaben beschriftet wie die auf dem Schild mit der Aufschrift „Flohmarkt“.

„IRMI I“, „IRMI II“, IRMI III“, „IRMI IV“ las Malte laut vor. Emma zog den ersten Ordner heraus und schlug ihn auf. Er enthielt Fotos von Irmgard Maierhofers Wohnung, alle Räume waren sorgfältig abfotografiert, die Bilder ordentlich eingeklebt und beschriftet. Im Anschluss folgten Einzelfotos der Möbel und Notizen, wo so ein Möbel zu kaufen war und wie hoch etwa der Preis sein würde. Die Ordner II bis IV enthielten  eine Art Kalender, der Tag für Tag Irmgard Maierhofers Tagesablauf nachzeichnete. Die Aufzeichnungen begannen vor etwa einem Jahr, die letzte war vom Todestag des Opfers. Da stand in roten Druckbuchstaben das Wort „Besuch“ .Zwischen den Kalenderblättern fanden die beiden Kriminalbeamten Fotos von Irmgard beim Verlassen der Wohnung, auf dem Weg zur Arbeit,  auf dem Supermarktparkplatz mit dem Einkaufswagen. Emma und Malte überflogen die Eintragungen.

„Offensichtlich hat er sie in jeder freien Minute beobachtet,“ sagte Emma, „nicht jeden Tag, das war ihm wahrscheinlich nicht möglich, aber wann immer er konnte hat er ihr aufgelauert.“

„Du musst dir das Schlafzimmer anschauen,“ sagte Malte und Emma legte den Ordner, den sie durchsucht hatte, in das Regal der Schrankwand zurück. Sie folgte Malte ins Schlafzimmer und blieb überrascht stehen. Das Schlafzimmer war wie aus einem anderen Universum, offensichtlich war das Erkan Hubers Universum. Ein Bett aus Lärchenholz mit gedrechselten Füßen, dominierte den Raum. Die Bettwäsche war orange-gelb gemustert, ein ausgewaschenes Blumenmuster mit Bordüren aus aufgestickten Gänseblümchen. Auf einem der beiden Nachtischchen stand in silbernem Rahmen ein Foto von Irmgard Maierhofer, das sie offensichtlich bei einer Betriebsveranstaltung an einem Rednerpult zeigte.

„Ein Stalker,“ sagte Emma. “Aber einer von der ganz üblen Sorte.“

„Wir brauchen die Spusi hier,“ Malte griff in die Jackentasche und holte sein Mobiltelefon heraus.

„Das ganze Zeug hier muss ins Präsidium und die Wohnung muss fotografiert werden.“

Emma nickte und ging in den Flur, einer Ahnung folgend.

„Komm,“ rief sie Malte, „hilf mir mal mit den Kartons,“ und sie hoben gemeinsam den obersten der drei Kartons auf den Boden. Emma öffnete ihn. Sie sah hinein und es war offensichtlich, dass diese Kartons all das enthielten, was Erkan Huber gewesen war, bevor er besessen war von Irmgard Maierhofer. Ein geschnitztes Kruzifix und ein messingfarbener Kerzenleuchter lagen auf FC-Bayern-München Bettwäsche, verschiedene Holzbrettchen mit eingebrannten oder eingeschnitzten Sinnsprüchen waren zwischen die Bettwäsche geschoben.

„Trautes Heim, Glück allein“, las Emma.

„Das traute Heim war ja wohl eher ein Horrorkabinett“, sagte sie und hielt Malte das Holzbrettchen hin.

„Du hattest wieder mal den richtigen Riecher,“ sagte Malte. „Er hat sich wohl einen Nachschlüssel für ihre Wohnung machen lassen. Und er war ja offenbar nicht das erste Mal da.“

Malte schüttelte den Kopf und verzog das Gesicht zu einer Grimasse.

„Was für ein Widerling.“

„Du sagst es, Malte. Wenn auch überdeutlich. Ruf die Kollegen an, ich muss hier raus, mir wird schlecht,“ sagte Emma und klappte den Deckel des Kartons zu.

love is a battlefield / Der Geschichtengenerator

Jutta Reichelts Geschichtengenerator hat wieder eine Aufgabe ausgespuckt. Der Begriff der Woche lautet dieses Mal „Treppenhaus“.

(9) Geschichtengenerator in Aktion

Jutta hat eine Vorliebe für „Literarisch unterschätzte Orte“ , eine wunderbare Umschreibung. Ich habe mich also darin versucht, das Treppenhaus einzubauen…und wie schon öfter passiert, entwickelte auch diese Geschichte ihr Eigenleben….und die Protagonistin entpuppte sich als Person, die so eigentlich gar nicht geplant war….

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Das Treppenhaus war menschenleer. Die Luft war abgestanden, es roch als ob der Atem all derer, die seit Jahrzehnten hier ein und ausgegangen waren, zwischen den Stufen konserviert worden wäre.
Ich streckte instinktiv die Hand nach dem Lichtschalter aus, zögerte dann und meine Hand blieb in der Luft stehen, abwartend. Aber mein Gehirn gab keine klaren Anweisungen. Ich ließ den Arm wieder sinken. Es war besser, kein Licht zu machen. Ich blieb einfach stehen, rechts von mir klebten die Briefkästen an der Wand. Durch das Oberlicht über der Eingangstür fiel ein schwacher Lichtschein der Straßenlaterne vor dem Haus, ich sah die Stufen, die zum Hochparterre führten, fünf Stufen waren es. Dann folgte die alte Holztreppe, die sich wie eine geschmeidige Schlange durch das Treppenhaus wand und ich dachte an den, vom vielen Anfassen blank polierten, Handlauf des Geländers. Als ich die Wohnung besichtigt hatte, war es Liebe auf den ersten Blick gewesen. Eine Dachgeschoßwohnung mit kleiner Dachterrasse, hoch über den Dächern der Stadt. Die Tatsache, dass es keinen Aufzug gab, hatte mich nie gestört. Ich liebte nicht nur diese Wohnung, ich liebte das ganze Haus, mit all den Spuren, die fast hundert Jahre und unzählige Bewohner hinterlassen hatten.
Die schwere Tür aus Eichenholz mit den gedrechselten Verzierungen, die alten Bodenfliesen im Eingangsflur, schwarz mit weiß und an vielen Stellen gesprungen, die Holztreppe, deren Stufen in der Mitte abgeschabt waren von den vielen Füßen, die hinauf und hinab gegangen waren. Ich liebte den Sommer in der Stadt, wenn die Luft heiß und staubig war und ich vor der Hitze in meiner Wohnung in den Hinterhof flüchtete, auf die Bank unter den alten Birken und das Schattenspiel der Birkenblätter an der Hauswand verfolgte. Das Haus lebte und atmete, ich konnte das immer spüren, es hatte eine Seele. Jetzt aber schien es, als ob es die Luft angehalten hätte, es war so still, dass ich wie gelähmt war. Panik breitete sich in mir aus, stieg vom Bauch hinauf zum Herzen, das immer schneller schlug, schnürte mir die Luft ab und kam schließlich in meinem Kopf an.
„Du wirst jetzt die Treppe hochgehen,“ befahl mir mein Gehirn.
„Schritt für Schritt. Stufe für Stufe.“
Ich zwang mich, die ersten fünf Stufen hoch zu gehen, es würden noch weitere achtzig folgen, bis ich meine Wohnung im Dachgeschoß erreicht hätte. Ich spürte, wie das Haus mich beobachtete und hatte das Gefühl, dass es mich nicht mehr hier haben wollte. Ich kämpfte mich Stufe um Stufe nach oben, wie gegen eine unsichtbare Wand. Dann stand ich im Hochparterre und hielt inne, lauschte angestrengt ob es irgendein Geräusch gab in den Wohnungen rechts und links von mir, irgendein Zeichen, dass noch jemand wach war. Es blieb still. Langsam schlich ich auf Zehenspitzen zur Treppe, zog mich am Geländer Stufe um Stufe nach oben. Am ersten Treppenabsatz setzte ich mich auf den breiten Sims des Fensters, das zum Hinterhof zeigte. Die Birken waren kahl, der Boden mit abgestorbenen Blättern bedeckt. Das Mondlicht war schwach, der Hinterhof schien wie die Kulisse aus einem alten Schwarzweiß-Film. Ich sah einen hellen Fleck auf der Bank unter den Bäumen und wusste, das war Vilja, die schneeweiße Katze von Frau Olschewsky, Hochparterre links.
„Bring es hinter dich“, befahl mir mein Gehirn. „Geh weiter!“
Ich stellte mir vor, ich wäre ein Wesen ohne eigenen Willen, das den Befehlen eines unbekannten Generals, der in meinem Kopf wohnte, folgte.
„Steh auf!“ befahl der General.
Und ich gehorchte, schleppte mich weiter die Treppe hoch, lauschte auf jedem Treppenabsatz in das leere Treppenhaus hinein, suchte den Atem der Wände und das vertraute Gefühl des Ortes, an den ich gehörte. Auf jedem Stockwerk horchte ich vorsichtig an den Türen der Wohnungen, doch überall schienen die Bewohner zu schlafen. Es erstaunte mich, dass es offenbar eine Zeitspanne gab, in der alle im Haus schliefen. Niemand war wach, der das Knarren der alten Holzstufen hörte, meinen flachen Atem, meine vorsichtigen Schritte auf den Stufen.
Mit der Zeit hatte ich alle Bewohner des Hauses kennengelernt und ordnete sie in Gedanken paarweise an, so wie das Haus sie zusammengewürfelt hatte. Im Hochparterre wohnten Frau Olschewsky und die dicke Frau Müller. Die beiden Frauen stellten den perfekten Gegensatz dar.
Frau Olschewsky, klein und drahtig, mit silbergrauem Kurzhaarschnitt in der Wohnung links und gegenüber Frau Müller, die ihre Leibesfülle gerne in großgeblümte Kleider zwängte und ihre Haare feuerrot färbte. Dennoch waren die beiden ein Herz und eine Seele und Frau Stieglitz, die über Frau Olschewsky wohnte, hatte mir hinter vorgehaltener Hand erzählt, die beiden würden sich seit Kindertagen kennen und hätten beschlossen, zusammen alt zu werden. Frau Stieglitz war eine aufgetakelte Blondine, immer eine Spur zu stark geschminkt, die Haare etwas zu blond und die Hosen etwas zu eng. Sie arbeitete laut eigenen Angaben in der Modebranche, ich vermutete, sie arbeitete als Verkäuferin in einer Damenboutique und zwängte ihre Kundinnen in ebenso enge Hosen wie sie sie selbst trug.
Gegenüber von Frau Stieglitz wohnte ein Ehepaar Mitte fünfzig, Ines und Harald, beide waren Lehrer. Sie verließen das Haus früh und kamen am Nachmittag zurück, ich begegnete Ihnen selten. Ines und Harald waren begeisterte Läufer, vor ihrer Wohnung standen immer mindestens vier Paar mehr oder weniger schmutzige Laufschuhe und an der Wohnungstür hing ein Plakat des New York Marathon 2010. Im zweiten Stock wohnte Alice Johnson, eine gebürtige Engländerin, die wegen eines Engagements am Ballett in der Stadt gelandet und hängengeblieben war. Sie betrieb eine kleine Ballettschule am Stadtrand und war immer ganz in schwarz gekleidet, die rotblonden Haare zu einem strengen Dutt gedreht. Alice war eine zarte, anmutige Elfe und sah bestimmt jünger aus als sie war. Ich vermutete, sie war Mitte der sechzig aber sie wirkte zehn Jahre jünger. Ihr gegenüber wohnte Siggi, ausgewiesener Motorradfan. Siggi trug seine ergrauenden Haare schulterlang und man sah ihn fast nur in schwarzen Lederhosen. Bei Siggi traf jedoch der Satz zu „beurteile das Buch nicht nach dem Umschlag“, denn Siggi hörte nicht, wie jeder es erwarten würde, Heavy Metal Musik sondern war ein großer Opernfan. Seine Liebe galt vor allem Pucchini und jeder im Haus kannte seine Lieblingsarie: „Nessun dorma“ aus Turandot. Auch auf dieser Etage war kein Laut zu hören, kein Tapsen nackter Füße, oder das Spülen einer Toilette. Ich schlich weiter nach oben, in den dritten Stock. Horchte an der Tür links, hinter der Sonja und Thomas schliefen. Die beiden waren so unauffällig wie ihre Eingangstür. Nichts deutete darauf hin, dass die Wohnung bewohnt war, kein Schild, kein Türkranz, keine Schuhe auf dem Abtreter. Die beiden waren freundliche Phantome, die keinen Eindruck hinterließen. Waren sie aus dem Sichtfeld verschwunden, hatte man sie bereits vergessen. Sie verschwanden sofort in der Masse. In der Wohnung rechts lebte Dominik Fischer, er war der jüngste Hausbewohner, ich schätzte ihn auf Mitte dreißig. Auch ihn sah ich selten, er hatte sich zwar allen Hausbewohnern vorgestellt, als er eingezogen war, aber er hielt keinen weiteren Kontakt zu den anderen Mitbewohnern sondern ging seiner Wege. Ich vermutete, dass er dabei war, in der freien Wirtschaft Karriere zu machen und erwartete, dass er demnächst wieder ausziehen würde weil er endlich die Penthouse-Loft oder Maisonette-wohnung gekauft hatte, die seinem Status entsprach. Auch im dritten Stock war nichts zu hören. Stille.
Im vierten Stock lag meine Wohnung. Ich war Anfang vierzig, ehrgeizig und beruflich erfolgreich. In meinem Leben gab es zu diesem Zeitpunkt nicht viel mehr als meine Karriere. Wie mich meine Mitbewohner sahen, war mir gleichgültig, aber ich war zu jedem freundlich und auch mal zu einem kurzen Smalltalk bereit. Zu meiner Schande muss ich gestehen, es war reiner Eigennutz, denn ich wollte mit Niemandem Ärger und man weiß nie, ob man nicht einmal die Hilfe eines Nachbarn braucht.
Ich weiß nicht, wie lange es gedauert hatte, bis ich in dieser Nacht bei meiner Wohnung angekommen war. Es fühlte sich an, als hätte ich Stunden gebraucht um die Treppe hochzugehen, die Zeit floss zäh wie Sirup dahin. Ich stand in der obersten Etage, die einzige, in der nur eine Wohnung war, ich hatte das ganze Dachgeschoss für mich alleine. Ich zog den Schlüssel aus der Manteltasche und steckte ihn zitternd ins Schloss.
Ich wollte diese Wohnung nicht betreten – und doch hielt sich hartnäckig die aberwitzige Hoffnung in mir, alles wäre wie immer, wenn ich die Tür öffnete.
„Schließ auf“, befahl der General.
Ich gehorchte, drehte langsam den Schlüssel im Schloss. Der zarte Duft von Vanille wehte mir entgegen, die Räucherstäbchen waren abgebrannt. Ich erinnerte mich wie ich am Abend in der Küche gestanden hatte um mir einen Tee zu kochen. Der Fernseher lief, ich hörte mit einem Ohr dem Nachrichtensprecher zu. Es war Sonntagabend, ich hatte vorgehabt, in Ruhe den Krimi anzusehen und danach schlafen zu gehen. Dann war da dieses Geräusch gewesen, das nicht hätte da sein dürfen. Ein Schlüssel, der im Schloss gedreht wurde. Ich weiß noch wie ich erstarrte und in Panik nach dem Brotmesser griff. Ich stand an der Spüle und hatte noch den Faden des Teebeutels in der Hand, den ich gerade aus der Tasse gezogen hatte. Leise Schritte näherten sich, ich tat so als würde ich das nicht hören. Meine rechte Hand umklammerte das Messer, ich war angespannt vor Panik und doch ganz klar. Niemand außer mir hatte einen Schlüssel zu meiner Wohnung, niemand. In meinem Kopf rasten die Gedanken, in Sekundenbruchteilen spielte ich  Horrorszenarien durch. Ich tat immer noch so, als ob ich nichts gehört hätte, hantierte mit dem Teebeutel und hielt das Messer fest. Aber ich spürte die Gegenwart des Unbekannten fast körperlich, ich spürte ihn näher kommen. Es gab nur eine Möglichkeit, ich musste ihn überraschen. Als ich das Gefühl hatte, dass er fast hinter mir war drehte ich mich blitzartig um und rammte ihm das Messer bis zum Heft in die Brust, zog es heraus und stach nochmal zu.
Er sank zusammen, knickte ein und stöhnte. Dann fiel er vor mir auf den Boden. Ich hatte das blutverschmierte Messer immer noch in der Hand und warf es angewidert in die Spüle. Der Mann lag da, die Augen erstaunt geöffnet, auf seiner grauen Fleecejacke breitete sich ein dunkler Fleck aus. Es war offensichtlich dass ich ihn getötet hatte. In diesem Moment sah ich, dass ich den Mann, der da am Boden lag, kannte und das Entsetzen packte mich. Ich starrte ihn an und konnte es nicht fassen. Wie war er an den Schlüssel zu meiner Wohnung gekommen? In meinem Kopf fuhr ein Karussell aus Gedanken im Kreis, mein Körper fing an unkontrolliert zu zittern, kalter Schweiß brach mir aus. Ich wollte nur noch weg, raus aus dieser Wohnung. Ich stieg über den Toten, riss im Flur meine Jacke vom Bügel, den Schlüssel vom Haken und zog, noch halb im Gehen, meine Turnschuhe an, verließ die Wohnung und knallte die Tür hinter mir zu. Wie von Furien gehetzt rannte ich die Treppe hinunter und verließ das Haus. ich weiß nicht, wie lange ich ziellos durch die Straßen gelaufen bin bis ich plötzlich wieder vor dem Eingang stand.
Meine Wohnung war hellerleuchtet, der Fernseher lief noch, und der Tote lag in meiner Küche auf dem Boden. Plötzlich war ich wieder völlig klar. Jetzt, da ich der Katastrophe gegenüberstand, funktionierte mein Verstand besser als in den Stunden zuvor, als ich meinen eigenen Hirngespinsten ausgeliefert war.
Es gab nur einen Weg. Ich musste jetzt die Polizei verständigen.
Mechanisch nahm ich den Hörer und wählte den Polizeinotruf.
„Guten Abend. Mein Name ist Irmgard Maierhofer. Ich habe einen Einbrecher erstochen,
sein Name ist Erkan Huber.“

 

Noch eine Anmerkung in eigener Sache: wer wissen will, was es mit Erkan und Irmi auf sich hat, die beide auch dem Geschichtengenerator entsprungen sind, kann es hier nachlesen:

https://wortwabe.wordpress.com/2016/02/12/bedenke-wohl-was-du-dir-wuenschst-es-koennte-dir-gewaehrt-werden/

Bedenke wohl was du dir wünschst, es könnte dir gewährt werden

Oder: Der Geschichtengenerator©Jutta Reichelt hat vorgegeben
ERKAN (ziemlich verliebt)    KANTINE   „NATÜRLICH KANN ICH DAS!“

Erkan starrte auf seinen Bildschirm. Das Angebot würde sich nicht von selbst schreiben, soviel war klar. Aber leider waren sämtliche Synapsen in seinem Gehirn mit Fehlschaltungen beschäftigt. Denn egal, an was Erkan dachte, es führte immer nur zu einem Thema: Irmi. Er versuchte, sich zusammenzureißen, aber es war von vornherein klar, dass das nicht klappen würde. Wie konnte sich ein Mann in seinem Alter nur so kindisch benehmen? Es war nicht auszuhalten. Die schöne Irmi verfolgte ihn nun schon seit drei Wochen bis in den Schlaf. Und er hatte keine Chance ihr auszuweichen denn er verbrachte die ganze Woche mit ihr, mindestens acht Stunden am Tag, von Montag bis Freitag. Die schöne Irmi war seine neue Chefin. Vertriebsleitung Innendienst war der offizielle Titel. Sexiest Woman alive war der inoffizielle Titel, den Erkan an Irmi vergeben hatte. Seit Irmi, oder besser Frau Maierhofer, den Glaskasten am Ende des Großraumbüros bezogen hatte, sammelten sich bei Erkan die Überstunden an. Die Effizienz von Erkans Arbeit ließ allerdings diametral zu seiner Arbeitszeit nach. Er saß an seinem Schreibtisch und malte Männchen aufs Papier oder starrte über die Köpfe seiner Kollegen hinweg in Richtung Glaskasten. Wenn er sie nur einmal in den Armen halten könnte, nur einmal…Erkan seufzte und fand sich damit ab, dass das ein Traum bleiben würde. Er war Mitte Fünfzig, Irmi war Anfang vierzig. Während Erkan mit seiner Karriere bereits durch war würde sie noch mindestens fünf oder zehn Jahre Gas geben. Da war er sich sicher.
Erkan Huber hatte eine Mutter mit türkischen Wurzeln, die aus Liebe zu ihrem bayrischen Ehemann sogar die Konfession gewechselt hatte, aber der Preis dafür war, dass der gemeinsame Sohn den Namen ihres Vaters tragen sollte, Erkan, was so viel bedeutet wie „General“ oder „Anführer“. So kam der bayrische Bub zu seinem exotischen Vornamen, der aber schnell zu „Erki“ abgewandelt wurde. Der kleine Erkan war jedoch nie der Anführer, er war froh, wenn er mitspielen durfte und man ihn ansonsten in Ruhe ließ, denn er war nahe am Wasser gebaut und brach schnell in Tränen aus. Der erwachsene Erkan Huber war sich sicher, dass sein Hang zur Melodramatik ein Erbe der orientalischen Mutter war, denn sein Vater war ein Urbayer, der das Wort Drama vermutlich nicht einmal buchstabieren konnte.
Auch bei Irmgard Maierhofer, von Erkan insgeheim Irmi genannt, konnte man in keinem Fall von „nomen est omen“ sprechen. Hätte sie gewusst, dass der verliebte Erkan Huber sie „Irmi“ nannte, hätte sie vermutlich einen Lachanfall bekommen. Frau Maierhofer, die seit dem ersten Tag von allen Mitarbeitern, außer Erkan, nur „M“ genannt wurde, war groß, schlank und tough. Sie ließ sich von keinem auf der Nase herumtanzen. Ihre Kleidung war schlicht aber durchaus feminin. Sie trug immer knielange Bleistiftröcke in schwarz oder grau, kombiniert mit Seidenblusen in pastelligen Farben, dazu Pumps. Das Büro betrat sie jeden Morgen mit Sneakers, wechselte dann aber sofort hinter dem Schreibtisch die Schuhe und stöckelte danach mit ihren Stilettos durch das Büro um bei ihrem morgendlichen Rundgang alle Mitarbeiter zu begrüßen. Ihre langen braunen Haare waren zu einem lockeren Dutt aufgesteckt. Irmgard Maierhofer war sich ihrer Wirkung auf Männer durchaus bewusst und setzte diese zu ihrem Vorteil ein. Sie hatte sich diese Position erarbeitet, auch wenn das bestimmt wieder der eine oder andere nicht wahrhaben wollte und ihr eine Affaire mit einem Vorgesetzten nachsagte. Irmgard Maierhofer hatte das nicht nötig und was man ihr nachsagte interessierte sie schon lange nicht mehr. „never fuck the company“ war ihr Wahlspruch und daran würde sie sich halten.
Sie blieb bei Erkans Schreibtisch stehen.
„Guten Morgen Herr Huber!“ sagte sie und lächelte ihn aufmunternd an. „Was macht das Angebot für Kremmler?“
Erkan hatte Irmi schon seit Minuten beobachtet und den Moment, wenn sie an seinem Schreibtisch ankommen würde, gleichzeitig herbeigesehnt und verwünscht. Er würde wieder wie ein kompletter Idiot aussehen, das war ihm klar.
„Ich, äh, also, ja… guten Morgen Irm…Frau Maierhofer,“ Erkan hätte sich ohrfeigen können für sein Gestammel. „Ja, also ich mache das heute fertig.“
„Schön, dann mailen Sie es mir bitte rüber. Können Sie das bis um vierzehn Uhr dreißig fertigstellen?“
„Natürlich kann ich das, Frau Maierhofer.“
„Wunderbar, dann noch einen schönen Tag!“ Irmi strahlte ihn an und ging dann weiter. Erkan seufzte. Was hatte er sich da nur angetan. Es war acht Uhr fünfundvierzig. Das Angebot würde etwa fünfunddreißig Positionen umfassen. Er hatte noch nicht einmal die Hälfte davon zusammen. Wenn er das schaffen wollte, dann konnte er sich eine Mittagspause in der Kantine abschminken.
Erkan entschied, dass er dieser Herausforderung ohne einen weiteren Kaffee nicht gewachsen war. Er stand auf und ging Richtung Teeküche. Zwangsläufig führte sein Weg an Irmis Glaskasten vorbei, aber ihr Platz war leer. Eine kleine Enttäuschung machte sich in Erkan breit, als er die Teeküche betrat. Insgeheim hatte er ja gehofft, dass Irmi ihn bitten würde, ihr einen Kaffee mitzubringen. Erkan stellte seinen Kaffeebecher auf den dafür vorgesehenen Platz und drückte den Knopf für Cappuccino an der hochmodernen chromglänzenden Maschine. Erkan bezeichnete sich selbst gerne als „Kaffeejunkie“. Seine Vorliebe für Kaffee ging so weit, dass er sich manchmal abends beim zu Bett gehen wünschte es wäre schon wieder Morgen, nur um wieder einen Kaffee trinken zu können. Allein der Duft, der jetzt der Maschine entströmte, entschädigte ihn schon für alle sehnsuchtsvollen Gedanken zu seinem derzeitigen Lieblingsthema. Die Teeküche grenzte an einen umlaufenden Balkon, der gerne von den Rauchern für eine schnelle Pausenzigarette genutzt wurde. Während Erkan gedankenverloren auf die Kaffeemaschine starrte, die seinen Cappuccino aufbrühte, wurde schwungvoll die Balkontür aufgeschoben und Irmgard Maierhofer betrat vom Balkon her die Teeküche. Dabei verhakte sich einer ihrer Stilettos in der Türschwelle und sie drohte, der Länge nach auf den gefliesten Boden zu knallen. Erkan, der Irmi völlig paralysiert angestarrt hatte, kam gerade noch rechtzeitig zu sich um sie aufzufangen. Der abbrechende Absatz gab ein hässliches Geräusch von sich, wie absplitterndes Holz, und mit einem kleinen wehklagenden „krch“ trennte er sich vom Schuh. Irmgard Maierhofer lag jetzt in seinen Armen, ja sie hing förmlich an seinem Hals. Erkan wusste nicht, wie er mit dieser Situation umgehen sollte, aber Irmi stellte sich bereits wieder auf die eigenen Beine. Das heißt, sie stellte sich auf ein Bein, zog den ruinierten Schuh vom Fuß und sagte bedauernd:
„Der ist hin.“
Der Absatz steckte noch immer in der Türschwelle und Erkan bückte sich um ihn heraus zu hebeln. Es war ein unglaubliches Bild. Irmi Maierhofer, auf einem Bein balancierend, den kaputten Schuh in der einen Hand, die andere zur Wahrung des Gleichgewichts in den Küchentresen gekrallt. Zu ihren Füßen kniend Erkan Huber, der ihr jetzt den abgebrochenen Absatz reichte wie die heiligen drei Könige Weihrauch und Myrrhe an das Jesuskind.
„Da haben Sie mir ja das Leben gerettet,“ Irmgard grinste ihn an. „Vielleicht sollte ich auf weniger hohe Absätze umsteigen. So kann ich jedenfalls nicht wieder zurück ins Büro. Wären Sie wohl so nett und würden mir meine Sneakers holen?“
„Selbstverständlich, einen Moment, ich bin gleich wieder da!“ sagte Erkan und rannte los.
Kurz darauf kam er mit den Sneakers in der Hand wieder in der Teeküche an. In der Zwischenzeit waren noch zwei weitere Kollegen aus der Nachbarabteilung dort eingetroffen um sich einen Kaffee zu holen und Irmi hatte bereits die dramatische Rettungsaktion von Erkan um Besten gegeben.
„Wenn Herr Huber mich nicht aufgefangen hätte, wer weiß was ich mir gebrochen hätte,“ sagte Irmi mit Dramatik in der Stimme und untermalte den Satz mit weitausholenden Gesten.
Erkan war das unangenehm, aber andererseits war er auch ein bisschen stolz, dass sie ihn so hervorhob. Er holte für Irmi einen Stuhl aus einem der angrenzenden Büros, damit sie sich setzen und in Ruhe ihre Sneakers anziehen konnte. Erkan war in seinem Element, endlich konnte er zeigen, was für ein Gentleman der alten Schule er war. Wäre es nach ihm gegangen, er hätte sich Irmi zu Füßen gesetzt und ihre Schnürsenkel geknotet.
Nachdem sie die Schuhe getauscht hatte, stand Irmgard auf, sah in die Runde und sagte:
„Dann können wir ja jetzt wieder weiterarbeiten. Einen schönen Tag noch die Herren.“, und an Erkan gewandt. „ Herr Huber? Gehen wir?“
Erkan, der seinen, mittlerweile nur noch lauwarmen, Cappuccino hinuntergestürzt hatte, stellte mit einem klirrenden Geräusch die Tasse in die Spüle und folgte seiner Chefin.
Als sie an Irmis Glaskasten angekommen waren, öffnete Erkan ihr galant die Tür und sie sagte:
„Nochmals vielen Dank, Herr Huber. Können Sie mir dann das Angebot schicken? Vierzehn Uhr dreißig?“
Erkan sagte nur lahm: „Natürlich kann ich das,“ und ging zu seinem Platz.
„Du hast dir gewünscht sie im Arm zu halten,“ sagte er sich. „jetzt ist es gut.“
Erkan versuchte, sich wieder auf seine Arbeit und die Erstellung des Angebots zu konzentrieren. Aber wenn das in Erfüllung gegangen ist, dann geht vielleicht noch mehr? In Gedanken spielte Erkan immer wieder die Szene in der Teeküche durch. Was, wenn sich Irmi Maierhofer jetzt unsterblich in ihn verliebt hatte, nachdem sie ihm so nahe gekommen war? Bestimmt wartete sie nur darauf, dass er den Anfang machte. Bestimmt war es so. Erkan war sich plötzlich absolut sicher. Er war sich so sicher, dass er sogar das Angebot ohne weitere Ablenkung termingerecht fertigstellte. Natürlich musste sie die Unnahbare bleiben. Nur er konnte diesen Schritt auf sie zu machen. Und er würde sie nicht enttäuschen.
Als Irmgard Maierhofer am Abend das Bürogebäude verließ und Richtung U-Bahn ging bemerkte sie nicht wie Erkan Huber sich lautlos an ihre Fersen heftete.