abc Etüden. Sie verlassen den amerikanischen Sektor

Gestern abend lief auf 3 Sat der Film „Der Spion, der aus der Kälte kam“ mit Richard Burton. Ich habe nur den Anfang gesehen, weil es schon spät war und ich schlafen wollte. Der Film beginnt mit einer Szene am Checkpoint Charlie in Berlin. Kennt Ihr das – man sieht etwas und wird plötzlich in eine andere Zeit gebeamt, als ob die Erinnerung wie eine Welle über dir zusammenschwappt? So ging es mit heute nacht. Dazu meine Etüde.Die Wörter dieser Schreibwochen sind LIEBLICH, TEILEN, NACHTLICHT. Sie sollen in einer Geschichte mit maximal 300 Wörtern eingebaut werden. Bei Christiane https://365tageasatzaday.wordpress.com/2020/11/01/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-45-46-20-wortspende-von-kain-schreiber/ findet ihr die links zu den anderen großartigen Etüden dieser Schreibeinladung.

abc.etüden 2020 45+46 | 365tageasatzaday

Sie verlassen den amerikanischen Sektor

Sie verlassen den amerikanischen Sektor

Es ist 1978,  ich bin liebliche siebzehn Jahre alt. Mein Leben ist überschaubar. Ich wohne auf dem Land, dort, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Am Vormittag bin ich in der Schule, fahre danach mit dem Bus nach Hause in unser Dorf. Während meine Mutter das Essen kocht, telefoniere ich mit meiner Freundin. Wir teilen alles miteinander. Nach dem Essen telefonieren wir wieder.

Ich habe auch eine Freundin in Westberlin, Kathrin. Sie lädt mich ein, sie in den Herbstferien zu besuchen.

Meine Eltern erlauben es, wir telefonieren, fassen uns kurz, es ist ein Ferngespräch und das ist teuer. Ich fahre mit dem Zug. An der Grenze, meine Mutter nennt sie Zonengrenze, die andere Seite sagt Staatsgrenze, steigen die Zöllner von drüben ein. Im Abteil ist es still, die Beamten kontrollieren meinen Ausweis, mustern mich. Ich versuche, unauffällig und harmlos auszusehen. Wie sieht man unauffällig und harmlos aus? Ich fahre mit der Stadtbahn durch Berlin, es fühlt sich frei an, dabei sind die Menschen hier doch eingesperrt. Kathrins Mutter will mir die letzte Bar mit Tischtelefonen zeigen, vermutlich ein Relikt aus den 50ziger Jahren. Wir gehen an der Garderobe vorbei durch in das Café, über dem Durchgang ist ein grünlich schimmerndes Nachtlicht. Wir setzen uns, auf dem kleinen Tisch vor uns steht ein altmodisches schwarzes Telefon. Plötzlich klingelt es, jemand will mich zum Tanzen auffordern. Ich senke den Altersdurchschnitt im Raum um etwa zwanzig Jahre. Ich weiß nicht mehr, ob ich getanzt habe.

Mit Kathrins Vater besuche ich Checkpoint Charlie, die Ausstellung dort erzählt von den Fluchten aus der DDR. Ich kann die Angst spüren und auch den unbezwingbaren Wunsch nach Freiheit. . Ich lese jede Geschichte und bin völlig erschüttert von dem, was ich sehe. Als wir das Museum verlassen kann ich nicht mehr sprechen, bleibe stundenlang stumm.

https://www.mauermuseum.de/ausstellung/