Update

Meine Sommerwoche in Bassum rückt näher, endlich die langersehnte Auszeit zum Schreiben vor Augen, kann ich wieder mal eintauchen in meine Geschichten. Zuviel andere, nicht immer schöne Dinge haben in den letzten Monaten meine Tage bestimmt. Meine Mutter hat sich auf einen langsamen Weg des Abschieds begeben, sie scheint verschwinden zu wollen, lautlos. Manchmal spricht sie halbe Sätze ohne Sinn, selten erkennt sie uns, meistens ist sie in ihrer eigenen Welt. Ich habe meine eigene Art, mit solchen Herausforderungen umzugehen, am besten klappt es, wenn ich mich zurückziehe und mein Schneckenhaus neu einrichte.

Heute habe ich den Tag genutzt für längst überfällige Recherchen, die mich wieder neu inspiriert und motiviert haben. Die Geschichte von Rosa und Harold liegt ja immer noch in Fragmenten da und will sortiert und beendet werden. Einige Übungen zu diesem Text sind ja auch hier auf dem blog (Schlagwort „Rosas Reise“), heute habe ich mir Gedanken zu Harold gemacht, nachdem ich einen vergessenen Text in einer meiner vielen Kladden entdeckt habe. Hier die Geschichte von Harold, den ich immer noch nicht identifiziert habe. Mittlerweile bleibt aber nur eine Möglichkeit übrig, es muss wohl jener Harold Syms gewesen sein, Rezeptionist und Room Steward auf der „Olympic“. Bei ihm passt das Alter, die Größe und Haarfarbe. Wie er sich mit Rosa verständigt hat, weiß ich nicht, aber dazu gibt es ja die Fiktion und Fantasie. „Mein“ Harold sprach zumindest ein bißchen Deutsch.

Harold Syms

Harold

 

Harold Pinter wurde als Kind deutscher Einwanderer geboren. Das Schiff, das seine Eltern als jungvermähltes Ehepaar in New York an Land spuckte, war einer der neuen schnellen Dampfer, die keine zwei Wochen mehr brauchten um den Atlantik zu überqueren.

Margarete Pfänder, geborene Huber, war eine schweigsame schüchterne Frau. Ihre großen blauen Augen hatten immer den erschreckten Ausdruck eines Kindes, das die Mutter aus dem Blickfeld verloren hat. Sie betrat diesen unbekannten Kontinent zögerlich, fest an den Arm von Nikolaus geklammert. Nikolaus Pfänder überragte seine Frau  um Haupteslänge, er hatte einen aufrechten Gang und die Arbeit als Zimmermann hatte seine Muskeln gestählt. Wenn Margarete ihren Mann ansah, hatte sie das Gefühl, er könne die Welt besiegen auch wenn ihm eine Hand auf den Rücken gebunden wäre. Nach der Landung in New York verschlug es die jungen Einwanderer nach Boston, wo sie beide Arbeit fanden. Trotz ihrer schüchternen Art war Margarete der Kopf dieser Ehe, während Nikolaus mit seiner unbändigen Kraft und eisernem Willen die Schwierigkeiten aus dem Weg räumte. Margarete arbeitete als Küchenhilfe bei Jakob Wirth, der ein deutsches Wirtshaus in der Eliotstraße betrieb, wo deutsche Weine und Spezialitäten aus der süddeutschen Heimat angeboten wurden. Jakob Wirth, genannt Jake, war es, der Margarete vorlebte, wie weit man es bringen konnte, wenn man die Sprache des neuen Heimatlandes beherrschte.  Nikolaus und Margarete wollten es schaffen und so sprachen sie auch untereinander nur noch Englisch. Als das erste Kind geboren wurde, änderte Nikolaus den deutschen Nachnamen „Pfänder“  in ein englisches „Pinter“ und das Kind bekam den englischen Vornamen Harold.

Harold war lebhaft und die stille Margarete schien durch dieses Kind wie verwandelt. Sie lachte viel und redete auf das Baby ein, das sie mit ebenso großen blauen Augen wie ihre eigenen ansah. Jetzt verfiel sie auch immer wieder in ihre Muttersprache und so kam es, dass Harold mit dem Klang zweier Sprachen aufwuchs. So sehr Margarete nach ihrer Ankunft in Boston die Assimilation vorangetrieben hatte, so sehr war ihr jetzt daran gelegen, ihrem Kind die eigenen Wurzeln zu vermitteln. Sie war immer noch schüchtern und darauf bedacht, nicht aufzufallen. Ihr Englisch war nahezu akzentfrei, sie war ein natürlicher Teil ihrer neuen Heimat geworden und allmählich fühlte sie sich auch sicher. Harolds offene Art, die Mühelosigkeit, mit der er auf andere Menschen zuging, faszinierten Margarete und sie suchte in seinem Gesicht, in seinen Gesten nach Ähnlichkeiten mit Familienmitgliedern. Harold kannte die abgegriffenen Fotos von fernen Großeltern, Onkeln und Tanten, er konnte jedes Gesicht beim Namen nennen. Seine Spielkameraden hatten leibhaftige Großeltern, die man besuchen konnte und die einem auch mal einen Penny in die Hand drückten. Harolds Familie war neben seinen Eltern eine Familie aus Papier, in schwarz, weiß und grau.

Als Harold viele Jahre später auf der „Olympic“ anheuerte und sich auf die erste Reise nach Europa begab, war die ferne Familie in seiner Vorstellung immer noch schwarz-weiß aber er hatte seinen Eltern versprochen, sobald als möglich die alte Heimat zu besuchen. Eisern sparte er jeden möglichen Dollar seiner  Heuer bis er endlich das Geld für die Reise zum Dorf seiner Eltern zusammen hatte.

Seine Mutter hatte den Geschwistern den Besuch des Sohnes angekündigt. Die Papierfamilie in Deutschland hatte zugesagt, Harold am Bahnhof in Ulm abzuholen. Seit der Abreise von Harolds Eltern waren dreißig Jahre vergangen, die schwarz-weißen Großeltern waren verstorben und aus den ernst dreinblickenden jungen Leuten waren gesetzte Mittfünfziger geworden, die Harold wie ein seltsames unbekanntes Tier bestaunten. Er sprach nur bruchstückhaftes Deutsch als er bei der Verwandtschaft ankam, aber nach ein paar Tagen klappte die Verständigung. Harold besuchte die Gräber der Großeltern und legte im Namen seiner Eltern kleine Kränze nieder, stand mit gefalteten Händen und gesenktem Blick vor den Gräbern und wunderte sich über die bunten Farben der Blumen.

Die Familie reichte Harold herum wie einen Wanderpokal, er besuchte die Geschwister der Mutter und den Bruder des Vaters, lernte die zahlreichen Vettern und Basen kennen und bezahlte am Ende das große Familienfoto, zu dem alle zusammengerufen worden waren. Das sollte eine Überraschung für seine Eltern werden und jetzt war er es, der den schwarz-weißen Figuren auf dem Foto einen Namen geben und die Verwandtschaftsverhältnisse erklären konnte.

Harold blieb zwei Wochen bei der Familie, reiste dann über Paris nach Cherbourg und heuerte wieder auf der „Olympic“ an. Er  beschloss, zukünftig jede Gelegenheit zu nutzen um sein Deutsch weiter zu verbessern. Auf jeder Überfahrt gab es  deutsche Auswanderer oder Heimkehrer, mit denen er als Rezeptionist in Kontakt kam.

 

Barbara (2)

Berta war schon vor drei Jahren weggegangen und hatte eine gute Stellung als Hausmädchen in Stuttgart gefunden. Barbara sollte ihr folgen, Berta hatte alles genau geplant. Sie sollte als Laufmädchen arbeiten und die Besorgungen für die Herrschaft in der Stadt erledigen. Aber Barbara wollte nicht, und so kehrte Berta ohne Barbara nach Stuttgart zurück, aber sie hatte ihrer Schwester das Versprechen abgenommen, dass sie den Eltern nichts von ihrer geplanten Auswanderung nach Amerika verraten würde.
Barbara fieberte dem Sonntag entgegen. In der Kirche saß sie neben ihrer Mutter und immer wieder suchten ihre Augen Albert, der unter den Männern auf der anderen Seite der Kirche saß. „Heute,“ dachte Barbara während sie das Vaterunser betete. „Heute kommt er zum Vater.“ Und der Gedanke erschütterte sie so, dass eine Gänsehaut sie überlief. Was, wenn Berta recht gehabt hatte, und ihr Vater seine Zustimmung zur Hochzeit verweigerte? Barbara verscheuchte diesen Gedanken als sie spürte, dass ihr Tränen in die Augen stiegen. „Es ist in Gottes Hand,“ dachte sie. „Er wird es richten.“
Albert kam am Nachmittag. Matthäus saß mit der Pfeife auf der Bank vor dem Haus. Albert zog seine Mütze und grüßte, dann drehte er die Mütze zwischen seinen Händen.
„Kottlerbauer, ich, also wir – die Barbara und ich,“ vor Aufregung konnte Albert keinen Satz zu Ende führen.
„Wenn du mir sagen willst, dass ihr zwei heiraten wollt – das schlag dir aus dem Kopf. Du kannst keine Familie ernähren, und du bringst nichts mit.“
Barbaras Vater klopfte seine Pfeife an der Bank aus und ging ohne ein weiteres Wort ins Haus.
Er rief Barbara zu sich und erklärte ihr, dass sie sich den Hungerleider aus dem Kopf schlagen solle, ihn würde sie nie heiraten dürfen.
Barbara drehte sich um und lief weinend in ihre Kammer. Die folgenden Tage betete sie in jeder Nacht für ein Wunder. Und Gott hatte ein Einsehen.
Der Frühling kam und mit ihm der Regen. Es regnete tagelang und alle Wege und die Felder waren aufgeweicht. Auf dem Weg zum Farrenstall stürzte Matthäus so schwer, dass er seinen Arm in der Schlinge tragen musste und die gewohnte Arbeit auf dem Feld und im Stall von seiner Frau Mathilde und den Kindern getan werden musste. Schon am ersten Tag nach dem Unfall war Albert zur Stelle. Er half wo er konnte und irgendwann gab Matthäus seinen Widerstand auf und ließ es zu dass Albert ihm auch bei den Farren zur Hand ging. „Du kannst mit Tieren umgehen,“ sagte er nach zwei Wochen anerkennend zu Albert. Damit war das Eis gebrochen. Barbara schien es, als wüchse nicht nur der gebrochene Arm zusammen sondern auch der Vater und ihr Albert.
Schließlich willigte Matthäus ein und Barbara und Albert bekamen seinen Segen. Die Hochzeit sollte im folgenden Jahr gefeiert werden.
„Liebe Berta,“ Barbara schrieb ihrer Schwester, aber das Schreiben fiel ihr schwer. Im Gegensatz zu Berta war sie nie gerne zur Schule gegangen. „der Vater hat uns seinen Segen gegeben und ich weiß, dass es Gottes Wille ist, dass ich Albert heirate. Jeden Tag habe ich gebetet dass der Herr den Vater umstimmt und er hat meine Gebete erhört. Die Hochzeit ist nächsten Mai. Du sollst meine Brautführerin sein! Sei herzlich gegrüßt von deiner Schwester Barbara“
Bertas Antwort ließ lange auf sich warten.
„Verehrte Eltern, liebe Geschwister, wenn ihr diesen Brief in den Händen habt bin ich schon auf dem Schiff nach Amerika. Der Agent hatte schon früher einen Platz für mich und ich reise nun nach New York. Sobald ich angekommen bin und eine Arbeitsstelle habe, schreibe ich Euch die Adresse.
Leider kann ich nicht bei der Hochzeit dabei sein, liebe Schwester, aber ich wünsche Euch von Herzen alles Gute. Frau Hofrat aus Stuttgart hat mich gefragt, ob nicht eine meiner Schwestern nach Stuttgart in ihren Haushalt kommen möchte. Ich habe ihr gesagt, dass Lina bald soweit ist, eine Stellung anzunehmen. Die Frau Hofrat wird Euch schreiben, liebe Eltern, damit ihr die Lina hinschickt.“ Da Barbara als Dienstmädchen nicht in Frage kam sollte also Lina nachrücken. Sie war bald vierzehn Jahre alt und würde im Sommer die Schule verlassen. Wie es für ein Mädchen üblich war, würde sie als Magd oder Dienstmädchen arbeiten.
Einige Wochen vergingen und Barbara hielt Bertas zweiten Brief in den Händen. Sie drehte den Umschlag hin und her, befühlte das Papier und staunte über die fremden Briefmarken und Stempel. „Liebe Schwester, es ist alles so, wie ich es dir gesagt habe. Hier kann ich viel mehr Geld verdienen, als daheim. Ich bin jetzt in Chicago, das ist eine große Stadt am Michigansee. Der See ist groß wie ein Meer und oft ist es neblig und der Wind zieht durch die Straßen. Sie nennen Chicago „windy city“, das heißt windige Stadt. Ich habe eine Stellung bei einer guten Familie, ich stehe dem ganzen Haushalt vor. Stell dir vor, in Chicago leben 500.000 Menschen! Da könnte man unser Dorf tausendmal hineinstellen.
Hier gibt es so große Häuser, eines hat zehn Etagen und man sagt, es sei das höchste Haus der Welt. Ich hoffe, es sind alle gesund bei Euch, viele Grüße an die ganze Familie, deine Schwester Berta.“
Die Jahre gingen ins Land und Bertas Prophezeiung wurde Wirklichkeit. Barbaras Kinderschar wurde immer größer. Als sie mit dem vierten Kind schwanger war, stand Berta plötzlich vor der Tür. Fünf Jahre war sie in Amerika gewesen und jetzt war sie zurückgekommen. Berta hatte Heimweh, aber das hätte sie nie zugegeben. Außerdem hatte sie ihr Ziel erreicht und in Amerika viel Geld verdient. Sie hatte eisern gespart, sich nichts gegönnt und brachte ein kleines Vermögen zurück. Sie würde nicht mehr als Dienstmädchen arbeiten müssen. Es stellte sich heraus dass sie bereits seit vier Wochen wieder im Lande war, sie hatte sich in Kirchheim ein Haus gekauft und würde dort wohnen.
„Du wohnst doch nicht alleine in diesem großen Haus?“, Barbara, die mit der ganzen Familie in einem kleinen Haus am Ortsrand wohnte, konnte sich das nicht vorstellen. Sie ging durch die Räume, strich mit den Händen über die schimmernden Vorhangstoffe und blank polierten Möbel. „Selbstverständlich wohne ich hier allein!“ In Bertas Stimme schwang ein bisschen Empörung mit. „Schließlich bin ich ja eine alleinstehende Frau, wer sollte also hier mit mir wohnen?“
„Ich dachte, vielleicht willst du heiraten,“ Barbara schaute zum Fenster hinaus, es war ihr unangenehm, solche Dinge zu besprechen.“Du bist ja noch nicht zu alt dazu, du könntest vielleicht sogar noch Kinder bekommen.“
„Oh Bärbel,“ Berta nannte ihre Schwester bei ihrem alten Kosenamen aus der Kinderzeit.
“ Weißt du denn nicht, dass ich auch deshalb weggegangen bin, damit ich nicht heiraten muss? Keine Kinder bekommen muss?“
„Aber das ist doch unsere Aufgabe, seid fruchtbar und mehret euch, spricht der Herr.“
„Dann ist es ja gut, wenn du das Gebot befolgst, mit einem Mann, an dem dir etwas liegt.“ sagte Berta schnippisch.
„Ach Berta,“ Barbara wollte einlenken,“ ich habe es doch nicht böse gemeint!“
Ein paar Minuten herrschte Stille und beide Frauen hingen ihren Gedanken nach. Jede überlegte sich wie sich wohl das Leben der anderen anfühlte, doch sie gestanden es der Schwester nicht ein.
„Berta, -,“ Barbara wollte die Stille überwinden,“ würdest du das Kind, das ich trage, über die Taufe halten und Patin werden?“
Berta drehte sich zu Barbara um.
„Ja, aber nur, wenn es ein Mädchen wird.“
„Ich wünsche mir auch ein Mädchen, nach drei Buben.“ Barbara seufzte.
„Es wäre gut, wenn es das letzte Kind wäre, Barbara.“ Berta sah ihre Schwester eindringlich an.
„Ihr kriegt die Kinder sonst bald nicht mehr satt!“
„Albert wird der neue Farrenwärter,“
erwiderte Barbara. „Der Vater hat sich für ihn eingesetzt. Dann haben wir ein regelmäßiges Einkommen, gutes Geld von der Gemeinde.“
„Das ist ja schön,“ Berta zupfte an ihren Gardinen herum. „Aber das Haus ist trotzdem zu klein.“
„Albert will ein neues Haus bauen, ein – ein großes Haus, am Kelterplatz beim Farrenstall.“
„Soso, ein großes Haus will er bauen.“ Berta hatte das Zögern in der Stimme ihrer Schwester gespürt.
„Wir, ich – wollte dich fragen, Berta,“ Barbara brach ihren Satz ab, als ob sie selbst erstaunt wäre, dass sie diese Frage überhaupt stellen wollte.
„Ihr braucht Geld, nicht wahr? Ich habe mir schon so etwas gedacht,“ sagte Berta. „Ich werde Euch helfen, aber ihr zahlt mir auch Zinsen, wenn auch weniger als bei der Bank. Wir machen einen Vertrag.“
Und so kam es, dass Berta zuerst mit Barbara und Albert einen Vertrag über das Darlehen machte und einen Monat später auch Patin bei der ersten Tochter Barbaras wurde. Sie wurde im Oktober 1892 auf den Namen Maria Berta getauft. Jedes Jahr an Marias Geburtstag zahlte Albert den vereinbarten Betrag mit Zinsen an Berta zurück. An Marias zehnten Geburtstag würde die letzte Rate fällig werden.