Outing

Wenn man nichts hat, wofür man sich outen kann, dann erfindet man halt was. Ich wurde nicht gemobbt in meiner Kindheit, zumindest erinnere ich mich nicht, und bin zu alt, um in sozialen Medien Anfeindungen ausgesetzt gewesen zu sein. Aber ich bin alt genug, um mehr als mein halbes Leben lang jeden Winter einem Film entgegengeschmachtet zu haben:

„Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“.

Ach, wie wunderbar! Um ehrlich zu sein, ich kenne den Film quasi auswendig und könnte ihn dennoch ohne Probleme in Dauerschleife sehen. So jetzt ist es raus! Ich stehe dazu! Zumal bei mir sofort ein Tsunami an Erinnerungen losgetreten wird, wenn ich nur die Filmmusik höre. Gemütliche Winternachmittage mit meiner Mum, die den Film genauso geliebt hat. Wir saßen dann mit Kaffee und Plätzchen vor dem Fernseher und haben das Kinderprogramm geschaut. Mir fallen automatisch die Weihnachtsfeiern mit der Familie ein, unbeschwerte fröhliche Abende, jahrzehntelang, bis zum Tod meines Vaters. Dann war es vorbei. Wir haben danach immer bei meiner Schwester oder mir gefeiert, um unsere Mutter zu entlasten, aber es war nicht mehr dasselbe. Vermutlich steht also der Märchenfilm für alles, was ich mit einer glücklichen sorglosen Zeit verbinde und ist gleichzeitig eine kurzzeitige Flucht in eine andere Welt.

Manchmal frage ich mich, woher es kommt, dass ich immer häufiger in Erinnerungen schwelge – liegt es daran, dass viel mehr hinter mir liegt als vor mir? Oder daran, dass es immer mehr zu erinnern gibt?!? Vielleicht ist auch die Gegenwart einfach zu anstrengend, kann auch sein. Wie dem auch sei, mit diesem Film kann ich sofort aussteigen und in eine andere Welt abtauchen, und allein dafür liebe ich ihn.