Barbara (2)

Berta war schon vor drei Jahren weggegangen und hatte eine gute Stellung als Hausmädchen in Stuttgart gefunden. Barbara sollte ihr folgen, Berta hatte alles genau geplant. Sie sollte als Laufmädchen arbeiten und die Besorgungen für die Herrschaft in der Stadt erledigen. Aber Barbara wollte nicht, und so kehrte Berta ohne Barbara nach Stuttgart zurück, aber sie hatte ihrer Schwester das Versprechen abgenommen, dass sie den Eltern nichts von ihrer geplanten Auswanderung nach Amerika verraten würde.
Barbara fieberte dem Sonntag entgegen. In der Kirche saß sie neben ihrer Mutter und immer wieder suchten ihre Augen Albert, der unter den Männern auf der anderen Seite der Kirche saß. „Heute,“ dachte Barbara während sie das Vaterunser betete. „Heute kommt er zum Vater.“ Und der Gedanke erschütterte sie so, dass eine Gänsehaut sie überlief. Was, wenn Berta recht gehabt hatte, und ihr Vater seine Zustimmung zur Hochzeit verweigerte? Barbara verscheuchte diesen Gedanken als sie spürte, dass ihr Tränen in die Augen stiegen. „Es ist in Gottes Hand,“ dachte sie. „Er wird es richten.“
Albert kam am Nachmittag. Matthäus saß mit der Pfeife auf der Bank vor dem Haus. Albert zog seine Mütze und grüßte, dann drehte er die Mütze zwischen seinen Händen.
„Kottlerbauer, ich, also wir – die Barbara und ich,“ vor Aufregung konnte Albert keinen Satz zu Ende führen.
„Wenn du mir sagen willst, dass ihr zwei heiraten wollt – das schlag dir aus dem Kopf. Du kannst keine Familie ernähren, und du bringst nichts mit.“
Barbaras Vater klopfte seine Pfeife an der Bank aus und ging ohne ein weiteres Wort ins Haus.
Er rief Barbara zu sich und erklärte ihr, dass sie sich den Hungerleider aus dem Kopf schlagen solle, ihn würde sie nie heiraten dürfen.
Barbara drehte sich um und lief weinend in ihre Kammer. Die folgenden Tage betete sie in jeder Nacht für ein Wunder. Und Gott hatte ein Einsehen.
Der Frühling kam und mit ihm der Regen. Es regnete tagelang und alle Wege und die Felder waren aufgeweicht. Auf dem Weg zum Farrenstall stürzte Matthäus so schwer, dass er seinen Arm in der Schlinge tragen musste und die gewohnte Arbeit auf dem Feld und im Stall von seiner Frau Mathilde und den Kindern getan werden musste. Schon am ersten Tag nach dem Unfall war Albert zur Stelle. Er half wo er konnte und irgendwann gab Matthäus seinen Widerstand auf und ließ es zu dass Albert ihm auch bei den Farren zur Hand ging. „Du kannst mit Tieren umgehen,“ sagte er nach zwei Wochen anerkennend zu Albert. Damit war das Eis gebrochen. Barbara schien es, als wüchse nicht nur der gebrochene Arm zusammen sondern auch der Vater und ihr Albert.
Schließlich willigte Matthäus ein und Barbara und Albert bekamen seinen Segen. Die Hochzeit sollte im folgenden Jahr gefeiert werden.
„Liebe Berta,“ Barbara schrieb ihrer Schwester, aber das Schreiben fiel ihr schwer. Im Gegensatz zu Berta war sie nie gerne zur Schule gegangen. „der Vater hat uns seinen Segen gegeben und ich weiß, dass es Gottes Wille ist, dass ich Albert heirate. Jeden Tag habe ich gebetet dass der Herr den Vater umstimmt und er hat meine Gebete erhört. Die Hochzeit ist nächsten Mai. Du sollst meine Brautführerin sein! Sei herzlich gegrüßt von deiner Schwester Barbara“
Bertas Antwort ließ lange auf sich warten.
„Verehrte Eltern, liebe Geschwister, wenn ihr diesen Brief in den Händen habt bin ich schon auf dem Schiff nach Amerika. Der Agent hatte schon früher einen Platz für mich und ich reise nun nach New York. Sobald ich angekommen bin und eine Arbeitsstelle habe, schreibe ich Euch die Adresse.
Leider kann ich nicht bei der Hochzeit dabei sein, liebe Schwester, aber ich wünsche Euch von Herzen alles Gute. Frau Hofrat aus Stuttgart hat mich gefragt, ob nicht eine meiner Schwestern nach Stuttgart in ihren Haushalt kommen möchte. Ich habe ihr gesagt, dass Lina bald soweit ist, eine Stellung anzunehmen. Die Frau Hofrat wird Euch schreiben, liebe Eltern, damit ihr die Lina hinschickt.“ Da Barbara als Dienstmädchen nicht in Frage kam sollte also Lina nachrücken. Sie war bald vierzehn Jahre alt und würde im Sommer die Schule verlassen. Wie es für ein Mädchen üblich war, würde sie als Magd oder Dienstmädchen arbeiten.
Einige Wochen vergingen und Barbara hielt Bertas zweiten Brief in den Händen. Sie drehte den Umschlag hin und her, befühlte das Papier und staunte über die fremden Briefmarken und Stempel. „Liebe Schwester, es ist alles so, wie ich es dir gesagt habe. Hier kann ich viel mehr Geld verdienen, als daheim. Ich bin jetzt in Chicago, das ist eine große Stadt am Michigansee. Der See ist groß wie ein Meer und oft ist es neblig und der Wind zieht durch die Straßen. Sie nennen Chicago „windy city“, das heißt windige Stadt. Ich habe eine Stellung bei einer guten Familie, ich stehe dem ganzen Haushalt vor. Stell dir vor, in Chicago leben 500.000 Menschen! Da könnte man unser Dorf tausendmal hineinstellen.
Hier gibt es so große Häuser, eines hat zehn Etagen und man sagt, es sei das höchste Haus der Welt. Ich hoffe, es sind alle gesund bei Euch, viele Grüße an die ganze Familie, deine Schwester Berta.“
Die Jahre gingen ins Land und Bertas Prophezeiung wurde Wirklichkeit. Barbaras Kinderschar wurde immer größer. Als sie mit dem vierten Kind schwanger war, stand Berta plötzlich vor der Tür. Fünf Jahre war sie in Amerika gewesen und jetzt war sie zurückgekommen. Berta hatte Heimweh, aber das hätte sie nie zugegeben. Außerdem hatte sie ihr Ziel erreicht und in Amerika viel Geld verdient. Sie hatte eisern gespart, sich nichts gegönnt und brachte ein kleines Vermögen zurück. Sie würde nicht mehr als Dienstmädchen arbeiten müssen. Es stellte sich heraus dass sie bereits seit vier Wochen wieder im Lande war, sie hatte sich in Kirchheim ein Haus gekauft und würde dort wohnen.
„Du wohnst doch nicht alleine in diesem großen Haus?“, Barbara, die mit der ganzen Familie in einem kleinen Haus am Ortsrand wohnte, konnte sich das nicht vorstellen. Sie ging durch die Räume, strich mit den Händen über die schimmernden Vorhangstoffe und blank polierten Möbel. „Selbstverständlich wohne ich hier allein!“ In Bertas Stimme schwang ein bisschen Empörung mit. „Schließlich bin ich ja eine alleinstehende Frau, wer sollte also hier mit mir wohnen?“
„Ich dachte, vielleicht willst du heiraten,“ Barbara schaute zum Fenster hinaus, es war ihr unangenehm, solche Dinge zu besprechen.“Du bist ja noch nicht zu alt dazu, du könntest vielleicht sogar noch Kinder bekommen.“
„Oh Bärbel,“ Berta nannte ihre Schwester bei ihrem alten Kosenamen aus der Kinderzeit.
“ Weißt du denn nicht, dass ich auch deshalb weggegangen bin, damit ich nicht heiraten muss? Keine Kinder bekommen muss?“
„Aber das ist doch unsere Aufgabe, seid fruchtbar und mehret euch, spricht der Herr.“
„Dann ist es ja gut, wenn du das Gebot befolgst, mit einem Mann, an dem dir etwas liegt.“ sagte Berta schnippisch.
„Ach Berta,“ Barbara wollte einlenken,“ ich habe es doch nicht böse gemeint!“
Ein paar Minuten herrschte Stille und beide Frauen hingen ihren Gedanken nach. Jede überlegte sich wie sich wohl das Leben der anderen anfühlte, doch sie gestanden es der Schwester nicht ein.
„Berta, -,“ Barbara wollte die Stille überwinden,“ würdest du das Kind, das ich trage, über die Taufe halten und Patin werden?“
Berta drehte sich zu Barbara um.
„Ja, aber nur, wenn es ein Mädchen wird.“
„Ich wünsche mir auch ein Mädchen, nach drei Buben.“ Barbara seufzte.
„Es wäre gut, wenn es das letzte Kind wäre, Barbara.“ Berta sah ihre Schwester eindringlich an.
„Ihr kriegt die Kinder sonst bald nicht mehr satt!“
„Albert wird der neue Farrenwärter,“
erwiderte Barbara. „Der Vater hat sich für ihn eingesetzt. Dann haben wir ein regelmäßiges Einkommen, gutes Geld von der Gemeinde.“
„Das ist ja schön,“ Berta zupfte an ihren Gardinen herum. „Aber das Haus ist trotzdem zu klein.“
„Albert will ein neues Haus bauen, ein – ein großes Haus, am Kelterplatz beim Farrenstall.“
„Soso, ein großes Haus will er bauen.“ Berta hatte das Zögern in der Stimme ihrer Schwester gespürt.
„Wir, ich – wollte dich fragen, Berta,“ Barbara brach ihren Satz ab, als ob sie selbst erstaunt wäre, dass sie diese Frage überhaupt stellen wollte.
„Ihr braucht Geld, nicht wahr? Ich habe mir schon so etwas gedacht,“ sagte Berta. „Ich werde Euch helfen, aber ihr zahlt mir auch Zinsen, wenn auch weniger als bei der Bank. Wir machen einen Vertrag.“
Und so kam es, dass Berta zuerst mit Barbara und Albert einen Vertrag über das Darlehen machte und einen Monat später auch Patin bei der ersten Tochter Barbaras wurde. Sie wurde im Oktober 1892 auf den Namen Maria Berta getauft. Jedes Jahr an Marias Geburtstag zahlte Albert den vereinbarten Betrag mit Zinsen an Berta zurück. An Marias zehnten Geburtstag würde die letzte Rate fällig werden.

Barbara

Es gab nicht viel, was aus der Welt in das kleine Dorf drang. Das Leben floss in den Menschen dahin wie ein träger schwerer Sirup, dessen Bahn vorgegeben war und nicht verändert werden konnte. Die, die sich je gefragt hatten, ob mehr vom Leben zu erwarten war, waren nicht mehr da. Die erste Auswanderungswelle hatte das Dorf nach den Hungerjahren 1816/17 erfasst, ganze Familien wurden hinaus geschwemmt und trieben in eine unbekannte Zukunft davon. Nur die Alten, die geblieben waren, erinnerten sich noch an sie. Die Auswanderer siedelten im Kaukasus oder an der Wolga und zuerst vergaß man ihre Gesichter und später ihre Namen. Der Herzschlag des Dorfes verlangsamte sich für ein paar Jahre, dann waren die leeren Häuser wieder bewohnt.
Doch immer wieder zog es Dorfbewohner hinaus, jede Generation gebar eine Gruppe von Mutigen, die die Fremde nicht fürchteten und ein besseres Leben in einer neuen Heimat suchten.
Die Familie des Farrenwärters Matthäus hatte noch nie einen Auswanderer hervorgebracht. Sie galten als gottesfürchtig und lebten den Pietismus streng und ergeben. `Arbeit ist Gottesdienst`, dieser Sinnspruch hing in der guten Stube und in diesem Bewusstsein wuchsen auch die Kinder heran.
„Ich gehe nach Amerika,“ erklärte Berta ihrer jüngeren Schwester. „Bist du verrückt?“ Barbara starrte Berta entsetzt an. „Woher hast du das Geld? Die Reise ist doch teuer!“
„Ich habe alles gespart was ich konnte,“ sagte Berta. „Ich brauche ja nicht viel. Und den Rest zahle ich dem Agenten von meinem Lohn in Amerika zurück. Da verdienen Frauen viel mehr Geld als hier.“
Barbara war sprachlos. Berta hatte offenbar alles bereits genau geplant.
„Hast du Vater gefragt?“
Berta lachte bitter auf.
„Fragen? Ihn fragen? Bist du noch gescheit? Er will mich nur verheiraten, aber daraus wird nichts. Wenn er seine Äcker verdoppeln will dann muss er eine andere Sau zur Schlachtbank treiben!“
Sie sah Barbara herausfordernd an.
„Er hat ja noch dich, Schönheit.“
Barbara schaute verlegen zu Boden, sie schämte sich für ihre Schwester. Wie konnte sie nur so frech und undankbar sein?
„Ich liebe Albert“ sagte sie leise.
Berta lachte laut auf.
„Diesen Hungerleider? Dem wird er dich nie zur Frau geben.“ „Er hat mich gefragt, ob ich ihn heirate. Und ich habe ja gesagt. Am Sonntag nach der Kirche geht er zum Vater.“
„Versprich mir, dass du dir den aus dem Kopf schlägst, Barbara. Einen armen Bauern mit kaum so viel Land, dass er zwei Mäuler stopfen kann. Du wirst arbeiten müssen wie ein Gaul und dazwischen bekommst du ein Kind nach dem anderen!“
Berta nahm Barbaras Hände und zwang sie ihr in die Augen zu sehen.
„Versprich es mir, Barbara. Verschenk nicht dein Leben!“
Barbara schüttelte den Kopf.
„Der Herr hat uns unseren Platz gegeben, Berta. Mein Platz ist hier. Und wenn er Albert und mir viele Kinder schenkt so ist das sein Wille.“
Kopfschüttelnd ließ Berta Barbaras Hände los.
„Bei dir ist Hopfen und Malz verloren, Schwester. Jetzt hilf mir mit der Tasche. Ich muss mich auf den Weg machen.“
Barbara sah ihrer Schwester nach. Sie ging mit leichtem Schritt und schien froh, das Dorf wieder verlassen zu können. Barbara war noch nie woanders gewesen als in dem Ort, in dem sie geboren worden war. Die Fremde machte ihr Angst, um nichts in der Welt hätte sie freiwillig diesen Platz verlassen, wo sie jedes Haus und jeden Menschen, der darin wohnte, kannte.

Rosa (3)

1981

Je weniger mein Körper sich bewegt umso mehr reisen meine Gedanken, meistens in die Vergangenheit. Ist das eine schlechte Angewohnheit alter Leute, weil einfach mehr Zeit hinter ihnen liegt als sie noch vor sich haben? Mein aktuelles Lebensgefühl blende ich meistens aus, lieber lasse ich mich hemmungslos fallen in die Erinnerung an die Zeit als ich jung war. Ich wende mich nach innen, lausche einem fernen Ton, leise, konzentriert. Ich suche nach diesem einen Ton, der irgendwo in mir, konserviert seit Jahren, jetzt immer leiser klingt. Ich kann dann sogar meinen Blick nach innen richten, solange bis ich diesen Ton gefunden habe, und dann folge ich ununterbrochen seiner Spur in meinem Inneren. Ich liebe diese Reisen durch meine Archive, wie ich das nenne, sitze mit geschlossenen Augen da und lausche in mich hinein. Das klappt überall. In der Kirche ebenso wie beim Altennachmittag oder bei einem langweiligen Familienfest. Meine inneren Reisen haben dazu geführt, dass meine Familie sich mit dem Rest der Welt einig darüber ist, dass mein Geisteszustand nicht mehr der beste sei. Es scheint mir, dass wir alle in derselben Situation sind: wir sitzen die Zeit bis zu meinem Ableben aus und versuchen das Beste daraus zu machen. Für meine Familie bin ich eine alte verbitterte Frau, launisch und kratzbürstig. Ich befürchte, das trifft mein äußeres Bild ziemlich genau. Leider bin ich nicht in der Lage und vielleicht auch nicht willens mein Innerstes nach außen zu kehren.  Ab und zu hole ich das Foto des einzigen Mannes hervor, den ich je geliebt habe und frage mich was aus mir geworden wäre, wenn ich mich nicht dem Willen meiner Eltern, den Konventionen der Zeit, gebeugt hätte. Bald werde ich mich von dieser Welt verabschieden und vielleicht wird irgendein Familienmitglied nach meinem Tod meine Habseligkeiten durchsehen und mein altes Gesangbuch durchblättern. Den Konfirmationsspruch auf der ersten Seite lesen, die abgegriffenen Seiten überfliegen und zwischen all den frommen Liedern das Foto entdecken. Ein junger Mann, dunkle Haare, ebenmäßiges Gesicht, schöne klare Augen – und auf der Rückseite der Fotografie der Stempel eines Fotografen in Southhampton. Er oder sie wird sich fragen wer das wohl war. Diese Vorstellung gefällt mir, ich hinterlasse gerne ein paar Geheimnisse. Ich versuche mich daran zu erinnern ob ich die alten Leute in meiner Jugend auch mit diesen Augen angesehen habe? Als wären sie bereits alt auf die Welt gekommen? Vermutlich, ich erinnere mich nicht mehr daran. Was also nimmt man wahr, wenn man seine Eltern sieht? Nur die Gegenwart. Die Vergangenheit bleibt ein unentdecktes Land, wenn sie dich nicht einladen, sie dahin zu begleiten. Ich jedoch wollte nie etwas von mir preisgeben, das gebe ich zu. Wenn ich heute in den Augen meiner Familie als absonderlich und launisch gelte, dann stört mich das nicht weiter.  Es ist kein Grund, mein Schicksal vor ihnen auszubreiten wie ein unberührtes Laken, auf dem ihre Kommentare schmutzige Spuren hinterlassen. Ich werde nicht der erste Mensch sein, der seine Geheimnisse mit ins Grab nimmt und auch nicht der Letzte. Und dass es damit nicht mehr lang dauert, das spüre ich. Der Krebs, der angeblich ein Magenleiden ist, frisst sich unaufhörlich voran. Ob ich meinen nächsten Geburtstag noch erleben werde? Ich glaube es nicht.

Meine Familie hat gemeinsam mit meinem Arzt entschieden mich in dem Glauben zu lassen, meine Magenbeschwerden seien die Folgen eines harmlosen Magengeschwürs. Wie immer so griff auch hier das Vorurteil, dass mit zunehmendem Alter nicht nur die Haare weniger werden sondern automatisch auch die Gehirnleistung. Auch wenn es auf manche Menschen zutreffen mag, auf mich trifft es ganz gewiss nicht zu. Ich würde sogar behaupten, dass das Alter meinen Scharfsinn noch verstärkt. Ich jedenfalls lasse mich nicht wie ein unmündiges Kind behandeln. Schließlich ist es mein Körper, meine Krankheit und meine Lebenszeit. Ich habe mir daher eine zweite Meinung eingeholt. Bei einem Arzt, der als gnadenlos offen gilt und deshalb bei sensiblen Menschen keinen guten Ruf genießt. Für mich ist er genau der Richtige. Er hat mir schonungslos eröffnet dass ich wohl noch ein Jahr zu leben hätte, im Höchstfall. Da ich nicht an Wunderheilung glaube habe ich ihn um ein Rezept für starke Schmerzmittel gebeten und mich für seine Offenheit bedankt.  Dieser Arzttermin fand drei Tage vor meinem achtzigsten Geburtstag statt. Die Familie hatte sich für meinen Ehrentag mächtig ins Zeug gelegt. Ich wurde zum Essen ausgeführt und man trug launige Gedichte vor. Ich machte gute Miene und sah verstohlen auf die Uhr. Nach dem Dessert stand ein Spaziergang an und aus Rücksicht auf mein fortgeschrittenes Alter fiel dieser recht kurz aus. Danach kam das Beste, der Nachmittagskaffee. Ich liebe Kaffee, also trank ich mehrere Tassen, schloss dann hellwach die Augen und begab mich in mein Archiv. „ Die Oma Rosa schläft wieder,“ hörte ich meine Enkelin flüstern. Wenn die Leute wüssten, wie einfach es ist, seine Ruhe zu haben wenn man sich – gekonnt – schlafen stellt, würde das zur allgemeinen Disziplin werden. Ich saß also mit geschlossenen Augen auf meinem Stuhl und hörte nur noch Gesprächsfetzen und irgendwann gar nichts mehr. Stattdessen fragte ich mich ernsthaft, ob ich nach meiner Rückkehr aus Amerika jemals wieder glücklich gewesen war. Mein Leben war an mir vorbeigezogen wie die Landschaft, die man aus dem Zugfenster betrachtet. Es gibt Berge und Täler, schöne und weniger schöne Abschnitte. Manchmal denkt man, hier ist es schön, hier würde ich gerne länger bleiben, aber der Zug rast weiter. Leute steigen ein und steigen aus, setzen sich neben dich, auch wenn du sie nicht magst. Und andere, die du viel lieber in deinem Abteil hättest, finden dann keinen Platz mehr. Die Fahrkarte durch das Leben ist jedenfalls nur eine einfache, ein Zurück gibt es nicht. Mein Zug hat wohl nicht mehr allzu viele Stationen vor sich, vielleicht gibt es ja tatsächlich diesen einen Tunnel der ins Licht führt.. Obwohl ich in einer sehr pietistischen Familie aufgewachsen bin hielt sich meine Religiosität immer in Grenzen. Diesem zur Schaustellen des eigenen Glaubens, das so gerne von meinen Schwestern praktiziert wurde, konnte ich nie etwas abgewinnen. Ich war mein Lebtag nur bei Beerdigungen, Hochzeiten oder Taufen in der Kirche, das hat mir genügt. Der Herrgott hat sich seinen Spaß mit mir erlaubt, meiner Meinung nach sind wir quitt, ich bin ihm nichts mehr schuldig.

Meine Enkelin hängt der Theorie an, dass alles, was einem im Leben zustößt, Schicksal ist und als Prüfung angesehen werden muss, die es zu bestehen gilt. Wenn dem so wäre, habe ich dann bestanden, weil ich es den anderen recht gemacht habe? Oder hätte ich es doch besser für mich passend gemacht, mein Leben? Jetzt sitze ich hier am Fenster einer altersgerechten Erdgeschoßwohnung und fahre auf meinen Erinnerungen Karussell bis mir schwindlig wird und ich mich an den Armlehnen meines Sessels festhalten muss.