Harvey

(eine wahre Geschichte, erlebt von meiner Mutter, neu erzählt von mir)

Der Tag, an dem der hünenhafte Harvey das Gasthaus unserer Eltern zum ersten Mal betrat, brachte mir zwei tiefe Erkenntnisse. Die erste war, dass meine kleine Schwester, die mit ihren großen blauen Kinderaugen und den blonden Löckchen aussah wie eine zum Leben erwachte Gliederpuppe, furchtloser und unvoreingenommener war als ich.
Sie war der Inbegriff des süßen kleinen Mädchens, jeder brach bei ihrem Anblick in Entzücken aus. Die amerikanischen Soldaten, die jeden Tag bei uns zu Gast waren, vergötterten sie.
„Vielleicht haben die auch ein Kind in dem Alter zuhause, das sie schon lange nicht mehr gesehen haben,“ mutmaßte meine Mutter.
Meine Schwester und mich trennen neun Jahre, und natürlich fühlte ich mich ihr damals weit überlegen. Ich war ein dünnes, hochaufgeschossenes Mädchen mit dicken schwarzen Zöpfen, besuchte das Gymnasium der nahen Kreisstadt und kam mir schon sehr weltgewandt vor.
Es war ein wundervoller Sommer, die Luft um uns schien aufgeladen zu sein mit einem Gefühl der Leichtigkeit. Ich war dreizehn Jahre alt und der Krieg hatte meine Kindheit verschluckt wie eine Schlange ihre Beute. Sie wurde hinuntergewürgt und war verschwunden, nichts blieb übrig. Knapp zwei Wochen vor meinem dreizehnten Geburtstag wurde endlich das Kriegsende verkündet und wir hatten allen Grund zu feiern. Ich bekam einen neuen Rock, den mir meine Mutter aus der nun überflüssigen Hakenkreuzfahne nähte. Als Inhaber eines Gasthofs waren meine Eltern verpflichtet gewesen, eine solche Fahne anzuschaffen und ab und zu war sie auch zwangsläufig zum Einsatz gekommen. Insgesamt aber war sie wenig genutzt worden und in einem guten Zustand. Es wurde ein sehr schöner Rock, rot mit weißen Zierbändern – in Zeiten, in denen es nichts zu kaufen gab, musste man sich eben etwas einfallen lassen. Leben kehrte nun auch in unsere Gaststube zurück, nach Jahren der Ruhe, denn unser Gasthaus war allen NSDAP-Mitgliedern verboten gewesen und es hatte in den letzten Jahren nicht mehr viele im Ort gegeben, die den Mut gehabt hatten, bei uns einzukehren. Jetzt kamen die amerikanischen Soldaten aus genau demselben Grund zu uns. Ich musste immer an das Bildnis von den sieben mageren und sieben fetten Jahren denken. Meine Eltern und Großeltern hatten sich standhaft geweigert in die Partei einzutreten und als man nach Kriegsende eine Liste auf dem Rathaus gefunden hatte, auf der all die Einwohner verzeichnet waren, die nach dem „Endsieg“ abtransportiert werden sollten, stand meine Großmutter Anna auf dem ersten Platz, danach folgte die ganze Familie bis hin zu mir und meiner kleinen Schwester. Aber davon wollte ich jetzt nichts mehr wissen. Ich brachte den Soldaten das Bier und den Wein an den Tisch und versuchte eine Unterhaltung mit ihnen zu führen. Seit zwei Jahren lernte ich auf dem Gymnasium Englisch und ich kam mir sehr wichtig vor, da ich als Einzige in der Familie die Sprache unserer „Besatzer“ verstand. Einer der ersten, die zu uns kamen, war Harvey. Er war wohl fast zwei Meter groß, breitschultrig und – schwarz. Als er durch die Tür kam stand ich da wie vom Donner gerührt und in mir kämpfte die Neugier mit einer unbestimmten Furcht. Seine Haut war so dunkel, dass ich mich zwingen musste, ihn nicht ständig anzustarren. Er hatte das Gasthaus durch den Hintereingang betreten, was zwar ungewöhnlich aber nachvollziehbar war, wenn man seinen Wagen auf dem Parkplatz hinter dem Gebäude abgestellt hatte. Meine kleine Schwester Ingrid fuhr gerade ihren Puppenwagen durch die Gaststube, als Harvey eintrat und direkt vor ihr stehenblieb. Sie starrte ihn an, furchtlos. Man sah ihrem kleinen Gesicht an, dass es in ihrem Kopf arbeitete. Sie sah zu Harvey auf, ihre Augen wanderten neugierig über sein Gesicht und dann sagte sie laut und deutlich:
„Warum hast du dich nicht gewaschen?“
Ich erstarrte und hoffte inständig, dass dieser furchteinflößende Riese das nicht verstanden hatte –einige unserer amerikanischen Gäste sprachen ein bisschen Deutsch und ich war mir nie sicher, wieviel sie von unserer Sprache verstanden.
Harvey hatte offensichtlich verstanden. Er sah auf die kleine Ingrid hinunter, die ihn ernsthaft und etwas tadelnd ansah, und dann brach er in schallendes Gelächter aus.
„Sweety – waschen won´t help!” sagte er und obwohl er lachte und die weißen Zähne in seinem dunklen Gesicht strahlten, meinte ich, einen kleinen bitteren Unterton in diesem Satz zu hören. Er ging, vorbei an der Gruppe – weißer – Amerikaner, die sich lautstark unterhielten, zu einem leeren Tisch und setzte sich alleine abseits hin. Seine weißen Kameraden grüßten ihn beiläufig.
An diesem Tag lernte ich, dass es auch bei unseren amerikanischen Freunden gute und bessere Amerikaner gab. Harvey setzte sich auch später nie zu seinen weißen Kameraden an den Tisch. Und dass er die Gaststube durch den Hintereingang betreten hatte, lag nicht daran, dass er seinen Jeep dort abgestellt hatte.
Und so war die zweite Erkenntnis an diesem Tag, dass meine Hoffnung auf eine bessere Welt nach dem Krieg offenbar eine Illusion war.

Üben üben üben

Schreiben fällt nicht vom Himmel, wer schreibt, weiß das. Ich bin nicht die Disziplinierteste, deshalb bin ich dankbar für Anregungen, die meine Kreativität triggern und in mir etwas zum Fließen bringen. Das Wochenende mit Ingmar war sehr bereichernd und erkenntnisreich. Das, was in diesen zwei Tagen entstanden ist, muss jetzt durch die Mühle der Überarbeitung gedreht werden, manches wird die Schublade wohl nie verlassen. Durch Christiane von https://365tageasatzaday.wordpress.com bin ich auf die Seite von Jutta Reichelt gestoßen die freundlicherweise andere von ihrem Erfahrungsschatz profitieren lässt und regelmäßig Input zu Schreibübungen gibt. http://juttareichelt.com Ich habe also die Schreibanregung vom 18. Juni in mir herumgetragen und jetzt auch umgesetzt:

“Ist das alles?”

Wer sagt das – und zu wem? Und wo?

Hier nun das Ergebnis meiner Übung.

„Ist das alles?“ Ich schmierte mir Butter auf mein Brot und griff nach dem Marmeladenglas. Bertram war irritiert, das spürte ich ohne ihn anzusehen.
„Wie meinst du das, `ist das alles`?“ Bertram sah mich an so wie man ein seltenes Insekt betrachtet, verwundert, neugierig, vielleicht auch angeekelt. Er sezierte mich mit seinem Blick und ich sah mich durch seine Augen. Wie ich so dasaß, ein Bein auf den Stuhl hochgezogen, die Kaffeetasse in der Hand, die Haare ungekämmt, das T-Shirt zerknittert. Ich sah an ihm vorbei durch das Fenster, auf die welkenden Blätter des Eschenahorns, dessen Zweige sich nach dem Haus ausstreckten als ob sie es umarmen wollten. Es lag schon eine Ahnung des nahenden Herbstes in der Luft, ich konnte es riechen, es roch nach Vergangenheit, Sterben, Verwesung, obwohl sich vor dem Fenster ein neuer sonniger Tag ankündigte, der uns Sommer vorgaukelte. Ich lebe mit Bertram seit zwanzig Jahren zusammen, neunzehn davon sind wir verheiratet. Er war plötzlich neben mir gewesen, wie ein Wanderer, den man auf dem Weg trifft und dessen Rhythmus so gut zu dem eigenen passt, dass man problemlos nebeneinander gehen kann. Dessen Ziel dem eigenen gleicht, sodass man immer gemeinsam ankommt und glücklich ist. Unser Leben war ein gemeinsamer Pilgerweg, mit Höhen und Tiefen, manchmal leicht und beschwingt und manchmal hart und anstrengend. Immer waren wir angekommen. Wann war er abgebogen? Ich beobachtete ein Blatt, das vor dem Fenster langsam zu Boden segelte. Warum hatte ich nicht bemerkt, dass er nicht mehr an meiner Seite war? Ich spürte, wie ich langsam immer mehr in mich hineinkroch, ich zog mich zusammen wie ein Igel und suchte in mir selber Schutz. Ich war kraftlos, saß immer noch in derselben Position, konnte mich nicht bewegen und starrte geradeaus zum Fenster. Die Zeit dehnte sich aus während wir schweigend am Tisch saßen, ich spürte immer noch Bertrams Blick auf mir wie eine Berührung an der immer gleichen Stelle, unangenehm, lästig. Mein Verstand kämpfte um die Führung und trieb meinen Körper an, ich drehte mich langsam um und sah Bertram in die Augen. Das war ein Fehler, denn seine Augen waren immer das Tor zu meiner Liebe zu ihm gewesen. Bertram hat außergewöhnlich schöne Augen, grün, mit hellen Sprenkeln, die Iris umrandet von einem grauen Ring. Ich sah schnell weg, wie ein Lügner, den man ertappt hat, und suchte in mir nach der Wut, die in mir aufgestiegen war, als wir dieses Gespräch begonnen hatten. Verzweifelt klammerte ich mich an den Rest dieser Wut und schob sie nach vorne, an den Rand der Bühne, damit ich den zweiten Akt dieses Dramas beginnen konnte. In den Jahren unserer Ehe war ich immer die Eloquentere von uns beiden gewesen. Bertram konnte es rhetorisch nie mit mir aufnehmen, ich hatte ihn mehr als einmal in Grund und Boden geredet. Jetzt hatte er mich mit einem einzigen Satz in die Sprachlosigkeit geworfen, ich stocherte in meinem Kopf nach einer Entgegnung, suchte nach etwas, das ich sagen konnte und das mir dieses Gefühl von Überlegenheit wiedergeben könnte. Ich wiederholte den Satz, den ich ihm schon hingeworfen hatte, mein persönlicher Fehdehandschuh, in der Hoffnung, dass ihn das weiterhin irritieren würde und ich so nicht gezwungen sein würde, sofort in die Schlacht zu ziehen. Ich war einfach zu müde um zu kämpfen.
„So, wie ich es sage. Ist das alles?“
„Äh – ja,“ Bertram kam ins Stocken. „Nein, also – ja, das war alles.“
Ich beobachtete, wie die Marmelade an den Seiten des Brotes auf den Teller tropfte, nahm das Brot und biss hinein, obwohl ich keinen Appetit hatte. Es war ein klug kalkulierter Schachzug um meinem Gegner zu signalisieren, dass ich nicht am Ende war sondern mich völlig entspannt dem weiteren Kampf stellen würde. Die Marmelade war über meine Finger auf das weiße Tischtuch getropft, ich rieb mit meiner Serviette auf dem Fleck herum und es blieb ein verblasster roter Schatten zurück. Das war also geblieben nach zwanzig Jahren. Ein Theaterstück mit einem schlechten Dialog.
Er: „ Ich habe mich verliebt, sie ist die Liebe meines Lebens.“
Sie: „Ist das alles?“
Ich sah auf den blassen Schatten des Marmeladenflecks. „Der geht nie mehr raus,“ dachte ich.

 

Barbara (6)

Berta war seit Marias Beerdigung nicht mehr in Beuren gewesen. Eine festliche Taufe des Säuglings würde es nicht geben, das neue Kind war notgetauft worden, noch in der Nacht nach der Geburt, damit es nicht namenlos und ohne Gottes Segen auf dem Friedhof liegen musste. Wider Erwarten überlebte Rosa aber das kalte Wetter und die kalte Mutter und gedieh. Schon jetzt schien sie zu wissen, dass sie nur bekam, was sie sich erkämpfte. Sie weinte ohne Unterbrechung bis Barbara sie wieder stillte.
„Das Kind weiß was es will,“ sagte die Hebamme nach einer Woche. Rosa kämpfte um ihr kleines Leben, mit nachdenklichem Gesicht (wie ein Stiefmütterchen) blickte sie in die Welt. Da war die Mutter, deren Herzschlag sie kannte. Der Vater, dessen Stimme sie hörte, und da war Wilhelm. Der erste, der sie bei ihrem Namen nannte, Rosa. Alle anderen würden noch monatelang „das Kind“ sagen, wenn sie von ihr sprachen. Der Beginn ihres Lebens untrennbar verbunden mit dem Tod der älteren Schwester. Der Winter, in dem sie geboren wurde, für immer der Winter in dem Maria starb.
Auch Berta hatte sehr an Maria gehangen, ihr Patenkind und dazu ausersehen, das zu erwartende Vermögen der Patentante zu erben. Jetzt wollte sie das Neugeborene sehen und ein Taufgeschenk überbringen.
„Was für ein kleines Kind!“ rief Berta aus, als sie einen Blick in die Wiege geworfen hatte. Rosa sah Berta aufmerksam an, ihre Augen zwei blaue Tropfen in dem winzigen Gesicht.
„Hoffentlich wächst sie anständig, sie ist ja klein wie eine Puppe! Stillst du sie auch gut?“
Sie sah ihre jüngere Schwester scharf an.
„Ach, was redest du vom Stillen, du hast doch noch nie ein Kind gehabt!“
Damit hatte Barbara den wunden Punkt von Berta getroffen. Für Berta war dieses Erfahrungsleck weniger ein Defizit für die Gefühlswelt als ein Defizit an Erfahrung, das sie zu ihrem Bedauern nie würde wettmachen können durch angelerntes Wissen oder Hörensagen.
Berta schnappte nach Luft und setzte zu einer Erwiderung an, aber ihr Mund schloss sich wieder wie ein Tor, das geöffnet worden war und niemand hatte eintreten wollen. Sie drehte sich wieder zu der Wiege um und sah auf das Kind hinunter.
„Wer ist der Taufpate?“
„Wir haben keinen,“ sagte Barbara.
„Der Pfarrer hat eine Nottaufe gemacht weil es so aussah als dass es stirbt.“
„Gut, dann spreche ich mit Otto.“
Damit war dieses Thema erledigt, denn niemand, auch nicht Bertas Ehemann, widersetzte sich ohne Not Bertas Plänen. Rosa hatte nun auch einen Taufpaten, einen gutsituierten noch dazu.
Berta hatte Otto Schober, einen angesehenen verwitweten Kaufmann, im letzten Jahr geheiratet. Vielleicht war sie der Meinung gewesen, im neuen Jahrhundert noch etwas Neues ausprobieren zu müssen, vielleicht reizte sie auch der Status der Honoratiorenehefrau – sie hatte es jedenfalls geschafft, Otto für sich zu gewinnen und lebte nun mit ihm in einer großzügigen Wohnung über zwei Etagen oberhalb des „Tuchhaus Schober“ und hatte ein Hausmädchen. Otto hatte seine Frau und beide Kinder durch Tuberkulose verloren, er war also ein Mann, der vom Leben nicht mehr viel erwartete und froh war, dass er eine so tüchtige Frau gefunden hatte, die seinem Haus vorstand und ihn auch, wenn es nötig war, im Geschäft unterstützte.

Barbara (5)

„Das Kind ist klein, es ist schwach. Ihr solltet den Pfarrer holen, eine Nottaufe machen lassen,“ Mina gab Albert Anordnungen, während sie das Kind fest wickelte.
„Vielleicht nimmt der Herrgott das arme Würmchen zu sich.“
Wilhelm hatte sich neben die Wiege gestellt, er beobachtete das kleine runzlige Bündel, das sich in der alten Wiege fast verlor, und wartete ob die reine Seele zum Himmel aufsteigen würde. Einmal schlug das Kind die Augen auf und er hatte das Gefühl, Rosa hätte ihn direkt angeschaut. Er streckte seine Hand aus, da griff sie nach einem Finger und hielt ihn fest.
„Rosa“ flüsterte Wilhelm.“Gell, du gehst nicht fort, du bleibst hier! Die Mutter weint schon um die Maria, du darfst nicht auch noch sterben!“ So beschwor Wilhelm das Neugeborene und als es am nächsten Tag noch lebte war er überzeugt, seine kleine Schwester habe ihn verstanden.

Barbara erholte sich nur langsam, sie ging durch das Haus wie ein stummer Schatten. Wilhelm erschien sie wie die die junge Königin im Märchen vom Brüderchen und Schwesterchen, die in der Nacht als Geist erscheint und spricht „jetzt komm ich noch einmal und dann nimmermehr“. Manchmal, wenn er seine Mutter in ihren schwarzen Kleidern durch das Haus gehen sah, stumm und mit seltsam leerem Blick, bekam er Angst, dass auch sie verschwinden könnte. Die Trauer, die Barbara einhüllte, erschien ihm wie ein dunkles Nichts, in das sie hineinfallen, ein Nebel, in dem sie sich für immer verirren könnte.
Als im Frühling die Tage heller wurden, schien es, als würde das ganze Dorf aufatmen. Die Fenster wurden geöffnet und die Häuser holten Luft. Die Sonne war wieder da, die Natur wurde grün und die Schatten schienen nicht mehr so schwer. Doch der Tod gab sich nicht geschlagen. Im Sommer, als die Hitze über den Feldern schwirrte, nahm er den kleinen Eugen mit, nur eine Woche vor dessen sechstem Geburtstag. Wieder ein kleiner Kindersarg, dem Barbara folgen musste. Da fragten sich die Leute schon, was sie denn getan hatte, dass Gott der Herr sie so strafte. Es war nur acht Monate her, da standen sie schon einmal auf diesem Friedhof, die Kinder, die sich an den Händen hielten und Barbara, die sich an Albert klammerte. Nicht weit von seiner großen Schwester fand Eugen sein Grab.
Barbara hatte aus ihrer Trauer einen unsichtbaren Wall gebaut, Stein um Stein schichtete sie diese Mauer auf. Ihre Kraft reichte noch aus um die nötige Arbeit zu tun und ihre Familie zu versorgen. Für das Kind in der Wiege war nichts mehr übrig. Und so war die erste Hand, die dem Säugling gereicht wurde, die des großen Bruders. Er würde immer zur Stelle sein, wenn Rosa ihn brauchte.

Barbara (4)

1901
Februar

In der Stube lehnte sich Barbara an den Kachelofen und presste die Handflächen gegen die heißen Kacheln. Das Kind in ihrem Leib bewegte sich und instinktiv legte sie eine Hand auf den gewölbten Bauch.
„Zwei Wochen wird ´s wohl noch dauern“,
sagte Mina.
„s´ ist dein achtes Kind, wird vielleicht eine leichte Geburt.“
Die alte Hebamme schwieg einen Moment.
Klein ist ´s auch“,
fügte sie hinzu und ein leiser Vorwurf lag in ihrer Stimme.
„Ich habe keinen Hunger.“
Barbara klang apathisch.
„Du weißt doch, dass es mir nicht mehr schmeckt.“
„Barbara um Himmels Willen!“
Mina spürte wie sie zornig wurde.
„Der Herr gibt die Kinder und er nimmt sie!
Maria ist ein Engel im Himmel und dort geht es ihr besser als hier unten!
Versündige dich nicht am Herrn,
Sein Wille geschehe.“
Barbara ordnete ihre Kleider und setzte sich auf. Es hatte keinen Sinn mit Mina zu streiten. Sie sah zum Fenster. Schneesterne bedeckten das Glas.
Dahinter war wie durch einen Filter der weiße Vorhang des ständig fallenden Schnees zu sehen.
„Es schneit immer noch.
Du solltest schauen, dass du bei Tag noch heimkommst, Mina.
Der Wilhelm soll dich begleiten, die Wege sind gefährlich.“
Mit diesen Worten brach sie das Gespräch ab.
Sie ging zur Tür und rief nach ihrem ältesten Sohn.

Wilhelm stürmte herein. In seinen Haaren klebte Schnee, seine Wangen waren rot vom Spiel mit den Brüdern.
Wasser war auf den Straßen vor dem Haus zu Eis gefroren und die Buben hatten daraus eine lange Schleifspur gemacht.
„Wilhelm, du gehst mit der Mina heim.
Nimm die Laterne mit und pass auf, dass nichts passiert.“
Barbara sprach leise, aber eindringlich.
Wilhelm hätte nicht gewagt, seiner Mutter zu widersprechen,
seit Marias Tod war sie ihm fast unheimlich geworden.
„Ist recht, Mutter“,
sagte er und nahm die Laterne und Zündhölzer.
Bis zu Minas Haus am Ortsrand mochte das Tageslicht noch anhalten, aber auf dem Rückweg würde er die Laterne mit Sicherheit brauchen.

So waren die Tage dahin gezogen und hatten sich zu Wochen aufgetürmt. Albert schien es als lebten sie ein jeder auf einer einsamen Insel und kein Schiff verkehrte zwischen ihnen.
„Wenn wenigstens der Winter endlich vorbei wäre“, dachte Albert verbittert.
“Ein bisschen Sonne und Wärme würde uns Allen gut tun.“
Aber es schien, als hätte sich auch der Winter gegen sie verschworen.
Er bot alles auf, Eis Schnee und Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt. Dicke Eiszapfen hingen an den Hausdächern, wie spitze, zur Erde gerichtete Geschütze, die Eindringlinge fernhalten wollten.
Die Kälte drang durch jede kleinste Ritze, nur dicht am Kachelofen hatte man das Gefühl von Wärme.
Noch zwei Tage, dann wiederholte sich der Todestag von Maria in der sechsten Woche. Es war, als sei in der Familie eine neue Zeitrechnung angebrochen. Es gab eine Zeit „vor Marias Tod“ und eine Zeit „nach Marias Tod“.
Barbara war immer durchsichtiger geworden.
Obwohl sie am Ende ihrer Schwangerschaft angekommen war schien sie ausgemergelt. Tiefe Schatten lagen unter ihren Augen.
„Du brauchst Kraft für die Geburt. Iss!“
redete Mina ihr ins Gewissen.
„Ich habe keinen Hunger,“
war die immer wiederkehrende Antwort,
“ das Kind holt sich schon, was es braucht.“
„Aber wenn es erst einmal da ist, wirst du stillen, und du weißt, das zehrt dich aus.“
„Ja ja, Mina, ist schon gut.“

Am elften Februar wurde das achte Kind geboren.
An diesem Nachmittag saß Barbara in der Stube und sah aus dem Fenster.
Der fünfjährige Eugen und die vierjährige Karoline saßen neben ihr am Tisch und sahen sie aufmerksam an.
„Mutter, weiter!“
Eugen zog an ihrem Rock. Er wollte die Geschichte von Goldener zu Ende hören.
„Der weiße Fink´, die goldene Ros´,
Die Königskron´ im Meeresschoß“,
las Barbara aus Marias Lieblingsmärchen.
Es war keines aus dem alten Märchenbuch. Es war ein Märchen, das sich ein Landsmann mit Namen Justinus Kerner ausgedacht hatte. Barbara liebte es ebenso wie Maria es geliebt hatte.
„…begrüßten alle mit lautem Jubel das Schiff, auf welchem König Goldener stand. Er stand, die helle Krone auf dem Haupte, am Vorderteil des Schiffes und sah ruhig der Sonne zu, wie sie im Meere erlosch.“
Barbara klappte das Buch zu.
„Mutter, hat der Goldener seine Eltern noch mal gesehen?
Ist der noch mal heimgekommen?“
Eugen stellte jedes Mal dieselben Fragen.
„Bestimmt,“
antwortete Barbara ihm abwesend.
„Jetzt dürft ihr euch noch die Bilder im Buch anschauen,“
sagte sie und legte den beiden Kindern das Buch hin.
Eugen konnte sein Glück kaum fassen. Dieses Buch durfte normalerweise keines der Kinder alleine anschauen, es war Barbaras Ein und Alles.
Sie hatte es von ihrer Schwester Berta bekommen, die Marias Patentante gewesen war.
Eugen und Karoline beugten sich über das Buch, Barbara strich Karoline gedankenverloren über die dunklen Haare.
Es war Montag.
Morgen, am Dienstag, war es sechs Wochen her, dass sie Maria verloren hatte.
Sie wusste, Albert hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass das neue Kind, das bald zur Welt kommen sollte, sie ablenken könnte von ihrer Trauer um Maria.
Aber sie wollte kein neues Kind.
Sie hätte dieses unbekannte Wesen gerne hergegeben für Maria.
Als ob das Kind in ihrem Bauch diesen Gedanken gespürt hätte durchlief sie in diesem Moment eine heftige Wehe.
Sie krümmte sich.

„Wilhelm!“
Sie keuchte mehr als sie rief.
„Lauf zu Mina“,
stöhnte sie bei der nächsten Wehe.
Wilhelm stürzte aus dem Haus.

Als Mina kam waren die Wehen schon weit fortgeschritten.
Barbara lief auf und ab, Schweiß stand ihr auf der Stirn, unter ihrem weiten Hemd wölbte sich der Bauch.
Mina schickte die Kinder aus dem Zimmer und stützte Barbara.
„Atmen, Barbara, das weißt du doch, Atmen.“
Barbara stützte sich schwer auf Minas Arm.
Am Ende presste sie das Kind heraus, teilnahmslos,
als ob das alles nichts mit ihr zu tun hätte.
Mina hielt das kleine Bündel Mensch in den Armen.
„Barbara, es ist ein Mädchen!“
rief sie und dachte: `Gott hat dir ein neues Mädchen geschenkt -` aber sie sprach es nicht aus.
Als ob sie Minas Gedanken gelesen hätte sagte Barbara tonlos: „Maria kann niemand ersetzen.“
Sie sah ihr Kind kaum an, auch nicht als Albert ins Zimmer kam.
Er nannte das kleine Mädchen Rosa Barbara, als ob er ahnte,
dass es nötig sein würde, irgendeine Art von Verbindung zwischen Mutter und Kind herzustellen.
Und wenn es auch nur der gemeinsame Name wäre.

Barbara (3)

1901

Januar

Marias Husten erfüllte den Raum. Barbara stand vor dem Bett, starrte auf das bleiche kleine Gesicht (so weiß wie Schnee) und strich Maria eine schweißnasse dunkle Locke (schwarz wie Ebenholz) aus der Stirn. Lauernd stand der Tod neben dem Kamin.
„Wenn ich einschlafe nimmt er sie mit,“ dachte sie.
Nicht schlafen, nie mehr schlafen. Bis wir wieder fröhlich am Tisch sitzen und jemand sagt, weißt du noch, der Winter als Maria so krank war?
Maria hustete. Ein trockenes, keuchendes Geräusch, wie ein Kratzen auf rauem Papier, ein Atemholen ohne Atem. Zwei Kinder in einem Zimmer. Eines auf der Schwelle des Lebens (kurz vor der Geburt) eines schon fast hinübergeglitten in einen fiebernden Traum. Trafen sie sich in diesem Niemandsland und hielten sich fest? Der Schnee fiel unaufhörlich. Die Konturen der Landschaft wurden rund und weich, die kahlen Äste der Eiche vor dem Haus waren mit weißen Bändern geschmückt wie für ein Fest. Barbara starrte aus dem Fenster und blinzelte in das Nichts aus wirbelnden Flocken. Der Tod grinste sie zuversichtlich an. „Nicht einschlafen“, ein schwächer werdendes Mantra. Nicht einschlafen.
In dieser Nacht starb Maria. Als Barbara erwachte, einen Arm um das tote Kind geschlungen, war der Tod verschwunden. Staubkörnchen reisten auf einem Sonnenstrahl durch das Zimmer.
Das Grab für Maria wurde dem gefrorenen Boden nur mit Mühe abgerungen. Barbara stand vor dem kleinen Sarg, den schwangeren Bauch mit dem anderen Kind wie ein Schild vor sich. Die Trauergäste blickten an ihr vorbei als sie kondolierten, sie wollten weg, zurück in die Normalität des eigenen Lebens. Doch Barbaras Trauer war machtvoll, hing wie Nebel über dem Platz und kroch mit langen Tentakeln über den Schnee. Nistete sich ein in ihre Mäntel wie schlechte Luft, verfolgte sie bis in ihre Häuser und nahm ihnen den Atem.

Barbara (2)

Berta war schon vor drei Jahren weggegangen und hatte eine gute Stellung als Hausmädchen in Stuttgart gefunden. Barbara sollte ihr folgen, Berta hatte alles genau geplant. Sie sollte als Laufmädchen arbeiten und die Besorgungen für die Herrschaft in der Stadt erledigen. Aber Barbara wollte nicht, und so kehrte Berta ohne Barbara nach Stuttgart zurück, aber sie hatte ihrer Schwester das Versprechen abgenommen, dass sie den Eltern nichts von ihrer geplanten Auswanderung nach Amerika verraten würde.
Barbara fieberte dem Sonntag entgegen. In der Kirche saß sie neben ihrer Mutter und immer wieder suchten ihre Augen Albert, der unter den Männern auf der anderen Seite der Kirche saß. „Heute,“ dachte Barbara während sie das Vaterunser betete. „Heute kommt er zum Vater.“ Und der Gedanke erschütterte sie so, dass eine Gänsehaut sie überlief. Was, wenn Berta recht gehabt hatte, und ihr Vater seine Zustimmung zur Hochzeit verweigerte? Barbara verscheuchte diesen Gedanken als sie spürte, dass ihr Tränen in die Augen stiegen. „Es ist in Gottes Hand,“ dachte sie. „Er wird es richten.“
Albert kam am Nachmittag. Matthäus saß mit der Pfeife auf der Bank vor dem Haus. Albert zog seine Mütze und grüßte, dann drehte er die Mütze zwischen seinen Händen.
„Kottlerbauer, ich, also wir – die Barbara und ich,“ vor Aufregung konnte Albert keinen Satz zu Ende führen.
„Wenn du mir sagen willst, dass ihr zwei heiraten wollt – das schlag dir aus dem Kopf. Du kannst keine Familie ernähren, und du bringst nichts mit.“
Barbaras Vater klopfte seine Pfeife an der Bank aus und ging ohne ein weiteres Wort ins Haus.
Er rief Barbara zu sich und erklärte ihr, dass sie sich den Hungerleider aus dem Kopf schlagen solle, ihn würde sie nie heiraten dürfen.
Barbara drehte sich um und lief weinend in ihre Kammer. Die folgenden Tage betete sie in jeder Nacht für ein Wunder. Und Gott hatte ein Einsehen.
Der Frühling kam und mit ihm der Regen. Es regnete tagelang und alle Wege und die Felder waren aufgeweicht. Auf dem Weg zum Farrenstall stürzte Matthäus so schwer, dass er seinen Arm in der Schlinge tragen musste und die gewohnte Arbeit auf dem Feld und im Stall von seiner Frau Mathilde und den Kindern getan werden musste. Schon am ersten Tag nach dem Unfall war Albert zur Stelle. Er half wo er konnte und irgendwann gab Matthäus seinen Widerstand auf und ließ es zu dass Albert ihm auch bei den Farren zur Hand ging. „Du kannst mit Tieren umgehen,“ sagte er nach zwei Wochen anerkennend zu Albert. Damit war das Eis gebrochen. Barbara schien es, als wüchse nicht nur der gebrochene Arm zusammen sondern auch der Vater und ihr Albert.
Schließlich willigte Matthäus ein und Barbara und Albert bekamen seinen Segen. Die Hochzeit sollte im folgenden Jahr gefeiert werden.
„Liebe Berta,“ Barbara schrieb ihrer Schwester, aber das Schreiben fiel ihr schwer. Im Gegensatz zu Berta war sie nie gerne zur Schule gegangen. „der Vater hat uns seinen Segen gegeben und ich weiß, dass es Gottes Wille ist, dass ich Albert heirate. Jeden Tag habe ich gebetet dass der Herr den Vater umstimmt und er hat meine Gebete erhört. Die Hochzeit ist nächsten Mai. Du sollst meine Brautführerin sein! Sei herzlich gegrüßt von deiner Schwester Barbara“
Bertas Antwort ließ lange auf sich warten.
„Verehrte Eltern, liebe Geschwister, wenn ihr diesen Brief in den Händen habt bin ich schon auf dem Schiff nach Amerika. Der Agent hatte schon früher einen Platz für mich und ich reise nun nach New York. Sobald ich angekommen bin und eine Arbeitsstelle habe, schreibe ich Euch die Adresse.
Leider kann ich nicht bei der Hochzeit dabei sein, liebe Schwester, aber ich wünsche Euch von Herzen alles Gute. Frau Hofrat aus Stuttgart hat mich gefragt, ob nicht eine meiner Schwestern nach Stuttgart in ihren Haushalt kommen möchte. Ich habe ihr gesagt, dass Lina bald soweit ist, eine Stellung anzunehmen. Die Frau Hofrat wird Euch schreiben, liebe Eltern, damit ihr die Lina hinschickt.“ Da Barbara als Dienstmädchen nicht in Frage kam sollte also Lina nachrücken. Sie war bald vierzehn Jahre alt und würde im Sommer die Schule verlassen. Wie es für ein Mädchen üblich war, würde sie als Magd oder Dienstmädchen arbeiten.
Einige Wochen vergingen und Barbara hielt Bertas zweiten Brief in den Händen. Sie drehte den Umschlag hin und her, befühlte das Papier und staunte über die fremden Briefmarken und Stempel. „Liebe Schwester, es ist alles so, wie ich es dir gesagt habe. Hier kann ich viel mehr Geld verdienen, als daheim. Ich bin jetzt in Chicago, das ist eine große Stadt am Michigansee. Der See ist groß wie ein Meer und oft ist es neblig und der Wind zieht durch die Straßen. Sie nennen Chicago „windy city“, das heißt windige Stadt. Ich habe eine Stellung bei einer guten Familie, ich stehe dem ganzen Haushalt vor. Stell dir vor, in Chicago leben 500.000 Menschen! Da könnte man unser Dorf tausendmal hineinstellen.
Hier gibt es so große Häuser, eines hat zehn Etagen und man sagt, es sei das höchste Haus der Welt. Ich hoffe, es sind alle gesund bei Euch, viele Grüße an die ganze Familie, deine Schwester Berta.“
Die Jahre gingen ins Land und Bertas Prophezeiung wurde Wirklichkeit. Barbaras Kinderschar wurde immer größer. Als sie mit dem vierten Kind schwanger war, stand Berta plötzlich vor der Tür. Fünf Jahre war sie in Amerika gewesen und jetzt war sie zurückgekommen. Berta hatte Heimweh, aber das hätte sie nie zugegeben. Außerdem hatte sie ihr Ziel erreicht und in Amerika viel Geld verdient. Sie hatte eisern gespart, sich nichts gegönnt und brachte ein kleines Vermögen zurück. Sie würde nicht mehr als Dienstmädchen arbeiten müssen. Es stellte sich heraus dass sie bereits seit vier Wochen wieder im Lande war, sie hatte sich in Kirchheim ein Haus gekauft und würde dort wohnen.
„Du wohnst doch nicht alleine in diesem großen Haus?“, Barbara, die mit der ganzen Familie in einem kleinen Haus am Ortsrand wohnte, konnte sich das nicht vorstellen. Sie ging durch die Räume, strich mit den Händen über die schimmernden Vorhangstoffe und blank polierten Möbel. „Selbstverständlich wohne ich hier allein!“ In Bertas Stimme schwang ein bisschen Empörung mit. „Schließlich bin ich ja eine alleinstehende Frau, wer sollte also hier mit mir wohnen?“
„Ich dachte, vielleicht willst du heiraten,“ Barbara schaute zum Fenster hinaus, es war ihr unangenehm, solche Dinge zu besprechen.“Du bist ja noch nicht zu alt dazu, du könntest vielleicht sogar noch Kinder bekommen.“
„Oh Bärbel,“ Berta nannte ihre Schwester bei ihrem alten Kosenamen aus der Kinderzeit.
“ Weißt du denn nicht, dass ich auch deshalb weggegangen bin, damit ich nicht heiraten muss? Keine Kinder bekommen muss?“
„Aber das ist doch unsere Aufgabe, seid fruchtbar und mehret euch, spricht der Herr.“
„Dann ist es ja gut, wenn du das Gebot befolgst, mit einem Mann, an dem dir etwas liegt.“ sagte Berta schnippisch.
„Ach Berta,“ Barbara wollte einlenken,“ ich habe es doch nicht böse gemeint!“
Ein paar Minuten herrschte Stille und beide Frauen hingen ihren Gedanken nach. Jede überlegte sich wie sich wohl das Leben der anderen anfühlte, doch sie gestanden es der Schwester nicht ein.
„Berta, -,“ Barbara wollte die Stille überwinden,“ würdest du das Kind, das ich trage, über die Taufe halten und Patin werden?“
Berta drehte sich zu Barbara um.
„Ja, aber nur, wenn es ein Mädchen wird.“
„Ich wünsche mir auch ein Mädchen, nach drei Buben.“ Barbara seufzte.
„Es wäre gut, wenn es das letzte Kind wäre, Barbara.“ Berta sah ihre Schwester eindringlich an.
„Ihr kriegt die Kinder sonst bald nicht mehr satt!“
„Albert wird der neue Farrenwärter,“
erwiderte Barbara. „Der Vater hat sich für ihn eingesetzt. Dann haben wir ein regelmäßiges Einkommen, gutes Geld von der Gemeinde.“
„Das ist ja schön,“ Berta zupfte an ihren Gardinen herum. „Aber das Haus ist trotzdem zu klein.“
„Albert will ein neues Haus bauen, ein – ein großes Haus, am Kelterplatz beim Farrenstall.“
„Soso, ein großes Haus will er bauen.“ Berta hatte das Zögern in der Stimme ihrer Schwester gespürt.
„Wir, ich – wollte dich fragen, Berta,“ Barbara brach ihren Satz ab, als ob sie selbst erstaunt wäre, dass sie diese Frage überhaupt stellen wollte.
„Ihr braucht Geld, nicht wahr? Ich habe mir schon so etwas gedacht,“ sagte Berta. „Ich werde Euch helfen, aber ihr zahlt mir auch Zinsen, wenn auch weniger als bei der Bank. Wir machen einen Vertrag.“
Und so kam es, dass Berta zuerst mit Barbara und Albert einen Vertrag über das Darlehen machte und einen Monat später auch Patin bei der ersten Tochter Barbaras wurde. Sie wurde im Oktober 1892 auf den Namen Maria Berta getauft. Jedes Jahr an Marias Geburtstag zahlte Albert den vereinbarten Betrag mit Zinsen an Berta zurück. An Marias zehnten Geburtstag würde die letzte Rate fällig werden.

Barbara

Es gab nicht viel, was aus der Welt in das kleine Dorf drang. Das Leben floss in den Menschen dahin wie ein träger schwerer Sirup, dessen Bahn vorgegeben war und nicht verändert werden konnte. Die, die sich je gefragt hatten, ob mehr vom Leben zu erwarten war, waren nicht mehr da. Die erste Auswanderungswelle hatte das Dorf nach den Hungerjahren 1816/17 erfasst, ganze Familien wurden hinaus geschwemmt und trieben in eine unbekannte Zukunft davon. Nur die Alten, die geblieben waren, erinnerten sich noch an sie. Die Auswanderer siedelten im Kaukasus oder an der Wolga und zuerst vergaß man ihre Gesichter und später ihre Namen. Der Herzschlag des Dorfes verlangsamte sich für ein paar Jahre, dann waren die leeren Häuser wieder bewohnt.
Doch immer wieder zog es Dorfbewohner hinaus, jede Generation gebar eine Gruppe von Mutigen, die die Fremde nicht fürchteten und ein besseres Leben in einer neuen Heimat suchten.
Die Familie des Farrenwärters Matthäus hatte noch nie einen Auswanderer hervorgebracht. Sie galten als gottesfürchtig und lebten den Pietismus streng und ergeben. `Arbeit ist Gottesdienst`, dieser Sinnspruch hing in der guten Stube und in diesem Bewusstsein wuchsen auch die Kinder heran.
„Ich gehe nach Amerika,“ erklärte Berta ihrer jüngeren Schwester. „Bist du verrückt?“ Barbara starrte Berta entsetzt an. „Woher hast du das Geld? Die Reise ist doch teuer!“
„Ich habe alles gespart was ich konnte,“ sagte Berta. „Ich brauche ja nicht viel. Und den Rest zahle ich dem Agenten von meinem Lohn in Amerika zurück. Da verdienen Frauen viel mehr Geld als hier.“
Barbara war sprachlos. Berta hatte offenbar alles bereits genau geplant.
„Hast du Vater gefragt?“
Berta lachte bitter auf.
„Fragen? Ihn fragen? Bist du noch gescheit? Er will mich nur verheiraten, aber daraus wird nichts. Wenn er seine Äcker verdoppeln will dann muss er eine andere Sau zur Schlachtbank treiben!“
Sie sah Barbara herausfordernd an.
„Er hat ja noch dich, Schönheit.“
Barbara schaute verlegen zu Boden, sie schämte sich für ihre Schwester. Wie konnte sie nur so frech und undankbar sein?
„Ich liebe Albert“ sagte sie leise.
Berta lachte laut auf.
„Diesen Hungerleider? Dem wird er dich nie zur Frau geben.“ „Er hat mich gefragt, ob ich ihn heirate. Und ich habe ja gesagt. Am Sonntag nach der Kirche geht er zum Vater.“
„Versprich mir, dass du dir den aus dem Kopf schlägst, Barbara. Einen armen Bauern mit kaum so viel Land, dass er zwei Mäuler stopfen kann. Du wirst arbeiten müssen wie ein Gaul und dazwischen bekommst du ein Kind nach dem anderen!“
Berta nahm Barbaras Hände und zwang sie ihr in die Augen zu sehen.
„Versprich es mir, Barbara. Verschenk nicht dein Leben!“
Barbara schüttelte den Kopf.
„Der Herr hat uns unseren Platz gegeben, Berta. Mein Platz ist hier. Und wenn er Albert und mir viele Kinder schenkt so ist das sein Wille.“
Kopfschüttelnd ließ Berta Barbaras Hände los.
„Bei dir ist Hopfen und Malz verloren, Schwester. Jetzt hilf mir mit der Tasche. Ich muss mich auf den Weg machen.“
Barbara sah ihrer Schwester nach. Sie ging mit leichtem Schritt und schien froh, das Dorf wieder verlassen zu können. Barbara war noch nie woanders gewesen als in dem Ort, in dem sie geboren worden war. Die Fremde machte ihr Angst, um nichts in der Welt hätte sie freiwillig diesen Platz verlassen, wo sie jedes Haus und jeden Menschen, der darin wohnte, kannte.

Picknick

Die Idee kam mal wieder von Karima. Elsa und ich wären nie imstande gewesen, uns so etwas auszudenken. Wie so oft ließen wir uns von ihr manipulieren, zu etwas hinreißen, was so gar nicht in unserer Natur lag. (Auch wenn Karima ständig das Gegenteil behauptete).
„Wir sollten mal ein Picknick veranstalten“, so eröffnete sie eines Nachmittags unsere Unterhaltung. Wir trafen uns regelmäßig in den Nachmittagsstunden unter einem wunderschönen alten Baum, machten es uns bequem und tauschten die Neuigkeiten des Tages aus.
„Was meinst du mit `Picknick`?“ fragte ich sie.
„Nun, einmal selbst unser Essen besorgen und dann gemeinsam unter unserem Baum verspeisen.“
„Du hast Ideen, ich würde zu gern wissen, wo du das nun wieder her hast.“
Elsa schüttelte den Kopf.
Karima sah Elsa angriffslustig an.
„Hier im Zoo machen so viele Leute Picknick, da können wir das doch auch mal tun!“ sagte sie im Brustton der Überzeugung.
„Warum sollte ich mir mein Essen selbst besorgen? Ich wurde von klein auf bedient, das ist nun wirklich nicht mein Niveau.“ Elsa drehte sich um.
„Es wird euch gefallen, glaubt mir. Das Essen schmeckt besser, und schon die Vorbereitungen machen Spaß.“
„Naja, ich weiß nicht,“ sagte ich. „Das hört sich doch sehr nach Arbeit an. Wir sollten uns das Essen bringen lassen.“
Karima schüttelte unwillig den Kopf und wechselte das Thema.
Es war ihre übliche Taktik. Sie weichte uns auf wie einen Butterkeks, der in warmen Kakao getaucht wird. Ohne dass wir es merkten, sorgte Karima dafür, dass sich unsere Bedenken nach und nach in Luft auflösten.
Es kam wie es kommen musste. Karima hatte uns über Wochen ihrer hartnäckigen Gehirnwäsche unterzogen und plötzlich schien es für Elsa und mich nichts Begehrenswerteres zu geben, als sich sein Essen selber zu besorgen und dann unter unserem Baum ein Picknick zu veranstalten. Am Ende waren wir aufgeregt wie Teenager und konnten es kaum erwarten.
„Wann machen wir denn nun endlich das Picknick?“
fragte ich Karima, wie fast jeden Tag. Doch sie machte ein großes Geheimnis um das Ganze. Sie wollte sich auch nicht zum geplanten Termin äußern.
„Ich muss noch das Menü festlegen,“ sagte Karima an einem unserer gemeinsamen Nachmittage.
„Warum tust du so geheimnisvoll“, fragte Elsa, „ich dachte wir besorgen das Essen gemeinsam?“
„Sagen wir mal so: ich übernehme dabei die Initiative und werde auf eure Vorlieben eingehen. Lasst euch einfach überraschen.“
Mehr wollte sie uns nicht verraten. Also saßen wir hier im Zoo, Nachmittag für Nachmittag unter unserem Baum und warteten. Trotzten der Hitze, lästerten über die Leute die an uns vorbei gingen und warteten geduldig darauf , dass Karima uns den Tag des Picknicks bekanntgab.
Wir drei kannten jeden hier. Am interessantesten waren für uns immer die Tierpfleger. Karima hatte sie alle in Kategorien eingeteilt. Wohlgemerkt, die männlichen Tierpfleger. Für die Frauen interessierten wir uns nicht, die Männer hingegen erhielten unsere volle Aufmerksamkeit.
„Da ist Jan!“ Karima sprang auf. „Sieht er nicht fantastisch aus?“
Jan hatte Kategorie eins.
Er bog um die Ecke am Gepardengehege. Wie immer war sein dichtes blondes Haar verstrubelt, seine braungebrannten muskulösen Arme schoben eine Schubkarre. Die grünen Zoopflegerhosen sahen an ihm aus wie Designerjeans. Keine Ahnung wie er das machte, vielleicht ließ er sie maßschneidern.
„Hallo Mädels,“ rief er uns zu.
Karima gab einen undefinierbaren Laut von sich. Sie sah aus, als ob sie ihn gleich anspringen wollte.
„Meine Güte, Karima,“ echauffierte sich Elsa, “jetzt reiß dich mal zusammen! Das ist ja peinlich wie du Jan anhimmelst. Es muss ja nicht der ganze Zoo über deine Vorlieben Bescheid wissen! In Übrigen ist er weiß Gott nicht standesgemäß.“
Elsa übertrieb wie immer. Sie tat dauernd so vornehm weil einer ihrer Vorfahren angeblich blaues Blut gehabt hatte. Heimlich nannte ich sie `die Prinzessin auf der Erbse`. Elsa war die älteste von uns und vielleicht hatte sie deshalb manchmal so altmodische Ansichten. Oder lag es daran, dass Elsa und ich Jan seit Kindesbeinen kannten und sie glaubte, Besitzrechte an ihm zu haben?
„Ach Elsa, das ist doch heutzutage sowas von egal. Schau dir diesen begnadeten Körper an, was man mit dem alles machen könnte –„ Karima blickte Jan verträumt hinterher.
„Gut, ich gebe zu, wenn ich mir Alfred daneben ansehe -“, ich sah Alfred um jene Ecke biegen, um die Jan eben verschwunden war. Alfred war das genaue Gegenteil von Jan. Etwa 130 Kilo Lebendgewicht steckten in einer ausgebeulten grünen Latzhose, sein Gesicht war gerötet, die fransigen Haare klebten schweißnass am Kopf. Ich seufzte.
Alfred war in Karima`s Einteilung auf 6, das entsprach der untersten Kategorie.
Tiefer konnte man als Mann nicht mehr fallen.
„Auch wenn Alfred der König der Löwen wäre, das wäre nie ein Mann der mich interessieren könnte,“ sagte ich.
“Jan dagegen schon.“
Ich hatte mich zu einem gefährlichen Statement hinreißen lassen. Karima mochte es nicht, wenn man ihr widersprach, aber man durfte ihr auch nicht zu oft Recht geben. Das beflügelte sie in ihren manchmal seltsamen Ideen.
„Siehst du Elsa, Sina versteht mich.“
Karima sah Elsa triumphierend an. Sie betrachtete mich wohl ab sofort als ihre Verbündete. Elsa schmollte, sie wollte auch dazugehören, aber sie konnte einfach nicht über ihren Schatten springen.
„Ist ja auch egal. Ich will weder Jan noch Alfred. Basta,“
sagte Elsa mit Nachdruck und wandte sich ab.
Karima blickte so ratlos, als ob sie bei Rubiks Cube eine Drehung zu viel gemacht hätte und nochmal von vorne anfangen müsste.
„Aber wenn du wählen könntest zwischen Jan und einem anderen Mann, dann würdest du dich für Jan entscheiden, nicht wahr?“
Karima sah Elsa lauernd an.
Elsa schwieg.
Ich zuckte die Achseln. Aussitzen, hieß die Devise. Elsa würde sich schon beruhigen bis zum nächsten Tag. Karima verdrückte sich.
Ich setzte mich neben Elsa. „Karima ist halt nicht von hier. Sie ist Migrantin, da wo sie herkommt, herrschen andere Regeln. Sie braucht einfach noch mehr Zeit um sich einzugewöhnen.“
Elsa antwortete nicht. Schweigend beobachteten wir die vorbeigehenden Besucher.
„Karima ist so anders als wir“, sagte Elsa schließlich leise.
“Manchmal macht sie mir Angst.“
Das fand ich damals übertrieben, aber die Dinge nahmen ihren Lauf und Elsa sollte recht behalten.
Es war einer dieser fantastischen wolkenlosen Sommertage. Elsa und ich hatten uns wie immer an unserem Stammplatz getroffen. Die Sonne war schon über ihren Zenit gewandert und wir genossen den kühlen Schatten unter unserm Baum. Gleichmäßig wie aus einem tropfenden Wasserhahn tropften die Minuten in den Tag, während wir dösten und ab und zu ein paar belanglose Worte wechselten. Karima ging in einiger Entfernung von Elsa und mir scheinbar gedankenverloren auf und ab und nickte uns zu.
Gerade als Jan und Alfred um die Ecke bogen und Jan uns sein fröhliches „hallo Mädels“ zurief, brach Karima zusammen. Etwas zu theatralisch für meinen Geschmack, aber Jan fiel darauf herein. Sofort ließ er alles stehen und liegen.
„Mit Karima stimmt was nicht,“ rief er Alfred zu. „Ich sehe nach ihr!“.
Alfred schrie irgendwas von „Arzt holen“ und „warten“ aber Jan schien ihn nicht zu hören.
Langsam näherte er sich Karima, sie regte sich immer noch nicht.
Als er sich über sie beugte schlug sie zu. Ihre mächtige Pranke traf ihn offensichtlich völlig unerwartet. Karima war so plötzlich über ihm, dass es mir den Atem verschlug. Sie packte ihn am Genick und schleifte ihn unter unseren Baum.
„Picknick, Mädels“ rief sie und sah uns erwartungsvoll an.
„Jetzt können wir ihn vernaschen, den schönsten Tierpfleger im Zoo!“

Den 29. Februar gibt es nicht (1)

Alles passierte am 29. Februar und um ehrlich zu sein, ich war nicht wirklich überrascht. Ich kann mir, wenn es sein muss, eine Schlange um den Hals legen oder eine Vogelspinne streicheln – ich bin völlig frei von den üblichen Phobien. Meine Phobie ist die neunundzwanzigster-Februar-Phobie. Ich bin am ersten März geboren, so steht es zumindest in meiner Geburtsurkunde, aber manchmal habe ich Alpträume und wache nachts schweißgebadet auf, weil der alte Hermann im Traum neben mir steht, mit seinem knochigen Finger auf mich zeigt und mit heiserer Stimme flüstert: „Dich gibt es ja gar nicht!“ Dann verwandle ich mich in eine dünne Rauchsäule wie ein Ginny aus der Flasche und Hermann fächelt mich einfach weg.

Sie könnten jetzt zu Recht einwenden, dass es Quatsch ist und ich sogar bei Google nachsehen kann, wie oft der 29. Februar schon vorkam. Doch dieser Tag ist mein Trauma und ich bin fest davon überzeugt, dass er eine Illusion ist.

Das Unglück begann am 29. Februar um null Uhr dreizehn. Ich gehe nie zur Arbeit am 29. Februar und verbringe den Tag mit möglichst banalen Tätigkeiten. Nach mehreren Geschäftsreisen hatte sich einiges an Wäsche angesammelt und ich hatte mir vorgenommen, die ganze Wäsche zu waschen und zu bügeln. Ich überwache meine Stromkosten im Internet mit einem speziellen Programm und nutze, wann immer es geht, den Nachttarif. Am 28. Februar um 23 Uhr 28 füllte ich die Waschtrommel zum zweiten Mal und stellte das Programm für sechzig Grad Wäsche ein. Danach setzte ich mich auf die Couch und beobachtete auf der Anzeige meiner digitalen Uhr, wie sie mich dem verhängnisvollen Tag näher brachte.

Abgrund

Tom stand an der Klippe und war so fasziniert vom Kampf zweier Möwen dass er Dorotheé nicht kommen hörte.

„Traumabewältigung“ hatte er diese Reise genannt. Dorotheé wollte nie eine Villa mit Pool mieten, aber sie konnte sich wie immer nicht durchsetzen.

„Es gibt eine Poolabdeckung,“ lachte er. „Ich schwimme und decke danach den Pool ab, Ich schwöre!“

Nachdem sie Tammy gefunden hatten, stolperte Dorotheé schreiend durch den Garten, das tote Kind in den Armen.

„Ich wollte nicht zurückkommen,“ flüsterte sie.

Die Möwen flatterten erschrocken auf, als die beiden Körper auf den Strand krachten.

Copyright – E.A. Wicklund

Copyright – E.A. Wicklund

93 Wörter / diese Geschichte habe ich auf Englisch für meine Friday Fictioneers community geschrieben ( es gibt ein Foto als Vorgabe, zu diesem Foto schreibt man eine Geschichte, die nur 100 Worte hat ) – und dann übertragen ins Deutsche, Wider Erwarten habe ich 10 Wörter weniger auf Deutsch. Es ist zum Teil eine wahre Geschichte, die im Ferienhaus neben uns passiert ist und mich nie verlassen hat.

Rosa (5)

1905

Die Geburten reihen sich aneinander wie die Perlen einer Kette. Im Herbst 1905 erwartet Barbara ihr zehntes Kind (ein Mädchen, man wird sie Wilhelmina taufen, zu Ehren des Kaisers) und Barbara ist nach dieser Geburt erschöpft wie nach keiner anderen. Sie denkt an Maria und weiß, jetzt wäre sie dreizehn Jahre alt.

Der Schmerz ist nicht mehr so übermächtig wie im ersten Jahr. Er ist von einer großen Lawine, die sie immer wieder zu überrollen drohte, zusammengeschmolzen zu einem harten kleinen Stein, den sie in ihrer Brust trägt. Der Stein reibt beständig eine kleine Wunde in ihre Brust, kaum hat sich die Wunde mit dünner Haut überzogen reißt die Erinnerung sie wieder auf. Der Schmerz ist da so wie ihr Herz da ist, selbstverständlich, ein Teil von ihr. Ihr Herzschlag und das Pochen dieser Wunde sind eins geworden.

Jetzt holt sie den schmerzenden Stein hervor. Sie schließt die Augen und hält ihn in ihrer Hand, fühlt, wie schwer er wiegt.

„Er ist kleiner geworden, aber nicht leichter,“

Sie versucht, sich Marias Gesicht vorzustellen aber es ist noch mehr zu einem Schemen geworden, es gelingt ihr nicht mehr.

Rosa ist jetzt vier Jahre alt, eine lebendige Erinnerung an diesen Winter, in dem Hoffnung und Verzweiflung sich so nah waren.

„Wenn du nicht willst, dass deine Kinder zu Halbwaisen werden, dann musst du etwas unternehmen,“ Frieda, die alte Hebamme, rückt mit energischen Bewegungen den Schurz über ihrem Bauch zurecht. „Barbara braucht Hilfe, zehn Geburten in sechzehn Jahren – und du weißt, wie sehr sie immer noch um Maria trauert. Sie wird nicht mehr auf die Beine kommen, wenn du nicht endlich etwas tust!“ Frieda steht vor Albert, die Hände in die Hüften gestemmt, und sieht ihm direkt in die Augen. Albert, der nie viel spricht, steht auf und geht ohne ein Wort hinaus. Frieda packt kopfschüttelnd ihre Sachen ein und macht sich auf den Heimweg. Aber ihre deutlichen Worte haben Albert Angst eingejagt. Am nächsten Morgen spannt er den kleinen Wagen an und macht sich auf den Weg zu Berta, der kinderlosen Schwester der Wöchnerin.

„So geht es nicht mehr weiter“, bestimmt Berta,. „Du brauchst Entlastung. Warum gibst du mir nicht ein Kind mit? Wir haben Platz und dir würde es helfen!“ Barbara, von klein auf gewöhnt von ihrer herrischen Schwester in barschem Ton herumkommandiert zu werden, fügt sich. Die Frage, welches Kind zur Tante Berta muss, ist schnell beantwortet: „ Die Rosa geht.“  Wilhelm, der sich seit Rosas Geburt für sie verantwortlich fühlt, stellt sich vor seine kleine Schwester. „Rosa ist zu klein! Anna kann zur Tante Berta gehen, der Anna würde es gut tun, sie ist doch immer krank.“ Doch Barbara bleibt hart. „ Es ist entschieden, die Rosa geht.“  Und so fährt Rosa mit Onkel und Tante  und ihren paar Habseligkeiten in der Kutsche weg von ihrer Familie und allem, was ihr vertraut ist. (Rosas erste Reise). Der Schmerz darüber, dass ausgerechnet sie weggeschickt wird, fällt wie ein giftiges kleines Samenkorn in ihr Herz.

Rosa (4)

1901

Barbara treibt wie ein stummer Schatten durch das Haus. Wilhelm erscheint sie wie die die junge Königin im Märchen vom Brüderchen und Schwesterchen, die in der Nacht als Geist ihr Kind besucht und spricht „jetzt komm ich noch einmal und dann nimmermehr“. Manchmal, wenn er seine Mutter in ihren schwarzen Kleidern durch das Haus gehen sieht, stumm und mit seltsam leerem Blick, bekommt er Angst, dass auch sie verschwinden könnte. Die Trauer, die Barbara einhüllt, erscheint ihm wie ein dunkles Nichts, in das sie hineinfallen, ein Nebel, in dem Barbara sich für immer verirren könnte.

Als im Frühling die Tage heller werden, atmet das ganze Dorf auf. Die Fenster werden geöffnet und die Häuser holen wieder Luft. Die Schatten, die auf Barbara liegen, scheinen leichter zu werden. Doch der Tod gibt sich nicht geschlagen. Im Sommer, als die Hitze über den Feldern schwirrt, nimmt er den kleinen Eugen mit, nur eine Woche vor dessen siebtem Geburtstag. Wieder ein kleiner Kindersarg, dem Barbara folgen muss. Da fragen sich die Leute schon, was sie denn getan hat, dass Gott der Herr sie so straft. (Nichts ist schlimmer als wenn man seinen Kindern hinterhergehen muss). Es ist nur acht Monate her, da standen sie schon einmal auf diesem Friedhof, die Kinder, die sich an den Händen halten und Barbara, die sich an Albert klammert. Nicht weit von seiner großen Schwester findet Eugen sein Grab.

Barbara hat aus ihrer Trauer einen unsichtbaren Wall gebaut, Stein um Stein schichtet sie diese Mauer auf. Ihre Kraft reicht noch aus um die nötige Arbeit zu tun und ihre Familie zu versorgen. Für das Kind (die kleine Rosa) in der Wiege ist nichts mehr übrig.

Rosa (3)

1981

Je weniger mein Körper sich bewegt umso mehr reisen meine Gedanken, meistens in die Vergangenheit. Ist das eine schlechte Angewohnheit alter Leute, weil einfach mehr Zeit hinter ihnen liegt als sie noch vor sich haben? Mein aktuelles Lebensgefühl blende ich meistens aus, lieber lasse ich mich hemmungslos fallen in die Erinnerung an die Zeit als ich jung war. Ich wende mich nach innen, lausche einem fernen Ton, leise, konzentriert. Ich suche nach diesem einen Ton, der irgendwo in mir, konserviert seit Jahren, jetzt immer leiser klingt. Ich kann dann sogar meinen Blick nach innen richten, solange bis ich diesen Ton gefunden habe, und dann folge ich ununterbrochen seiner Spur in meinem Inneren. Ich liebe diese Reisen durch meine Archive, wie ich das nenne, sitze mit geschlossenen Augen da und lausche in mich hinein. Das klappt überall. In der Kirche ebenso wie beim Altennachmittag oder bei einem langweiligen Familienfest. Meine inneren Reisen haben dazu geführt, dass meine Familie sich mit dem Rest der Welt einig darüber ist, dass mein Geisteszustand nicht mehr der beste sei. Es scheint mir, dass wir alle in derselben Situation sind: wir sitzen die Zeit bis zu meinem Ableben aus und versuchen das Beste daraus zu machen. Für meine Familie bin ich eine alte verbitterte Frau, launisch und kratzbürstig. Ich befürchte, das trifft mein äußeres Bild ziemlich genau. Leider bin ich nicht in der Lage und vielleicht auch nicht willens mein Innerstes nach außen zu kehren.  Ab und zu hole ich das Foto des einzigen Mannes hervor, den ich je geliebt habe und frage mich was aus mir geworden wäre, wenn ich mich nicht dem Willen meiner Eltern, den Konventionen der Zeit, gebeugt hätte. Bald werde ich mich von dieser Welt verabschieden und vielleicht wird irgendein Familienmitglied nach meinem Tod meine Habseligkeiten durchsehen und mein altes Gesangbuch durchblättern. Den Konfirmationsspruch auf der ersten Seite lesen, die abgegriffenen Seiten überfliegen und zwischen all den frommen Liedern das Foto entdecken. Ein junger Mann, dunkle Haare, ebenmäßiges Gesicht, schöne klare Augen – und auf der Rückseite der Fotografie der Stempel eines Fotografen in Southhampton. Er oder sie wird sich fragen wer das wohl war. Diese Vorstellung gefällt mir, ich hinterlasse gerne ein paar Geheimnisse. Ich versuche mich daran zu erinnern ob ich die alten Leute in meiner Jugend auch mit diesen Augen angesehen habe? Als wären sie bereits alt auf die Welt gekommen? Vermutlich, ich erinnere mich nicht mehr daran. Was also nimmt man wahr, wenn man seine Eltern sieht? Nur die Gegenwart. Die Vergangenheit bleibt ein unentdecktes Land, wenn sie dich nicht einladen, sie dahin zu begleiten. Ich jedoch wollte nie etwas von mir preisgeben, das gebe ich zu. Wenn ich heute in den Augen meiner Familie als absonderlich und launisch gelte, dann stört mich das nicht weiter.  Es ist kein Grund, mein Schicksal vor ihnen auszubreiten wie ein unberührtes Laken, auf dem ihre Kommentare schmutzige Spuren hinterlassen. Ich werde nicht der erste Mensch sein, der seine Geheimnisse mit ins Grab nimmt und auch nicht der Letzte. Und dass es damit nicht mehr lang dauert, das spüre ich. Der Krebs, der angeblich ein Magenleiden ist, frisst sich unaufhörlich voran. Ob ich meinen nächsten Geburtstag noch erleben werde? Ich glaube es nicht.

Meine Familie hat gemeinsam mit meinem Arzt entschieden mich in dem Glauben zu lassen, meine Magenbeschwerden seien die Folgen eines harmlosen Magengeschwürs. Wie immer so griff auch hier das Vorurteil, dass mit zunehmendem Alter nicht nur die Haare weniger werden sondern automatisch auch die Gehirnleistung. Auch wenn es auf manche Menschen zutreffen mag, auf mich trifft es ganz gewiss nicht zu. Ich würde sogar behaupten, dass das Alter meinen Scharfsinn noch verstärkt. Ich jedenfalls lasse mich nicht wie ein unmündiges Kind behandeln. Schließlich ist es mein Körper, meine Krankheit und meine Lebenszeit. Ich habe mir daher eine zweite Meinung eingeholt. Bei einem Arzt, der als gnadenlos offen gilt und deshalb bei sensiblen Menschen keinen guten Ruf genießt. Für mich ist er genau der Richtige. Er hat mir schonungslos eröffnet dass ich wohl noch ein Jahr zu leben hätte, im Höchstfall. Da ich nicht an Wunderheilung glaube habe ich ihn um ein Rezept für starke Schmerzmittel gebeten und mich für seine Offenheit bedankt.  Dieser Arzttermin fand drei Tage vor meinem achtzigsten Geburtstag statt. Die Familie hatte sich für meinen Ehrentag mächtig ins Zeug gelegt. Ich wurde zum Essen ausgeführt und man trug launige Gedichte vor. Ich machte gute Miene und sah verstohlen auf die Uhr. Nach dem Dessert stand ein Spaziergang an und aus Rücksicht auf mein fortgeschrittenes Alter fiel dieser recht kurz aus. Danach kam das Beste, der Nachmittagskaffee. Ich liebe Kaffee, also trank ich mehrere Tassen, schloss dann hellwach die Augen und begab mich in mein Archiv. „ Die Oma Rosa schläft wieder,“ hörte ich meine Enkelin flüstern. Wenn die Leute wüssten, wie einfach es ist, seine Ruhe zu haben wenn man sich – gekonnt – schlafen stellt, würde das zur allgemeinen Disziplin werden. Ich saß also mit geschlossenen Augen auf meinem Stuhl und hörte nur noch Gesprächsfetzen und irgendwann gar nichts mehr. Stattdessen fragte ich mich ernsthaft, ob ich nach meiner Rückkehr aus Amerika jemals wieder glücklich gewesen war. Mein Leben war an mir vorbeigezogen wie die Landschaft, die man aus dem Zugfenster betrachtet. Es gibt Berge und Täler, schöne und weniger schöne Abschnitte. Manchmal denkt man, hier ist es schön, hier würde ich gerne länger bleiben, aber der Zug rast weiter. Leute steigen ein und steigen aus, setzen sich neben dich, auch wenn du sie nicht magst. Und andere, die du viel lieber in deinem Abteil hättest, finden dann keinen Platz mehr. Die Fahrkarte durch das Leben ist jedenfalls nur eine einfache, ein Zurück gibt es nicht. Mein Zug hat wohl nicht mehr allzu viele Stationen vor sich, vielleicht gibt es ja tatsächlich diesen einen Tunnel der ins Licht führt.. Obwohl ich in einer sehr pietistischen Familie aufgewachsen bin hielt sich meine Religiosität immer in Grenzen. Diesem zur Schaustellen des eigenen Glaubens, das so gerne von meinen Schwestern praktiziert wurde, konnte ich nie etwas abgewinnen. Ich war mein Lebtag nur bei Beerdigungen, Hochzeiten oder Taufen in der Kirche, das hat mir genügt. Der Herrgott hat sich seinen Spaß mit mir erlaubt, meiner Meinung nach sind wir quitt, ich bin ihm nichts mehr schuldig.

Meine Enkelin hängt der Theorie an, dass alles, was einem im Leben zustößt, Schicksal ist und als Prüfung angesehen werden muss, die es zu bestehen gilt. Wenn dem so wäre, habe ich dann bestanden, weil ich es den anderen recht gemacht habe? Oder hätte ich es doch besser für mich passend gemacht, mein Leben? Jetzt sitze ich hier am Fenster einer altersgerechten Erdgeschoßwohnung und fahre auf meinen Erinnerungen Karussell bis mir schwindlig wird und ich mich an den Armlehnen meines Sessels festhalten muss.

Rosa (2)

Rosa, eine kleine Blume, die Augen zwei blaue Tropfen in ihrem winzigen Gesicht. Barbara hat das Kind aus sich herausgepresst als ob es nichts mit ihr zu tun hätte. Es (das Kind) ist zu klein, sagt die Hebamme, es wird wohl die Nacht nicht überleben. Ihr müsst eine Nottaufe machen. Wilhelm, der Älteste,  ein stiller Beobachter, starrt auf das Kind, wartet, dass die Seele den kleinen Körper verlässt. Aber das Kind stirbt nicht. Barbara taumelt durch das Haus wie Treibgut im Meer, ziellos. Doch das neue Kind (Rosa) gedeiht trotz der fehlenden Mutterliebe. Schon jetzt scheint sie zu wissen, dass sie nur bekommt, was sie sich erkämpft. Sie weint ohne Unterbrechung bis Barbara sie wieder stillt.

Das Kind weiß was es will, sagt die Hebamme nach einer Woche. Rosa kämpft um ihr kleines Leben, mit nachdenklichem Gesicht (wie ein Stiefmütterchen) blickt sie in die Welt. Da ist die Mutter, deren Herzschlag sie kennt. Der Vater, dessen Stimme sie hört, und da ist Wilhelm. Der erste, der sie bei ihrem Namen nennt, Rosa. Alle anderen werden noch monatelang „das Kind“ sagen, wenn sie von ihr sprechen. Der Beginn ihres Lebens untrennbar verbunden mit dem Tod der älteren Schwester. Der Winter,  in dem sie geboren wurde, für immer der Winter in dem Maria starb.

Später wird man Rosa fragen, wie das war, damals in ihrer Kindheit. Und sie wird die Augen schließen und Wilhelm sehen. Seine dunklen Locken, seine starken Arme, das hellrote Zahnfleisch, wenn er lacht. Sie denkt an seine überstürzte Hochzeit, (weil Else schwanger war) Spätsommersonne, die Braut in schwarz, der Bräutigam in grau (Uniform). Heimaturlaub. Wie ein unsichtbares Band wob die Angst alle zusammen. Sie standen auf einem Teppich aus unausgesprochenen Gebeten, Verzweiflung und geahnten Katastrophen. Und sie wird wieder an diesen Frühlingstag denken (erste Sonne), als sie mit Wilhelms junger Frau (hochschwanger) vor dem Glaskasten am Rathaus steht, wo der Büttel die neuen Gefallenenlisten aufgehängt hat. Ihr Finger, der suchend die Liste entlangwandert, bis er auf Wilhelms Namen stehenbleibt. Wie sie erstarrt und ihren Finger nicht lösen kann von dieser Ansammlung falscher Buchstaben. Wie Else neben ihr aufschreit, zusammenbricht. Hände, die sie wegzerren von dem Kasten und ihr rechter Zeigefinger, immer noch ausgestreckt, wie ein Mahnmal. Wilhelm, ihr schöner Bruder, zerschossen in irgendeinem Schützengraben.

An diesem Tag entschied sich Rosa, wegzugehen.