abc Etüden Woche 46/47 . 2021

abc.etüden 2021 46+47 | 365tageasatzaday
Die Wörter für die Textwochen 46/47 des Schreibjahres 2021 stiftete Heidi mit ihrem Blog Erinnerungswerkstatt. Sie lauten:
Museum
biografisch
erinnern.

auf Christianes Blog https://365tageasatzaday.wordpress.com/2021/11/14/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-46-47-21-wortspende-von-erinnerungswerkstatt/ findet ihr die Schreibeinladung für die letzte reguläre Etüde 2021. So kurz vor dem Jahresende springe ich nochmal auf den Etüdenzug auf.

To fade away

Vielleicht wird sich niemand an mich erinnern. Ich habe nichts hervorgebracht, das es wert wäre, in einem Museum ausgestellt zu werden. Ich kann also einfach verschwinden. Das Englische hat einen viel passenderen Begriff, to fade away. So fühle ich mich. Als würde ich langsam verschwinden, mich in Luft auflösen wie eine Rauchfahne, verpuffen, verblassen. Ein Regenbogen, der strahlt und dann, einen Wimpernschlag später, nicht mehr zu sehen ist. Wann fing es an? Habe ich es denn nicht bemerkt`? Nein, ich gestehe, ich habe die Zeichen nicht erkannt, das Flackern, Jetzt, da ich es nicht mehr ignorieren kann, ist es zu spät. Meine Aufzeichnungen waren biografisch, aber ich habe nichts aufgeschrieben, viel zu mühsam. Ich habe gesprochen, mit mir selbst, ein endloser Monolog, über Monate. Auch das ist verschwunden. Nichts, wirklich nichts, wird von mir bleiben. Ich habe keine Freunde mehr, dabei habe ich doch nichts getan! Ich kann nichts dafür – aber ich hätte besser aufpassen sollen. Vielleicht hätte ich es verhindern können. Joachim Ringelnatz sagt in einem Gedicht Ich habe dir nichts getan – jetzt ist mir traurig zumut Mehr gibt es nicht zu sagen. Auch das Nichtstun kann Folgen haben. Keine Nachricht wird meine Freunde erreichen, ich werde sie auch nicht mehr anrufen können. Jede wahre Katastrophe kommt am Wochenende. Der Ausfall der Heizung, die kaputte Waschmaschine, der Wasserrohrbruch. Nie im Leben würde sich so etwas an einem ganz normalen Mittwoch ereignen, also zumindest nicht in meinem Leben. Die Waschmaschine schleudert nicht mehr, die Wäsche schwimmt in der Trommel, die Tür lässt sich nicht öffnen – so etwas passiert am Sonntag. Die Küche steht unter Wasser? Samstagfrüh. Und genauso ist es jetzt auch. Es ist Sonntag und mein Handy ist tot. Keine Kontakte, keine Nachrichten,  niemand, den ich anrufen kann. Ich bin völlig verloren. Und es gibt kein Backup.

Aus gegebenem Anlass….meine Handy hatte monatelang einen flackernden Rand. Habe ich ignoriert. Und dann war es tot. Mein Impfzertigikat auf der Covpassapp war somit auch weg. Und dann habe ich meinen Impfpass nicht mehr gefunden. Und das Impfzertiikat zum Einscannen auch nicht. Herzlich willkomnen im falschen Film. Das Beste ist, wenn man sowas in einer augenzwinkernden Etüde abarbeiten kann. Das Telefon ist repariert und der Impfpass war ordentlich abgelegt – im falschen Ordner.

ABC-ETÜDENTextwochen 40.41.21

heute sprudelts…nachdem ich mit Christiane heute über das mitzunehmende Gepäck für unsere Weltraumtour philosophiert habe, fiel mir eine Geschichte aus einem Schwedenurlaub mit meiner Freundin aus Düsseldorf wieder ein. Um beim Flug Geld zu sparen, hatten wir sehr wenig Gepäck dabei. Unter anderem mussten wir mit der Urlaubslektüre haushalten. Der Versuch, die Wortspende der Etüdenwoche in den Text einzubauen, hat geklappt, deshalb ist das meine zweite Etüde!

abc.etüden 2021 40+41 | 365tageasatzaday

Urlaubslektüre

Sperriges Gepäck war auf unserer gemeinsamen Schwedenreise nicht zu erwarten. Schwieriger war, eine Schulferienüberschneidung zwischen Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg zu finden, es gab ein Zeitfenster von nur acht Tagen. Es war also klar, dass wir mit dem Flugzeug anreisen würden, denn für eine Woche lohnte sich die lange Fahrt mit dem Auto nicht. Das Ziel war Südschweden, das Land von Pippi Langstrumpf. Unseren Kindern mussten wir nicht erst suggerieren, dass dieses Ziel super war, die Aussicht, einen echten Elch zu sehen reichte. Der Flug war preiswert, aber nur wenn man ausschließlich Handgepäck dabei hatte, für den Rest musste man bezahlen. Also hatten wir zu fünft nur zwei Koffer. Das bedeutete für jede nur ein Buch, wir lesen und dann wird getauscht. Wir entpuppten uns als wahre Geheimkünstler, keine verriet ihren Titel . Irgendwann lagen wir einträchtig nebeneinander im Sand auf Öland mit unserem jeweils mitgebrachten Buch und plötzlich hörte ich Schniefen neben mir. Weinst du?!? Fragte ich irritiert. Gaby schluchzte. Ja! Das ist so traurig grade! Ich hingegen hatte typische Urlaubslektüre dabei, ein sehr witziger Roman, der in Stuttgart spielt.  Aus dem Grund lachte ich immer mal wieder laut heraus. Wie zu erwarten war, wendete sich das Blatt nach dem Büchertausch. Jetzt heulte ich. In meinem Buch gab es eine Figur , die in den Dialogen schwäbisch sprach. Schwäbisch zu lesen ist vielleicht noch schwieriger für Nichtschwaben als es zu verstehen. Gaby fragte irgendwann: „Sag mal, was heißt o-ge-sa?“ „What??? Zeig mal, das muss ich im Zusammenhang sehen.“ Die Tante fragt die Nichte: „kommsch du gessa oder ogessa?“ Eine typische Frage, heißt so viel wie „hast du schon gegessen wenn du kommst?“ Ausdruck des schwäbischen Pragmatismus. Warum soll ich kochen, wenn mein Besuch schon gegessen hat? Seit diesem Urlaub unser Running Gag, wenn wir uns gegenseitig besuchen. I komm gessa!

ABC-ETÜDENTextwochen 40.41.21 | Wortspende von umgeBUCHt

Der Herbst hat uns im Griff, keine Frage, ich muss endgültig einsehen, dass der eh nicht richtig präsente Sommer sich verzogen hat. Da träume ich mich lieber sonstwohin… zum Beispiel mit einer Etüde zur neuen Schreibeinladung von Christiane: https://365tageasatzaday.wordpress.com/2021/10/03/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-40-41-21-wortspende-von-umgebucht/ Wie immer gilt es, die drei Wörter der Wortspende in einem Text mit maximal 300 Wörtern unterzubringen. Diese Woche kommt die Spende von Yvonne von https://umgebucht.wordpress.com/.

abc.etüden 2021 40+41 | 365tageasatzaday

Hier meine Etüde:

Ich bin dann mal weg

Ich habe also ein Date. In Baikonur. Am Weltraumbahnhof, mit Christiane und Myriade. Wir wollen alle weg, aus den unterschiedlichsten Motiven. Die beiden sind echte Geheimniskünstler, sie haben mir nicht verraten, warum. Im Prinzip ist es ja auch egal, aus welchen Gründen man ein gemeinsames Ziel ansteuert, oder? Baikonur liegt in Kasachstan, das macht die Sache kompliziert, aber da das Datum unserer Verabredung noch offen ist, hoffe ich mal, dass es dann einen Direktzug von Stuttgart nach Baikonur gibt, ich hasse es, mit Koffern umzusteigen. Wobei ich befürchte, dass sperriges Gepäck eh nicht erlaubt ist, wenn man sich in den Weltraum aufmacht. Vermutlich muss ich meine zwanzig Fotoalben und das Familiensilber zuhause lassen. Umsteigen wäre also nicht weiter tragisch, so ganz ohne Gepäck. Ob Christiane wohl Rilkes gesammelte Werke mitnimmt? Das wäre sicher ein Trost auf dem langen Flug wohin auch immer. Wir haben ja eine Komfortkabine gebucht in einem der noch nicht gebauten, Co2 neutralen Luxusraumschiffe. Ich versuche mir ständig zu suggerieren, dass ich keine Angst habe, weder vor dem Flug noch vor der Tatsache, dass ich noch nicht recht weiß, wie ich das sicherlich UNGLAUBLICH teure Ticket bezahlen soll. Jetzt sitze ich also hier in diesem völlig verregneten Montag und sage mir, wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Wir schaffen das. Ich sehe uns schon einsteigen, kichernd, ich wahrscheinlich als alte Lady mit blaugefärbtem Haar…und wenn wir dann mit einem Glas Prosecco auf unseren gelungenen Coup anstoßen werde ich rufen: Rockn Roll Ladies! und die Bar mit Guns and Roses „Welcome to the Jungle“ beschallen.

ABC Etüde/KW 38.39.21

Der Herbst ist da, es gibt kein Entkommen vor dem Winter. Noch scheint die Sonne, aber das ist auch bald wieder Geschichte, glaubt man der Wettervorhersage. Wenn die usselige Jahreszeit kommt, dann bleibe ich doch auch eher mal im Haus, der Garten hat Pause. Die Wörter für die aktuelle Schreibeinladung von Christiane https://365tageasatzaday.wordpress.com/2021/09/19/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-38-39-21-wortspende-von-werner-kastens/ kommen von Werner Kastens. Meine Etüde diese Woche ist nicht wirklich eine Etüde im Sinne einer kleinen Geschichte, dennoch haben die Wörter

Prophezeiung

anständig

verkrümeln

abc.etüden 2021 38+39 | 365tageasatzaday

wunderbar zu meinen Gedanken an diesem Morgen gepasst. Danke an den Wortspender und danke an Christiane, die auf ihrem Blog https://365tageasatzaday.wordpress.com die Etüden hostet und mit Liebe und viel Arbeit am Laufen hält!

Was bleibt

Die letzte Prophezeiung zu den Ergebnissen ist bereits wieder Geschichte. Das Land hat gewählt und obwohl ich hoffe, dass die, die uns regieren werden, anständig sind, bin ich mir doch nicht ganz sicher. Manchmal würde gerne laut hinausrufen: „Welt! Anhalten! Ich will austeigen!“ und mich ganz schnell verkrümeln. In den Weltraum, das Universum oder sonst wohin, wo ich meine Ruhe habe.

Meine Ratio ist aber noch ganz gut in Schuss, deshalb ist mir völlig klar, dass ich trotzdem weitermachen werde, irgendwie. Statistisch bleiben mir noch etwa zweiundzwanzig Jahre auf dem Planeten, die kriege ich auch noch rum. Wenn ich richtig gerechnet habe, kann ich dann noch fünf Mal wählen. Ich hoffe jetzt einfach, dass ich auch eine Wahl habe und uns die Demokratie erhalten bleibt.

Übrigens habe ich mal den Begriff „anständig“ gegoogelt. Die Plattform „openthesaurus.de“ bietet folgende Synonyme an, die für „anständig“ stehen:

anständig · aufrecht · aufrichtig · das Herz am rechten Fleck haben (fig., sprichwörtlich) · ehrbar · ehrlich · fair · geradeheraus · grundanständig · grundehrlich · grundgut · kreuzbrav · lauter · patent · rechtschaffen · redlich · treu · treu und brav · unverstellt · veritabel · wahrhaft · honett (geh.) · lauteren Herzens (geh., veraltend)

Ich versuche gerade, im Politikerportfolio der gestrigen Elefantenrunde eine Figur zu finden, auf die das zutreffen könnte. Mir fällt keiner/keine ein. Das Einzige, was mir einfällt, ist eine Verszeile von Heinrich Heine:

Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.

Scheint also alles beim Alten zu sein, schließlich wurde das schon im Jahr 1844 veröffentlicht. Was bleibt ist, im eigenen Umfeld das Beste zu geben, aufrichtig zu sein und mir selber treu zu bleiben.

ABC Etüden 36/37.21

Nach längerer Pause will ich endlich mal wieder eine Etüde abliefern – man sollte sich nicht so vom Alltag vereinnahmen lassen, mehr Disziplin, Baby! Schaun mer mal wie es läuft im Herbst…in dieser Runde bin ich jedenfall dabei. Die Worte für die Etüdenwochen sind

Schlick/putzen/omiinös,

die Wortspende kommt von Ludwig Zeidler, der die Etüden erfunden hat. Seit Jahren schon werden sie von Christiane gehostet

abc.etüden 2021 36+37 | 365tageasatzaday

Wer mitschreiben will, der Link führt euch direkt zur Schreibeinladung. https://365tageasatzaday.wordpress.com/2021/09/05/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-36-37-21-wortspende-von-ludwig-zeidler/

Hier also meine Etüde, 300 Wörter ohne Titel

Seemann und Schlick

Sein Name war Schlick, Bernhard Schlick. Mein Job war es, sein Büro zu putzen, das seiner Sekretärin, Frau Seemann, und das seiner Abteilung. Frau Seemann und Herr Schlick, das entbehrte nicht der Komik. Ich wusste, dass der verheiratete Bernhard Schlick mit der attraktiven Blondine ein Verhältnis hatte. Frau Seemann liegt im Schlick, sozusagen. Ich kicherte in mich hinein und schob meinen Wagen durch den Gang. Wenn ich kam, lag die ganze Mannschaft sicher noch im Bett, wenn ich ging, waren die Büros immer noch leer. Ich war schnell, und trotzdem gründlich. Schnell genug, um den einen oder anderen Blick auf Fotos zu werfen, die auf den Schreibtischen standen, in Schubladen zu blicken oder hinter die Aktenordner in den Schränken.  Es war erstaunlich, was man alles fand. In der letzten Ecke von Marina Seemanns unterster Schreibtischschublade lagerte immer ein größerer Vorrat von Kondomen, unter Post-Its versteckt. Es deutete alles darauf hin, dass die beiden Sex im Büro hatten. Ich stellte mir vor, wie Bernhard seine Frau anrief, sie hieß übrigens Isabell. Das Foto von Isabell und den Kindern stand auf Bernhards Schreibtisch. `Schatz, leider wird es heute später, ich muss da noch dieses Projekt abschließen – ` Vielleicht sollte ich Isabell mal einen Tipp geben? Irgendeine ominöse Nachricht schicken mit einem kryptischen Text, so etwa in der Art von „gehen Sie doch mal zu Ihrem Mann ins Büro wenn er Überstunden macht, Sie werden überrascht sein“.  Der Gedanke ließ mich nicht mehr los, ich musste es einfach tun. Und dann nahm die Katastrophe ihren Lauf. Und ich bin schuld. Seit Stunden sitze ich jetzt hier und versichere den Beamten, dass ich schuld bin. Sie nehmen mich nicht ernst. Es könne gar nicht sein, dass ich Marina Seemann erschossen hätte, völlig ausgeschlossen, sagen sie. Sie verstehen es einfach nicht. Ich bin schuld.

ABC Etüden KW 16/17

Ich melde mich zurück aus dem Schreibuniversum – dieses Jahr war ich schon richtig fleißig, aber halt in diversen Projekten und nicht hier auf dem Blog. Heute habe ich die geschenkten Wörter als Inspiration für einen kleinen Text für ein geplantes Projekt genutzt .Vielleicht wird daraus mal eine Szene, mal schauen.

Für alle, die die ABC Etüden nicht kennen: 3 Wörter sind in einer Geschichte mit maximal 300 Worten einzubauen.

Christianes Blog ist die Anlauf-und Sammelstelle für alle Etüden, hier könnt ihr auch die Schreibeinladung für die Kalenderwochen 16 und 17.2021 nachlesen. Die drei gespendeten Worte für diese Schreibwoche sind Pfanne, glücklich, trennen. Gestiftet wurden sie von DOROIARTabc.etüden 2021 16+17 | 365tageasatzaday

Schlimmer geht immer

Elle schlug in dem kleinen Schwarzwaldstädtchen Oberwalden auf wie ein Meteorit, und ähnlich verheerend waren die Spuren, die sie hinterließ. Ihre Jahre als Model und später als Fotografin der Schönen und Reichen hatten sie um die ganze Welt geführt, warum sie in ihre Heimatstadt zurückgekehrt war, verstand niemand. Ihre Affäre mit dem jungen Bürgermeister hatte diesen seine Ehe und die Wiederwahl gekostet, Elle jedoch schüttelte sich nur und lebte ihr Leben weiter. Es war ihr nicht leichtgefallen, sich von Tobias zu trennen, aber so glücklich sie miteinander waren, ein verheirateter Mann, zudem noch fünfzehn Jahre jünger, war langfristig nichts für sie. Sie rührte gedankenverloren in der Pfanne, als sie jemanden an der Wohnungstür hörte. „Mechthild, bist du das?“ Mechthild rief kurzatmig „Ja-ha!“, fegte zur Tür herein und sank auf einen Stuhl. „Ich bin völlig fertig“, schnaubte sie. „Du glaubst nicht, was passiert ist, ein Wunder, dass ich nicht ohnmächtig geworden bin!“ Elle verdrehte die Augen und wartete ab, was ihre, zu Melodramatik neigende, Freundin jetzt wieder zu erzählen hatte. „Schieß los“, sagte Elle und schenkte Mechthild ein Glas Prosecco ein. Mechthild seufzte, nahm einen Schluck Prosecco und sagte dann: „Bevor ich dir sage, was passiert ist, musst du dich hinsetzen.“ Elle lachte. „Echt jetzt? So schlimm kann es nicht sein, es handelt sich ja wohl nicht um Mord!“ Mechthild fing an zu schluchzen. „Doch, Elle, Mord!“ rief sie. „Der Wallner wurde erschossen! Ich hab` ihn grade gefunden!“ „Du hast was?“ „Ich habe grade den toten Wallner im Ferienhaus entdeckt!“ „Du hast doch die Polizei gerufen?“ Elle schwante Böses. Sie kannte ihre naive Freundin. „Aber nein, ich bin gleich zu dir gekommen!“ kam prompt die Antwort, die Elle befürchtet hatte. „Was sollen wir denn jetzt machen, Elle?“ „Wir?“ fragte Elle. „Warum wir?“ „Aber“, Mechthild schluckte, „er liegt doch in deinem Ferienhaus!“

abc Etüden 03.04.21 Morgenritual

Die Wortspende von blaupause7 gibt die Worte

erschüttern, orange (die Farbe, nicht die Frucht) Lautsprecher

vor. Die Regeln für die Etüde sind, diese 3 Wörter in einer Geschichte mit maximal 300 Worten zu verpacken. Ich wurde von Christianes Etüde inspiriert.https://365tageasatzaday.wordpress.com/2021/01/26/morgenskizze-mit-felltraeger-abc-etueden/

Christiane kümmert sich auf ihrem blog https://365tageasatzaday.wordpress.com/ mit viel Hingabe und Enthusiasmus um die Etüden und jeder ist eingeladen, mitzumachen!

Morgenritual (frei nach Christiane)

Heute fühlt sich mein Tag leider nicht orange an, sondern so wie der Himmel, milchigweiß. Es schneit immer noch. Als ich die Haustür öffne um Stiefel hereinzulassen, beschwert er sich wie erwartet, weil ich nicht früher aufgemacht habe. Stiefel ist verwöhnt, er weiß, dass er jetzt erstmal mit einem Handtuch abgetrocknet wird, Rücken, Bauch und alle vier Pfoten und legt sich freiwillig hin. Während ich ihn trockenreibe motzt er weiter. Ich lege das Handtuch in den Korb und sage „Hopp, geh hoch!“ und er trabt folgsam die Treppe hoch. Ich bilde mir ein, er ist beschwingt, weil er mir erstens die Meinung gesagt hat und ich ihm zweitens den Pelz massiert habe. Ich ergebe mich in die Rolle des Hauspersonals und fülle seinen Napf. Während er mampft koche ich mir meinen Kaffee, schäume Milch auf und gehe dann mit der Kaffeetasse hinunter in den Keller, zur Tür in den Garten. Wenn es trocken ist setze ich mich auf die Stufen der Treppe, die in den Garten führt, und schreibe in  mein Tagebuch. Das mache ich so ob Sommer oder Winter, hat sich einfach so ergeben. Ich höre mir das Morgenpalaver der Spatzengang an und stelle mir vor, es wäre Frühling.  Heute bleibt es bei einer Stippvisite an der Tür, weil es schneit. Stiefel kommentiert alles. Wenn er nach dem Fressen in mein Nähzimmer geht, wo sein Lieblingsschlafplatz ist, dann erzählt er das lautstark, redet den ganzen Weg, durch die Tür, die Treppe hinunter, damit ich es auch wirklich mitbekomme. Ich habe das Gefühl, er ist schwerhörig, er wird immer lauter, als ob er einen eingebauten Lautsprecher hätte, den er bei Bedarf anwerfen kann. So dümpeln wir wie ein altes Ehepaar durch die Tage, treffen uns, erzählen uns was und dann geht wieder jeder seiner Wege.

abc.etüden 2021 03+04 | 365tageasatzaday

Inspiriert durch Christianes Etüde habe ich mal mein Morgenritual aufgeschrieben. Wer sich fragt, woher Kater Stiefel seinen Namen hat, hier die Auslösung:

Die Schwiegermutter meiner ältesten Freundin war bei der Katzenhilfe und 2006 haben sie vier Katzenkinder , die eigentlich umgebracht werden sollten, von einem Bauernhof gerettet. Meine Freundin hatte zwei bei sich zum Aufpäppeln. War ja klar, dass es nicht zu umgehen war, dass wir eines adoptiert haben. Ich war ja häufig bei meiner Freundin und wer kann schon einem Katzenkind widerstehen? Unser Kater Marti, der aus einem Tierheim knapp zwei Jahre zuvor bei uns eingezogen war, war anfangs not amused, aber sie wurden dann doch Freunde, meistens zumindest. Beide waren schwarz-weiß, was ein witziger Zufall war, sie sahen aus wie Brüder. Die Tochter meiner Freundin taufte das Kätzchen „Stiefelette“, weil es vier weiße Stiefel hat, und beim Tierarzt stellte sich dann heraus, dass es ein Kater ist. So wurde aus Stiefelette Stiefel, und das passte irgendwie auch gut. Er ist schon etwas rustikal in seinem ganzen Gehabe, während Marti, der leider vor zwei Jahren in den Katzenhimmel umgezogen ist, sehr feine Manieren hatte. Er war sehr vornehm und leise, wurde dann aber durch den Einfluss des ungezogenen Teenagers Stiefel zusehends lauter und gesprächiger. Die beiden zu beobachten war köstlich. Als ich Marti begraben musste, war es einer der schlimmsten Tage meines Lebens. Er hat einen super schönen Platz in meinem Garten und manchmal habe ich das Gefühl, er ist da und streicht mir schnurrend um die Beine

Marti (oben) mit Stiefel „im Arm“

Gegenseitiges Ablecken vor lauter Liebe…

Sie lagen oft zusammen in einem Korb und „umarmten“ sich, obwohl jeder seinen eigenen Korb hatte.

Zwei Sphinxe bewachen den Eingang

Adventüden – heute mit mir!

Christiane von https://365tageasatzaday.wordpress.com/ hat die Adventüden ausgerufen. Jeden Tag öffnet sie ein neues Türchen. Hinter dem Türchen von heute war eine Adventüde von mir versteckt, hier nachzulesen:

https://365tageasatzaday.wordpress.com/2020/12/06/06-12-die-ueberraschung-adventueden/

Für die Adventsetüden gab es einen ganzen Cocktail aus Wörtern – es galt, so viele wie möglich in die Geschichte mit maximal 300 Worten einzubauen.

Etikett
Gin
Käsekuchen
Kuscheldecke
Lebkuchen
Lichtermeer
Märchenbuch
Minnesang
Nebelschwaden
Schlittenfahrt
Semmelknödel
Streicheleinheiten

Wichtel
Wunschpunsch
Zugvogel

Das Etikett auf der Flasche verhieß nichts Gutes. Wunschpunsch stand da. Gitta las es, drehte die Flasche einmal im Kreis herum und las nochmal. Wunschpunsch. Gitta schob den Käsekuchen zur Seite. Vermutlich ist es einfach nur, Gin, dachte sie – aber wenn doch was dran war? In ihrem alten Märchenbuch gab es eine Geschichte, es war irgendwas mit wenn man trinkt kann man sich etwas wünschen – aber was war die Bedingung? Es gibt immer eine Bedingung bei den Märchen, nichts ist umsonst. Sie nahm die Flasche in die Hand. Kein Drehverschluss, ein seltsamer Korken, der nicht so aussah, als ob man ihn mit dem Korkenzieher herausziehen sollte. Ich könnte mir wünschen, dass ich jetzt noch die Semmelknödel mit Gulasch essen kann, mir nicht schlecht wird und ich morgen trotzdem nicht zugenommen habe, dachte sie. So ein Blödsinn. Sie sollte sich schon etwas Gescheites wünschen. Einen Lottogewinn oder eine Schlittenfahrt mit dem Weihnachtsmann zum Beispiel. Und wenn sie erst beim Weihnachtsmann in der Kutsche saß könnte sie ja direkt weiter wünschen. Der Weihnachtsmann und seine Wichtel erfüllen ja auch Wünsche. Die Frage, wer ihr die Flasche vor die Tür gestellt hatte, war ja auch noch nicht beantwortet. Ich wünsche mir einen Prinzen, der mein Herz mit Minnesang erobert, dachte Gitta, schenkte sich ein Glas halbvoll und nippte. Mmh, lecker. Sie trank in kleinen Schlucken und wünschte sich den Prinzen. Dann trank sie ein zweites Glas und wünschte sich noch das Schloss dazu Und noch ein Glas. Ich wünsche mir die Schlittenfahrt. Gitta wurde schläfrig. Sie liess das Glas sinken und flüsterte, nein, viel lieber will ich ein Zugvogel sein und die ganze Welt von oben sehen. Das Glas fiel zu Boden.

Der Hausmeister fühlte Gittas Puls und wählte eine Nummer.

Die Alte ist hin, sagte er. Die Wohnung wird frei.

abc Etüden 47/48 Die Hoffnung stirbt zuletzt

Irgendwie bin ich heute mit dem Wort Hoffung verbandelt….siehe meinen Post von heute morgen…hier also meine Etüde für die letzte Etüdenrunde dieses Jahr. Wie immer gilt die Regel, drei Worte, dieses Mal gestiftet von Ulli von https://cafeweltenall.wordpress.com/ in einer Geschichte mit maximal 300 Worten zu verarbeiten. Die Worte für diese Textwochen sind Quelle grießgrämig stöbern

Danke an Christiane, die auf ihrem blog https://365tageasatzaday.wordpress.com/2020/11/15/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-47-48-20-wortspende-von-cafe-weltenall/ die Etüden hostet und mit viel Einsatz durch das Jahr begleitet. Die inspirierende Grafik ist auch von Christiane und hat mir dieses Mal den Geistesblitz beschert.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Er starrte grießgrämig auf das Wasser.

So ist das mit den Weibern, dachte er. Versprechen einem das Blaue vom Himmel und dann hauen sie ab.

Die Wasseroberfläche war ungetrübt und glatt, er sah auf sein Spiegelbild.

Ja ja, ich weiß schon, sagte er und zog eine Grimasse, bei dem Anblick würde ich auch Reißaus nehmen als Frau.

Das Spiegelbild blieb ungerührt.

Jetzt sag schon, schrie er es an, was soll ich denn machen? Sie ist doch meine einzige Chance, aus dem Schlamassel rauszukommen!

Die Quelle allen Übels war er ja selbst gewesen, das wusste er mittlerweile. Aber man kann ja seine Fehler nicht ungeschehen machen. Jetzt musste er mit den Konsequenzen leben und ausgerechnet diese Zicke sollte seine Rettung sein. Es hatte Jahre gedauert, bis er herausgefunden hatte, was die Lösung war. Der treue Heinrich hatte für ihn in alten Büchern gestöbert und das Rätsel gelöst.

Ein Kuss. Das war doch völlig bekloppt. Ein Kuss von dieser arroganten Kuh. Aber es half ja nichts, es musste sein.

Er wandte sich um und hüpfte den langen Weg zum Schloß.

abc Etüden. Sie verlassen den amerikanischen Sektor

Gestern abend lief auf 3 Sat der Film „Der Spion, der aus der Kälte kam“ mit Richard Burton. Ich habe nur den Anfang gesehen, weil es schon spät war und ich schlafen wollte. Der Film beginnt mit einer Szene am Checkpoint Charlie in Berlin. Kennt Ihr das – man sieht etwas und wird plötzlich in eine andere Zeit gebeamt, als ob die Erinnerung wie eine Welle über dir zusammenschwappt? So ging es mit heute nacht. Dazu meine Etüde.Die Wörter dieser Schreibwochen sind LIEBLICH, TEILEN, NACHTLICHT. Sie sollen in einer Geschichte mit maximal 300 Wörtern eingebaut werden. Bei Christiane https://365tageasatzaday.wordpress.com/2020/11/01/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-45-46-20-wortspende-von-kain-schreiber/ findet ihr die links zu den anderen großartigen Etüden dieser Schreibeinladung.

abc.etüden 2020 45+46 | 365tageasatzaday

Sie verlassen den amerikanischen Sektor

Sie verlassen den amerikanischen Sektor

Es ist 1978,  ich bin liebliche siebzehn Jahre alt. Mein Leben ist überschaubar. Ich wohne auf dem Land, dort, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Am Vormittag bin ich in der Schule, fahre danach mit dem Bus nach Hause in unser Dorf. Während meine Mutter das Essen kocht, telefoniere ich mit meiner Freundin. Wir teilen alles miteinander. Nach dem Essen telefonieren wir wieder.

Ich habe auch eine Freundin in Westberlin, Kathrin. Sie lädt mich ein, sie in den Herbstferien zu besuchen.

Meine Eltern erlauben es, wir telefonieren, fassen uns kurz, es ist ein Ferngespräch und das ist teuer. Ich fahre mit dem Zug. An der Grenze, meine Mutter nennt sie Zonengrenze, die andere Seite sagt Staatsgrenze, steigen die Zöllner von drüben ein. Im Abteil ist es still, die Beamten kontrollieren meinen Ausweis, mustern mich. Ich versuche, unauffällig und harmlos auszusehen. Wie sieht man unauffällig und harmlos aus? Ich fahre mit der Stadtbahn durch Berlin, es fühlt sich frei an, dabei sind die Menschen hier doch eingesperrt. Kathrins Mutter will mir die letzte Bar mit Tischtelefonen zeigen, vermutlich ein Relikt aus den 50ziger Jahren. Wir gehen an der Garderobe vorbei durch in das Café, über dem Durchgang ist ein grünlich schimmerndes Nachtlicht. Wir setzen uns, auf dem kleinen Tisch vor uns steht ein altmodisches schwarzes Telefon. Plötzlich klingelt es, jemand will mich zum Tanzen auffordern. Ich senke den Altersdurchschnitt im Raum um etwa zwanzig Jahre. Ich weiß nicht mehr, ob ich getanzt habe.

Mit Kathrins Vater besuche ich Checkpoint Charlie, die Ausstellung dort erzählt von den Fluchten aus der DDR. Ich kann die Angst spüren und auch den unbezwingbaren Wunsch nach Freiheit. . Ich lese jede Geschichte und bin völlig erschüttert von dem, was ich sehe. Als wir das Museum verlassen kann ich nicht mehr sprechen, bleibe stundenlang stumm.

https://www.mauermuseum.de/ausstellung/

abc Etüden 45.46 Nur geträumt

Drei Wörter, dieses Mal gestiftet von Kain Schreiber, Die Schreibeinladung findet ihr bei https://365tageasatzaday.wordpress.com/2020/11/01/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-45-46-20-wortspende-von-kain-schreiber/

Die Wörter für diese Etüdenwochen sind

Nachtlicht/ lieblich/teilen

Interressante Kombination, „Nachtlicht“ brachte mir sofort das Bild des Flurs mit den Nachtlichtern über den Türen. Und dann nahm die Geschichte ihren Lauf…..hier meine Etüde:

Die Gänge waren von grünen Nachtlichtern  nur schwach beleuchtet. Zwei Meter Wand, dann eine Tür, über jeder Tür das schwache grüne Licht, auf beiden Seiten des Ganges befanden sich zehn Türen. Ich tastete mich vorwärts, leise, schleichend, immer auf der Hut. Der Teppichboden schluckte jedes Geräusch, dennoch hatte ich das Gefühl einen Höllenlärm zu machen mit meinen Schritten. Mein Blick streifte die Nummern neben den Türen, links von mir gerade, rechts von mir ungerade Zahlen. Hundertzwei, hundertvier, hundertsechs. Endlich erreichte ich das Ende des Ganges und den Lift. Ich drückte auf den Pfeil, der nach unten zeigte und als der Lift endlich kam, schlüpfte ich schnell hinein. „Lobby“ – ich musste dahin, es war nicht zu vermeiden. Der Spiegel im Lift zeigte mir ein groteskes Bild, die Beule auf meiner Stirn färbte sich bereits in lieblichem Rosa.  Der Nachtportier starrte mich an wie ein unbekanntes Insekt. Mir blieb keine Wahl. Ich musste jetzt meine Geschichte mit ihm teilen. Mal sehen, wie er es aufnahm, dass sich eine erwachsene Frau, in ihre Bettdecke eingewickelt, beim Schlafwandeln aus ihrem Zimmer ausgesperrt hat und anschließend gegen ein Fenster gelaufen ist. „Ich, äh, also ich bräuchte dann bitte einen Ersatzschlüssel für mein Zimmer“, war das letzte was ich herausbrachte, dann wurde mir schwarz vor Augen.

abc Etüden KW41/42

Der Countdown läuft – wenn ich lese, dass wir schon auf die 43. Kalenderwoche zusteuern, dann frage ich mich wieder einmal, wo das Jahr geblieben ist.

Mein Beitrag zu dieser Etüdenwoche ist eher ein von der Wortspende inspiriertes Gedankenspiel. Die drei Worte „Landvermesser, undankbar, aussetzen“ wurden gespendet von Werner, dessen blog findet ihr hier https://wkastens.wordpress.com/

Christiane von https://365tageasatzaday.wordpress.com/ hostet die abc-Etüden und vernetzt die EtüdenschreiberInnen.In einer Geschichte mit maximal 300 Worten sollen die Wörter der Wortspende verpackt werden. Wie gesagt, eine Geschichte im klassischen Sinne ist es dieses Mal nicht.

abc.etüden 2020 41+42 | 365tageasatzaday

LEBENSLAND

Wenn mein Leben ein Land ist, dann bin ich der Landvermesser. Was hinter mir liegt, ist bekannt, die Grenzsteine sind klar gesetzt . Was vor mir liegt, ist unbekanntes Land. Ich taste mich vor, Schritt für Schritt, es ist dunkel und der Weg ist unklar. Im Vorangehen kann ich die Strecken messen, ohne Maß, ich messe nur ob etwas mir lang oder kurz erscheint. Das Land hat Berge und Täler, oh ja, und was für welche. Täler so tief, dass ich mich frage, wie ich sie durchschreiten konnte. Immer weiter, ohne Pause, kein aussetzen. Die Höhen sind auch da, sie zu erklimmen war nicht weniger schwer als die Täler zu durchschreiten. Ich will nicht undankbar sein, deshalb achte ich beides, die Höhen und die Tiefen. Genau betrachtet, haben mich die Abgründe, durch die ich mich gequält habe, sogar mehr gelehrt als die Höhenflüge. Misst der Landvermesser die Schönheit einer Landschaft? Nein. Sein Maßstab ist objektiv, es ist Meter und Zentimeter, Kilometer oder Meilen. So will ich das auch sehen können, einfach wahrnehmen, was war und neugierig sein auf das, was kommt. Und wenn ich das Land meines Lebens durchkreuzt habe und am Ende angekommen bin, sagen können: was für ein Trip!

Etüdensommerpausenintermezzo

7 aus 12 ist die Vorgabe für Sommerpausen-Etüden. Aus folgenden Wörtern

Blaupause
Diätwahn
Herzschmerz
Kantine
Kommentar

Ohrenkneifer
Sahnewölkchen

Stoppelfeld
Strandkorb

Vulkan
Windjammer

Zwischentöne

sind mindestens 7 auszusuchen und in eine Geschichte zu verpacken. Alles weitere und die links zu den anderen großartigen Etüdenschreibern findet ihr bei Christiane ,die die Etüden hegt und pflegt. Ich habe mir die fettgdruckten Wörter ausgesucht und sie in meine Etüde eingebaut, die zudem auch einen – eventuell – realen Ort beschreiben soll. Ich nehme euch mit in unsere Landeshauptstadt, die ich persönlich meistens großräumig umfahre, weil der Verkehr chaotisch ist und ich ein Landkind. Zu viele Menschen. Aber ich kenne die Stadt gut, habe dort gewohnt und viele Jahre mittendrin gearbeitet.

Shop till you drop

Ich drehte mich vor dem Spiegel und fand, ich sah aus wie ein Sahnewölkchen. Naja, um ehrlich zu sein, eher wie eine ausgewachsene Sahne-Cumuluswolke. In diesem Moment wünschte ich mir inständig, ich wäre eine dieser Frauen, die regelmäßig ihrem Diätwahn erliegen und in der Kantine, anstatt sich Bratkartoffeln mit Speck  reinzuschaufeln, mit meditativer Langsamkeit ihr mitgebrachtes Tupperdöschen öffnen und ebenso meditativ die kleingeschnittenen Karotten- Sellerie- oder was auch immer Stäbchen kauen. Mein zweiter Vorname ist NICHT Disziplin, ich bin  eher die Vorsitzende des Geniesservereins, und zwar weltweit und auf jeden Fall die erste Vorsitzende. Die Verkäuferin riss mich aus meinen Tagträumen,

„Sollen wir mal einen Schleier probieren?“

Ich starrte sie an wie ein unbekanntes Insekt, drehte mich wortlos um, ging in die Kabine und schälte mich aus der mehrlagigen Kumuluswolke, stieg in meine ausgeleierte Jeans und zog mir das Sweatshirt über den Kopf. Als ich endlich wieder draußen auf der Königstraße stand, fragte ich mich, was mich eigentlich geritten hatte. Der Tag hatte doch ganz harmlos angefangen. Eigentlich bin ich die klassische Internet-Shopperin und verlasse höchst ungern mein Zuhause um einzukaufen. Aber irgendwie fühlte ich mich nach wochenlangem Lockdown fast schon VERPFLICHTET, auch einmal zum Einkaufen in die Stadt zu fahren und fuhr nach Stuttgart. Ich parkte mein Auto in alter Gewohnheit im Parkhaus Züblin und schlug den Weg über die Breuninger-Passage zum Marktplatz und dann zielgerichtet zur Markthalle ein. Diese Geruchsexplosion! Ich schlenderte durch die Gänge und war wie betäubt von dem riesigen Angebot. So gerne hätte ich meine Nase ohne Maske in die Luft gehalten, aber das war ja leider nicht möglich. Im Geiste notierte ich was ich auf dem Rückweg alles einkaufen wollte und trat nach draußen auf den Schillerplatz. Da war er wieder, mein Herzschmerz. Ich hätte es besser wissen müssen. Hier war unser erstes Rendezvous gewesen, am Schillerdenkmal hatten wir uns verabredet. Die Erinnerung war wie ein Vulkan, der ununterbrochen Magma ausstößt und immer wieder Brandwunden verursacht. Ich schlug einen Haken Richtung Stiftskirche und landete am Ende auf der Königstraße.  Ich war doch zum Shoppen hergekommen, aber jetzt wusste ich gar nicht mehr, was ich eigentlich hier wollte. Ich ging ziellos durch die Geschäfte und das Einzige, was ich einkaufte, war eine Butterbretzel am Bretzelhäusle. Ich stopfte mir beim Gehen die Bretzel in den Mund und wischte meine fettigen Finger an der Serviette ab. Mittlerweile hatte ich den Königsbau erreicht und überlegte, ob es nicht besser wäre auf Kultur zu machen und über den Schloßplatz in Richtung Staatsgalerie abzubiegen. Da sah ich es im ersten Stock des Eckhauses im Schaufenster. Mein Traumkleid. Genau das Brautkleid, das ich bei der Hochzeit getragen hätte, die nun nicht stattfinden würde. Oder um genau zu sein, die Hochzeit, die nicht mit mir stattfinden würde. Nicht ich lag jetzt im Strandkorb neben Mike sondern Linda, die fleischgewordene Blaupause von Barbie. Die mitleidigen Kommentare, mit denen ich nach der geplatzten Verlobung überschüttet wurde, waren unerträglich. Aber dann kam der Lockdown und ich konnte mich, ohne Ausreden erfinden zu müssen, zuhause vergraben und von allem abschotten. Ich kultivierte meine Coronapfunde und ergab mich der Schokisucht. Ich hätte überall hin fahren können, aber nicht nach Benztown. Jetzt sah ich an jeder Ecke irgendetwas, was mich an Mike und unsere gemeinsame Zeit erinnerte. Und dann das Kleid, ein Traum aus ungezählten Lagen Tüll und einer trägerlosen glitzernden Korsage. Ich hatte den Laden wie in Trance betreten und behauptet, ich sei eine Braut auf Brautkleidsuche und darauf bestanden, genau dieses Kleid aus dem Schaufenster anzuprobieren. Und wenn man es genau nimmt, ist doch die Reihenfolge auch völlig egal. Wer sagt denn, dass erst der Mann da sein muss bevor man das Brautkleid aussucht? Warum kann man es nicht andersherum machen? Während die Verkäuferin mir die gefühlten hundert Lagen Tüll über den Kopf zog, entwickelte ich die Theorie, dass das Brautkleid so eine Art „self fulfilling prophecy“ sein könnte. Ich war plötzlich überzeugt davon, das Kleid sei in der Lage, den idealen Mann für mich anzuziehen. Voller Enthusiasmus trat ich aus der Kabine, ging zum Spiegel und erstarrte. Wenn dieses Kleid mir den passenden Mann anziehen würde, dann wäre er vermutlich Schaumschläger.

Schlossplatz Stuttgart mit dem Neuen Schloss, Foto von Wolgang Vogt auf pixabay

abcEtüden10.11/20 Fieber

Noch eine Etüde – ich scheine ja richtig in Fahrt zu kommen bei all den Verschwörungstheorien…..grinse beim Schreiben fröhlich vor mich hin…

Die Headline für die Etüden heißt: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern. Die Begriffe sind Sonnenuntergang, warm, fliegen. Alles weitere und die links zu den anderen EtüdenschreiberInnen findet ihr bei Christiane

 

abc.etüden 2020 10+11 | 365tageasatzaday

 

FIEBER

`Nach Sonnenuntergang an der Bank hinter dem Hans–im-Glück-Brunnen`

Was sollte diese kryptische Nachricht? Ich starrte auf mein Smartphone und runzelte die Stirn.

Lisa, oder Lakshmi, wie Lisa sich jetzt nannte, hatte in der letzten Zeit immer wieder irritierende Verhaltensweisen an den Tag gelegt. Sie konnte angeblich körperlos durch Zeit und Raum fliegen. Kaum hatte ich den Gedanken zu Ende gedacht, kam die nächste Nachricht.

`Zu Niemand ein Wort!`

Oh je, jetzt litt sie wohl auch noch an Verfolgungswahn.

Doch meine Neugierde siegte, wie immer.
Als ich am Hans-im-Glück-Brunnen eintraf, konnte ich Lisa nirgends entdecken. Da hörte ich ein leises „Pst!Pst!“ und sah mich suchend um. Ich entdeckte sie halb versteckt im Gebüsch. Sie winkte mich hektisch zu sich und sah sich nervös nach allen Seiten um.

„Ist dir jemand gefolgt?“ fragte sie mich flüsternd.

„Nein“, antwortete ich absichtlich laut. „Wer sollte mir –„ sie schnitt mir mit einer Handbewegung das Wort ab.

„So sei doch still!“, flüsterte sie.

„Was ist eigentlich los?“ flüsterte ich jetzt auch.

„Man will uns ausrotten!“ Sie sprach so leise, dass ich mir nicht sicher war, ob ich richtig gehört hatte.

„Ausrotten?“  fragte ich nach.

„Drehst du jetzt völlig durch?“

Sie spähte durch die Sträucher.

„Die Chinesen! Sie wollen die Weltherrschaft!“

Mir wurde warm und ich bekam ein bisschen Angst. Nicht wegen der Chinesen sondern wegen meiner Freundin Lisa.

„Das Virus,“ flüsterte sie, „ist aus einem Labor in Wuhan. Und sie haben den Impfstoff. Dort stirbt niemand mehr! Aber in allen anderen Ländern.“

„Woher hast du denn diese Verschwörungstheorie“, ich grinste.

„Ich war dort!“ Sie wurde lauter. „Man ist hinter mir her –“

Lisa sackte langsam zusammen.

Danach fehlt mir die Erinnerung. Ich weiß nicht, wo ich bin. Durch die Luke in der Tür schaut ab und zu ein asiatisch aussehendes Gesicht. Ein Chinese?

abcEtüden10/11.20 Beam me up, Scotty!

Wegen Karneval und anderer Vorkommnisse habe ich eine Etüdenwoche versäumt – aber jetzt bin ich wieder am Start! Die abc Etüden, ein Schreibimpuls, werden gehostet von Christiane  Auf ihrem Blog könnt ihr alles nachlesen und findet die links zu den anderen EtüdenschreiberInnen. Drei Wörter sollen in eine Geschichte mit maximal 300 Worten eingebunden werden. Dieses Mal wurden die Wörter gestiftet:von Corlys Lesewelt

Sonnenuntergang

Warm

Fliegen

 

Ich fand die Wörter inspirierend, vor allem unter dem Aspekt, wie Christiane auch schreibt, den vordergründigen Schein von Romantik und heiler Welt umzudrehen. Hier also meine Etüde:

Beam me up, Scotty!

Was für ein Sonnenuntergang! Wenigstens ist die Aussicht hier schön –  ich habe sozusagen Glück im Unglück gehabt. Es hätte mich auch in eine Stadtunterkunft verschlagen können, da bin ich doch lieber hier auf dem Land. Eigentlich wollte ich ja auf meine Lieblingsinsel fliegen. Jetzt sitze ich hier fest, habe es zwar warm und gemütlich – aber der Schein trügt. Essen kommt durch die Klappe, wer es hindurchschiebt, weiß ich nicht. Noch nie habe ich ein Gesicht gesehen. Gestern wurden Internet und Fernsehen abgeschaltet, angeblich sei das eine Vorsichtsmaßnahme, um emotionale Aufregungen zu verhindern. Das stand zumindest auf dem Merkblatt, das mir mit dem Essen zugestellt wurde. Ich glaube kein Wort. Niemand will, dass wir erfahren, was wirklich läuft. In China sei das Virus besiegt, habe ich gelesen, nicht aber im Rest der Welt – wollen uns die Chinesen ausrotten? Das letzte, was ich in den Nachrichten gesehen habe, war die Meldung von einem Milliardendeal zwischen der Pharmafirma, die einen Impfstoff entwickelt hat und der deutschen Regierung.  Die Hysterie, die seit Wochen verbreitet wird, ist der wahre Virus. Selektive Berichterstattung, die Absage sämtlicher öffentlicher Veranstaltungen – und dazu die willkürliche Isolation aller, die nur mal öffentlich geniest haben. So wie ich, im Taxi, auf dem Weg zum Flughafen. Der Taxifahrer saß, gesichert durch eine Glasscheibe, vor mir, aber er hat mich die ganze Zeit beobachtet und als er mich niesen sah, ist er nicht zum Flughafen sondern zu einem Sammellager gefahren. Ich wurde sofort in eine Isolierstation auf dem Land gebracht. Seit Tagen warte ich auf die Untersuchung, aber ich habe das Gefühl, es sind so viele „Verdachtsfälle“, dass die Gesundheitsämter gar nicht mehr hinterherkommen mit Blutprobenanalysen oder was auch immer. Immer wieder höre ich Zimmernachbarn randalieren – der Lagerkoller breitet sich aus. Jetzt wäre ich gerne Captain Kirk – drehe ich auch schon durch?

 

300 Wörter