Schätze

Seit Wochen stehe ich Tag für Tag knietief in Erinnerungen – meine Schwester und ich müssen das Haus meiner Eltern leeräumen.Wenn ich nach drei, vier Stunden heimkomme, habe ich Schwierigkeiten, wieder in der Realität anzukommen. Es ist emotional ziemlich anstrengend, doch immer wieder finden wir Schätze, von denen wir nichts wussten. So zum Beispiel das Testament meines Ur-Urgroßvaters aus dem Jahr 1915. Er war von Beruf Wagner, ein Beruf, den man heutzutage nicht mehr braucht. Neben seinem Barvermögen, das nicht unbeträchtlich war, hat er auch verfügt, wer seinen schwazen Anzug bekommen sollte und seine Winterstiefel. Ebenso wurde ein Schubkarren und eine Kommode verteilt. So wertvoll war der Anzug, dass er im Testament erwähnt wurde. Das hat mich wirklich berührt. Heute ist Kleidung ein Wegwerfartikel. Ich war ja selbst lange genug in der Textilbranche und habe den Irrsinn erlebt. Von zwei Saisons, Sommer und Winter, ging es auf sechs Saisons und dann irgendwann auf zwölf. Jeden Monat eine neue Kollektion, mittlerweile dreht sich das Rad immer schneller, Fast Fashion. Wir brauchen nichts und sollen doch immer mehr kaufen. Es ist gut, dass der Trend zum Secondhand, Upcycling oder auch Tauschen immer stärker wird. Dingen wieder Wert verleihen, Lieblibngsstücke schätzen und lange Freude daran haben. Aus allen Ecken tönt es heute „Nachhaltigkeit“, als ob das eine neue Erfindung wäre. Unsere Ahnen waren nachhaltig, vielleicht nicht immer aus Überzeugung sondern oft auch aus der Not, aber sicher haben sie Dinge mehr wertgeschätzt.

Aus der Originalabschrift, die mein Urgroßvater 1917 per Einschreiben zugestellt belkam:

7 Gedanken zu „Schätze

  1. Vielleicht war dein Urgroßvater ja auch der, dem der Anzug von der Statur her am besten passte, und er bekam ihn deswegen? 🤔
    Ja, Haus-/Wohnungsauflösungen reißen einen ein Stück weit auseinander … 😢😏
    Morgenkaffeegrüße ☁️🕯️☕🍪👍

    Gefällt 2 Personen

    • moin Christiane, den Anzug bekam der uneheliche Sohn meiner Urgroßtante – ich muss noch recherchieren, ob er den 1. WK überlebt hat. Ausserdem wurden ihm 1.500 Mark zugesprochen, damit er „sich einen eigenen Herd gründen kann und nicht sein Leben im Dienst fremder Menschen verzehren zu müssen“. Mein Urgroßvater war offenbar ein sehr großzügiger Mann. Zwar streng katholisch, aber er hat seine Tochter mit ihrem Kiind dennoch nicht verstoßen., sondern diesen Sohn auch versorgt.
      Schöne Morgengrüße aus dem grauen Süden!

      Gefällt 5 Personen

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