Sortieren, sichten, ablegen

Heute hat es mich mal wieder erwischt – ich habe endlich die unmotoviert und ohne Titel abgelegten Dateien gesichtet. Splitter von Geschichten, Gedanken, Erinnerungen. Irgendwann aufgeschrieben und einfach mal in einem allgemeinen Ordner abgespeichert. Manches Jahre alt und noch nie geöffnet. Bis heute. Es ist spannend, wie sich Dinge anfühlen in der Gefühlswelt meiner aktuellen Wirklichkeit. Wie sehr sie mich einerseits noch berühren, aber andererseits auch nicht, weil die Dinge sich geändert haben. Vielleicht ist das ja auch das Tröstliche am Liegenlassen oder Vergessen der alten Geschichten. Irgendwann kommt eine Zeit, in der der Himmel blau ist, egal wie stürmisch die See war.

19. Dezember 2014

Es gibt globale Katastrophen, an die erinnert sich jeder. Man kann Menschen auf der Straße fragen, wo sie waren, als sie von den Anschlägen auf das World Trade Center gehört haben oder von den Ausmaßen des Tsunami 2004. Mit den privaten Katastrophen verhält es sich ebenso. In meinem Kopf ist das Bild einer Satellitenaufnahme der Erde aus dem Weltraum, ein Zoom, der sich auf einen Punkt richtet, der immer mehr vergrößert wird und ich sehe mich am Ende selbst in meinem eigenen Wohnzimmer sitzen, am Tisch, meinem Mann gegenüber, als er mir verkündet, dass er die Liebe seines Lebens kennengelernt hat. Dieser Tag, der in mein Bewusstsein eine so tiefe Kerbe geschlagen hat, dass ich sicher bin, sie wird sich nie mehr schließen, ist mir so präsent als wäre es gestern gewesen. Es gibt wenige Ereignisse in meinem Leben, die in der Erinnerung einen solchen Schmerz auslösen. Eines davon ist der Tod meines Vaters, ein anderes der Schlaganfall meiner Mutter und dessen Folgen. Ich beobachte diesen Schmerz, registriere seine Auswirkungen mit den Augen eines erstaunten Beobachters. Ich spüre, wie sich eine Klammer um mein Herz legt, so dass es aus Panik wie wild zu schlagen beginnt und ich Atemnot bekomme. Ich höre mein Blut rauschen, wenn ich einschlafen will. Ich taumle durch die Tage und komme nicht zur Ruhe. Der Schmerz hat sich in mir eingenistet und es sich bequem gemacht und er bekommt jedes Mal neue Nahrung, wenn mein Mann kommt, ein paar Tage bleibt, ohne wirklich da zu sein, und dann wieder geht. Meine Freunde verstehen mich nicht.

„Warum schmeißt du ihn nicht raus?“ fragen sie.

„Wo soll er denn hin?“ frage ich zurück.

„Das muss doch jetzt nicht mehr deine Sorge sein,“ antworten sie.

Aber ich habe mich doch siebzehn Jahre um ihn gesorgt, denke ich. Das kann ich doch nicht einfach so abstellen wie ein Radio. Ich kann doch die Gefühle nicht abdrehen, ihn ansehen und plötzlich nichts mehr empfinden. Wie soll ich das anstellen? Wie soll ich verhindern, dass immer wieder Bilder in mir aufsteigen? Von unserer Hochzeit, von der Geburt unseres Sohnes, gemeinsamen Urlauben, gemeinsam durchlebten „guten und schlechten“ Tagen. Also habe ich diese private Katastrophe, den Terroranschlag auf meine Seele, eingeordnet in meiner Biographie. Oktober 2013. Ein Freitag. Es war nicht der dreizehnte, aber es hat sich so angefühlt. Der private Tsunami meines Lebens ist über mich hereingestürzt und seither werde ich immer wieder weggespült, aus der Bahn geworfen. Die Welle kommt und kommt, immer wieder. Kaum habe ich ein bisschen Boden unter den Füßen haut sie mich wieder um. Es ist nicht nur mein Schmerz, den ich fühle, ich fühle auch den Schmerz meines Kindes. Und dessen geballte Wut auf diese neue Situation mit den getrennten Eltern trifft mich mit voller Wucht, jeden Tag. Manche Tage sind stumm, da lauert die Katastrophe nur hinter den Türen, an anderen Tagen da zeigt sie sich, bläst sich auf und zielt mit ihren Waffen auf uns. Die Ohnmacht, die ich spüre, raubt mir manchmal den Atem, ich versuche Luft zu holen, mich zu befreien, aber es gelingt mir nicht. Fünf Tage bis Weihnachten. Die Katastrophe strebt auf einen neuen Höhepunkt zu. Ich spüre, wie sich die Welle aufbaut. Sie wird uns verschlingen.