Aus-Zeit

Ich hatte erwartet, dass ich während der Corona-Auszeit mehr Zeit zum Schreiben haben würde. Wie sich nach mittlerweile sieben Wochen Einschränkungen herausgestellt hat, trifft das nicht zu. Im Gegenteil. Ich arbeite mehr als vor Corona, nur ohne irgendwelche  Ergebnisse. Der existenzielle Druck für mich als Selbständige hat dazu geführt, dass ich wie getrieben gefühlt 24/7 am Arbeiten bin. Jetzt mache ich Videokonferenzen, anfangs war es seltsam, mittlerweile habe ich mich auch daran gewöhnt. Ich fühle mich wie in einer Blase, das Haus zu verlassen erweckt in mir schon Widerstände. Ich schwanke zwischen Resignation und Wut, wobei sich die Wut mal hierhin mal dorthin richtet, einen konkreten Adressaten gibt es ja nicht, das Virus hat nunmal keine Adresse. Manche meiner Freunde hängen Verschwörungstheorien an und schütten mich mit irgendwelchen Youtube-Vidos zu, die ich ungesehen lösche. Ich entziehe mich weitestgehend den Mitteilungen der Presse und weiß nicht mehr, wem ich glauben soll. Wenn ich einkaufen gehen muss, habe ich das Gefühl, ich ersticke unter der Maske. Ich weiche genervt alle paar Meter irgendjemandem aus, fahre mit meinem Einkaufswagen zick-zack durch die Gänge des Supermarkts und kaufe viel zu viel, nur um zu verhindern, dass ich demnächst wieder einkaufen gehen muss. Eine meiner jungen Bekannten geht jetzt immer demonstrieren, jeden Mittwochnachmittag, vielleicht hilft das ja gegen die Wut, aber dazu müsste ich das Haus verlassen und das will ich nicht. Meine Mutter habe ich gestern nach neun Wochen wieder gesehen, zwischen uns einen Tisch, die Maske auf der Nase und das, was so nötig gewesen wäre, eine Umarmung, war nicht erlaubt. Es ist so lächerlich, denn die ganzen Pflegekräfte gehen ja auch jeden Tag wieder raus aus dem Heim, gehen einkaufen, zu ihren Familien nach Hause und dürfen meiner Mum näher kommen als ich. Aber ich nehme auch das hin, bin wieder so unsagbar wütend und streite mich mit meiner Schwester weil ich alles so sinnlos finde. Ich überlege, mich von meiner Familie loszusagen und völlig in die innere und äußere Isolation zu gehen. Der Unterschied wäre vermutlich marginal.Wenn ich es nicht mehr aushalte, so wie gestern nach dem Besuch im Pflegeheim, gehe ich laufen. Wenn mir jemand begegnet, wechsle ich die Straßenseite und grüße demonstrativ nicht. Ich bin dabei, mich zu einem echten Kotzbrocken zu entwickeln, es gibt nicht mehr viele Menschen, deren Gegenwart mich nicht anstrengt oder nervt. Ist das das Ergebnis der Entwöhnung von sozialen Kontakten? Sowas wie Entzugserscheinungen? Das ist die einzige Erklärung, die ich für meinen Zustand habe. Es ist sehr anstrengend, die Leichtigkeit meines früheren Seins jeden Tag wiederherzustellen, immer wieder gelingt es mir einfach nicht. Gestern war ein Freundin bei mir, die ich kenne seit der fünften Klasse. Wir sind uns so nahe, mit ihr ist alles einfach und diese paar Stunden waren wunderbar. Es war eine Art von Normalität, die hier bei mir zuhause möglich ist, aber nicht mehr sobald ich das Haus verlasse . Ich halte mich an alle Regeln, ich bin ja generell linientreuer als ein Volkspolizist, ich parke nicht einmal falsch. Aber es wird von Woche zu Woche anstrengender und manchmal erkenne ich mich selbst nicht wieder. Im Kopf schreibe ich meine Texte, die es dann aber nie auf das Papier schaffen, oder ich spreche mir selbst Nachrichten auf das Diktiergerät im Handy. Das hier ist der erste Post seit Wochen, weil es heute so schlimm ist, dass ich mir diese Auszeit gönnen musste.

Ich weiß ja nicht, wie es Euch da draußen so geht, ob ich die Einzige bin, die so eine Erfahrung mit sich selber macht. Dieser kleine Post hat mir jedenfalls gut getan, ich habe kapiert, dass ich was ändern muss, Existenzangst hin oder her. Wenn ich so weitermache, hilft das niemandem . Es ist völlig klar, ich muss mir wieder meine Auszeiten nehmen. Mal sehen, wie ich diesen Vorsatz umsetze.

9 Gedanken zu „Aus-Zeit

  1. Mit der Maskenpflicht ließen die Mitmenschen die Masken fallen. Dahinter blicke ich in tiefstes Mittelalter, nur die Fassaden sind bunter. Je weniger die Menschen Abstand zu mir halten, desto mehr werde ich auch in der Nach-Corona-Zeit Abstand zu ihnen halten. Söder hat (einmal) Recht: dieser Virus ist ein Charaktertest, und zu viele fallen durch. Unsere Poltiker hatten aber bereits ihre Charaktertests „9/11“, „Jugoslawien“, „Finanzkrise“, „Flüchtlingskrise“ und „Hartz-IV“ nicht bestanden. So wundert es nicht, wie die Menschen sich heute verhalten. Es gibt keine Vorbilder, an denen man sich ausrichten kann. Dein Blog-Beitrag spricht mir aus der Seele. Liebe Grüße, Bernd

    Liken

  2. Wäre ich in deiner Situation (Mutter im Pflegeheim), ich würde explodieren. Schon so ist es unerträglich. Vor einer Woche habe ich beschlossen, dass es den Virus für mich nicht mehr gibt. Jedenfalls nicht mehr in meinem Kopf. Schluss, aus, basta! Seither geht es mir besser. Ich sehe Menschen, die sich nicht um die Regeln kümmern, schaue Jungen zu, die sich eine Cola teilen, jungen Leuten, die zusammenhocken und rauchen. Ich unterhalte mich mit Wildfremden. Das tut mir gut. So überwinde ich das Gefühl, durch eine Glaswand von der Welt getrennt zu sein. Seither kann ich auch wieder normal denken. Die Aggression ist weg. Liebe Grüße!

    Gefällt 1 Person

    • oh wie gut ich dich verstehe! Auch heute habe ich wieder in mich reingespürt und bin zum gleichen Ergebnis gekommen. Die Entwöhnung von normalen menschlichen Kontakten macht aggressic. Gesichter nicht zu sehen, keine Mimik mehr zu sehen, das macht den Gegenüber nicht mehr einschätzbar,. Wenn ein Ende in Sicht wäre, wäre es vielleicht erträglicher. Aber es ist ja nicht absehbar, wann und ob wir jemals wieder ein Leben haben wie vor Corona.

      Gefällt 1 Person

  3. Was die Frage, wem man glauben soll, angeht: Es gab mal eine Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach, bei der 61 % der Befragten der Aussage „Auf das Urteil von Experten gebe ich allgemein nicht viel. Diese sogenannten Experten sind meist nicht unabhängig. deshalb kann man sich auf ihr Urteil nicht verlassen.“ zugestimmt haben.

    Ich persönlich finde das ja bedenklich.

    In Konsequenz würde das nämlich bedeuten, dass diese 61 % Prozent sich für Universalgelehrte hielten, die die Meinung eines Experten oder einer Expertin selbst ganz gut einordnen können.

    Aber wohl kaum jemand würde die Meinung des eigenen Hausarztes, Anwaltes oder Steuerberaters anzweifeln – außer vielleicht Uli Hoeneß -, und sich sagen: „Och, ich mach mal wie ich denke – und ich bin eben der Meinung, keine Umsatzsteuervoranmeldung abgeben zu müssen. Punkt.“

    Wenn man sich also die Frage stellt, wem man glauben soll, lautet die einzig sinnvolle Antwort: Sicherlich nicht den Youtube-Video-Verschickern. Sicherlich nicht den Demonstrationsteilnehmern. Sicherlich nicht denen, die sich in einer Diktatur wähnen, ohne zu wissen, was das wirklich ist.

    Stattdessen tatsächlich lieber den Fachleuten, meinetwegen denen vom RKI. Sicherlich werden die bezahlt und sind insofern nicht „unabhängig“, aber sie werden dafür bezahlt, ihren Job zu machen, nicht dafür, Unfug zu verbreiten.

    Und was die Pflegekräfte angeht, so hinkt der Vergleich meines Erachtens. Vor dem Hintergrund, dass die Pflegekräfte sicherlich Interesse am wirtschaftlichen Fortbestand ihres Betriebes haben, kann man nur hoffen, dass sich sich eben auch verantwortungsbewusst verhalten, indem sie das Haus so wenig wie möglich verlassen, um keine Gefahrenquelle für die Menschen darzustellen, um die sie sich kümmern.

    Demgegenüber kann eine entsprechende Einrichtung aber eben weder einschätzen, noch garantieren, dass sich die Besucher ihrer Einrichtungen auch so verwantwortungsbewusst verhalten. Und bevor man sich – auch juristisch, nehme ich an – angreifbar macht, setzt man die Bestimmungen lieber rigoros durch.

    Und, abschließend, was die Leichtigkeit des Seins angeht, so kann ich das vollumfänglich verstehen, meine ist nämlich auch verschwunden. Ich hoffe aber, bzw. bin ich mir dessen sicher, dass es sich dabei um etwas Kurzfristiges handelt und sich bald wieder die Erkenntnis: „Hilft ja nix!“ durchsetzt.

    Gefällt 4 Personen

    • Hilft ja nix ist mein täglich Brot 🙂 denn ich bin ja kein Einzelschicksal. Ich beobachte mich wahrscheinlich zu viel, da ich viel mehr ohne Menschen um mich herum bin, als vor Corona. Am Anfang war ich immer die, die gute Laune verbreitet hat und die anderen motiviert hat. Aber ich merke, dass jetzt die Luft raus ist. Ich bin völlig erledigt. Und ja, ich verstehe die Chefs der Pflegeheime, ich wollte nicht in dieser Verantwortung stehen. Vom Verstand her ist mir das alles klar, aber ich merke immer wieder, dass die Ohnmacht gegen diese Zustände eine irrationale Wut erzeugt, eine Wut, die ebenso irrational ist wie die temporäre Existenzangst.
      Ich bin gern alleine und ich bin gern unter Menschen, in normalen Zeiten kann ich das selber dosieren. Jetzt nicht. Hätte nicht gedacht, dass mich das so anstrengt. Aber insoweit ist das auch eine Zeit des Selbst-Erkennens.

      Gefällt 3 Personen

      • Ich hatte das Glück, auch vor Corona schon immer recht gut alleine klarzukommen. Wie unser Azubi – allerdings über sich selbst – so schön sagte: „Wenn man merkt, dass der Lebensstil, den man jahrelang geführt hat, plötzlich Quarantäne genannt wird …“ 😉

        Ich denke auch, dass der Punkt, dass man nicht mal könnte, wenn man wollte, weil man nicht dürfte, sehr dazu beiträgt. dass einem irgendwann der mentale Sprit ausgeht, insofern verstehe ich das sehr gut. Auch dass dann aus dem Gefühl der Ohnmacht eine Wut entsteht. Aber anstatt dieser Wut nachzugeben, auf der Straße Transparente hochzuhalten und Unsinn zu erzählen, würde ich doch tausendmal lieber im Kühlhaus auf Schweinehälften einprügeln oder meinetwegen bis zur totalen Erschöpfung joggen, denn wie schon Yoda wusste: „Furcht ist der Pfad zur dunklen Seite. Furcht führt zu Wut, Wut führt zu Hass, Hass führt zu unsäglichem Leid.“

        Warum zitiere ich eigentlich „Star Wars“ …? Ach, egal … 🙂

        Gefällt 3 Personen

Ich liebe Kommentare! Nur zu!Mit der Nutzung der Kommentarfunktion erklärst du dich mit der Verarbeitung deiner Daten durch diese Webseite bzw. WordPress (Wordpress.com, Gravatar, Akismet) einverstanden. Weitere Informationen findest du in meiner Datenschutzerklärung.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s