Rosas Reise geht weiter

Es ist an der Zeit, euch mal wieder etwas von Rosa zu erzählen. Es ist einiges entstanden und. hurra, das Ende der Geschichte ist gefunden. Immerhin. Noch nicht geschrieben zwar, aber drei Jahre Hirnschmalz haben dann doch endlich zu einem Ergebnis geführt, mit dem ich leben kann.

Ich habe auch entschieden, dass ich Rosas Kindheit und Jugendzeit noch etwas mehr „Stoff“ geben werde, denn das ist die Zeit ihres Lebens, die mich sehr berührt. Für die, die die ersten Teile nicht kennen, es sind ein paar Seiten hier auf dem blog zu finden unter dem Stichwort „Rosa“. Nicht alles wurde so verwendet oder verwertet wie es mal geschrieben wurde. Der Text befindet sich in einer permanenten Metamorphose. Manchmal muss ich etwas ruhen lassen und warte Monate, bis ich es wieder in die Hand nehme, überrpüfe meine eigene Reaktion darauf, verwende manchmal dann nur noch eine Metapher, die mir besonders gut gefällt, einen Satz, den Teil eines Dialogs.  So ist auch der folgende Auszug sicher noch nicht ganz fertig 🙂

Es war eine überstürzte Hochzeit, die Braut in schwarz, der Bräutigam in Uniform, feldgrau.

„Du ziehst zu uns“, entschied Albert nach der Trauung und nahm Elses Hände.

„Du bist jetzt ein Teil der Familie und bekommst Wilhelms Kind.“

Schweigend standen sie vor der Kirche in der Spätsommersonne auf einem Teppich aus unausgesprochenen Gebeten, Verzweiflung und erahnten Katastrophen. Wie ein unsichtbares Band wob die Angst alle zusammen.

„Danke Vater“ Wilhelm lächelte und Rosa sah ihn an und würde später immer dieses Bild in Erinnerung haben, wenn sie an Wilhelm dachte. Seine dunklen Haare, jetzt kurzgeschoren, seine starken Arme, das hellrote Zahnfleisch, die weißen Zähne, die strahlenden grünen Augen.

Else zog in das große Bauernhaus ein und Wilhelm reiste mit seinen Brüdern an die Front.

Die erste Feldpost kam von einer Stellung an der Marne und war datiert am 31. August 1914.

Liebe Mutter, lieber Vater, wir liegen an der Marne in Stellung und erwarten täglich den Beginn der Schlacht. Es geht mir gut und mit Gottes Hilfe werde ich bald zu euch zurückkehren. Habt meine Else recht lieb, bis ich wieder in der Heimat bin.  Euer Sohn Wilhelm

Wilhelm war in der 4. Armee, die von Herzog Albrecht von Württemberg befehligt wurde. Der Held von Neufchateau führte diese Truppe, die nur aus kurz ausgebildeten und schlecht ausgestatteten Reservisten bestand in die Schlacht von Marne. Sieben grausame Tage folgten und Wilhelm zog dann mit dem Rest der 4. Armee weiter Richtung Flandern, während ein Teil der Truppen beider Seiten zurückblieb, doch niemand rechnete zu diesem Zeitpunkt damit, dass sie in einem jahrelangen Stellungskrieg gefangen sein würden der hunderttausende Soldaten das Leben kosten würde.

Im Dorf gab es keinen Jubel und kein Hurrageschrei, denn der Krieg griff hier nach denen, die man zum Überleben der Familie dringend brauchte, den Vätern und den Söhnen. Immer wenn der Büttel die neuen Gefallenenlisten aufhängte, die schlimme Nachrichten schneller ins Dorf brachten als die Feldpost, gingen Rosa und Else Hand in Hand zum Rathaus und fielen sich in die Arme wenn sie Wilhelms Namen nicht auf der Liste fanden.

Der Herbst war über das Land gezogen und hatte die Hügel rund um das Dorf in rot und gelb und braun getaucht. Am Morgen hing Nebel über den Wiesen und silberne, von Tau benetzte Spinnenfäden zogen sich durch den Garten. Die ersten kalten Tage kamen früh im Oktober, Rosa bereitete sich mit ihren Klassenkameraden auf die Konfirmation vor und träumte schon von der Zeit, wenn sie die Schule verlassen würde und vielleicht auch die Enge des Dorfs. Von Wilhelm war schon lange keine Nachricht mehr gekommen und so studierte Rosa die Zeitung, die der Vater jeden Tag bekam und suchte die Orte mit den fremden Namen auf der Landkarte in der Schule.

Marne, Ypern, Langemarck. Irgendwo dort war Wilhelm. Nachts sah sie mit Else in den Himmel und sie fragten sich, ob Wilhelm dieselben Sterne sah, dort wo er war. Dann kam der November und brachte den ersten Schnee. Mina war jetzt schon fast achtzig Jahre alt aber es gab keine andere Hebamme im Dorf. Und so würde sie auch dem Kind von Wilhelm auf die Welt helfen, den sie vor mehr als fünfundzwanzig Jahren Barbara nach der Geburt in die Arme gelegt hatte. Laut Minas Prognose würde das Kind nicht vor Ende März zur Welt kommen. Rosa schrieb ihrem Bruder: „Geliebter Wilhelm, unserer Else geht es gut und dem Kinde auch. Die Mina sagt es kommt wohl erst im März. Das ist gut weil dann der Schnee getaut ist und die Kälte nicht mehr so groß. Mutter und Else haben sich aneinander gewöhnt, und Else hilft der Mutter wo sie kann. Kannst du nicht zu Weihnachten nach Hause kommen? Das Weihnachtsfest ohne dich ist kein richtiges Fest und die Else musst du auch einmal mit ihrem dicken Bauch sehen. Sie wird immer runder! Ich hoffe sehr dass wir dich bald wiedersehen, deine dich liebende Schwester Rosa“ Sie brachte ihren Brief Else, die dein eigenen und den Brief von Rosa in ein Kuvert steckte und mit der Post aufgab. Beide hofften und beteten sie, dass Wilhelm an Weihnachten Heimaturlaub bekommen würde.

Die erste Flandernschlacht dauerte vom  zwanzigsten Oktober bis zum neunzehnten November 1914.  Die neuen Listen kamen fast täglich und immer war Rosa an Elses Seite vor dem Kasten am Rathaus. Sie standen den Frauen bei, die Ehemann, Sohn oder Bruder verloren hatten und schämten sich fast, dass sie verschont geblieben waren. Schon über zwanzig Männer aus dem Dorf waren gefallen, es gab kaum eine Familie, die keinen Toten zu beklagen hatte Jedes Mal dasselbe Bild, Rosa, die mit hastigem Blick die Namen überfliegt, ihr Finger, der suchend die Liste entlangwandert, bis er an diesem Tag im November auf Wilhelms Namen stehenblieb. Sie erstarrte und konnte  ihren Finger nicht lösen von dieser Ansammlung falscher Buchstaben. Else neben ihr, die aufschrie, zusammenbrach. Hände, die sie wegzerrten von dem Kasten und ihr rechter Zeigefinger, der ausgestreckt blieb, wie ein Mahnmal. Wilhelm, ihr schöner Bruder, zerschossen in irgendeinem Schützengraben.

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