Mittsommer

Sie liegen überall herum, meine Kladden. In unterschiedlichen Formaten, Farben, Papieren. Mehr oder weniger vollgeschrieben enthalten sie tagebuchartige Einträge, angefangene Gedichte, Fragmente von Geschichten, Schreibübungen, Kartendeutungen oder numerologische Auswertungen. Ich trage sie in Handtaschen mit mir herum, sie liegen zwischen dem Strickzeug oder stehen im Bücherregal. Geben Zeugnis von einem Leben, das vermutlich reichlich unorganisiert wirkt, dominiert von zahlreichen Liebesaffairen, die zum größten Teil nur auf dem Papier existierten, in meinem Kopf, in meiner Fantasie und in meinem mehrfach gebrochenen und wieder zusammengeflickten Herzen. Manchmal stelle ich mir vor, wer wohl nach meinem Ableben  diese Ergüsse zu entziffern versuchen wird. Vermutlich niemand. Sie werden, so hoffe ich, ungelesen im Müll versenkt. Was nicht in säuberlicher Druckschrift im Laptop abgespeichert wird, taugt nichts. Die nachfolgenden Generationen werden vielleicht die Handschrift gar nicht mehr beherrschen, wer weiß.

Manchmal finde ich eine längst vergessene Aufzeichnung und staune über das, was ich da lese. tauche ein in mein eigenes früheres Leben wie Harry Potter in Dumbledores Denkarium.

Jetzt zirpen die Grillen um mich herum, an einem schwülen Juniabend der langsam der Nacht entgegen dämmert und das schwindende Licht lässt die Buchstaben vor meinen Augen verschwimmen.

Die Sonnwende ist vollzogen, die Tage werden wieder kürzer, der Sommer hat gerade erst begonnen und schon wird seine Trauerfeier vorbereitet. Ein paar Wochen noch werden wir der Illusion erliegen können, die Tage wären endlos und das Leben ein einziger Sommernachtstraum. Doch die Zeit schreitet unerbittlich voran, wie ein treuer Soldat, und treibt das siebzehnte Jahr dieses noch so jungen Milleniums seinem Ende entgegen.

Der Mann, den ich liebe, sagt: „das Buch ist geschrieben“, und ich finde das tröstlich und erschreckend zugleich. Letztlich löst dieses Gedankengebilde aber doch nur eines in mir aus: Stürz dich ins Leben! Lebe! Jetzt! In diesem Moment, an diesem Abend im Juni, im schwindenden Licht dieses Tages.

KW 13.2017 Alles wird gut – wird alles gut?

uiuiui…Bernd von red skies over paradise hat uns ja was eingebrockt diese Woche….die 3 Wörter waren herausfordernd. Aber was ein echter Etüdenfan ist, gibt so schnell nicht auf.Und irgendwie wollte ich ja auch die Geschichte von letzter Woche weiterspinnen – doppelte Herausforderung. Drei Worte, zehn Sätze und die Idee, daraus eine Geschichte zu bauen. Alles, was Ihr dazu wissen müsst, findet ihr bei Christiane, die freundlicherweise die Etüden als Host begleitet. Unermüdlich in seinem Schaffen schenkt uns Ludwig Zeidler die Grafiken zu den Wortspenden!

Hier die Etüde dieser Woche (und wer mag kann die letzte Etüde noch davor lesen, diese ist quasi auch die Fortsetzung….)

Alles wird gut – wird alles gut?

Das sizilianische Kaff lag in der Mittagshitze wie eine träge Raubkatze, die Fenster verschlossen, die Schlitze der Jalousien wie gesenkte Lider, schlafend aber wachsam und immer bereit zuzuschlagen, ich war auf der Hut.

Als der dicke Salvatore mit aufgeschlitzter Kehle von seinem Stuhl rutschte hörte ich einen Schrei – den Schrei einer Frau – ich drehte mich auf dem Absatz um, spähte durch den schlecht beleuchteten Raum und entdeckte sie hinter einem der vollgestopften Regale.

Sie lugte zwischen Kartons hindurch, ich sah nur kastanienbraunes Haar und weit aufgerissene Augen, die mich entsetzt beobachteten, als ich auf sie zuging.

Ich vermutete, sie erwartete, dass ich einer von den ganz bösen Jungs war, die vergewaltigen, brandschatzen und morden und sie jetzt mein nächstes Opfer sein würde.

Wir werden jetzt gemeinsam hier raus gehen und verschwinden,“ ich nahm sie am Arm und zog sie mit mir zur Tür, drehte mich noch einmal um und rief demonstrativ „Ciao Salva!“ in den Raum, zog die Tür hinter uns zu, öffnete die Beifahrertür meines Transporters und schob sie ins Auto.

Sie war nicht nur hübsch sondern auch vernünftig, denn sie schrie nicht und redete kein Wort, sie starrte mich nur völlig unverfroren an und ich wünschte mir, sie in den hermetisch abgeriegelten Laderaum meines Transporters verbannen zu können um ihren Blicken zu entgehen.

Ich hatte nicht viel Zeit, ich würde die Hilfe der Fremden brauchen können, wenn ich Gina retten wollte, deshalb entschied ich mich, sie mit der Wahrheit zu konfrontieren.

Wir müssen in die Sicani Berge, zu Salvatores Hütte, hat mir gesagt, er hätte sie eingemauert hinter dem Keller, der Irre, wir werden wohl einen Kellerdurchbruch machen müssen, dieses Schwein, nur weil sie ihn nicht wollte, meine schöne Schwester und dieser fette Frosch, ein Perverser, unvorstellbar, hoffentlich komme ich noch rechtzeitig – “ ich redete ohne Punkt und Komma auf sie ein, gestikulierte wild herum und plötzlich sprach sie:

Pardon Monsieur, je ne comprends rien – I don´t understand anything – non capisce ….“

Eine Touristin – was war ich nur für ein ausgemachter Trottel.

 

abc Etüden Woche 22-2017 Beurteilen Sie das Buch nie nach dem Umschlag!

Es ist mir nicht mehr möglich, mich der Verführung zu entziehen, egal wie angefüllt mit Arbeit die Woche auch ist, es findet sich ein Zeitfenster für die abc etüden. Bei Christiane findet ihr alles WIssenswerte, kurz zusamengefasst 3 Wörter und 10 Sätze ergeben eine Kürzest-geschichte. Ins Leben gerufen von Ludwig Zeidler, der mit seinen wunderschönen Grafiken Woche um Woche das Projekt bebildert.

Hier meine Etüde mit den Worten der Woche:

Kramladen

verlustieren

Angst

 

Beurteilen Sie das Buch nie nach dem Umschlag!

Sanne fühlte sich schon immer vom Abgründigen, Dunklen angezogen.

In dem kleinen Kramladen waren auf staubigen Regalböden aus kieselgrauem Resopal Dosensuppen und Hundefutter gestapelt, Garnrollen mit festem schwarzen Zwirn, Nähnadeln, angestaubte Verpackungen von Glühbirnen – alles lagerte scheinbar planlos in dem stickigen Raum, die Leuchtröhre über ihr flackerte immer wieder.

Zuerst hörte sie nur seine Stimme, weich, warm und tief, wie das entspannte Schnurren einer großen Katze, sie drehte sich wie elektrisiert um und spähte zwischen Mehltüten und einem originalverpacken „Starmix“ aus den siebziger Jahren,  zur Kasse, wo er, ihr den Rücken zuwendend, mit dem Besitzer des Ladens verhandelte, der wie ein dicker träger Frosch hinter der Kasse saß und den Fremden aus großen basedowschen Augen musterte.

Sie sah schwarze Haare, die im Nacken zu einem Zopf zusammengebunden waren, breite Schultern in einem verwaschenen, meerblauen T-Shirt, muskulöse braungebrannte Arme und einen vermutlich perfekten Hintern in der lässigen Jeans.

Sanne verstand nicht, worum es in dem Gespräch ging, doch das war unwichtig denn sie folgte nur  dem Klang dieser Stimme, schloss für einen Moment die Augen und stellte sich vor, wie sie sich mit diesem Mann am Strand verlustieren könnte.

Einem inneren Impuls folgend blieb sie dennoch  hinter dem Regal stehen, beobachtete die Szene schweigend mit angehaltenem Atem und wartete auf den Moment, da er sich umdrehen und sie sein Gesicht sehen würde.

Dann veränderte sich der Ton zwischen den beiden Männern, sie wurden lauter, schrien sich an, das hohe gequetschte Keifen des Froschs und das tiefe drohende Brummen des Fremden verkeilten sich in der Luft, der Dicke sprang auf und wollte durch die Tür hinter der Kasse ins Hinterzimmer flüchten, Stahl blitzte auf und Sanne sah entsetzt, wie Blut in einer breiten Fontäne aus dem kurzen Hals des dicken Mannes gepumpt wurde.

Sie schrie auf und hielt sich im selben Augenblick die Hand vor den Mund, doch es war zu spät, der Fremde drehte sich um, sein Blick tastete sich durch den Raum und ihre Augen trafen sich.

Sanne erstarrte vor Angst und war unfähig, den Befehlen ihres Gehirns zu folgen, sich umzudrehen, die rettende Tür nach draußen in die Sonne zu öffnen und zu verschwinden.

Als er vor ihr stand, dachte sie, sein Gesicht ist noch schöner als ich es erwartet hatte.