Das Drama in mir

Ha, was für eine Überschrift! Großartig dramatisch! Um euch zu erklären, wie ich dazu gekommen bin, muss ich einen meiner Gedanken von heute nacht nachvollziehen.

Meine geschätzte Bloggerfreundin Christiane von www.https://365tageasatzaday.wordpress.com/

schenkt uns auf ihrem lesenswerten blog immer wieder (mir) unbekannte Gedichte, die sie zudem meistens mit eigenen Fotos illustriert. Ich habe mich, und jetzt auch sie, gefragt, wo sie diese Schätze denn ausgräbt? Sie habe als Kind viele Gedichte gelesen, an die sie sich erinnere, schrieb sie. Manchmal auch nur eine Zeile, die dann zur Suche nach dem Gedicht dient. Nun, ich habe als Kind auch gerne und viele Gedichte gelesen. Angefangen hat alles mit einem Buch, das mir mein Pate irgendwann während meiner Grundschulzeit geschenkt hat. Gedichte von Joseph Guggenmoos. Wer kennt sie nicht, die Maus:

was denkt die Maus am Donnerstag …..Aus rechtlichen Gründen kann ich das Gedicht nicht hier einfügen, aber hier der link zu Joseph Guggenmoss Seite.

http://www.josef-guggenmos.com/was-denkt-die-maus-am-donnerstag

Ich habe sie geliebt, seine Gedichte. Von der Giraffe, die Autos zwischen ihren langen Beinen durchfahren lässt. Von den Schnirkelschnecken, von der Katetze, die ein „E“ zuviel hat, von der „unberachenberen Schreibmischane“.

Wer noch kleinere Kinder in der Familie hat, dem lege ich Josph Guggenmoos sehr ans Herz!

Von Joseph Guggenmoos ging es ohne Umwege direkt hinein ins Drama. Weg mit den kindlichen Bilderwelten, her mit Mord und Totschlag. Ich fing an die deutschen Balladen zu verschlingen. Schillers Glocke war allerdings eine, die mir eindeutig zu lang und nicht spektakulär genug war. Drama, Baby, Drama! Als Chrisitiane mir schrieb, sie habe, als Kind viele Gedichte gelesen, stieg die Erinnerung an alle meine Lieblinge wieder in mir auf. Ich lernte sie damals auswendig, stellte mich auf einen Hocker oder Stuhl und deklamierte sie mit aller Hingabe, zu der ich fähig war. Manchmal fing ich vorl lauter Inbrunst an zu weinen, wenn es besonders traurig oder dramatisch war. Zum Beispiel an der Stelle, wenn der grausame König in „Des Sängers Fluch“ von Ludwig Uhland den jungen Sänger ermordet. Meine Liebe zum Drama war geboren. Weg mit heiler Welt, gebt meinem Kopfkino Futter, ihr Dichter! Auf meiner persönlichen „Longtime-best-of-list“ steht jedoch nach wie vor folgendes Gedicht, das ich euch hier in ganzer Länge präsentiere:

Der Ring des Polykrates

von Friedrich von Schiller

Er stand auf seines Daches Zinnen,
Er schaute mit vergnügten Sinnen
Auf das beherrschte Samos hin.
„Dies alles ist mir unterthänig,“
Begann er zu Ägyptens König,
„Gestehe, daß ich glücklich bin.“ -„Du hast der Götter Gunst erfahren!
Die vormals deines Gleichen waren,
Sie zwingt jetzt deines Scepters Macht.
Doch Einer lebt noch, sich zu rächen;
Dich kann mein Mund nicht glücklich sprechen,
So lang des Feindes Auge wacht.“ -Und eh der König noch geendet,
Da stellt sich, von Milet gesandt,
Ein Bote dem Tyrannen dar:
„Laß, Herr, des Opfers Düfte steigen,
Und mit des Lorbeers muntern Zweigen
Bekränze dir dein festlich Haar!

„Getroffen sank dein Feind vom Speere,
Mich sendet mit der frohen Märe
Dein treuer Feldherr Polydor -“
Und nimmt aus einem schwarzen Becken,
Noch blutig, zu der Beiden Schrecken,
Ein wohlbekanntes Haupt empor.

Der König tritt zurück mit Grauen.
„Doch warn‘ ich dich, dem Glück zu trauen,“
Versetzt er mit besorgtem Blick.
„Bedenk‘, auf ungetreuen Wellen –
Wie leicht kann sie der Sturm zerschellen –
Schwimmt deiner Flotte zweifelnd Glück.“

Und eh er noch das Wort gesprochen,
Hat ihn der Jubel unterbrochen,
Der von der Rhede jauchzend schallt.
Mit fremden Schätzen reich beladen,
Kehrt zu den heimischen Gestaden
Der Schiffe mastenreicher Wald.

Der königliche Gast erstaunet:
„Dein Glück ist heute gut gelaunet,
Doch fürchte seinen Unbestand.
Der Kreter waffenkund’ge Schaaren
Bedräuen dich mit Kriegsgefahren;
Schon nahe sind sie diesem Strand.“

Und eh ihm noch das Wort entfallen,
Da sieht man’s von den Schiffen wallen,
Und tausend Stimmen rufen: „Sieg!
Von Feindesnoth sind wir befreiet,
Die Kreter hat der Sturm zerstreuet,
Vorbei, geendet ist der Krieg!“

Das hört der Gastfreund mit Entsetzen.
„Fürwahr, ich muß dich glücklich schätzen!
Doch,“ spricht er, „zittr‘ ich für dein Heil.
Mir grauet vor der Götter Neide;
Des Lebens ungemischte Freude
Ward keinem Irdischen zu Theil.

„Auch mir ist alles wohl gerathen,
Bei allen meinen Herrscherthaten
Begleitet mich des Himmels Huld;
Doch hatt‘ ich einen theuren Erben,
Den nahm mir Gott, ich sah in sterben,
Dem Glück bezahlt‘ ich meine Schuld.

„Drum, willst du dich vor Leid bewahren,
So flehe zu den Unsichtbaren,
Daß sie zum Glück den Schmerz verleihn.
Noch Keinen sah ich fröhlich enden,
Auf den mit immer vollen Händen
Die Götter ihre Gaben streun.

„Und wenn’s die Götter nicht gewähren,
So acht‘ auf eines Freundes Lehren
Und rufe selbst das Unglück her;
Und was von allen deinen Schätzen
Dein Herz am höchsten mag ergötzen,
Das nimm und wirf’s in dieses Meer!“

Und Jener spricht, von Furcht beweget:
„Von Allem, was die Insel heget,
Ist dieser Ring mein höchstes Gut.
Ihn will ich den Erinen weihen,
Ob sie mein Glück mir dann verzeihen,“
Und wirft das Kleinod in die Fluth.

Und bei des nächsten Morgens Lichte,
Da tritt mit fröhlichem Gesichte
Ein Fischer vor den Fürsten hin:
„Herr, diesen Fisch hab‘ ich gefangen,
Wie keiner noch ins Netz gegangen,
Dir zum Geschenke bring‘ ich ihn.“

Und als der Koch den Fisch zertheilet,
Kommt er bestürzt herbeigeeilet
Und ruft mit hocherstauntem Blick:
„Sieh, Herr, den Ring, den du getragen,
Ihn fand ich in des Fisches Magen,
O, ohne Grenzen ist dein Glück!“

Hier wendet sich der Gast mit Grausen:
„So kann ich hier nicht ferner hausen,
Mein Freund kannst du nicht weiter sein.
Die Götter wollen dein Verderben;
Fort eil‘ ich, nicht mit dir zu sterben.“
Und sprach’s und schiffte schnell sich ein.

Ich wünsche euch einen erträglich kalten Sonntag – trotz meiner angeborenen Liebe zum Drama mit möglichst wenig davon!

2 Gedanken zu „Das Drama in mir

  1. Hach, Balladen! Ja, das ist schon was Tolles, und man lernt was über Metrik und Rhythmus (nämlich, wie es sein muss), ohne sich mit Jamben und Trochäen und Hexametern herumzuärgern! Balladen hab ich auch geliebt, die Glocke dagegen gehasst, wie dir (vielleicht) stand sie mir für alles Bezopfte, Veraltete, was getrost weggeschmissen gehört. Was natürlich so auch nicht stimmt.
    Wir sollten mal den „Tag der Ballade“ oder die „Woche der Ballade“ auf unseren Blogs ausrufen!
    Anders als du mochte ich keine Gedichte aufsagen (introvertiert halt), und wenn man mich damit nervte „Sag mal ein Gedicht auf“, wehrte ich mich kreativ:
    „War einmal ein Bumerang.
    War ein weniges zu lang.
    Bumerang flog ein Stück
    aber kam nicht mehr zurück!
    Publikum noch stundenlang
    wartete auf Bumerang.“
    Das hatte den Vorteil, dass sich die Zuhörer erstmal fragten, ob das Gör sich gerade getraut hatte, sie zu verarschen. Ich hatte dann noch bisschen Morgenstern im Nachklapp („Dass nicht sein kann, was nicht sein darf“), und innerhalb der Familie zitierte ich den Tantenmörder ( https://365tageasatzaday.wordpress.com/2014/11/26/der-tantenmorder-mittwoch-26-november-2014/ ). Klappte hervorragend.
    Ein wunderbaren Abend dir bzw. einen guten Start in die neue Woche!
    Liebe Grüße
    Christiane

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