so kann´s gehen…

….die eigenen Geschichten bringen mich manchmal auf ganz andere Spuren. Irgendwie kam mir ja beim Schreiben der letzten Geschichte der Vers aus Schiller´s „Der Ring des Polykrates“ in den Sinn, den ich dann auch vorangestellt habe. Die glühende Begeisterung für die schwermütigen deutschen Balladen (je trauriger desto besser) waren ja meine eigene Passion  im Alter von neun bis etwa dreizehn Jahren. Ich habe die langen Gedichte mit Inbrunst gelesen und vorgetragen – und habe jetzt nach langer Zeit mal wieder das dicke Balladenbuch hervorgekramt. Ist irgendwie nicht mehr zeitgemäß, wer interessiert sich heute noch für die ellenlangen Gedichte von Schiller, Uhland, Fontane und Co?

Aber man kann sie bei Interesse alle googeln – und wer „Die jungen Dichter und Denker“ noch  nicht kennt, dem gebe ich hier eine Kostprobe. Das war mein „Trick“, um meinem Sohn seinerzeit die Balladen „näher zu bringen.“ Hat geklappt 🙂

 

John Maynard (Theodor Fontane)

John Maynard!
„Wer ist John Maynard?“
„John Maynard war unser Steuermann,
Aus hielt er, bis er das Ufer gewann,
Er hat uns gerettet, er trägt die Kron‘,
Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard!“

Die „Schwalbe“ fliegt über den Eriesee,
Gischt schäumt um den Bug wie Flocken von Schnee,
Von Detroit fliegt sie nach Buffalo –
Die Herzen aber sind frei und froh,
Und die Passagiere mit Kindern und Fraun
Im Dämmerlicht schon das Ufer schaun,
Und plaudernd an John Maynard heran
Tritt alles: „Wie weit noch, Steuermann?“
Der schaut nach vorn und schaut in die Rund‘:
„Noch dreißig Minuten … Halbe Stund‘.“

Alle Herzen sind froh, alle Herzen sind frei –
Da klingt’s aus dem Schiffsraum her wie Schrei,
„Feuer!“ war es, was da klang,
Ein Qualm aus Kajüt‘ und Luke drang,
Ein Qualm, dann Flammen lichterloh,
Und noch zwanzig Minuten bis Buffalo.

Und die Passagiere, buntgemengt,
Am Bugspriet stehn sie zusammengedrängt,
Am Bugspriet vorn ist noch Luft und Licht,
Am Steuer aber lagert sich’s dicht,
Und ein Jammern wird laut: „Wo sind wir, wo?“
Und noch fünfzehn Minuten bis Buffalo.

Der Zugwind wächst, doch die Qualmwolke steht,
Der Kapitän nach dem Steuer späht,
Er sieht nicht mehr seinen Steuermann,
Aber durchs Sprachrohr fragt er an:
„Noch da, John Maynard?“ – „Ja, Herr. Ich bin.“ –
„Auf den Strand. In die Brandung.“ – „Ich halte drauf hin.“
Und das Schiffsvolk jubelt: „Halt aus! Hallo!“
Und noch zehn Minuten bis Buffalo.

„Noch da, John Maynard?“ Und Antwort schallt’s
Mit ersterbender Stimme: „Ja, Herr, ich halt’s!“
Und in die Brandung, was Klippe, was Stein,
Jagt er die „Schwalbe“ mitten hinein;
Soll Rettung kommen, so kommt sie nur so.
Rettung: der Strand von Buffalo.

*

Das Schiff geborsten. Das Feuer verschwelt.
Gerettet alle. Nur einer fehlt!

*

Alle Glocken gehn; ihre Töne schwelln
Himmelan aus Kirchen und Kapelln,
Ein Klingen und Läuten, sonst schweigt die Stadt,
Ein Dienst nur, den sie heute hat:
Zehntausend folgen oder mehr,
Und kein Aug‘ im Zuge, das tränenleer.

Sie lassen den Sarg in Blumen hinab,
Mit Blumen schließen sie das Grab,
Und mit goldner Schrift in den Marmorstein
Schreibt die Stadt ihren Dankspruch ein:
„Hier ruht John Maynard. In Qualm und Brand
Hielt er das Steuer fest in der Hand,
Er hat uns gerettet, er trägt die Kron‘,
Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard.“

3 Gedanken zu „so kann´s gehen…

  1. Ich kannte John Maynard (ich hatte auch eine ausgeprägte Balladenphase, vielleicht bisschen später als du), aber nicht die Vertonung. Sagt auch was über mein Alter aus 😀
    Danke, gefällt mir.
    Liebe Grüße
    Christiane

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